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Beziehungssucht und Co-Abhängigkeit bei Frauen

Vordiplomarbeit 2004 53 Seiten

Psychologie - Sozialpsychologie

Leseprobe

Gliederung:

1. Einleitung

2. Begriffserklärungen
2.1 Sucht /Abhängigkeit
2.2 Beziehungssucht
2.3 Co-Abhängigkeit, die Sucht hinter der Sucht

3. Phasen der Co-Abhängigkeit
3.1 Die Beschützer- oder Erklärungsphase
3.2 Die Kontrollphase
3.3 Die Anklagephase

4. Ursachen und Erklärungsmuster von Co-Abhängigkeit

5. Bandbreiten von Beziehungssucht

6. Ursachen und Erklärungsmuster von Beziehungssucht
6.1 soziale und gesellschaftliche Gründe
6.2 (entwicklungs- ) psychologische Gründe

7. Therapieansätze/Therapiemöglichkeiten und Hilfe für Betroffene „Hilfe durch Nicht-Hilfe lernen und Nicht-Hilfe von Nichts- Tun unterscheiden.“
7.1 Co-Abhängigkeit
7.2 Beziehungssucht

8. Schlusswort

9. Literaturangaben

10. Selbstständigkeitserklärung

11. Anlagen:
Phasen der Co- Abhängigkeit (1-2)
Das Rad der Co-Abhängigkeit und der Sucht (3)

1. Einleitung

Unzählige Male hat sie geweint, während er seinen Rausch ausschlief. Hat den Gestank nach kaltem Rauch und Alkohol ertragen, wenn sie neben ihm lag. Morgens in sein aufgedunsenes Gesicht geredet, ihm Vorwürfe gemacht, gedroht, dass sie nun geht. Hör auf, schreit er. Das ist ja nur auszuhalten, wenn man besoffen ist. Sie ist still. Ruft am Arbeitsplatz an, entschuldigt ihn. Er hat Migräne und muss im Bett bleiben, sagt sie. Auch vor den Freunden nimmt sie ihn in Schutz. Er hat gerade eine Krise und trinkt etwas mehr als gewöhnlich, sagt sie. Sie lügt inzwischen fast besser als er. Sie verteidigt seine Aggressionen vor den Kindern, Nachbarn und Freunden und sie lässt immer wieder zu, dass gemeinsame Unternehmungen platzen, weil er gerade nicht gehen kann. Manchmal ist sie wütend und schreit ihn an. Du denkst überhaupt nicht an mich. Ein anderes Mal denkt sie, vielleicht bin ich schuld, dass er trinkt... ( Singerhoff, L., Merfert-Diete, C., Hüllinghorst, 2001). All ihre Männer tranken, schlugen sie, quälten sie. Alle Partner ähnelten ihrem Vater. Und immer wenn eine Beziehung vorbei war, suchte sie sich sofort einen Neuen, der genauso war. Bis es zur Bankrotterklärung des Abhängigen kommt, bis er wirklich zusammenbricht, hat er oft bereits sein Umfeld, seine Familie in den wirtschaftlichen und menschlichen Ruin hineingesteuert.

Wird die Abhängigkeit eines Menschen offensichtlich, finden sich in seiner Umgebung fast immer Menschen, die ihm helfen möchten und dabei entmutigende Erfahrungen machen. Mit freundlichen Bitten, Versprechungen und Enttäuschungen fängt es an. Ängste, Appelle, Drohungen, Streitereien folgen. Schließlich sind die Angehörigen kaum weniger hilflos als der Abhängige selbst. Ihre Gedanken kreisen um sein Verhalten, ihr Leben ist stark eingeschränkt- sie sind co-abhängig. Die Zahl der Co-Abhängigen liegt bundesweit bei acht Millionen Menschen (www.suchtprozesse.de/angehoerige,2004). Co-Abhängigkeit scheint ein typisch weibliches Problem zu sein, ca. 90% der Betroffenen sind Frauen (DHS- Hauptstelle gegen die Suchtgefahren e.V., 2002). Jedoch ist eine Abhängigkeit ohne Beziehung nicht denkbar. Um psychisch und physisch überleben zu können, ist die Fähigkeit zur Bindung und Abhängigkeit eine Grundvoraussetzung. Mann fragt sich: Ist Abhängigkeit krankhaft? Warum bin ich so? Offenbar sind wir Menschen so beschaffen, dass wir am besten in einem sozialem Milieu gedeihen, indem sowohl ein gewisses Maß an Bindung, Nähe oder Kohäsion als auch ein mittleres Maß an Distanz herrscht. Zuviel Nähe oder Bindung beinhaltet die Gefahr von Verstrickung, Abhängigkeit und Autonomieverlust. Anderseits führt zuviel Distanz oder fehlende Verbindlichkeit zur Loslösung, Isolation und Einsamkeit. In diesen beiden Fällen kann Suchtverhalten funktional werden: in einem Fall dient es der Abgrenzung, im anderen wird die Sucht zum verlässlichen Beziehungspartner (Erbach, F., 1995).

