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Entscheidungsverhalten bei Personen mit Alkoholabhängigkeit. Eine Elektroenzephalogramm-Studie

Masterarbeit 2015 87 Seiten

Psychologie - Biologische Psychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Alkoholabhängigkeit
2.1 Terminologie
2.2 Epidemiologie
2.3 Klassifikation der alkoholverursachten Störungen nach ICD-10
2.4 Klassifikation der alkoholverursachten Störungen nach DSM-V

3. Entscheidungsverhalten
3.1 Begriffsbestimmung
3.2 Entscheidungen unter Risiko

4. Präfrontaler Kortex
4.1 Beschreibung des Präfrontalen Kortex
4.1.1 Präfrontaler Kortex und Entscheidungsverhalten
4.1.2 Entscheidungsrelevante Regionen des Präfrontalen Kortex
4.1.3 Folgen einer Läsion des Präfrontalen Kortex auf das Entscheidungsverhalten
4.2 Der Fall Phineas Gage
4.3 Theorie der somatischen Marker

5. Folgen der Alkoholabhängigkeit
5.1 Kognitive Auswirkungen des chronischen Alkoholkonsums
5.2 Einfluss von Alkoholabhängigkeit auf das Entscheidungsverhalten

6. Elektroenzephalogramm
6.1 Grundlagen des Elektroenzephalogramms
6.2 Messung von Potentialveränderungen via Elektroenzephalogramm
6.3 Ableitung
6.4 Signalverarbeitung

7. Ereigniskorrelierte Potentiale
7.1 Mittelung
7.2 Einige prominente EKP – Komponenten
7.3 P300

8. Ereigniskorrelierte Potentiale und das Entscheidungsverhalten bei Alkoholabhängigen

9. Zusammenfassung

10. Zielsetzung, Fragestellungen, Hypothesen
10.1 Ziele der Untersuchung und Fragestellungen
10.2 Hypothesen
10.2.1 Unterschiedshypothesen
10.2.2 Zusammenhangshypothesen

11. Empirischer Teil
11.1 Methode
11.2 Untersuchungsplan und intendierte Stichprobe

12. Erhebungsinstrumente
12.1 Psychologische Diagnostik
12.2 Verfahren zur Untersuchung der exekutiven Funktionen
12.2.1 Wisconsin Card Sorting Test
12.2.2 Trail Making Test
12.2.3 The Hayling and Brixton Tests
12.3 Verfahren zur Untersuchung des Entscheidungsverhaltens
12.3.1 Iowa Gambling Task
12.3.2 Game of Dice Task

13. Untersuchung
13.1 Untersuchungsdurchführung
13.2 Auswertungsverfahren
13.3 Voraussetzungen
13.4 EEG-Aufzeichnung und Datenanalyse der EKPs
13.5 Soziodemografische Beschreibung der Untersuchungspersonen

14. Ergebnisdarstellung
14.1 Beantwortung der Fragestellungen
14.1.1 Fragestellung 1: Unterscheiden sich PatientInnen mit Alkoholabhängigkeit und nicht alkoholabhängige Personen in ihren exekutiven Funktionen und ihrem Entscheidungsverhalten?
14.1.2 Fragestellung 2: Besteht zwischen exekutiven Funktionen und dem Entscheidungsverhalten alkoholabhängiger Personen ein Zusammenhang?

15. Diskussion

16. Zusammenfassung

17. Abstract

18. Abstract (englische Version)

19. Literaturverzeichnis

20. Abbildungsverzeichnis

21. Tabellenverzeichnis

22. Abkürzungsverzeichnis

Danksagung

Ich möchte ich mich bei allen Personen, die mir bei der Umsetzung meiner Masterarbeit geholfen haben herzlichst bedanken.

1. Einleitung

Die Alkoholabhängigkeit zählt weltweit zu den am weitest verbreitetsten psychischen Störungen und ist assoziiert mit erheblichen persönlichen, gesellschaftlichen und ökonomischen Kosten (Haberstick et al., 2014). Neben diversen Schädigungen körperlicher sowie kognitiver Funktionen, ist besonders das Entscheidungsverhalten von Personen mit Alkoholabhängigkeit beeinträchtigt (Kalwa, 2013). Genauso wie PatientInnen mit Läsionen im präfrontalen Kortex wählen PatientInnen mit Alkoholabhängigkeit meist eine Entscheidung, die zu sofortiger Belohnung führt, während sie das Risiko damit einhergehender negativer Konsequenzen, wie den Verlust der Wohnstätte, Arbeit oder Familie ignorieren (Bechara, 2003). Einige Studien weisen auf einen Zusammenhang zwischen einem dysfunktionalen präfrontalen Kortex und einem beeinträchtigten Entscheidungsverhalten bei Alkoholabhängigen hin (Barry & Petry, 2008; Bechara et al., 2001; Chanraud et al., 2007; Loeber et al., 2009; Ratti, Bo, Giardini & Soragna, 2002).

Untersuchungen des Entscheidungsverhaltens mittels Elektroenzephalogramm sind für ein tieferes Verständnis der neuropsychologischen Grundlagen des Entscheidungsverhaltens bei Personen mit Alkoholabhängigkeit dringend notwendig. Ereigniskorrelierte Potentiale (EKP) liefern wichtige Informationen über die Sensitivität des Gehirns hinsichtlich der Verarbeitung unterschiedlicher Risiken (Schuermann, Endrass & Kathmann, 2012). Zudem können mittels EKP-Studien subtile kognitive Defizite untersucht werden (Ibanez et al., 2012; Porjesz & Begleiter, 1995).

Das Ziel der vorliegenden Masterarbeit ist es, die Schädigung des präfrontalen Kortex bei PatientInnen mit Alkoholabhängigkeit und die Auswirkungen auf deren Entscheidungsverhalten zu erforschen. Es wird demnach untersucht, ob die exekutiven Fähigkeiten einen Beitrag zu der Beziehung zwischen Alkoholabhängigkeit und defizitärem Entscheidungsverhalten leisten. Wobei das Entscheidungsverhalten zusätzlich mittels ereigniskorrelierter Potentiale untersucht wird, um Aufschluss über die neuropsychologischen Grundlagen des Entscheidungsverhaltens bei Personen mit Alkoholabhängigkeit zu erhalten.

