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Zur schichtspezifischen Sozialisation der 70er Jahre bis heute - mit einem Ausblick auf die Ergebnisse der PISA-Studie

Vordiplomarbeit 2005 36 Seiten

Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Aspekte schichtspezifischer Sozialisation
1. Friedhelm Neidhardt
2. Basil Bernstein
3. Beatrice Caesar
4. Zu den Ergebnissen der schichtspezifischen Sozialisationsforschung

III. Die PISA-Studie und vergleichbare Untersuchungen

IV. Resümee und Ausblick

V. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Als soziale „Prozesse, in deren Verlauf Kinder ein Bewußtsein von Normen und Werten erwerben und eine persönliche Identität entwickeln“ (Giddens, 634) definiert Anthony Giddens[1] den Begriff Sozialisation. An gleicher Stelle weist Giddens darauf hin, daß diese Sozialisationsprozesse im Kindesalter zwar ein großes Gewicht haben, diese jedoch auch im weiteren Verlauf des Lebens von Bedeutung sind: „Menschliche Individuen sind niemals immun gegenüber den Reaktionen der sie umgebenden Menschen, die ihr Verhalten in allen Phasen des Lebenszyklus beeinflussen und verändern“ (ebd.).

Sozialisation bedeutet also, daß sich der einzelne soweit in eine soziale Gruppe, eine Gemeinschaft oder Gesellschaft integriert, daß er hierbei die allgemeingültigen Normen erfaßt und sich diesen gemäß verhält, wobei er die dazu nötigen Fertigkeiten erlernt[2]. Wenn das Individuum die Kultur seines Lebensraums verinnerlicht hat und diese als selbstverständlich empfindet, spricht man von Internalisierung[3]. (Fuchs-Heinritz et al.[4], 615)

Giddens schreibt weiter, daß die Sozialisation verschiedene Generationen insofern miteinander verbindet, als daß die Personen, die an der Erziehung eines Kindes beteiligt sind, Veränderungen in ihrem Leben erfahren und „selbst neue Lernerfahrungen machen“ (Giddens, 27) sowie in ihrem Verhalten beeinflußt werden. (ebd.)

Diese Sozialisationsprozesse erfährt jeder Mensch in unterschiedlicher Umgebung – was die sozialen Beziehungen und die wirtschaftlichen Bedingungen angeht. So gibt es Klassen bzw. Schichten[5], wie Giddens erläutert, die sich hauptsächlich durch ungleichen Besitz an materiellen Ressourcen und deren Kontrolle voneinander unterscheiden. (a.a.O., 267) Neben dem Kapital bildet der Beruf ein weiteres Hauptkriterium, um Klassenunterscheidungen festzumachen. Giddens unterscheidet vier Klassen in den heutigen westlichen Gesellschaften: eine Ober- und Mittelschicht, eine Arbeiterklasse sowie eine Unterklasse. (a.a.O., 276 ff.)

Inwieweit sich das Aufwachsen in verschiedenen sozialen und wirtschaftlichen Lebenslagen auf die kindliche Sozialisation auswirkt und wie sich die Ergebnisse der Forscher dazu in den 1960er- und 70er-Jahren bis heute gestalten, unter welchen Gesichtspunkten schichtspezifische Sozialisation betrachtet wird und was ihre Aufgaben für die Zukunft sein könnten, wird im folgenden behandelt. Die Forschung dieser Zeit wird aus verschiedenen Blickwinkeln kritisch beleuchtet, die Ergebnisse der PISA-Studie werden in diesem Zusammenhang erläutert und weitere aktuelle Forschungsergebnisse aufgeführt.

