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Zu Ernst Tollers Drama "Die Wandlung"

Seminararbeit 2002 18 Seiten

Germanistik - Literaturgeschichte, Epochen

Leseprobe

Gliederung

0. Einleitung

1. Aufrüttelung

2. Die Totenkaserne

3. Der Fremde zwischen Ausgrenzung und Gemeinschaft

4. Transportzüge

5. zweite Station – Drittes Bild

6. Zwischen den Drahtverhauen

7. Lazarettszene

8. Militärkrankenhaus

9. Friedrichs Wandlung

10. Das Los des Proletariats

11. Tod und Auferstehung

12. Die Wiedergeburt

13. Volksversammlung

14. Die Bergsteiger

15. Der Aufruf zur Revolution

0. Einleitung

Das Drama „Die Wandlung. Das Ringen eines Menschen“ von Ernst Toller (geschrieben 1917/18)[1] befasst sich, wie der Titel schon sagt, mit dem zentralen expressionistischen Thema der geistigen Erneuerung und der daraus folgenden gesellschaftlichen Umgestaltung.

Er schrieb sein Erstlingswerk aus der Erschütterung seiner Kriegserlebnisse: In der typischen expressionistischen Form des Stationendramas (Verkündigungsdrama/Antikriegsdrama) demonstriert es die „Wandlung“ eines jungen Mannes vom Juden, der seinem Glauben entfremdet ist, zum Kriegsfreiwilligen und todesmutigen Soldaten, der die Sinnlosigkeit des Krieges begreift, dann auch den Patriotismus verwirft, auf seinem Lebensweg Leid und Unmenschlichkeit wahrnimmt und schließlich seine Berufung findet: Die Menschen zur Menschlichkeit zu bekehren.

Einer der Pioniere dieser besonderen Dramenform war Strindberg. Toller bekannte sich zum Einfuß Strindbergs, dessen Name in der Eingangsszene der „ Wandlung“ erwähnt wird.[2]

Das Stück „Die Wandlung“ besteht aus sechs Stationen, die noch einmal unterteilt sind in insgesamt dreizehn Bilder. Im Mittelpunkt des Stückes steht das entscheidende siebte Bild, der Höhe- und Wendepunkt des Dramas, so dass die sechs Bilder davor und die sechs Bilder danach gegeneinanderstehen. Die Dramaturgie des Stückes wirkt symmetrisch konzipiert.

Das typisch expressionistische Werk mit autobiographischen Zügen stellt, trotz vieler Allegorik, gesellschaftskritisch und ideologiekritische Situationen und Figuren entschieden heraus. „Die Wandlung“ ist im Unterschied zu anderen expressionistischen Dramen nicht als bloße Demonstration einer Gesinnung konzipiert, sondern als Appell an die Menschheit, tatsächlich an einer politischen Aktion teilzunehmen.[3]

1. Aufrüttelung

Dem Drama sind im Prolog Verse mit dem Titel „ Aufrüttelung “ vorangestellt. Dabei greift es der zentralen Symbolik des Dramas voraus. So lauten die ersten drei Zeilen:

„Zerbrich den Kelch aus blitzenden Kristallen,

Von dem die Wunder perlentauend fallen,

Wie Blütenstaub aus dunkelroten Tulpen.“

Die Aufforderung „ Zerbrich “ stellt gleich zu Beginn die poetologische Reflexion durch die Anspielung auf das Abendmahl („ Kelch“, „Wunder“, „dunkelrot “) in einen religiös-theologischen Kontext. Dabei erinnert der „ Kelch “ an die Gethsemane-Situation, in der Jesus seinen Vater bittet, er möge den Kelch, gemeint ist sein bevorstehender Tod am Kreuz, an ihm vorübergehen lassen.[4] Das Zerbrechen des christlichen Symbols von Leid und Tod gewordenen Kelches ist zugleich eine Metapher für die dichterische Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten, die nicht nur in der Auflösung traditioneller Formen besteht, sondern mit dem Aufbrechen erstarrter Symbole einhergeht.[5] In dem Bild vom fallenden Blütenstaub wird die doppelte Bewegung von Auflösung, Zerfall und Wachstum von Neuem widergespiegelt.„ Wie Blütenstaub aus dunkelroten Tulpen.“[6]

Die folgenden Gedichtzeilen machen deutlich, dass den Menschen eine Märchen- oder Traumwelt („ Dämmerwelt“, „Wunder“, „Sonnenstrahlen“, „Märchen“, „Rosenspenden “), in der eine Harmonie zwischen dem Menschen und der Natur sowie der Religion („ Kathedrale“, „Glaube “) vorgespiegelt wird, die jedoch unmöglich geworden ist. Die Worte „Verträumte“, „Märchen“ deuten auf ein Trugbild. Der Einbruch totaler Vernichtung und Zerstörung wird mit („mordend“, „Flammenspritzend“) umschrieben.