Den Aufbau dieser Masterarbeit betreffend wird zuerst auf die Klassifikation der Alkoholabhängigkeit nach ICD-10 und DSM-V eingegangen. Anschließend erfolgt eine Auseinandersetzung mit dem theoretischen Hintergrund der Schädigung des präfrontalen Kortex bei Personen mit Alkoholabhängigkeit und den Auswirkungen auf deren Entscheidungsverhalten, sowie mit der Funktionsweise und Bedeutung ereigniskorrelierter Potentiale. Das Kapitel zur Beschreibung ereigniskorrelierter Potentiale wird aufgrund seiner bedeutsamen Position in der neuropsychologischen Forschung sowie in dieser Studie ausführlicher beschrieben. Anschließend folgt der empirische Teil der Arbeit, samt Methode, Untersuchung und Ergebnissen. Die Diskussion der Resultate rundet diese Masterarbeit ab.

2. Alkoholabhängigkeit

In diesem Kapitel geht es um die Darstellung der Alkoholabhängigkeit. Zunächst wird

der Begriff Alkoholabhängigkeit näher erläutert und kurz auf die epidemiologischen Daten eingegangen. Im weiteren Verlauf wird die Klassifikation der Alkoholabhängigkeit nach ICD-10 und DSM-V aufgezeigt.

2.1 Terminologie

Die Autoren Feuerlein, Küfner & Soyka (1998, S. 1) geben an, dass der Terminus (chronischer) Alkoholismus 1852 von dem schwedischen Arzt Huss zur Bezeichnung körperlicher Folgeschäden von übermäßigem Alkoholkonsum geprägt wurde. In der Umgangssprache bezeichnet man damit ein Konstrukt, das verschiedene zu trennende Phänomene umfasst. Alkoholmissbrauch (bzw. schädlichen Gebrauch) einerseits und Alkoholabhängigkeit andererseits (Feuerlein, Küfner & Soyka, 1998, S. 2).

2.2 Epidemiologie

Die Alkoholabhängigkeit ist Fröhlich (2010, S. 53) zufolge, die in den westlichen Ländern am stärksten verbreitete Form der Abhängigkeit, „unter anderem wegen der leichten sowie legalen Beschaffung des Alkohols, seiner direkten subjektiven belastungslindernden Wirkung, sowie der Einbettung des Alkoholtrinkens in das Netz alltäglicher sozialer Gewohnheiten“. Schätzungen zufolge trinken im angloamerikanischen Raum nur „6% der Bevölkerung überhaupt keinen Alkohol“ (Kryspin-Exner, Jagsch & Lueger-Schuster, 2011, S. 61). Nach Falkai und Wittchen (2015, S. 680) erfüllen „aktuell geschätzte 3.6% der Weltbevölkerung (15-bis 64-Jährige) die Kriterien der Alkoholkonsumstörung“, welche mit der Alkoholabhängigkeit gleichzusetzten ist. In Österreich leiden circa „5% der Jugendlichen und Erwachsenen ab dem 15. Geburtstag unter Alkoholabhängigkeit, das sind rund 360.000 Personen“ (Uhl, Bachmayer, Puhm, Strizek, Kobrna & Musalek, 2013, S. 35). Haberstick et al. (2014, S. 159) demonstrieren mit ihrer Studie zur Prävalenz substanzbedingter Störungen in der US-amerikanischen Bevölkerung, dass die Lebenszeitprävalenzraten von Alkoholmissbrauch bei 11.8% und von Alkoholabhängigkeit bei 13.2% liegen. Die Autoren betonen zudem, dass Männer ein höheres Risiko haben an einer substanzbedingten Störung zu erkranken als Frauen. Barlow und Durand (2009) gehen von einem multidimensionalen Modell zur Entstehung psychischer Störungen aus, welches eine Interaktion zwischen biologischen, verhaltensbezogenen, emotionalen und kognitiven, sowie sozialen Faktoren als entscheidend für die Entstehung einer psychischen Krankheit ansieht. Auch Fröhlich (2010, S. 53) nimmt als Erklärungsmodell zur Entstehung der Alkoholabhängigkeit eine „komplexe soziale, psychische und physiologische Bedingungsstruktur“ an. Die Alkoholabhängigkeit tritt oft gemeinsam mit anderen Störungen auf. Überwiegend mit psychischen, insbesondere mit den affektiven Störungen (depressive oder bipolare Episoden) besteht eine hohe Komorbidität (Cantrell, Finn, Rickert & Lucas, 2008; Kryspin-Exner, Jagsch & Lueger-Schuster, 2011).

2.3 Klassifikation der alkoholverursachten Störungen nach ICD-10

Die Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme, herausgegeben von der Weltgesundheitsorganisation (WHO), ist ein weltweit anerkanntes Diagnoseklassifikationssystem der Medizin (Dilling & Freyberger, 2006). Gemäß der 10. Ausgabe der International Classification of Diseases and Related Health Problems (ICD-10) handelt es sich bei „krankhaftem Alkoholgebrauch um eine Gruppe von Verhaltens-, kognitiven und körperlichen Phänomenen, die sich nach wiederholtem Substanzgebrauch entwickeln“ (Dilling & Freyberger, 2006, S. 74). Die Gruppe F10 beschreibt psychische Störungen und Verhaltensstörungen durch Alkohol (Dilling & Freyberger, 2006).

Bei der Diagnose Alkoholabhängigkeitssyndrom (F10.2) handelt es sich wie bereits erwähnt um eine „Gruppe körperlicher, Verhaltens- und kognitiver Phänomene, die sich nach wiederholtem Alkoholgebrauch entwickeln“ (Dilling & Freyberger, 2006, S. 74). Dilling & Freyberger (2006, S. 74) führen an, dass typischerweise ein starker Wunsch Alkohol zu konsumieren, eine verminderte Kontrolle über den Alkoholkonsum und ein anhaltender Alkoholgebrauch trotz schädlicher Folgen besteht. Dem Alkoholgebrauch wird Vorrang vor anderen Aktivitäten und Verpflichtungen gegeben. Es entwickelt sich eine Toleranzerhöhung, der Abhängige benötigt immer mehr Alkohol, um die ursprüngliche Wirkung zu erreichen. Dies führt zu einer Dosissteigerung (Dilling & Freyberger, 2006, S. 74).

Es gelten folgende diagnostische Leitlinien nach Dilling & Freyberger (2006, S. 74):

Die Diagnose Abhängigkeit soll nur dann gestellt werden, wenn drei oder mehr der folgenden Kriterien zusammen mindestens einen Monat lang bestanden haben. Falls sie nur für eine kürzere Zeit gemeinsam aufgetreten sind, sollten sie innerhalb von zwölf Monaten wiederholt bestanden haben.

