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Frühkindlicher Autismus. Symptome, Ursachen und Therapien

Hausarbeit (Hauptseminar) 2004 24 Seiten

Psychologie - Lernpsychologie, Intelligenzforschung

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Was bedeutet frühkindlicher Autismus?

3. Ein Vergleich mit ähnlichen psychischen Störungen

4. Symptomatik
4.1. Einschränkungen in der Sprach- und Kommunikationsentwicklung
4.1.1. Echolalie
4.1.2. Vertauschen der Pronomen
4.1.3. Der metaphorische Sprachgebrauch
4.2. Abweichungen im sozialen Verhalten
4.3. Widerstand gegenüber Veränderungen
4.4. Körperliche und motorische Auffälligkeiten
4.5. Spielverhalten
4.6. Einschränkungen in der sensorischen Wahrnehmung

5. Intelligenz autistischer Kinder

6. Ursachen des frühkindlichen Autismus
6.1. Psychologische Ursachen
6.2. Biologische Ursachen
6.2.1. Genetische Disposition
6.2.2. Biochemische Faktoren
6.2.3. Hirnorganische Abweichungen

7. Behandlungsmöglichkeiten des frühkindlichen Autismus
7.1. Verhaltenstherapien
7.1.1. Erlernen sozialer Kompetenzen
7.1.2. Abbau unerwünschter Verhaltensweisen
7.1.3. Sprachtraining
7.2. Psychodynamische Methode
7.3. Medikamentöse Therapie

8. Zusammenfassung

9. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Unter Autismus versteht man eine schwere Entwicklungsstörung, die vor allem gekennzeichnet ist durch einen Mangel an Sprach- und Kontaktfähigkeit – das Wort „autos“ stammt aus dem Griechischen und bedeutet „selbst“. Erstmals verwendet wurde der Begriff „autistisch“ 1911 von Eugen Bleuler, einem Schweizer Psychiater, um schizophrene erwachsene Patienten zu beschreiben, die durch starke Selbstbezogenheit und sozialen Rückzug auffielen. 1943 benutzte der Kinderpsychologe Leo Kanner den Begriff Autismus bei Kindern, deren Verhalten sich von schizophrenen und behinderten Kindern unterschied. Auffallend bei den von ihm beobachteten autistischen Kindern war eine Einschränkung der Sprachfähigkeit, die Unfähigkeit, mit anderen Personen Kontakt aufzunehmen, und die sogenannte autistische Einsamkeit, die Abkapselung von der menschlichen Welt, welche schon im ersten Lebensjahr erkennbar ist. Reize aus der Umwelt können von dem Kind nicht richtig aufgenommen werden oder werden teilweise völlig ignoriert. Aufgrund des frühen Auftretens der Symptome dieser Entwicklungsstörung im Lebensalter, prägte Kanner den Begriff des frühkindlichen Autismus oder Kanner-Syndroms.

Erst in den achtziger Jahren wurde Autismus schließlich als eigenständige diagnostische Krankheit anerkannt, die sich von Schizophrenie unterscheidet.

In dieser Arbeit werde ich mich hauptsächlich mit dem Syndrom des frühkindlichen Autismus beschäftigen. Zunächst werde ich allgemeine Informationen zum frühkindlichen Autismus und einer Auswahl anderer Entwicklungsstörungen geben. Anschließend die Symptome, Ursachen und mögliche Behandlungsmethoden des frühkindlichen Autismus aus der klinischen Lernpsychologie vorstellen und erläutern.

2. Was bedeutet frühkindlicher Autismus?

Der frühkindliche Autismus ist eine seltene, bereits im Säuglingsalter auftretende psychische Störung, die sich jedoch spätestens bis zum Ende des dritten Lebensjahres zeigt. Etwa zwei bis vier von 10.000 Kindern sind davon betroffen, wobei Jungen etwa viermal anfälliger für das Kanner-Syndrom sind als Mädchen. Obwohl Mädchen seltener an Autismus erkranken, treten bei ihnen die Symptome stärker auf als bei autistischen Jungen.

Das Kanner-Syndrom steht für ein Krankheitsbild, das sich aus dem Zusammentreffen verschiedener - für den Autismus charakteristischen - Symptome ergibt.

Die Anzeichen des frühkindlichen Autismus zeigen sich in einer großen Bandbreite und unterscheiden sich in ihrer Intensität von Patient zu Patient.

