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Nietzsches Nihilismusbegriff. Ein Vorschlag zur Überwindung des Nihilismus

von Johannes Sorgenfrei (Autor)

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 19 Seiten

Philosophie - Philosophie des 19. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Vorbemerkungen ... 3

II. Die Suche nach der Wahrheit ... 4

III. Nietzsches Nihilismusbegriff ... 7

IV. Halt finden in der Haltlosigkeit ... 9

V. Schlussüberlegung ... 15

Literaturverzeichnis ... 17

I. Vorbemerkungen

Am 25. August 1900 verlässt Friedrich Wilhelm Nietzsche diese Welt und gleichsam entlässt er sein Jünger. Er stellt kein Ziel in Aussicht, keine Aufgaben. Ein jeder kann durch ihn nur werden, was er selbst ist.

Nietzsches Philosophie geht nicht von „Letztbegründungen“ aus und leistet keine rein „spekulative Denkarbeit“1. Sie ringt mit dem Leben selbst, zielt ab auf den Menschen und seine Leiden(schaften). Nietzsche erbaut keine neue Welt, aber stellt die alte gehörig auf den Kopf, indem er tief in der Gesellschaft verankerte Werte umdreht. Dabei ist „das Endliche Ausgangspunkt der Reflexion, die im Labyrinth der Wirklichkeit kein Ende finden kann.“2

„Sinn- und Wertfragen“, „richtige[s] Handeln“, „menschliche Existenz“, „das Selbst-Welt-Verhältnis“, Vernunft und Wahrheit sind zeitlos relevante Themen und waren auch für Nietzsche von zentraler Bedeutung, wie aus dem vorliegenden Text Über Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne I3 hervorgeht.

Wer mit Nietzsches Nihilismusbegriff arbeitet, wird sich immer auch mit der Frage nach der (Un)-möglichkeit von Wahrheit konfrontiert sehen, da sie Voraussetzung für ein tieferes Verständnis dieses Themenkomplexes ist. Dieser Aufgabe stellt sich der erste Teil der vorliegenden Arbeit. Es wird versucht Nietzsches Begriff der Wahrheit zu strukturieren und mit Hilfe von Primär- und Sekundärliteratur Kerngedanken seiner Überlegungen offenzulegen. Anschließend wird darauf aufbauend Nietzsches Nihilismusbegriff beleuchtet, um Antworten auf folgende Fragen zu finden: Was verbirgt sich hinter dem Begriff des Nihilismus? Wie entsteht er? Ist es möglich oder sogar notwendig ihn zu überwinden?

Hierbei ist anzumerken, dass es bei Nietzsche keine einheitliche Bestimmung des Terminus Nihilismus gibt. Die Ausarbeitung einer begrifflichen Definition kann immer nur Schattierung eines Gesamtzusammenhanges sein, der sich über sämtliche seiner Werke erstreckt und dessen Puzzleteile nur schwer ein eindeutiges Bild ergeben. Er verfolgt die „Selbstauflösung“ und „Entwertung der Werte“ und deren Ursache, er betrachtet das Phänomen und die „Heraufkunft“ des Nihilismus, er diagnostiziert und beschreibt „Erscheinungsformen“ und postuliert schließlich seine „Überwindung“4. All diese Betrachtungen sind in ihrer Art und Ausführung vielschichtig und perspektivreich und verlassen nicht selten die Dimension einer isolierten Ordnung. Deswegen sind inhaltliche Wiederholungen innerhalb dieser Arbeit unumgänglich und werden genutzt um die Tiefe dieses Themas zu strukturieren und der Möglichkeit zu neuen Standpunkten Raum zu geben.

Angenommen ein Mensch erkennt die „Disharmonien des Daseins“, so stellt Nietzsche in Menschliches, Allzumenschliches5 die Frage, „wird [dann] die Wahrheit nicht dem Leben [...] feindlich?“ Kann man „bewusst“ in der Unwahrheit bleiben? Ist „da nicht der Tod vorzuziehen“?6

Die Drastik einer solchen Fragestellung, der ernsthafte und existenzielle Charakter dieser Worte ist unmissverständlich. Hier deutet sich eine Art der Hilflosigkeit an. Hier wird die Selbstzerstörung in Betracht gezogen, weil die Desorientierung in einer unwahren Welt in Verzweiflung mündet. Desorientierung, das ist das Fallen in die Bewusstwerdung einer schrankenlosen Unwissenheit. Es ist die Genesis eines Nihilisten.

