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Intermedialität. Ein termine ombrello?

Essay 2011 8 Seiten

Germanistik - Sonstiges

Leseprobe

Der Begriff der Intermedialität ist ein stark diskutierter Begriff in der Forschung, welcher sich über die Jahre verändert und in den letzten 20 Jahren in verschiedenen Disziplinen wichtige Bedeutung erlangt hat. Inzwischen ist er fester Bestandteil in Nachschlagewerken, Lexika und in Einführungen, vor allem der Medienwissenschaft. Man findet ihn in einschlägigen Werken wie in der Einführung in die Medienwissenschaften von Knut Hickethier, in Helmut Schanzes Handbuch der Mediengeschichte oder auch im Metzler Lexikon Literatur. So scheint es auf den ersten Blick, als gäbe es eine eindeutige Definition des Intermedialitätsbegriffs, die sich in der Forschung durchgesetzt hätte. Demnach wäre er heutzutage – wie von Irina O. Rajewsky bezeichnet – kein „termine ombrello[1] mehr, also kein Begriff mehr, der durch unterschiedliche Bedeutungen und Theorieentwürfe geprägt ist. Ein Begriff, der schon seit Jahrzehnten diskutiert wird, hätte nun also seine Definition gefunden? Doch wie Jürgen E. Müller anmerkt, sollte man diesen „Suchbegriff“[2], der in Mode geraten ist, mit einer gewissen Distanzierung entgegentreten und ihn immer noch in einem Entwicklungsprozess sehen. Auch heute noch steht die Intermedialitätsforschung im Schatten der Literaturwissenschaft, die sich vor allem mit dem Begriff der Intertextualität beschäftigt. Müller zufolge nimmt der Begriff in verschiedenen Kontexten unterschiedliche Bedeutungen an,[3] so dass er sich immer verändert. Heutzutage bieten sich immer mehr Möglichkeiten für intermediale Prozesse, wodurch sie eine immer größere Komplexität entwickeln. Dies liegt unter anderem an den wachsenden Kombinationsmöglichkeiten von Medien.

Um den Begriff der Intermedialität genauer betrachten zu können, ist es sinnvoll, den Begriff des Mediums beziehungsweise der Medien zunächst zu benennen. Doch schon hierbei zeigen sich einige Schwierigkeiten: Im Laufe der Begriffsentwicklung hat sich die Bedeutung fortwährend verändert und stellt heutzutage einen schwammigen Begriff da. Alltag, Medienpraxis und die Wissenschaften verwenden den Begriff der Medien unterschiedlich.

Der vieldeutige Gebrauch des Begriffs ‚Medium’ resultiert zum einem aus der Mehrdimensionalität und Komplexität des Gegenstandsbereichs und zum anderen daraus, dass die Wissenschaften unterschiedliche Interessen und Fragestellungen verfolgen und deshalb den Begriff verschieden ‚konzeptionalisieren’.[4]

Beim kommunikationsorientierten Medienbegriff wird nach Hickethier beispielsweise zwischen informellen und formellen Medien unterschieden. Bei informellen Medien handelt es sich unter anderem um natürliche Verständigungssysteme (Sprache) oder künstlerische Gestaltungsbereiche (Literatur, Musik). Diese sind durch Konventionen bestimmt, welche in einer Kultur tradiert werden. Briefpost, Telefon, Fernsehen, Radio, Presse oder Kino sind hingegen auf manifeste Weise in gesellschaftlichen Institutionen organisiert und zählen so zu den formellen Medien.[5]

Medien lassen sich Hickethier zufolge vier verschiedenen Funktionsweisen zuweisen. Eine der Funktionen ist die Erweiterung und Steigerung der menschlichen Sinnesorgane durch Medien der Beobachtung, wie Brillen, Ferngläser oder Megafone. Medien der Speicherung und Bearbeitung dienen dazu, Informationen aufzuzeichnen, aufzuschreiben und sie zu einem späteren Zeitpunkt zur Verfügung zu stellen. Zu den etwas älteren Medien zählen Grammofone, Filme oder Kameras und zu den neueren CDs, DVDs oder Festplatten. Informationen, Botschaften, Inhalten oder Informationen können durch Medien der Übertragung weitergeleitet werden (Kurierdienste, Brieftauben, Telegrafensystem, Kabelnetze, Satellitenübertragungssysteme). Eine weitere wichtige Funktion ist die Kommunikation. Durch Medien ist auf eine strukturierte Weise Kommunikation möglich. Medien der Kommunikation kombinieren auch die anderen beschriebenen Funktionen.[6]

An den unterschiedlichen Arten und Funktionen von Medien wird deutlich, dass Medien zwei voneinander getrennte Pole miteinander in Beziehung setzen: Sendenden und Empfangenden.[7] Beispielsweise möchte der*die Sendende per Computer eine E-Mail an eine*n Empfänger*in senden. Dabei sind der Computer der*s Sendenden und der des Empfangenden ein Medium, ebenfalls aber auch die E-Mails selbst.

