Lade Inhalt...

Tschernobyl – damals und heute

Der Super-GAU im Fokus wissenschaftlichen Interesses

Fachbuch 2016 136 Seiten

Geschichte - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

„Eine gefährliche Lüge“ – Die Folgen und Auswirkungen des atomaren Unfalls von Tschernobyl ...7
Einleitung ...8
Kurzer geschichtlicher Abriss über die Atomenergie ...10
Das Kernkraftwerk Tschernobyl ...12
Der Unfall von Tschernobyl ...18
Reaktionen und Notfallmaßnahmen nach der Katastrophe ...24
Die Folgen und Auswirkungen der Katastrophe ...35
Zusammenfassung ...44
Literatur- und Quellenverzeichnis ...46

Der Supergau im AKW Tschernobyl. Kollektive Verantwortungslosigkeit der Regierung? ...49
Einleitung ...50
Dokumentation: „Ich bediente den Reaktor“ ...67
RASPAD – DER ZERFALL.. 73
Gegenüberstellung von Dokumentation und Spielfilm ...80
Fazit ...83
Literaturverzeichnis ...84

Die Anti-Atomkraft-Interessenvertretung nach Tschernobyl und Fukushima im Vergleich ...85
Einleitung ...86
Umweltinteressenvertretung ...88
Die Anti-Atomkraft-Interessenvertretung nach Tschernobyl und Fukushima im Vergleich ...94
Schluss ...104
Literaturverzeichnis ...105

Tourismus mit Beigeschmack. Dark Tourism am explodierten Reaktor in Tschernobyl ...111
Einleitung ...112
Begriffserklärung: Was ist Dark Tourism ...115
Analyse: Handelt es sich hier um Dark Tourism? ...125
Fazit ...132
Literaturverzeichnis ...134

Einzelbände ...137

„Eine gefährliche Lüge“ – Die Folgen und Auswirkungen des atomaren Unfalls von Tschernobyl

Seda Demir, 2006

Einleitung

Das Wachstum der Industriegesellschaft stützt sich auf ein ständig anwachsendes Produktionsniveau und den Verbrauch von unterschiedlichen Energien. Durch die Bodenschätze, in Form von Sauerstoff, Wasser u. a., soll die benötigte Energie gewonnen werden. Das Problem besteht darin, dass der Verbrauch ständig ansteigt und der natürliche Ressourcenvorrat stets schwindet.

In der Geschichte der Menschheit gibt es keine Entdeckungen, deren Folgen und Auswirkungen so hervortraten wie die Entdeckung der Kernleitung des Urans und die Ergreifung bzw. Annahme der Atomenergie. Die Begründung des Atomskerns im 19. Jahrhundert, welche den Menschen zur Verfügung stand, bietet eine neue, mächtige und mit nichts zu vergleichende Energiequelle.

Durch den Verbrauch der natürlichen Energien kommt es zu massiven Umweltverschmutzungen, der Unterstützung des Treibgaseffekts und der globalen Erwärmung. Hinzu kommt der Rüstungskampf der Giganten (Weltmächte), die in der atomaren Aufrüstung Milliarden in das „freundliche Atom“ [1] investierten, um so die Nummer eins zu bleiben bzw. zu werden. Da erscheint die Kernenergie naturfreundlicher und ungefährlicher – bis zu der Katastrophe von Tschernobyl.

Ernüchternde Einschätzungen und das Ausmaß der atomaren Kraft, die es in der fünfunddreißigjährigen Geschichte der Nutzung der Kernenergie noch nie gegeben hat, zwingt die Politik, weltweit die Nutzung der Kernenergie zu überdenken.[2] Am 8. August 1986 sagte der damalige Generalsekretär der Sowjetunion, Michail Sergejevitsch Gorbatschow, in einer Fernsehansprache an die Nation:

„Der Tod der Besatzung der Challenger und die Havarie im Kernkraftwerk Tschernobyl haben die Ängste verstärkt, erinnern diese Ereignisse doch auf grausame Weise daran, daß die Menschheit die gewaltigen Kräfte, die sie selbst ins Leben rief, noch nicht beherrscht, daß der Mensch erst lernt, sie in den Dienst des Fortschritts zu stellen“[3]

In dieser Arbeit soll untersucht werden, inwieweit die mangelnde Kooperationsbereitschaft der Sowjetunion das verheerende Ausmaß der Unfallfolgen (gesundheitliche, ökologische, landwirtschaftliche und globale) bedingten. Die Nachrichtensperre und das Verschweigen sowie eine Verharmlosung des wahren Ausmaßes der Katastrophe nehmen die entscheidenden Stellungen für die späteren Reaktionen und Notstandsmaßnahmen ein. Die nur sehr langsam voranschreitenden Maßnahmen haben eine internationale Dimension angenommen und zu größeren Schäden, die eigentlich hätten verringert werden können, geführt.

