Lade Inhalt...

Soziale Arbeit mit Jugendlichen Fussballfans

Diplomarbeit 2004 87 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

I n h a l t s v e r z e i c h n i s

1. Einleitung und Zielsetzung
1.1 Eine kurze Geschichte des Fußballsports
1.2 Die Entwicklung zum Massenphänomen
1.3 Daten zur Entwicklung des Fußballs in Deutschland

2. Wer ist was? Die unterschiedlichen Fangruppen
2.1 Der Fanblock
2.2 Jugendliche Fußballfans
2.2.1 Normalos
2.2.2 Kutten
2.2.3 Hooligans
2.2.3.1 Begriffsbildung mit unterschiedlicher Herkunft
2.2.3.2 Hooliganismus in Deutschland
2.2.3.3 Die soziale Herkunft der Hooligans
2.2.3.4 Gewalt als Ereignis
2.2.4 Ultras
2.3 Fußball und Rassismus
2.4 Mädchen und junge Frauen in der Fußballszene

3. Soziale Arbeit mit Jugendlichen Fußballfans
3.1 Fanprojekte
3.1.1 Zur Entstehung der Fanprojekte
3.1.2 Das nationale Konzept Sport und Sicherheit
3.1.3 Die Bundesarbeitsgemeinschaft Fanprojekte (BAG)
3.1.4 Die Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS)
3.1.5 Das Schalker Fanprojekt
3.2 Zusammenarbeit mit anderen Institutionen
3.2.1 Ordnerdienste
3.2.1.1 Aufgaben der Ordner
3.2.2 Polizei
3.2.2.1 Maßnahmen
3.2.2.1.1 Stadionverbote
3.2.2.1.2 Datei Gewalttäter Sport
3.3 Eine Auswahl von Fan-Initiativen
3.3.1 Die Schalker Fan-Initiative
3.3.1.1 Flugblatt
3.3.2 Das Bündnis Aktiver Fußballfans (BAFF)

4. Zusammenfassung und Ausblick
4.1 40 Jahre Bundesliga
4.2 Fußball in den Medien
4.3 Ausblicke auf die SA mit Fußballfans

5. Quellenverzeichnis

6. Anhang
6.1 Link Liste – Fan-Initiativen
6.2 Übersicht der Fanprojekte in Deutschland

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung und Zielsetzung 4

„Football is not a matter of life and death, it’s more important than that!“[1]

Bevor ich auf die eigentliche Fragestellung und Anlage dieser Arbeit eingehe, möchte ich zunächst die berechtigte Frage „Was ist Fußball?“ beantworten, indem ich eine knappe Darstellung des Spieles und seiner Bedeutung in der heutigen Gesellschaft liefere: Fußball ist ein Ballspiel für zwei Mannschaften zu je elf Spielern. Jedes Team hat einen Torhüter und zehn Feldspieler. Es gewinnt die Mannschaft, die mehr Tore erzielt als das gegnerische Team. Torgleichheit wird mit einem „Unentschieden“ gewertet. Wie man schon in jedem gängigen Nachschlagewerk erfahren kann, ist „(Fußball) das beliebteste und am weitesten verbreitete Mannschaftsspiel der Welt“ (Microsoft Encarta 1998, „Fußball“). Obwohl die Menschen heutzutage über ein immer größeres Freizeitangebot verfügen können und obwohl immer mehr neue Trendsportarten entstehen, nehmen die Euphorie und die Begeisterung rund um den Fußball immer mehr zu. Zuletzt konnte man das bei der Europameisterschaft in Portugal beobachten. Die Fernseheinschaltquoten während der EM 2004 waren die höchsten in der Geschichte dieses Fußball-Spektakels. Wie die Europäische Fußball- Union (UEFA) in Lissabon mitteilte, haben rund 854 Millionen Menschen die 24 Vorrundenspiele der Europameisterschaft in Portugal im Fernsehen gesehen (Chaplin 2004, S. 1).

Diese Arbeit ist in vier Hauptteile gegliedert. Im ersten Teil stelle ich kurz die geschichtliche Entwicklung des modernen Fußballs in Großbritannien und Deutschland dar. Dieser Teil dient als Grundlage für weitere Überlegungen. Der Aufstieg des Fußballspiels als Sinnbild der britischen Arbeiterklasse, die Verbreitung des Profitums und der Kommerzialisierung in den traditionell verankerten Klubs, die Katastrophen in den achtziger Jahren, die Versitzplatzung, aber auch die farbenträchtigen Fankurven und sich feiernde Anhänger am Höhepunkt der Ultra-Bewegung sind Themen dieser Arbeit, die auf diese Entwicklung aufbauen.

Egal wie viele Experten darauf hinweisen dass die Fußball–Bundesliga nicht mehr zu den besten Ligen der Welt gehört, hat die vergangene Saison jedoch gezeigt, dass die Begeisterung bei den Fans auch hierzulande ungebrochen ist. Nirgends in Europa gibt es an den Zuschauerzahlen gemessen mehr Fans als in Deutschland.