2. Begriffserklärungen

2.1 Sucht/Abhängigkeit

Im weitesten Sinne meint Sucht jede zwanghafte Befriedigung von Bedürfnissen, die mit einem abnormen, unerträglichen inneren Spannungszustand als zwingend erlebt wird. Die Befriedigung hebt einen solchen Zustand nur vorübergehend auf, um sich dann in gesteigertem Maße als eine Form unbezwingbarer Gier zu wiederholen (www.suchtambulanz-ebersberg.de). Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat Sucht (wurde durch den Begriff der Abhängigkeit ersetzt) 1957 folgendermaßen definiert: Sucht ist „ein Zustand periodischer oder chronischer Vergiftung, hervorgerufen durch den wiederholten Gebrauch einer natürlichen oder synthetischen Droge und gekennzeichnet durch vier Kriterien:

- ein unbezwingbares Verlangen zur Einnahme und Beschaffung des Mittels,
- eine Tendenz zur Dosissteigerung (Toleranzerhöhung),
- die psychische (unwiderstehliches Verlangen, Zentrieren des Denken und Handeln auf das Suchtmittel, nur durch Suchtmittel kann das innerliche Gleichgewicht hergestellt werden) meist auch physische Abhängigkeit (Dosissteigerung, auftretende Entzugssymptome) von der Wirkung der Droge, wobei der Übergang von der psychischen zur physischen Abhängigkeit fließend ist
- die Schädlichkeit für den einzelnen und/oder die Gesellschaft"

Generell spricht man von folgender Charakteristika für süchtige Personen und deren Verhalten: Betroffene zeigen eine starke gefühlsmäßige und psychovegetative Sensibilität und Labilität, sie sind gekennzeichnet durch eine geringe emotionale Integration, die sich in Abwehr von Gefühlen und impulsiv- selbstbezogenem Verhalten äußert. Sie haben Schwierigkeiten, reife Kontaktbeziehungen zu anderen Menschen aufzustellen. Oft neigen sie zu angstbesetzter Befindlichkeit, depressiver Grundstruktur mit Stimmungslabilitäten. Hypochondrische und konversionsneurotische Symptome können auftreten. Betroffene haben meist eine hohe Selbstachtung und hohe persönliche Ansprüche (Gross, W., 1991).

„Abhängigkeit und Sucht zeigen sich als latente Haltung und als manifestes süchtiges Verhalten. Süchtiges Verhalten mit Krankheitswert liegt vor, wenn dieses nicht mehr angesichts einer Flucht- oder Unwohlsituation eintritt, sondern zu einem eigendynamischen, zwanghaften Verhalten wird, das sich selbst organisiert hat und sich rücksichtslos beständig zu verwirklichen sucht. Suchthaltungen als Folgen von mangelndem Selbstvertrauen und Minderwertigkeitsgefühlen, von Verantwortungsscheu und Problemangst werden meist in Kindheit und Jugend erlernt“ (www.essen.de/Dokumente/SuchtGesamtbericht.pdf.).

