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Vom Potential der Imagination. Michael Endes "Die unendliche Geschichte" im Literaturunterricht der Sekundarstufe I

Hausarbeit (Hauptseminar) 2013 21 Seiten

Didaktik - Germanistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

TEIL 1 - Merkmale der Phantastik
1.1 Kurzdefinition und Position
1.2 Merkmale der Phantastik
1.3 Die unendliche Geschichte - Ein phantastischer Roman?

TEIL 2 - Vom Potential der Imagination
2.1 Das verborgene Potential
2.2 Die Funktionen der Phantastik
2.3 Literarisches Lernen mit Phantasie
2.4 Magie im Klassenzimmer - Eine Reise durch Phantásien

Schlussbemerkung

Literaturangaben

Einleitung

Schundliteratur. Trivialliteratur. Märchenbücher. Zeitverschwendung. Phantastische Literatur stand, „...im Spektrum einer überwiegend realistischen und problemorientierten Kinder- und Jugendliteratur...“ (Schikorsky 2003: 168) lange Zeit einer Fülle von Vorurteilen gegenüber. Einen ersten Wendepunkt markierte 1979 die Veröffentlichung von Michael Endes Die unendliche Geschichte, ein Buch, das mit einer geringen Startauflage (vgl. Hocke/Neumahr 2007: 104 ff.) in die Buchhandlungen kam und sich innerhalb von weniger als zwölf Monaten mehr als zweihunderttausend Mal verkaufte und 1980 schließlich die Bestsellerliste des Spiegel erklomm, wo es sich jahrelang auf den vorderen Plätzen behaupten konnte. (vgl. Schikorsky 2003: 168 ff.) Zu recht kann Die unendliche Geschichte, die „...wegen ihres ausgeprägten Stilpluralismus und intertextuellen Verwirrspiels als erstes postmodernes Kinderbuch...“ (Schikorsky 2003: 16) gilt, als „...Sieg der Fantasie über die Realität...“ (Schikorsky 2003: 169) bezeichnet werden. Doch obgleich sich rund zwanzig Jahre später mit Joanne K. Rowlings Harry Potter -Reihe ein junger Zauberlehrling aufmachte, die Buchwelt zu revolutionieren und spätestens Stephenie Meyers Biss -Serie (im amerik. Original Twilight) dafür sorgte, dass Buchhandlungen ihr Sortiment an phantastischer Literatur drastisch erweiterten, so blieb der Phantastik der Weg in die Klassenzimmer weitestgehend verwehrt. Ist es die Sturheit, die Konservativität der Lehrenden, etwas Neues im Unterricht einzuführen und auszuprobieren? Oder ist es die Ansicht, phantastische Literatur biete kein Potential für den Literaturunterricht in der Schule? Die vorliegende Arbeit geht dieser zentralen Frage nach dem Potential der Phantastik für den Schulunterricht anhand von Michael Endes Roman Die unendliche Geschichte nach. Teil 1 - Merkmale der Phantastik definiert zunächst den Begriff der Phantastik und nennt zentrale Merkmale phantastischer Literatur, Teil 2 - Vom Potential der Imagination untersucht das verborgene Potential des Phantastischen und führt, basierend auf Gerhard Haas´ (2006) Ansatz zu Funktionen der Phantastik, eine Symbiose zwischen Phantastischer Literatur und den Zielen des Literaturunterrichts nach Martin Leubner (2010) auf.

TEIL 1 - Merkmale der Phantastik

1.1 Kurzdefinition und Position

Phantastik - um welche literarische Gattung handelt es sich hierbei eigentlich? Zählen nur Bücher von Hexen, Zwergen, mutigen Kriegern, Zauberlehrlingen, schönen Prinzessinnen, nur Tolkien, Preussler, Ende und Rowling hierzu? Oder sind bereits Goethes Faust und Shakespeares Sommernachtstraum phantastische Literatur? Die Grenzen sind fließend und liegen, zumindest zunächst, primär im Auge des Betrachters; definiert der Deutschlehrende beispielsweise Faust als Hochliteratur, als Drama, so mag es durchaus auch legitim sein, wenn der Deutschlernende intertextuelle Bezüge zu Hellboy -Comics und -Kinofilmen darin findet.

