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Charakteristik und Kritik der Kriegsberichterstattung in der deutschen Tagespresse zum Irak-Krieg 2003

Diplomarbeit 2004 131 Seiten

Medien / Kommunikation - Journalismus, Publizistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 EINFÜHRUNG
1.1 Problemstellung
1.2 Konzeption und Vorgehensweise
1.3 Begriffsklärung
1.3.1 Kriegsberichterstattung
1.3.2 „embedded journalists“
1.3.3 Stereotype, Vorurteile und Feindbilder
1.3.4 Propaganda und Public Relations

2 Kriegsberichterstattung im Wandel der Zeit: vom Vietnamkrieg bis zum Irak-Krieg 2003
2.1 Exkurs: Der Krieg als Medienereignis
2.2 Der Vietnamkrieg
2.3 Grenada
2.4 Der Golfkrieg 1990/91
2.5 Kosovokrieg

3 Historischer Hintergrund des Irak-krieges 2003
3.1 Die Vorgeschichte des Irak-Krieges 2003 und die Rolle der Medien
3.2 Der Irak-Krieg 2003 im Überblick

4 kriegsberichterstattung in der deutschen tagesPresse zum irak-krieg 2003
4.1 Aufgaben und Funktionen der Tagespresse
4.2 Die Zyklen der Kriegsberichterstattung
4.3 Begründung der Auswahl der Tagespresse
4.3.1 Frankfurter Allgemeine Zeitung
4.3.2 die tageszeitung
4.3.3 Bild-Zeitung
4.3.4 Göttinger Tageblatt
4.4 Charakteristik der Kriegsberichterstattung in der deutschen Tagespresse zum Irak-Krieg 2003
4.4.1 Die Intensität der Kriegsberichterstattung
4.4.2 Die Themenschwerpunkte der Kriegsberichterstattung
4.4.3 Die Akteure der Kriegsberichterstattung
4.4.4 Die Sprache der Kriegsberichterstattung
4.4.5 Die Wahl der Pressefotografien
4.4.6 Transparenz und Quellenvielfalt
4.4.7 Berichterstattung durch Expertenstatements
4.4.8 Zusammenfassung
4.5 Kritik der Kriegsberichterstattung in der deutschen Tagespresse zum Irak-Krieg 2003
4.5.1 Polarisierende Berichterstattung
4.5.2 Journalismus ohne Gewähr
4.5.3 Vor- und Nachteile der Kriegsberichterstattung durch „embedded journalists“
4.5.4 Propaganda und Public Relations: Zeitungen als Instrumente politischer Kommunikation
4.6 Sind die Vorwürfe gegen die Kriegsberichterstattung der deutschen Tagespresse zum Irak-Krieg 2003 gerechtfertigt? Positionen ausgewählter Personen aus Wissenschaft, Politik und Medien

5 Krisenkommunikation der Zukunft
5.1 Kriegsberichterstattung und Objektivität
5.2 Selbstbeobachtung der Medien
5.3 Friedensjournalismus als Zukunftsmodell

6 FAZIT

Anhang

Literaturverzeichnis

EHRENWÖRTLICHE ERKLÄRUNG

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Meinungsbild der deutschen Tagespresse am 2. März 2003

Abbildung 2: Meinungsbild der deutschen Tagespresse am 15. April 2003

Abbildung 3: Die Bombardierung Bagdads

Abbildung 4: US-Soldaten im Palast von Saddam Hussein

Abbildung 5: Die Fotoreihe im Göttinger Tageblatt

Abbildung 6: „embedded journalists“ als Chance oder als Gefahr

Abbildung 7: „embedded journalists“ als Propagandisten für das US-Militär

Abbildung 8: Urteile zu den „embedded journalists“ in den deutschen Medien

Abbildung 9: Jubelnde Iraker nach dem Fall der Saddam-Statue in Bagdad

Abbildung 10: Kurz nach dem Sturz der Saddam-Statue auf dem Paradiesplatz in Bagdad

Abbildung 11: Richtlinien für einen kritischen Friedensjournalismus

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Idealfall der Kriegsberichterstattung

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 EINFÜHRUNG

1.1 Problemstellung

Kaum ein anderes Ereignis hat in der jüngsten Geschichte in der deutschen Öffentlichkeit zu derartigen Diskussionen und Kontroversen geführt wie der Irak-Krieg 2003, kein Krieg wurde der Öffentlichkeit in einem solchen Ausmaß detailliert und zeitnah vermittelt. Dabei geht es zum einen um die Frage nach der Legitimität des Krieges, die die Welt wie nie zuvor teilt in Kriegsgegner und -befürworter. Zum anderen zeigt dieser Krieg erneut die Abhängigkeit öffentlicher Meinungsbildung von der Vermittlung und Darstellung der Ereignisse in der Tagespresse.

Ein offenes Mediensystem, wie es sich heute in dem westlichen Demokratieverständnis als normative Vorgabe verankert hat, fordert eine strikte Trennung von militärischer Propaganda, regierungsamtlichen Verlautbarungen sowie journalistischer Berichterstattung. Dies erweist sich jedoch zu Krisen- und Kriegszeiten immer wieder als eine kaum realisierbare Forderung.[1] Journalisten sind eingespannt in ein Beziehungsgewirr aus Presse, staatlichen PR-Agenturen, Militär sowie Politik. In diesem Zusammenhang wird den Medien in Demokratien auch eine Funktion als „vierte Gewalt“ zugeschrieben, denn ohne die Begleitung, die Hilfe oder auch den Widerstand der Medien ist Politik heute kaum durchführbar.[2] Gleichzeitig kann das von der Presse postulierte Geschehen von den Lesern nur schwer nachgeprüft werden. Hindernisse sind nicht nur das Verschweigen von Fakten und die gezielte Weitergabe von Desinformation durch die am Konfliktfall Beteiligten, sondern auch der journalistische Wettbewerb, der auf hohe Auflagen und Schnelligkeit abzielt.[3] Im Zeichen der globalen Vernetzung kann die Presse bei einem unkritischen Betrachter schnell die Vision einer falschen Wirklichkeit erzeugen, was sie vor allem in Kriegszeiten vor besondere Herausforderungen stellt. So führt die Kriegsberichterstattung in demokratischen Gesellschaften oft zu einem Vertrauens- und Autoritätsverlust der Medien.

In diesem Zusammenhang kommt der Tagespresse als „Exklusivlieferant der Informationen“ vom Kriegsschauplatz eine besondere Rolle zu, da die Macht der Worte und der Bilder sowohl moralisch als auch politisch einen großen Teil zur Ablehnung oder Anerkennung des Irak-Krieges beisteuert. Es stellt sich die Frage, welche Rolle die deutsche Tagespresse als neutraler Beobachter und Kriegsberichterstatter sowie als Sprachrohr der Regierung zur öffentlichen Meinung beigetragen hat.[4] Auch die neue Art der Kriegsberichterstattung, der „embedded journalism“, ist dabei von Bedeutung, denn das Konzept entfacht bei der Diskussion um die Kriegsberichterstattung des Irak-Krieges 2003 eine Medienkritik, die sich insbesondere auf Medien als Inszenierungsinstrumentarium konzentriert. Nicht zuletzt deshalb gibt dieser Krieg Anlass, um über die Beziehung von Medien und Öffentlichkeit in der Demokratie erneut nachzudenken.[5]

Unter Berücksichtigung der vorhergehenden Aufgaben, Probleme und Zielsetzungen unternimmt die vorliegende Diplomarbeitarbeit den Versuch, die Berichterstattung der deutschen Tagespresse über den Irak-Krieg 2003 anhand vier ausgewählter Tageszeitungen zu charakterisieren und prägnante Kritikpunkte herauszuarbeiten. Um die Vorgehensweise verständlich zu machen und die Lektüre zu erleichtern, wird im Folgenden ein kurzer Überblick über den Aufbau und den Inhalt der Diplomarbeit gegeben.