Nach einem kurzen geschichtlichen Exkurs über die Entwicklung der Atomenergie wird im folgenden Kapitel das Kernkraftwerk Tschernobyl vorgestellt. Dabei werden die Städte Tschernobyl und Pripjat und die geographische Lage des Kernkraftwerks dargestellt. Im nächsten Schritt wird der Reaktortyp von Tschernobyl präsentiert und seine Konstruktionsmängel angesprochen. Das vierte Kapitel beschäftigt sich mit dem Unfall im Kernkraftwerk von Tschernobyl. Dabei werden der Unfallhergang und die Reaktorkatastrophe kurz beschrieben. Anschließend werden die Folgen der Katastrophe präsentiert, zudem findet eine Analyse der Reaktionen und Notstandsmaßnahmen statt.

Die Katastrophe von Tschernobyl ist in der deutschsprachigen Fachliteratur häufig beschrieben worden. Am ausführlichsten stellt Grigori Medwedew in "Verbrannte Seelen" und Zhores Medwedjew[4] in „Das Vermächtnis von Tschernobyl“ den Ablauf der Katastrophe und ihre Folgen dar. Die westliche Fachliteratur von Karl-Heinz Karisch[5] bis Franz-Josef Brüggemeier [6] stützen sich an diese Berichte.

[...]

Der Supergau im AKW Tschernobyl. Kollektive Verantwortungslosigkeit der Regierung?

Kevin Kutani, 2002

Einleitung

Der einfachste Weg, einer unergründlichen, unverstandenen Sache auf die Spur zu kommen, ist es, Fragen zu stellen. Bei einer Fülle von Fragen jedoch – wo soll man beginnen?

Im Jahre 1986 ereignete sich etwas so Unfassbares, etwas, das die Welt für geschätzte 24.000 Jahre „belasten“ wird. Etwas, was vertuscht werden sollte, sowohl vor der eigenen Bevölkerung, als auch vor der ganzen Welt. Etwas, wovor man Angst hatte aber durch Planerfüllungstabellen gezwungen war, in Kauf zu nehmen. Etwas, was ein sowieso schon wirtschaftlich und anderweitig gebeuteltes Land vor der ganzen Welt in Verruf brachte und teilweise zur Aufdeckung drohender, auch zukünftiger unverantwortlicher Gefahren sorgte. Etwas, das in der Vertuschungs- und Aufräumphase zu Grausamkeiten ohne Beispiel geführt hat. Unwissende Menschen wurden unaufgeklärt, ungeschützt und zwangsverpflichtet in den Tod geschickt. Die Rede ist vom Supergau im AKW Tschernobyl, den Folgen und dem Nachlass.

Mittlerweile ist diese Episode der Geschichte Vergangenheit, ein Abschnitt in neueren Geschichtsbüchern und – unfreiwillig – zu einer Art Schlagwort geworden, wie vorher Hiroshima und Nagasaki oder danach das Muroa Atoll. Die menschliche Natur beschäftigt sich mit allen Dingen, die mit den fünf Sinnen erfassbar sind. Wir haben längst den Sinn dafür verloren, Dinge zu ahnen, zu spüren oder zu wittern. Tiere wittern Gefahr, spüren defekte Gene auf, die ein Artgenosse in sich trägt und zur Fortpflanzung untauglich macht. Diese Gabe besitzen wir nicht mehr. Wir sind degeneriert und darum weigern wir uns auch, nicht sichtbare Gefahren, wie Viren oder Strahlung ernst zu nehmen. Schäden sind nicht eminent oder evident sichtbar wie bei einer Fleischwunde. Sie zerfrisst uns von innen, langsam und unmerklich – aber was ich nicht sehe, macht mir keine Angst. Wäre ein Virus so groß wie eine Kokosnuss, wir würden uns durch Sterilität schützen, es mit aller Macht bekämpfen und ausrotten, zumindest rein hypothetisch. Ähnlich verhält es sich mit der Strahlung. Man kann Strahlung zwar sichtbar machen aber man kann sich nicht auf die Lauer legen und sie einfangen und erlegen. Es wird also frei nach der Devise gehandelt, was ich nicht weiß (sehe), macht mich nicht heiß.