„Die Phantasie, Einbildungskraft, Imagination gilt seit der Romantik als la reine des facultés (Baudelaire). Als schöpferisches, mythenbildendes Vermögen ist sie von der das Äußere spiegelnden und nachbildenden Vernunft unterschieden.“ (Schumacher 1993: 7) Als Vorstellungskraft bezeichnet sie ein kognitives Vermögen des Menschen und gehört damit in den Bereich der philosophischen Erkenntnistheorie, als schöpferisches Vermögen, als Voraussetzung für Kreativität und innovatives Verhalten ist die Phantasie der Psychologie zuzuordnen. (vgl. Rank 2006: 11ff.) Literarische Phantastik ist dagegen „...ein Phänomen, das weniger mit der Sprache als mit der dargestellten Welt zu tun hat. Dementsprechend findet es sich vor allem in der erzählenden Literatur, die ja durch Welthaftigkeit gekennzeichnet ist.“ (Tabbert 2005: 187) Das Phantastische muss dabei ein dominantes, die Gesamtstruktur des literarischen Textes prägendes Merkmal sein. Sprechende Tiere in einer allegorisch gemeinten Fabel oder die Darstellung von nicht realistischen Träumen in z.B. einem Adoleszenzroman sind phantastische Elemente, die Grundstruktur dieser Texte ist jedoch nicht dominant durch Phantastisches geprägt. (vgl. Rank 2006: 12-13) „Phantastik in diesem weiten, phänomenologisch beschreibenden Sinn dient so als Oberbegriff für die einzelnen Textgruppen, die - je nach der Reichweite des zugrunde gelegten Erklärungsmodells - zu diesem Genre gezählt werden könnten...“ (Rank 2006: 13): folglich Texte aus sämtlichen phantastischen Bereichen, wie Märchen, Sagen, Fantasy, Science Fiction, Schauerromane, Utopien... In einem weit höheren Maße als realistische Literatur, bedient sich phantastische Literatur dabei aus einem tradierten Fundus, einer Verknüpfung von Topoi und Motiven aus Mythen, Märchen, Legenden und bereits kanonisch gewordener Phantastik. (vgl. Tabbert 2005: 189/Schneidewind 2008: 9-10)

In Deutschland ist die Phantastik „ein weißer Fleck in der Literaturgeschichtsschreibung. Dies gilt sowohl für den Bereich der nationalen Literaturkritik [...] als auch für die internationale Diskussion, die deutschsprachige Phantastik nur insoweit zur Kenntnis nimmt, als sie sich an den Roman bzw. an die kürzere Erzählung bindet.“ (Freund 1999: 9) Zu schnell wird sie als abgelegene „...eher der Trivialliteratur zuzurechnende Erscheinung...“ (Schumacher 1993: 9) betrachtet. „Diesen Sachverhalt für die deutschsprachige Literatur feststellend bleibt aber zugleich zu sagen, dass die Situation vor allem im englisch- und französischsprachigen Bereich eine grundlegend andere war und ist.“ (Haas 2001: 11) Phantastische Erzählungen und Romane sind dort fester Bestandteil der literarischen Kultur, genießen als deren Subkategorie einen gleichermaßen hohen Grad an Akzeptanz wie realistisch orientierte Texte. Ohne Einbuße an Reputation haben zahlreiche Autoren im englischen/französischen Raum bedeutende phantastische Werke geschaffen und eine eigene Tradition begründet, ohne dabei eine, wie im deutschsprachigen Raum noch immer geltende, strikte Trennung zwischen Literatur für junge Erwachsene, Teenager und Kinder zu betreiben, vielmehr bewegen sie sich zwanglos innerhalb der unterschiedlichen Zielgruppen. (vgl. Haas 2001: 11-17)

1.2 Merkmale der Phantastik

Wie lässt sich die Phantastik nun kennzeichnen? Eine allgemeingültige Checkliste, in der Punkt für Punkt, Merkmal für Merkmal abgehakt werden kann, gibt es nicht. Vielmehr existieren zahlreiche literaturtheoretische Erklärungsansätze, die sich in wesentlichen Punkten unterscheiden, „...in der Gewichtung von inhaltlichen und strukturellen Textmerkmalen, in der Berücksichtigung leserbezogener Funktionen, im Grad der Beschränkung auf bestimmte Epochen und/oder Textgruppen und in der Frage nach Faktoren, die für die Kinder- und Jugendliteratur spezifisch sind.“ (Rank 2006: 15) Explizit oder Implizit werden bei der Kategorisierung der spezifischen Merkmale Bezüge zu anderen, abseits der Literaturwissenschaft liegenden Wissenschaften, wie beispielsweise der Philosophie, der Erkenntnistheorie und der Wahrnehmungspsychologie, geknüpft, ihre jeweiligen Theoriekontexte in das literarische Umfeld eingebettet: „Wo liegen die Grenzen zwischen natürlich und übernatürlich, zwischen normal und abweichend, zwischen real und ireal...“ (Rank 2006: 15) Im Folgenden werden drei Ansätze genannt, die, miteinander verknüpft, aber auch für sich allein stehend, eine mögliche Grundlage für die Einordnung eines Textes, z.B. eines Romans, in das phantastische Genre darstellen, indem sie Aspekte nennen, die weitestgehend als erfüllt gelten sollen, um den entsprechenden Text der Phantastik zuzuordnen. Sie dürfen dennoch nur als idealtypische Zuordnungen betrachtet werden, denn nicht jedes Werk kann anhand dieser Schemata kategorisiert werden.