1.2 Konzeption und Vorgehensweise

Zur Umsetzung der formulierten Zielsetzung wird die Diplomarbeit in sechs Kapitel gegliedert. Das erste Kapitel umfasst die Einführung mit einer Problembeschreibung, die Erläuterung der Konzeption und Vorgehensweise sowie die Begriffsklärung, die den definitorischen Rahmen abgrenzt. Diese Abgrenzung ist notwendig, da sich in der Literatur stets unterschiedliche Ausprägungen der relevanten Begrifflichkeiten finden lassen. Das zweite Kapitel beginnt mit einem kurzen Exkurs über den Krieg als Medienereignis und gibt anschließend einen Rückblick auf die Kriegsberichterstattung der Kriege in Vietnam, Grenada, Kosovo und dem Golfkrieg 1990/91 als „medienpolitische Vorläufer“ des Irak-Krieges 2003, um dem Leser die bestehenden Zusammenhänge und Ähnlichkeiten der Kriegsberichterstattung zu verdeutlichen. Der darauf folgende Abschnitt schildert die Vorgeschichte des Irak-Krieges 2003 sowie die Rolle der Medien. Gleichzeitig liefert dieses Kapitel einen Überblick über den Kriegsverlauf, um dann im Anschluss an die historischen Ausführungen im vierten Kapitel das „Kernstück“ der Diplomarbeit zu bearbeiten: Charakteristik und Kritik der Kriegsberichterstattung in der deutschen Tagespresse zum Irak-Krieg 2003. Dieses Kapitel enthält neben dem eigentlichen Themenschwerpunkt auch die Aufgaben und Funktionen der Tagespresse, erläutert in der gebotenen Kürze typische Zyklen der Kriegsberichterstattung und begründet darüber hinaus die Auswahl der zu bearbeitenden deutschen Tageszeitungen. Aufschlussreiche Erkenntnisse für die Bearbeitung des Themas liefert an dieser Stelle ein detaillierter Vergleich vier in ihrer Verbreitung und Reputation sehr unterschiedlichen deutschen Tages­zeitungen: Frankfurter Allgemeine Zeitung, die tageszeitung, Bild-Zeitung sowie Göttinger Tageblatt. Als Abschluss dieses vierten Kapitels und somit des Kernthemas der vorliegenden Diplomarbeit werden verschiedene Positionen sechs sorgfältig auserwählter VertreterInnen aus Wissenschaft, Politik und Medien vorgestellt, die sich mit Fragen der Manipulation, des „embedded journalism“ als auch der zukünftigen Handlungsanweisungen zur Verbesserung der Qualität des Journalismus auseinandergesetzt haben.

Das fünfte Kapitel knüpft thematisch an die verschiedenen vorangegangenen Meinungen an und beschäftigt sich mit der Krisenkommunikation der Zukunft. Es zeigt Möglichkeiten auf, wie die deutsche Tagespresse zukünftig ihren Ansprüchen gerecht werden kann. Dabei geht es vor allem um die Objektivität in der Kriegsberichterstattung, die Selbstbeobachtung der Medien und den Friedensjournalismus als Zukunftsmodell. Bei der Diskussion um die Forderung eines friedensorientierten Journalismus steht die Debatte zwischen Journalisten, Medienwissenschaftlern und Friedensforschern über die Medien als Instrumente einer gewaltfreien Transformation von Konflikten im Vordergrund der Betrachtungen. Letztlich erfolgt in Kapitel Sechs das Fazit, dass den Versuch unternimmt, die Ergebnisse resümierend festzuhalten und diese gleichzeitig mit einem Ausblick in die Zukunft zu verbinden.

1.3 Begriffsklärung

1.3.1 Kriegsberichterstattung

Kriegsberichterstattung hat es bereits in der Antike gegeben und schon Julius Cäsar betätigte sich als Kriegsschreiber während der gallischen Kriege. Der erste militärische Konflikt, über den regelmäßig in der Tagespresse berichtet wurde, war der mexikanisch-amerikanische Krieg 1846/47. Als erster „Pressekrieg“ ging der Krimkrieg in die Geschichte ein, als der Reporter William Howard Russell im Jahre 1854 für die Londoner Times über das Kriegsgeschehen berichtete und mit den englischen Truppen auf der Krimhalbinsel an die Front rückte.[6] Seitdem haben sich die Formen der Krisen- und Kriegsberichterstattung gravierend verändert.

Ziel der Kriegsberichterstattung ist es, die Weltöffentlichkeit über Ursachen, Hintergründe, Strategien, Motive sowie Verläufe des Kriegsgeschehens zu informieren. Auch die Folgen sind Bestandteil der Berichterstattung sowie Probleme, Problemlösungen und die Abwägung zwischen den Folgen und der Verhältnismäßigkeit des Krieges. Kriegsberichterstattung soll dazu beitragen, dass sich der Rezipient ein Bild über die Kriegslage und seine eigene Meinung bilden kann. Größtmögliche Objektivität gehört daher zu den Prämissen der Kriegsberichterstattung.

Soviel zur Theorie, denn die Praxis bietet oft ein anderes Bild. In vielen Fällen ist die Kriegsberichterstattung im gleichen Maße Mittel, die Bevölkerung mit gezielten Informationen in die eine oder die andere Richtung zu beeinflussen. Im Irak-Krieg 2003 gibt es eine neue Methode der Kriegsberichterstattung, die so genannten „embedded journalists“.

1.3.2 „embedded journalists“

Für den Irak-Krieg 2003 entwickelte die US-Regierung ein neues Konzept: das Konzept der „embedded journalists“, der in die Truppen „eingebetteten“ Journalisten. Dieses Konzept stellt eine neue Ära der Informationskontrolle im Umgang des Militärs mit den Journalisten dar. Um als „embedded journalist“ ganz nah am Kriegsgeschehen dabei zu sein, können sich Redaktionen beim Pentagon bzw. dem CENTCOM um die Eingliederung ihrer Journalisten bewerben. Die Reporter werden in Trainingscamps auf die Kriegssituation vorbereitet. Die Mehrzahl der insgesamt 600 eingebetteten Journalisten stammt dabei aus dem angloamerikanischen Bereich.[7] Akkreditierte Reporter begleiten die Alliierten mit ihren technischen Übertragungsmöglichkeiten bei ihren Kampfhandlungen durch die irakische Wüste und werden neben der Front auch auf Flugzeugträgern und Kriegsschiffen stationiert.[8]

Das Ziel des US-Militärs ist es, eine (scheinbar) objektive Berichterstattung zu gewährleisten. Es existieren keine derartigen Zensuren wie im Golfkrieg 1990/91, jedoch haben die Journalisten auch hier maßgebende Einschränkungen in ihrer Berichterstattung: Sie dürfen keine Informationen über die jeweiligen Standorte und über militärische Taktiken und Strategien preisgeben und müssen sich an gewisse Regeln halten, um ihr eigenes und das Leben der Soldaten durch die Berichterstattung nicht zu gefährden.[9] Die Vor- und Nachteile des Konzeptes werden in Kapitel 4.5.3 ausführlich erörtert.

1.3.3 Stereotype, Vorurteile und Feinbilder

Der Terminus „Stereotyp“ wurde 1922 von dem amerikanischen Publizisten LIPPMANN eingeführt und hat insbesondere die Vorurteilsforschung nachhaltig beeinflusst. Obwohl es noch keine allgemeingültige Definition gibt, hat dieser Begriff die Untersuchungen über menschliche Wahrnehmung und soziales Handeln stark beeinflusst.[10] Die Schwierigkeit der Eingrenzung des Begriffs liegt in der begrifflichen Abgrenzung verwandter Termini wie „Einstellung“, „Klischee“ und „Image“, die man wiederum als „Vorurteile“ zusammenfassen kann. Ein kleiner Abgrenzungsversuch zwischen den beiden zentralen Begriffen „Stereotyp“ und „Vorurteile“ soll dem Leser das Verständnis erleichtern.

„Starr“, „fest“, „steif“ ist die Übersetzung des Wortes „stereos“ aus dem Griechischen. LIPPMANNs Auffassung zufolge werden Stereotypen herangezogen, um die komplexe und verwirrende Realität zu strukturieren.[11] Ähnlich grenzen die SPILLMANNs (1989) den Begriff ein: „Stereotypen sind zunächst einmal Kategorien, die die soziale Umwelt in verständliche und überschaubare Einheiten aufteilen.“[12] Andere Wissenschaftler beziehen auch die Konsequenzen in ihre Überlegungen mit ein. Diese Abgrenzung kommt dem Begriff „Vorurteile“ schon näher, wenn Stereotypen als „die Summe der mehrheitlich kollektiven oder individuellen Vorstellungen und Urteile (...)“[13] definiert werden und Vorurteile unter „unkritischen Übernahmen von Ansichten, Meinungen und Erwartungen ohne ausreichende persönliche Urteilsbildung oder Kenntnis“[14] subsumiert werden. Starrheit, schnelle Urteilsbildung und eine einschränkende Sichtweise sind für beide Begriffe bezeichnend.