Die ersten Erkenntnisse über die Strahlung, die Eindruck machten, waren die des Ehepaares Curie. Damals war die Gefahr, die von einer Überdosis Strahlung ausgeht, noch nicht erforscht. Man war überglücklich, nun Menschen behandeln und anhand von Röntgenbildern komplizierte Knochenbrüche richten zu können – die Medizin war revolutioniert. So verhielt es sich auch mit den weiteren Entdeckungen auf diesem Feld, die zu der Spaltung eines Atoms führten, welche letztlich die Basis der Kernkraft bildet.

Dass da, wo gehobelt wird, auch Späne fallen, interessiert nur eine Minderheit. Zumeist, wenn sie dadurch direkt bedroht wird, der Rest der Welt schaltet desinteressiert auf einen anderen TV-Kanal und ist froh, ausreichend Strom zur Verfügung zu haben, wo der herkommt, ist unwichtig, und wie er entsteht, erst recht. Wird jedoch die Menschheit oder weite Teile des Globusses bedroht, ist der Aufschrei so groß, dass das Echo lange nachhallt. So geschehen im Fall Tschernobyl.

Leider liegt es jedoch in der Natur des Menschen, schnell zu vergessen. Es sind jetzt 16 Jahre (Stand 2002) seit dem Reaktorunfall im Block 4 des AKW Tschernobyl vergangen und es verhält sich mit der Thematik „Gefahr durch Strahlung“ wie mit dem AIDS-Virus, das an öffentlichem Interesse verloren hat, ebenso wie das Ozonloch. Zu finden sind diese Themen weitestgehend auf den Internetseiten von Greenpeace oder ab und zu in den Parteiprogrammen von Umweltbewusstseinsgruppierungen. Große Teile der Weltpopulation kümmert sich nicht weiter darum.

Eine Renaissance jedoch erlebt eine verdrängte Thematik in dem Moment, in dem geheime Dokumente enthüllt werden, die neue Erkenntnisse liefern über den wirklichen Hergang einer Katastrophe. Das ist Enthüllungsjournalismus par excellence. Die neu gewonnen Erkenntnisse bieten die Möglichkeit, alte Fakten aufzubereiten und in neuer Gestalt, mit Insiderwissen gespickt, in sensationeller, aufreißerischer Form als neu zu verkaufen. Als die UdSSR zusammenbrach, kamen die geheimen Dokumente über den wirklichen Ablauf und die Handhabung des Störfalls im AKW Tschernobyl ans Licht. Die Mutmaßungen, die von der Weltöffentlichkeit und deren Experten angestellt worden waren, wurden teilweise bestätigt und in einigen Punkten sogar in alarmierendem Masse übertroffen. Das Thema Tschernobyl war wieder reanimiert und bahnte sich seinen Weg in die Medien. Durch die Öffnung der Grenzen und den Wegfall des Überwachungsstaates und der Parteizensur bot sich die Möglichkeit, mit Betroffenen der Katastrophe zu sprechen, in Sperrgebiete vorzudringen und Proben zu nehmen. Alles das, was noch zu Sowjetzeiten undenkbar gewesen wäre. Es entstanden viele Dokumentationen und sogar ein Spielfilm, der von Russen selbst gedreht wurde.

Diese beiden Formen der medialen Aufbereitung (Spielfilm contra Dokumentation) von Informationsgehalten und Tatbeständen sollen in dieser Arbeit verglichen und strukturiert analysiert werden.

Vorab soll jedoch eine Chronik die Ereignisse wieder ins Gedächtnis rufen, die in Verbindung mit dem bisher größten Störfall in einem AKW stehen. Wichtig in Bezug auf diese Zusammenfassung ist die Bedeutung folgender Bereiche, die mit den neu gewonnenen Einsichten vervollständigt wurden. Da wären: Vertuschung, Evakuierung, Auswirkungen, Liquidatoren und Zukunft.