Ansatz nach Maria Nikolajeva

Die Literaturwissenschaftlerin Maria Nikolajeva greift in ihrem Ansatz auf ein Zweiweltenmodell zurück, das auf dem Aufeinandertreffen einer real-fiktiven mit einer magischen Anderswelt basiert. Sie erweitert ihre Theorie um drei Möglichkeiten des Kontaktes zwischen diesen beiden Welten. „Ausgehend von der sog. wunderbaren Welt, die von ihr als sekundäre Welt bezeichnet wird (im Gegensatz zur primären Alltagswelt), entwickelt sie drei Modelle, die ausschließlich durch die Struktur des miteinander in Kontakt tretens beider Welten geprägt sind.“ (Weinkauff/Glasenapp 2010: 103)

Erstes Modell: die geschlossene sekundäre Welt

- die Handlung spielt ausschließlich in einer magischen, phantastischen Welt, einen Bezug zur Welt des Lesers gibt es nicht
- die Akteure entstammen ausnahmslos dieser Welt, deren Vorhandensein nicht in Frage gestellt wird sondern als einzige bestehende Realität wahrgenommen wird
- auf struktureller Ebene weist dieses Modell eine sehr starke Nähe zu Volksmärchen und Fantasyliteratur auf

Zweites Modell: die offene sekundäre Welt

- die sekundäre phantastische und die primäre alltäglich-realistische Welt treffen aufeinander
- die Koexistenz der beiden Welten wird, ob friedlich oder konfliktreich, als Selbstverständlichkeit angesehen
- das selten auftauchende Erstaunen der Figuren über das Vorhandensein einer zweiten Welt spielt in diesem Modell nur eine untergeordnete Rolle; sie können in der Regel ohne große Widerstände zwischen den beiden unterschiedlichen Welten hin- und herwechseln (bekannte literarische Beispiele sind z.B. die Harry Potter -Romane oder Alice im Wunderland)

Drittes Modell: die implizierte sekundäre Welt

- im dritten Modell ist die Handlung ausschließlich in der primären Welt angesiedelt, ein Gegenstand oder eine Figur aus einer anderen Welt tauchen in dieser auf
- der Kontrast zwischen der Gewöhnlichkeit der primären Welt und dem übernatürlichen Wesen oder Gegenstand ist handlungssteuerndes Element (Beispiele für das dritte Modell sind Mary Poppins oder Pippi Langstrumpf) (vgl. Weinkauff/Glasenapp 2010: 103-105)

Ansatz nach Carsten Gansel

Auch Carsten Gansel geht zunächst von einem Verhältnis zwischen einer alltäglich-realistischen und einer nichtrealistisch-phantastischen Wirklichkeit aus. Für diesen Ansatz entwickelte er drei Grundmodelle. (vgl. Haas 2001: 17)

Erstes Grundmuster

- in eine real-fiktive Welt treten Figuren aus einer anderen Wirklichkeit ein; sie sind Gäste in dieser fiktiven Realität

Zweites Grundmuster

- das zweite Grundmuster funktioniert genau umgekehrt: eine Figur aus der real-fiktiven Alltäglichkeit tritt in die irreal erscheinende phantastische Welt

Drittes Grundmuster

- die reale Alltagswelt des Lesers wird komplett ausgeblendet, die Handlung ist in einer geschlossenen, magisch strukturierten Eigenwelt angesiedelt, wie sie z.B. Tolkiens Herr der Ringe darstellt (vgl. Haas 2001: 17-20)

Sowohl Nikolajevas wie auch Gansels Modell verfolgen die gleichen Ansätze, lassen dabei aber ein viertes, in aktueller phantastischer Literatur (z.B. in phantastischen Romanen von Kai Meyer, Christoph Marzi, Kady Cross oder in Ansätzen auch in Philip Pullmans Der goldene Kompass) immer häufiger auftretendes Muster außer Betracht: eine real-fiktive Welt, die jedoch die uns bekannte Wirklichkeit nicht so darstellt, wie wir sie kennen, sondern ihre eigene Realität, ihre eigenen Gesetzmäßigkeiten hat; eine alternative Wirklichkeit, häufig von allgegenwärtiger Magie durchzogen, die für die agierenden Figuren substantiell real, für den Leser fremd und gleichzeitig doch vertraut ist, eine Art Zwischenwelt, verankert in der schmalen Zone zwischen sekundär phantastischer und primär alltäglich-realistischer Welt.