II. Aspekte schichtspezifischer Sozialisation

Im folgenden Kapitel werden die Theorien einiger Soziologen beleuchtet, die die schichtspezifische Sozialisation unter verschiedenen Gesichtspunkten betrachteten. Diese werden hauptsächlich aus Publikationen der 1970er Jahre entnommen, da zu dieser Zeit die Beziehung zwischen dem sozialen Status der Eltern und der Persönlichkeitsentwicklung des Kindes in der schichtspezifische Sozialisationsforschung am intensivsten und innovativsten diskutiert wurden. Die Kernthese, so Hurrelmann[6], war, daß die durch die verschiedenen beruflichen und alltäglichen Erfahrungen und die unterschiedliche Bildung beeinflußte Persönlichkeitsstruktur der Eltern in der familialen Interaktion durch gewisse Erziehungsstile an die Kinder übermittelt wurde und dadurch „der soziale Status durch die Sozialisation ‚vererbt’ wird“ (Hurrelmann, 172).

Ziel ist es, in diesem Kapitel einen möglichst vielseitigen Überblick über die Problematik und Entwicklung der schichtspezifischen Sozialisation zu geben. Dazu werden drei verschiedene Publikationen herangezogen, deren Autoren das Thema Schichtspezifische Sozialisation unter unterschiedlichen Herangehensweisen beleuchtet haben. Anschließend folgt eine Zusammenfassung und kritische Betrachtung der Forschung aus dieser Zeit sowie Lösungsansätze für eine gelingende Fortführung.

1. Friedhelm Neidhardt

Neidhardt bezeichnet in seinem Aufsatz „Schichtspezifische Elterneinflüsse im Sozialisationsprozeß“[7] soziale Schichtung als ein „Phänomen gesellschaftlicher Ungleichheit“ (Neidhardt 1968, 174): So haben Menschen mit großem Einfluß, hohem Ansehen und viel Besitz oder Einkommen einen hohen sozialen Status inne. Dieser Status läßt sich am besten durch einen multiplen Index registrieren, der die berufliche Tätigkeit, das Einkommen und die Schulbildung einschließt. Neidhardt begründet dies damit, daß genannte Kennzeichen geeignete Indikatoren für die Bewertungen sind, nach denen sich Menschen selbst und andere beurteilen und aufgrund derer sie miteinander umgehen. So geben die Merkmale Auskunft über den Einfluß des einzelnen im Beruf und im öffentlichen Leben, über Befähigungen und Fertigkeiten, die mit einer bestimmten Schulbildung einhergehen sowie über Konsummöglichkeiten und Lebensstil, die mit einem bestimmten Einkommen verwirklichbar sind. In diesem Sinne definiert Neidhardt soziale Schichtung „als das Phänomen [...], das die ungleichen Chancen des einzelnen bezeichnet, im gesellschaftlichen Bereich Dinge, Symbole und Erfahrungen zu besitzen, die als wertvoll angesehen werden“ (ebd.).

Im folgenden widerspricht Neidhardt der in den 1960er Jahren geltenden Annahme, daß sich aus einer Vielfalt unterschiedlicher sozialer Klassen eine ausgedehnte, recht gleichförmige Gesellschaftsschicht gebildet habe. So seien die Unterschiede keinesfalls unwesentlich: „Sie existieren [...] als weitgehend verdeckte, gewissermaßen informelle Ungleichheiten der sozialen Situation“ (a.a.O., 175). So wies Neidhardt empirisch nach[8], daß die Unterschichten ein geringeres Einkommen, ein niedrigeres Prestige, geringere Macht und weniger Beziehungen und Einfluß haben als Angehörige der Mittel- und Oberschichten. Ohne diese Mißverhältnisse in den sozialen Situationen, sind die enormen Ungleichheiten im Verhalten der Angehörigen unterschiedlicher Schichten soziologisch nicht erklärbar.

