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Widerstandsutopien in der Jugendliteratur am Beispiel von Suzanne Collins „Tribute von Panem“

Widerstand und Zivilcourage gegen repressive Regierungssysteme

von Selina Frech

Seminararbeit 2015 23 Seiten

Amerikanistik - Literatur

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Zusammenfassung der Handlung
2.1 Zerfall der alten Welt und Aufbau einer neuen Ordnung
2.2 Katniss als Wiederbelebung einer Revolution

3. Klärung der Umstände des Widerstandes und dessen Ablauf
3.1 Wichtige symbolische Akte und Gegenstände
3.2 Taktik und Ziele der Widerstandsbewegung
3.3 Maßnahmen des Kapitol zur Unterdrückung und Erstickung von Widerstand
3.4 Die wichtigsten Persönlichkeiten hinter der Widerstandsbewegung

4. Die essenzielle Rolle der Katniss Everdeen im Aufstand der vom Kapitol unterdrückten Distrikte
4.1 Katniss Charakter im Kontrast zu der Gesellschaft des Kapitols
4.2 Katniss Instrumentalisierung als Spielfigur des Kapitols
4.3 Katniss Instrumentalisierung als Spielfigur der Revolution

5. Fazit

6. Quellen und Literaturverzeichnis
6.1 Primärquellen
6.2 Sekundärquellen
6.3 Internetquellen

7. Anhang

1. Einleitung

Das Widerstreben bzw. Weigern in einer beliebigen Situation gegen die gegebenen Umstände, mitsamt Forderung nach einem Neuordnungskonzept oder der Wiederherstellung einer alten Ordnung, wird mit dem geläufigen Begriff Widerstand verbunden. „Das Wort »widerstehen« ist im Deutschen zunächst nicht mit der Vorstellung eines »Rechts« verbunden, es bedeutet »„standhalten«, »entgegensetzten« und demgemäß heißt »Widerstand« vor allem »Weigerung«, »widerstreben«.“1 Dieses Phänomen kann in jeder erdenklichen Alltagssituation, sowohl im physikalischen Sinne als auch im moralischen, auftreten. Der Vorgang des „sich weigern etwas zu tun“ ist dabei eine natürliche Verhaltensweise, die auch bei Tieren, im Sinne des Überlebensdranges, zu beobachten ist. Wirklich komplex erscheint der Begriff „Widerstand“ jedoch erst, wenn man sich auf das menschliche Verhalten konzentriert, sich von der Frage löst, „Was Widerstand sei“ und beginnt, den Zusammenhang zwischen dem Motiv des Widerstandleistenden und dessen Antriebskraft zu betrachten. Denn ganz offensichtlich ist die Tierwelt, in Sachen Instinkte und natürlicher Intuition, dem Menschen überlegen, da diese auf eine biologische Nische bereits vorgeprägt wurde, währenddessen der Mensch dies verlernt hat und seine erst neu erschaffen muss. Das Tier strebt danach zu überleben - doch wonach strebt der Mensch? Wer den Begriff Widerstand definieren möchte, muss zunächst auch eine Antwort darauf finden. Denn was heißt Widerstand zu leisten anderes als nach etwas zu streben? Für den Menschen bedeutet Widerstand, mehr als eine Überlebensstrategie, für den Menschen zählt nicht nur das Leben, sondern vor allem auch die Lebensqualität. Er reflektiert kritisch seine Vergangenheit und erwartet viel von der Zukunft. Er zieht Bilanz zwischen guten und schlechten Dingen, wobei er sich die Freiheit heraus nimmt, seinen eigenen Maßstab anzusetzen oder einfach die seines sozialen Umfeldes zu kopieren. Der Mensch denkt und denkt zu verstehen, aber im Großen und Ganzen sieht er doch ein, dass er weit von einer vollkommenen Wahrheit entfernt bleibt. Er ist maßlos und unermüdlich strebsam, obwohl er sein eigene geistige und körperliche Endlichkeit nicht leugnen kann. Wonach strebt der Mensch also, wenn er sich der Vergänglichkeit des Glücks doch bewusst ist? Wie allgemein ist dies überhaupt zu formulieren, unter dem Aspekt der Individualität eines jeden Menschen? Gibt es eine allgemein gültige Antwort, eine Erklärung, die sich mit unseren natürlichen Trieben begründen lässt? Oder ist es eine Frage, deren Antwort jeder einzelne unter uns für sich selbst finden