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Kinderarbeit in indischen Steinbrüchen. Ein ewiger Kreislauf aus Armut, Leid und Sklaverei?

Facharbeit (Schule) 2012 41 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Historische Entwicklung der Kinderarbeit in Deutschland

2. Eine ethische Auseinandersetzung mit der Kinderarbeit in Indien aus christlicher Sicht
2.1 Kinderarbeit in indischen Steinbrüchen
2.1.1 Indische und internationale Gesetzgebung zum Thema Kinderarbeit
2.1.2 Ursachen und Auswirkungen der Kinderarbeit
2.2 Ethische Aspekte der Kinderarbeit
2.2.1 Christliche Sichtweisen und das Hilfswerk MISEREOR
2.2.2 Ethische Interessen der Unternehmen und der Käufer
2.2.3 Die Problematik der Kinderarbeit
2.3 Fazit und Lösungsansatz

3. Ausblick auf die Zukunft

4. Anhang

5. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Historische Entwicklung der Kinderarbeit in Deutschland

Von Kindern durchgeführte Arbeit, die sie ihrer Kindheit und Würde beraubt, ihnen den Zugang zur Ausbildung und zum Erwerb von Fachkenntnissen verwehrt und unter Bedingungen erfolgt, die ihrer Gesundheit und Entwicklung schaden.[1]

So definiert die International Labour Organisation (ILO) ausbeuterische Kinder­arbeit. Schon seit 1891 wurde versucht, die Kinderarbeit in Deutschland zu verbieten. Schutzregelungen und Gesetze verhindern heute die Ausbeutung von Minderjährigen und garantieren einen Schulbesuch für jedes Kind. Doch hat es mehr als ein Jahrhundert gedauert und viele verschiedene Gesetzesentwürfe benötigt, um den besonderen Schutz des Kindes zu gewährleisten. Als man erkannte, dass Kindern die harte Arbeit in der Industrie und der Landwirtschaft nicht zugemutet werden kann, wurde das erste Arbeiterschutzgesetz vom 1. Juni 1891 verabschiedet. Dieses begrenzte die Arbeitszeit von Kindern zwischen 13 und 18 Jahren, verbot die Arbeit für Kinder unter 13 Jahren in Fabriken und untersagte die Arbeit von Kindern während der Nacht sowie an Sonntagen. In den darauffolgenden Jahren wurden die Gesetze deutschlandweit verschärft, bis die Kinderschutzgesetze von 1903 und 1908 die Kinderarbeit im Handel und in der Heimindustrie regelten.[2] Seit dem 12. April 1976 ist die Arbeit von Kindern unter 15 Jahren in Deutschland verboten. Das Jugendarbeitsschutzgesetz legt die tägliche Arbeitszeit für Jugendliche von acht Stunden täglich fest und beschreibt die Tätigkeiten, die diese ausüben dürfen.[3] Zusätzlich zu diesen Gesetzen wurde am 26. Januar 1990 die UN- Kinderrechts­konvention von der Bundesrepublik Deutschland unterzeichnet, in der ausführlich die Rechte des Kindes aufgeführt werden. In Artikel 32 wird der Schutz vor wirtschaftlicher Ausbeutung hervorgehoben, das Recht auf Bildung wird durch Artikel 28 garantiert.[4] Auch die ILO-Konvention 182 ratifizierte Deutschland im Jahre 2002 und verpflichtete sich somit, aktiv gegen ausbeuterische Kinderarbeit vorzugehen.[5] Bis zum heutigen Zeitpunkt werden in Deutschland immer wieder neue Gesetze zum Schutz der Kinder entworfen und verabschiedet, um Minderjährigen noch mehr Sicherheit vor Ausbeutung und Misshandlung gewähren zu können.[6]