In den ersten Strophen wird die zu überwindende Illusion mit Bildern einer erstarrten Glaubenswelt („Kathedralen“) gleichgesetzt, die von toten Riten und Symbolen bestimmt ist. Die 6.Strophe führt das Gedicht , nach Bildern des Krieges und der Verzweiflung, („ Da! Mordend kroch ekle Tiere“ / Flammenspritzend auf der Erde “)[7] wieder auf die poetologische Reflexion zurück.

Diese Verse wenden sich an den „neuen“ Dichter, dessen Aufgabe darin besteht „ aufzurütteln “, und zwar aus dem Traum! („ Verträumt pflückten Märchen wir mit weichen Händen “) („ Wir blickten traumschwer blinzelnd auf “) Zweimal wird der Traum, als Bild für die „alte“ Dichtung, mit negativer Wertung verwendet und als Dämmerzustand, welcher der Realität nicht standhält oder sie nicht erfasst („ weiche Hände “), abgelehnt. Der Aufruf, an den Dichter, seine Aufgabe wahrzunehmen („ Den Weg !/Den Weg !// Du Dichter weise. “), verknüpft sich mit dem Hinweis auf den „ Bruder, der das große Wissen in sich trug “ und als Vorbild des Dichter gelten kann. Im „ Bruder “ vermischen sich Anklänge an Johannes den Täufer, der als Rufer in der Wüste Christus den Weg bereitet.[8] Auch sie wird in religiösen Bildern beschrieben, diesmal deutlich als prophetisch charakterisiert, die in einer Zukunftsvision „ Tempel hoher Freude “ erwähnen.

Das Eröffnungsgedicht „ Aufrüttelung “ kritisiert einerseits erstarrte Formen institutionalisierter Religion, um andererseits an prophetische Bilder und Traditionen anzuknüpfen. Ein Vorzeichen dafür bildet die Aufforderung, den „ Kelch zu zerbrechen “, also das christliche Symbol des Leidens und die daran geknüpften Traditionen zu demontieren, um dem erfahrenden Leid des Krieges gerecht zu werden. („ Bereit zur Tat)[9] Das Gedicht gibt das Thema des Dramas vor: “Die „ Wandlung “ eines jungen Mannes, vom Kriegsfreiwilligen zum Revolutionär“[10] Die mit der Suche nach einer qualitativ neuen Gemeinschaft, in der die Gegensätze aufgehoben sind, verbunden ist.

2. Die Totenkaserne

Das Drama beginnt, nach dem Prolog „ Aufrüttelung “, mit einem Vorspiel („ Die Totenkaserne “), „ das auch als Nachspiel gesehen werden kann “ (S.12) Dies ist ein Hinweis auf die Spiegelachsen-Symmetrie des Stückes.

Sieben Bilder sind „ schattenhaft wirklich, in innerlicher Traumferne gespielt zu denken “ (S.12), heißt es in der Regieanweisung. Die formale Analyse der Wandlung zeigt, dass dem Traum bzw. der Vision eine entscheidende und positive Bedeutung zugemessen wird.

3. Der Fremde zwischen Ausgrenzung und Gemeinschaft

Das erste Bild des Dramas beginnt mit einem Monolog des Protagonisten Friedrich, der über seine Stellung als „Fremder“ reflektiert:

„Sie zünden drüben Lichter an.[...]

Mysterien offenbaren sich. [...]

Ausgestoßener taumle ich von einem Ufer zum anderen.

Denen drüben Fremd, den anderen fern. Ekler Zwitter. [...]

Länger schleppe ich nicht diese Zerrissenheit mit mir umher“[11]

Anlass für seine Klage ist das Weihnachtsfest, das sich, trotz seines heidnischen Ursprungs, zum „Geburtsfest“ des Christentums verselbständigt hat, an dem Friedrich kein Anteil hat.

Das Weihnachtsfest hat den Status eines religiösen Feiertages mit vaterländischer Bedeutung; es ist ein erstes Beispiel für die Überlagerung nationaler und religiöser Symbolisierung. Auch wenn hier auf die jüdische Identitätsproblematik des Protagonisten angespielt wird, geht es nicht primär um den Konflikt zwischen zwei Religionen. Vielmehr bedeutet die Möglichkeit, das Weihnachtsfest mitzufeiern, die Zugehörigkeit

zu einer säkularen Gemeinschaft, die im Laufe des ersten Bildes mit der Chiffre „ Vaterland “ näher bezeichnet wird. („ Nun beschenkt mich das Vaterland “)[12]

Als Jude, obwohl dieser Begriff nicht fällt, fühlt er sich den Christen gegenüber „ fremd“ als nicht religiöser Jude seinen Glaubengenossen „fern“, („ Was sind mir die! Dass ihr Blut in mir strömt, was will das bedeuten ? “) In sich zerrissen identifiziert er sich mit Ahasver, „ den Heimatlosem “, der dazu verdammt ist ruhelos umherzuirren. („ Ja, ich suche meinen großen Bruder, Ihn, den ewig Heimatlosen...“)[13]

[...]