In Anlehnung an diese Definitionen wird der Begriff „Stereotyp“ im Rahmen dieser Arbeit als eine einseitige, beschränkte Ansicht über Individuen und Personengruppen verstanden, die ferner die Tendenz zur Verallgemeinerung und eine gewisse „Zählebigkeit“ mit sich bringt. Stereotype sind in diesem Zusammenhang politisch relevant, da sie in eine direkte Verbindung mit Feindbildern gebracht werden können.

Was die Genese von Feindbildern angeht, lassen sich keine nennenswerten Unterschiede zu Stereotypen feststellen, da sie Kategorien darstellen, aus denen Feindbilder genährt werden.[15] Ebenso wie Stereotype richten sich auch Feindbilder gegen Personen, Personengruppen oder Sachverhalte, wie z.B. Ideologien, und werden zur Erreichung bestimmter gesellschaftspolitischer Ziele eingesetzt. Meist entstehen Feindbilder erst in einem akuten Konflikt und generieren dann ein passendes Bild des Feindes,[16] das dann Handlungen initiieren sowie legitimieren soll. Es lässt sich also resümierend feststellen, dass in einem Feindbild eine Vielzahl negativer Vorurteile bzw. Stereotypen zu einem Bild zusammengefügt wird. So können sich diffuse Feindbilder in aller Schärfe polarisieren.[17] Auf das Phänomen der Feindbild­konstruktion wird in Kapitel 4.4.4 näher eingegangen.

1.3.4 Propaganda und Public Relations

Ein wichtiger Aspekt steht am Ende dieses Kapitels noch aus: Es fehlt eine eindeutige Klärung dessen, was gemeint ist, wenn im Rahmen dieser Arbeit von Propaganda und Public Relations die Rede ist.

Propaganda ist die Waffe der modernen Kriegsführung, Propaganda ist die gezielte Manipulation des öffentlichen Bewusstseins. Gezeigt und geschrieben werden darf nur, was dem Regime ins Bild passt. Wer an diesem Spiel teilnimmt, wird bald zum Instrument der Propaganda,[18] die dann erfolgreich ist, wenn sie nicht als solche erkannt wird. Eine allgemein gültige Definition von Propaganda gibt es allerdings in der Wissenschaft nicht und auch die Abgrenzung zu PR ist nur graduell zu sehen,[19] da bei kriegerischen Konflikten die Grenze zwischen PR und Propaganda verwischt.[20] Während Propaganda als persuasive Kommunikations­form auf die Manipulation der Rezipienten abzielt, befassen sich PR damit, objektiv und vielseitig zu informieren. In Kriegszeiten werden die Begriffe jedoch oft synonym verwendet und PR-Maßnahmen umfassen ebenso wie Propaganda z.B. Feindbildaufbau, Informationskontrolle, Einbindung von Journalisten sowie das zeitliche Planen von Ereignissen unter Berücksichtigung der Medienwirksamkeit.[21] In Anlehnung an DE WECK (2003) ist der prägnante Unterschied dieser Begrifflichkeiten, dass PR einseitig Informationen attraktiv darstellen, während Propaganda die einen gut und alle anderen schlecht macht.[22] In den eigenen Reihen soll die öffentliche Meinung durch Propaganda für eine Unterstützung des Krieges mobilisiert werden.[23]

Besonders in Zeiten der Globalisierung der Medien steigt für die (Kriegs-)Parteien die Bedeutung der Informationsverbreitung. Denn Krieg wird nicht nur entschieden durch aufgerüstetes Militär und deren militärischen Eingreifen vor Ort, sondern Sieg oder Niederlage hängen davon ab, inwiefern Krieg führende Parteien in der Lage sind, Informationen und Bilder zu kontrollieren, zu steuern und zu streuen[24] wie auch von der Parteinahme der Medienberichterstatter.[25] An der Front wird Propaganda daher benutzt, um bewusst den Kampfeswillen des Feindes zu schwächen und den Gegner zu täuschen. Die Medien sind für die Informationsbeschaffung auf die Kriegsparteien angewiesen und als Konsequenz der Propaganda ergibt sich demnach schonungslose Manipulation.[26] Manipulation als propagandistisches Mittel wird im vierten Kapitel mehrmals aufgegriffen und als Charakteristik in der Kriegsberichterstattung bearbeitet als auch kritisiert.

Weitere Definitionen, die für das Verständnis des Lesers von Bedeutung sind, werden in den jeweiligen Kapiteln erläutert.

2 Kriegsberichterstattung im Wandel der Zeit: vom Vietnamkrieg bis zum Irak-Krieg 2003

Um das Thema dieser Arbeit in einen historischen und medialen Kontext zu setzen, ist eine Betrachtung der Kriegsberichterstattung vorhergehender Kriege unerlässlich. Während im Vietnamkrieg Bewegungsfreiheit und Verzicht auf die Zensur den Journalismus kennzeichnen, werden danach „Journalistenpools“ mit privilegierten Möglichkeiten der Berichterstattung gebildet. So kann das Militär direkt auf die übermittelten Informationen Einfluss nehmen. Der letzte Schritt in dieser Entwicklung ist der so genannte „embedded journalism“ im Irak-Krieg 2003.[27]

In diesem Kapitel werden jene Kriege in den Mittelpunkt der Betrachtungen gerückt, die Tendenzen und Veränderungen in der Kriegsberichterstattung exemplarisch belegen. Aus diesem Grund wird sich die Autorin nachfolgend nicht explizit auf die Berichterstattung in der deutschen Tagespresse beschränken, sondern allgemeine Richtungen der Kriegsberichterstattung in den Medien aufzeigen.

2.1 Exkurs: Der Krieg als Medienereignis

„Von über 99 Prozent des Geschehens auf diesem Erdball erfährt der Zeitungsleser nichts, weil es einfach nicht zur Kenntnis der Presse gelangt.“[28]

Manfred Steffens

Seit dem Aufkommen der Massenmedien bilden kriegerische Konflikte bevorzugte Themen in der Kriegsberichterstattung,[29] denn, so MERTEN (2003), „der Teller nachrichtenwürdiger Negativ-Ereignisse ist reichlich gedeckt und die Auswahl an hochemotionalen, auch optisch hinreißenden Themen ist so groß wie nie.“[30] Offenbar kommt das Kriegsgeschehen dem Bedürfnis der Rezipienten entgegen. Es befriedigt seine Neugier und affektive Bedürfnisse wie Angst, Ohnmacht, Stolz, Trauer und Mitgefühl. Kein Wunder, dass Krisen, Konflikte und Kriege in der Presse das scheinbare Informationsbedürfnis der Menschen erhöhen und zu einem „Topthema“ avancieren.[31] Allerdings lassen moralische und kulturelle Distanz, verschiedene politische Orientierungen und Interessen einige Kriege verstärkt in der Berichterstattung erscheinen, andere gar nicht. Das führt dazu, dass Auseinandersetzungen, über die nicht berichtet wird, nicht in das Bewusstsein der Rezipienten gelangen. Damit kommt der internationalen Kriegsberichterstattung eine besondere Bedeutung und Verantwortung zu, indem sie die Wahrnehmung der Welt prägt. In diesem Zusammenhang stellt sich nun die Frage, welche Kriege in den Schlagzeilen Beachtung finden und welche nicht, welche Faktoren also einen Krieg zum Medienereignis machen.

Bei der Selektion und Präsentation der Nachrichten orientiert sich die Presse am vermuteten Aufmerksamkeitswert bei den Lesern.[32] Wie berichtenswert ein Krieg ist, hängt somit von seinem so genannten Nachrichtenwert ab.[33] LÖFFELHOLZ (1993) fand heraus, dass Kriege und bewaffnete Konflikte als berichtenswert gelten, wenn

- der Grad der Betroffenheit des eigenen Landes hoch ist,
- Elite-Nationen an der Auseinandersetzung beteiligt sind,
- geringe ökonomische, politische und kulturelle Distanz vorliegt,
- die Möglichkeit von Anschlusskommunikation an berichtete Ereignisse im
Inland vorliegt und
- es außerdem möglich ist, den Krieg zu personalisieren und zu visualisieren.[34]

2.2 Der Vietnamkrieg

Um das Bemühen der US-Regierung und Militärs nachzuvollziehen, eine neue Informationspolitik im Kriegsfall zu etablieren, muss der Rückblick beim Vietnamkrieg ansetzen und sich mit der damaligen Rolle der Medien auseinandersetzen. Der Vietnamkrieg in den Jahren 1964 bis 1973 stellt einen bedeutsamen Einschnitt in der Geschichte der Kriegsberichterstattung dar. Er ist der erste „Fernseh“-Krieg der Geschichte, Bilder vom Kampfgeschehen bringen Authentizität in die Wohnzimmer. Der wichtigste Unterschied zu den nachfolgenden Kriegen besteht darin, dass die Kriegsberichterstattung keiner militärischen Zensur unterliegt. Zwar konstatiert BEHAM (1996), dass den Journalisten auch im Vietnamkrieg von amerikanischen Militärs und Politikern Zensurbestimmungen auferlegt werden, fügt allerdings hinzu, dass diese Versuche über die Kontrolle der Kriegsberichterstattung sinnlos sind, da sich die über 700 Reporter in Saigon dieser entziehen.[35] Wer also als Journalist in Vietnam akkreditiert ist – wozu lediglich ein Visum und ein Begleitschreiben eines Medienunternehmens nötig sind – muss abgesehen einiger Grundregeln militärischer Geheimhaltungen keine weiteren Begrenzungen berücksichtigen.[36] Somit können Journalisten uneingeschränkt über das Grauen des Krieges berichten und auch regierungskritische Artikel veröffentlichen, was dazu führt, dass mehr denn je über einen öffentlichen Konflikt im Fernsehen gesehen und in Zeitungen gelesen werden kann.