Dazu schreibt die Sport Bild in einem Extraheft das „(...) egal, was um sie herum passiert, die Fans bleiben ihrer Bundesliga treu“ (Sport Bild 2004, S. 3). Selbst die EM-Pleite, Rezession und Arbeitslosigkeit können diese Liebe nicht zerstören, besagt der Artikel an gleicher Stelle und nennt dabei erstaunliche Zahlen: „Exakt 11.469.167 Zuschauer strömten 2003/2004 in die Stadien. Das sind unglaubliche 37.481 Besucher pro Spiel“ (ebd.). Bei Topspielen reißen sich die Menschen um die Tickets. Alles was mit Fußball zu tun hat wird angenommen. Fußball ist Trauer, Begeisterung und Ärger. Die Einen gehen ins Stadion, weil sie selbst solche Gefühle ausleben wollen und die Anderen, um Erstere dabei zu beobachten. Um ein paar dieser Menschen vorzustellen, für die Fußball im Mittelpunkt ihres Lebens steht und um nach Unterscheidungsmerkmalen ihrer Motivationen und Aktionen zu suchen, geht es im zweiten Teil dieser Arbeit. Der Fan gilt immer noch als das Wichtigste am Fußball. Ohne Fans gäbe es keine Stimmung. Ohne Fans gäbe es keine Emotionen und Fußball wäre langweilig. Zum Anderen hätten auch die TV–Sender nicht ihre Quoten und die Vereine nicht ihre Einnahmen. Gegenstand dieser Arbeit ist neben einer allgemeinen Betrachtung der Gesamtheit der Fußballfans, die jedes Wochenende Fußballspiele als friedliche Zuschauer besuchen, besonders die Darstellung der gewaltbereiten und der gewaltsuchenden Fans. Hinzu kommt eine Darbietung der Aufgaben und Ziele die Soziale Arbeit mit diesen Gruppen verfolgt. Ich möchte mich diesem Thema in folgenden Schritten nähern: Zuerst werde ich, wie bereits erwähnt, eine Kurzgefasste Beantwortung auf die Fragen „Woher kommt das Fußballspiel?“ und „Wie sieht die Gegenwart des modernen Profifußballs aus?“ geben. Danach werde ich die Wandlungen der Fußballzuschauer von leidenschaftlichen Anhängern, zu fanatischen Fans und elitären Hooligans, bis hin zu den neuzeitlichen Ultras beschreiben. Dabei versuche ich die Bedeutung die der Fußball und das Fußballwochenende für diese Gruppierungen im Leben hat aufzuzeigen. Die dort aufgeführten Darstellungen sollen auch auf einem persönlichen Erfahrungsgrundschatz aufgebaut werden. Seit 1988 fahre ich selbst regelmäßig zu Fußballspielen, meist von Borussia Dortmund. Viele der hier theoretisch aufgezeigten Fanverhalten, oder des Verhaltens gegenüber Fans, sind also auch Teil der Erkenntnisse aus knapp 75-100 Spielen, die ich unmittelbar im Stadion gesammelt habe.

Im Hauptteil dieser Arbeit möchte ich dann die verschiedenen Formen der Sozialen Arbeit mit gewalttätigen Fußballfans beleuchten. Zuschauerausschreitungen sind auch in Deutschland als negative Begleiterscheinung des Fußballsports ein Phänomen, mit historischen Wurzeln: „Krawalle bei Fußballspielen sind mindestens seit dem Jahre 1920 nachweisbar“ (Meier 2001, S. 9). Erst fünf Jahrzehnte später wurden diese Ausschreitungen als ernstes soziales Problem von Politik, Gesellschaft und der Polizei erkannt. Jugendliche Fußballfans sonderten sich nunmehr nach außen deutlich erkennbar in Fanblöcken von den übrigen Stadionbesuchern ab und fielen durch Krawalle auf. Von der Entwicklung in Großbritannien vorangetrieben, die als Vorbild für das eigene Auftreten diente, identifizierten sich viele Jugendliche mit ihrem Lieblingsverein und zeigten ihre Gefolgschaft offen. Die Beiträge zur Jugendarbeit mit Fans sind dabei vor allem beschreibend–konzeptuell, weniger analytisch–resümierend. Abschließen möchte ich diese Arbeit mit den Fragen nach Antrieben für die immer noch anhaltende Faszination des Fußballspiels und nach möglichen Entwicklungen bzw. Konsequenzen für die Soziale Arbeit. Dabei möchte ich auch einen Blick auf die bevorstehende Weltmeisterschaft in Deutschland werfen. Es sind nur noch weniger als 600 Tage bis zum Beginn der WM 2006 und die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren. In Berlin, Dortmund, Frankfurt, Gelsenkirchen, Hamburg, Hannover, Kaiserslautern, Köln, Leipzig, München, Nürnberg und Stuttgart sollen sich in knapp zwei Jahren die besten Mannschaften der Welt miteinander messen. Doch bis dahin ist noch jede Menge zu tun, besonders im Bereich der Sicherheit, für die u.a. auch die Soziale Arbeit verantwortlich sein wird. Dass die Sicherheit der Spiele so hoch gewertet wird, dürfte jedoch ganz im Sinne von Alt-Bundespräsident Johannes Rau sein. Der hatte im „Manager-Magazin“ an die Verantwortlichen und Fans appelliert, Deutschland müsse sich als modernes, weltoffenes Land präsentieren: „Bilder deutscher Hooligans, die wie 1998 während der Fußball-WM in Frankreich den Gendarmen Daniel Nivel lebensgefährlich verletzten, wünscht sich hier niemand“[2] (Knape 2004, S. 1).