In vielen Teilen der Erde aber gibt es keines dieser Gesetze oder die dortige Regierung berücksichtigt diese nicht ausreichend. Hieraus ergibt sich eine nicht zu unter­schätzende Problematik, die auch die deutschen Konsumenten betrifft. Diese könnten nämlich bewusst positiven Einfluss auf die Kinderarbeit in betroffenen Ländern nehmen und so den christlichen Grundgedanken der Nächstenliebe umsetzen. Da die Kinderarbeit eine international weitverbreitete Angelegenheit ist, beschränkt sich die vorliegende Seminararbeit auf die illegale Beschäftigung von Kindern in indischen Steinbrüchen. Dort werden sie misshandelt, ausgebeutet und müssen unter unmenschlichsten Bedingungen arbeiten, weshalb ein eindeutiger Verstoß gegen die Kinderrechtskonvention und die dortige Gesetzeslage besteht. Diese Arbeit beinhaltet im Folgenden eine kritische Betrachtung des zuvor genannten Themas.

2. Eine ethische Auseinandersetzung mit der Kinderarbeit in Indien aus christlicher Sicht

Es können sehr viele verschiedene Arten von Kinderarbeit auftreten, wie zum Beispiel die Mithilfe im elterlichen Haushalt oder ein Nebenjob zur Ergänzung des Taschengeldes. Doch die harte Zwangsarbeit in indischen Steinbrüchen wird als gesundheitsschädigende Kinderarbeit bezeichnet, da dort Kinder unter 14 Jahren täglich mehrere Stunden Schwerstarbeit leisten müssen und keine Schule besuchen dürfen. Im weiteren Verlauf dieser Seminararbeit wird immer von Kinderarbeit im Allgemeinen gesprochen, doch gemeint ist nicht die entwicklungsfördernde, sondern die ausbeuterische Kinderarbeit.

2.1 Kinderarbeit in indischen Steinbrüchen

Erst vor einigen Jahren wurde bekannt, dass auch in indischen Steinbrüchen Kinder arbeiten müssen. Zuvor wurde Kinderarbeit meist mit Teppichfabriken in Ver­bindung gebracht. Doch Benjamin Pütter[7], Kinderarbeitsexperte von MISEREOR und Mitbegründer des Vereins Xertifix, bereiste 1999 Indien, um deutschen Steinmetzen garantieren zu können, dass ihre Produkte ohne Kinderarbeit hergestellt werden. Entgegen seiner Annahmen fand er in jedem einzelnen Steinbruch Indiens arbeitende Kinder vor. Seitdem erlangte die dortige Kinderarbeit internationale Aufmerksamkeit und wurde zur Aufgabe vieler Hilfsorganisationen.

Trotz der indischen und der internationalen Gesetze konnte nicht verhindert werden, dass im Jahre 1994 laut einer Studie, die von indischen Ministerien und UNICEF herausgegeben wurde, 90 Millionen Kinder in Indien arbeiten mussten,[8] teilweise wie Sklaven, ohne Rechte und ohne Sicherheitsvorkehrungen. Meist müssen sie mehr als zehn Stunden pro Tag harte Arbeit leisten, wofür sie jedoch nur einen Hungerlohn von 40 Rupien (umgerechnet etwa 60 Cent) erhalten.[9] Für die dort beschäftigten Kinder gibt es außerdem keine sozialen Absicherungen, die sie vor Verarmung schützen oder ihnen eine medizinische Grundversorgung bieten könnten. Wenn sie sich während ihrer langen Arbeitszeit verletzen und nicht mehr fähig sind, ihre anstrengenden Aufgaben zu erfüllen, fällt sogar dieser minimale Lohn für die Familie weg.[10] Im Folgenden wird deshalb die genaue Gesetzeslage in Indien und weltweit erläutert und die Auswirkungen der harten Arbeit auf die Minderjährigen aufgezeigt.

2.1.1 Indische und internationale Gesetzgebung zum Thema Kinderarbeit

In der indischen Verfassung wird bereits in Artikel 24 die Arbeit von Kindern unter 14 Jahren in Fabriken, Bergwerken und in sonstigen gefährlichen Umgebungen verboten. Auch wird in Artikel 39 festgelegt, dass Kinder vor Ausbeutung, Vernachlässigung und psychischer Belastung geschützt werden sollen. Ergänzend dazu schreibt Artikel 42 gerechte und menschliche Arbeitsbedingungen vor, um den Schutz vor Ausbeutung zu gewährleisten.

