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Ein venezianisches Gastmahl. Analyse von Paolo Veroneses Gemälde "Hochzeit zu Kana"

Hausarbeit 2012 11 Seiten

Kunst - Kunstgeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Venedig - ein Überblick

3. Paolo Veronese

4. Die Hochzeit zu Kana
4.1 Inhaltliche Untersuchungen
4.1.1 Historisch-biblische Ebene
4.1.2 Zeitgenössische Ebene - Venedigs Sozialstruktur um 1560, abgebildet in der „Hochzeit zu Kana“
4.1.2.1 Die Speisen
4.1.2.2 Personen und Tiere
4.1.2.3 Mahlzeit und Repräsentation
4.2 Formale Besonderheiten von Veroneses Kunst - Venezianische Ästhetik

5. Fazit

6. Anhang
6.1 Verwendete Literatur
6.2 Internetquellen
6.3 Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

Ein Gastmahl ist ein der Alltäglichkeit enthobenes Essen in Gesellschaft. Es bietet vielfältige Gelegenheit zur Repräsentation, zum Luxus, zur Außergewöhnlichkeit. Da es nicht für einen Kreis aus einander gut bekannten Personen, sondern eben für Gäste veranstaltet wird, ist ihm immer etwas Inszeniertes zu eigen. In einigen Epochen und Kulturen scheint eben dieses In-Szene-Setzen von größerer Bedeutung gewesen zu sein als in anderen, was seinen Niederschlag nicht allein in der erhöhten Häufigkeit repräsentativer Aktivitäten, sondern damit auch in ihrer vermehrten Darstellung (in diesem Sinne gewissermaßen eine Doppel-Repräsentation) fand.

Naheliegend ist es, solche Tendenzen dort zu vermuten, wo es tatsächlich besonders viel zu zeigen gibt - zu einer Zeit, wenn, und an einem Ort, an dem sich besonders viel materieller Reichtum kon- zentriert. Interessant für das Thema Essen sind solche Repräsentationen, die mit Nahrungsaufnahme zu tun haben - eben Bankette und Festlichkeiten -, und interessant im Kontext eines kunstgeschicht- lichen Seminars, das sich der Darstellung von Nahrung und Nahrungsaufnahme in der Kunst wid- met, ist logischerweise die künstlerische Darstellung solcher Bankette. Insofern stellen einige Ge- mälde des venezianischen Malers Paolo Veronese den idealen Untersuchungsgegenstand für eine Beschäftigung mit dem Themenkomplex Kunst - Mahlzeit - Repräsentation dar.

Veronese entwickelte die monumentale Darstellung von riesigen, opulenten Gastmählern, meist als religiöse Szenen, zu einer Spezialität seiner Werkstatt. Dabei ist entscheidend, dass er die zugrunde- liegende historische Begebenheit immer in einen zeitgenössischen Kontext einbettete, was heute, unter Hinzuziehung bekannten Wissens über die damalige Zeit, interessante Rückschlüsse zulässt. Die vorliegende Arbeit widmet sich der Frage, wie sich das Venedig des 16. Jahrhunderts als gesell- schaftliches, urbanes und ästhetisches Gesamtkonstrukt auf die Kunst ausgewirkt hat, die dort pro- duziert wurde, unter Einbeziehung des Aspektes der Nahrungsaufnahme. Die Analyse wird sich auf eine einzige Arbeit Paolo Veroneses beschränken, nämlich die „Hochzeit zu Kana“ von 1562/63. Zwar habe ich im Vortrag auch das „Gastmahl im Hause des Levi“ besprochen, aber für diese Hausarbeit entschieden, es aus folgenden Gründen außen vor zu lassen: Zum einen ist die Quellen- lage für die „Hochzeit zu Kana“ (im Folgenden auch kurz „Hochzeit“ genannt) ungleich besser, zum anderen bot das „Gastmahl im Hause des Levi“ für die saliente Fragestellung vergleichsweise wenig Erkenntnisgewinn, und nicht zuletzt hat mich auch die notwendige Beschränkung der Länge der Hausarbeit dazu bewogen, die Analyse dieses Werkes wieder aus der Arbeit zu entfernen.

Analyse- und Interpretationseinheiten habe ich jeweils zusammengefasst, um die Argumentationsstruktur der Autoren nicht zu sehr auseinanderzureißen, die sich mit dem Werk beschäftigt haben. Allerdings erschien es mir sinnvoll, dabei wiederum die inhaltliche und die formale Ebene voneinander zu trennen - auf beiden Ebenen haben Wechselwirkungen mit den Gegebenheiten des Entstehungsortes eine wichtige Rolle gespielt, jedoch in sehr unterschiedlicher Weise.

2. Venedig - ein Überblick

Den „Nährboden“ für Kunstwerke wie das zu besprechende bildete die Stadt Venedig mit ihrer in vielerlei Hinsicht einzigartigen Voraussetzungen. Zur Zeit Veroneses war sie bereits seit etwa 800 Jahren Stadtrepublik in der bis 1797 gültigen Form, mit eigener Verfassung und besonderer hierarchischer Organisation. Schon für das Ende des 7. Jahrhunderts ist das Doganat belegt, eine für das europäische Mittelalter außergewöhnlich demokratische Institution.