Im Anschluss daran soll die von Radio Bremen stammende Dokumentation aus der Sendereihe Film Probe: Ich habe den Reaktor bedient; Berichte einiger Überlebender, analysiert werden. Vor allem in Bezug auf die Fragen: Wie wird mit der Thematik umgegangen? Ist der Aufbau der Dokumentation schlüssig? Was ist an Informationsgehalt vorhanden und wie ist dieser verarbeitet?

Darauf folgt eine Darstellung des Spielfilms: RASPAD – DER ZERFALL von Vladimir Dall aus dem Jahr 1990, der in der UdSSR gedreht wurde und ausschließlich mit Russen besetzt ist. Auch dieser Film soll analysiert und den gleichen Fragen wie die Dokumentation unterzogen werden.

Im letzten Abschnitt sollen beide Werke miteinander verglichen werden. Was ist in beiden Werken zu finden? Wie unterschieden sie sich? Ist eine unterschiedliche Herangehensweise eines ausländischen Teams merkbar im Vergleich zu der einheimischen Darstellungsform? Ist der Spielfilm eine Dokumentation oder fiktiv?

Das Fazit gibt letztlich den subjektiven Eindruck des Verfassers nach Sichtung beider Werke wieder und schildert die empfundenen Gefühle und Emotionen, die beim Rezipieren auftraten.

[...]

Die Anti-Atomkraft-Interessenvertretung nach Tschernobyl und Fukushima im Vergleich

Jana Wagner, 2011

Einleitung

In der wissenschaftlichen Literatur wird eine Entwicklung der Umweltinteressenvertretung in den letzten Jahrzehnten von Protest hin zum Lobbyismus beschrieben (vgl. Rootes 2002: 51; Rootes 2007a: xif.; Rootes 2007c: 235; Rootes 2007b: 3; Rucht/Roose 2007: 80). In der vorliegenden Arbeit soll diese These auf ihre Gültigkeit hin für die Anti-Atomkraft-Interessensvetretung untersucht werden, da sich diese nicht ohne Weiteres in die allgemeine Umweltbewegung – hier verstanden als Individuen, Gruppen und Organisationen, die sich dem netzwerkartigen Zusammenhang der Bewegung zuordnen – einsortieren lässt. Die Anti-Atomkraft-Bewegung ist trotz vieler Überschneidungen von der allgemeinen Umweltbewegung durch ihre häufig unabhängige Organisation abgrenzbar. Zwar wird das Thema Atomenergie auch von breitgefächert aktiven Umweltorganisationen behandelt, viele Aktivitäten werden allerdings von spezifischen, atomkraftkritischen Organisationen und Zusammenschlüssen getragen, die darüber hinaus nicht für den Umweltschutz arbeiten (vgl. Rucht 2008: 246f.; Brand/Stöver 2008: 220). Es erscheint deshalb durchaus möglich, dass die beobachtete Entwicklung nicht bzw. lediglich in geringem Umfang für die Anti-Atomkraftbewegung mit ihrer protestbetonten Geschichte zu bestätigen ist (vgl. Radkau 2011: 368-371).

Um dies herauszufinden, wurden zwei vergleichbar erscheinende Zeiträume zur näheren Betrachtung gewählt: das Jahr 1986 ab dem Nuklearunfall im Kernkraftwerk Tschernobyl am 26. April und das Jahr 2011 ab dem Unfall im Kraftwerk Fukushima I, der am 11. März begann. Der Vergleichbarkeit wegen wird der Zeitraum nach dem Unglück von Tschernobyl auf die gleiche Anzahl an Tagen begrenzt, die zwischen der Katastrophe von Fukushima und dem Verfassen dieser Arbeit liegen, was konkret die Zeitspannen vom 26. April 1986 bis zum 5. Januar 1987 sowie vom 11. März bis zum 28. November 2011 bedeutet. Gewählt wurden diese, da es sich naheliegenderweise um besonders aktive Phasen der Anti-Atomkraft-Interessenvertretung handelt und ein Vergleich aufgrund der Ähnlichkeit der Situationen besonders gut möglich ist. Mit dieser Auswahl ist es unwahrscheinlich, zufälligerweise Phasen geringer Aktivität zu erwischen.

