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Crowdinvesting als Alternative für die Immobilienwirtschaft? Möglichkeiten und Grenzen der neuen Finanzierungsform

Bachelorarbeit 2016 50 Seiten

BWL - Investition und Finanzierung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Darstellungsverzeichnis

0 Einleitung
0.1 Aufgabenstellung, Zielsetzung und Vorgehensweise

1 Finanzierung in der Immobilienwirtschaft
1.1 Betriebswirtschaftliche Einordnung der Immobilienwirtschaft
1.1.1 Bedeutung der Immobilienwirtschaft
1.1.2 Charakteristik des Wirtschaftsgutes Immobilie
1.2 Besonderheiten der Immobilienfinanzierung
1.2.1 Möglichkeiten der Kapitalbeschaffung
1.2.2 Aktuelle Finanzierungssituation
1.2.3 Die wesentlichen Kreditgeber
1.2.4 Finanzierungsarten
1.2.5 Zinsvereinbarungen
1.2.6 Kreditsicherheiten

2 Crowdinvesting
2.1 Definitionen Crowdinvesting und Crowdfunding
2.2 Entwicklungshistorie
2.3 Funktionsweise des Crowdinvestings
2.4 Rechtlicher Rahmen
2.5 Gängige Finanzierungsformen des Crowdinvestings
2.6 Vor- und Nachteile des Crowdinvestings

3 Immobilienfinanzierungen mit der Crowd - Beispiele
3.1 Umbau und Restaurierung eines Wohn- und Atelierhaus in Frankfurt
3.2 Grundstücksentwicklung am Starnberger See
3.3 Hotelprojekt an der Ostsee
3.4 Erfolglose Projekte

4 Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Darstellungsverzeichnis

Darst. 1: Einordnung nach den betriebswirtschaftlichen Funktion

Darst. 2: Erweiterte Einordnung nach den betriebswirtschaftlichen Funktionen

Darst. 3: Übersicht zu den Kreditsicherheiten

Darst. 4: Vor- und Nachteile des Crowdinvestings

0 Einleitung

Kapital benötigt jedes Unternehmen, sei es bei der Gründung, im Wachstum oder in der Krise. Die klassische Finanzierung musste sich durch neue Vorgaben wie Basel III und Solvency II anpassen. Aus Sicht der wohnungswirtschaftlichen Unternehmen in Deutschland haben die Vorgaben von Basel III und Solvency II große Bedeutung, denn jede Verteuerung der Kredite durch höhere Eigenkapitalunterlegung der Banken hat Auswirkungen auf die Investitionstätigkeit und Wirtschaftlichkeit (vgl. GdW 2012, S. 4).

Aus Expertensicht bleibt die Finanzierung im Immobilienbereich zwar durch die in der Branche üblichen langfristigen, grundpfandrechtlich oder hypothekarisch gesicherten Kredite geprägt, jedoch wird sie durch alternative Finanzierungsformen ergänzt. In der Literatur findet man zu diesem Thema viele interessante Beispiele, so zum Beispiel Finanzierungsalternativen wie Joint-Venture, Mezzanine, Private Equity, Participating-Mort- gage, Securitization (Mortgage Backed Securitization). Über eine neue und innovative Finanzierungsform findet man jedoch noch recht wenig: das Thema Crowdinvesting. Crowdinvesting wird in der aktuellen Literatur noch recht selten beleuchtet, wenn auch die Presse das Thema aufgenommen und über diese Finanzierungsform - auch in der Immobilien- branche - bereits häufiger berichtet hat. Eine Studie der Universität Oldenburg zeigt, dass der Markt für Crowdinvesting in Deutschland stetig wächst. Der Anteil am gesamten Risiko- kapitalmarkt ist zwar mit ca. 3 Prozent noch relativ gering, aber im Jahr 2013 wurde bereits dreimal so viel Kapital für Crowdinvesting-Projekte investiert als beim spenden- und dienst- leistungsbasierten Crowdfunding (vgl. EFNW 2014, S. 14).

