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„Man muss die Feste feiern, wie sie fallen!“ Eine Grounded-Theory-Studie über ein (traditionelles) Konzept zum Erwerb von Alkoholkompetenz und Alkoholmündigkeit

Forschungsarbeit 2015 33 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. theoretischer Kontext
1.1. Forschungsrückblick
1.2. Erste Überlegungen / Mögliche Forschungsfragen
1.3. Forschungsfeld

2. methodisches Vorgehen
2.1. Grounded Theory
2.2. teilnehmende Beobachtung
2.3. offener Fragebogen

3. Theoriegenerierung und aktuelle Forschung
3.1. Erste Phase der Theoriegenerierung / Memos zur Kategorienbildung
3.2. Zweite Phase der Theoriegenerierung/ Auswertung der Fragebögen
3.2.1. Auswertung der Grunddaten
3.2.2. Das Kategoriensystem nach Auswertung der Fragebögen
3.2.3. Der Trinkanlass
3.2.4. Elternverhalten
3.2.5. Einstellung zu jugendlichem Alkoholkonsum
3.2.6. Reduzierung des Konsums im Erwachsenalter

4. gesellschaftliche und politische Hintergründe zur aktuellen Antialkoholkampagne

5. Diskussion und Ausblick

Literaturverzeichnis

1. theoretischer Kontext

1.1. Forschungsrückblick

Hurrelmann und Engel nahmen 1989 an, dass der Konsum von Drogen zur Bewältigung entwicklungs- und lebenslagenspezifischer Belastungen im Jugendalter beiträgt. Der Konsum legaler Drogen wurde auch im Jugendalter als gesellschaftlich relativ normal angesehen. Das Erlernen des Umgangs mit gesellschaftlich bereitgestellten Drogen galt als eigenständige Entwicklungsaufgabe im Jugendalter. Drogenkonsum war eine gesellschaftlich und kulturell verankerte Lebensweise, die zur Konflikt- und Belastungskompensation weitgehend akzeptiert wurde. Verstärkter und früh einsetzender Alkohol- und Tabakkonsum galt als Reaktion auf Schulschwierigkeiten und zu hohe Erwartungen an Entwicklungsaufgaben. Die Eltern, als Repräsentanten der Leistungsanforderungen an den Nachwuchs, blockierten durch zu hohe Erwartungen die Entwicklung eigenständiger Lebensentwürfe, was wiederum als Form des Protestes verstärkten und verfrühten Drogenkonsum verursachen konnte. Um soziale Anerkennung Gleichaltriger zu erhalten, wurde versucht, sozialen Stereotypen, die insbesondere durch Werbung suggeriert wurden, zu entsprechen. Drogenkonsum wuchs mit zunehmendem Alter im Gegensatz zu anderem jugendlichen Problemverhalten während der Jugendphase rapide an. Hurrelmann und Engel nannten das „Hineinwachsen“ in die Drogenkultur der Gesellschaft. Die Eltern und andere Erwachsene spielten bei diesem Prozess als Repräsentanten der Gesellschaft eine große Rolle. Ein großer Einflussfaktor waren aber auch die Gleichaltrigen. Sie bildeten das Publikum, bei dem der Drogenkonsum seine soziale Bedeutung gewann. Die aktive Teilnahme an diesem sozialen Geschehen förderte den vollen Einstieg in die Drogenkultur der Erwachsenengesellschaft (vgl. Engel/ Hurrelmann 1989, S. 157-159).

Engel und Hurrelmann teilten den Eltern und anderen Erwachsenen des sozialen Umfelds eines Jugendlichen eine hohe erzieherische und soziale Verantwortung bzgl. des erlernten Drogenkonsums zu. Wie die Erziehenden sich in Bezug auf den Konsum von Alkohol und Tabak verhalten sollten, konkretisierten sie dabei aber nicht. Wohl aber schoben sie ihnen quasi die Schuld in die Schuhe: Sie würden schlechtes Beispiel in Bezug auf Drogenkonsum geben und zu viel Leistungsdruck auf die Jugendlichen ausüben. Eine Studie zum Alkoholkonsum und Freizeitverhalten Jugendlicher in Osnabrück aus dem Jahr 1976 bestätigte diesen Vorwurf allerdings: Nur 22% der Befragten tätigten ihren ersten Alkoholkonsum ohne Erlaubnis der Eltern. Es wurde angenommen, dass der Erstkonsum überwiegend im Kreise der Familie stattfand und dass Trinken in der Familie durch Ermunterung „es den Erwachsenen gleich zu tun“ sozial verstärkt wurde. Erstmaliger Alkoholkonsum wurde in der Studie in der Altersgruppe der 10-12Jährigen als regelmäßiger Umstand festgestellt. Das erhärtete den Verdacht, dass die Familie wichtigste Vermittlerin der gesellschaftlichen Trinkkultur war (vgl. Wagner 1976, S.53-54). Wagner vertrat die damals sehr geläufige und mit den Ergebnissen seiner Studie und Engel/ Hurrelmanns Darstellungen des „schlechten Beispiels“ übereinstimmende Theorie der lerntheoretischen Ursache von Alkoholismus. Durch Modellerfahrungen imitiert der Jugendliche soziales Trinken, durch operantes oder instrumentelles Lernen verbindet er Alkohol mit stress- und konfliktlösenden Eigenschaften und durch Reizgeneralisierung lernt der Betroffene den Gebrauch der Droge auch unter immer geringeren Reizen einzusetzen.