1.1 Eine kurze Geschichte des Fußballsports 7

Über das Ballspielen mit dem Fuß gibt es verschiedene Überlieferungen. Die Geschichte des Fußballsports ist quasi so alt wie die der Menschheit. Die ältesten Zeugnisse stammen aus dem 3. Jahrtausend v. Chr. aus China. Angeblich wurde das „(...) Fußballspiel 2967 v. Chr. von dem legendären chinesischen Kaiser Huang-Ti erfunden“ (Bauweisen 1995, S. 527). Die Wurzeln des modernen Fußballspiels liegen jedoch in England. Seine Ursprünge lassen sich nach Schulze-Marmeling bis in das 10. Jahrhundert zurückverfolgen. Dabei hatten die damaligen Varianten des Spieles nur sehr wenig mit dem modernen Sportspiel von heute gemeinsam. Fußball war, im wahrsten Sinne des Wortes, über Jahrhunderte hinweg ein Volksspiel, dass auf simplen, ungeschriebenen Gewohnheitsregeln basierte. Es gab weder eine Begrenzung des Spielfeldes, noch der Spieldauer oder der Zahl der Spieler. Häufig standen sich nahezu komplette Städte, Dörfer und Viertel gegenüber. Dabei konnte die ganze Stadt mit den beiden Stadttoren oder die Felder, Wiesen und Wälder zwischen zwei Dörfern als Spielfelder dienen. Wie Schulze-Marmeling zeigt, war dieser Volksfußball äußerst rau: „Die Betonung lag unmissverständlich auf Kraft und Gewalt, nicht auf Geschicklichkeit. Die ungeschriebenen Regeln variierten von Region zu Region“ (Schulze-Marmeling 1992, S. 15). Wie er an gleicher Stelle hervorhebt, wurde das Spiel hauptsächlich von Bauernlümmeln und Gesellen betrieben, während sich die Aristokratie und die Bürger von ihm fernhielten: „Der Niedergang dieser frühen Form des Fußballs korrespondierte mit dem Vormarsch der industriellen Revolution, die die Unterklassen in ein drakonisches Fabriksystem presste und für das wilde und unregulierte Volksspiel – anders als die naturorientierte Zeiteinteilung der Agrargesellschaft – keine Gelegenheit mehr ließ“ (ebd.). Es war aber nicht die neue soziale Lebenswelt allein, die den Abstieg der Volksspiele als Unterklassenvergnügen bewirkte, sondern auch ihre Unterdrückung durch kommunale und staatliche Behörden (Eisenberg 1997, S. 11). Auch die Kirche war anfänglich kein großer Freund der „Fußlümmelei“, wie Gerd Kolbe mit einem Aufsatz am Beispiel Borussia Dortmund treffend wiedergibt. Was sich aber, durch die auch heute noch erkennbare Spaltung der Sonntäglichen Fangemeinde in „Kirch- oder Stadiongänger“, auch von selbst versteht (Dembowski u. Scheidle 2002, S. 31).

1.2 Die Entwicklung zum Massenphänomen 8

Die zweite und dritte Phase der Entwicklung in England vollzog sich nach Schulze-Marmeling in den Public Schools[3], die das rohe Volksspiel durch feste und formelle Organisation und die schriftliche Niederlegung vielfältiger Regeln zu einem modernen Sportspiel umgestalteten. An den einzelnen Public Schools wiederum entwickelte sich das Fußballspiel durch die örtlichen Gegebenheiten sehr unterschiedlich (Schulze-Marmeling 1992, S. 21-22).

Zum Massenphänomen wurde Fußball erst wieder mit seiner Eroberung durch die industrielle Arbeiterschaft: „Die Entwicklung des Fußballs vom Volksspiel zum modernen Sportspiel wurde von der industriellen Revolution und dem Klassenkampf zwischen Aristrokatie und Gentry[4] auf der einen und dem aufstrebenden Bürgertum auf der anderen Seite angetrieben“ (S. 22). Diese Entwicklung war somit Mittel wie Ausdruck eines Prozesses, der als Verbürgerlichung bezeichnet wird.

Im Jahr 1863 gründeten einige Gentlemen in London die Football Association (FA), um die unterschiedlichen Spielweisen an den Eliteinternaten und Universitäten zu vereinheitlichen (Microsoft Encarta 1998, „Fußball”). Der Association Football (Soccer) fand in der Folgezeit auch auf dem europäischen Kontinent Verbreitung. Die Gründerväter der FA hatten aus einem alten Kampfspiel ihrer Standeskultur einen rational organisierten Sport gemacht, der überall und von jedermann ausgeübt werden konnte. Erst diese Initiative schuf die Voraussetzungen für die weltweite Verbreitung des Spiels.

Christiane Eisenberg versammelt in ihrem Buch Länderstudien über die sozial- und kulturgeschichtliche Entwicklung des Fußballspiels. In dieser Untersuchung finden sich, nach einer Pilotstudie von Tony Mason, über die Entstehung des Sports in England, noch acht weitere Beiträge, über ausgewählte Importländer aus Kontinentaleuropa und Übersee. Die Autoren sind allesamt Experten der Sportgeschichte ihres Landes. Eisenberg gelangt in ihrer Studie zu dem Resultat, dass die Geschichte des modernen Fußballs in den Importländern in mancher Hinsicht anders verlaufen ist als im Mutterland England, sich diese Sonderwege aber auf vielfältige Weise miteinander verbinden und über weite Strecken in dieselbe Richtung führen (Eisenberg 1997, S. 10).

Eisenberg unterteilt die internationale Fußballgeschichte in drei Phasen:

- Eine erste Phase, in der das Spiel bekannt wurde, umfasst die Jahrzehnte zwischen der Jahrhundertwende und dem Ersten Weltkrieg.
- Eine zweite Phase, in der sich der Fußballsport dort, wo er nicht schon vor 1914 gescheitert war, zu einem Massenphänomen entwickelte, begann entweder im Ersten Weltkrieg oder direkt danach und endete erst in den 60er Jahren. In diesen Jahrzehnten entfaltete das Spiel eine außerordentliche Eigendynamik und bildete Traditionen.
- Eine dritte Phase, in die der gegenwärtige Fußballboom fällt, ist noch nicht abgeschlossen (Eisenberg 1997, S.12).

1.3 Daten zur Entwicklung des Fußballs in Deutschland

Der erste Fußballverein in Deutschland entstand 1878 in Hannover. Im Jahr 1900 wurde der Deutsche Fußball-Bund (DFB) aus der Taufe gehoben. Er gilt mittlerweile als der mitgliederstärkste Fußballverband der Welt. Im Jahre 1903 wurden erstmals deutsche Meisterschaften ausgetragen. Bis 1963 wurde der deutsche Fußballmeister zwischen den besten Mannschaften der fünf Oberligen ermittelt. Nach mehreren Gruppenspielen wurde die Deutsche Meisterschaft in einem Finale ausgespielt (Microsoft Encarta 1998, „Bundesliga“). Seit 1963 ist die Bundesliga die höchste deutsche Spielklasse: „Jahrelang lag der Plan in seiner Schublade. Lebhaft unterstützt von Bundestrainer Sepp Herberger kämpfte Franz Kremer, der weitsichtige Präsident des 1. FC Köln, mit Verve und Geduld um eine eingleisige nationale Fußball-Liga. Die Installation war längst überfällig, wurde aber von Vereinsfunktionären und regionalen Verbandsoberen beharrlich blockiert“ (Mrazek u. Simon 2003, S. 12). Sie startete mit 16 Vereinen und wurde 1965/66 auf 18 Vereine aufgestockt. 1991/92 wurden zwei Mannschaften der ehemaligen DDR integriert und die Liga vorübergehend auf 20 Teams erweitert. Seit 1992/93 spielen wieder 18 Mannschaften die Meisterschaft unter sich aus. Den DFB-Pokal, den deutschen Pokalwettbewerb für Vereinsmannschaften, gibt es seit 1935 (1935–1943, nach dem 2. Weltkrieg seit 1953) (Microsoft Encarta 1998, „Bundesliga“).