1. Ein starkes Verlangen oder eine Art Zwang, Alkohol zu konsumieren.
2. Verminderte Kontrolle über den Substanzgebrauch, das heißt über Beginn, Beendigung oder die Menge des Alkoholkonsums. Dies wird daran deutlich, dass oft mehr Alkohol oder über einen längeren Zeitraum konsumiert wird als geplant oder an dem anhaltenden Wunsch oder erfolglosen Versuchen den Alkoholkonsum zu verringern oder zu kontrollieren.
3. Ein körperliches Entzugssyndrom, z. B. Insomnie, Schwitzen, Übelkeit, wenn der Alkohol reduziert oder abgesetzt wird. Gebrauch von Alkohol oder einer sehr ähnlichen Substanz mit dem Ziel Entzugssymptome zu mildern oder zu vermeiden.
4. Nachweis einer Toleranzentwicklung gegenüber den Wirkungen des Alkohols. Für eine Intoxikation oder um den gewünschten Effekt zu erreichen, müssen zunehmend größere Mengen Alkohol konsumiert werden oder es treten bei fortgesetztem Konsum derselben Menge deutlich geringere Effekte auf.
5. Einengung auf den Alkoholgebrauch, welcher an der Aufgabe oder Vernachlässigung anderer wichtiger Vergnügen oder Interessensbereiche deutlich wird. Oder es wird viel Zeit dafür angewendet, den Alkohol zu bekommen, zu konsumieren oder sich davon zu erholen.
6. Anhaltender Alkoholkonsum trotz eindeutig schädlicher Folgen, über die sich der Betroffene bewusst ist oder bewusst sein könnte. Die schädlichen Folgen können körperlicher Art, wie z.B. Leberschädigung durch exzessives Trinken, sozialer Art, wie beispielsweise der Arbeitsplatzverlust durch eine substanzbedingte Leistungseinbuße, oder psychischer Art, zum Beispiel depressive Zuständen nach massivem Substanzkonsum sein (Dilling & Freyberger, 2006, S. 74-76).

2.4 Klassifikation der alkoholverursachten Störungen nach DSM-V

Der diagnostische und statistische Leitfaden psychischer Störungen (DSM) ist ebenfalls ein Klassifikationssystem, welches jedoch von der American Psychiatric Association herausgegeben wird (Saß, Wittchen & Zaudig, 1996). Nach DSM-V gilt die Alkoholkonsumstörung als ein „problematisches Muster von Alkoholkonsum, das in klinisch bedeutsamer Weise zu Beeinträchtigungen oder Leiden führt“ (Falkai & Wittchen, 2015, S. 675). Die Störung durch Alkoholkonsum wird laut DSM-V (Falkai & Wittchen, 2015, S. 675) entwickelt, wenn mindestens zwei der folgenden Symptome in einer 12-Monatsperiode auftreten:

1. Alkohol wird oft in großen Mengen oder länger als beabsichtigt konsumiert.
2. Es besteht beim Patienten der anhaltende Wunsch, oft begleitet von erfolglosen Versuchen, den Alkoholkonsum zu verringern oder zu kontrollieren.
3. Hoher Zeitaufwand, um Alkohol zu beschaffen, zu konsumieren oder sich von seiner Wirkung zu erholen.
4. Craving, oder ein starkes Verlangen, Alkohol zu konsumieren.
5. Wiederholter Alkoholkonsum der zu einem Versagen bei der Erfüllung wichtiger Verpflichtungen bei der Arbeit, in der Schule oder zu Hause führt.
6. Fortgesetzter Alkoholkonsum trotz ständiger oder wiederholter sozialer oder zwischenmenschlicher Probleme, die durch die Auswirkungen von Alkohol verursacht oder verstärkt werden.
7. Wichtige soziale, berufliche oder Freizeitaktivitäten werden aufgrund des Alkoholkonsums aufgegeben oder eingeschränkt.
8. Wiederholter Alkoholkonsum in Situationen, in denen der Konsum zu einer körperlichen Gefährdung führt.
9. Fortgesetzter Alkoholkonsum trotz Kenntnis eines anhaltenden oder wiederkehrenden körperlichen oder psychischen Problems, das wahrscheinlich durch Alkohol verursacht oder verstärkt wurde.
10. Toleranzentwicklung, wird durch eines der folgenden Kriterien definiert:
a. Es besteht ein Verlangen nach Dosissteigerung, um einen Intoxikationszustand oder erwünschten Effekt herbeizuführen.
b. eine deutlich verminderte Wirkung bei fortgesetztem Konsum derselben Menge an Alkohol.
11. Entzugssymptome äußern sich durch eines der folgenden Kriterien:
a. Nach Beendigung eines schweren und langandauernden Alkoholkonsums kommt es innerhalb einiger Stunden oder weniger Tage zu mindestens zwei der folgenden Symptome: vegetative Hyperaktivität (z.B. Schwitzen oder Herzfrequenz über 100 Schläge/Min.), Handtremor, Insomnie, Übelkeit oder Erbrechen, vorübergehende visuelle, taktile oder akustische Halluzinationen oder Illusionen, psychomotorischer Agitiertheit, Angst oder/und Krampfanfälle. Infolgedessen wird oft dieselbe oder eine sehr ähnliche Substanz eingenommen, um diese Symptome zu mindern.
b. Alkohol (oder eine sehr ähnliche Substanz, wie etwa Benzodiazepine) wird konsumiert, um Entzugssymptome zu lindern oder zu vermeiden (Falkai & Wittchen, 2015, S. 675-677).

3. Entscheidungsverhalten

Dieses Kapitel widmet sich der Definition der Entscheidung, dem Prozess und den Determinanten der Entscheidungsfindung, sowie der Entscheidungsfindung unter Risiko. Das Treffen von Entscheidungen stellt eine der wichtigsten Funktionen im täglichen Leben dar. Die Auswirkungen eines gestörten Entscheidungsverhaltens können enorme Probleme in sozialen, gesundheitlichen und finanziellen Bereichen bereiten. Neben diversen psychischen Störungen, steht speziell die Alkoholabhängigkeit in Zusammenhang mit einer Beeinträchtigung des Entscheidungsverhaltens im Sinne nachteilhafter Entscheidungen (Bechara & Damasio, 2002).