Interessanterweise konnten in Studien der 70er und 80erJahren keine signifikanten Unterschiede des Alkoholkonsums unterschiedlicher Schichten festgestellt werden und auch Arbeitslosigkeit galt nicht als fördernder Faktor. Das könnte zusätzlich auf die gesamtgesellschaftlich weit verbreitete Akzeptanz von Alkohol in dieser Zeit hinweisen (vgl. u.a. Bundesministerium für Jugend, Familie und Gesundheit 1983, S. 21-22).

1.2. Erste Überlegungen / Mögliche Forschungsfragen

Welches Erziehungsverhalten wäre zu damaliger Zeit, als Trinken noch stark gesellschaftlich akzeptiert war, angebracht gewesen? Aus heutiger Sicht noch interessanter ist die Überlegung, welche pädagogischen Verhaltensweisen von damals sich positiv auf den Alkoholkonsum im Lebensverlauf ausgewirkt haben könnten. Was würden heutige Erwachsene rückwirkend betrachtet als wirksame Erziehungsmaßnahme ansehen, wenn es um den Konsum von Alkohol geht? Waren pädagogische Interventionen überhaupt ausschlaggebende Ursache für reduzierten Alkoholkonsum im Erwachsenenalter oder gilt für Alkoholkonsum ebenso wie für Jugenddelinquenz an sich, dass problematisches jugendtypisches Verhalten auch ohne Einwirkung von außen von den meisten Jugendlichen in der Zeit des Übergangs zum Erwachsenalter von selbst aufgegeben wird.

1.3. Forschungsfeld

Je kleiner eine Gemeinde desto höher der Alkoholkonsum (vgl. (vgl. Bundesministerium für Jugend, Familie und Gesundheit 1983, S. 22). Ein eindeutiger (kausaler) Zusammenhang zwischen Gemeindegröße und regelmäßigem Alkoholkonsum lässt sich allerdings nicht nachweisen.

Die in dieser Studie betrachtete Dorfgemeinschaft hat eine seit mehreren Jahrzenten konstante Einwohnerschaft von ca. 1000 Menschen. Das Dorf gehört zum Bundesland Niedersachsen. Die Region ist ländlich. Die große Mehrheit der Einwohner ist im Dorf aufgewachsen. In vielen Haushalten leben noch mehrere Generationen zusammen. Oder die Kinder sind zumindest im Dorf geblieben und haben im Neubaugebiet ein eigenes Haus gebaut. Der Zuzug durch Fremde ist gering. Ins Dorf zieht es nur Leute, die persönlichen Bezug zu Ort und Leuten haben. Es gibt nur wenige Mietshäuser. Viele Einwohner sind miteinander verwandt. Man kennt sich seit der Kindheit. Die Berufstätigen sind in der Regel Pendler. Die Schüler müssen ab der Sekundarstufe I je nach Schulform 6 km bis 18 km täglich mit dem Bus fahren. Ein öffentlicher Personennahverkehr ist praktisch nicht existent. Jede Familie besitzt mindestens ein Auto. Der Führerschein, so früh wie möglich, ist für die jungen Leute wichtiges Mittel für Mobilität und Unabhängigkeit.

Im Dorf gibt es eine katholische Kirche, einen Friedhof, eine Sporthalle, einen Fußballplatz, eine Schießhalle, eine Grundschule und einen Kindergarten. Es gibt seit ca. 10 Jahren kein Lebensmittelgeschäft und seit ein paar Monaten auch keinen Bäcker mehr. In den 80er Jahren gab es noch vier Kneipen, davon sind heute zwei übrig geblieben.

