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"Berlin Alexanderplatz" (1931). Der Alexanderplatz als öffentlicher Raum im Film

Hausarbeit 2016 24 Seiten

Medien / Kommunikation - Mediengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Phil Jutzis „Berlin Alexanderplatz“ – der Alexanderplatz als öffentlicher Raum im Film
2.1 Hintergrund zum Film
2.2 Analyse der Szene (Nr. 1 – 37)

3. Fazit

4. Sequenzanalyse

5. Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Franz Biberkopf in Großaufnahme

Abbildung 2: Vogelperspektive auf die Zuschauermenge

Abbildung 3: Establishing-Shot auf den Alexanderplatz

Abbildung 4: Menschenmassen auf dem Alexanderplatz

Abbildung 5: Dynamik auf dem Alexanderplatz

Abbildung 6: Super-Totale auf den Alexanderplatz

Abbildung 7: Der Blick wird gestört

1. Einleitung

„Von vorne nach hinten aufgerollt ist es eine Stadtwelt, ein ungeheuer reicher, lebensstrotzender orbis pictus von Berlin, - mit einem Einzelschicksal in der Mitte“ (Willy Haas, zit. in: Fries 1996).

„Berlin Alexanderplatz“ – Schauplatz alltäglicher menschlicher Ereignisse, von Aufstieg bis Niedergang, von Euphorie bis Frustration, das symbolische Zentrum Berlins und Thematisierung in einem der ersten und erfolgreichsten Stadtfilme der Weimarer Republik. Der 1931 unter der Regie von Phil Jutzi erschienene Film „Berlin Alexanderplatz“ ist eine Adaption des gleichnamigen Romans von Alfred Döblin (1929). Und genau wie der Roman behandelt auch der Film das Auf und Ab im Stadtleben und die Hassliebe zu Berlin des Protagonisten Franz Biberkopf, dargestellt von Heinrich George.

Zur Handlung der Geschichte lässt sich sagen, dass Biberkopf zu Beginn das Gefängnis Tegel in Richtung Stadtmitte verlässt. Er fühlt sich einsam, ist überfordert vom Tempo und Lärm der Stadt, ist aber tief entschlossen, von nun an ein ehrenbares Leben zu führen. Die Stadt selber steckt allerdings voller Verführungen, Bedrohungen und Falltüren. Er versucht der Stadt als hartnäckiger Optimist standzuhalten, indem er den Lärm und das Tempo der Stadt, ihre Verdichtung und Massierung verdrängt. Er gerät allerdings in eine Intrige und dann in einen Mordversuch, bei dem er einen Arm verliert. Die Idee vom sozialen Aufstieg scheint für Franz Biberkopf hoffnungslos zu sein.

Der Untersuchungsgegenstand der vorliegenden Arbeit beschreibt einen der Momente, in denen Biberkopf über die Stadt triumphiert oder sich zumindest in ihr zurechtfindet. Es handelt sich um die Szene, in der der Protagonist auf dem Alexanderplatz als Schlips-Verkäufer potenzielle Kunden zu überzeugen versucht. Während seiner Marktschreier-Aktivität werden er und seine Zuhörer vom Treiben auf dem Alexanderplatz umgeben, von vorbeifahrenden Straßenbahnen und Autos, von lärmenden Menschenmassen, von sich amüsierenden Touristen und von erschöpften Arbeitern.

Im folgenden Teil wird der Hintergrund zum Film thematisiert, bevor eine detaillierte Analyse der oben genannten Szene erfolgt.

2. Phil Jutzis „Berlin Alexanderplatz“ – der Alexanderplatz als öffentlicher Raum im Film

2.1 Hintergrund zum Film

Der Film wurde 1931 im Mai und Juni (vgl. Möbius/ Vogt 1990, S. 100) von einer kleinen Filmfirma namens Arnold Pressburgers Allianz-Tonfilm GmbH geschaffen und entstand an Teils improvisierten Originalschauplätzen in Berlin und Umgebung (vgl. Fries 1996). Der Film wurde nach dem filmisch und intermedial geschriebenen Buch „Berlin Alexanderplatz“ von Alfred Döblin gedreht. Döblin selbst hat mit dem Routinier Hans Wilhelm an dem Drehbuch gearbeitet. Regie führte Phil Jutzi.