Das Spezifische an einer Sucht ist der innere Zwang, der sich vor allem bei schwachem Selbstwertgefühl aus einer Gewöhnung nach dem Selbstverstärkungsprinzip bis zum Kontrollverlust steigern kann. Die zwiespältige Bedeutung von Sucht beruht darauf, dass sie zugleich ein lebenserhaltendes Bedürfnis in einem als belastend empfundenen Leben und eine schwere Krankheit darstellen kann. Als Konsequenzen von Sucht gelten die Einschränkung der Freiheit und die behandlungsbedürftige Persönlichkeitsstörung (Loviscach, Peter, 1996). Sucht kann sich als ein unabweisbares Verlangen nach einem bestimmten Erlebniszustand äußern. Diesem Verlangen ordnet sich der Verstand unter, die freie Entfaltung der Persönlichkeit wird eingeschränkt. Sucht kann die sozialen Bindungen eines Individuums sowie dessen soziale Chancen zerstören (www.suchtprozesse.de/sucht). „Sucht ist eine Verwahrlosung des Innenlebens“ (Gross, W., 1991, S. 193). Sucht weist immer Symptome einer psychischen und/oder physischen Abhängigkeit auf. Abhängigkeit ist dadurch gekennzeichnet, dass eine für den Betroffenen unerträgliche innere Spannung die Bedürfnisbefriedigung erzwingt (Vierecke, Andreas, Microsoft® Encarta® Enzyklopädie 2002). „Abhängigkeit ist eine bestimmte Empfindung, die das Bewusstsein einer Person absorbiert und wie ein Analgetikum Angst- und Schmerzgefühle lindert“ (Norwood, R., 1986, S.40). „Nach allgemeiner wissen­schaftlicher Übereinstimmung ist Sucht ein zwanghafter Drang, durch bestimmte Reize oder Reaktionen Lust­gefühle oder -zustände herbeizuführen bzw. Unlustge­fühle zu vermeiden. Die Sucht stellt einen Versuch dar, Bedürfnisse unmittelbar und unter Umgehung all der Verhaltensweisen zu befriedigen, die natürlicherweise zu ihrer Befriedigung führen. Der Zwang, unter dem der Süchtige dabei steht, ist mit einem Mangel an Selbstkontrolle gleichzusetzen. Ziel des Suchtverhal­tens und Inhalt des Lustzustandes ist der Aufbau einer Scheinwelt i.S. einer Realitätsflucht. Die Wege, derer sich ein Süchtiger bedient, sind unter­schiedlich. Prinzipiell ist zwischen stoffgebundener und stoffungebundener Sucht zu unterscheiden. Unter stoffgebundener Sucht. versteht man alle Verhaltensweisen, bei denen dem menschlichen Körper Stoffe mit dem Ziel des Missbrauchs zugeführt werden. Unter stoff­ungebundener Sucht sind alle anderen süchtigen Entartun­gen menschlichen Interesses zu verstehen“ (Kreft, Milenz, 1996, S. 595ff). Neben Suchtmittel- Süchtigen gibt es auch süchtige Verhaltensweisen, wie zum Beispiel Spielsucht, Fernsehsucht, Arbeitssucht, Esssucht, Geltungssucht, Beziehungssucht, Liebessucht usw. (Einordnung ICD 304.0-304.9). Sucht kann als Kompensations-, Flucht- oder Verweigerungsversuch interpretiert werden. Letztendlich handelt es sich immer um einen missglückten Konfliktlösungs- oder Anpassungsversuch eines Menschen.

