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Was ist Umgangssprache? Historische und systematische Anmerkungen

Seminararbeit 2001 16 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Historische Entwicklung des Begriffs „Umgangssprache“
2.1 Erste Belege
2.2 Sprachgermanistische Forschung am Begriff „Umgangssprache“

3. Der sprachgermanistische Entwurf zu „Umgangssprache“ von Hugo Steger – Ansätze zur Systematisierung

4. Systematische Anmerkungen
4.1 Zwei Bedeutungsvarianten von „Umgangssprache“ zur Verständnishilfe des Gesamtkomplexes
4.2 Beschreibung der nicht-germanistischen Bedeutungen des Umgangssprachebegriffs mit Hife des Wörterbuchartikels

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Was ist Umgangssprache? Die Klärung dieser Frage zeigt vielerlei Schwierigkeiten auf, denn eine exakte Definition für diesen Terminus gibt es nicht. Als Umgangssprache wird allgemein die „im persönlichen Gespräch gebräuchliche Sprache“[1] bezeichnet. Das heißt also, Umgangssprache bezieht sich im Gebrauch in den meisten Fällen auf die gesprochene Sprache, so daß eine Darstellung über Entwicklung und Einordnung des Begriffs als problematisch herausstellt, da altes, überliefertes Material schriftliches Material ist. Ein weiteres Problem bei der Betrachtung ist, daß Umgangssprache im Umgang realisiert wird. Den Begriff hier eindeutig zu definieren, ist nicht möglich, da verschiedene Personen oder Gruppen in verschiedenen Situationen miteinander sprechen. Es gibt also verschiedene „Umgänge“ und Umgangssprache kann aus verschiedenen Richtungen betrachtet werden, so daß sich auch verschiedene Bedeutungen des Begriffs herauskristallisieren.

In der folgenden Arbeit wird zunächst auf die historische Entwicklung von Umgangssprache eingegangen. Auch wenn Modelle des 18. Jahrhunderts aus den oben genannten Ursachen nicht vollständig sind, geben sie Grundlagen für die sprachgermanistische Forschung. Nach Darstellung einiger Forschungsansätze, beispielsweise die von Wunderlich oder Behaghel, wird dann im dritten Kapitel der Versuch der Systematisierung unternommen. Hilfreich hierbei ist die Untersuchung des Begriffs von Hugo Steger. Seine Untersuchungsergebnisse geben ansatzweise systematische Anmerkungen, denn Steger betrachtet den Begriff aus verschiedenen Perspektiven. Zwar gelingt dadurch keine genaue Definition aber eine Einordnung des Terminus. Im darauffolgenden Kapitel werden die verschiedenen Bedeutungsvarianten von Umgangssprache erläutert. Zum einen gibt es hier zwei spezielle, sich aufeinander beziehende Varianten: Umgangssprache als Varietät einer Sprache und als eine Sprachverwendungsart. Zum anderen wird im „Deutschen Wörterbuch“ von Paul zwischen sprachgermanistischen und nicht-germanistischen Bedeutungen unterschieden. Auf letztere soll zum Abschluß näher eingegangen werden. Die Arbeit endet mit dem fünften Kapitel, in dem Ergebnisse und gewonnene Erkenntnisse zusammengefaßt werden.

2. Historische Entwicklung des Begriffs „Umgangssprache“

2.1 Erste Belege

Laut Hermann Paul[2] taucht der Begriff „Umgangssprache“ erstmals bei Gottsched auf. Er spricht 1753 in seinem „Versuch einer Critischen Dichtkunst“ davon, daß vornehmeren Personen die Tragödie mit einer hohen Sprachform zuzuordnen sei. Die Komödie hingegen sei Sache der niederen Personen und habe eine niedere Sprachform, nämlich die „Sprache des täglichen Umgangs“. Er verweist mit seinen literarischen Regeln auf diese Sprache und fordert den Dichter zu einer natürlichen Schreibweise auf. „Er will, daß die Sache in der Komödie lächerlich ist, daß aber nicht die Worte es sind.“[3]

Zwar nicht im Paul aufgeführt, gibt es 1787 einen anonymen Schreiber, der „Umgangs-Sprache“ im „Journal des Luxus und der Moden“ aufgreift. Henne interpretiert dieses Bindestrichkompositum als Zeichen der Unfestigkeit.[4]

Mehr Festigkeit hingegen bringt Adelung sechs Jahre später mit der Zwillingsformel „gewöhnliche Schrift- und Umgangssprache“. Auch hier ist die Umgangssprache eine Form der gesprochenen Sprache. Sie hat allerdings, anders als bei Gottsched, einen höheren Wert.