3.1 Begriffsbestimmung

Allgemein definiert Fröhlich (2010, S. 167) die Entscheidung als „Wahl einer bestimmten Richtung des Handelns oder Reagierens in einer mehrere Möglichkeiten enthaltenden Situation.“ Jungermann, Pfister und Fischer (1998, S. 7) betrachten Situationen in denen sich eine Person zwischen mindestens zwei Optionen entscheidet als Gegenstand der Entscheidungsforschung. Optionen können Objekte (z.B. zwei Automarken), Handlungen (z.B. bei Rot über den Zebrastreifen gehen oder auf die nächste Grünphase warten) oder Strategien (z.B. rationales versus emotionales Vorgehen) sein. Die Entscheidung wird als handelnder Vollzug aufgefasst und manifestiert sich in der Wahl eines bestimmten Gegenstandes, Denkweges oder Reaktionsmusters in einer mehrdeutigen Situation (Fröhlich, 2010, S. 167; Buelow & Suhr, 2009; Jungermann, Pfister & Fischer, 1998). Konsequenzen sind die Folgen, welche sich aus der Wahl einer bestimmten Option ergeben (Kirchler & Schrott, 2011, S. 521). Die Konsequenzen einer Entscheidung können sicher oder unsicher, eindimensional oder mehrdimensional sein (Jungermann, Pfister & Fischer, 1998, S. 8). Nach Bechara (2005) ist die Entscheidungsfindung eine kognitive Funktion, die für die Reflektion der Konsequenzen einer bestimmten Entscheidung zuständig ist.

Jungermann, Pfister und Fischer (1998, S. 8) zufolge setzt der Prozess der Entscheidung Wissen und Motivation voraus und ist zudem oft abhängig von Emotionen. Mit Wissen ist gemeint, dass der Entscheider versteht, dass er bestimmte Optionen zur Auswahl hat und weiß um welche es sich handelt. Er greift auf seine Erfahrungen mit ähnlichen Situationen sowie auf seine Kenntnisse bezüglich möglicher Konsequenzen der gegebenen Optionen zurück (Jungermann, Pfister und Fischer, 1988, S. 8). Es kommt demnach zur Wissensaktivierung, um den Prozess der Entscheidungsfindung zu unterstützen. Je weniger Wissen vorhanden ist, desto schwieriger wird eine Entscheidung (Jungermann, Pfister und Fischer, 1998, S. 8). Jedoch reicht das Vorhandensein von Wissen nicht aus, um eine optimale Entscheidung zu fällen. Es bedarf auch der Motivation, also des Willens, das Wissen adäquat anzuwenden, vorherrschende Fakten zu verknüpfen und eine gute Lösung zu finden (Kirchler & Schrott, 2011). Zudem haben Emotionen einen erheblichen Einfluss auf das Entscheidungsverhalten (Bechara, 2005; Suhr & Tsanadis, 2007). Bei der Rolle von Emotionen im Entscheidungsverhalten wird zwischen aktuellen Stimmungen und Gefühlen, die unabhängig vom Entscheidungsproblem beim Individuum entstanden sind, wie beispielsweise Traurigkeit und solchen Emotionen, die sich direkt aus der Bewertung der Handlungskonsequenzen ergeben, wie zum Beispiel Freude nach einem Lotteriegewinn unterschieden (Jungermann, Pfister & Fischer 1998, S. 8). Kirchler und Schrott (2011, S. 525) betonen, dass sich beide „Quellen emotionaler Färbungen auf die Leistungsmotivation, das Anspruchsniveau, die Frustrationstoleranz oder die Rationalität der Entscheidungsfindung auswirken und damit eine Entscheidung erleichtern oder schwieriger gestalten.“

3.2 Entscheidungen unter Risiko

Kirchler und Schrott (2011, S. 526) verstehen unter riskanten Entscheidungen, diejenigen Entscheidungen, deren „Konsequenzen nicht mit Sicherheit, sondern mit unterschiedlich hoher Wahrscheinlichkeit eintreten“. Risiko wird als „Ausmaß der Unsicherheit mit dem eine Entscheidung und deren Folgen verbunden sind“, bezeichnet (Kirchler & Schrott, 2011, S. 526). Ein einflussreiches Modell des Entscheidungsverhaltens unter Risiko ist die Prospect Theory von Tversky & Kahnemann (1986). Jene Theorie behauptet, dass menschliche Entscheidungsträger eher risiko-vermeidend sind, wenn sie zwischen Alternativen wählen. Dennoch wurde gezeigt, dass riskantes Verhalten vom Kontext abhängig ist, das heißt Risikoaversion steigt nach Gewinnen und sinkt nach Verlusten (Tversky & Kahnemann, 1986).

4. Präfrontaler Kortex

In diesem Kapitel wird zuerst der präfrontale Kortex (PFC) beschrieben, um dann eine Verbindung des PFC zu dem Entscheidungsverhalten herstellen zu können. Anschließend wird auf die Folgen einer Läsion des PFC auf das Entscheidungsverhalten, sowie auf zwei paradigmatische Fälle in der Geschichte der Erforschung des Frontallappens eingegangen. Die Erklärung der Theorie der somatischen Marker rundet dieses Kapitel ab.

4.1 Beschreibung des Präfrontalen Kortex

Der Kortex, eine dünne graue Nervenzellschicht, welche sich unmittelbar unter der vielfach gefurchten Hirnoberfläche befindet, wird grob-anatomisch in vier Lappen eingeteilt. Und zwar in den lobus frontalis, lobus parietalis, lobus temporalis und in den lobus occipitalis (Fröhlich, 2010, S. 295). Der präfrontale Cortex, welcher in der Evolution spät entstanden ist und sich ontogenetisch langsam entwickelt hat, nimmt den vorderen Rindenteil des lobus frontalis ein (Birbaumer & Schmidt, 2010). Fuster (2009) unterteilt den präfrontalen Kortex in einen orbitofrontalen, medialen und lateralen Bereich. Der laterale präfrontale Kortex wird weiters in einen dorsolateralen und ventrolateralen Anteil gegliedert. Der PFC besitzt direkte oder indirekte Verbindungen mit den heteromodalen kortikalen Assoziationsarealen, allen sensorischen Assoziationsarealen, den Basalganglien, dem Thalamus, den limbischen Hirnstrukturen inklusive der Amygdala und dem Hippocampus, außerdem mit dem Hypothalamus, der Septalregion und dem Hirnstamm (Gruber, Arendt & Cramon, 2005, S. 17). Jene Verbindungen sind unter Ausnahme der Basalganglien reziprok. Die Basalganglien werden vom PFC nicht in reziproker Weise innerviert (Gruber, Arendt & Cramon, 2005, S. 17). Es bestehen vielfältige neuronale Verknüpfungen, wobei die „Fäden“ im Frontallappen zusammenlaufen, hier wird letztlich entschieden, ob ein bestimmtes Verhalten gezeigt wird oder nicht.