Frauenspezifisches Suchtverhalten wird auch oft als stille Sucht bezeichnet. Dabei ist Suchtverhalten die Folge von einer bewussten oder unbewussten Entscheidung, in bestimmten Momenten ohne Bewusstheit und nicht präsent zu sein. Suchtverhalten ist ein Teil unserer Schutzschicht, die die Berührung mit der mittleren Schicht (der Verletzlichkeit) wirkungsvoll verhindert. Die Wirkung entfaltet sich genau an der Grenze zwischen Abwehr und Gefühl. So fungiert Suchtverhalten als energetische Barriere, die verhindert, dass Ängste oder Schmerz aus dem Unbewussten an die Oberfläche kommen. Man entzieht sich mit diesem Verhalten dem gegenwärtigen Augenblick, um sich nicht mit seinen inneren Ängsten auseinander zu setzen. Durch Süchte lenken wir uns nicht nur von Ängsten und Schmerz ab, sondern auch von dem Loch im Inneren, das die Lücke zwischen Denken und Nicht- Denken ausmacht, zu füllen (Trobe, T., 1996). Psychodynamisch gesehen bezeichnet man süchtiges Verhalten heute als Modus der Abwehr gegenüber unbewältigbarer Konfliktspannung und unerträglichen Ängsten aus psychischen Defiziten, im Bereich der Ich- Struktur als Vermittlerinstanz zwischen Innen- und Außenwelt und im Bereich der Fülle des Selbst als Gesamt allen Erlebens sich selbst gegenüber, vor allem des Selbstwerterlebens. Freud interpretierte das Suchtverhalten als triebhafte Beschäftigung mit sich selbst, die eine Illusion von Herrschaft über die Triebbefriedigung und befriedigende Erfahrungen ermöglicht. Diese Illusion schützt den Betroffenen vor der Realität und vor Abhängigkeiten von anderen Menschen. So wird süchtiges Verhalten heute nicht mehr als Ersatzbefriedigung frustrierter Triebregungen angesehen, sondern als Kompensationsversuch von Mangelzuständen, Traumatisierung und Kränkungen des Ich und des Selbst. Suchtverhalten lockert die Ich- Grenzen

(Erbach, F., 1995).

In dieser Arbeit möchte ich mich den subtilen Süchten widmen. Dazu zählt man alle Verhaltensweisen, Verhaltensmuster und Einstellungen, an denen man festhält, um die Kontrolle zu behalten (Trobe, T., 1996).

2.2 Beziehungssucht

Beziehungssucht teilt man den Prozessabhängigkeiten zu (Chopich, E.J., Paul, M., 1990). Unter Beziehungssucht oder Hörigkeit versteht man allgemein die gefühlsmäßige Bindung an andere Menschen in einem Ausmaß, in dem die persönliche Freiheit und menschliche Würde aufgegeben werden. Der Wille der herrschenden Person(en) kann insofern über die sich unterwerfende Person verfügen, als die Grenzen von Recht und Moral missachtet werden. Man kann bei Hörigkeit nicht generell von Tätern und Opfern sprechen, denn es gibt Menschen, die sich an ihren Partner oder eine Gruppe klammern und sich völlig auf diese fixieren. Sie haben meist kaum soziale Kontakte und ihr Selbstbewusstsein rührt ausschließlich aus der Fixierung auf den meist idealisierten Partner, was diesen auch sehr belasten kann. Diese Form der Hörigkeit ist in der Regel aber nicht sexuell ausgeprägt, sondern allgemein auf das Zusammenleben mit dem Partner oder Gruppe bezogen. Co-abhängige Menschen suchen sich somit Partner/innen, die ihr Verhalten kontrollieren, ihnen ein Gefühl von Sicherheit geben können oder sie sogar „retten“ können (z.B. „Suche nach der Frau in Weiß“ oder „Frosch- Syndrom“ bei Frauen) Eine beziehungssüchtige Frau kann somit durchaus die „Erlösung“ mit ihrer selbstlosen, allumfassenden, alles verzeihenden Liebe sein (Norwood, R., 1985). Beziehungssüchtige sind nur in der Lage, (Pseudo-) Beziehungen einzugehen, in denen „zwei zu einem“ werden, und in ihnen als Person fungieren (Schaef, A.W., 1989). Als erstes Anzeichen von Abhängigkeit in Beziehungen kann man die Zwanghaftigkeit deuten, das zweite ist die Panik, die sich im Falle einer Trennung einstellt (also bei Abwesenheit der Substanz). Der Arzt Dr. Gerhard Crombach belegte: Der Zustand überschwänglicher Verliebtheit erzeugt im Gehirn die Produktion des Stoffes Phenyläthylamin (aus der Gruppe der Weckamine, ein Aufputschmittel). Süchtige suchen also somit immer wieder den Zustand von Verliebtheit mit Herzklopfen, Sinnestaumel und Nervenkitzel in Beziehungen auf (Gross, W., 1991).