Neidhardt stellt klar, daß man in eine Schicht hineingeboren wird und die Persönlichkeitsentwicklung in bestimmten Schichtmilieus durch die Eltern und die frühzeitige Erfahrung von Vor- und Nachteilen der Schichtzugehörigkeit gelenkt wird. (a.a.O., 178)

Neidhardt vergleicht die Mittel[9] - und Unterschichten[10]. Die Oberschichten[11] ließ er außen vor, da über diese keine erschöpfenden Untersuchungen vorliegen und sie in Deutschland „noch keine profiliert ‚elitären’ Verhaltensbesonderheiten entwickelt haben“ (a.a.O., 175).

Beim Vergleich von Mittel- und Unterschichten, fand Neidhardt heraus, daß Mitglieder der Unterschichten eher zu autoritären Verhaltensweisen neigen, sie von Affekten ausgehend handeln und die Zukunft im Vergleich negativer beurteilen, woraus resultiert, daß sie keine großen Chancen sehen, das Leben selbst zu meistern und nehmen, was kommt. Mittelschichtler hingegen sind eher bereit, für die Zukunft Planungen anzustellen, wofür sie gegenwärtige Bedürfnisse unbefriedigt lassen. Auch sind sie überzeugt davon, daß der einzelne sein Leben selbständig meistern kann und soll. Weiterhin haben die Unterschichten eine kaum entwickelte „aktive zielbewußte Interessenvertretung im öffentlichen Raum“ (a.a.O., 176) und sind von der Gesellschaft distanziert[12]. Die wenigen öffentlichen Kontakte der Unterschichtler werden „durch relativ starke Bindung an kleine Primärgruppen kompensiert“ (ebd.), weshalb private und verwandtschaftliche Beziehungen von hohem Wert sind.

Neidhardt faßt zusammen, daß Mitglieder der Unterschicht eher zu persönlich-familiären Verhaltenszügen tendieren, „als zu den ‚öffentlichen’ Wertorientierungen[13], welche in den rationalisierten Funktionssystemen moderner Leistungsgesellschaften [...] vorgeschrieben und belohnt werden“ (a.a.O., 177).

Neidhardt definiert Sozialisation als einen „Prozeß, durch welchen in einer Gesellschaft die herrschenden Werte, Normen und Techniken des Lebens dem einzelnen vermittelt und verbindlich gemacht werden“ (a.a.O. 179). Außerdem ist jeder erziehende Mensch immer gewillt, das gesellschaftliche Ideal[14] eines Menschen zu bilden.

Durch die komplexe Struktur der Gesellschaft, so Neidhardt, ist der Mensch gezwungen, zwei unterschiedliche Wertsysteme zu erlernen: Zum einen im Privatbereich, in dem soziale Beziehungen „diffus, emotional und partikularistisch“ (ebd.) sein sollen und zum anderen die durch die Öffentlichkeit (Betriebe, Verbände, Behörden) vermittelte Art „spezifischer, instrumentaler und universalistischer“ (a.a.O., 180) Beziehungen. Um erfolgreich zu sozialisieren, muß Einklang zwischen beiden Wertigkeitssystemen geschaffen werden: Die Aufgabe der Eltern.

Neidhardt stellt die Hypothese auf, daß Kinder, die in der Unterschicht aufwachsen, von den Eltern nur ungenügend auf die Ansprüche des öffentlichen Bereichs der Gesellschaft vorbereitet werden, da eine starke Fixierung auf familistische Werte – und damit einhergehend eine Distanzierung bezüglich öffentlicher Werte besteht. (a.a.O., 180)

Neidhardt beschreibt drei Formen elterlich-erzieherischen Einflusses: Erstens üben Eltern Normfunktionen aus – gelenkt durch Belohnungen und Bestrafungen. Zweitens üben sie eine Demonstrationsfunktion aus – indem sie Modell und Vorbild für ihre Kinder sind, welche die Eltern imitieren und sich mit ihnen identifizieren. Drittens wirken Eltern in einer Lenkungsfunktion auf die Kinder. So werden diese in bestimmte Umgebungen und Freundeskreise, Bildungs- und Freizeiteinrichtungen plaziert – welche ebenfalls als sozialisierend fungieren. (a.a.O., 181)