4.1.1 Präfrontaler Kortex und Entscheidungsverhalten

Fuster (2009) beschreibt den präfrontalen Kortex als organische Basis diverser kognitiver Leistungen sowie exekutiver Funktionen. Giancola und Moss (1998) verstehen unter exekutiven Funktionen Kontroll- und Steuerungsprozesse, die uns dazu befähigen, planmäßig aber flexibel, zielgerichtet und effektiv zu handeln. Zu den exekutiven Funktionen des PFC zählen unter anderem Antizipation von Handlungskonsequenzen, Aufmerksamkeitskontrolle, Hypothesengenerierung, Entscheidungsverhalten, abstraktes Denken, Planung zukünftiger Handlungen, kognitive Flexibilität, Handlungsinitiierung, Lösen neuer Probleme anhand bereits gemachter Erfahrungen, zielgerichtete Koordination und Sequenzierung von Handlungen, Organisation und Nutzung von Informationen aus dem Arbeitsgedächtnis sowie die Hemmung impulsiver Reaktionen (Cordovil de Sousa Uva et al., 2010; Crews & Boettinger, 2009; Giancola & Moss, 1998; Krawczyk, 2002; Ratti, Bo, Giardini & Sorogna, 2002).

Krawcyzk (2002) betont die Wichtigkeit der Rolle des PFC bezüglich der Aspekte des menschlichen Entscheidungsverhaltens. Hinsichtlich des Entscheidungsverhaltens sollte der PFC jedoch nicht als autonome Entscheidungseinheit verstanden werden, da er wie bereits oben erwähnt mit diversen anderen Gehirnarealen interagiert. Besonders die Basalganglien und die Amygdala sind beim Entscheidungsprozess bezüglich belohnender Reize von Relevanz (Bechara & Damasio, 2002; Gruber, Arendt & Cramon, 2005).

4.1.2 Entscheidungsrelevante Regionen des Präfrontalen Kortex

Der orbitofrontale und ventromediale Bereich des PFC gelten als die wichtigsten Regionen hinsichtlich des Treffens einer Entscheidung. Zudem sind sie für die affektive Tönung der Attribute und Optionen einer Entscheidung zuständig (Kalwa, 2013; Krawcyzk, 2002). Eine Schädigung des orbitofrontalen Kortex (OFC) hat profunde Auswirkungen auf das Entscheidungsverhalten (Krawczyk, 2002). Nach Krawczyk (2002, S. 643) führt eine Beeinträchtigung des OFC zu dem Unvermögen negative zukünftige Konsequenzen einer unmittelbaren Handlung richtig einzuschätzen und folglich zu vermeiden. Wenn bei einer Entscheidung multiple Informationsquellen betrachtet werden, ist der dorsolaterale präfrontale Kortex (DLPFC) aktiv. Der DLPFC ist für die Aufrechterhaltung und Manipulation von Informationen im Arbeitsgedächtnis verantwortlich (Krawczyk, 2002). So wie der OFC, spielt auch der DLPFC bei Entscheidungsprozessen eine relevante Rolle. Er besitzt eine Schlüsselrolle im Nachdenken über potentielle Optionen, ist demnach in jede Entscheidung involviert, welche bewusstes Nachdenken erfordert (Krawczyk, 2002). Weiters weisen Birbaumer und Schmidt (2002, S. 788) darauf hin, dass der DLPFC für die Herstellung von stabilen Kontingenzen zwischen Reaktion und deren langfristigen Folgen zuständig ist. Demzufolge ist er in den Aufbau stabiler Erwartungshaltungen involviert. Störungen des Arbeitsgedächtnisses und der Handlungsplanung werden mit Funktionsstörungen des dorsolateralen präfrontalen Kortex in Zusammenhang gebracht. Wohingegen Störungen der Handlungsbewertung und Impulskontrolle mit einer Beeinträchtigung des orbitofrontalen Kortex verbunden sind (Heinz, Smolka & Mann, 2005, S. 354). Das Entscheidungsverhalten ist jedoch das Ergebnis der Kooperation aller präfrontalen Areale (Fuster, 2009).

4.1.3 Folgen einer Läsion des Präfrontalen Kortex auf das Entscheidungsverhalten

Die Bedeutung des PFC hinsichtlich des Entscheidungsverhaltens wird durch diverse Studien belegt, welche ein gestörtes Entscheidungsverhalten bei PatientInnen mit dauerhaften Läsionen des PFC feststellten (Bechara & Damasio, 2002; Bechara et al., 2001). Es ist bekannt, dass Läsionen im Frontallappen zu einem Verlust der Zukunftsorientierung des Verhaltens führen (Bechara et al., 2001). Das Verhalten wird schwer im Voraus planbar bzw. vorhersagbar, irregulär oder extrem stereotyp sowie perseverativ. Weitere Funktionsausfälle nach Läsion des PFC sind die Unfähigkeit ablenkende Reize zu ignorieren und bei dem ursprünglich intendierten Verhalten zu bleiben, die Handlungen anderer nachzuvollziehen, Risikofreude und Regelverletzung, ein gestörtes sozialemotionales Verhalten sowie ein defizitäres Arbeitsgedächtnis. Die Fertigkeit der Selbstkontrolle, also direkte Verstärker zugunsten langfristiger Belohnungen aufzuschieben, ist nach Schädigung des PFC ebenfalls beeinträchtigt (Bechara & Damasio, 2002; Birbaumer & Schimdt, 2010, S. 790f.).

4.2 Der Fall Phineas Gage

Einen der berühmtesten Fälle hinsichtlich der Folgen einer Schädigung des PFC stellt der Amerikaner Phineas Gage dar. Er ging als erster und zugleich paradigmatischer Fall in die Geschichte der Erforschung des Frontallappens ein (Birbaumer & Schmidt, 2010, S. 790). Phineas Gage war ein sehr gewissenhafter Sprengmeister sowie vorbildlicher Familienvater. Dies kehrte sich nach einem Arbeitsunfall jedoch ins Gegenteil um. Bei einer frühzeitigen Detonation drang ein Eisenstab in seinen vorderen Schädel sowie in sein Gehirn ein. Nachdem seine Wunden verheilt waren, erwies sich seine Intelligenz als unbeeinträchtigt, sein Gedächtnis als gut und die Sinnesfunktionen und Bewegungsabläufe als intakt. Veränderungen wies der Sprengmeister unter anderem in seinem Sozialverhalten auf. Seine Familie und seine Arbeit waren nicht mehr von Interesse für ihn, er lebte in den Tag hinein, plante nicht mehr, wurde vulgär, unverantwortlich und unzuverlässig. Viele seiner positiven Eigenschaften wendeten sich zum Negativen. Darüber hinaus kam es zu einer Störung seiner Entscheidungsfähigkeit. Er traf Entscheidungen, die seinen Interessen zuwiderlaufen, er konnte seine Zukunft nicht mehr vernünftig planen. Zudem lernte der ehemals beispielhafte Sprengmeister nicht aus seinen Fehlern, was sich in wiederholten Entscheidungen mit negativen Konsequenzen spiegelte. Es folgte der berufliche und soziale Abstieg (Bechara, 2003; Birbaumer & Schmidt, 2010, S. 790).