Das dritte Kennzeichen von Abhängigkeit sind mögliche Entzugssymptome. Als viertes Zeichen einer Abhängigkeit deuten wir das Gefühl der Befreiung des Triumphes und der Erfüllung, dass sich nach einer Trauerperiode einstellt. Es unterscheidet sich hierbei jedoch von der langsamen, traurigen Resignation und Heilung, die dem Verlust einer nicht abhängigen Beziehung folgen (Halpern, M., 1999). Die abhängige Persönlichkeit wird bis in alle Ewigkeit jemanden suchen, der sie vor ihren Ängsten beschützt. Das Leben wird sie jedoch ständig auf sich selbst zurückwerfen, indem man sie zurückweist oder man sich ihr entzieht- Beziehungen scheitern. Die Angst von Beziehungssüchtigen ist es, allein oder ungeliebt zu sein, sie grenzt bisweilen an Panik. Ständig unternimmt der Beziehungssüchtige, Versuche, Liebe zu bekommen. Der Abhängige wird zum Schmeichler, „Ja- Sager“ oder Bettler, der sich vollkommen auf den anderen einstellt, dabei hofft, wartet und frustriert wird, ein Großteil seiner Identität, seines Wohlbefindens und Selbstbewusstseins ist an den Partner gebunden. Beziehungssüchtige Menschen haben kaum Grenzen, sie verlieren sich stets im anderen (Trobe, T., 1996).

Stichworte zu Erscheinungsformen von Abhängigkeit und Beziehungssucht können u. a. sein:

- Die Suche eines Partners, der emotional unerreichbar ist.
- Das Verharren in einer Beziehung, die nur eine Illusion ist.
- Sich selbst schädigen, um dem Idealbild des Partners zu entsprechen.
- Demütigungen und Kränkungen ertragen, um den Partner nicht zu verlieren.
- Das selbstzerstörerische Verhalten wird ständig wiederholt.
- Die Herstellung einer glücklichen Beziehung/Familie wird bis zur Selbstaufgabe angestrebt.
- Schuldgefühle machen eine Trennung unmöglich.

http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/, 2004-02-21)

- Suche nach Sicherheit, intensives Bedürfnis nach Nähe, Vernarrtheit als Beweis für Liebe
- Völlige Verstrickung, begrenztes Sozialleben, Vernachlässigung alter Freunde
- Vorurteile gegen das Verhalten des Partners, abhängig von Billigung des Partners
- Konkurrenzangst, Versorgung sichern
- Unterdrückung eigener Bedürfnisse, Selbstaufgabe
- Suche nach absoluter Unverwundbarkeit, Ausschaltung möglicher Risiken in der Beziehung
- Häufiges Rückversicherungsverhalten und „Frage-und- Antwort-Spiel („Liebst du mich noch?, Liebst du mich noch so, wie am Anfang?, Bin ich hübsch?, Findest du, dass ich zu dick bin?“ etc.)
- Zuneigungshunger als Grundlage der Abhängigkeit
- Unfähigkeit, Trennungen zu ertragen und zu verarbeiten, oft einseitige Trennungen
- Suche nach Lösungen außerhalb sich selbst (Drogen, Alkohol, Partnerwechsel, Änderung der Situation etc.) nach beendeter Beziehung

(Mellody, B.1997 und Russianoff, P., 1990).

- „Mangel Einstellungen“ (wenn Freunde noch andere Freunde haben, bleibt für mich nicht genug übrig)
- Verlangen, immer zusammen zu sein („beste Freunde“ heißt, wir sind nie getrennt)
- Fähigkeit geht verloren, Abstand zu gewinnen

(Schaef, A.W., 2002)