2. Wer ist was? Die unterschiedlichen Fangruppen

„Ich verliebte mich in den Fußball, wie ich mich später in Frauen verlieben sollte: plötzlich, unerklärlich, unkritisch und ohne einen Gedanken an den Schmerz und die Zerrissenheit zu verschwenden, die damit verbunden sein würden.“[5]

Noch in den Siebzigern waren die deutschen Stadien sehr übersichtlich aufgeteilt, in Fanblock und andere Bereiche. Wer singend und klatschend seinen Verein unterstützen wollte, stellte sich zu den anderen die laut und wild sein wollten. Dazu schreibt Oehler in seinem Bericht: „Jeder im Fanblock hätte die Idee wohl einigermaßen absurd gefunden, den Nebenmann zu fragen, was er denn bitte sei. Ultra, Normalo, Kutte oder Hooligan?“ (Oehler 2001, S. 9). Wer damals zum Fußball seine mit Aufnähern und Nieten verzierte Jeansweste anzog konnte sich sicher sein, damit im Fanblock nicht alleine zu stehen. Diese so genannten Kutten trug jeder, der etwas auf sich hielt, und wer keine Fanjacke besaß, schlang sich einen endlosen, selbst gestrickten Schal um den Hals.

Anfang der Achtziger tauchten plötzlich Fans auf, die anders waren als alle anderen im Stadion. Jugendliche und junge Männer, die auf den englischen Dresscode schwörten und eigentlich wenig mit den traditionellen Fans gemeinsam hatten. Die ersten Hooligans beschreibt Oehler wie folgt: „Sie waren eine Provokation, eine Kampfansage, der komplette Gegenentwurf zur schmuddeligen Proll-Kultur der Kuttenfans“ (ebd.). Schon rein äußerlich grenzten sie sich gegen die anderen Fans deutlich ab. Sie trugen teure Jacken und Turnschuhe statt der alten Jeansjacken und Rockerstiefel. Ihnen ging es im Stadion nicht mehr nur ums bloße Anfeuern, singen und Fahnenschwenken, sondern um „(...) den Städtekampf mit den Fäusten“ (ebd.).

Hooligans wollten beweisen, dass eben nicht nur ihre Mannschaft, sondern auch sie selbst stärker sind als ihr Gegner. Das Fußballspiel spielte dabei teilweise nur noch eine untergeordnete Rolle: „Der Kampf um die Macht in den Kurven war schnell entschieden. Der Entschlossenheit, Rivalitäten immer und jederzeit mit den Fäusten auszutragen, hatten die bis dahin dominierenden Kutten wenig entgegen zu setzen“, bemerkt Oehler (ebd.). Zumal entstanden im Sog der Tragödie vom Brüsseler Heysel-Stadion[6] in jeder größeren Fanszene oft hundert,

zweihundert Mann starke Mobs[7], die nur noch an Kleinigkeiten als Fans eines Vereins zu erkennen waren.

Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger verging kaum ein Spiel ohne Jagdszenen auf den Straßen rund um die Stadien: „Es war wohl auch diese Sprachlosigkeit, diese verquerte Prosa, die Anfang der Neunziger eine neue Bewegung entstehen ließ, die der Initiativen und Fanzine–Macher“ (S. 10).

Innerhalb weniger Jahre entstanden zahlreiche Magazine und Initiativen die klare Position gegen den grassierenden Rassismus in den Stadien bezogen. Sie protestierten gegen die Zerstörung der Stehplatzareale in den Stadien und gegen den ausschweifenden Kommerz der neuen Fußballwelt (vgl. 3.3). Die Fanzines erreichten hohe Auflagen und wirkten stilbildend für viele Fans. Oehler bemerkt treffend: „Als damals das Zeit–Magazin schrieb, sie seien die neuen Helden der Kurve, waren sie das wohl auch. Aber nur ein bisschen, denn stets blieben auch die linken Fans nur ein Ausschnitt, ein kleiner Teil der Fankurven und keineswegs ein repräsentativer“ (S. 10). Das haben die Aktivisten in den letzten Jahren erfahren müssen, als ein Fanzine nach dem anderen verschwand, weil sich der revolutionäre Elan der Anfangstage im Alltag verflüchtigt hatte und sie außerdem feststellen mussten, dass sich wieder einmal etwas tat in den Fankurven, mit dem sie zuerst nichts zu tun hatten:

Der Ultra–Gedanke kam zu uns herüber. Diesmal nicht aus England, wie bislang jeder Trend, sondern aus Italien. Viele Fans ließen sich schnell vom Eifer und der Kreativität der jungen Szene beeindrucken. Choreographien und Doppelhalter hielten Einzug in den Stadien und neue Lieder wurden gesungen, die von Jungs mit Megaphon in der Hand angestimmt wurden. Der Zulauf der Ultras wurde von Spiel zu Spiel deutlich sichtbar. Im Folgenden werde ich noch näher auf die genannten Gruppen eingehen und sie dabei einzeln, unter der Berücksichtigung ihrer Entstehungsgeschichte und ihrer momentanen Bedeutung in der Fanszene darstellen. Davor möchte ich jedoch den Begriff des Fanblocks genauer definieren und die Motivationsgrundlagen die einen Jugendlichen zum Fußballfan werden lassen, sichtbar machen.

