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Interpretation zweier ausgewählter Texte Alexander Kluges: "Ein Liebesversuch" und "Massensterben in Venedig"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2004 29 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Biografisches zu Alexander Kluge mit Bezug auf Ein Liebesversuch und Massensterben in Venedig

3. Ein Liebesversuch und Massensterben in Venedig
3.1 Ausführungen zum Inhalt, der Thematik und den Motiven
3.2 Analyse von Form und Sprache

4. Ein Liebesversuch und Massensterben in Venedig

im Kontext der Erzähltheorie

5. Nachwort

6. Literaturverzeichnis

1. Vorwort

Das Seminar „Textanalyse und sprachliche Gestaltung – zur produktiven Aneignung von Literatur“ bot die Möglichkeit, Texte verschiedener Autoren zu lesen, mit ihnen produktiv zu arbeiten. Besonders unter Berücksichtigung ihres Sprachgestus im Zusammenhang mit dem Inhalt und den Motiven, die sie vermitteln. Die Intention dieser Arbeit lag darin aufzuzeigen, wie eng beide Aspekte miteinander verzahnt sein können. Gegen Ende des Semesters wurden wir mit Texten Alexander Kluges konfrontiert. Bis zu diesem Zeitpunkt war mir dieser Autor im Studium noch nicht begegnet.

Seine Texte bieten eine überaus interessante Diskussionsgrundlage. Demzufolge habe ich mir in dieser Hausarbeit zum Ziel gesetzt, die Verwirrung, die beim Lesen seiner Texte entsteht aufzulösen, sie zumindest in Worte zu fassen. Die meist kurzen Geschichten, in denen über erkrankte Individuen berichtet (nicht erzählt) wird, Menschen, die an den Symptomen des Krieges und dessen Spuren, die er in der westlichen Gesellschaft der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hinterlassen hat leiden, sind keine Prosa im herkömmlichen Sinn. Die Sprache des Autoren verweigert sich jeglicher erzählender Ausschmückung und nahezu jeglicher Färbung durch Gefühle. Sie ist protokollarisch und kalt. Kluge schafft die Voraussetzungen, die eine in sich geschlossene Erzählung nicht bieten kann: er fordert auf weiterzudenken, sich mit den von ihm gelieferten Fakten auseinander zu setzen. Er lässt die wichtigsten Fragen offen.

Wie ich im Titel der Hausarbeit angekündigt habe, werde ich die folgenden Texte untersuchen: Ein Liebesversuch[1] und Massensterben in Venedig[2]. Unter Berücksichtigung verschiedener Fremdinterpretationen werde ich im dritten Kapitel Inhalt, Thematik und Motive, sowie Form und Sprache beider Texte herausarbeiten. Doch möchte ich mich um eine gründliche Analyse bemühen, die in der Lage ist, die Texte Kluges weitest gehend aus sich selbst heraus erklären zu können. Nicht zuletzt besteht meine Absicht darin aufzuzeigen, wie bei Kluge die eben erwähnten Gesichtspunkte, unter denen ich seine Texte untersuche, ineinander greifen. Die von mir zitierten Passagen aus den Originaltexten werden nicht mit Fußnoten versehen, sie werden lediglich durch Anführungsstriche gekennzeichnet.

Das Gesicht der Texte, betrachtet man sie als Erzählung, ist eigenwillig. Alexander Kluge konfrontiert den Leser mit allen gängigen Formen der Erzählung und des Erzählens. Im vierten Kapitel werde ich die, hier noch kursiv geschriebenen Wörter anhand der Erzähltheorie als wissenschaftliches Handwerkszeug einführen, auch werden andere wichtige Aspekte der Erzähltheorie, die sich auf Kluges Texte anwenden lassen, von mir herausgearbeitet. Inwieweit sie helfen können, seine Texte als Erzählungen analytisch einzuordnen, wird ebenfalls in diesem Kapitel besprochen.

2. Biografisches zu Alexander Kluge mit Bezug auf Ein Liebesversuch und Massensterben in Venedig

Alexander Kluge wurde am 14. Februar 1932, also ein Jahr vor der nationalsozialistischen Machtübernahme in Deutschland, in Halberstadt geboren. Kluges Vater, Dr. Ernst Kluge war sogenannter Opernarzt. Seine Mutter Alice (geborene Hausdorf) war eher praktisch veranlagt. 1937 wurde Kluges Schwester Alexandra Karén geboren. Später wurde sie zur Hauptdarstellerin in zwei seiner Filme.