Umweltinteressenvertretung kann von unterschiedlichen Akteuren betrieben werden. Es soll hier sowohl auf Individuen und lose Gruppen als auch auf mit allgemeinen Umweltbelangen Betraute, wie auf speziell atomkritische Organisationen, eingegangen werden. Des Weiteren werden auch Unternehmen in den Blick genommen, die eine eventuell atomkritische Interessensvertretung betreiben. Hierbei ist an alternative Energieunternehmen und deren verbandliche Vertreter zu denken.

In einem ersten Schritt soll nun auf die eingangs angesprochene, in der Literatur beschriebene Entwicklung der Umweltinteressenvertretung genauer eingegangen sowie geklärt werden, was genau unter den für die Fragestellung zentral verwendeten Begriffen verstanden werden soll. Hierauf aufbauend wird dann die Anti-Atomkraft-Interessenvertretung nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl mit jener in der Zeit nach der Katastrophe in Fukushima verglichen. Für den Vergleich der Protestaktivitäten wird die Berichterstattung aus Spiegel und der Tageszeitung (Taz) in den jeweiligen Zeiträumen ausgewertet. Bezüglich lobbyistischer Tätigkeiten steht eine Untersuchung der Verbandszugehörigkeit der Abgeordneten des Bundestages im Mittelpunkt. Schließlich werden die zentralen Ergebnisse zusammengefasst.

[...]

Tourismus mit Beigeschmack. Dark Tourism am explodierten Reaktor in Tschernobyl

Karsten Uwe Schmehl, 2012

Einleitung

„Es beginnt an einem nassen, kalten Tag im März in Kiew. Treffpunkt ist McDonald's am Maidan. Um neun Uhr fährt ein weißer Kleinbus vor. Sergej Ivantschuk steigt aus und begrüßt einen Studenten aus Melbourne, einen Rechtsanwalt aus Aachen mit Unternehmensberatung im Kölner Raum, dessen ukrainische Freundin und zwei Journalisten aus Berlin. ,Guten Morgen zusammen‘, sagt Ivantschuk, ,dann fahren wir also mal nach Tschernobyl.‘ Vor sechs Jahren dachte der Reiseunternehmer: ,Wenn Techniker und Wissenschaftler dorthin dürfen, warum nicht auch Touristen? Ich dachte, das wäre eine coole Idee.‘ Die ukrainische Atombehörde ließ sich überzeugen und stellt seither Fahrer und Begleiter. Inzwischen bieten schon drei Reiseunternehmen in Kiew den Trip an.“ [7]

Das Geschäft mit dem Tourismus in Tschernobyl scheint zu funktionieren. Bis 2008 haben bereits rund 200 000 Touristen den explodierten Reaktor besucht und die Reiseunternehmen mussten größere Busse besorgen, um teilweise bis zu 35 Touristen gleichzeitig in die Todeszone zu bringen. [8]

Die Todeszone exisitert seit dem 26. April 1986. Im vierten Reaktor des Atomkraftwerkes in Tschernobyl wird ein fehlerhafter Sicherheitstest durchgeführt. Reaktor Nummer Vier explodiert und setzt große Mengen an radioaktiver Materie aus und schleudert sie durch die Luft. Eine Sperrzone von rund 30 Kilometern wird rund um den explodierten Reaktor gezogen.

135 000 Menschen müssen umgesiedelt werden. Für die nächsten 24 000 Jahre ist dieses Gebiet für Menschen nicht bewohnbar. 90 Prozent der Aufräumarbeiter sind seit dem erkrankt, mindestens 50 000 von ihnen sind bereits gestorben.

In Bezug auf Tourismus ist Tschernobyl das Gebiet der Gegensätze. Mit Tourismus verbindet man in der Regel Begriffe wie Entdecken, Freizeit oder Urlaub. Auch Gregory Ashworth, einer der führenden Forscher auf dem Gebiet des Dark Tourism, definiert Tourismus auch auf diese Weise und sagt: „Tourism is a discretionary leisure time activity freely indulged in for the pleasure it conveys, wheather that pleasure is composed of excitement, relaxation, or just fun.“[9]

Aber warum verbringen Menschen ihre Freizeit in einem Gebiet, in dem zehntausende Menschen gestorben sind und welches auf der gesamten Erde für Tod, Leid und Zerstörung steht wie kein anderer Ort? Kann es „Spaß“ machen, einen solchen Ort zu bereisen?