2.1 Der Fanblock

Fußball, ist wie bereits erwähnt, der populärste Sport weltweit und begeistert ganze Nationen. Gerhard Wahl beschreibt Fußball als „(...) eine spannungsgeladene Gefühlswelt zwischen Freude und Enttäuschung, Jubel und Aggressionen und eine Atmosphäre von Gewinnern und Verlierern“ (Wahl 1990, in „Schlachtenbummler“). Die Zuschauer inszenieren das Spielgeschehen mit. Auch die Ränge gehören zur Bühne, zur Arena.

[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] Im Vorwort zu dem Roman „Hoolifan“, der persönlichen Lebens- und Leidensgeschichte von Martin King, einem passionierten Fan des englischen Fußballvereins Chelsea FC, beschreibt der Autor seine ersten Impressionen vom so genannten „Shed“, der berüchtigten Steh-tribühne der Stamford Bridge wie folgt: (Unterrang der Dortmunder Südtribüne)[8]

„Tausende von Körpern waren eng unter jenem Dach zusammengepresst, hin- und her wogend, fluchend, singend, klatschend. Dort war der Brennpunkt des Stadions, und dort war es hundertmal spannender als der Ort, an dem wir standen. Dies war mein erster Kontakt mit dem Shed, und diese Erfahrung ist vermutlich ganz ähnlich jener von Tausenden anderer, die das erste Mal zum Fußball gehen, egal, welchen Verein man unterstützt“ (King 2003, S. 11-12).

Kings Eindrücke sind erst ein paar Jahre her und doch hat sich in den Stadien vieles verändert und nichts so sehr wie der Fanblock. Philipp Köster schreibt dazu passend, dass sich vor allem das öffentliche Bild des Fanblocks verändert hat: „Früher galt der Block als Hort der Gewalt, heute schwenkt die Kamera über Fahnen und Schals und dazu haucht ein ergriffener Kommentator: „Eine tolle Stimmung!“ (Köster 2003, S. 26).

Die Geschichte dieses Wandels beginnt Anfang der neunziger Jahre. Als das Privatfernsehen den Fußball für sich entdeckte und im Zuge der Weltmeisterschaft 1990 viele Menschen in die Stadien gingen, fingen die Vereine an den Fußball nicht mehr nur als ein Spiel, sondern als Event zu inszenieren. Fußball sollte künftig die perfekte Unterhaltung sein. Auch das Publikum veränderte sich. Bald sollten nicht nur die Fans ins Stadion gehen, sondern auch jene, die einfach nur gut unterhalten werden wollten. Also bauten sie die Stadien um. Der billige Stehplatz wich dem teuren Sitzplatz. Das Vorspiel der D-Jugend und der Umzug der Blaskapelle wurden durch ein aufwendiges Vorprogramm ersetzt, mit Verlosung, lauter Musik, bunten Videos auf der Anzeigetafel und Live Auftritten. Passend dazu schreibt Philipp Köster: „Let me entertain you, schrie der neue Fußball, lass dich unterhalten und denke erst gar nicht darüber nach, ob du eigentlich nicht mehr sein willst als ein Besucher. Fans wollten immer mehr sein als nur Besucher. Fans wollen nicht unterhalten werden. Fans brauchen keine Videos und keine Verlosung. Fans lieben den Verein“ (Köster 2003, S. 22).

Bott liefert einen guten Einblick in das Fan–Sein mit seiner Kurzdarstellung der Geschichte der Fankurve in Frankfurt. Er zeigt dabei, die oft gegensätzlichen Interessen und das unterschiedliche Eigenleben von Teilen einer „(...) Fanszene, die sich über Jahre hinweg entwickelt und verändert hat und möglicherweise zerfallen wird“ (Bott 1986, S. 14). Aus den einst riesigen Stehplatzblöcken wurden über-schaubare Areale. Natürlich wird dort auch immer noch gesungen, aber von der Wildheit vergangener Jahre ist nicht viel übrig geblieben.

Schulze-Marmeling beschreibt den Umbau der Stadien zu Stätten des Kommerzes. Diese Entwicklung hat seiner Auffassung nach den „(...) Charakter eines Angriffs auf das traditionelle Fußballpublikum und einer Klassenaus-einandersetzung um kulturelle Hegemonie.“ (Schulze-Marmeling 1992, S. 233). Was die Vereine anbelangt, so liegt die Triebfeder dieser Entwicklung seiner Ansicht nach in dem immer teurer werdenden Unterhalt von guten Mannschaften begründet: „Den Spielregeln der liberalen Marktwirtschaft ausgesetzt, benötigen sie immer mehr Einnahmequellen, um im Fußballkapitalismus überleben und konkurrieren zu können. Mit dem traditionellen Zuschauermilieu allein lässt sich heute keine Profimannschaft mehr finanzieren“ (ebd.).

„Fan, englisch fan. Kurzwort aus fanatic= Fanatiker. Begeisterter Anhänger, überschwäng-licher Verehrer (etwa von Sportlern usw.).“[9]

Die Gruppe derer, die sich Fußballfans nennen oder so genannt werden, ist nach Pramann „(...) ebenso unübersehbar wie die Schar der Teetrinker, Marlboro- Raucher oder Golf-Fahrer. Sie besteht aus ebenso unterschiedlichen Zeitgenossen mit unterschiedlichen Fähigkeiten, unterschiedlicher Herkunft und Lebensauffassung (...). Fans sind weitgehend unbekannte Wesen. Bekannt ist nur das Unwesen, das sie treiben“ (Pramann 1983, S. 40-41).

Gerhard Wahl hat Ende der Achtziger, über zwei Jahre lang mit Fans und Hooligans, einen Dokumentarfilm über die Fußballfanszene in Karlsruhe gedreht. In einem Interview im Film äußert sich der Fanforscher Dr. Gunter A. Pilz zu den Umständen die einen in das Fußball Umfeld führen können wie folgt: „Das Stadion ist einer der wenigen Orte in unserer Gesellschaft wo ich ungehemmt Affekte und Emotionen ausleben kann (...). Die Sau raus lassen, wie die Fans es bezeichnen“ (Wahl 1990, „Schlachtenbummler“). Oft sprechen die Protagonisten davon, sich von dem Frust, dem Ballast und den Zwängen, die sich im Alltag anstauen zu befreien. Laut Pilz haben alle Menschen dieses Bedürfnis gemeinsam. Es auszuleben wird aber immer weniger möglich. Die Menschen müssen sich immer mehr zurücknehmen. Sich eine gewisse Art von Freiheit herauszunehmen macht die Faszination des Fußballgeschehens aus. Die Fans können frei schreien und sich in gewisser Weise frei bewegen. Gerade Jugendliche befinden sich oft in dem Problem, dass sie nur wenige Möglichkeiten haben ihre eigene Persönlichkeit aufzubauen: „Das hinterlässt ein Loch und der Rechtsradikalismus oder das Fandasein sind die Plomben die die Löcher stopfen“ (ebd.).