0.1 Aufgabenstellung, Zielsetzung und Vorgehensweise

Diese Arbeit wird sich konkret mit der alternativen Finanzierungsform des Crowdinvestings beschäftigen und hinterfragen, ob Crowdinvesting eine Finanzierungsalternative darstellen kann oder eher ergänzend zu den üblichen Finanzierungsformen in der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft nützlich ist.

Dazu wird im ersten Kapitel auf die Merkmale der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft und die Besonderheiten der Finanzierung in der Branche eingegangen. Das zweite Kapitel ver- sucht den Begriff des Crowdinvestings zu definieren und beschäftigt sich u. a. mit der Be- griffsbestimmung, der Historie, der Vorgehensweise sowie der aktuellen Rechtslage. Zusätz- lich werden einige gängige Finanzierungsformen aufgezeigt und die Vor- und Nachteile beschrieben. Im dritten Kapitel werden einige aktuelle Beispiele des Crowdinvestings in der Immobilienwirtschaft erläutert und verglichen. Zusammenfassend soll begründet werden, ob und warum das Crowdinvesting eine nutzvolle Alternative oder Ergänzung zu den klassischen Finanzierungsformen sein kann.

1 Finanzierung in der Immobilienwirtschaft

Um die Finanzierungsform des Crowdinvestings mit den klassischen, alt bewährten Finanzie- rungsarten in der Immobilienwirtschaft vergleichen zu können, sollen in diesem Kapitel zu- nächst auf die Einordnung der Immobilienbetriebswirtschaftslehre und der Charakteristik des Wirtschaftsgut Immobilie eingegangen sowie die klassischen Finanzierungsformen benannt und erläutert werden. Zusätzlich wird die Besicherung des Fremdkapitals erklärt, da diese aufgrund der hohen Kapitalsummen und langen Finanzierungsdauer im Immobilienbereich einen hohen Stellenwert einnimmt.

1.1 Betriebswirtschaftliche Einordnung der Immobilienwirtschaft

Die Immobilienwirtschaft wird als eine Spezialdisziplin in der Betriebswirtschaftslehre betrachtet und neben der Bankbetriebslehre oder Handelsbetriebslehre als eine der jüngeren Wissenschaftsdisziplinen behandelt (vgl. Hellerforth 2012, S. 2; Brauer 2013, S. 5).

Hellerforth beschreibt dabei die Immobilienwirtschaft als den „Wirtschaftszweig, der sich mit der Entwicklung, Produktion, Bewirtschaftung und Vermarktung von Immobilien beschäftigt“ (Hellerforth 2012, S. 2). Es werden Elemente aus der allgemeinen Betriebswirtschaftslehre wie Kosten- und Leistungsrechnung auf den jeweiligen Wirtschaftszweig angepasst, zum Beispiel Kosten- und Leistungsrechnung für Immobilienunternehmen (ebd.).

Eine inhaltliche Strukturierung der Immobilienwirtschaft nimmt Brauer (2013) analog zur allgemeinen Betriebswirtschaft vor: zum Einen nach den Funktionen des Leistungsprozesses wie Beschaffung, Produktion und Absatz und zum Anderen nach der marktorientierten Unternehmensführung bzw. dem Marketingansatz.

Betrachtet man hierbei den betrieblichen Leistungsprozess in der Immobilienwirtschaft sieht das folgendermaßen aus:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Darst. 1: Einordnung nach den betriebswirtschaftlichen Funktionen (Brauer 2013, S. 6)

Die Immobilie wird als Produkt und Wirtschaftsgut gesehen, welches als Ergebnis des Leistungsprozesses geplant, entwickelt, gebaut und verkauft wird. Allerdings muss die Immobilie aufgrund ihrer Langlebigkeit darüber hinaus betrachtet werden. Brauer bezieht sich hier auf die lange Nutzungsphase, die eine Dienstleistung durch ein Immobilienunternehmen notwendig macht.