Ein Jahr vor Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde Kluge in die Volksschule eingeschult. Dort verweilte er bis zu seinem Wechsel auf das Gymnasium, der 1941 erfolgte. Der 8. April 1945, Kluge war gerade einmal dreizehn Jahre alt, konfrontierte ihn mit dem denkbar schrecklichsten Szenario: einem Luftangriff amerikanischer Bomber. Dabei wurde sein Elternhaus vernichtet und Halberstadt lag zu großen Teilen in Trümmern. Rein Zufällig überlebte Alexander Kluge den Angriff. Man muss sich das einmal vorstellen: „Ich war dabei, als am 8. April 1945 in 10 Meter Entfernung so etwas einschlug.“[3] Daraus und aus Kluges Verarbeitung des Kriegsterrors in Textform lässt sich ablesen, wie prägend für ihn speziell der Luftangriff gegen Ende des Krieges und der NS-Terror im Allgemeinen als Realität seiner Kindheit waren. 1949 machte Kluge Abitur in Berlin, wo er bereits seit einem Jahr nach Kriegsende bei seiner Mutter lebte. Die Ehe seiner Eltern war inzwischen geschieden worden. Noch im Jahre 1949 nahm er sein Studium auf. Er studierte Rechtswissenschaften, Geschichte und nebenher Kirchenmusik. Doch lagen Kluges wirkliche Interessen in seinem späteren Arbeitsfeld: dem Film und der Literatur.

Sein juristischer Hintergrund schimmert dabei unverkennbar (Anlehnung seiner Sprache an die, eines Juristen) auch in Ein Liebesversuch und Massensterben in Venedig durch. 1962 hatte Kluge seine Lebensläufe herausgegeben, dafür erhielt er den Berliner Kunstpreis-Junge Generation. Bis zum Jahre 1973, in dem der Prosaband Lernprozesse mit tödlichem Ausgang erschien, drehte er 6 Kurzfilme und 3 Langfilme. Der Spielfilm Die Artisten in der Zirkuskuppel – ratlos wurde bei den Filmfestspielen 1968 in Venedig ausgezeichnet. Während des Festivals musste Kluge wohl folgende Vorgänge aufmerksam mitverfolgt haben:

„Es hatte Demonstrationen gegen den Festivalrummel, eine Besetzung des „Palazzo del Cinema“ („Steinpalast“) durch linke Regisseure gegeben. Der Direktor Prof. Chiarini – der als italienischer „Sozialist“ ein „liberaler“ Mann war wie der Polizeipräfekt – hatte die Polizei geholt, die den Filmpalast abriegelte. Sie räumte dann den besetzten Kinosaal („Empfangssaal“) und trieb die Besetzer dem draußen gegendemonstrierenden Pöbel – Hotelpersonal („Küchenhilfen“?), Gepäckträger, Neofaschisten dabei – in die Arme; dieser war aus ökonomischen Gründen („Tourismus“) für die Durchführung der Filmfestspiele und hielt mit Prügeln nicht zurück.“[4]

Die Parallelen zu Massensterben in Venedig sind nicht zu übersehen: sie sind Ausdruck der eigenen Realitätsbewältigung (Bewältigung der erlebten Eindrücke während des Festivals 1968). Fiktives Erzählen als Form der Realitätsbewältigung. Doch sei Kluge damit kein bloßer Eigennutz unterstellt. Seine Absichten sind weitreichender. Hierauf werde ich jedoch im Anschluss an dieses Kapitel näher eingehen.

Ein Liebesversuch gründet auf eine ähnliche Vorgehensweise des Autoren: Die Thematik und Kluges persönlicher Zugang dazu sind real. Sie sind geschichtsgewordene Wirklichkeit. Der Text ist insofern unwirklich, als er ein fingiertes Dokument eines Experiments darstellt, dessen Durchführung unter den Umständen des NS-Regimes möglich gewesen wäre, aber nicht mit Sicherheit genau so stattgefunden haben muss. Das Interesse der Experimentatoren ist ein medizinisches (Massensterilisation durch Röntgenbestrahlung). Alexander Kluges Kindheit, die zeitlich genau auf die Entwicklung des Nazi-Terrors – von seinen Anfängen bis zu seinem Ende – fällt, muss ihn veranlasst haben, diese Thematik etliche Jahre später wieder aufzugreifen (er schrieb die Lebensläufe während seiner, von Adorno vermittelten Anwesenheit als Volontär bei der Produktion des Films von Fritz Lang Das indische Grabmal, der um die Jahreswende der Jahre 1958/59 in Berlin produziert wurde)[5]. Dies ist Kluges zeitgeschichtlicher Zugang, ein familiärer Zugang zum Stoff des Textes ist ebenfalls gegeben: Sein Vater war, wie bereits erwähnt, Arzt. Mit dem Ethos dieses Berufstands war Alexander Kluge bereits seit seiner Kindheit vertraut. Daraus erklärt sich sein Interesse an dem medizinischen Aspekt von Ein Liebesversuch, abgesehen von seinem Interesse an persönlicher Aufarbeitung erlebter Geschichte und dem damit verknüpften Aspekt, aufklärerische Arbeit zu leisten. Aus den Ausführungen, die in diesem Kapitel über den biografischen Hintergrund des Autoren Alexander Kluge gemacht worden sind geht hervor, in welch engem Zusammenhang seine persönliche Lebensgeschichte mit dem Inhalt, sowie der Sprache der beiden von mir zu interpretierenden Texte steht.