Ansatz nach Tzvetan Todorov

Bei dem von ihm untersuchten Büchern der phantastischen Literatur (speziell des 19. Jahrhunderts) unterscheidet Todorov zwei Hauptbereiche der phantastischen Themen: Ich- und Du-Themen. Die Ich-Themen, die sich auf die Verbindung Mensch - Welt beziehen, unterteilt er in folgende Klassifikation:

- Existenz übernatürlicher Wesen/Pan-Determinismus
- Vervielfältigung der Persönlichkeit/Doppelgängermotiv
- Durchbrechung der Grenze zwischen Subjekt und Objekt/Metamorphose
- Transformation von Zeit und Raum (vgl. Stoyan 2004: 120-121)

Seine Analyse der Du-Themen bezieht sich eher auf den Bereich Sexualität und ist somit für diese Arbeit nicht relevant.

1.3 Die unendliche Geschichte - Ein phantastischer Roman?

Mit Die unendliche Geschichte ließ Michael Ende „...die Märchen- und Mythenwelt der Vergangenheit wieder aufleben. Er übernahm Stoffe, Figuren und Motive aus der gesamten Literatur- und Kulturgeschichte, der Philosophie, der Mythologie und Anthroposophie.“ (Schikorsky 2003: 169) Es ist die Geschichte eines Jungen, einem Außenseiter, dick, belesen, ängstlich. Bastian Balthasar Bux stiehlt, auf der Flucht vor seinen Mitschülern, in einem sonderbaren Antiquitätengeschäft ein ihn magisch anziehendes, sonderbar wirkendes Buch. Gewissensbisse verspürt er, wenn auch nur flüchtig, bei seiner Flucht aus dem Laden. Im verlassenen Speicher der schlägt Bastian das Buch auf und beginnt Die unendliche Geschichte zu lesen. Im Verlauf der Handlung erkennt er, dass er zum Retter einer ganzen, phantastischen Welt auserkoren ist.

Endes Roman verwebt klassische Motive aus dem Fundus der phantastischen Literatur: „...die Bedrohung einer phantastischen Welt durch eine unbesiegbar scheinende Macht, ihre Rettung durch einen jungen Helden, der eine Abfolge Herausforderungen bestehen muss.“ (Hocke/Neumahr 2007: 107) Das dabei zugrundeliegende Quest -Motiv, „...die Suche des Helden, in diesem Fall nach dem Menschen, der der Kaiserin den rettenden Namen gibt - ist beinahe so alt wie die Literatur selbst...“ (Hocke/Neumahr 2007: 107) Er erschien bereits in Homers Odyssee, in den Artus-Legenden, dem Herr der Ringe und zahlreichen anderen Epen und Romanen. Nur ist es nicht der junge Krieger Atréju, der der Held in Endes Geschichte ist, sondern jener unscheinbare, übergewichtige Bastian, dessen Heldentum aber keineswegs nur durch gute und edle Taten gekennzeichnet ist. „Er fällt auf die Ränke der Zauberin Xayíde herein, erhebt sogar das Zauberschwert gegen seinen Freund Atréju und entgeht nur knapp der Alten Kaiser Stadt, die bedrückend an ein Irrenhaus erinnert.“ (Hocke/Neumahr 2007: 107) Die Gefahren in Phantásien sind zahlreich, tödlich, doch im Gegensatz zur üblichen Fantasyliteratur warten sie nicht darauf, vom Helden besiegt zu werden. Der junge Krieger Atréju tötet weder den Werwolf Gmork noch das spinnenähnliche Wesen Ygramul. Sie sind Teile der Welt Phantásiens, ob gut oder böse, in der kindlichen Phantasie der Kindlichen Kaiserin sind alle gleich. (vgl. Hocke/Neumahr 2007: 107-108)

[...]

Details

Seiten
21
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668236981
ISBN (Buch)
9783668236998
Dateigröße
847 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v334044
Institution / Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Note
1,0
Schlagworte
Literatur Germanistik Fantasy Phantastik Phantastische Didaktik Michael Ende unendliche Geschichte Literaturdidaktik

Autor

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Titel: Vom Potential der Imagination. Michael Endes "Die unendliche Geschichte" im Literaturunterricht der Sekundarstufe I