Im Zuge seines Arbeitsunfalles wurden große Teile des PFC, besonders die Region des ventromedialen präfrontalen Kortex zerstört. In Folge dessen fiel eine Gruppe spezifischer kognitiver Leistungen aus, die für das Sozialverhalten und Entscheidungsverhalten äußerst relevant sind (Bechara, 2003; Birbaumer & Schmidt, 2010, S. 790). Der Fall Phineas Gage verdeutlichte, dass der Frontallappen wahrscheinlich das neuronale Substrat des Planens und Ausführens sozial angemessenen und zielgerichtetem Verhaltens, sowie des Entscheidungsverhaltens repräsentiert (Bechara, 2003; Giancola & Moss, 1998).

4.3 Theorie der somatischen Marker

Der Theorie der somatischen Marker zufolge ist der Prozess der Entscheidungsfindung abhängig von Emotionen (Bechara & Damasio, 2002; Buelow & Suhr, 2009). Defizite des emotionalen Signalisierens führen zu mangelhaftem Entscheidungsverhalten (Bechara & Damasio, 2002). Laut jener Theorie werden alle Erfahrungen, die ein Mensch im Laufe seines Lebens macht, in einem emotionalen Erfahrungsgedächtnis gespeichert. Dieses Erfahrungsgedächtnis äußert sich in Form von somatischen Markern, eine Art körperliches Signalsystem zur Bewertung von Handlungsalternativen. Somatische Marker sind definiert als alle positiven und/ oder negativen Reaktionen des autonomen Nervensystems, die mit dem Erleben einer bestimmten Situation verknüpft werden. Sie helfen dem Individuum bei der Entscheidungsfindung, indem sie Alternativen aufgrund von bereits gemachter Erfahrung als vorteilhaft oder unvorteilhaft erscheinen lassen (Bechara, 2003; Buelow & Suhr, 2009; Krawczyk, 2002). Somatische Marker werden automatisch und unbewusst durch die ventromedialen Frontallappen in den bewussten Prozess der Entscheidungsfindung integriert. Demzufolge kann ein neurologischer Schaden der Frontallappen den rationalen Entscheidungsprozess beeinträchtigen (Buelow & Suhr, 2009). Die Auslösung eines negativen somatischen Zustandes, wie zum Beispiel Angst, durch Gedanken über negative zukünftige Konsequenzen ist ein Mechanismus der Verhaltenskontrolle, der einer Person bei der Unterlassung einer Handlung hilft. Aktivität innerhalb dieses Systems dient der Kontrolle und Modulation von Verhaltens- und somatischen Reaktionen. Wenn das System für die Entwicklung des somatischen Zustandes durch Gedanken über das Eintreten einer möglichen schwerwiegenden Bestrafung hypoaktiv ist, ist der negative somatische Zustand schwach. Wenn das System für die Entwicklung des somatischen Zustandes durch Gedanken hinsichtlich der Belohnung hyperaktiv ist, ist der positive somatische Zustand stark (Krwaczyk, 2002). In beiden Fällen wird die sofortige Belohnung angestrebt und die verzögerte Bestrafung ignoriert (Bechara & Damasio, 2002). Bechara (2005) geht von einer Hyposensitivität bezüglich zukünftiger positiver oder negativer Folgen und einer Hyperaktivität hinsichtlich sofortiger Belohnung bei Substanzabhängigen aus. Bechara und Damasio (2002) sowie Damasio (1995) sprechen von einer Myopie für die Zukunft bei Substanzabhängigen. Bechara & Damasio (2002) betonen jedoch, dass das Entscheidungsverhalten nicht ausschließlich durch den ventromedialen Kortex geregelt wird, sondern dass andere Komponenten, wie die Amygdala, die Insula-/somatosensorischen Rinde und das periphere Nervensystem ebenfalls eine entscheidende Rolle spielen.

5. Folgen der Alkoholabhängigkeit

Dieses Kapitel beschränkt sich auf die Beschreibung der allgemeinen kognitiven Konsequenzen der Alkoholabhängigkeit und des Einflusses von Alkoholabhängigkeit auf das Entscheidungsverhalten.

5.1 Kognitive Auswirkungen des chronischen Alkoholkonsums

Die Beeinträchtigung der kognitiven Fähigkeiten bei Personen mit Alkoholabhängigkeit reicht von schweren Gedächtnisstörungen bis zur Störung der Fähigkeit sensorische Information zu verarbeiten und zu interpretieren. Die Mehrheit der Alkoholabhängigen leidet unter kognitiver Beeinträchtigung als Folge chronischen Alkoholkonsums (Porjesz & Begleiter, 1995; Thoma et al., 2011). Eine Assoziation zwischen kognitiven Störungen und der Funktion der Frontallappen bei Alkoholabhängigen wurde von Chanraud et al. (2007) berichtet. Dysfunktionen des frontalen Kortex und seiner Assoziationsbahnen münden oft in einer Beeinträchtigung der exekutiven Funktionen (Ratti et al., 2002). Alkoholabhängige mit einer Schädigung des Frontalhirns leiden demzufolge unter einer verminderten Handlungskontrolle, einem defizitären informationsverarbeitenden Mechanismus, sowie unter Beeinträchtigungen der kognitiven Flexibilität, des Entscheidungsverhaltens, des Problemlösens, des Arbeitsgedächtnisses, der Fähigkeit zu planen und störende Reize zu ignorieren, sowie unter einer Schädigung der Fähigkeit zielgerichtetes Verhalten effektiv auszuführen (Bechara et al., 2001; Bechara & Damsio, 2002; Cordovil de Sousa Uva et al., 2010; Crews & Boettinger, 2009; Giancola & Moss, 1998; Heinz, Smolka & Mann, 2005; Kamarajan et al., 2004; Loeber et al., 2009; Nowakowska, Jablkowska & Borkowska, 2008; Ratti et al., 2002; Scheurich, 2005). Nowakowska, Jablkowska, und Borkowska (2008) fanden statistisch signifikante Störungen des Arbeitsgedächtnisses sowie exekutiver Funktionen bei Personen mit Alkoholabhängigkeit im Vergleich zu gesunden Probanden. Loeber et al. (2009) untersuchten die Effekte vorangegangener Detoxifikationen auf die Funktionen des PFC und das Entscheidungsverhalten. Es stellte sich heraus, dass Alkoholiker im Vergleich zur gesunden Kontrollgruppe eine schlechtere Leistung bei Aufgaben hinsichtlich der exekutiven Funktionen erbrachten. Des Weiteren ergaben postmortale Untersuchungen, dass Personen mit Alkoholabhängigkeit weniger neuronale Zellzahlen, besonders in der Region des PFC, im Vergleich zu Nicht-Alkoholikern aufweisen (Giancola & Moss, 1998).