Ein weiterer wichtiger Punkt, den auch die UN-Kinderrechtskonvention anspricht, ist Artikel 45. Dieser sieht vor, dass alle Kinder unter 14 Jahren die Schule besuchen, und garantiert gleichzeitig den Anspruch auf einen kostenlosen Schulbesuch.[11]

Da aber alle diese schon seit langem festgesetzten Regelungen insbesondere in den Steinbrüchen nicht eingehalten werden, ergeben sich erste ethische Probleme, die aus christlicher Sicht nicht vertretbar sind. Die ausbeuterische Kinderarbeit in Indien verstößt nämlich nicht nur gegen die dortigen Gesetze, sondern auch gegen das internationale Übereinkommen über die Rechte des Kindes, dessen ausführliche Aufforderungen teilweise auf die Grundsätze des Christentums zurückzuführen sind.[12] Die UN-Kinderrechtskonvention wurde schon 1992 von Indien ratifiziert, doch sie konnte in kaum einer Region sinngemäß umgesetzt werden. Diese fordert nämlich, Kinder vor wirtschaftlicher Ausbeutung zu schützen und sie nicht zu gefährlichen Arbeiten heranzuziehen. Schuldknechtschaft und Zwangsarbeit sind aber weitverbreitete Formen der Kinderarbeit in Indien.[13]

Die ungenauen Definitionen der einzelnen Gesetze machen es auch schwer, die Kinderarbeit in Indien einzuschränken, da diese zu viel Raum für Interpretation und Umgehung lassen. Ein Beispiel dafür ist das Gesetz zum Verbot und der Regulierung der Kinderarbeit (Child Labour Prohibition and Regulation Act) aus dem Jahre 1986.[14] Benjamin Pütter kritisiert die Formulierung dieser Bestimmung stark, zumal bei einem ausdrücklichen Verbot der Kinderarbeit nicht die Möglichkeit bestehen darf, diese Aussage in irgendeiner Weise abschwächen zu können.[15] Doch genau der Ausdruck ‚Regulierung‘ vereinfacht es indischen Unternehmern, Kinder in deren Steinbrüchen arbeiten zu lassen. Wirkliche Maßnahmen gegen die dortigen Arbeitgeber, wie eine mehrmonatige Gefängnisstrafe bei Verstößen, können nicht durchgeführt werden, da sie durch dieses Gesetz in gewisser Weise geschützt werden.[16] Es muss auch kritisch festgestellt werden, dass die ILO-Konvention 182 von Indien noch nicht ratifiziert wurde. Diese würde noch einmal zusätzlich die besondere Schutzbedürftigkeit von Kindern hervorheben und die Schädlichkeit der Kinderarbeit betonen.

2.1.2 Ursachen und Auswirkungen der Kinderarbeit

Den Hauptgrund der Kinderarbeit sieht Benjamin Pütter in der Unwissenheit vieler indischer Familien. Den meisten Eltern dort ist es nicht bekannt, dass die ausbeute­rische Kinderarbeit in Steinbrüchen verboten ist und ihre Kinder das Recht auf einen kostenlosen Schulbesuch haben. Besonders bei den Kastenlosen ist die Bildungsrate gering, da ein Großteil von ihnen niemals lesen und schreiben gelernt hat. Der Begriff Recht besitzt für sie einen so abstrakten Charakter, dass sie den unmittelbaren Nutzen davon größtenteils nicht erkennen können.

Auch das Kasten­wesen nennt Benjamin Pütter als Ursache für die Kinderarbeit. Zwar betont er, dass es nur ein kleiner Teilaspekt der gesamten Kinderarbeit wäre, dieser aber einen wichtigen Punkt speziell in Indien bilde. Denn die meisten Kinderarbeiter dort kommen aus einer niederen Kaste oder gehören den Kastenlosen an, weshalb sie vermehrt der Willkür des Steinbruchbesitzers ausgesetzt sind. Laut dem Hinduismus gehört man ein Leben lang seiner niederen Kaste an[17] und ist somit in das ewige System aus Verzweiflung, Armut und Unterdrückung eingebunden. Viele Arbeit­geber dieser Kinder sehen es als ihre Pflicht, die soziale Funktion ihrer Kaste zu erfüllen. Ihrer Meinung nach ist es göttlicher Wille, dass diese jungen Menschen unter unwürdigsten Bedingungen arbeiten müssen und für etwaiges Widersetzen bestraft werden. Dieser Zustand wird als eine Art Prüfung gesehen, nach deren Bestehen man im nächsten Leben einer höheren Kaste angehören wird.[18]

