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Genesis 11, 1-9. Der Turmbau zu Babel. Eine Auslegung

Quellenexegese 2015 12 Seiten

Theologie - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Textkritik

3. Literarkritik
3.1 Abgrenzung
3.2 Kontextanalyse
3.2.1 Gliederung nach Westermann
3.2.2 Terminologie
3.3 Integritätsanalyse
3.3.1 Dubletten
3.3.2 Doppel- oder Mehrfachüberlieferung
3.3.3 Schwer erklärbare Widersprüche und Spannungen

4. Redaktionskritik

5. Überlieferungsgeschichte

6. Formgeschichte

7. Bestimmung des historischen Ortes

8. Traditionsgeschichte

9. Interpretation

10. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Unsere Hausarbeit hat die Bibelstelle Genesis 11, 1-9 zum Thema. Dieser Textabschnitt trägt meist den Titel „Turmbau zu Babel“ und bildet einen bedeutenden Teil der Urgeschichte der Genesis. Als Basis für die folgende exegetische Arbeit verwenden wir die Übersetzung der Elberfelder Bibel.

Wer an die Geschichte vom Bau des babylonischen Turmes denkt, assoziiert damit meist die Trennung der Völker und die Verwirrung der Sprache.[1] Im Folgenden werden wir die vorliegende Bibelstelle nach den im Seminar angewandten Methodenschritten auslegen.

2. Textkritik

Beim Vergleich der Bibelübersetzungen der Guten Nachricht, der Elberfelder, der Einheitsübersetzung und der Lutherbibel 1984, fällt auf, dass diese Übersetzungen einige Ähnlichkeiten aufweisen. Vers 1 stellt hierbei in allen verglichenen Bibeln die Ausgangssituation dar, in der „die ganze Erde […] ein und dieselben Wörter“ [2] hatte. Hierbei wird in allen Bibeltexten der Ausdruck „Sprache“ verwendet. Vers 2 stellt den Leser vor eine inhaltliche Problematik; So heißt es beispielsweise in der Lutherbibel von 1984, dass die Menschen „nach Osten“ [3] zogen, während in der Elberfelder, der Guten Nachricht und der Einheitsübersetzung geschrieben steht, dass sie „von Osten aufbrachen“ [4].

Mit Vers 3 wird die Handlung der Erzählung eingeleitet. Während die Elberfelder Bibel und die Gute Nachricht jeweils den Ausdruck „Asphalt“ [5] (als Mörtel) verwenden, finden sich in der Lutherbibel ersatzweise der Begriff „Erdharz“ [6] und in der Einheitsübersetzung die Umschreibung „Erdpech“ [7]. Mit „Asphalt“ [8] wird es jedoch von Soggin und Westermann übersetzt.

In Vers 4 folgt der Entschluss zum Bau des Turms und der Stadt. Hierbei unterscheidet sich die Übersetzung der Guten Nachricht Bibel mit einer Ergänzung von den anderen Versionen: „Dieses Bauwerk wird uns zusammenhalten“ [9] , welche sich jedoch nach dem Prinzip „lectio brevior lectio potior“ auszuschließen ist.

3. Literarkritik

3.1 Abgrenzung

Die Erzählungen der Nachkommen Noahs gehen der Geschichte vom Turmbau zu Babel, die den Abschluss der Urgeschichte bildet, voraus. In dieser Textstelle wird zum letzten Mal die gesamte Menschheit thematisiert, bevor mit den Erzählungen über die Väter Israels und der Josefs Novelle[10] ein einzelnes Volk in den Fokus rückt. Genesis 11, 1-9 wird daher unumstritten als Übergangstext verstanden[11], der die Entstehung der einzelnen Völker erklärt.

3.2 Kontextanalyse

Der zu analysierende Textabschnitt ist Bestandteil des ersten Buchs Mose, welches die Urgeschichte darstellt. Im folgenden Methodenschritt sollen zunächst literarkritische Beobachtungen aufgeführt werden. Hierbei untersuchen wir die Bibelstelle im Hinblick auf ihre Entstehungsgeschichte und setzen sie in ein Entstehungsverhältnis zu dem vorangestellten Text.