Doch ist die Unmöglichkeit einer absoluten Wahrheit zwangsläufig Geburtsstätte eines lebensbedrohlichen Nihilismus?

II. Die Suche nach der Wahrheit

Nietzsches Auffassung nach herrscht eine große Diskrepanz zwischen der Eigeneinschätzung des Menschen, Wahrheit ergründen zu können und seiner tatsächlichen Erkenntnisfähigkeit. Ihm zufolge überschätzt der Mensch sich selbst in seinem Anspruch auf Wahrheit. Für Nietzsche gibt es keinen objektiv feststellbaren, logischen Zusammenhalt der Welt. Jede Ideologie, jede Wissenschaft, jede Religion, jede Philosophie trifft keine Aussage über das Wesen der Dinge, weil die Ordnung des Lebens der Grammatik und somit einer Systematik der Sprache entspringt. So schreibt er in WL I:

„Wir glauben etwas von den Dingen selbst zu wissen, wenn wir von Bäumen, Farben, Schnee und Blumen reden und besitzen doch nichts als Metaphern der Dinge, die den ursprünglichen Wesenheiten ganz und gar nicht entsprechen.“7

Was der Mensch Wirklichkeit nennt, erscheint ihm also entsprechend seiner sprachlichen und sinnlichen Raster und aus diesem Blickwinkel ist der vermeintliche Wahrheitsanspruch nur Illustration eines Interpretierens. Nach Nietzsche gibt es keine Tatsachen. Es gibt keine ergründbare wahre Welt an sich. Es gibt nur Interpretationen. Was wollte der Mensch auch jemals feststellen als das, was er mit Vernunft und Sinnen wahrnimmt und in Sprache zum Ausdruck bringt?

Ein erkennendes Lebewesen, wie der Mensch es ist, wird diese Welt und alles Leben immer aus seiner Intelligenz heraus wahrnehmen. Eine andere als die eigene Perspektive kann er sich allenfalls vorstellen, wird aber nie nach ihr seine Umgebung perzipieren.

Was bedeutet es nun in dieser Welt als Mensch zu leben und dieses Leben wahrzunehmen?

Kann es bedeuten „zu erkennen, [zu denken,] zu handeln, zu sprechen, [zu fühlen,] moralisch zu sein, Geschichte, Kunst, Politik zu haben?“ Kann es bedeuten eine „Idee der Wahrheit oder der Freiheit oder eines Gottes“8 zu bilden?

Jeder dieser Vorschläge ist Möglichkeit innerhalb einer menschlichen Perspektive, macht aber keine Aussage über das Ding an sich und heißt ihm (dem Menschen) trotzdem seine Wahrheit. Diese Wahrheit nennt Nietzsche jedoch einen Irrtum, gleichwohl es ein Irrtum ist, ohne den der Mensch nicht leben kann. Diese Täuschung ist die Art von Wahrheit, die den ganzen Wert einer menschlichen Existenz beschreibt, denn wenn er nicht auf diesen intelligenten Schein zurückgreifen kann, um auf sein Leben zu antworten, woran sollte er dann anknüpfen?

Die Kehrseite Nietzsches Medaille ist jedoch, dass er mit seiner Diagnose, in der er alle Wahrheiten als unmöglich entlarvt, selbst einen Wahrheitsanspruch mit sich trägt. Er formuliert gewissermaßen einen Maßstab, an dem alle Wahrheiten bzw. Irrtümer gemessen werden. Diese Beobachtung legt die Frage nach der Berechtigung eines solchen Anspruches nahe, da Nietzsche zwar die Unmöglichkeit von Wahrheit konstatiert, aber im selben Atemzug einen Wahrheitsanspruch erhebt. Nietzsches Absicht ist es, diese Kluft zu überbrücken. Das Verständnis von Wahrheit wechselt hier im Vergleich zu der Auffassung eines „Dinges an sich“ den Charakter. Es gibt keine feststellbare, unveränderliche, zeitlose Wahrheit, im Gegenteil: Sie ist im Werden begriffen. Sie bezieht sich immer nur auf die Relation zwischen Subjekten. So wird Nietzsches Standpunkt nicht zur alles durchschauenden Wahrheit, sondern bezieht in ihrer wahren Irrtümlichkeit nur Stellung zu anderen Irrtümern. „Es könnte“, schreibt er in Jenseits von Gut und Böse9, jetzt