Das wirtschaftliche Ungleich­gewicht in Indien trägt offensichtlich auch zur Zahl der Kinderarbeiter bei. Zwar gibt es auch dort einige gutbezahlte Arbeiten, doch diese Wohlhabenden gehören mit zwanzig Prozent zur eindeutigen Minderheit.[19] Ihnen bereitet es vermutlich kein schlechtes Gewissen, Kinder für ihren Profitwillen arbeiten zu lassen und die dortigen Familien in eine Art Abhängigkeit zu bringen. Denn für die Ärmsten in den Bundesstaaten Indiens ist die Kinderarbeit ein notwendiges Mittel, um ihren Lebensunterhalt finanzieren zu können.[20] Durch die stundenlange Arbeit in den Steinbrüchen wird den Kindern jedoch der Besuch einer öffentlichen Schule verwehrt und die Möglichkeit genommen, durch eine Ausbildung der Kinderarbeit entgegenzuwirken.

Ein weiterer wichtiger Punkt darf in diesem Zusammenhang nicht außer Acht gelassen werden. Die indischen Exporteure tragen ausschlaggebend zur Kinderarbeit in den Steinbrüchen bei, da sie durch die billigen Arbeitskräfte einen hohen Profit erzielen können. Diese Unternehmer verkaufen nämlich ihre Natursteine für einen Preis an die deutschen Händler, der die Bezahlung erwachsener Arbeiter vorsieht. Doch in Wirklichkeit zahlen sie den dort arbeitenden Kindern nur einen Bruchteil des Mindestlohns, wodurch sie enorme Gewinne für ihre Betriebe erwirtschaften.

In mancher Hinsicht könnten auch die deutschen Händler einen entscheidenden Einfluss auf die Zahl der arbeitenden Kinder nehmen, würden sie sich vorab über die Produktionsverhältnisse ihrer Ware informieren und sich für zertifizierte Steine entscheiden. Von diesem Gedanken ausgehend muss auch der Wille des Endab­nehmers betrachtet werden. So konsumiert ein großer Teil der Bevölkerung lieber kostengünstige Produkte, ohne an die Folgen des unachtsamen Einkaufs zu denken. Benjamin Pütter nennt diese „Schnäppchenjagd“[21] auch als einen Grund für die Kinderarbeit in Indien.

Beim öffentlichen Beschaffungswesen ist der Aspekt der Wirtschaft­lichkeit mit am entscheidendsten, damit das geplante Projekt möglichst geringe Kosten verursacht. Je niedriger also das Angebot des Unternehmens, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit das ausgeschriebene Projekt als Auftrag zu erhalten.[22] Dies führt zu Ausbeutung von Kindern in armen Ländern, wie zum Beispiel Indien, damit ein möglichst niedriger Marktpreis gehalten werden kann. Zudem spielt die Schuld­knecht­schaft eine entscheidende Rolle. Einige Kinder in Indien müssen die Schulden ihrer Eltern ein Leben lang abarbeiten, wodurch ihnen die ohnehin schon eingeschränkten Rechte auf Schutz und Sicherheit genommen werden. Demzufolge stand schon vor ihrer Geburt fest, dass sie eines Tages als Kinderarbeiter eingesetzt werden, da ihre Eltern Kredite bei den Arbeitgebern aufgenommen hatten, um eine medizinische Grundversorgung für ihre Nachkommen sicherzustellen. Aufgrund ihres Analphabetentums unter­zeichneten sie mit einem Fingerabdruck den Vertrag, der von ihnen nicht nur Wucherzinsen in unbezahlbarer Höhe, sondern auch die doppelte Summe des geliehenen Geldes verlangt. Diese enorme Schuldenhöhe veranlasst die betroffenen Familien, ihre Kinder den Steinbruchbesitzern als Arbeitskräfte zu überlassen und den Lohn der Minder­jährigen zur Abzahlung der Schulden zu verwenden.[23]