Genesis, das erste Buch Mose, handelt von einem Neuanfang. Es handelt sich um den Anfang der Welt und zugleich um den des Volkes Israel. So lautet der erste Satz, den wir in der Bibel lesen: „Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde.“ [12], was zum Ausdruck bringt, dass die ganze Welt Gottes Werk ist. Des Weiteren ist der Mensch auf eine besondere Weise mit ihm verbunden, denn Gott „bildete […] den Menschen, aus Staub vom Erdboden und hauchte in seine Nase Atem des Lebens“ [13] Jedoch ist diese Geschichte der Menschheit zugleich eine Geschichte der Schuld: Auf die Geschichte des Sündenfalls folgt die Erzählung der Sintflut, ebenso wie die des Turmbaus zu Babel, welche eine Erklärung für die Vielfalt der Sprachen gibt und mit dem Satz „Und die ganze Erde hatte ein und dieselbe Sprache und ein und dieselben Wörter.“ [14], eingeleitet wird. Im Anschluss an Genesis 11, 1-9 folgt mit der Berufung Abrahams durch Gott erneut ein neuer Anfang, denn er und seine Frau Sara sollen die Stammeltern eines Volkes werden. Es folgen die Geschichten ihrer Nachkommen Isaak, Jakob, Esau und Josef.[15]

3.2.1 Gliederung nach Westermann

Westermann gliedert die Bibelstelle Genesis 11, 1-9 in zwei Teile. Hierbei unterscheidet er zwischen dem ersten Teil, Vers 2 bis einschließlich Vers 4 und dem zweiten Teil, der die Verse 5 bis 8 umfasst. Die Verse 1 und 9 betrachtet er separiert als den Rahmen der Handlung[16].

Vers 1 dient laut dieser Theorie als Einleitung, da er die Ausgangssituation der weltweit einheitlichen Sprache beschreibt, während in Vers 9 die Konsequenz der Handlung, also die Zerstreuung der Menschen und die Verwirrung der Sprache, beschrieben wird. Innerhalb dieses Rahmens kommt es „nicht zu einem Wechselgeschehen oder Wortwechsel zwischen Gott und den Menschen.“ [17] Westermann erklärt dies damit, dass es dem Erzähler weniger darum geht, das Ereignis an sich darzustellen, als den Hintergrund des daraus resultierenden Zustandes zu erklären[18].

3.2.2 Terminologie

Insbesondere die Differenzen der unterschiedlichen Bibelübersetzungen in Bezug auf den ersten Vers führen uns dazu, nach der Bedeutung dieser sprachlichen Details zu fragen und einen Blick auf den Hintergrund dieser Unterschiede in der Ausdrucksweise zu werfen. Hierbei beziehen wir uns auf die Begriffe „Sprache“ und „Wörter“ [19] , wie sie in der Elberfelder Übersetzung zu finden sind und die Formulierung „Zunge“ und „Sprache“ [20] der Lutherbibel. Die unterschiedlichen Begriffe führen einen zu der Frage, ob es sich hierbei um rein sprachliche oder auch inhaltliche Unterschiede handelt.

Im Vordergrund steht die soziale Form der Sprache, die menschliche Kommunikation. Diese Funktion der Sprache wird in Genesis 11, 1-9 auf verschiedenen Ebenen deutlich: Auf der Ebene der Pragmatik -also die Umsetzung des Plans einen Turm zu bauen- und auf der Ebene der Störung der Artikulation. Diese beiden Ebenen bauen insofern aufeinander auf, als dass die Verwirrung der Sprache durch Gott zu einem Misslingen der Verständigung und somit zum Scheitern des Turmbaus führen.[21] Aus diesem Grund werfen wir im Folgenden noch einen Blick auf die Metaphorik der Bautätigkeit, die hier als Wirkkraft der menschlichen Planung interpretiert werden kann. Die Menschen wollen sich mit dem Bau des Turmes „einen Namen machen“ [22]. Die Erfindung der Baustoffe, die sie dafür verwenden, geht mit der Neubildung von Wörtern einher.

[...]


[1] Hier ist zu beachten, dass es nicht selbstverständlich war, dass in ein und derselben Sprache dieselben Wörter gesprochen wurden, da es verschiedene Dialekte gab und man diese einheitliche Sprache als kulturelles Phänomen betrachten kann. (Vgl. Seebass, Urgeschichte, 275)

[2] Elberfelder Bibel, 12.