„Jemand kommen, der, mit der entgegengesetzten Absicht und Interpretationskunst, aus der gleichen Natur und im Hinblick auf die gleichen Erscheinungen, gerade die tyrannisch-rücksichtslose und unerbittliche Durchsetzung von Machtansprüchen herauszulesen verstünde, ein Interpret, der Ausnahmslosigkeit und Unbedingtheit in allem „Willen zur Macht“ dermaassen euch vor Augen stellte, dass fast jedes Wort und selbst das Wort „Tyrannei“ schliesslich unbrauchbar oder schon als schwächende und mildernde Metapher - als zu menschlich – erschiene; und der dennoch damit endete, das Gleiche von dieser Welt zu behaupten, was ihr behauptet, nämlich dass sie einen „nothwendigen“ und „berechenbaren“ Verlauf habe, aber nicht, weil Gesetze in ihr herrschen, sondern weil absolut die Gesetze fehlen, und jede Macht in jedem Augenblicke Interpretation ist.
Gesetzt, dass auch dies nur Interpretation ist – und ihr werdet eifrig genug sein, dies einzuwenden? - nun, umso besser.“9

Nietzsche zweifelt also jede Überzeugung, jede Tatsache, jede Sicherheit, jede Realität an. Nichts ist wahr. Um hier plausibel sein zu können, stellt er auch sein eigenes Wort in Frage und konstruiert somit ein gedankliches Perpetuum Mobile. Denn wenn es keine Wahrheit gibt und selbst dieser Satz nur Interpretation ist, dann bestätigt er sich damit selbst und ist gewissermaßen wahr. Zweifellos ist diese Feststellung keine Aussage über das „Ding an sich“ und in ihrer Artikulation metaphorisch, doch zeigt es die Stichhaltigkeit des gedanklichen Fundamentes, auf dem Nietzsche baut.

Er ist sich der Begrenztheit seiner eigenen menschlichen Erkenntnisfähigkeit und der damit verbundenen Unmöglichkeit einer absoluten Wahrheit bewusst. Aber trotzdem spricht er weiterhin von Tatsachen und legt auch das Thema der Wahrheit selbst nicht ad acta.

Es sticht ihn der Stachel der Suche, es drückt im Schuh der Stein der Leidenschaft. So ist sein Ausruf in WL I nur allzu verständlich. Ein Ausruf, der der Syntax nach fragend klingt, doch semantisch ohne Aufklärung bleiben muss, da die Frage die Antwort selbst ist: „Woher, in aller Welt, bei dieser Constellation der Trieb zur Wahrheit!“11

[...]


[1] Was ist Philosophie? Programmatische Texte von Platon bis Derrida. Rolf Elberfeld. Stuttgart: Reclam, 2006. Universal-Bibliothek. S. 190.

[2] Ebd.

[3] KSA, Bd. 1, Nachgelassene Schriften 1870-1873. Über Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne, 1. Friedrich Nietzsche. München: dtv/de Gruyter, Hg. Giorgio Colli und Mazzino Montinari, 1988.

[4] Das Problem des Nihilismus als Konsequenz der Divergenz von Wahrheitsanspruch und Wahrheitswert im Werk Friedrich Nietzsches. Dissertation zur Erlangung des akademischen Grades Dr. phil. am Institut für Philosophie der philosophischen Fakultät I der Humboldt-Universität zu Berlin. Claudia Rump, 2010. S 12.

[5] KSA, Bd. 2, Menschliches, Allzumenschliches I und II. Friedrich Nietzsche. München: dtv/de Gruyter, Hg. Giorgio Colli und Mazzino Montinari, Neuausgabe: 1999.

[6] KSA, Bd. 2, MA, Aph. 34, S. 53 f.

[7] KSA, Bd. 1, WL,1., S. 879.

[8] Nietzsche. Beatrix Himmelmann. Leipzig: Reclam, 1. Auflage, 2006. S. 22.

[9] KSA, Bd. 5, Jenseits von Gut und Böse. Friedrich Nietzsche. München: dtv/de Gruyter, Hg. Giorgio Colli und Mazzino Montinari, 11. Auflage: 2010.

[10] KSA, Bd. 5, JGB. Erstes Hauptstück: von den Vorurtheilen der Philosophen, Aph. 22, S. 23.

[11] KSA, Bd. 1, WL, 1., S. 877.

Details

Seiten
19
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783668228566
ISBN (Buch)
9783668228573
Dateigröße
503 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v323745
Institution / Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung)
Note
1,0
Schlagworte
nietzsches nihilismusbegriff vorschlag überwindung nihilismus

Autor

  • Johannes Sorgenfrei (Autor)

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Titel: Nietzsches Nihilismusbegriff. Ein Vorschlag zur Überwindung des Nihilismus