Auch die Touristen selbst können nicht leugnen, dass diese Art von Tourismus einen merkwürdigen Beigeschmack hat und sich eine Tour nach Tschernobyl ganz klar von einer Tour zu den Niagarafällen oder ins Disneyland unterscheidet. Aber woher kommt sie, diese Faszination für Tod, Leid und Zerstörung?

In der Tourismusforschung gibt es genau für diese Art von Tourismus einen Begriff: „Dark Tourism“. Hier spielen Tod, Leid und Zerstörung eine sehr große Rolle in der Motivation der Touristen, einen Ort zu bereisen.

In dieser Hausarbeit möchte ich am Beispiel des explodierten Reaktors in Tschernobyl empirisch überprüfen, ob es sich um einen, nach der Tourismustheorie, typischen Ort für „Dark Tourism“ handelt. In Zeitungen und im Fernsehen gibt es einige Berichte über Touristen, die Tschernobyl bereist haben. Allerdings stellt sich die Frage, ob die vorhandene wissenschaftliche Literatur Tschernobyl tatsächlich als Paradebeispiel für Dark Tourism ansieht oder nicht.

Mit der Literatur über Dark Tourism möchte ich mich zunächst dem Begriff nähern. Ich möchte klären, welche Ereignisse nach der Theorie für Dark Tourism in Frage kommen, wie sich die Touristen an einem solchen Ort verhalten (oder sich der nach Theorie zu verhalten haben) und einen Schwerpunkt darauf legen, die möglichen Motive der Touristen aufzuzeigen. Was sind die Gründe, die sie an solche Orte ziehen?

Anhand des theoretischen Teils möchte ich eine Art Kriterienkatalog aufstellen, der ein Dark Tourism-Ort kennzeichnet. Daraufhin werde ich die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl noch einmal kurz umreißen, aber vor allem beschreiben, wie man dort „Tourismus“ erleben kann. Im letzten Teil dieser Hausarbeit möchte ich den für Dark Tourism entwickelten Kriterienkatalog auf das Beispiel Tschernobyl anwenden, um zu analysieren, ob es sich um einen typischen Ort für Dark Tourism handelt oder nicht.

Quellen für meine Hausarbeit sind die Texte aus dem Seminar und andere Artikel und Bücher aus der Bibliothek der Universität Frankfurt. Zur empirischen Analyse greife ich auf ein großes Zeitungsarchiv zurück und kann so mit vielen Zeitungsartikeln den Tourismus rund um den explodierten Reaktor so gut wie möglich rekonstruieren.

[...]


[1] Vgl. Medwedew, Grigori: Verbrannte Seelen : Die Katastrophe von Tschernobyl., übers. von Bendzko, Ralf, München, Wien 1991, S. 11. (Medwedew, Grigori)

[2] Vgl. ebd.

[3] Medwedew, Grigori, S. 11.

[4] Medwedjew, Zhores: Das Vermächtnis von Tschernobyl. Münster 1991. (Medwedjew, Zhores)

[5] In dieser Arbeit werden Aufsätze aus: (Hrsg.) Karisch, Karl-Heinz, Wille Joachim, Der Tschernobyl-Schock, Zehn Jahre nach dem Super-Gau, Frankfurt am Main 1996, benutzt.

[6] Brüggemeier, Franz-Josef: Tschernobyl, 26. April 1986 - Die ökologische Herausforderung, München 1998. (Brüggemeier)

[7] Waldherr, Gerhard: „Ausflug ins GAU-Gebiet“ in: Süddeutsche Zeitung, 20.04.2006, Seite 43

[8] Vgl Nickoleit, Katharina: „Tages-Tourismus in der Todeszone“ in: WELT AM SONNTAG, 05.08.2008, Seite 31

[9] Ashworth, Gregory und Rudi Hartmann (2005): “Introduction: Managing Atrocity for Tourism”, in: Dies. (Hrsg.): Horror and Human Tragedy Revisited: The Management of Sites of Atrocities for Tourism. New York/Sydney/Tokyo. S. 1

Details

Seiten
136
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668225589
ISBN (Buch)
9783956879197
Dateigröße
5.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v323732
Note
Schlagworte
Atomkraft Tschernobyl Kernschmelze Ursachen Folgen Umweltprobleme Radioaktivität Kernreaktor Unfall Umweltbelastung Reaktorunglück

Autoren

Teilen

Zurück

Titel: Tschernobyl – damals und heute