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Legende - Amt - Endogamie; Ein Porträt des venezianischen Adels von den Anfängen bis ins 16. Jahrhundert

Hausarbeit 2004 25 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Mythos – Das Fundament einer Republik
2. 1 Die Alexanderlegende
2. 2 Die Markuslegende
2. 3 Mythen um die ältesten venezianischen Adelsgeschlechter

3. Adel durch das Amt – Venezianische Aristokratie bis zum 14. Jahrhundert
3. 1 Anfänge
3. 2 Ausbau der Bürokratie nach den Eroberungen Konstantinopels 1203/4
3. 3 Sogenannte Serrata des grossen Rates 1297

4. Adel durch das Blut – Veränderung in der Auffassung einer Adelsdefinition
4. 1 Grosse Pest und Kriege gegen Genua – Distinguiertheit auf dem Prüfstand
4. 2 Konsolidierung zu einer Adelskaste Endogamiebestrebungen
4. 3 Alter Adel, neuer Adel – Konfliktpotential

5. Fazit

6. Bibliographie

1. Einleitung

Venedigs Geschichte wurde der Stadt ähnlich auf Sand gebaut. Verschiedene Mythen und Legenden mochten vorerst noch durch die erinnerungsschöpfende Hand eines Zeitgenossen rieseln. Mit den Jahren konnte sich daraus jedoch ein festes Gefüge von mythischen Sandbänken härten, die das identitätsspendende Fundament für die Verteidigung der Republik gegen feindliche Ansprüche bildete. Auf diese Legenden wurde in folgender Zeit gebaut. Zum einen dienten sie der aussenpolitischen Legitimierung, damit die Republik als eigenständige solche verstanden wurde, zum anderen machten die adeligen Familien davon Gebrauch, um ihren schon in Mythen entstandenen Ruhm zu pflücken. Mit dieser Arbeit soll die Entstehung und Weiterentwicklung der obersten venezianischen Schicht, des Adels porträtiert werden. Ausgangspunkt sind die legendären Anfänge der Lagunenstadt im tiefsten Mittelalter. Zeitliche Obergrenze wird das 16. Jahrhundert sein, eine Zeit, in der sich die Nobilität weitgehend etabliert hatte.

Die wichtigsten Umwandlungen im venezianischen Adel fanden von 1200 bis 1600 statt. 400 Jahre sind eine lange Zeit, nichtsdestotrotz darf sich die Lagunenstadt einer bewundernswerten politischen Stabilität rühmen. Die Republik konnte ihre Macht dank strategisch günstiger Lage und einer Kombination von Wegzollmonopol und Flottenstärke ausbauen und galt als die Welthandelsstadt Nummer eins. Rückschläge verschiedener Natur verschonten Venedig nicht. Besonders kräftig nagten Krisen, wie die alles wegspülende grosse Pest oder Konkurrenzkriege mit Genua, sowie die vernichtende Niederlage gegen das hochgegondelte Bündnis von Cambrai. Aussenpolitisch stark um die Monopolstellung in der Adria und den Eingängen zu Oberitalien bedacht, entstanden schließlich im Innern unterschiedliche Tendenzen zu Ideen weiterer Ausdehnung. Unter Francesco Foscari (1373 – 1457, Doge seit 1423) setzten sich jene Kräfte durch, die sich für eine stärkere Besitznahme von Festland, der terraferma, aussprachen, dem Levantenhandel geringere Wichtigkeit zollten.[1]

Die gerne und viel gerühmte Einigkeit und Einheit venezianischer Politik, sollte also nicht als historischer Liegestuhl am Sandstrand missverstanden werden. Durchwegs engagierten sich die verschiedenen Clans und Familien, eine prächtigere Sandburg, einen grösseren Kessel Wasser als ihr Eigen zu bezeichnen. Trotzdem geschah dies auf demjenigen Fundament, das eingangs erwähnt ist. Der Republik und der Mythen. Wer sich mit der Institution Republik anlegte, sollte schnell in politischen Treibsand geraten. Ein Beispiel gibt uns Marin Falier, dessen Ziel eine Tyrannis zu errichten, am 15. April 1355 auf den Treppen des Dogenpalastes mit seiner Hinrichtung ein Ende fand.[2] Die Kompaktheit venezianischen Auftretens nach Aussen war eine wesentliche Notwendigkeit, Handelsmonopole für sich beanspruchen zu können. In der zum Zeitpunkt bekannten Welt, verdiente laut Fernand Braudel die Ökonomie der Lagunenstadt das Verdikt Weltwirtschaft.[3] Querellen im Innern oder politische Systemänderungen verschonten die Stadt in grösserem Masse, womit die aussenpolitischen Bestrebungen – es handelte sich besonders um die Schaffung von für Venezianer zollfreie Zonen in Küstenstädten – nicht durch eigenen Sand in den Augen der Händler erblindet und deren Wirken unsanft von Zuhause gebremst waren.