Zum ersten Mal werden im Zusammenhang mit der Tet-Offensive 1968 amerikanische Opfer im Fernsehen gezeigt. Die Berichterstattung über den Krieg wird zunehmend kritischer. Als Konsequenz wird die öffentliche Meinung maßgeblich durch die authentische Berichterstattung beeinflusst und schockierende Bilder sorgen für eine massive Änderung der Einstellung der Bürger. Bilder über das Massaker in My Lai, die 1969 veröffentlicht werden, verstärken diesen Wandel.[37]

Die Berichterstattung aus dem Vietnamkrieg, der erste verlorene Krieg der USA, führt somit in der Geschichte zu einem einmaligen dokumentarischen Zugang zu den Grausamkeiten eines Krieges.[38] Noch heute herrscht unter den amerikanischen Militärs sowie der amerikanischen Rechten die Annahme vor, dass die negative Berichterstattung über den Vietnamkrieg der Grund für die Niederlage der Amerikaner ist. Dadurch ist eine „Dolchstoßlegende“ entstanden – ob gerecht­fertigt oder nicht – die die Medien für den verlorenen Krieg verantwortlich macht.[39] Dieser Mythos bildet die Grundlage der neuen Informationspolitik und die US-Militärs ziehen aus dem Vietnamkrieg eine grundsätzliche Lehre:

Nur eine zensierte und gelenkte Berichterstattung über Kriege erlaubt eine Kontrolle der öffentlichen Meinung. Vor diesem Hintergrund perfektionieren die Amerikaner ihr Informationsmanagement. Ob in Grenada, im Golfkrieg 1990/91 oder im Irak-Krieg 2003 – die Informationspolitik wird stets mit anderen Mitteln als Fortsetzung des Krieges betrieben.[40]

2.3 Grenada

Der Krieg in Grenada im Jahr 1983 soll an dieser Stelle nur kurz erwähnt werden. Zum ersten Mal werden durch das Pentagon Kontrollmechanismen über die Presse ausgeübt, die in ihrer Perfektionierung im Golfkrieg 1990/91 gipfeln. Im Gegensatz zum Vietnamkrieg wird in Grenada den Medien der Zugang zum Kampfgebiet gänzlich verweigert. Pointiert werden muss die totale Nachrichtensperre bei der Invasion der mittelamerikanischen Insel Grenada von Spezialeinheiten der US-Streitkräfte – selbst Presseämter des Weißen Hauses und das Pentagon werden erst eine Stunde später von der Invasion in Kenntnis gesetzt. Insgesamt wird der Zugang zum Kampfgebiet fast sieben Tage verhindert.[41] Aufgrund der verhängten Nachrichtensperre fordern Redaktionen ihr Recht auf Informationsfreiheit, und die US-Regierung bietet ihnen einen „Kompromiss“ an: Der „National Media Pool“ wird eingerichtet. Dieser besteht nur aus ausgewählten Pentagon-Korrespondenten, die bei Kampfhandlungen an den Ort des Geschehens gebracht werden und so bei militärischen Einsätzen direkt vom Schauplatz der Kampfhandlungen berichten können. Allerdings kommen die Pool-Journalisten durch das zusätzlich eingeführte Rotationsprinzip nur circa alle drei Wochen an den Schauplatz.[42]

Mit dem steigenden Bewusstsein der Bedeutung der medialen Berichterstattung in Krisenzeiten ändert sich das Verhältnis von Politik und Medien in einem weiteren bedeutsamen Krieg, dem Golfkrieg 1990/91.[43] Die Strategie aus Grenada wird weiter verfeinert und die gesamten internationalen Medien noch stärker eingeschränkt.[44] Diese rigorose Medienpolitik des amerikanischen Militärs beruht also auf dem Trauma der Vietnamzeit und den „Pool-Erfahrungen“ von Grenada.

2.4 Der Golfkrieg 1990/91

Der Golfkrieg 1990/91 ist zu einem wichtigen Ereignis in der Geschichte der Zensur geworden. Er kann als das Medienereignis des Jahrzehnts beschrieben werden und als ein „Lehrstück“ politischer Öffentlichkeitsarbeit zu Zeiten des Krieges.[45] Der Krieg markiert den Versuch der Politiker und der Militärs, die öffentliche Wahrnehmung über das Wesen des Krieges zu verändern. Er ist ein weltweiter, allgegenwärtiger („Fernseh“)-Krieg und zeigt sich schon sehr bald als eine durch militärische Interessen beeinflusste, von den Medien inszenierte Konstruktion. Anders als beim Krieg in Vietnam, bei dem Tod und Zerstörung vorbehaltlos gezeigt werden, soll die „Operation Wüstensturm“ ein „sauberer“ Krieg werden. Opfer und Leid kommen in den Berichten nicht vor und Journalisten vor Ort können kaum mehr als die Raketen über Bagdad beschreiben.[46]

Der Informationsfilter „Zensur“ sorgt für ein sehr verzerrtes Bild des Golfkrieges 1990/91. Laut HALLIN (1986) beruht die Einführung einer Zensur auf den Erfahrungen aus dem Vietnamkrieg, um Loyalitätseinbußen bei den Angehörigen der Soldaten sowie beim Publikum zu vermeiden.[47] Eine Wiederholung des Vietnam-Debakels soll in jedem Fall verhindert werden. Ihren offiziellen Ausdruck findet die restriktive Zensur des amerikanischen Verteidigungsministeriums in den „Pentagon-Vorschriften zur Operation Wüstensturm“, ein Katalog von „Grundregeln“ für die Kriegsberichterstattung mit strengen Zensurvorschriften und Sprachregelungen.[48] So wird die Informationsweitergabe von u. a. Truppenstärken, Standorten und Truppenbewegungen der alliierten Streitkräfte, Waffensystemen und Ausrüstungen, Angaben über Methoden, Ausrüstung und Taktik von Spezialeinheiten verhindert. Infolgedessen werden Informationen inhaltsleer und vage. Diese militärische Zensur wird stets legitimiert mit der Vermeidung von Informationsvorteilen der Kriegsgegner.[49] Der Irak soll über die strategischen Vorhaben der Alliierten getäuscht werden.[50]

Eine weitere Einschränkung ergibt sich durch die so genannte „Pool-Berichterstattung“ wie sie erstmals in Grenada eingeführt wurde. Zugelassen zur Kriegsberichterstattung sind nur wenige, meist amerikanische Journalisten, deren Beiträge erst nach Genehmigung der US-Militärbehörde veröffentlich werden dürfen.[51] Journalisten dürfen Kämpfen nur in Begleitung einer Militäreskorte beiwohnen, so dass sie nur das sehen, was sie sehen sollen. Diejenigen, die nicht in die „Pools“ gelangen, sind damit auf Material ihrer „auserwählten“ Kollegen angewiesen und abhängig von Pressekonferenzen der Offiziere des Pentagons – das im Nachhinein sogar einräumt, es habe sich bei vielen Informationen um sorgfältig zusammengestellte Desinformationen gehandelt.[52] Durch die „Poolorganisation“ sowie die Zugangsschwierigkeiten für Journalisten, die nicht in den Pools sind, entsteht eine Doppelzensur. Was also anfangs ein Kompromiss zwischen divergierenden Interessen zu sein scheint, stellt sich alsbald als ein Informations-Desaster heraus.[53]

Als Hauptinformationsquellen der Medien bleiben Agenturmaterial, Reporter in Nachbarländern des Kriegsgebietes, Angaben vom Pentagon sowie der Fern­sehsender CNN, der sich schon bald zu einer „Ursprungs-Nachrichtenquelle“ entwickelt.[54] CNN wird in diesem Zusammenhang oft als „Gewinner des Golfkrieges“ beschrieben, da der Sender durch das neue Stadium der Nachrichtenübertragung via Satellit in „Echtzeit“ berichten kann und ein „Infor­mationsmonopol“ besitzt.[55] Der Krieg wird folglich aus der Perspektive der USA dargestellt und beurteilt und der Grundsatz der Gleichberechtigung bei der Presseberichterstattung ignoriert.