Der Film ist zur Zeit der Weimarer Republik entstanden, also kurz vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Diese zeitgeschichtlichen politischen Verhältnisse und damit der Aspekt der Zensur sind in diesem Film deutlich zu spüren, da zum einen die Gestaltungsmöglichkeiten der filmischen Stadt eingeschränkt waren und zum anderen das Ende des Filmes – im Gegensatz zum Ende des Buches – glücklich und erfolgreich dargestellt wurde, um einer möglichen Zensur durch die Nationalsozialisten zu entgehen.

Der Film ist eine Balance zwischen filmisch hochentwickelten Ton- und Bildmontagen der großstädtischen Umgebung und der zunehmend dominierenden linearen Erzählung der Figur selbst. Dieser Aspekt war zudem auch stets ein Kritikpunkt an Jutzis Film. Die Kritiker beklagten die einnehmende Rolle Georges und die zunehmend in den Hintergrund rückende Rolle des Alexanderplatzes. So sagt Herbergt Ihering, dass „[...] wenn man das Niveau der Tonfilmproduktion bedenkt, [ist er] ein wertvoller Film. Er ist, wenn man die Möglichkeiten des Stoffes und des Themas betrachtet, bedenklich“ (Herbergt Ihering, zit. in: Möbius/ Vogt 1990, S. 102). Dieses Problem wird schon bei dem Doppeltitel „Berlin Alexanderplatz. Die Geschichte vom Franz Biberkopf“ deutlich (vgl. Möbius/ Vogt 1990, S. 101), da sich der Alexanderplatz und Franz Biberkopf den Schauplatz teilen müssen.

Insgesamt ist der Film durchzogen von eindrucksvollen Sequenzen mit Montage- und Überblendungsreihen, die auf die Hektik der Stadt und auf ihre Undurchschaubarkeit verweisen. Dies durchzieht den Film von der ersten Szene an, wo Jutzi Biberkopfs Weg vom Gefängnis Tegel ins Stadtinnere inszeniert und dem Zuschauer deutlich wird, dass Biberkopf zusehends den Boden unter den Füßen verliert und die Stadt als Schock erlebt (vgl. ebd., S. 102), bis zum Ende des Films, wo erneut Biberkopf als Marktschreier auf dem Alexanderplatz gezeigt wird und das letzte Bild eine Totale auf den Alexanderplatz zeigt.

2.2 Analyse der Szene (Nr. 1 – 37)

Die Analyse bezieht sich auf die Szene von Minute 13:17 bis Minute 16:36. Um detailliert auf die einzelnen Bilder der Szene einzugehen wird sich auf die Nummern aus der Sequenzanalyse (siehe 4. Sequenzanalyse) bezogen. Da in der Szene ein häufiger Wechsel der Perspektive zwischen Biberkopf als Redner und seinen Zuhörern erfolgt, wird dieser Wechsel der Vollständigkeit halber in der Sequenzanalyse stets aufgenommen, in der Analyse selber wird aber aus Platzgründen nicht jeder Wechsel von neuem detailliert betrachtet. Die Filmanalyse beruht auf den Kenntnissen der Lektüre von Werner Faulstich (vgl. Faulstich 2013) und Helmut Korte (vgl. Korte 2010).

Nr. 1

Die Szene beginnt mit einem Gespräch zwischen Biberkopf und einem Mann, der ihm einen Job anbietet. Biberkopf bräuchte für diesen Job nur seine Muskeln, woraufhin er antwortet, dass er es nicht mit den Muskeln mache sondern mit der Schnauze. In dieser Szene ist ein interessanter Wechsel zwischen den Drehorten vorhanden. So filmt die Kamera zunächst die beiden Personen in einer nahen Aufnahme, Biberkopf tritt dann näher an die Kamera heran und beginnt den Satz zu sprechen, den er in der nächsten Aufnahme, nach dem Wechsel des Schauplatzes zum Alexanderplatz, zu Ende spricht. Biberkopfs Gesicht ist nun in einer Großaufnahme zu sehen. Dieser schnelle Schnitt weckt die Aufmerksamkeit der Zuschauer und lenkt den Fokus auf Biberkopfs Absicht, ein ehrenwerter Bürger zu sein, der sein Geld ehrlich verdient. Im Gegensatz zum ersten Teil diese Szene, in der Biberkopf mit dem Mann gesprochen hat und die beiden Personen eher im Profil gezeigt wurden, sodass der Zuschauer sich eher als externer Beobachter gefühlt hat, wird im zweiten Teil der Sequenz, in der Biberkopf direkt in die Kamera schaut und die Handlungs- und Wahrnehmungsachse parallel sind, größtmögliche emotionale Betroffenheit hervorgerufen. Die Zuschauer fühlen sich nun also in Biberkopf hinein (vgl. Faulstich 2013, S. 127).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Franz Biberkopf in Großaufnahme (TC: 00:13:21).