Die zentrale Aufgabe der Fanarbeit (Pilz nennt im speziellen die Fanprojekte) sei es, für diese Plomben Alternativen zu entwickeln. Pilz nennt zwei Motivationsstränge, die das Fandasein ausmachen: Zum einen würden sich die Jugendlichen durch ihre starke Identifikation mit dem Verein am Fußballwochenende ihre Erfolgserlebnisse holen und ihre Selbstwertgefühle stärken. Gleichzeitig können sie im Stadion, zum Beispiel durch die Besetzung des Fanblocks als sozialen Ort der ihnen gehört, ihr Herrschaftsgefühl ausleben: „Der Gesang ‚Hier regiert der KSC !’ sagt: hier haben wir die Macht!“ (ebd.).

An zweiter Stelle führt Pilz eine Lebensweltorientierte Motivation zur Fußballgewalt an. Er sagt die Jugendlichen würden in ihrem Fußballalltag ihr Defizit an Abenteuer-, Spannungs- und Risikoerlebnissen kompensieren. Eben die Erfahrungen die in der heutigen Tristesse der urbanen Städte und in der Spannungs- und Abenteuerarmen Gesellschaft verloren gehen. Pilz scheut dabei nicht den Vergleich zwischen dem Survivaltraining oder dem Helikopterskiing bei den Managern, mit dem Fußballwochenende bei den Hooligans. Zum Abschluss des Filmes fasst der Sprecher noch mal zusammen: „Die Fußballfanszene, so unterschiedlich sie auch geprägt sein mag, hat sich über Jahre zu einer Jugendkultur entwickelt die ernst genommen und bewahrt werden will“ (ebd.).

Heitmeyer und Peter legen sich in ihrer „Ausdifferenzierung der Fan–Szenerie“ fest, das nicht globale Kriterien wie etwa die soziale Schichtzugehörigkeit im Vordergrund stehen, sondern der Bedeutungsgrad, den Fußball für die alltägliche Lebenswelt der Jugendlichen hat (Heitmeyer und Peter 1987, S.30-31). Bei der Frage nach der Motivation, die einen Jugendlichen zum Fußballfan werden läst, geben sie drei verschiedene Motivationsgrundlagen an:

Als erstes definieren sie den konsumorientierten Fan. Für ihn steht das Erleben von Spannungssituationen im Vordergrund, wobei die Sportart eigentlich austauschbar ist. Die rezeptive Teilnahme am Fußball ist für ihn nur eine von vielen Freizeitbeschäftigungen, weshalb er aufgrund der niedrigen sozialen Relevanz, die er dem Spiel beimisst, keine Notwendigkeit sieht, sich einer Gruppe von Gleichgesinnten oder einem Fanclub anzuschließen. Anzutreffen ist dieser Fan mehrheitlich auf den Sitzplätzen.

Wesentlich anders sieht es beim fußballzentrierten Fan aus. Auch er möchte Spannung erleben. Für ihn steht aber die Treue zu seinem Verein, auch in sportlich schlechteren Zeiten, im Vordergrund. Der Fußball besitzt für ihn eine hohe soziale Relevanz und ist mit keiner anderen Sportart austauschbar. Er hat eine starke Gruppenorientierung, weshalb er seine Anerkennung bei Gleichgesinnten sucht und so häufig Mitglied eines Fanclubs ist. Im Fanblock wird deshalb ein Territorium geschaffen, in dem er seine Bedürfnisse in der Gemeinschaft befriedigen kann.

Als letztes weisen Heitmeyer und Peter noch auf den erlebnisorientierten Fan hin. Für ihn ist Fußball ein Spektakel, bei dem es etwas zu erleben gibt. Die Spannungssituation motiviert ihn. Wird aber auf dem Spielfeld zu wenig geboten, so versucht er selber Situationen zu erzeugen, bei denen seine Erwartungen erfüllt werden. Er geht deshalb keine festen Bindungen mit Gruppen oder Fanclubs ein, denn wird es ihm mit einer Gruppe oder einem Verein zu langweilig, sucht er sich andere passende Alternativen (S. 56-63).

Aus diesen Einsichten leitet sich folgende Übersicht ab:

Ausdifferenzierung der Fan–Szenerie

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.2.1 Normalos

„Das wichtigste am Fan ist, dass er bezahlt. Die san dazu nötig. Es gibt Fans in drei Preislagen: Die Jungen, die schreien, toben, singen. Die Verrückten, die Läden kaputt-schlagen. Und die wenigen, die Fußball sehen wollen.“[10]

Nun gibt es verschiedene Versuche Fußballfans in unterschiedliche Gruppen einzuteilen. Die in der von mir ausgewählten Literatur am häufigsten auftretende Möglichkeit, ist die Unterscheidung in „Normalos“, „Kutten“, „Ultras“ und „Hooligans“.

Zu den Normalos, oder Gelegenheits-Fans: Dies sind die Stadionbesucher, die zum Beispiel nur bei Spitzenspielen im Stadion anzutreffen sind. Für sie steht die „Fußballshow“ im Vordergrund, welche aber auch durch andere Freizeit-beschäftigungen, wie z.B. durch Theater, Kino oder Konzerte ersetzbar ist. Der Fußball ist kein Dauerthema für sie, sondern nur eines von vielen und wird somit als Nebensache eingestuft. Schümer beschreibt diese Leute wie folgt: „Das Geheimnis des Fans ist seine Normalität. Über Normalität ist nicht viel zu sagen. Man kann sie traurig finden, gleichgültig oder sogar idyllisch“ (Schümer 1996, S. 161).