Somit konstruieren und rekonstruieren hunderte von PR-Fachleuten und tausende Journalisten den medialen Golfkrieg, der Millionen Leser und Zuschauer in Europa in ihren Bann zieht. Propaganda und PR-Maßnahmen durch die Kriegsparteien spielen dabei eine große Rolle und die Kriegspropaganda übernimmt im Golfkrieg 1990/91 eine erhebliche „öffentliche“ Funktion. Zu ihren bewährten Mitteln gehört das Erfinden von Geschichten durch manipulierte Informationen sowie verfälschtes Bildmaterial. Diese Propaganda-Maschinerie liegt nicht alleine in den Händen der amerikanischen Regierung, professionelle „Hilfe“ liefert das Komitee Citizen for a free Kuwait (CFK) und die Public Relations-Firma Hill & Knowlton. Ein bekanntes Beispiel internationaler PR-Kampagnen ist die „Brutkastenaffäre“, die von Hill & Knowlton erfunden wird: Eine junge Frau, angeblich eine Krankenschwester aus Kuwait, erzählt dem amerikanischen Kongress und dem Sicherheitsrat der Verneinten Nationen, wie irakische Soldaten Neugeborene vor ihren Augen in einem Krankenhaus aus Brutkästen gezerrt und auf dem Boden haben liegen lassen. „Nairah“ ist jedoch keine Krankenschwester, sondern – wie sich später herausstellt – die Tochter des kuwaitischen Botschafters in den Vereinigten Staaten. Diese Zusammenarbeit der Regierung mit dem CFK beruht auf den beiderseitigen Interessen, Saddam Hussein als „Aggressor“ und gleichzeitig Kuwait als „unschuldiges Opfer“ zu propagieren.

Besonders auffällig sind auch die Sprach- und Argumentationsmuster der Kontrahenten. Noch im ersten Golfkrieg zwischen dem Irak und Iran wird in Saddam Hussein ein Verbündeter gesehen. Nur zwei Jahre nach dem Ende des Krieges titulieren die Tageszeitungen Saddam Hussein als Psychopath, Agressor oder Tyrann und George Bush als Helden. Vergleiche von Hussein mit Adolf Hitler sind an der Tagesordnung. Nur sehr wenige Zeitungen verzichten auf diesen Vergleich mit den Verbrechen aus dem Nationalsozialismus, durch den der Krieg gerechtfertigt und die Öffentlichkeit für den Golfkrieg mobilisiert werden soll. KATZ (1996), Gründungsdirektor des israelischen Fernsehens und Professor für Soziologie und Kommunikation, beschreibt den „Erfolg“ der Medien, die Öffentlichkeit für einen Krieg zu gewinnen, wie folgt: „Nachdem sich (…) die Mär vom Zweiten Weltkrieg einmal in den Köpfen festgesetzt hatte, war es ein Leichtes, den Wunsch der Tauben und einiger Medien nach Vermeidung einer bewaffneten Auseinandersetzung (…) gegenüber diesem neuen Hitler zu denunzieren (…)“.[56]

Häufig wird der Krieg auch auf eine persönliche Auseinandersetzung von Bush und Hussein reduziert – „Gut gegen Böse“ ist die Vereinfachung der Darstellung. Manche Kritiker gehen sogar soweit, die Kriegsberichterstattung aus dem Golfkrieg mit der Berichterstattung von Sportereignissen gleichzusetzen. So z.B. GÖDDE (1992), der die Art der Berichterstattung mit Olympischen Spielen oder Fußball-Weltmeisterschaften vergleicht: „(…) und machte aus jenen fernen Begebenheiten im Nahen Osten (…) nichts anderes als einen ähnlich bedeutsamen sportlichen Wettkampf.“[57]

Propaganda und PR hat es natürlich auch in früheren Kriegen bereits gegeben. Der Golfkrieg 1990/91 verdeutlicht jedoch erstmals, das eine internationale Öffentlichkeit und die Kriegsberichterstattung bedeutend zu Entscheidungen der internationalen Politik beitragen.[58] Obwohl die Medien die Öffentlichkeit immer wieder auf den Sachverhalt hinweisen („zensiert“, „cleared by US-military“), sind die Folgen eindeutig: Die Glaubwürdigkeit der Medien nimmt ab, Journalisten werden zu PR-Zwecken benutzt und ein falsches Bild vom Krieg wird vermittelt.

2.5 Kosovokrieg

Der Kosovokrieg kann als ein Paradebeispiel geschickter Medienpolitik der NATO auf der einen Seite und der massiven Propaganda eines totalitären Regimes des derzeitigen jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic auf der anderen Seite bezeichnet werden.[59] Als Lehre aus den vorangegangenen Kriegen werden die Verfahren mit den Medien weiter perfektioniert[60] und die Kriegsberichterstattung entspricht genau den Regeln und Praktiken der modernen Feindbildpropaganda.[61] Das Ziel der Diffamierung des Gegners in den deutschen Medien ist die Legitimierung militärischer Gewalt gegen ein souveränes Völkerrechtsubjekt. Neben der Degradierung Milosevics zum „Serbenführer“ wirft man ihm gleichzeitig vor, in der serbischen Provinz Kosovo eine „ethnischen Säuberung“ durchführen zu wollen.[62]

Während des NATO-Einsatzes von März bis Juni 1999 ist das Kosovo für Journalisten gesperrt. Journalisten sind angewiesen auf Material, das ihnen verschiedene Seiten zur Verfügung stellen: offizielle Mitteilungen aus Belgrad, Augenzeugenberichte von Flüchtlingen aus dem Kosovo und amtliche Verlautbarungen aus Bonn, Washington und Brüssel. Luftaufnahmen liefert die NATO, Bodenaufnahmen des Krieges kommen von der gegnerischen, serbischen Seite. Bei den täglichen Pressekonferenzen liefern Videobilder auf einer Leinwand den Journalisten die angeblich relevanten Informationen. Die Schwierigkeiten bei der Informationsbeschaffung vor Ort und die propagandistische Manipulation werden der Öffentlichkeit geheim gehalten.

Durch diese Medienpräsenz der NATO in den am Kriegsgeschehen beteiligten Ländern versucht sie, für ihre militärischen Interventionen in Serbien Akzeptanz zu gewinnen. So ist es vor allem die Presse (einige überregionale Zeitungen wie die FAZ) die dabei „den Ton angibt“.[63] Die verstärkte Berichterstattung über die Leiden der albanischen Zivilbevölkerung trägt dazu bei, dass die Akzeptanz der NATO-Luftschläge gegen Serbien steigt. Kaum jemand kann sich der mit politischen und moralischen Argumenten geführten Medienkampagne der NATO entziehen, die Unterstützung für ihre militärische Interaktion erreichen will – und erreicht. Bei diesem Krieg im Kosovo, acht Jahre nach dem Golfkrieg, gibt es ein vermehrt positives öffentliches Meinungsbild für einen NATO-Einsatz unter Beteiligung der deutschen Bundeswehr.

Für die öffentlichkeitswirksame Vorbereitung und Begleitung der militärischen Aktivitäten sorgt die NATO durch ein extra eingerichtetes „Media Operation Center“, neben der eigentlichen NATO-Medienabteilung, in dem auserwählte PR-Fachleute die Verbreitung der Informationen über militärische Operationen gezielt vorbereiten.[64] Die Propaganda-Linie wird von so genannten „Spin-Doctors“ vorgegeben, welche hauptberuflich als Presseberater und Redenschreiber für die Regierung der USA und Großbritanniens tätig sind. Falschmeldungen und Übertreibungen, z.B. Meldungen aus albanischen Quellen, nach denen es angeblich im Sportstadion von Prishtina ein Konzentrationslager gibt, sind keine Seltenheit.[65]

Zu Beginn stehen die Medien und das Volk hinter der NATO, verurteilen „Schlächter Milosevic“ und sympathisieren mit der UCK.[66] Obwohl sich viele Meldungen bald als Lüge herausstellen, so unterstützen sie, wenn auch nur kurzfristig, die Rechtfertigung der NATO für ihre militärischen Vorgehen gegen Serbien. Solche Falschmeldungen sind nicht nur für die NATO, sondern auch für die Medien mit einem Verlust ihrer Glaubwürdigkeit verbunden, die im Verlauf der Auseinandersetzung weiter sinkt.