3. Ein Liebesversuch und Massensterben in Venedig

Im Vorwort habe ich angedeutet, dass man bei den Texten Alexander Kluges, möchte man sie einer literarischen Textgattung zuordnen, nicht eindeutig von einer Schreibweise im Prosastil sprechen kann. Zumindest nicht von Prosa im eigentlichen Sinn:[6]

„Es ist eine Prosa, die beschreibt und beurteilt, genauer: befindet. Sie zieht ihre Figuren nicht verstehend an die Brust, sie verwaltet sie, macht ihr Fälle aktenkundig. [...] Über Wetter und Natur, über Gerüche, Haarfarben, Mimik oder Physiognomien erfahren wir bei ihm nichts, so gut wie nichts. [...] Aber auch diese auf den ersten Blick so fertige, so nichts als rationale Prosa arbeitet beileibe nicht nur mit Versatzstücken. Durch die Kulissen der übernommenen, der vorgefertigten Sprache bricht immer wieder und um so erstaunlicher ein persönliches Idiom durch, mit einem vor Staunen und Befremdung scharf gewordenen Blick, der die Rätsel menschlichen Verhaltens registriert, ohne sie patent zu lösen.“[7]

So erzählt Kluge bei Ein Liebesversuch nicht den Vorgang des Experiments, er lässt von dem Experiment protokollarisch berichten. Somit scheint dem Text jede Subjektivität abgesprochen zu sein, denn in unserer abendländischen Kultur sprechen Zahlen, Daten und Fakten – die charakteristischen Merkmale eines Protokolls – für die Objektivität eines Vorgangs. Dennoch treten, lesen wir ein zweites oder drittes Mal, verschiedene Formen des Subjektiven im Text auf. Doch darauf komme ich später zu sprechen. Ein Liebesversuch ist die tragikkomische Fratze einer, aus dem Gleichgewicht geratenen Realität. Der Erzähler kennt kein Mitgefühl mit den Opfern und stellt die Täter nicht als Verbrecher dar.

Neben den Ereignissen, die sich während des Filmfestivals in Venedig im Jahre 1968 zugetragen haben, gibt es einen zweiten Anlass, so Rainer Stollmann, der für das Verfassen Kluges von Massensterben in Venedig Ausgangspunkt war: „Im Zusammenhang mit der Geschichte von Anstalten mußte ich auf Franco Basaglia, den führenden Kopf der italienischen Reformpsychiatrie, stoßen.“[8] Stollmanns Forschungen, die er über Basaglia angestellt hat, sind überaus interessant und zudem tragen sie zum besseren Verständnis Kluges bei. Denn die thematischen Überschneidungen von Massensterben in Venedig mit den theoretischen Äußerungen Basaglias über die Situation der geschlossenen Anstalten Italiens (Kluges Altersheim ’San Lorenzo’ ist allemal eine geschlossene Anstalt im übertragenen Sinn) in den 60er Jahren sind überwältigend:

„Die geschlossene Anstalt bietet als eine bereits in sich tote Welt – von dem Augenblick an, in dem sie den Kranken im Rahmen ihrer inhumanen Regeln objektiviert – als einzige Alternative den Tod an, der sich jedesmal neu im trügerischen Gewand der Freiheit vorstellt.“[9]