Viele Ursachen der Kinderarbeit sind auch gleichzeitig deren Folge. So beträgt die Lebenserwartung nur knappe 30 Jahre, wenn ein junger Mensch sein gesamtes Leben in den Steinbrüchen verbringen musste und jahrelang ohne Schutzvorkehrungen harte Arbeit geleistet hat. Die meisten Arbeiter dort sterben im frühen Alter an einer Steinstaublunge (Silikose), erleiden andere schwerwiegende Krankheiten, mit denen sie arbeitsunfähig sind, oder verunglücken bei einem der unzähligen Unfälle an ihren gefährlichen Arbeitsplätzen. Aus diesem Grund müssen schon die jüngsten Kinder mit dem Arbeiten anfangen, um den Lohn des Vaters zu ersetzen und einen Teil des Lebensunterhalts für die Familie zu verdienen.[24]

An dieser Stelle beginnt folglich ein ewig andauernder Kreislauf, der sich aus der fehlenden Schulbildung, der vorherrschenden Armut und den Hungerlöhnen für die erwachsenen Arbeiter ergibt. Diese drei schwerwiegenden Faktoren dürfen also nicht nur als Grund für diese ausweglose Situation gesehen, sondern müssen auch als das Resultat der Kinderarbeit betrachtet werden. Denn nur so können Maßnahmen gegen die in Indien weitverbreitete Ausbeutung von Kindern unternommen und der christliche Ansatz der Nächstenliebe umgesetzt werden.

Durch die harte Arbeit in den Steinbrüchen wird nicht nur die Aus- und Weiterbildung, sondern auch die spielerische Kindheit vernachlässigt. Doch genau die benötigt ein Kind, um seine eigene Persönlichkeit zu entfalten und kindgerecht aufzuwachsen. Wenn ihnen dieses Recht von den Steinbruchbesitzern genommen wird, entstehen nicht nur physische Krankheiten durch die anstrengende und gesundheitsschädigende Arbeit, sondern auch prägende psychische Auswirkungen, die ihnen das zukünftige Leben erschweren. Auch sie werden als Erwachsene ihre Kinder zu der gefährlichen Arbeit in den Steinbrüchen schicken, da es für sie selbstverständlich ist, das immer wiederkehrende Leid zu ertragen. Hinzu kommen noch die Folgen der unangemessen harten Arbeit für die Heranwachsenden, wie Atemwegserkrankungen, Durchfall, Erbrechen, Wachstums­störungen und eine zum Teil stark verkrümmte Wirbelsäule.[25] Zu dem komplexen Geflecht aus Ursachen und Folgen kommt noch die landesweite Korruption hinzu, die die Verminderung der Kinderarbeit zusätzlich hemmt.[26] Die oben genannten Auswirkungen für die Jugendlichen lassen klar erkennen, dass es sich hier nicht nur um einen groben Verstoß gegen die Menschenrechte, sondern auch um ein Vergehen an den ethischen Grundzügen des Christentums handelt. Deshalb wird die Seminararbeit nun mit dem Aufzeigen der ethischen Aspekte zum Thema Kinderarbeit fortgeführt.

2.2 Ethische Aspekte der Kinderarbeit

2.2.1 Christliche Sichtweisen und das Hilfswerk MISEREOR

[…] Wahrlich ich sage euch: Wenn ihr nicht umkehret und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelsreich kommen. Wer nun sich selbst wie dies Kind erniedrigt, der ist der Größte im Himmelreich. […] Wer aber Ärgernis gibt einem dieser Kleinen, die an mich glauben, dem wäre besser, daß ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er ersäuft würde im Meer, wo es am tiefsten ist […].“[27].