Dennoch sollte nicht der Eindruck entstehen, die venezianische Politik sei etwas Statisches, in sich Ruhendes gewesen. Burckhardts Zitat: „Venedig, die Stadt des scheinbaren Stillstands und politischen Schweigens“[4], betont die Diskretion machtpolitischer Lenkung. Veränderungen fanden ohne Zweifel statt, wenngleich auch innerhalb des Gefässes Republik. Seit dem 15. Jahrhundert schärften sich die Konturen der Distinktion zwischen Adel und Bürgern. Beschränkungen des politischen Mitspracherechts wurden erlassen, was sich auf die Gestalt und Mitgliederanzahl der politischen Gremien abfärbte. Obwohl mit dem venezianischen Adel zugleich die sogenannte Serrata des grossen Rates (1297) in Historikern Geistern zu summen beginnt, möchte hier Distanz zur Überbetonung dieses Ereignisses genommen und somit differenzierter betrachtet werden, was die Stationen adeliger Abgrenzung bis ins 16. Jahrhundert gewesen sind. Von weitaus grösserer Bedeutung als der Exklusion vereinzelter Gruppen aus dem grossen Rat, ist die danach fortschreitende Hinwendung zu einem endogamen Verständnis der Nobilität. Nicht mehr das Amt galt als Indikator der Zugehörigkeit zur obersten Schicht, sondern das Blut.

2. Mythos – Das Fundament einer Republik

2. 1 Die Alexanderlegende

Zentral für die Proklamierung der Republik war die Ende des 12. Jahrhundert entstandene Alexanderlegende. Streitigkeiten zwischen Papst Alexander III. und dem Kaiser Friedrich Barbarossa sollten im neutralen Venedig 1177 mit einem Friedensvertrag beigelegt werden. Venedig stand zwar noch unter byzantinischer Herrschaft, dies aber bloss formell. In Wirklichkeit verfügte die Lagunenstadt über weitreichende Unabhängigkeit und bot so das ideale Terrain, bei den Schlichtungen Gastgeberin zu sein. Der Mythos nimmt dort seinen Lauf, wo zeitgenössische Historiographen die Rolle Venedigs zu einer grösseren, als der bloss passiv empfangenden Stadt schildern. Es summierte sich die Verbreitung der Auffassung, der Doge Sebastiano Ziani hätte eine massgebende Vermittlerrolle, zwischen den beiden grossen Würdenträgern kirchlicher und weltlicher Seite eingenommen. Für diese negotiativen Tätigkeiten hätte sich Venedig der Legende zufolge das Lob und die Dankbarkeit des Papstes Alexander III. erobert. Eine etwas ausgefärbtere Variante der Legende geht sogar davon aus, dass sich Papst Alexander III. als Bettler nach Venedig flüchtete, wo er erkannt und dem Dogen vorgeführt wurde. Schließlich hätte dieser unverzüglich die Vermittlung des Konflikts in seine Hände genommen.[5]

Durch die Legende rechtfertigte Venedig seine Unabhängigkeit vom weströmischen Reich, da des Papstes ausgedrückte Dankbarkeit die Lagunestadt auf dieselbe Ebene wie Papsttum und Kaiserreich hob. Besser erkennbar wird diese legendäre Vorstellung in der im Mythos erwähnten Verleihung von Zeremonialrechten, den trionfi, durch Papst Alexander III. an den Dogen. Es waren dies: „Das Recht, die Briefe mit Blei zu siegeln wie der Papst und die Kaiser. Die Hochzeit mit dem Meer als dessen Herr zu feiern. Jubelablass in San Marco zu Himmelfahrt. Das Schwert, das goldene Kissen, ein goldener Thron, eine weisse Kerze, der Sonnenschirm über dem Haupt, die goldenen Posaunen, acht Banner in verschiedenen Farben“[6].