5.2 Einfluss von Alkoholabhängigkeit auf das Entscheidungsverhalten

Einzuschätzen wie riskant eine Entscheidung ist, um so negative Konsequenzen beurteilen zu können, stellt eine bedeutende Funktion des menschlichen Gehirns dar. Bildgebenden Verfahren zufolge stehen der ventromediale präfrontale Cortex, die Amygdala, die Insula, das ventrale Striatum und der anteriorecinguläre Cortex im Zusammenhang mit Risikobewertung (Schuermann, Endrass & Kathmann, 2012). Der Gebrauch von Alkohol kann zu Beeinträchtigung des Erlebens und Verhaltens führen und sowohl kurzfristige als auch längerfristige fehlangepasste Verhaltensmuster zur Folge haben. Franken, Strien, Nijs und Muris (2008) betonen, dass ein geschädigtes Entscheidungsverhalten ein wesentliches Merkmal vieler neuropsychiatrischer Erkrankungen ist. Kalwa (2013) und Le Berre et al. (2013) heben hervor, dass besonders die Alkoholabhängigkeit mit unvorteilhaftem Entscheidungsverhalten assoziiert ist. Auch Euser, Meel, Snelleman und Franken (2011) bestätigen einen Zusammenhang zwischen Alkoholkonsum und riskantem Entscheidungsverhalten. Ein Merkmal der Alkoholabhängigkeit ist, dass das ungünstige Entscheidungsverhalten trotz negativer Konsequenzen, wie beispielsweise dem Verlust der Arbeitsstelle, der Wohnstätte oder/und der Familie beibehalten wird (Bechara, 2003). Personen mit Alkoholabhängigkeit tendieren dazu große sofortige Belohnungen zu präferieren und langfristige negativen Konsequenzen zu ignorieren (Cordovil De Sousa Uva et al., 2010). Bechara und Damasio (2002) bezeichnen diesen Zustand als Myopie gegenüber der Zukunft.

Ein spezifischerer Erklärungsansatz für das suboptimale Entscheidungsverhalten alkoholabhängiger Personen ist die defizitäre Leistung ihres präfrontalen Kortexes.

Der Prozess der Entscheidungsfindung bedarf grundlegender Informationen über die Regeln des Problemlösens, sowie potenzieller Lösungsstrategien. Zudem ist es notwendig das mögliche Risiko und den Wert des Ziels einschätzen zu können (Kalwa, 2013). Schädigungen im Bereich des PFC beeinträchtigen den Prozess der Entscheidungsfindung. Es gibt eine Reihe von Studien mit alkoholabhängigen PatientInnen, die auf einen Zusammenhang zwischen einem dysfunktionalen PFC und einem beeinträchtigten Entscheidungsverhalten hinweist (Bechara et al., 2001; Chanraud et al., 2007; Loeber et al., 2009; Ratti et al., 2002). Le Berre et al. (2013) fanden heraus, dass PatientInnen mit Alkoholabhängigkeit im Vergleich zu gesunden Probanden ein beeinträchtigtes Entscheidungsverhalten, sowie eine Reduktion des Volumens der grauen Substanz, besonders in Regionen, die in den Prozess der Entscheidungsfindung involviert sind, aufweisen. Die Autoren fanden Zusammenhänge zwischen hohem Volumen an Grauer Substanz im ventromedialen PFC, im dorsalen anterioren Gyrus Cinguli und der rechten Hippocampus Formation und hohen Werten im Entscheidungsverhalten (vorteilhafte Entscheidungsfindung), gemessen mit dem Iowa Gambling Task.

Bechara et al. (2001) gelangen zu der Erkenntnis, dass substanzabhängige Personen ähnliche Verhaltensweisen wie PatientInnen mit bilateralen Läsionen des ventromedialen präfrontalen Kortex aufweisen. Sie sind sich ihres Problems nicht bewusst oder leugnen es und sind hypersensitiv in Bezug auf Belohnung. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass ein dysfunktionaler ventromedialer präfrontaler Kortex dazu beiträgt, dass Substanzabhängige trotz nachteiliger Konsequenzen ihre Substanzen fortdauernd konsumieren. Diese schwerwiegende Beeinträchtigung des Entscheidungsverhaltens könnte zur Entstehung, sowie der Aufrechterhaltung ihrer Substanzabhängigkeit beitragen.

In einer verwandten Studie wurden die physiologischen Antworten Substanzabhängiger während der Bearbeitung des Iowa Gambling Tasks untersucht. Bechara et al. (2001) folgerten, dass das ungünstige Entscheidungsverhalten bei einigen Personen mit Substanzabhängigkeit mit einer defizitären Aktivierung des somatischen Zustandes, welcher mit einem dysfunktionalen ventromedialen präfrontalen Kortex assoziiert ist, in Verbindung steht. Eine intakte Aktivität des ventromedialen präfrontalen Kortex würde das Streben nach der Substanz, welches mit sofortiger Belohnung verbunden ist, hemmen. Eine Dysfunktion dieses Prozesses und die abnorme Aktivität im Bereich der Amygdala, welcher das mesolimbische Dopaminsystem, die Hülle des Nucleus accumbens, den Nucleus striae terminalis und den zentralen Kern der Amygdala inkludiert, führen zu einem nachteilhaften Entscheidungsverhalten. Nach Bechara et al. (2001) führt Anomalität im Bereich der Amygdala und der Insula-/somatosensorischen Rinde zu einer übertriebenen Verarbeitung belohnender Aspekte einer Substanz. Des Weiteren betont Höll (2010, S. 91), dass Alkoholabhängige große Schwierigkeiten damit haben, eine Hypothese zu entwickeln und zu testen oder eine Strategie zu wechseln, wenn das bis dato verfolgte Konzept nicht mehr richtig ist. Porjesz und Begleiter (1995) weisen darauf hin, dass Personen mit Alkoholabhängigkeit bei kognitiven Tests eher schnell als präzise vorgehen. Das legt nahe, dass sie auf Stimuli antworten ohne sie vollständig zu evaluieren. Es gelingt ihnen nicht Rückmeldeinformationen von richtigen und falschen Reaktionen zu nutzen. Diese Fähigkeiten werden typischerweise mit dem Wisconsin Card Sorting Test (Kongs, Thompson, Iverson & Heaton, 2000) erfasst.

