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Kinder und Frauen in den neuen Kriegen. Entgrenzte Gewalt und die Chancen neuerlicher Eingrenzung

Essay 2004 11 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Frieden und Konflikte, Sicherheit

Leseprobe

Inhalt:

1. Einleitung:

2. Sexuelle Gewalt gegen Frauen:

3. Kinder in den neuen Kriegen:

4. Schluss:

5. Litratur:

1. Einleitung:

Die neuen Kriege sind gekennzeichnet von einem Verschwimmen der Grenzen zwischen Krieg als politisch motivierter Gewaltanwendung zwischen Staaten oder organisierten Gruppen, organisiertem Verbrechen, bei dem die private finanzielle Bereicherung im Vordergrund steht, und massiven Menschenrechtsverletzungen, also Gewalttaten, die von den jeweiligen Kriegsakteuren hauptsächlich gegen die Zivilbevölkerung begangen werden. Sowohl um ein politisches Ziel zu erreichen, sofern dies überhaupt im Interesse des Akteurs liegt, als auch die Kriegführung aus rein unternehmerischen Interessen, indem sich Warlords und Kriegsherren ethische Unterschiede und verschiedene Identitäten zu nutzen machen, um einen Konflikt zu rechtfertigen und zu provozieren, vermeiden eine Konfrontation auf dem Schlachtfeld, die lang- oder kurzfristig eine Kriegsentscheidung herbeiführen würde. Vielmehr bedienen sie sich der Taktiken des Guerillakrieges ebenso wie der des Anti-Guerillakampfes. Letzteres dient dazu, die Bevölkerung in Angst und Schrecken zu versetzen und somit politisch zu kontrollieren. Quellen der Finanzierung dieser Konflikte sind nicht mehr Steuern und Abgaben der Bevölkerung, sondern speisen sich hauptsächlich aus illegalem Handel mit Waffen, Drogen oder wertvollen Rohstoffen der Regionen wie Öl, Diamanten oder Metalle. Der Zugang zu diesen Ressourcen wird durch Gewalt gesichert, sodass sich eine eigene Kriegslogik in die Wirtschaft einbaut.

Kinder und Frauen in den neuen Kriegen verdienen eine besonders aufmerksame Betrachtung. Denn ihnen wird eine spezielle, unfreiwillige Rolle in den Gewaltkonflikten zuteil. Frauen sind Opfer einer Strategie der Gewaltanwendung zum einen, Kinder kostengünstige Gewaltanwender zum anderen. In Ruanda wurden zwischen 250.000 und 500.000 Frauen während des Genozids 1994 vergewaltigt. In Bosnien und Herzegowina wurden während des fünfjährigen Konfliktes alleine im Jahre 1992 20.000 - 50.000 Frauen vergewaltigt (Amnesty International). Diese Zahlen zeigen eindeutig, dass es sich nicht um ein beiläufiges Phänomen handelt. Die Vergewaltigung von Frauen ist in den neuen Kriegen wieder ein Mittel der Gewaltanwendung geworden, wo doch seit dem 18. Jahrhundert Gewalt gegen Frauen als Kriegsverbrechen mit hohen Strafen geahndet wird. Jedoch findet sich in den Konfliktgebieten meist niemand, der bereit oder fähig wäre rechtliche Sanktion durchzusetzen. Denn staatliche Akteure sind oft nicht vorhanden, oder, falls doch, verfügen sie nicht über die nötigen Mittel um Recht durchzusetzen, wenn sie überhaupt ein Interesse daran haben. Ähnliches gilt für den Einsatz von Kindersoldaten. Nach Schätzungen der UN wird alleine in Afrika die Zahl der unter Waffen stehenden Kinder auf 120000 geschätzt. Weltweit sollen es mehr als 300000 sein. Genaue Zahlen kennt allerdings niemand, denn viele der Kinder wachsen während der lange andauernden Konflikte aus dem Kindesalter heraus. Andere sterben, Neue kommen hinzu, ohne dass es jemand registriert. Zwischen 1990 und 2000 sollen zwei Millionen Kindersoldaten gefallen sein, sechs Millionen wurden zu Invaliden, zehn Millionen leiden unter schweren seelischen Schäden (UNHCR). Hinter dem Einsatz von Kindern in bewaffneten Gewaltkonflikten steht weniger eine Strategie, als vielmehr eine Kosten-Nutzen-Rechnung der jeweiligen Kriegsherren. Denn Kinder sind leicht verfügbar. Die Motive ihrer Teilnahme an Kriegen sind unterschiedlicher Natur. Es lässt sich zwischen Zwang und relativer Freiwilligkeit unterscheiden. Fest steht allerdings, dass das Gewaltpotential in den neuen Kriegen durch die Teilnahme von Kindersoldaten um ein Vielfaches gestiegen ist. Sie sind hemmungsloser in der Gewaltanwendung und kennen keine Rücksicht gegenüber Wehrlosen. Grund dafür ist vor allem die Logik der bewaffneten Konflikte selbst und das Verhalten der daran beteiligten Akteure. Es handelt sich häufig um eine Gewaltökonomie, das heißt, der Krieg wird als Lebensgrundlage und maßgeblicher Wirtschaftsfaktor betrieben. Die beteiligten Kämpfer werden nicht bezahlt, sondern müssen sich selbst versorgen und gehen mit aller Gewalt gegen Zivilisten vor, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Und nicht nur die Chance zum Überleben wird durch die Waffe wahrgenommen, sondern die Aneignung sonst unerreichbarer Güter gehört ebenso dazu.