[1] Uraufführung 30.09.1919 in Berlin, auf der neugegründeten expressionistischen Stilbühne.

[2] Johan August Strindberg, geb. 22.01.1849 in Stockholm, † 14.05.1912 (Stü>Ernst Toller, Dramen und Gedichte aus dem Gefängnis (1919-1924), Carl Hanser Verlag München Wien 1995 Hrsg. von John M. Spalek und Wolfgang Frühwald.(„Erzählte er nicht als Beispiel die Historie von Strindberg, [...]? „Ein Mann der Literaturgeschichte, wie er schön sagt.“), (S.18)

[3] „Diese Arbeit entstand als erste Niederschrift 1917, im dritten Jahr des Erdgemetzels. Die entgültige Form wurde in der Haft des Militärgefängnisses im Februar und März 1918 vollendet.“ J.B .Metzlersche Verlagsbuchhandlung Stuttgart 1993. Hrsg. von Paul Raabe.

[4] Matthäus 26,39

[5] Dies Zerbrechen korrespondiert mit einer Szene des Dramas, in der ein Pfarrer mit Friedrichs Gesichtszügen das Kreuz zerbricht. („ Von irgendwo kommt ein Pfarrer (Antlitz Friedrichs). Seine erhobenen Hände umschließen ein Kruzifix, das er den Krüppeln entgegenstreckt.“ (S.32/33) „ Seine erhobenen Hände zerbrechen langsam das Kreuz.“) (S.33) 6. Bild der Wandlung.

[6] Ernst Toller, Dramen und Gedichte aus dem Gefängnis: Prolog „Aufrüttelung “ Zeile 3, Carl Hanser Verlag München Wien 1995 Ernst Toller, Eine Jugend in Deutschland. „ Ein Staat, ein Volk, ein System, in dem die Wahrheit unterdrückt wird, oder sich nicht hervorwagt, ist wert, so rasch und endgültig wie möglich zugrunde zu gehen.“ „Von unten her sollte der Geist des Lebens und der Wahrheit als kritischer, belebender, anfeuernder Geist das Tagewerk der Gesellschaft durchdringen, [... ].“ (S.85) Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbeck bei Hamburg, Oktober 1963 (Die Originalausgabe erschien 1933 beim Querido Verlag, Amsterdam, unter dem Titel: Eine Jugend in Deutschland.

[7] Ernst Toller, Dramen und Gedichte aus dem Gefängnis (1918-1924), Carl Hanser Verlag München Wien, 3. Auflage 1995, Hrsg. von John M. Spalek und Wolfgang Frühwald

[8] Matthäus 3,1-12; Lukas 3,1-18; Johannes. Heilverheißung: “Es ist eine Stimme eines Predigers in der Wüste: Bereitet dem Herrn den Weg und machet richtig seine Steige!“ So steht Johannes in der prophetischen Tradition; in seiner Bußpredigt kündigte er eine Krise der Werte an.

[9] Ernst Toller, Gesammelte Werke, Carl Hanser Verlag München Wien, 3. Auflage 1995

[10] Der Fall Toller, Kommentar und Materialien, (S.96), Carl Hansen Verlag München Wien 1979 Hrsg. von John M. Spalek und Wolfgang Frühwald

(Aus dem „Völkischen Kurier“ 21. Juli 1924) („ Der üble Rätejude Toller aus Samotschin, der an der Ermordung der Münchner Geisel nicht ganz unschuldig ist, hatte schon zu der Zeit, als er noch hinter den Festungsmauern saß, die jüdische Frechheit, die Welt auf sich aufmerksam zu machen.“ )

[11] Ernst Toller, Dramen und Gedichte aus dem Gefängnis (1918-1924), (S.17), Carl Hanser Verlag München Wien 1995, Hrsg. von John M. Spalek und Wolfgang Frühwald

[12] Ernst Toller, Dramen und Gedichte aus dem Gefängnis, (1918-1924), (S.21), Carl Hanser Verlag München Wien 1995, Hrsg. von John M. Spalek und Wolfgang Frühwald

[13] Ernst Toller, Dramen und Gedichte aus dem Gefängnis (1918-1924),Carl Hanser Verlag München Wien 1995, Hrsg. von John M. Spalek und Wolfgang Frühwald

Details

Seiten
18
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638331067
ISBN (Buch)
9783638789738
Dateigröße
479 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v32373
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Germanistisches Seminar
Note
1,7
Schlagworte
Ernst Toller Wandlung Proseminar Theater Expressionismus“

Autor

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