Das gesellschaftliche Dorfleben ist durch Nachbarschaften, Kirche und Vereine geprägt. Man trifft sich aufgrund gemeinsamer Interessen zum Kaffee trinken, Gottesdienst, Fußball spielen, Sport oder Schießen. Innerhalb dieser Gruppenzugehörigkeiten gibt es eine Vielzahl von feierlichen Anlässen im Jahresverlauf. Dazu gehören beispielweise das Schützenfest, das Erntedankfest oder das Pfarrfest. In den Nachbarschaften werden Richtfeste, Pfingstfeste, Kränzchen, Hochzeiten und Jubiläen begangen. An diesen Festen nehmen nicht nur die Erwachsenen teil, auch die Kinder und Jugendlichen gehören dazu. Teilweise übernehmen sie traditionell eigene Aufgaben. Das Hochzeitsböllern oder auch das Pfingstbaumgießen in einer Nachbarschaft dürfen etwa nur die unverheirateten jungen Männer übernehmen. Während eines Kränzchens fahren alle Männer (Jungen) „Grün holen“ und die Frauen und Mädchen sind für das Blumen binden zuständig. Alkoholkonsum ist essentieller Bestandteil jedes feierlichen Anlasses und viele traditionelle Rituale sind direkt mit dem Trinken verbunden. So muss der erste Nachbar beim Kränzchen für jeden Hammerschlag, den er braucht, um die Nägel für den Türkranz in die Wand zu schlagen, einen „Klaren“ trinken.

In den 60er bis 80er Jahren war das Dorf durch die geburtenstarken Jahrgänge voller Kinder. Jeder wusste, wo welches Kind hingehört. Erziehung fand nicht selten im Kollektiv statt. Nach Lausbubenstreichen fühlte sich durchaus auch der Nachbar für Sanktionen zuständig. In den 80er Jahren entwickelte sich im Dorf zum ersten Mal eine größere Clique von Jugendlichen, die sich im Dorfkern in ihrer Freizeit an öffentlichen Plätzen traf. Die Cliquenmitglieder waren 12-16 Jahre alt. Unter Gruppendruck haben durchweg alle ziemlich schnell angefangen zu rauchen. Wenn sie Geld dafür hatten, haben sie Bier gekauft. Des Öfteren hat auch jemand Alkohol von zu Hause mitgebracht. Die meisten waren noch zu jung, um innerhalb der Dorfgemeinschaft an Trinkanlässen teilnehmen zu dürfen. Sie haben uns sich so oft getroffen, wie sie konnten und durften. Viele hatten häufig Hausarrest. Den Eltern und anderen Erwachsenen im Dorf waren sie ein Dorn im Auge. Diese Cliquengemeinschaft gab es in dieser Form nur ca. drei Jahre, dann löste sie sich durch unterschiedliche Interessen und Ausbildungsbeginn relativ schnell von alleine auf. So ein jugendliches Cliquenphänomen hat es im Dorf bis heute nicht wieder gegeben. Die Jugendlichen sind in der Gegenwart eher durch die Nachbarschaften und Vereine und die damit einhergehenden Interessen miteinander verbunden. Innerhalb dieser Gruppen treffen sie sich in der Freizeit und auch zu Feierlichkeiten. „Auf der Straße“ konsumieren sie in der Regel keinen Alkohol.

Etwa zwei Drittel der damaligen Cliquenmitglieder leben noch heute im Dorf. Alle haben mittlerweile eigene Kinder im jugendlichen Alter. Somit ist jugendlicher Alkoholkonsum ein oft diskutiertes Thema dieser Altersgruppe innerhalb der Dorfgemeinschaft und auch die eigene „Alkoholkarriere“ kommt in dem Zusammenhang immer wieder zur Sprache. Inhalt dieser Gespräche sind häufig Überlegungen zur Reaktion der Erwachsenen auf die damalige Cliquenkultur. Bis heute werden die Reaktionen als unangemessen wahrgenommen. „ Eigentlich waren wir doch total harmlos. Wir haben doch nichts Wildes gemacht. Noch nicht mal gekifft haben wir.“

Keines der damaligen Cliquenmitglieder hat eine Alkoholsucht entwickelt, aber es gibt auch kein Vorkommen von Alkoholabstinenz. Der Alkoholkonsum ist heute individuell sehr unterschiedlich. Der größere Anteil hat bis dato allerdings mit dem Rauchen aufgehört.