muss? In Bezug zu dem Begriff „Widerstand“ genügt es zunächst, den Ansatz so zu formulieren: Der Mensch strebt nach einem Zustand, der nach seinen erlernten Maßstäben und Werten, für ihn oder auch mehrere seiner Spezies, die höhere Lebensqualität verspricht. Dieser Zustand kann auch ein Synonym des Glückes sein. Hier sind zum Beispiel die Verfassungen eines Staates als Beispiel anzuführen, da diese bereits früh versuchten eine menschenrechtsähnliche Basis für ihre Bevölkerung zu gewährleisten. „Schon 624 v. Chr. wurde im antiken Athen die willkürliche Rechtsprechung eingeschränkt. Seit dem 6. Jahrhundert wurde allen Bürgern politische Mitsprache ermöglicht, zunächst nach Besitz abgestuft. Ausgenommen waren aber alle Einwohner ohne Bürgerrechte (z.B. die Sklaven und Frauen), mithin die Mehrheit der Bevölkerung.“1 Heutzutage gibt es, aufgrund globaler Vergleichsmöglichkeiten, alle in Konkurrenz stehend, Lebenswahrheiten, Glaubensrichtlinien und Pläne, die zu einem vermeintlichen Glück führen sollen, sich aber auch durchaus voneinander abgrenzen, teilweise sogar widersprechen, im Überschuss. Nach was der Mensch also strebt, ist jedem einzelnen selbst überlassen, wobei man davon ausgehen muss, dass es eine gewisse Grundprägung, von dem sozialen Umfeld ausgehend, gab und gibt. Die Frage, die bleibt, ist, kann der Mensch darüber eine Aussage treffen, was für ihn die Wahrheit des Glücks bedeutet? Kann er differenzieren zwischen seiner Wahrheit und der seines Nachbarn? Und selbst wenn er dazu fähig wäre, wie muss er sich dann in einer Lebensgemeinschaft mit anderen Menschen, die an andere Werte glauben, verhalten. Der Mensch befindet sich im ewigen Zwiespalt zwischen der Gesellschaft in der er lebt, und seiner eigenen Individualität. Er benötigt beides, und doch hat er ständig Entscheidungen zu treffen, in denen er sich für das eine und zum Schaden des anderen entschließt. Aber auch das bedeutet Widerstand leisten - Fehler zu machen und gemachte Fehler wieder zum Guten wenden zu wollen. Opfer bringen, zum eigenen oder zum Nutzen des 'großen Ganzen'. Doch sobald man sich aus seinem eigenen, Sandkorn großen, Spektrum entfernt und versucht auch nur Annäherungen an eine Aussage über das Wohl einer Gemeinschaft zu treffen, ist der Mensch nicht mehr fähig mit seinem Verstand über richtig und falsch zu urteilen. Der Mensch scheitert, jedoch geht er davon aus, dass er lernfähig ist, und es somit nur noch einmal (oder auch unzählige weitere Male) versuchen muss, um es das nächste Mal 'richtig' zu machen. Es lässt sich erneut erkennen, dass der Mensch nicht damit zufrieden ist nur am Leben zu bleiben und seine biologische Art zu erhalten. Er strebt nach einer Weiterentwicklung, ist nie mit einem Zustand, sondern nur kurzfristig mit dem Fortschritt zufrieden. Die meisten, leitet nicht nur der Glaube an das Bessere, sondern auch die Hoffnung, die den unerbittlichen Glauben erst erträglich macht, dass dieser 'bessere' Zustand überhaupt erreicht werden kann. In dem Jugendroman „Tribute von Panem“ werden genau diese Themen, verkörpert durch die Protagonistin Katniss Everdeen, ausführlich dargestellt und an diesem Menschenleben, bis zum Extremum, theoretisch ausgetestet. Bis zum Ende bleibt die Frage offen, ob Katniss an ihrem Schicksal scheitern wird, oder ob es sich gelohnt hat dem Glauben an ein besseres Morgen zu folgen und unter Einsatz des eigenen Lebens und allem was einem am Herzen liegt, dafür zu kämpfen. Wird die flammende Hoffnung, am Ende wirklich in eine Zukunft führen, die alle Opfer der Vergangenheit aufwiegt? Wird der Akt des Widerstand leisten wirklich so viel Gewinn erbringen, dass all die Verluste an Menschenleben gerechtfertigt sein werden? Der Mensch möchte eben nicht nur mitspielen, er möchte gewinnen - auch wenn er den Preis nicht kennt.

