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Die Interpretationstechnik der Objektiven Hermeneutik

Hausarbeit 2004 18 Seiten

Soziologie - Methodologie und Methoden

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Die qualitative Methode der Objektiven Hermeneutik
2.1.1 Grundlagen der qualitativen Sozialforschung
2.1.2 Kurzbeschreibung der Objektiven Hermeneutik
2.2 Methodologische Grundlagen der Objektiven Hermeneutik
2.3 Operationalisierung der Methode
2.3.1 Der Textinterpretation vorausgehende Operationen
2.3.2 Die Textinterpretation
2.3.2.1 Prinzipien der objektiv-hermeneutischen Textinterpretation
2.3.2.2 Geschichten erzählen
2.3.2.3 Lesartenbildung
2.3.2.4 Konfrontation der Lesarten mit dem Kontext und Bildung
der Fallstrukturhypothesen
2.3.3 Fallstrukturgeneralisierung
2.4 Empirische Anwendung der Objektiven Hermeneutik

3. Schluss

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die nachfolgende Arbeit befasst sich mit einer Methode der qualitativen Sozialforschung, der sogenannten Objektiven Hermeneutik. Als Textgrundlage hierzu dient das folgende Buch:

Wernet, Andreas (2000):

Einführung in die Interpretationstechnik der Objektiven Hermeneutik.

Opladen: Leske + Budrich.

Aus der Reihe: Qualitative Sozialforschung. Band 11

In diesem Buch wird zunächst die methodologische Position der Objektiven Hermeneutik in Stichworten erläutert, bevor im zweiten Kapitel auf die Prinzipien der eigentlichen textinterpretatorischen Kernprozedur eingegangen wird. Das dritte Kapitel behandelt diesen Vorgang anhand von drei relativ kurzen Beispielen, die die Verfahrensweise der Bedeutungsexplikation erklären sollen. Das vierte Kapitel schließlich stellt eine durchgeführte Fallrekonstruktion vor, die über die bloße Operation der Textinterpretation, wie sie in Kapitel III gezeigt wird, hinausgeht. Hier werden zusätzlich die der Textinterpretation vorausgehenden Prozeduren, ebenso wie die abschließende Fallstrukturgeneralisierung, näher erläutert. All diese Operationen werden in Kapitel IV unter Rückgriff auf ein Interview mit einem Lehrer als Textgrundlage durchgeführt. Das abschließende fünfte Kapitel fasst noch einmal in einer Kurzübersicht alle zuvor behandelten wesentlichen Regeln, Maximen und praktischen Hinweise zur Textinterpretation zusammen.

Im Folgenden sollen in dieser Arbeit verschiedene Aspekte der Objektiven Hermeneutik behandelt werden. Zunächst erfolgt eine theoretische Einordnung, in der kurz die Position qualitativer Sozialforschung dargestellt wird, worauf ein erster Überblick über die Methode der Objektiven Hermeneutik und schließlich eine methodologische Einordnung folgt. Das darauffolgende Kapitel wird sich mit der Operationalisierung der Methode befassen, während abschließend noch ein Beispiel für ihre empirische Anwendung demonstriert wird.

Da sich die Arbeit nahezu ausschließlich auf o.g. Literatur bezieht (mit Ausnahme von Kap. 2.1.1), und die Argumentationsstruktur teilweise jener in der Vorlage entspricht, wird im laufenden Text in der Regel auf Quellenverweise verzichtet. Diese werden nur bei wörtlichen Zitaten und Verweisen auf weitere Literatur angegeben.