Bezogen auf den normativen Erziehungsstil stellt Neidhardt fest, daß Eltern der Unterschichten weniger pädagogisch sind – also eher aus dem Effekt heraus erzieherisch auf das Kind einwirken, statt gezielt, durchdacht und konsequent. Darüber hinaus nutzen Unterschichteneltern häufig autoritäre Erziehungsmethoden, welche sich in scharfen Befehlen und körperlicher Bestrafung äußern, was eine Unterwerfung des Kindes bezweckt. (ebd.) Mittelschichteltern sind toleranter gegenüber den Wünschen und Empfindungen ihrer Kinder. Sie äußern freier Liebesbekundungen und sind bedacht auf psychologische Bestrafungen wie Zureden und Gewissensappelle. (a.a.O., 182)

Neidhardt betont, daß die Erziehungsformen der Unterschichteneltern keine Folgen der wenigen Zeit oder ungenügenden Erziehungsbereitschaft sind, sondern daß Erziehungsleitbilder bestehen, nach denen die Eltern handeln, damit das Kind so wird, wie sich die Eltern das wünschen. Der Wunsch ist mit den oben angeführten Werthaltungen verknüpft. So erfährt man von Neidhardt, daß es laut Umfragen Mitglieder der Unterschichten befürworten „Kindern ‚Gehorsam und Unterordnung’ anzuerziehen und daß [...] weniger Wert auf [...] ‚Selbständigkeit und freien Willen’“ (ebd.) gelegt wird. Dies, so Neidhardt weiter, wirkt sich auf Charakter, Leistungsmotivation und Selbstanspruch des Kindes aus – wobei die Unterschiede zu den Mittelschichtkindern durch die Milieus, in denen die Unterschichteltern leben, vergrößert werden, weil die Kinder teilhaben an der Kultur der Eltern und sich an jenen orientieren.

Die verminderten Lern- und Leistungschancen von Unterschichtkindern in der Schule, deutet Neidhardt, liegen in der „mangelnden Erziehungs- und Sozialisationsleistung des Vaters“ (ebd.) begründet. Der Vater hat die Rolle des Haupternährers inne – ist also im äußeren System der Familie verankert; die Mutter im inneren System, in dem sie „Funktionen bei der Kinderpflege, [...] bei der Kultivierung des Privaten und bei der Regelung des häuslichen Konsums“ (a.a.O., 184) übernimmt. Das Kind, so Neidhardt weiter, wird zuerst von der Mutter sozialisiert, dem es familistische Werte wie Liebe, Vertrauen oder Gemeinschaftssinn nahebringt, welche für ein gesellschaftliches Bestehen jedoch nicht hinreichend sind. Für das erfolgreiche Agieren in der Gesellschaft sei der Vater zuständig, der dem Kind Rationalität und verstandbasiertes statt emotional gesteuertes Verhalten etc. beibringt. Die Familie könne dies allein nicht leisten – es müsse „der Vater eine dominierende Rolle spielen“ (ebd.). Inwieweit sein Einfluß auf das Kind gedeiht und dieses „gesellschaftsfähig“ macht, hängt vom Vorbildgeschick des Vaters ab (Demonstrations-, Norm-, Lenkungsfunktion).

Diesen Einfluß, führt Neidhardt anhand empirischer Daten weiter aus, üben Unterschichtväter nur mangelhaft aus, da, bedingt durch die niedere Stellung in Beruf und im öffentlichen Leben, sie selbst nur über wenige Fähigkeiten und Kenntnisse verfügen, den (oben angeführten) gesellschaftlichen Ansprüchen gerecht zu werden. Ein anderer Grund ist des Vaters Autoritätsverlust innerhalb der Familie – verursacht durch den geringen Schichtstatus, in den er dann auch seine Familie zwingt, die die Nachteile zu spüren bekommen. Neidhardt verweist auf Rosenmayr[15], der nachwies, daß die Vorbildfunktion des Vaters in höheren Schichten wirksamer ist, da diese mit Zugang zu Prestige, Macht und Einkommen der Familie Vorteile erbringen, was diese mit einer hohen innerfamilialen Geltung des Vaters quittieren. (Neidhardt 1968, 185)