So verdeutlicht auch der Kosovo-Konflikt den Stellenwert von Medien in Kriegs­zeiten als ein Instrument militärischer Führung. Der NATO-Oberbefehlshaber im Kosovokrieg, General Clark, formuliert treffend: „Die Heimatfront ist der wichtigste Kriegsschauplatz, und Worte und Bilder sind die entscheidenden Waffen.“[67]

3 Historischer Hintergrund des Irak-krieges 2003

Die Daten und Fakten, ebenso wie die Hintergründe und Ursachen des Irak-Krieges 2003 sollen an dieser Stelle ein Stück jüngster Geschichte erklären. Denn ohne die Kenntnis der wichtigsten historischen Ereignisse im Vorfeld des Irak-Krieges 2003 ist eine schlüssige Erklärung und Deutung der Darstellung in den für die Arbeit herangezogenen Tageszeitungen nicht möglich. Vorweg ist anzumerken, dass die tatsächlichen Kriegsgründe nach Meinung vieler Kriegskritiker nicht mit den offiziellen Gründen übereinstimmen. Darauf wird jedoch im Rahmen der Arbeit nur unter kommunikationswissenschaftlichen Gesichtspunkten Rücksicht ge­nommen. Ferner ist explizit darauf hinzuweisen, dass die Informationen über Daten und Ereignisse während der Recherchetätigkeiten durchaus Divergenzen aufwiesen. Das liegt zum einen daran, dass die Informationen unterschiedlichen Quellen entnommen wurden sowie auch an der Kriegspropaganda und Instrumentalisierung der Medien.

Im Folgenden werden die Brennpunkte der Auseinandersetzung, nicht aber eine historische Analyse, entsprechend des Rahmens der Arbeit aufgezeigt und nur die für die Bearbeitung der Kriegsberichterstattung wichtigen Daten genannt.

3.1 Die Vorgeschichte des Irak-Krieges 2003 und die Rolle der Medien

Der Irak-Krieg 2003 kündigte sich schon lange vor den ersten Kampfhandlungen an. Dennoch beginnt der historische Rückblick bei den Terroranschlägen in den USA am 11. September 2001.[68] Nur kurze Zeit nach den Anschlägen ist der Weltöffentlichkeit klar, wen Präsident George W. Bush für den Anschlag verantwortlich machen wird: Osama bin Laden und die Terrororganisation al-Kaida. Auch geben die USA an, dass Saddam Hussein den Terror in der Welt unterstützt. Im „Krieg gegen den Terror“, den Bush unmittelbar nach den Anschlägen ausruft, kommt der Irak dann zwar auch als Ausgangspunkt des Terrors in Betracht, steht aber vorerst im Hintergrund. Das ändert sich spätestens in der Rede des US-Präsidenten am 29. Januar 2002, in der Bush von einer „Achse des Bösen“ spricht und betont, dass auch den Terror unterstützende Regime gehindert werden müssen, „Amerika oder seine Freunde und Bündnispartner mit Massenvernichtungswaffen zu bedrohen“.[69] Namentlich erwähnt er Nordkorea, Iran und Irak. Damit bestünde die Möglichkeit – und diese sei eine wachsende Gefahr und das maximale Risiko – dass diese Länder den Terroristen Massenvernichtungswaffen für ihre Machenschaften zur Verfügung stellten.[70]

Nahezu unkritisch berichten die Medien von den Vermutungen, obwohl jegliche Übertreibungen bei genauen Recherchen hätten aufgedeckt werden können – so zum einen die Verbindung Husseins und der al-Kaida sowie auch Behauptungen über die derzeitige Waffenproduktion. Genug Experteneinschätzungen und Informationen des europäischen Geheimdienstes wären hierzu möglich gewesen. Durch diese verfehlte Skepsis der Medien können sich die Rezipienten anhand kontroverser Positionen nur schwer ein eigenes Bild zu machen.[71] Dadurch wird schon im Vorfeld des Irak-Krieges 2003 ein Bedrohungsszenario geschaffen, indem behauptet wird, dass der irakische Machthaber neben den Massen­vernichtungswaffen auch Beziehungen zu al-Kaida unterhält und eine Gefahr für Amerika und damit für die westliche Welt darstellt.[72]

Ab Mitte des Jahres 2002 spitzt sich die Lage schnell zu. Am 8. Juli 2002 kündigt Präsident Bush an, dass seine Regierung einen Regimewechsel im Irak mit allen Mitteln erreichen will. Genau vier Monate später, am 8. November, verabschieden die 15 Mitglieder des UN-Sicherheitsrates die Resolution 1441: Ist der Irak nicht zur bedingungslosen Abrüstung sowie zur Zusammenarbeit mit den UN-Waffeninspektoren bereit, werden ihm ernsthafte Konsequenzen angedroht. Zehn Tage später treffen nach vierjähriger Abwesenheit die ersten Waffeninspekteure im Land ein. Am 21. Januar 2003 schließt Bundeskanzler Gerhard Schröder die Zustimmung zu einer den Krieg legitimierenden Resolution aus und wird dabei vom französischen Präsidenten Jacques Chirac unterstützt. Hans Blix und Mohamed ElBaradei legen dem Sicherheitsrat am 27. Januar einen weiteren Bericht über die Inspektionen vor, mit dem Ergebnis, dass sie keine Hinweise auf schwerwiegende Verstöße aufdecken konnten.[73] Am 30. Januar bekunden acht europäische Staaten in einem Brief an Präsident Bush die Unterstützung der USA, am 5. Februar folgen zehn weitere Staaten aus Osteuropa. Einen Tag darauf fordert Bush den UN-Sicherheitsrat auf, den Irak in einer weiteren Resolution zur Abrüstung zu zwingen. Andernfalls würden die USA gewaltsam mit ihren Verbündeten handeln. Nachdem Frankreich, Deutschland und Russland am 10. Februar einer Verstärkung der Waffenkontrollen zustimmen, einigen sich die Staats- und Regierungschefs der EU am 17. Februar in Brüssel darauf, dass Gewalt als letztes Mittel nun nicht mehr ausgeschlossen werden kann. Eine Woche danach legen die USA gemeinsam mit Spanien und Großbritannien dem UN-Sicherheitsrat eine Resolution zur Legalisierung des Krieges vor. Frankreich, Deutschland und Russland dagegen liefern ein von China unterstütztes Memorandum zur Intensivierung der Waffenkontrollen. Am 7. März erhält der Irak von den USA, Großbritannien und Spanien eine letzte Frist bis zum 17. März. Drei Tage später kündigen Frankreich und Russland ihr Veto gegen eine neue UN-Resolution zum Irak an.[74] Der Vorschlag von sechs Mitgliedern des Sicherheitsrates am 14. März, dem Irak noch einen Monat länger zur Abrüstung zu gewähren, scheitert am Widerstand der USA. Zwei Tage danach verlangt Bush bei einem Dreiergipfel mit Spanien und Großbritannien vom Sicherheitsrat, der neuen Resolution umgehend zuzustimmen und fordert die UN-Inspekteure noch am selben Tag auf, den Irak zu verlassen. Am 17. März ziehen die USA, Großbritannien und Spanien ihren Entwurf für eine zweite Irak-Resolution zurück. Bush stellt der irakischen Regierung das Ultimatum, nach dem Staatschef Saddam Hussein binnen 48 Stunden ins Exil gehen solle.[75] Im Falle einer Verweigerung würde er den Irak auch ohne UN-Mandat angreifen – worauf am 20. März britische und amerikanische Truppen in das Land einmarschieren.