2. Hauptteil

2.1 Die qualitative Methode der Objektiven Hermeneutik

2.1.1 Grundlagen der qualitativen Sozialforschung

Unter dem Begriff der „qualitativen Forschung“ werden sehr unterschiedliche theoretische, methodologische und methodische Zugänge zur Erforschung der sozialen Wirklichkeit verstanden. Qualitative Forschung lässt sich auf verschiedenen Ebenen einerseits als eigenständige Ergänzung, andererseits als Gegensatz, Abgrenzung und besondere Akzentuierung im Verhältnis zur vorwiegend am einheitswissenschaftlichen, also naturwissenschaftlich-experimentellen Paradigma orientierten experimentellen, modelltheoretischen und quantitativen Sozialforschung begreifen. Qualitative und quantitative Forschung schließen sich jedoch nicht grundsätzlich gegenseitig aus. Abhängig von der jeweiligen Fragestellung eignen sich etwa die qualitativen Methoden dazu, Typizitäten oder Mechanismen zu entdecken, mit Hilfe quantitativer Methoden können Repräsentativität, allgemeine Muster oder Modelle herausgearbeitet werden; beide Ansätze ergänzen sich somit im Hinblick auf eine „Erfassung der ‚Ganzheit’ sozialer Phänomene.“[1]

Allen Spielarten der qualitativen Sozialforschung gemein ist der Ausgangspunkt des Versuchs eines in erster Linie sinnverstehenden und deutenden Zugangs zu der sozialen Wirklichkeit, welche als interaktiv „hergestellt“ und in sprachlichen wie nicht-sprachlichen Symbolen repräsentiert gedacht wird. Immer soll dabei das Bild, das von den zu erschließenden Wirklichkeitsausschnitten geliefert wird, ein möglichst detailliertes und vollständiges sein. Die qualitative Forschung bemüht sich ebenfalls darum, auf rein methodische Vorentscheidungen zu verzichten, welche die Folge haben können, das Spektrum möglicher Erfahrungen und somit das der möglichen Erkenntnisse zu reduzieren. Ein zusätzliches, für alle qualitativen Forschungsansätze zutreffendes Moment ist die bewusste Einbeziehung des Forschers und der Kommunikation mit den Probanden als konstitutives Element des Erkenntnisprozesses. Hier wird auf die systematische Reflektion der Interaktion des Forschers mit seinen „Gegenständen“ als Teil der Konstruktion des Gegenstandes selbst abgezielt. Epistemologisch vertritt die qualitative Forschung den Standpunkt, dass die soziale Wirklichkeit zureichend nur als ein sinnhaft durch Kommunikation und Interaktion der Menschen konstituiertes Gebilde begriffen und nur auf dem Wege der Rekonstruktion kollektiver Deutungsmuster verstanden werden kann.

2.1.2 Kurzbeschreibung der Objektiven Hermeneutik

Die Methode der Objektive Hermeneutik sieht sich als ein Verfahren der Textinterpretation, welches den Anspruch vertritt, die Gültigkeit der Interpretation an intersubjektive Überprüfbarkeit zu binden. Es wird hier von einem spezifischen Verständnis von Sozialwissenschaften, nämlich der Interpretation, ausgegangen. Diese verfolgt das Ziel, die zu untersuchende soziale Welt verstehend zu erfassen. Das Hauptanliegen der Objektiven Hermeneutik ist die „methodische Kontrolle der wissenschaftlich-empirischen Operation des Verstehens.“[2]

Entscheidend für die von Ulrich Oevermann begründete und entwickelte textinterpretatorische Methode der Objektiven Hermeneutik ist die Arbeit mit Protokollen. „Aus der Perspektive des methodischen Zugriffs stellen Texte Protokolle der Wirklichkeit dar.“[3] Forschungstechnisch betrachtet stellt das Protokoll den Gegenstand der Forschung dar. Protokolle werden als die adäquate Repräsentation der als textförmig geltenden sozialen Wirklichkeit angesehen. Das gesellschaftliche Handeln in dieser Wirklichkeit richtet sich nach allgemein verbindlichen und intuitiv bekannten Regeln. „Jede soziale Praxis bewegt sich in einem Raum regelerzeugter Möglichkeiten.“[4] Eine objektive Geltungsüberprüfung einer Interpretation wird sich folglich nicht auf das materiale Wissen oder auf die lebensweltliche Vertrautheit mit dem Forschungsgegenstand berufen. Es gilt vielmehr, die aus den Regeln ableitbaren Implikationen eines Textes zu verdeutlichen, denn es wird ja davon ausgegangen, dass soziales Handeln regelgeleitet ist.