[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] Die Mehrheit der Zuschauer im Stadion setzt sich aus dem, was man als ganz normale Leute bezeichnet zusammen. Zum Beispiel die Familienväter mit ihren Kindern im Familienblock, oder Pärchen mit Dauerkarten die aus der Region angereist kommen. Schümer zeigt: „Die Durchschnittsatmosphäre auf der Tribüne

(Der „Familienblock“ im Westfalenstadion)[11] ist gemäßigt. Keine lauten Gesänge, keine Hassparolen, keine Schlägereien – wie das immer im Fernsehen gezeigt wird“ (ebd.). Dessen ungeachtet besitzen auch diese Fans eine „hohe emotionale Anteilnahme am Fußballspiel“ (Schulze –Marmeling 1992, S. 244). Diese zeigt sich schon beim Zuschauen am Fernseher, in der Kneipe oder Zuhause, in Form von lautstarker Kommentierung des Geschehens. Im Stadion ist diese Anteilnahme jedoch am intensivsten. Das begründet sich durch die, erst im Stadion entstehende, Interaktionsmöglichkeit zwischen dem Zuschauer und der Mannschaft. Etwa ein Drittel aller Stadionbesucher sieht dabei das Stadion als eine Art „sozialen Freiraum“ und in gewisser Weise auch als einen „rechtsfreien Raum“ an (ebd.).

2.2.2 Kutten

Zunächst möchte ich darstellen was sich hinter dem Begriff „Kutte“ verbirgt. Als Kutte bezeichnet man eine Jeansweste, die mit vielen Aufnähern, Nieten, „Bommeln“ und anderen Verziehrungen versehen ist. Die Aufnäher künden meist von der Liebe zum eigenen Verein und von dem Hass auf andere Vereine. Der Begriff rührt von „(...) der phonetischen Ähnlichkeit des amerikanischen cut-off (der Ärmel) mit Kutte “ (Microsoft Encarta 1998, „Kutte“).

[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] Als „Kutte“ oder „Kuttenfan“ bezeichnet man demnach in der Sprache der Fußballfans den Träger eines solchen Kleidungsstückes. Früher galt der Grundsatz, je älter eine Kutte ist und je mehr Embleme darauf vorhanden sind, um so bedeutender ist der Status des Kuttenträgers innerhalb der Szene. Kuttenfans sind die klassischen Anhänger der Fußballvereine. Man erkennt sie leicht an ihrem Erscheinungsbild, das von Vereinsutensilien wie Schals, Mützen, Fahnen und eben den Kutten geprägt ist. Sie sind in ihrer ganzen Ausrichtung auf das Fußballspiel konzentriert. (Kutte eines Schalke- Fans)[12]

Sie gehen ins Stadion, um ihre Mannschaft gewinnen zu sehen. Dabei stehen sie leidenschaftlich und bedingungslos hinter ihr. Das Engagement für ihre Mannschaft geht weit über das Engagement normaler Zuschauer hinaus. Insofern lassen sie sich der Gruppe der fußballzentrierten Fans zuordnen.

Felix Mergen schreibt in seinem Report zur gegenwärtigen Situation der Kutten: „Sie werden im Fanblock akzeptiert, weil jeder weiß, dass nur der eine Kutte trägt, der schon lange dabei ist und sich auch durch Misserfolge und Niederlagen nicht hat beirren lassen. Und doch wirken Kuttenfans ein wenig wie aus einer vergangenen Zeit, als Fußball noch nicht zur Show fixiert wurde und Spiele noch nicht angepriesen wurden (...) und in der Tat sind die Fans mit den Westen letztlich nur die auffälligsten Vertreter einer Fankultur, die sich ihre Ursprünge bewahrt hat“ (Mergen 2001, S. 18–19).

2.2.3 Hooligans

„Es ist nicht leicht ein Hooligan zu sein, aber einer muss den Job ja machen.“[13]

Die folgenden Darstellungen der Hooligans und Ultras werden einen größeren Umfang als die, der Normalos und Kutten haben. Dies liegt nicht nur daran, dass zu diesen Gruppen mehr Informationen in der von mir verwendeten Literatur zu finden war. Im Gegenteil: Zu den Ultras findet man, auf Grund ihrer recht jungen Geschichte in Deutschland, leider nur sehr wenige Berichte in Büchern. Infolgedessen stützen sich die hier aufgeführten Angaben insbesondere auf individuelle Betrachtungen. Basierend auf Einblicke in die Fanszene, u.a. durch mein Praktikum beim Schalker Fanprojekt und aus weiteren Stadionbesuchen (im Zeitraum zwischen 1988 und heute) und auf die Recherche in Internet, sowie Fußballmagazinen. Die Aufführungen fallen ebenfalls detaillierter aus, weil Hooligans und Ultras die Gruppen sind, mit denen sich die Soziale Arbeit im gegenwärtigen Fußballumfeld im wesentlichen beschäftigt. Gleichzeitig bildet ihre Darstellung auch die Einleitung in den Hauptteil dieser Arbeit. Die Darbietungen der Probleme von Gewaltbereitschaft bei den Hooligans und von dem „Inszenierungsbedürfnis“ bei den Ultras sollen auch zur vorläufigen Beantwortung auf die Frage: „Warum benötigt man Soziale Arbeit mit Fußballfans?“ dienen.