„Diese Dienstleistung kann in der Vermietung, im Verkauf, in der Verpachtung oder in der Bewirtschaftung der Immobilie bestehen. (…) So fallen bei Dienstleistungsprozessen, infolge der Immaterialität der Leistung, Produktion und Absatz zusammen.“ (Brauer 2013, S. 7)

Die Immaterialität und Nichtlagerfähigkeit von Immobilien ändern so die klassische Betrachtung des betrieblichen Leistungsprozesses (vgl. auch Alda/Hirschner 2014, S. 18):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Darst. 2: Erweiterte Einordnung nach den betriebswirtschaftlichen Funktionen (Brauer 2013, S. 7)

Die zweite Betrachtung erfolgt bei Brauer auf Grundlage einer marktorientierten Unter- nehmensführung (Marketingansatz). Hierbei stehen die gegenwärtigen und künftigen Markt- entwicklungen im Fokus und alle Unternehmensaktivitäten richten sich danach aus. Für den Immobilienmarkt wird diese Marktorientierung immer wichtiger. Zumal bei Immobilien- investitionen langfristige und hohe Kapitalbindungen eine wichtige Rolle spielen. Das Risiko für Fehlentscheidungen und somit hohen Kapitalverlusten macht eine intensive Orientierung am Markt, d.h. umfangreiche Informationsbeschaffung über spezifische Zielgruppen und deren Nachfrageverhalten erforderlich. Darauf bauen weitere Entscheidungen zur Produkt-, Kontrahierungs-, Distributions- und Kommunikationspolitik auf (vgl. Brauer 2013, S. 7f.).

1.1.1 Bedeutung der Immobilienwirtschaft

Eine allgemeingültige Definition der Immobilienwirtschaft gibt es nicht1. Demzufolge kritisieren die Autoren Alda/Hirschner, dass die gesamtwirtschaftliche Bedeutung der Immobilienwirtschaft bisher nicht im vollen Umfang erkannt und wahrgenommen wurde (vgl. Alda/Hirschner 2014, S. 18).

In einem Gutachten der Gesellschaft für Immobilienwirtschaftliche Forschung e. V. über die volkswirtschaftliche Bedeutung der Immobilienwirtschaft ging im Jahr 2005 folgendes hervor:

- Die Immobilienwirtschaft besaß im Jahr 2003 ein Gesamtvermögen von 7,2 Bio. Euro (inklusive Nettowiederbeschaffungswerte von sämtlichen Bauten und Grundstücken). Wenn Ausrüstungsgüter, also Maschinen, Computer etc., und sonstige Anlagen dazu- gerechnet werden, ergibt sich ein erweitertes Anlagevermögen von über 8,2 Bio. Euro. Ͳ Der Umsatz lag im Jahr 2002 bei insg. über 165.000 Betrieben mit Schwerpunkt auf immobilienwirtschaftlichen Leistungen bei 98,15 Mrd. Euro, wobei ein Drittel auf die Vermittlung und zwei Drittel auf die Verwaltung entfiel.
- Für die Bereitstellung von nutzbaren Immobilien, der Erweiterung, Modernisierung und Substanzerhaltung des Bauwerksbestands im Jahr 2000 wurden etwa 3,6 Mio. Arbeits- plätze benötigt. Das entsprach einem Anteil von einem Zehntel aller Erwerbstätigen (vgl. Alda/Hirschner 2014, S. 19).

Auch wenn die Daten bereits etwas älter sind, wird sich die volkswirtschaftliche Bedeutung der Immobilienwirtschaft quantitativ nicht gravierend verändert haben. Somit ist die Definition der Immobilienwirtschaft als ein funktional oder institutionell abgegrenzter Teilbereich einer Volkswirtschaft nicht ausreichend (ebd.).

„Immobilienwirtschaft“ findet man den Eintrag unter dem Oberbegriff „Institutionelle BWL“, zu dem auch die Industriebetriebslehre, Bankbetriebslehre, Versicherungslehre, Handelsbetriebslehre, Betriebswirtschaftslehre der öffentlichen Unternehmen und Verwaltungen, Verkehrsbetriebslehre, Betriebswirtschaftslehre des Tourismus, Landwirtschaftliche Betriebslehre, Medienmanagement, Verwaltungsbetriebslehre, Versicherungsbetriebslehre, Bergwirtschaftslehre sowie das Verbände- und Non-Profit-Organisationsmanagement zählen.