So steht es im Matthäus-Evangelium geschrieben. Jesus hat also schon damals seinen Jüngern den besonderen Wert der Kinder erklärt und ihnen damit aufgezeigt, dass man nur mit den unschuldigen Augen dieser das Himmelsreich erblicken kann. Bereits vor mehr als 2000 Jahren wurde somit der Grundstock für den heutigen Schutz der Heranwachsenden gelegt, da Christen schon zu jener Zeit Jesus „ als göttlichen Kinderfreund, dem das Leben der Kinder heilig war[28] wertschätzten. Diese Bibelstelle zeigt auf drastische Weise, wie wichtig die Stellung der Kinder für das Christentum ist, denn Jesus überhöht mit dieser Aussage den Wert eines Neugeborenen und stellt ihn somit über die Persönlichkeit eines erwachsenen Menschen. Jesus möchte aber nicht nur, dass sich seine treuen Glaubensanhänger dem Gemüt eines Kindes annähern, sondern fordert auch, dass diese jungen Menschen zu jeder Zeit würdig behandelt werden und ihnen ein Leben als Kinder Gottes geboten wird. Durch die überzeugende Art, wie er diese Besonderheit seinen Jüngern erklärt, lässt sich leicht erkennen, dass dieses Thema ein wesentliches Anliegen Jesu war. Demnach muss davon ausgegangen werden, dass Jesus die Kinderarbeit in indischen Steinbrüchen vehement abgelehnt hätte. Auch wenn es zu jener Zeit selbstverständlich war, dass der Nachwuchs zum Unterhalt der Familie beigetragen hat, so durfte doch niemals die Gesundheit und das Wohl des Kindes gefährdet werden.

Im christlichen Glauben steht das Gebot der Nächstenliebe über allem Anderen und muss folglich als kritischer Aspekt betrachtet werden, wenn von der Ausbeutung von Kindern gesprochen wird. Gott fordert von dem Menschen: „ Du sollst deinen Nächsten lieben, wie dich selbst.“[29] Doch diese gottgegebene Aufforderung wird in Indien auf schlimmste Weise missachtet, denn die dortigen Steinbruchbesitzer erlangen durch das Leid der Jüngsten der Gesellschaft Reichtum und Macht.

Der Verstoß indischer Exporteure gegen den wichtigsten Grundsatz des Christentums darf nicht unbeachtet bleiben, auch wenn er in Indien keinen entscheidenden Einfluss nehmen kann. Dort ist der Hinduismus die weitverbreitetste Religion und kaum eine andere Glaubensrichtung von den Einhei­mischen akzeptiert, weshalb ein religiös begründeter Versuch, die Kinderarbeit abzuschaffen, keine Auswirkungen zeigen würde. Dieser Aspekt erschwert den Umgang mit der unwürdigen Ausbeutung in Indien, da aus christlicher Sicht dieses Verhalten gegenüber Kindern nicht vertretbar ist und in möglichst naher Zukunft abgeschafft werden müsste. Hieraus ergibt sich ein Konflikt, der nicht nur dieses anspruchsvolle Thema der Kinderarbeit umfasst, sondern auch die verschiedenen religiösen Sichten miteinbezieht. In dieser Seminararbeit ist der Schwerpunkt auf den christlichen Blickwinkel gelegt, weshalb der Hinduismus in einem späteren Unterpunkt Beachtung findet und die Seminararbeit mit der christlichen Betrachtung des bedeutenden Themas fortgeführt wird.

Auch im Alten Testament wird bereits über die einzigartige Zuwendung Gottes den Notleidenden gegenüber gesprochen. An mehreren Stellen betont Gott, dass Er sein auserwähltes Volk Israel aus der Sklaverei in Ägypten befreit hat. So leitet Er die Zehn Gebote mit den Worten „ Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe.“[30] ein, um seine besondere Zu-neigung zu den Hilfsbedürftigen zu betonen. Die Kinderarbeit in indischen Stein-brüchen widersetzt sich also auch der unendlichen Liebe Gottes zu den Menschen, da diese gewollt herbeigeführt worden ist und gegen das höchste Gebot des Schöpfers verstößt. „ Wer dem Geringen Gewalt tut, lästert dessen Schöpfer; aber wer sich des Armen erbarmt, ehrt Gott.“[31] So wird es in den Sprüchen Salomos festgehalten. Steinbruchbesitzer, die junge Kinder unter den menschenunwürdigsten Bedin­gungen nur für ihren Profitwillen arbeiten lassen, werden als Gotteslästerer bezeichnet und sollten bestraft werden für ihr gewissenloses Verhalten.