- Stark ausgeprägtes Gefühl, dem Partner nützlich zu sein
- Vollkommene Fixierung auf Beziehung
- Betteln, Erwartungen, Festhalten
- Idealisieren, Rebellieren, Forderungen als Bedürfnisäußerungen nach Versorgung
- Selbsthass, Rechtfertigungen vor sich selbst
- Widmung von besonders hilfebedürftigen Menschen, um eigenes Bedürfnis nach Fürsorglichkeit zu befriedigen
- Aufopferungsvolles Verhalten- „Helfersyndrom“
- Starke Verlassensängste, Angst vor Trennung, Alleinsein, Trennung als qualvoller empfunden als jegliche Probleme in der Beziehung
- Geduldig, hoffnungsvoll, wartend auf ein „Happy End“ der Beziehung
- Tragen der (fast) gesamten Verantwortung für die Beziehung, Schuld auf sich nehmen
- Grad der Selbstachtung niedrig, Glaube, es nicht verdient zu haben, glücklich zu sein (oder den richtigen Partner zu finden)
- Wenig Beachtung der eigenen Integrität, statt dessen Bemühungen, um das Verhalten und die Gefühle des Partners ihnen gegenüber zu ändern
- Starkes Kontrollbedürfnis, um Sicherheit in der Beziehung zu gewinnen (dadurch „maskierte Hilfsbereitschaft“)
- Glaube: Ich kann andere dazu bringen, mich zu lieben, mich wahrzunehmen, mich zu hören, mich zu bestätigen. Ich kann mich selber nicht so glücklich machen, wie es ein anderer könnte. Andere sind für meine Gefühle verantwortlich
- Kontrolle kann in einer Beziehung u .a. ausgewirkt werden durch Macht, Schwäche, Unterwürfigkeit, Schuld und Eifersucht der Beziehungssüchtigen (Halpern, M., 1999).
- Betroffene stehen mehr in Verbindung mit „Vorstellung einer Beziehung“ als mit der realen Situation der Beziehung (Phantasiewelt)
- Vermeiden der Verantwortung für sich selbst
- Inneres und äußeres Alleinsein, Angst, Depressionen, Schmerz, Leere, Bedürftigkeit, gespaltenes Selbst
- Kein Interesse an stabilen, zuverlässigen Partnern oder Beziehungen, da kein „Reparaturbedarf“ am Partner erkennbar
- Verleugnung (Abwehrmechanismus) als unbewusstes Motiv der Kontrolle, = Weigerung, Realität auf zwei verschiedene Ebenen einteilen- was tatsächlich geschieht und die Gefühlsebene
- Sucht nach anfänglichen Hoch, Gefühl von Euphorie und Erregung am Anfang einer Beziehung- häufiger Partnerwechsel

(Norwood, R., 1986, Chopich, E.J., Paul, M., 1990).

Hinsichtlich der Beziehungssucht muss man 2 Haupttypen unterschieden, welche ich im folgenden näher erläutern möchte.

Der erste Typ umfasst Menschen, die stets eine Beziehung brauchen, sie sind nach Beziehungen selbst süchtig. Diese Beziehungen können real oder in der Phantasie bestehen. Der Betroffene ist auf eine Idee fixiert, ist süchtig nach der Vorstellung einer Beziehung. Sie haben keine Beziehung, sondern eher Geiseln. Sie gehen eine Beziehung in einer gewissen Vorstellung ein, wobei der wirkliche Partner nicht von Bedeutung ist. Es werden keine Hintergründe, Wertvorstellungen, Lebenserwartungen hinsichtlich ihrer Harmonisierung überprüft, Betroffene gehen einfach „drauf los“. Die Beziehungssucht ist ihr Lebensinhalt, sie bilden eine Reihe von Fertigkeiten heraus, um Beziehungen aufzubauen. So kann es der Fall sein, dass eine beziehungssüchtige Frau Offenheit vortäuscht, ihr Manipulations- und Kontrollgeschick einsetzt, um eine Beziehung aufzubauen.

Zum zweiten Typ zählt man Menschen, die von einer ganz bestimmten Beziehung zu einer ganz bestimmten Person abhängig sind. Hier ist der betroffene Mensch auf eine Person fixiert. Diese Menschen können über einen längeren Zeitraum ohne eine Beziehung auskommen, sobald sie jedoch eine Beziehung eingehen, fixieren sie sich sofort auf den Partner.