Auffällig ist, dass sich die Kinder im Säuglingsalter bei Berührung abwenden, zurückziehen und isolieren. Im Ganzen vermeiden sie Blick- und Körperkontakt. Später sind sich zwanghaft wiederholende Spiele oder Verhaltensweisen typisch für autistische Kinder. Die Sprachentwicklung ist gestört, manchmal auch die Intelligenz vermindert. Trotzdem können Autisten über vereinzelte besondere Fähigkeiten verfügen, beispielsweise haben sie herausragende musische oder mathematische Begabungen.

Die Störung ist nicht heilbar, jedoch ist eine gute Weiterentwicklung heutzutage durch geeignete Förderungen und angemessene Lernbedingungen möglich. Viele Kinder, die vom frühkindlichen Autismus betroffen sind, brauchen ihr Leben lang Unterstützung bei der Lebensführung. Sie benötigen auch noch im Erwachsenenalter eine Betreuung in speziellen sozialen Einrichtungen. Nur wenigen – etwa einem von drei Betroffenen – gelingen durch klinische Therapien eine Integration in die Gesellschaft, um sich selbst im Leben zurecht zu finden, einer Beschäftigung nachzugehen und soziale Beziehungen aufrecht zu erhalten.[1]

3. Ein Vergleich mit ähnlichen psychischen Störungen

Andere schwere Entwicklungsstörungen, die dem frühkindlichen Autismus ähnlich sind, sind das Asperger-Syndrom, das Rett-Syndrom und die desintegrativen Störungen des Kindesalters.

Das Asperger–Syndrom ist in seinen Symptomen dem Kanner-Syndrom sehr ähnlich, es tritt jedoch erst ab dem zweiten oder dritten Lebensjahr in Erscheinung. Der Unterschied hierbei ist, dass Kinder mit dem Asperger–Syndrom meistens keine Sprachprobleme haben und sich weitestgehend verständlich ausdrücken können.

Vom Rett-Syndrom sind nur Mädchen betroffen. Sie entwickeln sich zunächst ganz normal, bis ab dem zweiten Lebensjahr eine Unterbrechung in der Entwicklung einsetzt und sich ein Schwund der bereits erworbenen Fähigkeiten einstellt.

Eine weitere tiefgreifende Entwicklungsstörung sind die desintegrativen Entwicklungsstörungen des Kindesalters. Wie beim Rett-Syndrom sind sie gekennzeichnet von einem plötzlichen Verlust der erlernten Fertigkeiten ab dem zweiten Lebensjahr.

Obwohl die Symptome der drei vorgestellten Entwicklungsstörungen denen des frühkindlichen Autismus sehr ähnlich sind, unterscheiden sie sich jedoch stark vom Verlauf des Kanner-Syndroms, das bereits im Säuglingsalter in Erscheinung tritt und die Kinder stark in ihrer Entwicklung beeinträchtigt.

4. Symptomatik

Die Symptome des frühkindlichen Autismus sind sehr weitreichend und in ihrem Ausprägungsgrad von Kind zu Kind unterschiedlich. Bestimmte Merkmale treten bei einigen Kindern gar nicht in Erscheinung, andere verschwinden mit der Zeit.

4.1. Einschränkungen in der Sprach- und Kommunikationsentwicklung

Autistische Kinder zeigen bereits Sprachentwicklungsstörungen, bevor der eigentliche Spracherwerb beginnt. Gesunde Kleinkinder geben schon sehr früh Laute von sich, als erster Versuch der Kommunikation. Etwas später „plappern“ sie Wörter nach, die sie in ihrer Umgebung aufgeschnappt haben. Bei autistischen Kindern sind diese frühen Vokalisationen, wenn überhaupt, nur sehr selten vorhanden[2].

Etwa die Hälfte der autistisch Erkrankten lernt überhaupt nicht sprechen. Gelingt es ihnen doch, zeigen sich in ihrer Sprache viele Eigenarten. Beispielsweise können sie in Stimmlage und Sprachgeschwindigkeit nicht variieren oder sie können den Sinn gelernter Sätze und Wörter nicht auf vergleichbare Situationen übertragen und verwenden. Autisten sind in ihrer Sprache nicht flexibel und können sie nicht spontan einsetzen, da sie Schwierigkeiten haben, das Gelernte in einer Unterhaltung sinnvoll einzusetzen und an ein Gespräch anzuknüpfen.