Je niedriger also die Schichtstellung des Vaters, desto geringer ist sein Einfluß auf die Familie, thesiert Neidhardt und spricht von einem „Unterschichtenmatriarchat“ (ebd.). Dadurch ist die Mutter gezwungen die instrumentellen, äußeren (System-)Funktionen des Vaters zu übernehmen, weshalb Unterschichtenmütter auch häufiger berufstätig sind als Mütter höherer Schichten. Durch den höheren Einfluß der Frau steigt auch das Gewicht familialer Themen – Einsichten des Vaters, was das öffentliche Leben betrifft sowie universalistische, spezifische und instrumentale Wertorientierungen, treten in den Hintergrund – Alltagserfahrungen und Privates in den Vordergrund. (a.a.O., 186).

Aus dieser Vaterschwäche heraus, so Neidhardt weiter, könnte der Familismus der Unterschichten erklärt werden und das Sozialisationsdefizit (insbesondere der Söhne), was die „dominanten Werthaltungen“ (a.a.O., 187) der Öffentlichkeit angeht, erklärt werden.

Die sozialen Bezugsgruppen und Verkehrskreise der Eltern, in denen die Kinder hineingeboren werden, sind in den Unterschichten meist kleiner als in höheren Schichten, überwiegend von Nachbarn und Verwandten durchsetzt, was, so folgert Neidhardt, zu einem schichthomogenen Verkehrskreis und die Kinder nur selten in fremde Milieus führt (a.a.O., 188). Neidhardt fand später heraus[16], daß die Umweltoffenheit – also inwieweit eine Dauerkommunikation mit Personen oder Institutionen zugelassen wird (Neidhardt 1979, 173) – in höheren Schichten größer ist[17]. Neidhardt zitiert Grimm (Neidhardt 1968, 188 f.), die in einer Untersuchung[18] feststellte, daß eine Minderheit der Arbeiter Kontakte zu höheren Schichten pflegen, was den Kindern Kontakte zu anderen Bezugsgruppen gestattet, welche den Sozialisationsprozeß positiv beeinflussen, sodaß „gesellschaftlich höher bewertete Orientierungselemente“ vermittelt werden können. (a.a.O., 189)

Die Schule, referiert Neidhardt, funktioniert als Vermittlerin von Bildung und, bei entsprechender Leistung, als Nährboden der künftigen sozialen Stellung. Die Eltern sind mithilfe erzieherischer Maßnahmen hauptsächlich dafür verantwortlich, inwieweit Kinder schulische Erfolge vorzuweisen haben – durch die typisch familiale Sozialisation sind in den Unterschichten die schulischen Leistungen der Kinder eher gering. Auch wenn Unterschichtkinder in der Lage wären, höhere Bildungseinrichtungen zu besuchen, so glauben die Eltern doch, diesen Lebensweg nicht finanzieren zu können, was den Kindern einen niedrigen Abschluß beschert und den sozialen Aufstieg schwierig macht. Weiterhin ist das Interesse der Eltern verschiedener Schichten den Besuch weiterführender Schulen betreffend, verschieden ausgeprägt. Während Eltern höherer Schichten die Kinder ermuntern und von ihnen erwarten, daß höhere Schulen besucht werden, sind Eltern aus der Unterschicht „unsicherer, unentschiedener und passiver“ (a.a.O., 191) was den Bildungsfortgang des Kindes betrifft. Darüber hinaus sind Unterschichteneltern uninformierter, was die Bedeutung des Besuchs einer höheren Schule betrifft; befürchten, daß sich die Kinder von ihnen entfremden; die allgemein geringere Zukunftsbezogenheit sowie die Ansicht, daß den Kindern doch an Bildung auch genügen müßte, was die Eltern bekamen. Aus diesen Gründen werden Kinder der Unterschicht – auch wenn die Zeugnisse das nahe legen und der Wunsch des Kindes besteht – seltener auf höhere Schulen geschickt. (ebd.)