1.1.2 Charakteristik des Wirtschaftsgutes Immobilie

Die Besonderheiten gegenüber anderen speziellen Betriebswirtschaftslehren resultieren bei der Immobilienwirtschaft aus der Charakteristik des Wirtschaftsgutes Immobilie. Ein wesent- liches Merkmal ist die Standortgebundenheit durch die Immobilität, also Unbeweglichkeit der Immobilie. Die Vermarktung ist somit abhängig von der regionalen Wirtschafts- und Arbeitsmarktsituation sowie von der technischen und kulturellen Infrastruktur und den ökologischen Faktoren. Aufgrund der Standortgebundenheit ist auch jede Immobilie ein Unikat und somit einmalig, da selbst bei identischer Bauweise und Grundrissen keine Immobilie völlig identisch mit einer anderen ist. Selbst jede Wohnung oder Gewerbeeinheit ist einmalig, aufgrund von Unterschieden in der Belichtung oder Beschallung (vgl. Brauer 2013, S. 10f.). Aus der Einmaligkeit ergibt sich das nächste Merkmal: die Heterogenität der Immobilie. Die Ungleichartigkeit der Immobilie kann verschiedene Ausmaße annehmen. Ist die Heterogenität klein, kann es sich auch um nahezu homogene Immobilien handeln. So konkurrieren beispielsweise ähnlich geschnittene Dreiraumwohnungen in einem Haus oder einer Straße miteinander. Heterogen sind die Dreiraumwohnungen, wenn sie sich in unterschiedlicher Lage (verschiedenen Stadtteilen oder Städten) befinden oder eine unterschiedliche Ausstattung haben (ebd., S. 11). Zudem besitzen Immobilien eine lange Produktionsdauer. Das schließt neben dem Bau der Immobilie auch das Planungs- und Genehmigungsverfahren mit ein. Je nach Größenordnung des Bauprojekts kann die Dauer zwischen zwei und fünf Jahren oder länger betragen.

„Infolge der langen Produktionsdauer besteht zwangsläufig eine geringe Angebots- elastizität. Es kann nur mit Zeitverzögerung auf eine veränderte Nachfrage reagiert werden. Gleichzeitig geht damit eine erhöhte Unsicherheit für den Investor einher.“ (Brauer 2013, S. 11)

Die weiteren Merkmale des Wirtschaftsgutes Immobilie sind eine hohe Kapitalbindung, Langlebigkeit sowie hohe Übertragungskosten.

Entscheidet man sich in Immobilien zu investieren, muss man meistens eine relativ hohe Kapitalbindung in Kauf nehmen. Diese kann aber auch z.B. über einen Zwischeninvestor, der in eine Immobilie zum Zwecke des Verkaufs investiert, relativ kurz sein. Bei einem Endinvestor, der die Immobilie für dauerhafte Vermietung oder Eigennutzung im Bestand behält, wäre die hohe Kapitalbindung entsprechend lang mit dem zusätzlichen Risiko einer veränderten Marktlage (vgl. Brauer 2013, S. 12).

Eine Immobilie zeichnet sich auch durch ihre Dauerhaftigkeit bzw. Langlebigkeit aus.

Während ihrer Lebensdauer kann sie mehrfach ver- und gekauft werden. Es konkurrieren Immobilienbestand und Neubauten miteinander, wobei der Immobilienbestand gegenüber Neubauten deutlich dominiert. Hohe Übertragungskosten bei Immobilien entstehen durch Verkauf und Eigentumsübertragung, zum Beispiel Grunderwerbssteuer, Notar- und Amtsgerichtsgebühren und Maklercourtage (vgl. Brauer 2013, S. 12f.).