Die Verknüpfung von Herrschaftszeichen und Alexanderlegende war äusserst ideal, die byzantinischen Wurzeln und etwelche Ansprüche des oströmischen Reiches in den Schatten zu stellen. Venedig erhielt somit ein mythisches Rückgrat zu den bedeutungsschwangeren Insignien. Die venezianische Republik feierte ihre Sonderstellung gegenüber Papst und Kaiser denn auch durch besagte Feste, sowie Darstellungen der Legende oder Verquickungen einzelner Zeichen mit derselben.

Natürlich gab es auch Kritik gegen Venedigs Drang, als Vorzeigestadt aktiver Christenpolitik zu gelten. Papst Pius II. schrieb zur erdichteten Frömmigkeit einen beissenden Kommentar: „Sie wollen als Christen vor der Welt erscheinen, aber in Wirklichkeit denken sie niemals an Gott, und ausser dem Staat, den sie als eine Gottheit ansehen, gilt ihnen nichts als geweiht oder heilig. So heisst einem Venezianer nur heilig, was für den Staat gut ist. Das ist heilig, was das Reich vergrössert. Was der Senat beschliesst ist heilig, auch wenn es im Gegensatz zur Heiligen Schrift steht“[7]. Damit ärgert sich der Träger pontifikaler Würde über Venedigs, per Staatsräson bestimmt, selektive Gläubigkeit.

2. 2 Die Markuslegende

Ein in behandelter Zeit ebenfalls weit verbreiteter Mythos, ist jener um den Evangelisten Markus. Die Legende konnte zwar nicht unmittelbar mit der Republik per se in Verbindung gebracht werden, bot dennoch die Möglichkeit die Erhabenheit der Wasserstadt zu propagieren. In den Grundzügen entfaltete sie sich jedoch im Zusammenhang mit Patriarchatsfragen in den nördlichen Adriagebieten. Die langobardische Festlandstadt Aquileia, deren byzantinische Bevölkerung sich nach dem Einfall der Langobarden im Jahre 586 auf die Lagune geflüchtet hatte und Venedig gegründet, verfügte über einen Patriarchen. Mit dem Wegzug der Urbevölkerung proklamierte diese ihr Patriarchat in Venedig, was den assimilierten Langobarden missfiel, da sie eigens Anrecht auf den Patriarchatsposten bei sich in Aquileia meldeten. Schließlich hüteten zwei Patriarchen auf kleinstem Raum ihre religiösen Gemeinschaften. Im 8. Jahrhundert war es verbreitet Patriarchaten ihre apostolische Abkunft zuzuschreiben. Aquileia beanspruchte für sich keinen geringeren als den Evangelisten Markus, der auf Geheiß Petrus’ in Aquileia den ersten dortigen Patriarchen, Hermagoras, eingesetzt hätte.[8]

Venedig begnügte sich nicht mit dieser Version der Legende, da sie im Streit mit Aquileia ein Eingeständnis an deren Patriarchat gewesen wäre. Folglich erweiterten die Venezianer die Legende dahingehend, dass sich Markus und Hermagoras nach der Einsetzung auf See begeben hätten, in einen fürchterlichen Sturm geraten wären und auf einer kleinen Insel in der Lagune Rettung fanden. In grösster Angst um ihr Leben, sei dem Evangelisten ein Engel erschienen der die Worte „Pax tibi Marce, hic requiescit corpus tuum“[9] gesprochen hätte. Nicht bloss Markus’ Leichnam sollte in Venedig ruhen, auch grosse Prosperität einer gegründeten Stadt sagten des Engels Worte weiss.[10]

Im 9. Jahrhundert solle es schließlich zur translatio des Leichnams Markus’ von Alexandria nach Venedig gekommen sein. Eine Begebenheit, deren verfasste Variationen ab dem 11. Jahrhundert immer wilder zu ranken begannen. Schließlich fand die Legende in der Version des Dogen Andrea Dandolo ihre bekannteste Fassung. Gemäss ihr hätten die venezianischen Handelsleute Bonus und Rusticus die Reliquie vor sarazenischer Misshandlung geschützt, indem diese auf recht abenteuerliche Weise nach Venedig geschmuggelt wurde.[11]