Hooligans sind wohl mit die Abstand „problematischste“ Fangruppe. Die Zahl der Hooligans wird von Expertenseite auf 3000-4000 in ganz Deutschland geschätzt (Meier 2001, S. 5). Hinzu kommen allerdings noch beträchtliche Mitläuferscharen, die von Spiel zu Spiel mehr oder weniger regelmäßig erscheinen. „Hooligans“ ist die Bezeichnung für gewalttätige, meist in Gruppen auftretende Jugendliche und jüngere Erwachsene, die in der Regel sehr fanatische Anhänger eines Sportvereins sind. Vor allem bei und im Umfeld von Fußballbegegnungen treffen sie auf ebenso aggressive Fans des gegnerischen Vereins. Bei der Konfrontation der miteinander verfeindeten Fangruppen kommt es häufig zu gewalttätigen Übergriffen. Hooligans schaffen sich ihre eigene Erlebniswelt bei Auseinandersetzungen im Zusammenhang mit Fußballspielen. Sie stellen somit eine Gruppe der erlebnisorientierten Fans dar. Nach einer allgemeinen Begriffsbestimmung und einer kurzen Geschichte des Hooliganismus in Deutschland möchte ich noch auf die Fragen nach der sozialen Herkunft der Hooligans und nach den Motiven für ihr Verhalten eingehen.

2.2.3.1 Eine Begriffsbildung mit unterschiedlicher Herkunft

Über die Entstehung des Wortgebrauches „Hooligan“ gibt es unterschiedliche Auffassungen. Laut Ralf Ek wurde der Begriff zum ersten Male nachweisbar in einer englischen Tageszeitung im Jahre 1898 gebraucht und stand damals schon im Zusammenhang mit Alkohol und exzessiver Gewalt auf öffentlichen Plätzen (Meier 2001, S. 9). Eine Version der Begriffsbestimmung sieht in ihm einen Kunstbegriff aus dem Englischen. Sinngemäß wird er mit Straßenrowdy oder Halbstarker übersetzt. Eine andere Variante besagt, dass irische Wort „hooley“ (Sauforgie) wurde zu Hooligan verdreht. Die dritte und gleichzeitig, in der von mir verwendeten Literatur, am häufigsten auftretende Möglichkeit: Der Begriff könnte sich auf eine irisch-stämmige Familie namens „Houlihan“ beziehen, die landesweit wegen ihrer gewalttätigen und trinkfesten Mitglieder bekannt war und in volkstümlichen irischen und schottischen Liedern besungen wurde.

[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] Die Bezeichnung Hooligan wurde zunächst zur generellen Beschreibung von rowdyhaftem Benehmen und für Straßenkriminelle gebraucht. Seit ungefähr 1970 in England und etwa zehn bis fünfzehn Jahre später in Deutschland, kam es zur Begriffseinengung auf den Bereich der Gewalttätigkeit von Fußballzuschauern. Nunmehr diente diese Bezeichnung zur Charakteristik des sowohl verbal als auch körperlich gewalttätigen Teils der Fußballfan-

(Hooligans vs. Ordner)[14] szene und ersetzt im deutschen Sprachgebrauch seitdem die früher verwendete Bezeichnung „Fußballrowdy“ oder „Fußballrocker“. Hierbei kann als Fußball-Hooligan bezeichnet werden, wer sich an gewalttätigen Ausschreitungen und Vandalismus anlässlich eines Fußballspieles beteiligt. Diese Personen bezeichnen sich auch selbst, zur Abgrenzung gegenüber normalen Fans und als selbst verliehenen Ehrentitel als Hooligans und bekennen sich offen zur Anwendung von Gewalt.

[...]


[1] Zitat von Bill Shankly; einstiger Trainer und ehemaliger Manager des FC Liverpool (zit. nach Schulze- Marmeling 1992, S 7).

[2] „Am 22.06.1998 war die französische Stadt Lens anlässlich der Weltmeisterschaft in Frankreich Austragungsort eines Fußballspieles zwischen Jugoslawien und Deutschland. Unmittelbar nach Spielende wurde der französische Gendarm Daniel Nivel Opfer eines schweren Übergriffes deutscher Fußballfans, an deren Folgen er sein Leben lang leiden wird“ (Buderus, Dembowski und Scheidle 2001, S. 33).

[3] die privaten Eliteinternate der Aristokratie und des Bürgertums (Eisenberg 1997, S. 29).

[4] niederer engl. Adel (Microsoft Encarta 1998, „Gentry“).

[5] Nick Hornby (1992) in seinem Roman „fever pitch“ über seinen Verein Arsenal London.

[6] Im Juni 1985, vor dem Europapokalfinale zwischen dem FC Liverpool und Juventus Turin, kam es zu schweren Ausschreitungen der Anhänger beider Vereine, in deren Folge eine Panik unter den Besuchern des Brüsseler Heyselstadions ausbrach. Traurige Bilanz: 39 Tote und 454 Verletzte (Dembowski und Scheidle 2002, S. 12).

[7] Mob; eine wütende Menschenmenge, die meist Gewalt ausübt (Microsoft Encarta 1998, „Mob“).

[8] Die Dortmunder Südtribüne (Die mit ca. 25.000 Plätzen größte Stehplatztribüne Europas) beim DFB Pokal- Spiel: Borussia Dortmund gegen Unterhaching am 22.09.2004 (Quelle: Privat).

[9] Meyers Enzyklopädisches Lexikon 1973, Band 8.

[10] Zitat von Max Merkel, München. Ehemaliger Trainer (zit. nach Pramann 1983, S. 28).

[11] Blick auf den „Langnese – Familienblock“ im Dortmunder Westfalenstadion (Quelle: privat).

[12] Privates Bild einer Kutte: „Sie entstand im Jahre 1988 und hat sich ca. bis zum Jahre 1998 stets erweitert“ (Quelle: www.home.t-online.de/home/Robert.Liebrand/kutte.htm, Stand: 08.10.2004).

[13] Zitat eines Aufkleber der Hamburger Hooligans, Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre (zit. nach Buderus, Dembowski und Scheidle 2001, S. 213).

[14] Hooligans vs. Ordner (Quelle: http://sportsmed.starwave.com/media/pg2/2002/0529/photo/ s_hooligans_hi.jpg, Stand: 08.10.2004).

Details

Seiten
87
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638334112
ISBN (Buch)
9783640934287
Dateigröße
2.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v32782
Institution / Hochschule
Hochschule Fulda
Note
1,5
Schlagworte
Soziale Arbeit Jugendlichen Fussballfans

Autor

Zurück

Titel: Soziale Arbeit mit Jugendlichen Fussballfans