Wie sich zeigt ist es schwierig den Begriff des Mediums genau zu definieren und daher auch den Begriff der Intermedialität, der sich auf Medien bezieht. Bezüglich der Intermedialität ist der Gedanke Rajewskys interessant, dass das Verständnis von Medien nicht auf einer rein technisch-materiellen Definition von einem Übertragungskanal von Informationen liegen muss, sondern auf ein konventionell als distinkt angesehenes Kommunikationsdispositiv.[8] Dies erlaubt es, „sowohl z. B. die Literatur, die nur ein semiotisches System verwendet, als auch den Film, der mehrere semiotische Systeme verwendet, die ihrerseits wiederum anderen Medien zuzuordnen sind, jeweils als ‚(Einzel-) Medien’ zu definieren“[9].

Wie bei der Beschreibung von Medien, wird ebenso beim Begriff der Intermedialität eine Vielzahl von heterogenen Phänomenen zusammengefasst. Einige können als Subkategorien der Intermedialität gesehen werden, andere auch als gleichwertige Kategorie. Dazu zählen beispielweise Multimedialität, Poly- oder Plurimedialität, Transmedialiät, Medienwechsel, Medientransfer, mediale Transformationen oder Begriffe wie Ekphrasis, Verfilmung, Adaption, Klangkunst oder Hyperfiction.[10]

Betrachtet man den Begriff der Intermedialität wissenschaftshistorisch, sind vor allem zwei Forschungsstränge ausschlaggebend: Zum einen die Komparatistik, aus der sich die Teildisziplin der interart(s) studies herausgebildet hat, die sich mit den Wechselbeziehungen zwischen Literatur, bildender Kunst und Musik auseinandersetzt. Ebenso spielen die Medienwissenschaften eine wichtige Rolle. Diesbezüglich sind vor allem die Anfänge in den 1940ern und 1960ern ausschlaggebend, als damit begonnen wurde, sich mit den Gemeinsamkeiten und der Verbindung von Literatur und Film auseinanderzusetzen. Später wurden diese Überlegungen insbesondere von Literaturwissenschaftler*innen aufgegriffen, als audiovisuelle Medien als Verbreitungs- und Kontaktmedium der Literatur präsenter wurden. Durchgesetzt hat sich der Begriff Intermedialität in den Medienwissenschaften Anfang der 1990er und bezeichnete damals Aspekte wie Film und Literatur sowie filmische Schreibweise. Seit Mitte der 1990er findet der Begriff in dieser Disziplin große Verbreitung. Erst Anfang der 2000er tritt er auch vereinzelt in den interart studies auf.[11]

[...]


[1] Rajewsky, Irina O.: Intermedialität. Tübingen, Basel: Francke. 2001. S. 6.

[2] Müller, Jürgen W.: Intermedialität und Medienhistoriographie. In: Intermedialität

Analog/Digital. Theorien – Methoden – Analysen. München: W. Fink. 2008. S. 31-46. S. 31.

[3] Vgl. Ebd.

[4] Hickethier, Knut: Einführung in die Medienwissenschaft. Stuttgart, Weimar: J. B. Metzler. S. 18.

[5] Vgl. Ebd.

[6] Vgl. Ebd.

[7] Vgl. Münker, Stefan: Was ist ein Medium? Ein philosophischer Beitrag zu einer medientheoretischen Debatte. In: Was ist ein Medium?. Hg v. Stefan Müller, Alexander Röesler. Frankfurt am Main. Suhrkamp. S. 322-337.

[8] Vgl. Wolf, Werner: Intermedialität – ein weites Feld und eine Herausforderung für die Literaturwissenschaft. In: Herbert Foltinek, Christoph Leitgeb: Literaturwissenschaft – intermedial, interdisziplinär. Wien: Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. 2002. S. 13-34.

[9] Rajewsky – Intermedialität. 2001. S. 7.

[10] Vgl. Ebd.

[11] Vgl. Ebd.

Details

Seiten
8
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783668232846
ISBN (Buch)
9783668232853
Dateigröße
508 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v324204
Institution / Hochschule
Universität Paderborn
Note
1,3
Schlagworte
intermedialität

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