Mit der Markus- und der Alexanderlegende konnte sich Venedig in ein Licht geistlicher und weltlicher Erhabenheit, Besonderheit rücken. Obwohl fern der Wirklichkeit, fanden die mythischen Ausschweifungen rege Begeisterung. Schließlich wurden die beiden Legenden nach Belieben verquickt, wie dies in der Geschichte eines Fischers der Fall ist. Dieser sei inmitten eines grossen Sturms den Heiligen Markus, Georg und Nikolaus begegnet, die mit seiner Hilfe ein an der Lagunenausfahrt gelegenes Dämonenschiff vertrieben, das für den Sturm verantwortlich gewesen sei. Der Evangelist liess in Folge seinen Bischofsring dem Dogen per Fischer überbringen. Damit erklärte sich eine der trionfi, welche die Heirat mit dem Meer symbolisierte und auf den Dogen das Licht eines Stellvertreters des Evangelisten warf. Nicht übersehbar ist die Heldentat eines einfachen Fischers, der die ganze Stadt vor einem Sturm bewahrte.[12]

Legenden wurden aber auch von einzelnen Familien beansprucht, wie dies beispielsweise die Dolfin taten. Laut ihrer Version, hätte der Ring an dem Finger des Leichnams Markus’ gesteckt. Weder Doge noch Kleriker konnten ihn aus Widerwille des Evangelisten abstreifen. Erst dem tieffrommen Domenico Dolfin sei das Wunder gelungen, das Wohlwollen Markus’ zu erbeten. Das kostbare Reliquiar blieb im Familienbesitz und Venedig war um eine Legende reicher. Verständlicherweise beliebte die erste Legende der Republik weit besser.[13]

2. 3 Mythen um die ältesten venezianischen Adelsgeschlechter

Die ältesten und erhabensten zwölf Geschlechter Venedigs würden laut eigener Erklärung von römischen Tribunen abstammen. Diese Rückblende auf das römische Reich stellt keine Besonderheit zur Familienlegitimierung dar, sie entsprach weit verbreiteter Praktiken. Der erste Doge sei 697 gewählt worden, ursprünglich ein Posten byzantinischen Statthaltertums. Venedig liebäugelte somit, als einziger Nachfolger Roms gelten zu können. Eine geistliche Bedeutung der ältesten Familien ist darin widerspiegelt, dass es sich um zwölf edelste Häuser handelt, die case apostoliche.[14]

[...]


[1] Oliver Thomas Domzalski, Venedig. Foscari, in: Die großen Familien Italiens, Hg. Volker Reinhardt, Stuttgart 1992, S. 567f.

[2] Eva Sibylle Rösch/Gerhard Rösch, Venedig im Spätmittelalter. 1200 – 1600, Freiburg i. Br./Würzburg 1991, S. 136ff.

[3] Fernand Braudel, La dynamique du capitalisme, Paris 1985, S. 84 – 88.

[4] Jacob Burckhardt, Die Kultur der Renaissance in Italien, Stuttgart 1999 (18692), S. 89.

[5] Eva Sibylle Rösch/Gerhard Rösch, S. 25 - 37.

[6] Marin Sanudo, zit. in: Eva Sibylle Rösch/Gerhard Rösch, S. 26.

[7] Pius II., zit. in: Eva Sibylle Rösch/Gerhard Rösch, S. 26.

[8] Eva Sibylle Rösch/Gerhard Rösch, S. 11ff.

[9] Friede dir Markus, hier wird dein Körper ruhen.

[10] Eva Sibylle Rösch/Gerhard Rösch, S. 13.

[11] Eva Sibylle Rösch/Gerhard Rösch, S. 15.

[12] Eva Sibylle Rösch/Gerhard Rösch, S. 30ff.

[13] Eva Sibylle Rösch/Gerhard Rösch, S. 32.

[14] Oliver Thomas Domzalski, Venedig, S. 546.

Details

Seiten
25
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638337847
ISBN (Buch)
9783638652278
Dateigröße
555 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v33264
Institution / Hochschule
Université de Fribourg - Universität Freiburg (Schweiz)
Note
1
Schlagworte
Legende Endogamie Porträt Adels Anfängen Jahrhundert

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