Und Basaglia schreibt weiter, man könne

„[...] vom Patienten einer psychiatrischen Anstalt natürlich abstrahieren und in die Argumentation alle Individuen einbeziehen, die ohne Alternative, ohne Zukunft, ohne Möglichkeiten der Entfaltung in einer Wirklichkeit leben, in der für sie kein Platz vorgesehen ist. Ihr Ausschluß weist ihnen geradewegs zu, was ihnen zu tun verbleibt; ihre Reaktion kann sich nicht anders äußern als in einem Akt der Auflehnung und Zerstörung.“[10]

In der Wirklichkeit, die Kluge dem Leser präsentiert, in einer verwalteten Welt in der Polizeikräfte verzweifelte alte Menschen „[...] zu schattigen Häusern auf dem Festland und in Alpennähe transportieren.“, mag es wenig verwundern, dass diese Alten, von der Gesellschaft Aus- und im Altersheim Eingeschlossenen rebellieren. Doch wird ihre Rebellion in derselben Nüchternheit beendet und protokollarisch erfasst, die sich durch den gesamten Text hindurch zieht. Die Gesellschaft, verkörpert in Kluges fiktivem Massensterben in Venedig, kennt keine Gefühle und ist unmenschlich. Ihre Individuen handeln nicht, sie reagieren. Meist unter Zeitdruck. Diese Fiktion, so absurd sie sich im einzelnen in diesem Text äußert, ist eine konsequent weitergedachte Form der Wirklichkeit, unserer westlichen Welt. Kluge übt durch seine überspitzte Darstellung der Wirklichkeit Kritik an ihr selbst.

3.1 Ausführungen zum Inhalt, der Thematik und den Motiven

Bei Ein Liebesversuch führt Kluge den Leser zunächst unmittelbar an den Stoff heran, er macht keine einführenden Bemerkungen zur geschichtlichen Dimension der Thematik. Die Worte „in den Lagern“, „Massensterilisation“ und „Röntgenbestrahlung“ deuten im Zusammenhang mit der Jahreszahl 1943 zweifellos an, wovon der Text handelt, und hier tritt bereits die erste Irritation auf: Wie kann der Autor diese, dem Leser vertrauten Begriffe aus der NS-Zeit erwähnen, wenn der Text doch von einem Liebesversuch handeln soll? Ist nicht Liebe als Zugehörigkeitsgefühl zweier sich Liebender „in den Lagern“ zum scheitern verurteilt?

Anschließend werden die Bedingungen genannt, unter denen der Versuch stattfinden sollte und tatsächlich, das Nennen der Versuchsbedingungen löst die Doppeldeutigkeit des Wortes Liebesversuch auf. Wir werden Zeugen eines Versuchs mit der Liebe, mit körperlicher Liebe: „Wir führten einen männlichen und einen weiblichen Gefangenen zu einem Versuch zusammen.“ Dieser Satz beseitigt nun jegliche Vermutung des Lesers, hier eine romantische Liebesgeschichte unter grausamen Bedingungen lesen zu können. Einer solchen, von Kluge durch die Doppeldeutigkeit des Wortes Versuch provozierten Erwartungshaltung erteilt er eine Absage. Denn Kluge ist Realist, daher wird er: „Sich den Sachen zuwenden, die Augen nicht verschließen, sich wach und lebendig erhalten [...].“[11]

Das Zusammenführen zweier Probanden im Dienste der wissenschaftlichen Erkenntnis über die körperliche Liebe (dem Überprüfen der Nachhaltigkeit von Sterilisation durch Röntgenbestrahlung) in einem Konzentrationslager übersteigt nun bei weitem das, was ich die emotionale Belastung des Lesers nennen möchte. Doch geht es Kluge nicht um große Emotionen. Ihm geht es nicht darum, Mitgefühl (Mitleid) mit den beiden Probanden zu erzeugen oder Hass auf die Leiter des Versuchs zu richten. Der Geschlechtsakt selbst findet auch, das erwähnt Kluge gleich zu Beginn des Textes, gar nicht statt. Somit ist dem Text die Frage genommen, um deren Beantwortung es dem Autoren nicht geht: der Frage, ob die beiden nun zusammen finden oder nicht. Der Fokus des Textes zielt auf eine andere Frage: Zu welchen Mitteln greifen die Experimentatoren, um den Geschlechtsakt dennoch zu erzwingen? Wie reagieren sie auf die Passivität der Versuchspersonen? Mittels der Fragen, einer „[...] protokollarisch-interviewenden Instanz, die nicht verhört, sondern einverständiges Interesse am Kasus bekundet.“[12], werden dem Berichterstatter des Versuchs die Antworten darauf entlockt. Antworten, die ein nüchtern-wissenschaftlicher Ton kennzeichnet. Dieser Berichterstatter gibt Antworten, die das routinemäßige Verbrechen, die Sinnlosigkeit der Mittel, mit anderen Worten: den Alltag der Nazis ganz schamlos zeigen. So nahe bringt Kluge den Leser an seinen fiktiven Berichterstatter heran. Und darin lieg seine Intention: Er nähert sich der von ihm selbst erfahrenen Vergangenheit, indem er auf sie mit den Augen der Täter schaut. Diese Sichtweise macht es nun möglich, sich der kaum zu ertragenden Realität bis auf eine Distanz anzunähern, die es sogar ermöglicht – wenn auch nur für einen kurzen Moment – an den Gefühlen des Berichterstatters teilzuhaben:

„Wurden wir selbst erregt? Jedenfalls eher als die beiden im Raum; wenigstens sah es so aus. Andererseits wäre uns das verboten gewesen. Infolgedessen glaube ich nicht, daß wir erregt waren. Vielleicht aufgeregt, da die Sache nicht klappte.“

Sexuelle Erregung als Ausdruck der Subjektivität des Berichterstatters. In einer Art selbst reflektierenden Monologs wird die Erregtheit aufgrund des Anblicks der beiden sich nicht liebenden Versuchspersonen ausgehandelt. Kluge lässt den Berichterstatter des Experiments das problematisieren, was Kluge nun nicht mehr selbst problematisieren muss: Die Frage, ob Rassismus gegen Juden sexuelle Gefühle gegenüber Juden ausschließt. Sexualität ist zwischen allen Menschen möglich. Und darin liegt das monströse des Textes: Ganz nebenbei erfahren wir, welche Regeln diese Diktatur aufgestellt hat, welchen Einfluss und welche Macht über Menschen, Liebe und Gefühle sie sich selbst zugeschrieben hat. Stefanie Carp äußert sich dazu folgendermaßen:

[...]


[1] Alexander Kluge: „Lebensläufe. Anwesenheitsliste für eine Beerdigung“, erste Auflage, Suhrkamp Verlag,

Frankfurt am Main 1974

[2] Alexander Kluge: „Lernprozesse mit tödlichem Ausgang“, erste Auflage, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am

Main 1973

[3] Alexander Kluge: „Chronik der Gefühle“, Band II, Lebensläufe, Neue Geschichten, Hefte 1-18,

’Unheimlichkeit der Zeit’, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 9

[4] Rainer Stollmann: „Alexander Kluge: Massensterben in Venedig – Eine Interpretation“, in: „Alexander Kluge“,

Hrsg. von Thomas Böhm-Christl, erste Auflage, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1983, S. 56

[5] Vgl.: Rainer Lewandowski: „Alexander Kluge“, Verlag C.H. Beck, München 1980, S. 9

[6] Prosa [lat.] f. Gen. - nur Sg.: erzählende oder rednerische, nicht durch Rhythmus oder Reim gebundene

Sprachform; Ggs.: Poesie, nach Wahrig: „Die deutsche Rechtschreibung“, Wissen Media Verlag GmbH,

München 2003, S. 801

[7] Reinhard Baumgart: „Deutsche Literatur der Gegenwart / Kritiken – Essays – Kommentare“, Carl Hanser

Verlag; München 1994, S. 146 f.

[8] Rainer Stollmann: „Alexander Kluge: Massensterben in Venedig – Eine Interpretation“, S. 56

[9] Franco Basaglia: „Die negierte Institution oder Die Gemeinschaft der Ausgeschlossenen“, Hrsg. von Franco

Basaglia, Frankfurt am Main 1980, S. 333 f., S. 337, zit.n.: Rainer Stollmann: „Alexander Kluge:

Massensterben in Venedig – Eine Interpretation“, S. 57

[10] a.a.O.S. 58

[11] Rainer Stollmann: „Alexander Kluge zur Einführung“, erste Auflage, Junius Verlag GmbH, Hamburg 1998,

S. 29

[12] Erhard Schütz: „Ein Liebesversuch oder Zeigen, was das Auge nicht sieht...“, in: Text+Kritik; Zeitschrift für

Literatur, Verlag edition text+kritik GmbH, München 1985, S. 52

Details

Seiten
29
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638335898
ISBN (Buch)
9783638681797
Dateigröße
662 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v33011
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Institut für Germanistik II
Note
1
Schlagworte
Interpretation Texte Alexander Kluges Liebesversuch Massensterben Venedig Textanalyse Gestaltung Aneignung Literatur

Autor

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