Neidhardt faßt zusammen, daß „elterliche Sozialisationsleistungen in mehrfacher Weise schichtbedingt sind“ (a.a.O., 194) – je nach elterlicher Vorbildleistung, dem Erziehungsideal und den Wertorientierungen. Daraus ergibt sich das Problem, daß die von den Kindern erlernten „Einstellungen, Motivationen und Fähigkeiten“ (ebd.) von den gesellschaftlichen Institutionen nicht gleichwertig anerkannt werden und somit eine unterschiedliche Verteilung von Prestige, Macht und Einkommen erfolgt: Unterschichtenkinder sind aufgrund ihrer Sozialisation gegenüber Kindern anderer Schichten benachteiligt, was öffentliche „Gratifikationszuweisungen“ betrifft. Daraus folgt, daß Kinder der Unterschichten mit dem niedrigsten Grad einer Ausbildung einen Beruf beginnen, wodurch höhere Positionen und damit verbundene Privilegien schier unerreichbar bleiben. Oberschichtenkinder hingegen haben durch die familiale Sozialisation eher die Chance, auf der privilegierten Stufe der Eltern zu bleiben. (ebd.)

Neidhardt kommt zu dem Schluß, daß der Schichtstatus von den Leistungsfähigkeiten abhängt, die durch den Schichtstatus der Eltern bestimmt werden. Somit steht fest, daß der Schichtstatus und die damit verbundenen Lebenschancen „zwischen den Generationen vererbt werden. Die Familie plaziert durch die ihr eigene Sozialisation ihre Kinder in eben die Schicht, der sie selbst angehört“ (ebd.). Neidhardt schließt seinen Aufsatz mit dem Hinweis ab, daß dieser „schichtspezifische Sozialisationseinfluß der Eltern [...] mit seinen Plazierungskonsequenzen“ (a.a.O., 195) problematisch wird, insoweit die Gesellschaft diesen Einfluß zuläßt.

[...]


[1] Giddens, Anthony. „Soziologie“. Hrsg. Christian Fleck, Hans Georg Zilian. 2. überarb. Aufl. (nach d. 3. engl. Aufl. 1997) Graz, Wien: Nausner & Nausner, 1999.

[2] Was nicht heißt, so Giddens, daß das Individuum nach gesellschaftlich genormten Mustern lebt. Zwar wird der Mensch im Laufe seines Lebens durch Interaktion mit anderen Menschen in seinem Verhalten und seinem Werteverständnis beeinflußt (Giddens, 45), jedoch, betont Heinrich Fisch, kommt jeder mit unterschiedlichen Menschen in Kontakt, wird mit speziellen Situationen konfrontiert und reagiert auf Sozialisationsangebote verschieden – was „zur Bildung einer unverwechselbaren Persönlichkeit führt“ (Fisch, 27). Jeder Mensch entwickelt im Laufe seiner Sozialisation ein Identitätsgefühl und weiß „unabhängig zu denken und zu handeln“, hält Giddens fest. (Giddens, 45)

[3] Auch „Verinnerlichung“ genannt. Bezeichnung für „die Eingliederung sozio-kultureller Muster (Werte, Normen) in die Persönlichkeitsstruktur“ eines Kindes. (Fuchs-Heinritz et al., 715) Dadurch ist innere Kontrolle gegeben, die eine äußere Überwachung des Verhaltens überflüssig macht. (ebd.)