Das Ziel der objektiv-hermeneutischen Textinterpretation ist Strukturrekonstruktion. Es soll die je konkrete Struktur des untersuchten Falles ermittelt werden, in welcher die sequentielle Selektivität dieses Falles vor allem auch durch jene Entscheidungsoptionen deutlich wird, die der im vorliegenden Protokoll nicht gewählt wurden. Diese sind also auch im Zuge der Interpretation zu explizieren.

„Die Differenz zwischen der Ebene der objektiven latenten Sinnstrukturen und der Ebene der subjektiv-intentionalen Repräsentanz ist für die objektive Hermeneutik entscheidend.“[5] Latente und manifeste Bedeutungsebene eines Textes stehen sich aber nicht indifferent gegenüber, wie vermutet werden könnte. Tatsächlich ist, auch wenn die Objektive Hermeneutik sich als Verfahren zur Rekonstruktion latenter Sinnschichten versteht, die Selbstauffassung des Handlungssubjekts von großer Relevanz für die Forschung, sie muss also im Sinne einer Differenzbestimmung notwendig in die Interpretation mit eingehen. Dennoch bleibt sie nur eine Bedeutungsschicht, die erst durch die Aufdeckung der latenten Sinnstruktur und die Konfrontation mit ihr aussagekräftig wird.

Zudem versteht sich die Objektive Hermeneutik als ausdrückliches Gegenmodell zu einem subsumierend-klassifizierenden und gesetzeswissenschaftlichen Wissenschafts- und Theorieverständnis, was nicht zuletzt auch an der Konzeption der Generalisierung der Forschungsergebnisse sichtbar wird. So scheint das Versammeln und Ordnen empirisch vorfindbarer Merkmalsausprägungen unter einem Kategoriensystem nicht als angemessen, wenn es um die Analyse der sozialen Wirklichkeit geht. Denn die Operation der Subsumtion unterläuft in der objektiv-hermeneutischen Perspektive die Dialektik von Allgemeinem und Besonderem. Sie kann in dem Einzelfall nicht mehr sehen als ein Exemplar bzw. Nichtexemplar einer begrifflichen Gattung, weshalb die Objektive Hermeneutik konsequenterweise auf den Begriff des Einzelfalls verzichtet. Durch die Subsumtion werde den theoretischen Modellen nicht mehr hinzugefügt als Information über die „empirische Verteilung von Merkmalskombinationen“.[6] Die Objektive Hermeneutik hingegen beansprucht eine Theoriebildung in der Sprache des Falles. Die Theorie erscheint weder als deduktive Gesetzesformulierung, noch als eine einen induktiven Schluss zulassende Einzelheit, da für den analysierten Fall immer zugleich Allgemeinheit und Besonderheit beansprucht wird. Letztere wird bei einer konkreten Lebenspraxis vor allem in der Selektivität ihrer Entscheidungen deutlich, während der Fallstruktur Allgemeinheit dadurch verliehen wird, dass sich ihre Bildung unter Einwirkung geltender Regeln vollzogen hat. Doch auch die Selektivität wird als Teil der Allgemeinheit verstanden, da sie eine den „Anspruch auf allgemeine Geltung und Begründbarkeit erhebende praktische Antwort auf praktische Problemstellungen“[7] darstellt, womit ihr der Status einer typischen Selektivität zukommt - typisch in Hinsicht auf das Handlungsproblem als auch typisch für den Fall selbst. Die abschließende Operation der Fallstrukturgeneralisierung beruft sich auf dieses Verständnis von Allgemeinheit und nimmt mit einer empiriegesättigten Theorie eine begriffliche Würdigung der Ergebnisse der Fallrekonstruktion vor.

[...]


[1] Flick u.a. 1995, S. 4

[2] Wernet 2000, S. 11

[3] Ebd.

[4] Ebd., S. 13

[5] Oevermann 1979, S. 380

[6] Oevermann 1981, S. 4

[7] Oevermann 1991, S. 272

Details

Seiten
18
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638334686
Dateigröße
492 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v32851
Institution / Hochschule
Technische Universität Dortmund
Note
1,3
Schlagworte
Interpretationstechnik Objektiven Hermeneutik Methoden Sozialforschung

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