1.2 Besonderheiten der Immobilienfinanzierung

Als Finanzierung wird in der Betriebswirtschaftslehre die Beschaffung von Kapital zur Realisierung einer Investition bzw. zur kurz-, mittel- oder langfristigen Vermögensbildung verstanden (vgl. Brauer 2013, S. 467; Hellerforth 2012, S. 110, Murfeld 2014, S. 226). Hierbei wird nach der Kapitalherkunft (Innen- und Außenfinanzierung), nach der Kapitalart (Eigen- und Fremdkapital) und nach den Kapitalfristigkeiten (kurz-, mittel-, langfristige Kapitalbereitstellung) unterschieden. Neben der Eigenkapitalfinanzierung durch selbst er- wirtschaftetes oder zugeführtes Kapital (bei Kapitalgesellschaften die sogenannte Beteili- gungsfinanzierung) stellt die Fremdfinanzierung durch die klassische Kreditgewährung eine wesentliche Finanzierungsform im Immobilienbereich dar (vgl. Brauer 2013, S. 468). Volkswirtschaftliche Bedeutung haben die Beteiligungs- und Fremdfinanzierung, da das Kapital jeweils von außen zugeführt wird: bei der Beteiligungsfinanzierung durch den Verkauf von Beteiligungen wie Aktien, GmbH- oder Genossenschaftsanteile sowie durch die Refinanzierung der Banken bei der Kreditvergabe (ebd.).

1.2.1 Möglichkeiten der Kapitalbeschaffung

Ein Immobilienunternehmen muss wie jedes andere Unternehmen zumindest seinen Kapital- bedarf decken. Das kann auf zwei Arten erfolgen: zum Einen durch den Einsatz eigener Mittel (Eigenfinanzierung) und zum Anderen durch den Einsatz fremder Mittel (Fremdfinan- zierung).

Der Finanzierungsbedarf setzt sich zum Beispiel folgendermaßen zusammen (vgl. Hellerforth 2012, S. 114f.; Murfeld 2014, S. 238):

- Investitionsbeträge, zum Beispiel Kauf eines Grundstücks, Bebauung eines Grundstücks, Sanierung einer Bestandsimmobilie,
- zwingende laufende Verpflichtungen, zum Beispiel Löhne, Gehälter, Stromkosten, Steuern, Reparaturen, Zins- und Tilgungsleistungen.

Die Eigenfinanzierung wird durch das verfügbare Eigenkapital begrenzt. Zudem ist es aber die sicherste Finanzierungsalternative, da es dem Unternehmen am längsten zur Verfügung steht, keine Rückzahlungsnotwendigkeit und Zinszahlungsverpflichtungen bestehen. Fremd- kapital ist zeitlich begrenzt und sollte daher der Investitionsdauer angepasst werden, um notwendige Zinsleistungen auf ein Minimum zu begrenzen (vgl. Hellerforth 2012, S. 115).

Die Autoren Alda und Hirschner (2014) beschreiben, dass in unkritischen Zeiten des Immo- bilienmarktes bis zu 100 Prozent Fremdkapital gewährt wird. In Zeiten fallender Mieten, steigender Leerstände und Insolvenzen oder generell in Krisenzeiten (zum Beispiel bei einer Finanzmarktkrise) steigt allerdings der von den Geldgebern erwartete Eigenkapitalanteil enorm auf etwa 20 bis 50 Prozent des benötigten Gesamtkapitals an (vgl. Alda/Hirschner 2014, S. 129). Die Bilanzen von Immobilienunternehmen lassen erkennen, dass der Eigenkapitalanteil bei ca. 15 Prozent liegt und das Anlagevermögen fast 80 Prozent am Gesamtvermögen ausmacht. Das kommt daher, dass die Investitionsvolumina beim Bau von Gebäuden extrem hoch sind und die Unternehmen die Beträge, die für einen langen Zeitraum eingeplant werden, sicherlich nicht aus eigenen Mitteln aufgebracht werden können (vgl. Murfeld 2014, S. 239).

Die Fremdfinanzierung bringt eine Vielzahl von Möglichkeiten mit sich, wobei innovative und flexible Formen neben den traditionellen Alternativen immer wichtiger werden. Ein gutes Finanzkonzept ist ein bedeutender Erfolgsfaktor der Immobilieninvestition (vgl. Hellerforth 2012, S. 116).