[4] Fuchs-Heinritz, Werner et al., Hrsg. „Lexikon zur Soziologie“. 3. neu bearb. u. erw. Aufl. 1994; durchges. Nachdr. Opladen: Westdeutscher Verlag, 1995.

[5] Das „Lexikon zur Soziologie“ verwendet „Klasse“ auch als Synonym für „Schicht“. (Fuchs-Heinritz et al., 334)

[6] Hurrelmann, Klaus. „Einführung in die Sozialisationstheorie“. 8., vollst. überarb. Aufl. Weinheim, Basel: Beltz, 2002.

[7] Neidhardt, Friedhelm. „Schichtspezifische Elterneinflüsse im Sozialisationsprozeß“. In: Gerhard Wurzbacher, Hrsg. „Die Familie als Sozialisationsfaktor“. Stuttgart: Ferdinand Enke Verlag, 1968.

[8] Er verweist auf: Neidhardt. „Schichtspezifische Verhaltensdifferenzierungen in der Bundesrepublik“. In: Bolte, Kappe, Neidhardt. „Soziale Schichtung und soziale Mobilität“. Köln: Opladen, 1966.

[9] Dazu zählt er Beamte, Selbständige und Freiberufler (50% der Bevölkerung).

[10] Arbeiter, Un- und Angelernte sowie industrielle Facharbeiter (45% der Bevölkerung).

[11] Führende Eliten in Staat, Kirche und Wirtschaft.

[12] So sind Mitglieder der Unterschichten weniger in Vereinen oder Verbänden organisiert, wahren Distanz zur Kirche und sind auch an politischen Wahlen weniger beteiligt als Angehörige der Mittelschicht.

[13] Werte, die durch öffentliche Einrichtungen und Medien vermittelt werden und einen gesellschaftlichen Aufstieg verheißen. Die damit verbundenen Ziele werden nur schwerlich von Unterschichtmitgliedern erreicht, was zu abweichenden Wertorientierungen führt. Diese andersartigen Orientierungen sind mit allgemeingültigen gepaart, was zu einer gewissen Orientierungsunsicherheit führt, wie Neidhardt erklärt. (a.a.O., 177 f.)

[14] Wobei es innerhalb einer Gesellschaft verschiedene Ideale gibt – je nach Konfession, politischer Überzeugung und dem Grad an Konservativismus. Allerdings, so Neidhardt, muß und kann die Soziologie davon ausgehen, daß die Gesellschaft „Grundzüge eines personalen Leitbildes institutionalisiert“ (a.a.O., 179).

[15] Rosenmayr, L. „Soziale Schichtung, Bildungsweg und Bildungsziel im Jugendalter“. In: D.V. Glass und R. König, Hrsg. „Soziale Schichtung und soziale Mobilität“. Köln: Opladen, 1961, S. 278.

[16] Neidhardt, Friedhelm. „Systemtheoretische Analysen zur Sozialisationsfähigkeit der Familie“. In: F. Neidhardt, Hrsg. „Frühkindliche Sozialisation: Theorien und Analysen“. 2. neubearb. Aufl. Stuttgart: Enke, 1979.

[17] Je geringer die Schichtenlage einer Familie, desto kleiner ist der Verkehrskreis und desto höher ist der Anteil „‚zugeschriebener Kontakte’ (Verwandte, Nachbarn)“ (a.a.O., 175) und um so geringer der Anteil „‚erworbener Kontakte’ (Freunde, Kollegen, Bekannte)“ (ebd.) und Beziehungen zu „öffentlichen Gruppen und Einrichtungen“ (ebd.).

[18] Grimm, S. „Die Bildungsabstinenz der Arbeiter“. München, 1966.

Details

Seiten
36
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638336130
ISBN (Buch)
9783638719636
Dateigröße
592 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v33037
Institution / Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Note
sehr gut
Schlagworte
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Titel: Zur schichtspezifischen Sozialisation der 70er Jahre bis heute - mit einem Ausblick auf die Ergebnisse der PISA-Studie