Gott Vater und Gott Sohn identifizieren sich häufig mit allen Bedürftigen auf dieser Erde, wie es auch Mt 25,40 beschreibt: „ Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.[32] Ergänzend dazu steht die Goldene Regel an vorderster Stelle, um für eine gerechtere Welt und ein harmonisches Zusammenleben aller Menschen zu sorgen. Diese wird auch heute noch als der Grundsatz für ein ausgeglichenes Miteinander gesehen und spielt somit eine entscheidende Rolle bei der kritischen Auseinandersetzung mit diesem Thema. „ Alles nun, was ihr wollt, daß euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch!“[33] Dieser Ausspruch lässt kein Raum für Verhandlungen oder Einschränkungen, sondern schreibt in ausdrücklicher Weise vor, sich gegenüber anderen Schöpfungs­wesen genauso respektvoll zu verhalten, wie man es selbst von ihnen erwartet. In Indien jedoch wird dieses Gebot aus reinem Egoismus missachtet, denn das Verhalten der Arbeitgeber gegenüber den Kindern ist nicht einmal im Ansatz mit den Aufforderungen Jesu vereinbar.

Für die weitere Betrachtung dieser behandelten Problematik muss dem Begriff Gerechtigkeit ein hoher Stellenwert beigemessen werden. So schreibt auch schon Paulus in seinem Brief an die Philipper: „ Was wahrhaftig ist, was ehrbar, was gerecht, was rein, was lieblich, was wohllautet, ist etwa eine Tugend, ist etwa ein Lob, dem denket nach![34] Gott fordert jeden Christen auf, sein Leben auf eine ge­rechte und ehrbare Weise zu führen und sich somit nach den Geboten des Schöpfers zu richten. Im übertragenen Sinn kann damit auch die gerechte Verteilung von Land, Besitz und Vermögen gemeint sein. Diese grundlegenden Bedürfnisse werden vielen armen Familien nicht erfüllt, wodurch ihnen ein sorgenfreies Leben verwehrt bleibt. Diese Forderung aus dem Neuen Testament wirft folglich einen weiteren ethischen Konfliktbereich auf, da die überhebliche Haltung der Steinbruchbesitzer nicht nur die jungen Menschen erniedrigt, sondern auch das Wesen Gottes beleidigt. Gott schuf den Menschen als sein göttliches Ebenbild,[35] weshalb ihre Ausbeutung als eine direkte Verleumdung des Herrn gesehen werden muss.

[...]


[1] http://www.indienhilfe-herrsching.de/pdf/Kinderarbeit-Scholten.pdf (15.08.2012)

[2] Vgl.: http://www.sozialpolitik.com/webcom/show_article.php/_c-110/_nr-8/i.html (15.08.2012)

[3] Vgl.: http://www.gesetze-im-internet.de/bundesrecht/jarbschg/gesamt.pdf (30.08.2012)

[4] Vgl.: http://www.national-coalition.de/pdf/UN-Kinderrechtskonvention.pdf (30.08.2012)

[5] Vgl.: http://www.aktiv-gegen-kinderarbeit.de/gegenmassnahmen/welt-politik/beseitigung-der-schlimmsten-formen-der-kinderarbeit (30.08.2012)

[6] Vgl.: http://www.bundesregierung.de (30.08.2012)