Beide Typen geben ihre eigenen Wert –und Moralvorstellungen auf, um an der Illusion festzuhalten, sie befänden sich in einer Beziehung. Bei beiden finden sich folgende Merkmale vor: Die Beziehung beherrscht das gesamte Denken des Menschen, die Beziehung wirkt sich fast tranceartig und stimmungsverändernd aus, die Betroffenen gehen völlig in der Beziehung auf (Besessenheit). Beziehungssüchtige nehmen Verhaltensweisen auf, die im Zusammenhang mit dem Aufbau einer Beziehung stehen, z.B. neue Frisuren, „ritualisiertes Werbeverhalten“ etc. (Ritualisierung). Des Weiteren lässt sich feststellen, dass Betroffene recht zügig versuchen, eine Beziehung aufzubauen. Die Betroffenen streben es an, den Partner so schnell, wie möglich fest an sich zu binden, z.B. durch Heirat (Zwanghaftes Beziehungsverhalten). Da dieses Verhalten nicht immer Erfolg hat, zeigen Beziehungssüchtige oft Anzeichen von Hoffnungslosigkeit und Verzweiflungsgefühlen.

Beide Typen beherrschen die oberflächlichen Techniken sozialer Interaktionen. Sie können sehr gut Beziehungen simulieren, ihre Angst vor Nähe veranlasst sie, Liebe mit der Illusion von Nähe zu leben, sie haben verstärkt Angst, vor dem Alleinsein. Daher stürzen sie sich von einer Beziehung in die nächste. Nach Ende einer Beziehung sind sie nicht in der Lage, die Beziehung zu verarbeiten, somit tragen sie die unverarbeiteten Emotionen in die neue Beziehung hinein. Es ist möglich, dass Beziehungssüchtige einzelne Elemente einer Beziehung vergessen, um in der aktuellen Beziehung leben zu können (selektiver Gedächtnisschwund). Beziehungssüchtige belügen sich selbst und andere, um in einer Beziehung verbleiben zu können (Schaef, Wilson, Anne, 2002). Beziehungssüchtige Menschen verfügen über ein ausgeprägtes Kontrollbedürfnis, sie sind davon überzeugt, ihren Partner und die Beziehung allein durch Willenskraft halten zu können. Mit diesem Bemühen werden sie zunehmend kontrollierender, defensiver und vorwurfsvoller. Beziehungssüchtige Frauen definieren sich und ihre Identität (Selbstbild) über den „Besitz eines Partners“. Sie können sich keine eigene, aus sich wachsende Identität aufbauen (Motto: „Wenn du nicht da bist, habe ich das Gefühl, als ob ich nicht lebe- also muss ich dich lieben“) (Schaef, Wilson, Anne, 2002, S. 83). Betroffene verbinden Leid mit Liebe, sie können nur lieben, wenn sie leiden. Beziehungssucht ist somit eine sehr schmerzhafte Sucht, welche progressiv verläuft. Damit Beziehungssüchtige eine „echte Beziehung“ empfinden können, muss diese frei in Zeit und Raum sein, dass heißt, es existieren Ängste bezüglich der ehemaligen Beziehungen des Partners oder zukünftiger Partnerinnen/Partner (starke Eifersucht). Beziehungssüchtige neigen zu Unruhe und Depressionen, da sich ihr Selbstwertgefühl, dessen Bedeutung und Stabilität einzig allein aus der Beziehung speist, somit müssen sie an der Beziehung „klammern“ (Schaef, Wilson, Anne, 2002, S. 85). Liebessüchtige sind häufig hochsensible Menschen, die intuitiv die Lücken des Gegenübers aufspüren und auffüllen, ohne das selbst wahrzunehmen (symbiotische Beziehungen). Es gibt keine Grenzen zwischen den Partnern (Gross, W., 1991).

2.3 Co- Abhängigkeit, die Sucht hinter der Sucht

Der Begriff der Co- Abhängigkeit (Co- Dependency) entstand schon in den 70er Jahren, später mit der Erweiterung und Änderung der Diagnose Alkoholismus. Er umfasst die im Verlauf der Suchterkrankung entstehenden Verhaltensweisen, Einstellungen, Rollen und Störungen, die die Menschen annehmen, die länger Zeit mit einem Suchtkranken in einer Beziehung standen. Dies kann ein Kollege sein, der Partner, ein Freund oder das eigene Kind (www.onlinesucht.de, 20.02.2004).