2. methodisches Vorgehen

2.1. Grounded Theory

Dieser Untersuchung liegt ein Vorgehen nach der Grounded Theory Methodologie zu Grunde (GLASER & STRAUSS 2010). Hinter dieser Methode steckt die Idee, anhand von systematisch gewonnenen und einer Analyse unterzogenen Daten Theorien zu entdecken. Es handelt sich um ein induktives Vorgehen, bei dem eine Theorie systematisch aus den Daten gewonnen wird. Die Methode beinhaltet aber auch abduktive Schlussfolgerungen, die als Ideen und Einfälle des Forschers den Erkenntnisprozess begleiten und fördern. Die Hypothese wird also nicht vor der Feldforschung angenommen, sondern liegt im Material begründet und wird aus diesem heraus entwickelt. Der Prozess der Datenerhebung ist offen. Die Datenerhebung wird durch die entstehende Theorie geleitet. Im Feld wird nach besonders übereinstimmenden Daten oder nach maximalen Unterschieden gesucht. Das soll die Darstellung relevanter Ähnlichkeiten oder Verschiedenheiten ermöglichen. Es werden Daten erhoben, bis eine Sättigung eintritt. Eine Datensättigung tritt ein, wenn keine neuen Daten zu bestehenden Kategorien und Eigenschaften mehr gefunden werden. Die Theorie wird als Prozess durch konzeptuelle Kategorien oder ihre Eigenschaften auf der Grundlage der Daten generiert. Im Kern der Grounded Theory geht es um Theorien, die soziales Verhalten erklärbar machen.

Glaser und Strauss empfehlen, die relevante Literatur zunächst völlig zu ignorieren, um sicher zu stellen, dass die Kategorienbildung nicht durch andere Konzepte beeinflusst wird (vgl. Glaser/Strauss 2010, S. 55). „ Widmet der Soziologe sich ausschließlich einer vorab erschlossenen Theorie[…], schränkt er seine theoretische Sensibilität zwangsläufig ein.“ (Glaser/Strauss 2010, S. 62)

Somit wurde mit relativ wenig theoretischem Hintergrund in das Forschungsprojekt gestartet.

2.2. teilnehmende Beobachtung

Glaser und Strauss befürworten Theorieentwicklung auf Grundlage von Ideen, Einfällen oder auch persönlichen Erfahrungen. Sie schreiben, man solle die Reflexion persönlicher Erfahrungen kultivieren und als Sprungbrett zur systematischen Theorieentwicklung nutzen (vgl. ebnd., S.264). Das hat auf den Gedanken gebracht, in diese Forschungsarbeit das persönliche Umfeld einzubeziehen. Es wurde damit begonnen, den Alkoholkonsum der Menschen im heutigen Umfeld zu betrachten und retrospektiv den eigenen Alkoholkonsum und den der damaligen Clique in der Jugendzeit gedanklich zu resümieren.

Das theoretische Sampling ist wesentlicher Bestandteil der Grounded Theory. Nach Glaser und Strauss meint dieses Vorgehen den Prozess der offenen Datenerhebung. Während Daten erhoben werden, wird bereits analysiert und entschieden, welche weiteren Daten zur Theoriefindung erhoben werden sollen (vgl. ebnd., S. 61). Das theoretische Sampling erlaubt die Verwendung verschiedener Arten von Daten. Solche Datenschnitte verschaffen den Forschenden verschiedene Ansichten und Aussichtspunkte. Der Technik der Datenerhebung, der Art der Verwendung und den Datentypen sind keine Grenzen gesetzt (vgl. ebnd., S. 81). Auf Grundlage dieser Möglichkeiten wurden zu Beginn der Forschungsarbeit kleinere aktuelle Feldbeobachtungen und retrospektive Erinnerungen niedergeschrieben. Zwei solcher Texte befinden sich im Anhang (Anhang 1 und 2) zu dieser Arbeit. Aus diesen Texten ließen sich erste Kategorien und Eigenschaften herausbilden. Auf Grundlage dieser ersten kleinen Hypothesen wurde ein offener Fragebogen erarbeitet (Anhang 3).

2.3. offener Fragebogen

Zielgruppe der Befragung sind Väter und Mütter mittleren Alters aus dem Dorf, die in der Gegenwart selbst Kinder im jugendlichen Alter haben. Um diese Zielgruppe abzugrenzen, wird im ersten Teil des Fragebogens nach Alter, Geschlecht, Kinderzahl und Alter der Kinder gefragt. Die Erfassung des Bildungsstandes soll einer Abgrenzung von Gruppen unterschiedlichen Bildungsniveaus in Bezug auf die Einstellung zu heutigem jugendlichem Alkoholkonsum dienen.

