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Kann Solidarität erzwingbar sein?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2001 15 Seiten

Soziologie - Politische Soziologie, Majoritäten, Minoritäten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Historische Umstände der Solidaritätsforschung

Solidarität, Arbeitsteilung und wechselseitige Abhängigkeiten

Was hält Gesellschaften zusammen?

Ist Solidarität ein Teil der Gerechtigkeit?

Solidarität bei Hegel

Das Problem der unverschuldeten Kranken

Fazit der Steinvorth’schen Argumentation

Solidarität heute

Ein düsteres Resümee

Einleitung

Der Begriff „Solidarität“ hat einen zentralen Stellenwert in der heutigen Gesellschaft. In den gegenwärtigen Debatten zum Sozialstaat im Allgemeinen und den Diskussionen um soziale Sicherungssysteme und den Wandel der Erwerbsarbeit im besonderen spielt er eine entscheidende Rolle. Leider ist das, was er zu Umschreiben versucht, nur sehr schwer fassbar und abgrenzbar. Will man jedoch die Frage nach der Notwendigkeit von solidarischem Handeln oder der daraus folgenden Erzwingbarkeit des selben beleuchten, muss man erklären, welche Teile von Hilfe oder Gerechtigkeit unter dem Begriff „Solidarität“ subsummiert werden können. Denn, an dieser Stelle beginnen die Probleme. Gerechtigkeit ist erzwingbar. Hilfe dagegen ist jedoch nur wünschenswert. Um dieses Problem zu erklären, ist es jedoch sinnvoll mit einer kurzen Beleuchtung der historischen Umstände des Begriffs zu beginnen.

Historische Umstände der Solidaritätsforschung

Der Begriff „Solidarität“ stammt ursprünglich aus der französischen Juristensprache. Dort gab es einen Verband mit dem Namen „solidaires“. Der Solidarität liegt im allgemeinen ein Versicherungsprinzip zu Grunde, nach dem viele Verbände funktionierten. Die einzelnen Mitglieder leisteten sich darin im Bedarfsfall gegenseitig Nothilfe.

Während der französischen Revolution stieg der Begriff zur Parole auf. Indirekt war er in der revolutionären Dreifaltigkeit „Freiheit, Gleicheit, Brüderlichkeit“ enthalten. Die zahlreich zu beklagenden Opfer im Kampf gegen das Ancien Regime machten eine wechselseitige Nothilfe nötig. Aus dieser Tradition ist das Recht auf Subsistenz hervorgegangen. Dies zeigt nicht nur ein entwickeltes moralisches Verständnis sondern auch einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Unterhaltsbedürftige oder Opfer mussten so nicht mehr um Hilfe bitten, sondern konnten sie einklagen. Der Staat überwachte die Einhaltung dieser Regel aus Gerechtigkeitsgründen.

Somit war es möglich, mit Solidarität ein Verhalten der Brüderlichkeit für soziale Verhältnisse auch außerhalb der eigenen Familie zu fordern, das die Erzwingbarkeit einschloss.

Dieses Prinzip stellte einen ersten großen Einschnitt in das liberale Staatsmodel dar. Er war das erste Element eines Sozialstaates. Auguste Comte bezeichnete die Solidarität als Mechanismus des sozialen Zusammenhalts.

Im Zeitalter der Industrialisierung wurde die Solidarität zum Kampfbegriff für die Arbeiterbewegung. In den Lehren der Soziologie und Ökonomie wurde Solidarität häufig durch die arbeitsteilungsbedingten Abhängigkeiten der Individuen in der modernen Gesellschaft erklärt.

Solidarität, Arbeitsteilung und wechselseitige Abhängigkeiten

Betrachtet man die Solidarität als Nothilfe, so ist sie ein Muster der Wohltätigkeit und somit kein Recht. Es stellt sich die Frage, wie Solidarität dann erzwingbar sein kann. Auf den ersten Blick scheint es keine objektiven Gründe zu geben, die einen Menschen veranlassen im öffentlichen Bereich solidarisch zu Handeln.