2. Zusammenfassung der Handlung

2.1 Zerfall der alten Welt und Aufbau einer neuen Ordnung

Am Anfang des Romans „Tribute von Panem: Tödliche Spiele (Band 1)“ steht die Zerstörung der uns heute bekannten Erde. Die Umstände, die dazu geführt haben, werden dem Leser zwar erst in den folgenden Büchern eingestreut erläutert, jedoch bleiben tiefgreifendere Hintergrundinformationen offen. Dies könnte ein Zeichen dafür sein, dass Suzanne Collins keine Schreckensvision unserer Zukunft vermitteln möchte, sondern einen eingehenden Aufruf, dass es unter keinen Umständen jemals zu einer derartigen Situation kommen darf. So nimmt sich die Autorin in den Gründen, die zu dem eskalierenden Konflikt geführt haben, zurück, erklärt aber einen Atomkrieg als Ursache für die Auslöschung größter Teile der Weltbevölkerung. Dennoch ist ein geradezu nichtiger Teil an Zivilisation in Nordamerika fähig gewesen, den Krieg zu überleben. Über weitere Teile der Erde ist nichts bekannt. Eine neue Gesellschaft muss sich aus den Trümmern einer Hochkultur formen, die zunächst natürlich auch auf der Hoffnung baut, es besser zu machen als die gescheiterten Vorgänger und somit, unter Betracht der Hauptbedürfnisse der Überlebenden, schnell zu einer hierarchisch aufgebauten Staatsform übergeht, dessen Hauptziel es nämlich ist, dem neuem Staat „Panem“ größt mögliche innere und äußere Sicherheit zu gewährleisten. Das Prinzip des Staates Panem bezieht sich auf ein System der Unterteilung: der Staat ist in 13 Teilbereiche untergliedert, die Distrikte1 genannt werden. Jeder Distrikt ist einem wirtschaftlichen Sektor zugeordnet, sodass die Grundbedürfnisse der Bevölkerung von der eigenen Produktivität gedeckt werden können. Es handelt sich um ein vergleichbares System wie das der Zentralverwaltungswirtschaft z.B in der einstigen DDR, „bei der die Zuordnung von Ressourcen wie Arbeit, Kapital und Boden zur Produktion von Gütern von einer zentralen Instanz getroffen werden.“2 In Panem sind die einzelnen Teilbereiche entscheidet für das Ansehen und den Wohlstand des Distriktes. So ist zum Beispiel der 1. Distrikt für die Produktion von Luxuswaren zuständig und führt einen dementsprechend hohen Lebensstandart. Die Regierungsinstanz ist ein zusätzlicher Bereich, der allen Distrikten übergeordnet ist und Kapitol genannt wird. Dieses beinhaltet sämtliche Regierungsorgane, stellt und wählt den Präsidenten3, der im Buch vor allem als eine absolute Machtperson fungiert und gewährt seiner Bevölkerung die Gunst etlicher Privilegien. Man darf hierbei nicht zu sehr auf realistische Erklärungen beharren und muss mehr auf die Symbolik des Kapitols achten. Die Menschen haben ihre Sicherheit für den Preis der Freiheit ertauscht und somit die Macht und Kontrolle über ihr Leben in die Hände einer unangefochtenen Einheit, dem Kapitol, gelegt. Dieses steht symbolisch für die absolute Maßlosigkeit des Menschen, der nur nach Macht, Geld und Genuss strebt, koste es was es wolle, aber auch für die absurden Wertevorstellungen einer Gesellschaft, die im absoluten Überfluss lebt. Die Menschen werden als oberflächlich, realitätsfremd und naiv beschrieben. Ganz nach dem Vorbild der Römer scheint das Volk mit „Panem et Circenses“ (Brot und Spiele) genügend befriedigt und abgelenkt um noch kritisch über das eigene Dasein und den Preis des Wohlstandes nachzudenken. „Ich muss an die ausgemergelten Kinder [...] denken [...] hier im Kapitol übergeben sich die Leute, um sich die Bäuche nur zum Spaß erneut vollschlagen zu können.“4 Zum Schutz vor äußeren Bedrohungen, wie der unkontrollierten Wildnis, sind um die Distrikte Schutzzäune errichtet worden. Die innere Sicherheit wird durch die sogenannten 'Friedenswächter'5 gesichert, die den Befehlen des Kapitols unterliegen. Dass sich in einem derartigen Staat einige Teile der Bevölkerung, vor allem die Distrikte unterdrückt und ungerecht behandelt fühlen, ist leicht nachzuvollziehen. Die Unzufriedenheit der Distriktbewohner ging soweit, dass sich eine Vereinigung der Distrikte als Widerstandsbewegung gegen das Kapitol gründete, die dazu führte, dass die Angegriffenen den Distrikt 13 völlig zerstörten, da dieser die treibende Kraft hinter dieser Rebellion darstellte. Die restlichen Distrikte ergaben sich dem Kapitol widerstandslos und verloren somit die Hoffnung auf zukünftige Änderung. Das bedeutet, dass die Macht des Kapitols zu diesem Zeitpunkt schon soweit intensiviert war, dass die Distrikte, trotz Bevölkerungsmehrheit, sich nicht mehr in der Lage befanden, sich militärisch zu widersetzen. Als weitere Maßnahme der Machtdemonstration, wurden die sogenannten Hungerspiele als jährliche Tradition eingerichtet. Nach strengen Abläufen6 müssen von da an, alle übrigen 12 Distrikte je ein Mädchen und einen Jungen, die als Tribute bezeichnet werden, in eine, dafür extra erbaute, Arena schicken, damit sich diese dort bis auf den Tod bekämpfen, um am Ende einen Sieger zu ermitteln, der zwar scheinbar reich belohnt wird, ab diesem Zeitpunkt aber für immer eine Spielfigur des Kapitols bleibt. Ähnlich wie bei Gladiatorenkämpfen7 im alten Rom dienen diese Spiele auf der einen Seite als Unterhaltungsmedium der Bevölkerung, hauptsächlich sollen sie aber kontinuierlich daran erinnern, dass die Distrikte nichts anderes als Spielfiguren des Kapitols und dessen Macht bis auf den Tod ausgeliefert sind. Somit sollen jegliche