Sie richtet sich nach dem funktionalen, sozialen und geographischen Ort. Auch wenn die hochdeutsche Schriftsprache eine höhere Stellung hat, kommt es dennoch zu einer Annäherung beider. Bichel

formuliert zugespitzt: „Eine Umgangssprache wird zum Maßstab dafür gemacht, was in eine Schriftsprache gehört und was nicht.“[5] 1797 wird der Begriff „Umgangssprache“ von Bürger aufgegriffen. Er versteht diese Form der Sprache als Sprache der Gebildeten Norddeutschlands und spricht von einer „neueren Schrift- und höheren Umgangssprache“. In „Hübnerus redivivus“ (mit dem Untertitel: „Das ist: kurze Reimkunst für Dilettanten“ ) beschreibt er das, was die norddeutschen Gebildeten im Umgang miteinander sprechen. Süddeutschen hingegen wirft er ein falsches Verstehen und eine falsche Aussprache vor. Anders als Adelung ist Bürger nicht der Ansicht, daß die Sprache aufgrund des Geschmackes der oberen Klassen zur Schriftsprache gemacht wird. Bichel bemerkt, daß bei Bürger die Wortprägung „Umgangssprache“ in einem lockeren und wenig festgelegten Zusammenhang auftaucht.[6]

Sehr häufig wird der Begriff „Umgangssprache“ zu Beginn des 19. Jahrhunderts von Campe verwendet. In seinem Wörterbuch (1811) lemmatisiert er diesen und gilt somit als Schöpfer des Begriffs.[7] Der Artikel ist gekennzeichnet durch mehrere Besonderheiten: Zum einen vermerkt Campe dort einen grammatischen Verweis, der aufzeigt, daß der Begriff keinen Plural besitzt und er führt zusätzlich eine Variante ohne Fugen-s ein. Zum anderen gibt Campe den Hinweis über die Funktion von Umgangssprache. Sie ist die Übersetzung des Begriffs „Conversationssprache“ und hat somit auch einen fremdwörtlichen Charakter. Sie steht für „gesprochene, dialogische Sprache“.[8] (Aus dem Englischen übersetzt, benennt „Conversation" die Begriffe Unterhaltung, Gespräch. )

Zusammenfassend ist zu sagen, daß „Umgangssprache“ sich während dieser Zeit auf die gesprochene Sprache bezieht und ihren Platz neben der Schriftsprache einnimmt. Schwierigkeiten treten auf, wenn, gerade wie bei Campe, nicht immer klar ist, ob eine Sprachform oder eine Sprachfunktion gemeint ist. Ist „Umgangssprache“ eine Bezeichnung der Sprachfunktion, so sind Schriftsprache und Umgangssprache Versionen der Gemeinsprache. Immer jedoch kann die Sprache, die bei einem gegenseitigen persönlichen Kontakt benutzt wird, als „Umgangssprache“ bezeichnet werden.[9]

2.2 Sprachgermanistische Forschung am Begriff „Umgangssprache“

Erst im 19. Jahrhundert bildet sich ein Begriff von „Umgangssprache“ heraus, der eine Existenzform der Sprache ist und zwischen Hochsprache und Mundarten steht. Im Deutschen Wörterbuch von Hermann Paul erscheint der Name Hermann Wunderlichs als erster derer, die sich an der sprachgermanistischen Forschung am Begriff „Umgangssprache“ beteiligten. Ulf Bichel beschäftigte sich mit Auffälligkeiten von Wunderlichs „Unsere Umgangssprache in der Eigenart ihrer Satzfügung“ (1894). Einige Beispiele solcher Auffälligkeiten möchte ich kurz benennen, da sie, so denke ich, als Grundlage für weitere Untersuchungen benutzbar sind. Bichel führt den sparsamen Zug der Umgangssprache auf. Dieser ist auf der einen Seite durch bestimmte Situationen bedingt und auf der anderen Seite wird aufgrund des Einsatzes der Gebärdensprache an Sprache (damit ist die Sprache gemeint, die durch Laute erzeugt wird) gespart. Im Gegensatz dazu gibt es auch den verschwenderischen Zug der Umgangssprache, welcher aus dem Grunde zustande kommt, weil die Beteiligten des Gesprächs Gedanken und Gefühle mit einbeziehen. Desweiteren stellt Bichel den von Wunderlich entwickelten Ansatz darüber dar, daß Schriftsprache der Umgangssprache und den Mundarten gegenübersteht. Mundarten und Umgangssprache sind mündlich und Schriftsprache ist geschrieben. Laut Bichel faßt Wunderlich „Umgangssprache“ nicht als „ein durchgängig bestimmbares Sprachsystem“ auf, sondern für ihn bezieht sich die „Umgangssprache“ auf „strukturelle Gleichheiten bei verschiedenen Systemen“.[10]

Wunderlich entwarf somit ein Modell, das von Otto Behaghel weiterentwickelt wurde. Behaghels Anmerkungen zur Umgangssprache erscheinen mir leicht verständlich, denn seinen Denkansätzen ist ohne Schwierigkeiten zu folgen. Nicht zu vergessen, ist die Meinung späterer Sprachforscher, nämlich, daß Behaghel mit seiner Auffassung kein klar umrissenes Konzept lieferte. Trotzdem will ich einige Gedanken kurz darstellen.

[...]


[1] Ulf Bichel 1973, 129

[2] Deutsches Wörterbuch 9. 1992, 932

[3] Ulf Bichel 1973, 19

[4] vgl. Helmut Henne in: Deutscher Wortschatz 1988, 815

[5] Ulf Bichel 1973, 21

[6] vgl. Ulf Bichel 1973, 71

[7] vgl. Ulf Bichel 1973, 71

[8] Helmut Henne in: Deutscher Wortschatz 1988, 816

[9] vgl. Ulf Bichel 1973, 75

[10] Ulf Bichel 1973, 144

Details

Seiten
16
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638335294
ISBN (Buch)
9783640319046
Dateigröße
484 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v32939
Institution / Hochschule
Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig
Note
sehr gut
Schlagworte
Umgangssprache Historische Anmerkungen Proseminar Einführung Studium Sprachstufen

Autor

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