Nr. 2

Franz Biberkopf beginnt mit seinem Verkaufsmonolog.. Er möchte Schlips an seine Zuhörer verkaufen. Die Kamera fährt leicht rückwärts, weg von Biberkopfs Gesicht, sodass man ihn am Ende der Szene in einer Nahaufnahme aus Bauchsicht sieht sieht. Diese Kameraeinstellung spricht für die Personenkonstellation zwischen Biberkopf und seinen Zuhörern. Er ist ihnen in dieser Szene überlegen und wird mächtiger dargestellt als die Menschenmasse, die ihm zuhört (vgl. ebd., S. 125). Er beginnt seine Augen auf die Zuhörer zu richten.

Nr. 3

Nun beginnt einer der häufigen Wechsel zwischen der Fokussierung auf Franz Biberkopf und der Fokussierung auf seine Zuhörer, welcher an eine Schuss-Gegenschuss-Montage erinnert. Bei diesem Modell ist wichtig zu sagen, dass das Publikum – auch wenn es gefilmt wird – nie spricht, sondern dass stets Biberkopfs Stimme im Off zu hören ist. Dadurch wird hervorgehoben, welche Reaktion Biberkopfs Ansprache auf die Menschen hat (vgl. ebd., S. 127). Die Zuhörer sind interessiert und belustigt. Sie werden in einer Nahaufnahme aus einem high shot gefilmt, was wiederum darstellen soll, dass Biberkopf in diesem Moment des Verkaufens über den potenziellen Käufern steht. Diese Erhöhung verleiht ihm zum ersten Mal im Film eine gewisse Macht und Stärke. Im weiteren Verlauf wird die Analyse der Zuschauermenge oder einzelner Zuschauer sowie die Analyse von Nahaufnahmen auf Biberkopf beim Verkaufen reduziert, da sonst der Rahmen der Hausarbeit gesprengt werden würde.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Vogelperspektive auf die Zuschauermenge (TC: 00:13:33).

Nr. 4

Die Kamera filmt in einer Super-Totale auf das Treiben auf dem Alexanderplatz. Den Alexanderplatz in einer Totale zu sehen distanziert den Zuschauer von der dargestellten Stadt und von dem Treiben in ihr (vgl. Korte 2010, S. 36). Eine weitere Interpretation durch diese Einstellung, den Establishing Shot, ist, dass sich der Zuschauer erstmals räumlich orientieren kann, Zusammenhänge verstehen kann und weiß, dass sich die Szenerie nun beim Alexanderplatz befindet (vgl. ebd., S. 36). Im Zentrum dieses Bildes sieht der Zuschauer Biberkopf mit seinen Zuhörern, wobei Biberkopfs Stimme den Lärm auf dem Alexanderplatz übertönt, was dafür spricht, dass Biberkopf immer weniger von der Stadt irritiert ist. Die Einbeziehung des Alexanderplatzes in diese Szene ist insofern relevant, als dass sie Biberkopfs Stärke gegenüber dem städtischen Geschehen beschreibt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Establishing-Shot auf den Alexanderplatz (TC: 00:13:37).

Nr. 5

Abwechselnd wird Biberkopf in einer Nahaufnahme aus leichter Bauchsicht beim Verkaufsgespräch gezeigt sowie einzelne Zuhörer in einer Nahaufnahme aus einem high shot. Dies hat zur Folge, dass der Zuschauer sich eher mit Biberkopf und seinen Zuhörern identifiziert und sich durch die Totalen auf den Alexanderplatz von Berlin distanziert (vgl. ebd., S. 36). Biberkopf spricht direkt das Publikum an, was zur Arbeiterschicht zu gehören scheint, die sich beim Schlipskauf verraten und betrogen fühlen. Biberkopf schafft eine emotionale Beziehung zu seinen Zuhörern, indem er sich in seiner Rede deren Schicht zuordnet.

[...]

Details

Seiten
24
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668236684
ISBN (Buch)
9783668236691
Dateigröße
860 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v334003
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,0
Schlagworte
berlin alexanderplatz raum film

Autor

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Titel: "Berlin Alexanderplatz" (1931). Der Alexanderplatz als öffentlicher Raum im Film