Um sich dennoch bemerkbar zu machen und ihre Bedürfnisse zu signalisieren, benutzen sie Menschen oft als Werkzeuge und bringen sie durch Hinführen ihrer Hände dazu, bestimmte Gegenstände zu ergreifen.

Die markantesten Eigenarten der Sprachverwendung autistischer Kinder stelle ich im Folgenden vor.

4.1.1. Echolalie

Unter Echolalie versteht man bei autistischen Kindern das zunächst sinnlos erscheinende, mechanische Nachsprechen von gehörten Wörtern oder Sätzen. Man unterscheidet prompte und verzögerte Echolalie. In beiden Fällen geben autistische Kinder wortwörtlich das wieder, was sie andere haben sagen hören. Bei prompter Echolalie wiederholen sie das Gesagte ohne zeitliche Verschiebung, bei verzögerter Echolalie können mehrere Stunden oder sogar Tage vergehen bis das Kind ein Wort oder einen Satz wortgetreu wiedergibt.

Die Funktion der Echolalie war lange Zeit noch nicht ausreichend geklärt. Mittlerweile herrscht die Meinung, dass sie der erste Versuch ist, mit den Mitmenschen zu kommunizieren. Manche autistische Kinder, die sich auf diese Weise der Verständigung bedienen, haben den Zweck der Sprache, jedoch noch nicht die Bedeutung der Wörter und Sätze erkannt und verwenden echolalische Äußerungen, um ihnen gestellte Fragen zu bejahen, zu verneinen oder um mit anderen Personen einen sozialen Kontakt aufrecht zu erhalten. Darüber hinaus nutzen viele die Wiederholungen, um sich neue Wörter einzuprägen.

Jedoch gibt es ebenfalls Autisten, bei denen die Echolalie kein bestimmtes Ziel verfolgt, sondern lediglich stereotypes Verhalten darstellt.

4.1.2. Vertauschen der Pronomen

Die Ursache der Pronomenumkehr liegt in der Echolalie - Sprache, die autistische Kinder benutzen. Sie reden von sich so, wie sie es bei anderen gehört haben. Zum Beispiel sagen sie: „Du bist müde“, um zu verkünden, dass sie selbst gerne ins Bett gehen möchten. Demnach verwenden sie das Pronomen „ich“ sehr selten oder gar nicht. Wenn sie es benutzen, meinen sie damit immer eine andere Person. Aus diesem Grund nutzen sie „er“, „du“ oder den eigenen Namen, wenn sie von sich selbst sprechen. Die Vertauschung der Pronomen lässt sich nur schwer abbauen. Auch wenn es den Kindern gelingt, eine normale Sprache aufzubauen, lernen sie die korrekte Verwendung der Pronomen nur sehr mühsam.

4.1.3. Der metaphorische Sprachgebrauch

Häufig benutzen autistische Kinder ganze situationsgebundene Sätze, um ein bestimmtes Wort, z.B. „Nein!“ auszudrücken. Wenn sie beispielsweise die Bedeutung von „Geh da nicht hin!“ richtig als „Nein!“ verstanden haben, benutzen sie anschließend diesen Satz stets, um etwas zu verneinen. Außerdem verwenden Autisten erlernte Wörter sehr konkret. Sie können diese dann nur für die Situation einsetzen, in der sie sie gelernt haben und nicht auf weitere Begebenheiten übertragen.

Darüber hinaus benutzen sie Neologismen; neugeprägte Wörter, die nur für den Menschen von Bedeutung sind, der sie erfunden hat und gebraucht. Für andere sind diese Begriffe inhaltslos.

[...]


[1] Vgl. Comer, Ronald J. Klinische Psychologie. Hrsg. von Gudrun Sartory, Josef Metsch. Heidelberg/ Berlin/ Oxford: Spektrum Akademischer Verlag GmbH 1995. Seite 693.

[2] Vgl. Klinische Psychologie. 4. Ausgabe. Hrsg. von Martin Hautzinger, Gerald C. Davidson, John M. Neale. Weinheim: Psychologie Verlags Union: 1986. Seite 555.

Details

Seiten
24
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638336260
ISBN (Buch)
9783638813587
Dateigröße
2.9 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v33052
Institution / Hochschule
HAWK Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst - Fachhochschule Hildesheim, Holzminden, Göttingen
Note
1
Schlagworte
Frühkindlicher Autismus Symptome Ursachen Therapien Seminar Lerntheorien Lernfähigkeiten

Autor

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Titel: Frühkindlicher Autismus. Symptome, Ursachen und Therapien