Der Fragebogen ist in drei Bereiche aufgeteilt. Im zweiten Teilbereich werden offene Fragen zum eigenen Alkoholkonsum im Jugendalter gestellt. Die Fragen zielen auf die Gelegenheiten zum Alkoholkonsum, das elterliche Verhalten nach Alkoholkonsum und die Gründe für eine Reduzierung des Alkoholkonsums im Erwachsenenalter. Der dritte Bereich nimmt den Alkoholkonsum der heutigen Jugendlichen in den Blick. Innerhalb einer offenen Frage wird anhand einer narrativen Erzählaufforderung zum Beispiel „16. Geburtstag“ nach Einstellungen zu deren Konsum gefragt.

Im Vorfeld wurden potentielle BefragungsteilnehmerInnen direkt oder indirekt persönlich angesprochen, ob eine grundsätzliche Bereitschaft zur Mitarbeit besteht. 41 Angesprochene erklärten sich bereit, den Fragebogen auszufüllen. Diesen wurde somit ein Fragebogen mit einem adressierten und frankierten Rückumschlag ausgehändigt. Durch die Rückgabe der Fragebögen auf dem Postweg ohne Absenderangabe konnte die Anonymität der Befragten gewährleistet werden. 25 Fragebögen sind eingegangen, wobei ein Fragebogen dabei war, der nicht bewertet werden konnte, da nur die erste Seite ausgefüllt wurde.

3. Theoriegenerierung und aktuelle Forschung

3.1. Erste Phase der Theoriegenerierung / Memos zur Kategorienbildung

Memo 1

Anlass zum Alkoholkonsum und Trinkkultur

Im Alltag ist das Dorfleben von Berufstätigkeit, Familie, Arbeiten in Haus und Garten und Schule dominiert. Die Woche ist durch die große Nähe zur katholischen Kirche noch stark strukturiert in Arbeitstage und Sonn-und Feiertage. Das Vereinsleben mit festen Terminen wird eher als „ernsthafte“ Beschäftigung betrieben: Fußballtraining, Schießübungen, Singen oder Gymnastik. Im Kollektiv wird Müßiggang unter der Woche nur als Ausnahme akzeptiert. Die Gemeinschaft akzeptiert z.B. Migrationshintergrund eher als einen ungepflegten Garten. „Hauptsoake, dat sin önnike Lüe!“ (Hauptsache, das sind ordentliche Leute!) In der Woche trinkt die Mehrheit der Erwachsenen und Jugendlichen eher keinen Alkohol. Der Kneipenbesuch, eine Kneipe hat eigentlich immer offen, ist inoffiziell reglementiert und wird von der Gemeinschaft durch soziale Kontrolle „überwacht “. „Müsst ihr jetzt Bier trinken?“ Aber zu Anlässen, die traditionell mit Alkoholkonsum einhergehen, bzw. einen Grund zum Trinken bieten, ist die Toleranz eine ganz andere. Auf Festen, zu Ritualen und Gebräuchen trinken die meisten Alkohol.

Wenn sich der Sieger im Wettschießen gefunden hat, muss er als erste Amtshandlung eine Runde Freibier ausgeben.“

Dieser Usus gilt in weiten Teilen auch für Jugendliche.

„Das Schild wird wiederum unter Konsum von Roten und Grünen aufgestellt.“

Diese sind aber eher dazu geneigt, einen Anlass zu finden und dementsprechend häufiger Alkohol zu konsumieren. Zu überlegen ist, warum der Alkoholkonsum im Dorf quasi zwei Seiten hat. Legitimiert der Anlass, der möglicherweise in einer Trinkkultur verankert ist, den Konsum?

Nein sagen, kann Diskussionen auslösen, auf die man keine Lust hat.“

Aus diesen Beobachtungen bilden sich zwei Kategorien heraus: Der Anlass zum erhöhten Alkoholkonsum und eine vorherrschende Trinkkultur.