2. Sexuelle Gewalt gegen Frauen:

Grundsätzlich lassen sich zwei Gründe für die sexuelle Gewalt gegen Frauen in den neuen Kriegen, beziehungsweise innerhalb von bewaffneten Konflikten, festhalten. Zum einen dient die Vergewaltigung besonders von Mädchen und jungen Frauen als Kriegsstrategie, die zum Inhalt hat, gesellschaftliche Strukturen zu zerstören. Denn in vielen traditionellen Gemeinschaften fallen diese, bis an ihr Lebensende gebrandmarkten Frauen, als Ehepartnerinnen und Mütter aus. Die gesicherte Reproduktionsfähigkeit einer Gemeinschaft, die in hohem Maße von der Frau abhängt, soll so zerstört werden:

„Sie führten alle Frauen und Mädchen in einen anderen Raum und fingen mit meiner 14-jährigen Tochter an. Sie weinte und flehte sie an, es nicht zu tun, weil sie noch Jungfrau sei. Aber einer der Männer bedrohte sie mit seiner Pistole und sagte, dass er sie töten würde, wenn sie sich nicht ausziehen würde. Sie wurde drei Mal vergewaltigt. Der Kommandeur vergewaltigte sie zwei Mal und ein anderer Soldat vergewaltigte sie ein Mal. Dann gingen die Zwei, die drin waren, nach draußen und die Drei, die draußen waren kamen herein und zwangen mich als Nächste. Ich wurde fünf Mal vergewaltigt. Dann... versuchten sie meine 12-jährige Tochter zu vergewaltigen. Aber, ich versuchte sie davon abzuhalten, indem ich sie fest hielt während sie weiter versuchten sie zu schlagen. Wir weinten und sagten, dass wir arme Menschen seien, ohne Feinde. Warum tun sie uns diese Sachen an? Der Kommandeur sagte, „es ist unsere Wahl. Ihr seid Talib (ein Mitglied der Taliban) und ihr seid Paschtunen.“ Ich mache mir Sorgen um die Zukunft meiner Töchter. Niemand wird meine Töchter heiraten. Es bleibt uns nichts mehr; Heirat und Ehre sind verloren.“ (http://www.hrw.org)

Eine andere oder weitere Absicht der Peiniger ist die Zerstörung des Selbstwertgefühls der Männer verheirateter Frauen und des Selbstbehauptungswillens sowohl der Männer als auch der Frauen. Verbliebene Illusionen von Macht und Besitz sollen restlos genommen werden. Deutliches Merkmal dieser Absicht sind die vielen Vergewaltigungen auf öffentlichen Plätzen oder aber zumindest in Anwesenheit des Mannes (Münkler, Die neuen Kriege S. 149).

Ziel dieser Vorgehensweisen ist die Vertreibung bestimmter Volksgruppen bei gleichzeitigem Verzicht auf einen Genozid, der unter Umständen benachbarte Staaten zum Eingreifen veranlassen würde oder, über den Umweg der Medienberichterstattung, sogar eine internationale Friedensmission „provozierte“, oder zumindest den Versuch von Sanktionen gegenüber dem Hauptakteur, soweit dieser überhaupt zu sanktionieren wäre. Somit wird das Mittel der sexuellen Gewalt, also der Schändung der weiblichen Bevölkerung, zu einem wesentlichen Merkmal einer Vertreibungsstrategie in bewaffneten Konflikten. Weitere Merkmale sind: die Exekution der politisch kulturellen Führungspersonen und eventueller Widerstandskämpfer sowie die Zerstörung kultureller Denkmale und sakraler Gebäude (Münkler: S.146). Frauen werden zum wichtigsten Angriffziel in einem bewaffneten Konflikt, da ihre Schändung ein effizientes und wirtschaftliches Instrument zum Erreichen eines angestrebten Zieles ist. Das klassische Schlachtfeld spielt in den neuen Kriegen nicht länger eine Rolle, sondern wird vielmehr von der massiven Gewaltanwendung gegen die Zivilbevölkerung ersetzt. Diese ist Ergebnis einer konkreten und kalkulierten Planung der jeweiligen Kriegsherren und ist wohl am ehesten einer politisch motivierten Zielsetzung zuzuschreiben. Mary Kaldor bezeichnet dieses als „Politik der Identität“ (Mary Kaldor: Neue und alte Kriege S.15 f.), deren Machtanspruch sich im Gegensatz zu klassischen zwischenstaatlichen Kriegen nicht mehr auf die Durchsetzung einer bestimmten Vision von Gesellschaft konzentriert. Sie beruht auf dem „Machtanspruch auf der Grundlage von Etiketten“, die keine konkrete Vorstellung des politischen oder sozialen Wandels beinhaltet, sondern diffus bleibt.

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Details

Seiten
11
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638332392
ISBN (Buch)
9783638761321
Dateigröße
418 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v32549
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – ISW
Note
1,0
Schlagworte
Kinder Frauen Kriegen Entgrenzte Gewalt Chancen Eingrenzung Neue Kriege Asymmetrie Kommerzialisierung Staatszerfall

Autor

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Titel: Kinder und Frauen in den neuen Kriegen. Entgrenzte Gewalt und die Chancen neuerlicher Eingrenzung