Die hohe Sicherheit von Immobilien war bisher immer ein gutes Argument, Investitionen finanziert zu bekommen. Verschiedene Aspekte wie ein bereits vorhandener Grundstücks- bestand der Immobilienunternehmen bzw. einzelne Gebäude mit langfristigen Mieterträgen als Pfandobjekt sprachen dafür. Selbst mit hohen Leerständen konnten die Gläubiger im Rahmen von Zwangsvollstreckungsmaßnahmen aus Grundstücken vollständig befriedigt werden. Allerdings blieb in den letzten Jahren die erwartete Preisentwicklung bei Immobilien in vielen Fällen hinter den Erwartungen zurück, so dass sich die allgemeine wirtschaftliche Entwicklung sowie die zusätzlich verschärften Anforderungen der Bankenaufsicht an die Kreditvergabe die Sichtweise bei den Kreditinstituten verändert hat. Die Kreditinstitute verteilen nun aus Gründen der Risikostreuung ihr gesamtes Kreditvolumen zum Beispiel auf verschiedene Branchen. Grundlage für die Kreditvergabe bildet die Frage, ob das Unternehmen in der Lage ist, den Kapitaldienst (Zinsen plus Tilgung) auf Dauer zu erbringen. Kritisch könnte die Situation werden, weil der Zinsaufwand an den Mieteinnahmen in der Regel 25 bis 33 Prozent beträgt (vgl. Murfeld 2014, S. 239).

„Zusätzlich muss bei teilweise hohem Leerstand das Zinsänderungsrisiko beachtet werden, wenn die derzeitig historisch niedrigen Darlehenszinsen wieder steigen sollten. Auch das Auslaufen von staatlichen Förderungen oder Steuervergünsti- gungen führen zu weiteren finanziellen Belastungen für Immobilienunternehmen.“ (Murfeld 2014, S. 239)

Konsequenzen daraus sind für die Kreditnehmer laufende und umfassende Berichterstattun- gen über zum Beispiel die Vermietungslage, Vermietungsaussichten, Finanzierungsstruktur, Kennzahlen, Zinsänderungsrisiken usw. Wenn sich die finanzielle Lage tatsächlich verschlechtert, könnten höhere Sicherheiten die Folge sein (vgl. Murfeld 2014, S. 239).

Eine der zentralen Fragestellungen bei der Kapitalbeschaffung ist, in welcher Höhe bzw. in welchem Verhältnis von Fremd- und Eigenkapital sie bestmöglich erfolgen soll. In diesem Zusammenhang wird oft der Leverage-Effekt als Hilfsmittel genannt. Der Leverage-Effekt ist ein Synonym für die Hebelwirkung des Fremdkapitals. Wenn Fremdkapital durch ein niedriges Zinsniveau billiger ist als Eigenkapital, kann durch den Ersatz von Eigenkapital mit Fremdkapital und damit der Erhöhung des Verschuldungsgrades die Eigenkapitalrentabilität erhöht werden (Leverage Chance). Voraussetzung dafür ist, dass die Gesamtkaptalrendite höher ist als der Fremdkapitalzins. Sobald die Kosten des Fremdkapitals höher sind als die Gesamtkapitalrendite schlägt der Effekt um (Leverage Risk). Allerdings bedeutet eine erhöhte Fremdkapitalaufnahme auch erhöhte Risiken. Wenn der Eigenkapitalpuffer stark reduziert wird, werden negative Entwicklung deutlicher zu spüren sein. Bei zunehmender Verschuldung steigt die Abhängigkeit des Unternehmens von den Kapitalgebern und eventuellen Zinsschwankungen: Das Insolvenzrisiko erhöht sich (vgl. GdW 2012, S. 10f.).