6. Elektroenzephalogramm

Folgendes Kapitel informiert über die Grundlagen des Elektroenzephalogramms (EEG), die Messung von Potentialveränderungen mittels Elektroenzephalogramm, die Ableitung von spontanem EEG sowie die Signalverarbeitung, um dann gezielt auf ereigniskorrelierte Potentiale eingehen zu können. Am Ende des Kapitels wird noch auf den Zusammenhang zwischen ereigniskorrelierten Potentialen und Alkoholabhängigkeit eingegangen.

6.1 Grundlagen des Elektroenzephalogramms

Das Elektroenzephalogramm (EEG) ist ein Untersuchungsverfahren in der Neurologie, welches uns ermöglicht die generalisierte Aktivität des zerebralen Kortex zu verstehen (Beck, 2006). Die Elektroenzephalographie ist das älteste Verfahren, mit dem Funktionsabläufe, beziehungsweise bioelektrische Potentialveränderungen-/schwankungen des tierischen und menschlichen Gehirns aufgezeichnet werden können (Beck, 2006). Nach Ebner und Deuschl (2006, S. 10) besteht die Aufgabe des EEG-Gerätes technisch betrachtet „in der Erfassung, Verstärkung, Filterung und Darstellung sowie Dokumentation der vom Gehirn generierten elektrischen Aktivität“. Die Wurzeln des EEG liegen in der Arbeit des englischen Physiologen Richard Caton aus dem Jahr 1875. Er tätigte die ersten Messungen von spontanen Spannungsschwankungen am unverletzten Kortex von Hunden und Hasen (Bear, Connors & Paradiso, 2006). Das Elektroenzephalogramm für den Menschen wurde erstmals 1929 von dem deutschen Neurologen und Psychiater Hans Berger beschrieben. Den wichtigsten Stellenwert hat das EEG heute in der Diagnose von epileptischen Erkrankungen und Schlafstörungen sowie in der Diagnose pathologischer Gehirnveränderungen (Bear, Connors & Paradiso, 2006; Fröhlich, 2010; o.V. 2003; Seifert, 2005). Fröhlich (2010, S. 156) betont, dass das Elektroenzephalogramm gleichzeitig eines der bedeutsamsten Forschungsinstrumente der neuropsychologischen und psychophysiologischen Grundlagenforschung sei.

6.2 Messung von Potentialveränderungen via Elektroenzephalogramm

Das EEG misst elektrische Spannungen, welche durch den elektrischen Strom generiert werden, der während der synaptischen Erregung der Dendriten vieler Pyramidenzellen im zerebralen Kortex fließt (Seifert, 2005). Nach Seifert (2005) resultieren die elektrischen Spannungsveränderungen an der Großhirnrinde aus einer Folge von exzitatorischen und inhibitorischen postsynaptischen Potentialen. Sämtliche Bereiche des Gehirns erzeugen elektrische Potenziale, die unmittelbaren Quellen für das von der Kopfoberfläche ableitbare EEG liegen jedoch ganz überwiegend bis ausschließlich im Kortex (Zschocke & Hansen, 1999, S. 4). Es sind viele tausende gemeinsam aktivierte Neuronen notwendig, damit ein EEG Signal sichtbar wird. Die Amplitude des EEG Signals ist in starkem Maße davon abhängig, wie synchron die Aktivität der Neuronen im Kortex ist (Bear, Connors & Paradiso, 2006). Wellach (2011, S. 20) betont, dass eine zunehmend synchrone Entladung der Nervenzellverbände zu einer zunehmenden Anstiegssteilheit der oberflächlich ausgebildeten Potenziale führt.

6.3 Ableitung

Die Ableitung des EEGs erfolgt über Elektroden, die auf dem Skalp der/des Patientin/Patienten angebracht werden. Es werden mehrere Elektroden an Standardpositionen am Skalp befestigt. Jene Elektroden sind über Kabeln mit Verstärkern und Aufzeichnungsgeräten verbunden. In regelmäßigen Zeitabständen wird ein Wert ausgelesen, verstärkt und an einen Computer weitergegeben, der die Daten abspeichert. Zur Verringerung des Hautwiderstandes und um die elektrischen Eigenschaften an der Ableitstelle zu verbessern, ist es notwendig die Haut vor der Elektrodenapplikation zu säubern und leicht aufzurauen. Zudem wird die Elektrode mit einer elektrisch leitenden elektrolythaltigen Paste gefüllt, welche eine Verbindung zwischen Skalp und Elektrode herstellt. Über den elektrischen Widerstand kann die Qualität der Verbindung angegeben werden. Je kleiner der elektrischer Widerstand, desto sauberer ist die Aufzeichnung. Die Methode des EEGs ist non-invasiv und schmerzlos (Bear, Connors & Paradiso, 2006; Ebner & Deuschl, 2006, S. 10; Fröhlich, 2010; o.V. 2003; Seifert, 2005; Wellach, 2011).

Durch die einheitliche Platzierung der Elektroden kann die Aktivität der wichtigsten Hirnrindenareale erfasst werden. Die Information, welche man durch die Ableitung elektrischer Aktivität vom Gehirn gewinnt, ist sensibel bezüglich zeitlicher Veränderungen (Birbaumer & Schmidt, 2010; Seifert, 2005). Der Vorteil elektroenzephalographischer Methoden besteht demnach in der guten zeitlichen Auflösung (Birbaumer & Schmidt, 2010). Als Schwäche des Elektroenzephalogramms fällt jedoch die geringe räumliche Auflösung ins Auge, welche nur generelle Information über die Lokalisation der Aktivität zulässt (Sternberg, 2009, S. 41).

6.4 Signalverarbeitung

Das EEG ist die Darstellung eines elektrischen Spannungsverlaufes über die Zeit. Daher sind die beiden naheliegenden Maße zur Beschreibung des Signals die Frequenz und Spannung (Abb. 1) (Seifert, 2005). „Die Frequenz beschreibt die Anzahl der Schwingungen pro Sekunde, ihre Einheit ist Hertz (Hz = 1/s). Die Amplitude wird in Volt angegeben, bzw. in Mikro-Volt (μV)… spontan evozierte Amplituden des Gehirns liegen im Bereich von ±100μV“ (Seifert, 2005, S. 14)“.

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Details

Seiten
87
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668239609
ISBN (Buch)
9783668239616
Dateigröße
1.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v333869
Institution / Hochschule
Universität Wien – Fakultät für Psychologie
Note
1
Schlagworte
Alkoholabhängigkeit Entscheidungsverhalten exekutive Funktionen EEG ereigniskorrelierte Potentiale Elektroenezphalogramm Wisconsin Card Sorting Test Iowa Gambling Task Game of Dice Task

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Titel: Entscheidungsverhalten bei Personen mit Alkoholabhängigkeit. Eine Elektroenzephalogramm-Studie