So gibt es mehrere „fadenscheinige“ Begründungen von Präsident Bush für seine Militärintervention im Irak, angefangen mit der Entwaffnung, über eine Verbindung zur Terrororganisation al-Kaida, bis zum Regimewechsel und der Demokratisierung des Landes.[76]

Kaum eine Kriegsentscheidung wird jemals so frühzeitig und breit diskutiert wie die des Irak-Krieges im vergangenen Jahr. Von militärischen Vorbereitungen und Optionen sowie geschulten Journalisten mit modernsten Übertragungstechniken über die Reden der Politiker und der Propagandisten – die Weltöffentlichkeit wird auf die Auseinandersetzung eingestimmt.[77] Auch die deutsche Tagespresse trägt ihren Teil dazu bei, das Land auf einen Krieg vorzubereiten: RÜHL (2003) weist in der FAZ vom 10. Januar 2003 auf die Gefahr hin, dass „Massenvernichtungsmittel in unmittelbarer Nähe zum euro-atlantischen Sicherheitsraum aufgestellt werden können“ und das Europa in der Reichweite dieser Raketen läge.[78] Nahezu bedrohlich erscheint dann die Aussage, dass dem Auswärtigen Ausschuss des Bundestages mitgeteilt worden wäre, „der Irak verfüge über das Potential von Raketen, die bis Wien und München reichen könnten.“[79]

Die vorhergehende Verfolgung der Kriegsberichterstattung führt infolgedessen zu dem Eindruck, dass eine Vermeidung des Krieges außer Frage ist – obwohl sich die Tageszeitungen in den Monaten vor Kriegsbeginn nicht auf eine Befürwortung des Krieges festlegen, sondern eher den Grundtenor einer Ablehnung der Irak-Invasion zeigen.[80] Die FAZ schreibt am 6. Februar von einem „Widerwillen“, den Krieg zu bejahen nur aufgrund einiger Satellitenbilder, die vermeintliche Beweise über Massenvernichtungswaffen liefern sollen.[81] Gleichzeitig bleibt sie allerdings auch von den großen Friedensdemonstrationen im Land unbeeindruckt und kritisiert diese am 15. Februar mit den Worten: „Kurzsichtige Demonstranten marschieren für Schröder oder gegen Bush, weitsichtige aber protestieren gegen Saddam und zeigen, dass auch der sprichwörtliche Mann auf der Straße hinterhältige Diktatoren zum Teufel wünscht.“[82] Am heftigsten und bedrohlichsten bereitet die Bild-Zeitung die Öffentlichkeit auf den bevorstehenden Krieg vor und erreicht durch die Verwendung superlativer Äußerungen wie „Weltkrieg“ eine Bedeutungsaufladung, die bei der Leserschaft Gefühle von Angst und Bedrohung hervorruft. Sie schreibt am 18. März auf ihrer Titelseite: „Saddam droht mit Weltkrieg. Terror-Alarm in Deutschland.“[83] Die Option einer nicht-militärischen Konfliktlösung wird während des gesamten Zeitraumes grob vernachlässigt. Stattdessen werden im Vorfeld des Krieges die Strategien der Parteien in groß angelegten Berichten erläutert und so genannte „Experten“ diskutieren über Kriegs-Taktik, Waffensysteme und -arsenale sowie Truppenstärken. Die mediale Präsentation verstärkt dadurch schon im Vorfeld die reale Dramatik des politischen Verlaufs.

Wenn es um die Legitimierung des Krieges geht, stellt sich der Großteil der Tagespresse hinter die Entscheidung von Bundeskanzler Gerhard Schröder. Während die FAZ im Vorfeld Gegner und Befürworter des Krieges relativ ausgewogen zu Wort kommen lässt, konzentrieren sich die Stellungnahmen in der taz auf Meinungen der Kriegsgegner. In der FAZ spielen dabei weder Argumente für eine diplomatische Beilegung des Konfliktes noch Argumente dagegen eine nennenswerte Rolle, der Blickwinkel ist eingeschränkt und einseitig auf eine militärische Lösung fixiert.

Die Tagespresse berichtet also im Vorfeld des Krieges über Taktik und Strategie, über Luft- und Bodenkrieg, über Massenvernichtungswaffen und über Regime­wechsel. Was aber der amerikanische Militärschlag hunderttausenden Irakern antun wird, bleibt im Verborgenen. Nationale Sicherheit wird diskutiert – persönliche jedoch nicht.[84]

3.2 Der Irak-Krieg 2003 im Überblick

Der Irak-Krieg 2003, tituliert als „Operation Iraqi Freedom“, beginnt am 20. März 2003 mit dem ersten Luftangriff auf Bagdad als das Ultimatum, das US-Präsident George W. Bush seinem irakischen Widerpart Saddam Hussein für das Verlassen seines Landes gestellt hat, abgelaufen ist. Die Zeit der Bemühungen zwischen Deutschland, Frankreich, Russland und China, die den Krieg ablehnen, und den USA, Großbritannien und Spanien, die ihn befürworten, um eine diplomatische Lösung des Konfliktes ist nun vorbei.[85] Der Krieg wird somit ohne UN-Mandat und nach weit verbreiteter Auffassung im Widerspruch zum Völkerrecht eingeleitet. Donald Rumsfeld, US-Verteidigungsminister, nennt seine Strategie „Schock und Einschüchterung“.

Bei dem ersten groß angelegten Luftangriff werden diverse Regierungsgebäude sowie ein Palastkomplex Saddam Husseins getroffen.[86] Einen Tag nach Kriegsbeginn rücken alliierte Bodentruppen in den Irak vor und es kommt zu Kämpfen um die strategisch wichtigen Städte Umm Kasr sowie Basra.[87] Drei Tage darauf, am 24. März, bombardieren US-Streitkräfte Tikrit, die Geburtstadt Husseins. Auch die südirakische Stadt Nassirijah wird angeriffen. Am 25. März fällt die Hafenstadt Umm Kasr, nach britischen Angaben, in die Hände der Alliierten.[88] Am sechsten Kriegstag behindern schwere Sandstürme den Vormarsch alliierter Bodentruppen. Zu Beginn der zweiten Kriegswoche, am 28. März, erlebt Bagdad den schwersten Bombenhagel seit Kriegsbeginn, auch im Westirak werden schwere Bombenangriffe gemeldet. Immer wieder kommt es zu heftigem Widerstand der irakischen Truppen. Erstmals seit Kriegsbeginn sterben US-Soldaten am 29. März durch ein Selbstmordattentat im südirakischen Nadschaf.[89] Am elften Tag des Krieges, dem 30. März, fliegen die US-geführten Streitkräfte massive Luftangriffe gegen Bagdad, Basra und Mossul, die drei größten Städte des Landes. Am 31. März liefern sich amerikanische und britische Bodentruppen rund 100 Kilometer südlich von Bagdad erbitterte Kämpfe mit den irakischen Truppen. Auch Bagdad ist erneut Ziel schwerer Angriffe.[90] Am 1. April ruft Hussein die gesamte moslemische Welt zum „Heiligen Krieg“ gegen die USA und ihre Verbündeten auf.[91] Zu dieser Zeit befinden sich amerikanische Einheiten nur 30 Kilometer vor Bagdad. Vier Tage später rücken US-Panzereinheiten erstmals in die irakische Hauptstadt Bagdad vor, nachdem sie einen Tag zuvor den Flughafen Bagdads eingenommen haben.[92] Am 18. Kriegstag, den 6. April, haben die Truppen der Alliierten die Hauptstadt vollständig eingeschlossen. Massive Plünderungen geschehen in der Stadt, Krankenhäuser, Universitäten, Regierungs­gebäude und Geschäfte werden gewaltsam geräumt. Am darauf folgenden Tag dringen US-Soldaten in die Paläste Husseins ein. Der deutsche Focus-Redakteur, Christian Liebig, und ein ausländischer Kollege werden Opfer eines Raketenangriffes. Am 8. April stoßen US-Truppen aus drei Richtungen in die Hauptstadt vor und geben einen Tag darauf bekannt, Bagdad nun endgültig eingenommen zu haben.[93] An diesem Tag, den 9. April, wird die große Saddam-Statue im Zentrum der Hauptstadt gegenüber des Hotel Palestine von einem amerikanischen Panzer von ihrem Sockel gezogen, sorgfältig geplant von einer amerikanischen Werbeagentur (siehe Kapitel 4.5.4).[94]

Danach gehen die Kämpfe vor allem im Norden des Landes weiter und der Widerstand der irakischen Truppen wird zunehmend geringer. Am 11. April fallen nach Bagdad und Basra auch die Städte Mosul und die nordirakische Ölstadt Kirkuk. Zwei Tage danach ist auch die Geburtstadt Husseins, Tikrit, in der Gewalt der Alliierten.[95] Am 1. Mai 2003 erklärt Präsident Bush die „Hauptkampf­handlungen“ auf einem amerikanischen Flugzeugträger in „Top-Gun-Pose“ für beendet.[96]

[...]


[1] Vgl. Knott-Wolf, Brigitte (2001), S. 15.

[2] Vgl. Büttner, Christian/Gottberg, Joachim von/Metze-Mangold, Verena (2004), S. 7.

[3] Vgl. Knott-Wolf, Brigitte (2001), S. 15.

[4] Vgl. Kocks, Klaus/Merten, Klaus/Brickwedde-Stümpel, Katja/Wienand, Edith (2003), S. 18.