[...]


1 Vgl.: Widerstand/Widerstandsrecht von Hans Kichter Kenter; in: Theologische Realenzyklopädie, Bd. 35, hrsg. Von Horst Balz u.a, Berlin u. New York 2003, S. 739-741

1 Vgl.: Freie Enzyklopädie Wikipedia, „Menschenrechte“, 15.09.15 / 16:30 Uhr (https://de.wikipedia.org/wiki/Menschenrechte#Die_Wurzeln_der_Menschenrechte_in_der_Antike )

1 Distrikt 1= Luxuswaren, D. 2= Steinbruch & Ausbildung von Friedenswächtern , D. 3= Fabriken (z.B Elektrotechnik), D. 4= Fischerei, D. 5= Energie, D. 6= Transport, D. 7= Holz und Papier, D. 8= Textilien, D. 9= Getreide, D. 10= Viehzucht, D. 11= Landwirtschaft (z.B Obst), D. 12= Kohleabbau, D. 13= Atomwaffen & Forschung

2 Vgl.: Freie Enzyklopädie Wikipedia, „Zentralverwaltungswirtschaft“, 05.11.15/ 20:35 Uhr (https://de.wikipedia.org/wiki/Zentralverwaltungswirtschaft)

3 Coriolanus Judas James Snow stammt aus einer wohlhabenden Familie. Seit mehr als 55 Jahren ist er Präsident und Herrscher des Landes Panem. Er war Initiator der Gründung des neuen Amerikas genannt „Panem“ und schaffte es so durch seinen Genie und Kalkül an die Spitze des Landes als unangefochtener Diktator. Konkurrenten beseitigt er beispielsweise indem er diese vergiftet.

4 Vgl.: Suzanne Collins, Gefährliche Liebe (Band 2), Oetinger, 2010, S. 51, S. 95

5 Der Begriff des Friedenswächters ist ein Paradoxon, das Kapitol möchte durch sie keinesfalls Schutz vor äußeren Gefahren bieten oder den inneren Frieden wahren, sondern die absolute Macht und die dadurch mögliche Kontrolle den Bewohnern Panem's demonstrieren und durchsetzten. Dies tun sie mit den brutalen Mitteln wie Auspeitschen, an den Pranger stellen oder auch Tötung.

6 Die Ernte, ist eine Auswahlzeremonie, in der die Tribute eines jeweiligen Distriktes durch ein Losverfahren ermittelt werden, In die Lostrommel kommt, getrennt nach Mädchen und Junge für jedes vollendete Lebensjahr zwischen dem 12. und 18. ein Los.

7 Auch im alten Rom wurden Menschen, genannt Gladiatoren in eine extra gebaute Arenen gelassen um sich dort zu bekämpfen, was oft mit der Tötung des Gegners endete.

Details

Seiten
23
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668239098
ISBN (Buch)
9783668239104
Dateigröße
521 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v323958
Note
1,3
Schlagworte
Widerstand Tribute von Panem Hoffnung Zivilcourage Katniss Everdeen; Suzanne Collins Jugendliteratur Verlust Revolution

Autor

  • Selina Frech

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