Auch sollte hier kurz auf die Beschränkungen durch Basel III und Solvency II eingegangen werden. In Folge der Finanzmarktkrise (u. a.) wurden die Basel-Abkommen geschaffen2 mit dem Ziel, die Sicherung der Banken mit einer angemessenen Eigenkapitalausstattung und damit Stabilität des Bankensektors sowie die Schaffung einheitlicher Wettbewerbsbedin- gungen für die Kreditvergabe und den Kredithandel zu erreichen. Für die Immobilien- und Wohnungswirtschaft hat das verschiedene Folgen: Durch das Einführen einer maximalen Verschuldungsgrenze müssen viele Banken ihr Finanzierungsgeschäft deutlich einschränken. Eine gute Bonität des Kreditnehmers ist in dem Fall irrelevant. Hohe Kreditvolumina und lange Laufzeiten, die üblich im Immobilienbereich sind, werden für die Banken zunehmend uninteressant. Die hohen Kreditsummen sind vor allem risikoreich (so genanntes Klumpen- risiko). Durch die Verknappung der Kredite, werden diese auch teurer (vgl. GdW 2012, S. 6f.). Bei Solvency II ist es ähnlich. Hier beziehen sich die Regulierungen - verkürzt gesagt - ebenfalls mit ausreichender Eigenkapitalunterlegung auf die Finanzierung über Versicherungsunternehmen statt über Banken. So müssen zukünftig die Wege der Kapitalbeschaffung vielfältiger werden. Es wird wichtig sein, sich nicht mehr nur auf ein oder zwei Kreditgeber zu stützen, sondern auch andere Angebote zu prüfen (ebd., S. 7f.).

1.2.2 Aktuelle Finanzierungssituation

Nach Kn ü fermann (2014) zeichnet sich die Wohnungs- und Immobilienwirtschaft durch Finanzierungen mit hohen Investitionsvolumen bzw. betriebswirtschaftlich signifikanten Los- größen, häufig geringer Eigenkapitalanteil an der Gesamtfinanzierung, einer Langlebigkeit der Güter und daran ausgerichteten langfristigen Finanzierung bzw. Tilgungsplanung aus (vgl. Knüfermann 2014, S. 2). Die Kreditbereitstellung stellt sich in der heutigen Zeit folgender- maßen dar: Zum einen war der Immobilieninvestmentmarkt im Jahr 2013 durch zögernde Finanzmittelbereitstellung seitens der Investoren wie Kreditinstitute und sonstige Kapital- marktbeteiligte gekennzeichnet. Zum anderen war das Kreditangebot für besicherte Woh- nungsbaufinanzierungen aufgrund der Konjunkturphase in Deutschland und Zentralbank- politik alles andere als eingeschränkt. Der Bauzins erreichte ein Rekordtief (ebd.).

Schwerpunkt in der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft sind die Märkte für langfristiges Fremdkapital. Börsennotierte Aktiengesellschaften sind hier eher selten vorzufinden, da , ausschlaggebend für den Fremdkapitalfokus, die Mehrheit der Unternehmen in Deutschland durch ihre kommunale Trägerschaft oder genossenschaftliche Rechtsform gar nicht eigenkapitalbörsenfähig ist (vgl. Knüfermann 2014, S. 3). Die Bankenmärkte stellen grund- sätzlich die volumenmäßig tragende Finanzierungssäule der Wohnungs- und Immobilien- wirtschaft dar. Im Jahr 2012 lag das Volumen der Wohnungsbaukredite bei 311,2 Mrd. Euro und war damit größer sogar, als das Umlaufvolumen festverzinslicher Wertpapiere inländischer Unternehmen mit 220,5 Mrd. Euro (vgl. Knüfermann 2014, S. 4).

[...]


1 Vgl. auch hierzu Springer Gabler Verlag (Hrsg.): Wirtschaftslexikon online: Unter dem Stichwort

2 Der „Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht“ forderte bereits 1988 mit Basel I eine angemessene Eigenkapitalausstattung von den international tätigen Banken (vgl. Riehm/Riehm 2009, S. 12).

Details

Seiten
50
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668250666
ISBN (Buch)
9783668250673
Dateigröße
600 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v323647
Note
1,2
Schlagworte
Crowdinvesting Crowdfunding Immobilienwirtschaft Finanzierung

Autor

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Titel: Crowdinvesting als Alternative für die Immobilienwirtschaft? Möglichkeiten und Grenzen der neuen Finanzierungsform