[5] Vgl. Müller, Harald (2004), S. 13.

[6] Vgl. Kunczik, Michael (1995), S. 90.

[7] Vgl. Reeb, Hans-Joachim (2003), www.ifdt.de/0302/Artikel/reeb.htm.

[8] Vgl. Jertz, Walter/Bockstette, Carsten (2004), S. 66.

[9] Vgl. Jertz, Walter/Bockstette, Carsten (2004), S. 66.

[10] Vgl. Quasthoff, Uta (1973), S. 21.

[11] Vgl. Lippmann, Walter (1990), S. 71f.

[12] Spillmann, Kurt/Spillmann, Kati (1989), S. 25.

[13] Hedwig Vollmer, Gabriele Charlotte (1994), S. 83.

[14] dtv Lexikon (1992), S. 234.

[15] Vgl. Hedwig Vollmer, Gabriele Charlotte (1994), S. 93.

[16] Vgl. ebd., S. 94.

[17] Vgl. Müller, Harald (2004), S. 23.

[18] Vgl. Philipp, Peter (2001), S. 63.

[19] Vgl. Jackob, Nikolaus (2003), S. 14.

[20] Vgl. Krempl, Stefan (2004), S. 53.

[21] Vgl. Kunczik, Michael (1995), S. 87.

[22] Vgl. De Weck, Roger (2003), Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 65, 18.03.2003, S. 41.

[23] Vgl. Foggensteiner, Alexander (1993), S. 58.

[24] Vgl. Frohloff, Astrid (2004), S. 39 sowie Krempl, Stefan (2004), S. 53.

[25] Vgl. Knott-Wolf, Brigitte (2001), S. 19.

[26] Vgl. Krotz, Friedrich (2002), S. 20.

[27] Vgl. Müller, Harald (2004), S. 24.

[28] Steffens, Manfred (1971), S. 9.

[29] Vgl. Gleich, Ulli (2003), S. 141.

[30] Merten, Klaus (2003), S. 75.

[31] Vgl. Papendieck, Hans-Anton (1997), S. 20.

[32] Vgl. Reeb, Hans-Joachim (2002), S. 19.

[33] Allerdings ist die Dominanz des Irak-Krieges 2003 unter den sog. Nachrichtenwerten nur begrenzt zu verstehen, denn zum einen kam der Krieg nicht überraschend und zum anderen waren keine deutschen Soldaten beteiligt. Zwar wurden deutsche Interessen bei der Frage um globale Sicherheit und Öl tangiert, die Hintergründe wurden jedoch nicht thematisiert. Des Weiteren war die Faktenlage begrenzt, so dass das starke Medieninteresse vor allem auf die Faszination und den Unterhaltungswert des Krieges zurückgeführt werden kann. Vgl. Rettich, Markus (2003), S. 121.

[34] Vgl. Löffelholz, Martin (1993), S. 19.

[35] Vgl. Beham, Mira (1996), S. 81.

[36] Vgl. Dominikowski, Thomas (1993), S. 44.

[37] Vgl. ebd., S. 33.

[38] Vgl. Hörburger, Christian (2004), S. 31.

[39] Vgl. Knott-Wolf, Brigitte (2001), S. 28f.

[40] Vgl. Schrader Gunther (2002), S. 50.

[41] Vgl. Beham, Mira (1996), S. 93f.

[42] Vgl. ebd., S. 96.

[43] Vgl. Thrall, Trevor A. (2000), S. 5.

[44] Vgl. Schrader Gunther (2002), S. 51.

[45] Vgl. Kassel, Susanne (2003), S. 9.

[46] Vgl. Kaiser, Ulrike (1991), S. 15.

[47] Vgl. Hallin, Daniel C. (1986), S. 207.

[48] Vgl. Bauer, Elisabeth (1991), S. 24.

[49] Vgl. Bentele, Günter (1993), S. 135.

[50] Vgl. Kempf, Wilhelm (1994), S. 1.

[51] Vgl. ebd., S. 8.

[52] Vgl. Gödde, Ralf (1992), S. 278.

[53] Vgl. Bussemer, Thymian (1999), S. 2.

[54] Vgl. Gödde, Ralf (1992), S. 273f.

[55] Vgl. Schrader Gunther (2002), S. 51.

[56] Katz, Elihu zitiert nach Beham, Mira (1996), S. 108.

[57] Gödde, Ralf (1992), S. 270.

[58] Vgl. Lehmann, Ingrid (2004), S. 165.

[59] Vgl. Spasovska, Verica (2001), S. 123.

[60] Vgl. Wolf, Fritz (2001), S. 89.

[61] Vgl. Heinelt, Peer (2003), S. 520.

[62] Vgl. ebd, S. 521.

[63] Vgl. Knott-Wolf, Brigitte (2001), S. 20.

[64] Vgl. Löffelholz, Martin (2001), S. 32f.

[65] Vgl. Spasovska, Verica (2001), S. 123.

[66] Vgl. Meyn, Hermann (2001), S. 111.

[67] Clark, Wesley zitiert nach Bütler, Hugo (2003), S. 1.

[68] Die Vorgeschichte der jüngsten Auseinandersetzungen reicht zurück bis zum Zerfall des Osmanischen Reiches im ersten Weltkrieg, was jedoch den Rahmen dieses Teilkapitels übersteigen würde. Aus diesem Grund werden nur die unmittelbar vorhergehenden Ereignisse Erwähnung finden.

[69] Bush, George W. (2002), www.whitehouse.gov/news/releases/2002/01/20020129-11.html.

[70] Vgl. Münkler, Herfried (2003), S. 29f.

[71] Vgl. Müller, Harald (2004), S. 17.

[72] Vgl. Haller, Michael (2003), S. 11.

[73] Vgl. o.V. (2003a), www.3sat.de/nano/astuecke/44887/.

[74] Vgl. o.V. (2003a), www.3sat.de/nano/astuecke/44887/.

[75] Vgl. ebd.

[76] Vgl. Mangold, Ijoma (2003), S. 158.

[77] Vgl. Calließ, Jörg/Raue,Stefan (2004), S. 201.

[78] Rühl, Lothar (2003), Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 8, 10.01.2003, S. 12.

[79] Carstens, P./Bannas, G. (2003), Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 25, 31.01.2003, S. 2.

[80] Vgl. Carlin, Michael (2003), S. 27f.

[81] Vgl. Frankenberger, Klaus-Dieter (2003), Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 31, 06.02.2003, S. 1.

[82] Vgl. Hefty, Georg-Paul (2003), Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 39, 15.02.2003, S. 1.

[83] Vgl. o.V. (2003a), Bild, Nr. 65/12, 18.03.2003, S. 1.

[84] Vgl. Zinn, Howard (2003), S. 7.

[85] Vgl. Münkler, Herfried (2003), S. 20.

[86] Vgl. o.V. (2003b), www.uni-kassel.de/fb10/frieden/regionen/Irak/Chronik/03-03b.html.

[87] Vgl. Heist, Johanna (2003), www.hls.sha.bw.schule.de/konflikt/irak/irak2d2.htm.

[88] Vgl. o.V. (2003b), www.uni-kassel.de/fb10/frieden/regionen/Irak/Chronik/03-03b.html.

[89] Vgl. Heist, Johanna (2003), www.hls.sha.bw.schule.de/konflikt/irak/irak2d2.htm.

[90] Vgl. o.V. (2003c), www.uni-kassel.de/fb10/frieden/regionen/Irak/Chronik/03-03c.html.

[91] Vgl. Heist, Johanna (2003), www.hls.sha.bw.schule.de/konflikt/irak/irak2d2.htm.

[92] Vgl. o.V. (2003d), www.uni-kassel.de/fb10/frieden/regionen/Irak/Chronik/03-04a.html.

[93] Vgl. Heist, Johanna (2003), www.hls.sha.bw.schule.de/konflikt/irak/irak2d2.htm.

[94] Vgl. Ilsemann, Siegesmund von (2003), S. 81.

[95] Vgl. Heist, Johanna (2003), www.hls.sha.bw.schule.de/konflikt/irak/irak2d2.htm.

[96] Vgl. Ilsemann, Siegesmund von (2003), S. 81 sowie Schicha, Christian (2004), S. 21.

Details

Seiten
131
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638333542
Dateigröße
1.5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v32696
Institution / Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen – Medien und Kommunikation
Note
1,7
Schlagworte
Charakteristik Kritik Kriegsberichterstattung Tagespresse Irak-Krieg

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Titel: Charakteristik und Kritik der Kriegsberichterstattung in der deutschen Tagespresse zum Irak-Krieg 2003