Dürkheims Solidaritätsdefinition in seinem Werk zur Arbeitsteilung könnte hier vielleicht für erste Abhilfe sorgen. Dürkheim unterscheidet zwischen mechanischer und organischer Solidarität. Vormoderne Gesellschaften bestanden zu großen Teilen aus kleinen autarken Gruppen. So herrschten zum Beispiel in Dörfern durch die Ausübung von gleichen Riten, Bräuchen und den selben produktiven Tätigkeiten ein starker innerer Zusammenhalt. Eine einzelne dörfliche Gruppe konnte sich selber erhalten und war nur sehr begrenzt durch einen äußeren Input abhängig. Für ein Individuum war der Wechsel von einer Gruppe zur nächsten auf Grund der ähnlichen niedrigen Qualifikationsanforderungen recht einfach zu bewältigen. So gab es beispielsweise in jedem Dorf einen Bäcker, einen Schuster oder einen Bauernhof. Im modernen Gesellschaften, so Dürkheim, sind die Individuen durch komplexe Arbeitsteilung miteinander verbunden. Daraus entsteht ein Geflecht von unausweichlichen Abhängigkeiten. Daraus folgt der Schluss, dass wen jemand einem Fremden hilft, dann hilft er sich auch selber, weil aus der Verbesserung der gesellschaftlichen Lage auch eine Verbesserung der persönlichen Lage resultiert. Hilfe zu verweigern würde deshalb nicht mehr nur die Moral der Wohltätigkeit verletzten, sondern auch gegen die Moral der Klugheit sprechen. Es leuchtet ein, dass kluges Handeln mit mehr Nachruck einzufordern ist als Wohltätigkeit. Leider ist dies aber kein Beweis für die Erzwingbarkeit von Solidarität. Außerdem kann an dieser Stelle ein formaler Einwand angebracht werden. Wenn nämlich Solidarität mit Klugheitsregeln erklärt werden soll, dann kann sie keine moralische Regel mehr darstellen. Gegen die Aussage, dass wohltätiges handeln immer Klug sei, spricht auch die Beobachtung, dass viele Mächtige und Reiche ihre Hilfe versagen können ohne einen eigenen Schaden davon tragen zu müssen. Helfen ist also immer moralisch gut aber nur manchmal Klug. Die Fehlannahme, Wohltätigkeit sei immer klug, basiert auf der falschen Annahme der Verallgemeinerbarkeit der Dürchheimschen Abhängigkeitsbeziehungen zwischen den Individuen. Wenn jedoch keine allgemeine wechselseitige Abhängigkeit der Individuen besteht, wie sie in der organischen Solidarität beschrieben ist, muss es etwas anderes geben, was die Gesellschaften zusammenhält.

Was hält Gesellschaften zusammen?

Während Dürckheim von der arbeitsteilungsbedingten Abhängigkeit der Individuen sprach, geht der Philosoph Hegel von einer „allseitigen Verschlingung der Abhängigkeiten aller“ aus. Auch Rawl spricht in seiner „Theorie der Gerechtigkeit“ davon, dass die Bessergestellten auf die Schlachtergestellten angewiesen sind. Es besteht angeblich eine Interessenidentität. Wie bereits oben beschrieben, kann jedoch dieses Beziehung in der Realität nur sehr selten nachgewiesen werden. Ein Grund für die Fehlannahme der Theoretiker könnte, so Steinvorth, darin liegen, dass die Kooperationsannahme für den Zustand des Gleichgewichtes am Markt getroffen wurde. In der Realität befindet sich der Markt jedoch in einem ständig wechselndem Ungleichgewicht. Allgemein gesagt, würden Personen den ökonomischen Gesetzen folgen, wen ihre Tauschchancen gleich wären, da dies nicht der Fall ist, sind die aufgestellten Gesetze lediglich ein Idealbild.

Um den Zusammenhalt trotzdem zu erklären, führt Steinvorth die Begriffe „harter und weicher Kitt“ ein. Unter „hartem“ Kitt versteht er das Interesse des Stärksten, möglichst alle verfügbaren Ressourcen alleine und maximal auszubeuten, menschliche Ressourcen eingeschlossen. In diesem Fall besteht keine Interessenidentität zwischen den sozialen Schichten. Es kommt lediglich zum Abschluss von taktischen Verbindungen, die zu kämpfen zwischen verschiedenen Gruppen führen. Unter dem „weichen“ Kitt versteht Steinvorth demgegenüber, Eigenschaften wie Freundschaft oder Vertrautheit in kleinen Gruppen, Familien, religiösen Gemeinschaften und freiwilligen Verbänden. Aus dem Bereich des „weichen“ Kitt folgen zwei Sphären der Moral: die Wohltätigkeit und die Gerechtigkeit.

Die Wohltätigkeit umfasst Hilfe für Bedürftige. Sie überträgt somit familiäres Verhalten auf Beziehungen zwischen beliebigen Menschen. Wohltätigkeit beinhaltet gesellschaftlich erwünschtes Verhalten. Was sie verlangt ist moralisch gut, was sie nicht verlangt, ist jedoch nicht notwendig unerlaubt. Daraus folgt, Wohltätigkeit ist nicht erzwingbar. Die zweite Sphäre, die Gerechtigkeit, verbittet die Verletzung von Rechten auf Grund des Menschseins und nicht auf Grund von Gruppenzugehörigkeit. In der Gerechtigkeit ist das Recht auf Freiheit von Schädigungen anderer herausgehoben. Steinvorth will erkannt haben, dass die Gerechtigkeit mit der Entwicklung des menschlichen Fortschritts gekoppelt ist. Die Gerechtigkeit zieht die Grenze zwischen dem was erlaubt und dem was verboten ist. Was sie fordert ist ein Recht. Was ihr nicht entspricht darf mit Zwang verhindert werden.

Darf man aber auch Zwang anwenden um Wohltätigkeit zu fördern? Dazu müsste der Hilfesuchende ein Recht auf Hilfe haben. Dazu müsste jedoch die Solidarität zumindest in Teilen der Gerechtigkeit zuzuordnen sein!

[...]

Details

Seiten
15
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638102391
Dateigröße
386 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v331
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Institut für Soziologie
Note
1,3
Schlagworte
Kann Solidarität Hauptseminar Moral Rationalität

Autor

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Titel: Kann Solidarität erzwingbar sein?