[3] Lutherbibel 1984 (http://bibleserver.com/text/LUT/1.Mose11).

[4] Elberfelder Bibel, 12. Diese Differenzen lassen sich damit erklären, dass „der hebräische Ausdruck ‚mikädäm‘ […] sowohl mit ‚ostwärts‘ als auch mit ‚von Osten her‘ übersetzt werden [kann]. Die Angabe ‚ostwärts‘ beschreibt die Wanderung von Palästina, vom heutigen Israel aus gesehen, nach Osten. Die sprachliche Form des Begriffs und vergleichbare Konstruktionen in Ägypten machen allerdings die Übersetzung ‚von Osten aus‘ wahrscheinlicher.“ (Vgl. Braumer, Mose, 215)

[5] Elberfelder Bibel, 12.

[6] Lutherbibel 1984, (http://bibleserver.com/text/LUT/1.Mose11)

[7] Einheitsübersetzung, (http://bibleserver.com/text/EU/1.Mose11)

[8] Soggin, Genesis, 177., Westermann, Genesis, 710

[9] Gute Nachricht, (http://bibleserver.com/text/GNB/1.Mose11)

[10] vgl. Rösel, Bibelkunde, 7 Nach vorne hin ist die Textstelle hingegen deutlich abgegrenzt: Bereits in der Geschichte der Nachkommen Noahs wird die Stadt Babel[10] erwähnt, was darauf schließen lässt, dass sich die beiden Kapitel ergänzen sollen. So liefert Genesis 10 die Erklärung für die Entstehung von mehreren Generationen, während Genesis 11 über die Trennung der Völker und die Entstehung der Sprachen aufklärt. Vgl. Lutherbibel 1984, (http://bibleserver.com/text/LUT/1.Mose10)

[11] Seebass, Urgeschichte, 270

[12] Elberfelder Bibel, (http://bibleserver.com/text/ELB/1.Mose1)

[13] Ebd, (http://bibleserver.com/text/ELB/1.Mose2)

[14] Ebd, 12.

[15] Genesis 11, 1-9 schafft eine Öffnung für die Initiative Gottes in die Völkerwelt (Vgl. Seebass, Urgeschichte, 284). Der Turmbau zu Babel legt also den Grundstein für Gottes aktives Eingreifen in das Leben der Menschen, wie beispielsweise in der direkten Berufung Abrahams.

[16] vgl. Westermann, Genesis, 711. Nicht nur Westermann, auch Seebass ist der Meinung, dass V 1-4 und V 5-9 separiert betrachtet werden sollen, da die ersten Verse nur von den Menschen handeln, jedoch die letzten von Gott (Vgl. Seebass, Urgeschichte, 271)

[17] Westermann, Genesis, 711.

[18] vgl. Ebd.

[19] Elberfelder Bibel, 12.

[20] Lutherbibel 1984, (http://bibleserver.com/text/LUT/1.Mose11)

[21] Dabei wäre es gar nicht unbedingt nötig gewesen, dass Gott dazu auf die Erde hinabsteigt, um die Sprache zu verwirren. Die Menschen verwirren selbst durch den wachsenden technischen Fortschritt ihre Sprache und reden trotz der ligunistisch gesehenen gleichen Sprache aneinander vorbei (Vgl. Scharbert, Kommentar zum Alten Testament, 115)

[22] Elberfelder Bibel, 12. Daraus lässt sich schließen, dass sich auch dieser Prozess der Wortbildung in die Metapher des Bauens einordnen lässt. Die häufigen Wortwiederholungen von „Sprache“ und „Turm“ geben dem Text eine Struktur währen die Häufung der Worte „sie sprachen“ die wörtliche Rede der Menschen und das Reden und Handeln Gottes einander gegenüber stellen.

Details

Seiten
12
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668238763
ISBN (Buch)
9783668238770
Dateigröße
547 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v334018
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Evangelische Theologie
Note
2,3
Schlagworte
Altes Testament Exegese Genesis Genesis 11 Turmbau zu Babel

Autor

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Titel: Genesis 11, 1-9. Der Turmbau zu Babel. Eine Auslegung