Seit es Menschen gibt, haben sie in einer Weise gehandelt, die man als co-abhängig betiteln kann, sie wurden aus Sorge um andere Menschen krank (Melody, B., 1997). Vorläufer dieses Begriffs war die Bezeichnung „Co- Alkoholismus“, welche aus dem Sprachgebrauch der Selbsthilfegruppe der Anonymen Alkoholiker stammt. Als Co-Abhängige betitelte man damals Menschen, die ihr Leben als Ergebnis des Zusammenlebens in einer festen Beziehung mit einem Alkoholiker nicht mehr meistern konnten (Beattie, M., 1997). Die Bezeichnung „Co- Abhängigkeit“ gibt die Fixierung an das Suchtmittel auf und weißt auf eine wesentliche Gemeinsamkeit hin, die Abhängigkeit. Dieses Phänomen deutet eine Krankheitsgemeinschaft an, der immer mehrere beteiligt sind (Aßfalg, 1993). Co- Abhängige haben es im Umfeld süchtigen Verhaltens bekanntermaßen sehr schwer, ihre eigene Klarheit zu bewahren. Sie schweben ständig in Gefahr, ihrer eigenen latenten Krankheit zu verfallen (Schaef, A.W., 2003). Earnie Larsen definiert Co-Abhängigkeit als eine Art selbstzerstörerische erlernte Verhaltensweisen oder Charakterdefekte, die zu einem Schwindel der Fähigkeiten führen, Liebesbeziehungen zu initiieren oder daran teilzuhaben. „Co-Abhängigkeit, erklärte ein Betroffener, ist zu wissen, dass alle meine Beziehungen entweder immer so weitergehen (schmerzlich) oder dass sie ebenso enden (in einer Katastrophe). Oder beides“ (Beattie, M., 1997). „Co-abhängig ist ein Mensch, der das Verhalten eines anderen Menschen auf sich hat einwirken lassen und der davon besessen ist, das Verhalten dieses Menschen zu kontrollieren“ (Beattie, M., 1997, S.48). In Monika Rennerts Co- Abhängigkeit- Was Sucht für die Familie bedeutet lautet ein Zitat von Meyer über Co-Abhängigkeit: „Liebe wurde zur Erpressbarkeit, Freude zur Beklemmung, Vertrauen zu Misstrauen, Fürsorge zur Sorge, Stabilität zum Ausgeliefertsein und Wärme zu Angst“ (Rennert, M., 1990, S. 45). Co-Abhängigkeit wird als individuelle Erkrankung mit vorhersagbarem Verlauf, als eine Beeinträchtigung physiologischer Funktionen des Organismus in Folge gestörter Wachstumsprozesse, als Problemlösungsmuster auf starre und ungesunde Regeln oder auf Anpassungsreaktion auf chronischen Stress verstanden.

„Co- Abhängigkeit wird mehrheitlich als Erscheinungsform gesehen, die in Verbindung mit der Suchterkrankung eines nahe stehenden Menschen und den sich daraus ergebenen Beeinträchtigungen auftritt“ (Sander, S., 2003, S.5). „Co-Abhängigkeit bezeichnet Haltungen, Verhaltensweisen und Status von Personen und Gruppen, die in einem direkten emotionalen Kontakt durch ihr Tun und Unterlassen dazu beitragen, dass der süchtige oder suchtgefährdete Mensch süchtig oder suchtgefährdet bleiben kann“ (www.bas-muenchen.de/publikationen/Doku_NW-Tagung_3-03.pdf, 2004).

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Details

Seiten
53
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638337670
ISBN (Buch)
9783638738668
Dateigröße
2.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v33243
Institution / Hochschule
Ernst-Abbe-Hochschule Jena, ehem. Fachhochschule Jena – FB Sozialwesen
Note
1,0
Schlagworte
Beziehungssucht Co-Abhängigkeit Frauen

Autor

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Titel: Beziehungssucht und Co-Abhängigkeit bei Frauen