Memo 2

Elternverhalten

Dadurch, dass viele Trinkanlässe in dörflicher, nachbarschaftlicher oder familiärer Umgebung stattfinden, erleben die Kinder den Alkoholkonsum Erwachsener von klein auf mit und werden diesen somit als relativ normal ansehen. Möglicherweise verinnerlichen sie die Gleichung, dass Feiern = Alkohol trinken bedeutet. Von dem größten Teil der heutigen Jugendlichen im Dorf ist zumindest ein Elternteil selbst im Dorf aufgewachsen und hat somit die gleichen Kindheitserfahrungen wie diese in Bezug auf das Trinken der Erwachsenen damals erlebt. Jugendliche entwickeln sich in das Trinkverhalten der Erwachsenen hinein. Sie werden von den Erwachsenen an den Umgang mit Alkohol herangeführt.

„Die Jugendlichen sind dazwischen, gehören dazu, und bekommen den gleichen Alkohol wie alle anderen auch. Irgendwer gibt immer einen aus. Mütter und Väter prosten auch ihren eigenen Kindern und deren Freunden zu.“

Es gibt einige Bräuche, die direkt mit dem Alkoholkonsum Jugendlicher in Verbindung stehen, z.B. das Pfingstbaumsetzen und –begießen oder das Hochzeitsböllern.

Natürlich versuchen Eltern auch pädagogischen Einfluss auf den Alkoholkonsum ihrer Kinder auszuüben.

„Meine Freundin hat mit ihrem Sohn Alster, Bier, Sekt, Roten und Grünen ausgehandelt.“ „Dieser wurde von meiner Freundin unter lautem Protest von Lukas und einigen anderen konfisziert“

Welchen Einfluss hatten pädagogische Maßnahmen der Eltern auf das eigene Trinkverhalten im Laufe der Adoleszenz? Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Elternverhalten in Bezug auf den eigenen jugendlichen Alkoholkonsum damals und der Einstellung zum jugendlichen Alkoholkonsum heute? Hieraus lässt sich folgende Kategorie formen: Das Elternverhalten in Bezug auf jugendlichen Alkoholkonsum mit den Subkategorien Elternverhalten damals und Elternverhalten heute. Eine zweite erkennbare Kategorie ist die Einstellung zum Alkoholkonsum Jugendlicher als heutige Erwachsene.

Memo 3

Reduzierter Alkoholkonsum als Erwachsener

Ab der Jugend sinkt mit zunehmendem Alter der Alkoholkonsum kontinuierlich. Die Alten trinken, mit Ausnahme der Kinder versteht sich, im Dorf am wenigsten bzw. am seltensten Alkohol. Jugendliche sind in ihrer Freizeit sehr aktiv, sie haben viele soziale Kontakte und eine größere Toleranz gegenüber den negativen Folgen von Feiern und Alkohol.

„Dann ist der ganze nächste Tag kaputt“

und

„Morgen werde ich es bitter bereuen“

sind Aussagen, die auf ein erhöhtes Maß an Vernunft bei Erwachsenen hinweist. Es ist aber auch so, dass die kollektive Toleranz von Trunkenheit mit zunehmendem Alter des Konsumierenden sinkt. Für Erwachsene ist das Risiko also wesentlicher größer für inakzeptables Verhalten unter Alkoholeinfluss sozial geächtet zu werden.

„Sie macht sich Sorgen, dass sie sich unpassend benommen hat und Dinge gesagt hat, die ihr peinlich sein könnten.“

Hieraus lässt sich zunächst die Kategorie reduzierter Alkoholkonsum nach Adoleszenz bilden. Eine vorläufige mögliche Subkategorie wäre Vernunft und eine weitere soziale Kontrolle. Durch die Tatsache, dass die Bewohner des ländlichen Dorfes für Mobilität erheblich auf den Führerschein angewiesen sind, könnte auch die Angst vor rechtlichen Konsequenzen, wie Führerscheinentzug, eine Rolle spielen: Angst vor Sanktionen. Ob diese Subkategorien zum Tragen kommen oder sich anderer herausbilden, bleibt bis zur Bewertung des Fragebogens abzuwarten, da die Motive zur Reduzierung des Konsums möglicherweise individuell sehr unterschiedlich ausfallen.

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Details

Seiten
33
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668238305
ISBN (Buch)
9783668238312
Dateigröße
662 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v334132
Institution / Hochschule
Universität Vechta; früher Hochschule Vechta – ISBS
Note
1,0
Schlagworte
Alkohol Konsum Sucht Trinken Trinkkultur Rauschverhalten Erziehung Prävention Grounded-Theory
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Titel: „Man muss die Feste feiern, wie sie fallen!“ Eine Grounded-Theory-Studie über ein (traditionelles) Konzept zum Erwerb von Alkoholkompetenz und Alkoholmündigkeit