[7] Benjamin Pütter ist seit 1995 bei der bischöflichen Hilfsorganisation MISEREOR als Berater und Kinder­arbeitsexperte angestellt. Er arbeitete zuvor schon jahrelang mit deutschen Jugendgruppen zusammen in Indien, um ihnen das Land und die Kultur nahezulegen. Indien ist sein persönliches Spezialgebiet und vor allem die dortigen Steinbrüche. 72 Mal bereiste er bis jetzt Indien, um entweder für MISEREOR die Projekte der Partnerorganisationen zu betreuen oder um die zertifizierten Steinbrüche von Xertifix zu kontrollieren. Er gründete 2005, unterstützt von dem ehemaligen Arbeitsminister Norbert Blüm und einigen wichtigen Unternehmen, den Verein Xertifix, der Steine aus Indien zertifiziert, um Kinderarbeit in der gesamten Produktionskette aus­schließen zu können. Gemeinsam mit MISEREOR bauen sie Schulen und Betreuungsmöglichkeiten, damit eine Alternative zur aus­beuterischen Arbeit geboten werden kann.

[8] Vgl.: http://www.suedwind-institut.de/fileadmin/fuerSuedwind/Publikationen/2006/2006-8_Indien_-_Kinderarbeit_in_der_Steinindustrie.pdf (19.07.2012)

[9] Vgl.: http://www.misereor.de/presse/pressemeldungen/pressemeldungen-detais/article/schule-statt-steinbruch.html (19.07.2012)

[10] Vgl.: http://www.suedwind-institut.de (19.07.2012)

[11] Vgl.: http://www.verfassungen.net/in/verf49-i.htm (30.08.2012)

[12] Vgl.: Lutterbach, Hubertus: Kinder und Christentum, Seite 18

[13] Vgl.: http://www.national-coalition.de/pdf/UN-Kinderrechtskonvention.pdf (31.08.2012)

[14] Vgl.: Interview mit Iris Stolz, Anhang Seite 32

[15] Vgl.: Interview mit Benjamin Pütter, Anhang Seite 29

[16] Vgl.: http://www.indienhilfe-herrsching.de/pdf/Kinderarbeit-Scholten.pdf (31.08.2012)

[17] Vgl.: http://www.bpb.de/internationales/asien/indien/44414/kastenwesen?p=all (31.07.2012)

[18] Vgl.: Interview mit Benjamin Pütter, Anhang Seite 24

[19] Vgl.: http://www.suedwind-institut.de/fileadmin/fuerSuedwind/Publikationen/2006/2006-8_Indien_-_Kinderarbeit_in_der_Steinindustrie.pdf (31.07.2012)

[20] http://www.fairtrade-deutschland.de/fileadmin/user_upload/ueber_fairtrade/fairtrade-themen/fairtrade_statement_kinderarbeit.pdf (31.07.2012)

[21] Vgl.: Interview mit Benjamin Pütter, siehe Anhang Seite 28

[22] Vgl.: http://www.bmwi.de/DE/Themen/Wirtschaft/Wirtschaftspolitik/oeffentliche-auftraege,did=190678.html (22.07.2012)

[23] Vgl.: http://www.planet-wissen.de/politik_geschichte/menschenrechte/kinderarbeit/index.jsp (22.07.2012)

[24] Vgl.: Interview mit Benjamin Pütter, Anhang Seite 27

[25] Vgl.: Heuer, Michael: Steine aus Kinderhand, Seite 4-5

[26] Vgl.: Interview mit Benjamin Pütter, Anhang Seite 25

[27] Die Bibel, Mt 18,1-11

[28] Lutterbach, Hubertus: Kinder und Christentum, Seite 44

[29] Die Bibel, 3.Buch Mose 19,18

[30] Die Bibel, 2.Buch Mose 20,2

[31] Die Bibel, Sprüche 14,31

[32] Die Bibel, Mt 25,40

[33] Die Bibel, Mt 7,12

[34] Die Bibel, Philipper 4,8

[35] Vgl.: Die Bibel, Gen 5,1

Details

Seiten
41
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783668234314
ISBN (Buch)
9783668234321
Dateigröße
1022 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v323587
Note
1,0
Schlagworte
Indien Kinderarbeit Xertifix Benjamin Pütter Hilfswerk MISEREOR Analphabetentum Kastenwesen Armut UN-Kinderrechtskonvention fehlende Schulbildung Zwangsarbeit Nächstenliebe Steinbrüche

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