Aufgrund seiner besonderen Lage auf mehreren Inseln innerhalb der Lagune war Venedig nie agrarisch geprägt; seine Versorgung mit notwendigen Rohstoffen musste die Stadt sich von Anfang an durch Handel und Schifffahrt sichern. Außerdem war sie vergleichsweise wenig in kriegerische Auseinandersetzungen verstrickt - der Schutz des Meeres machte eine Stadtmauer unnötig, auch wenn umgekehrt einige Eroberungszüge von der Lagune aus unternommen wurden. Im Laufe der Jahrhunderte wuchs die stadteigene Flotte auf eine der größten im europäischen Raum an; man unterhielt etliche Kolonien und hatte Handelsbeziehungen in fast alle Teile der damals bekannten Welt. Charakteristisch für die relativ friedliche, jedoch wirtschaftlich äußerst expansive Strategie der Stadt ist der kuriose Umstand, dass Venedig die Insel Kreta, von 1204 bis 1645 südlichste Kolonie, vom Byzantinischen Reich nicht etwa eroberte, sondern kaufte!

Dass die Stadt Umschlagplatz für Waren aus fast allen damals in Europa bekannten Ländern war, kann als Voraussetzung für ihren Reichtum und die damit einhergehende Vielfalt in allen Lebensbereichen angesehen werden. Dieser Umstand vor allem sollte sich als äußerst wichtig für die Besonderheiten venezianischer Kunst erweisen.

Mit der wirtschaftlichen Prosperität und der ständigen Gegenwart des Exotischen, Außergewöhnli- chen ging eine zunehmende Prachtentfaltung einher. 1562 wurden die sogenannten Luxusgesetze eingeführt, die möglicherweise schlicht den finanziallen Ruin der alteingesessenen Familien und ein damit einhergehendes Machtvakuum, vielleicht auch den Aufstieg politisch noch unklar positionier- ter Neureicher verhindern sollten - allerdings blieben sie recht wirkungslos, denn wer wirklich reich war, zahlte lieber die hoch angesetzte Strafe, als auf den gewohnten Komfort zu verzichten.1

Der vorhandene Reichtum verleitete natürlich vielfach zu dem Wunsch, ihn auch zu zeigen. Diese Tendenz zur Repräsentativität und zur Distinktion sollte prägend werden für die obere Gesell- schaftsschicht der italienischen Renaissance und damit auch für die Kunstwerke, die sie in Auftrag gab.

3. Paolo Veronese

Zur Person des Malers Paolo Caliari/Cagliari sei nur kurz gesagt, dass er um 1528 in Verona geboren wurde (daher sein Beiname „Veronese“) und ab etwa 1555 in Venedig tätig war, wo er bis zu seinem Tod 1580 lebte. Schon zu Lebzeiten machte er sich einen Namen durch seinen sinnlichern, opulenten Stil, der ihm Aufträge z.B. im Stadtpalast von Venedig oder für die Landhäuser wohlhabender Patrizier verschaffte. Seine Spezialität waren repräsentative Monumentalwerke. Nach seinem Tod übernahmen seine Söhne Gabriele (1568-1631) und Carletto (1570-1596) die Werkstatt, ohne jedoch die Popularität des Vaters zu erreichen.

4. Die Hochzeit zu Kana

Mit 669 x 990 cm Größe ist die „Hochzeit zu Kana“ eines der größten je auf Leinwand gemalten Bilder. Veronese fertigte sie 1562 /1563 für das Refektorium des Benediktinerklosters San Giorgio Maggiore in Venedig an.

Zu sehen ist eine U-förmige Tafel, an der die zahlreichen Gäste sitzen, unter einer waagerechten Balustrade, darüber venezianische Architektur und ein weiter blauer Himmel. Christus sitzt in der Mitte der Tafel, links neben ihm seine Mutter Maria; das Brautpaar befindet sich am linken Bild- rand. Am unteren Bildrand sorgen vier Musikanten für die Unterhaltung der Gäste; Domestiken servieren Speisen und prüfen den gerade von Jesus aus Wasser verwandelten Wein; auf den Balus- traden klettern Zuschauer herum. Insgesamt lassen sich auf dem Bild ca. 130 Personen ausmachen.

4. 1 Inhaltliche Untersuchungen

4.1.1 Historisch-biblische Ebene

Die dem Bild zugrundeliegende Geschichte findet sich bei Joh. 2,1 - 11: Als einer Hochzeitsgesellschaft in Kana der Wein ausgeht, verwandelt Jesus auf die wiederholte Bitte seiner Mutter hin Wasser in Wein. Es ist das erste in der Bibel erwähnte Wunder Jesu.

Die Legende und die Art, wie sie bei Veronese ins Bild gesetzt ist, bietet Fläche für verschiedenarti- ge Interpretationen. Aufgrund der Ähnlichkeit mit einer Abendmahlsdarstellung zieht Gerhard Neumann die Parallele Wasser zu Wein und Wein zu Blut Christi. Auch die senkrechte Achse, die sich von den Fleisch hackenden Dienern auf der Balustrade (nur dort, nicht auf dem Tisch ist Fleisch zu sehen) über Christus zu dem Stundenglas auf dem Tisch der Musiker zieht, sieht er auf- grund des Christuszitates „Meine Stunde ist noch nicht gekommen“ als Hinweis auf das Opfer Jesu Christi.2

[...]


1 vgl. Burke, Peter: Glänzende Fassaden - Demonstrativer Konsum im Italien des siebzehnten Jahrhunderts. In: Städtische Kultur in Italien zwischen Hochrenaissance und Barock. S. 111 ff.

2 vgl. Neumann, Gerhard: Geschmack-Theater. Mahlzeit und soziale Inszenierung. In: Brandes, Uta (Hrsg.): Geschmacksache. S. 51

Details

Seiten
11
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783668230651
ISBN (Buch)
9783668230668
Dateigröße
540 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v323875
Institution / Hochschule
Burg Giebichenstein - Hochschule für Kunst und Design Halle
Note
1,0
Schlagworte
Kunst Mahlzeit Venedig Renaissance Paolo Veronese Hochzeit zu Kana Gastmahl Repräsentation Malerei

Autor

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