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Die moderne Gesellschaft. Wie Einwanderung ihren Zusammenhalt auf die Probe stellt

Essay 2016 9 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Vorwort und Abgrenzung zur Einwanderung

2 Der potentiell Wandernde und seine Fremdheit

3 Integration und Erhalt sozialer Ordnungen

4 Kollektivbewusstsein und Zusammenhalt

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis

1 Vorwort und Abgrenzung zur Einwanderung

Einwanderung ist ein globales, in der Moderne sowie in der Historie menschlicher Gesellschaften vorkommendes Phänomen, welches aus unterschiedlichen Gründen stattfindet. Ob also aus wirtschaftlichen, politischen, sozialen oder religiösen Gründen - die Menschen sehen seit jeher sowohl positive als auch negative Effekte in der Zuwanderung. So finden auch im Mittelalter bisher in sich geschlossene Gesellschaften Gefallen daran, Händler von auswärts mit bisher unbekannten oder schwer erzeugbaren Gütern zu begrüßen. Lohnt es sich für Händler aus ökonomischer Sicht, einen neuen Ort dauerhaft zu beziehen, und setzt er dieses in die Tat um, findet Einwanderung statt. Im eigentlichen Sinne ist mit der Einwanderung ein Zuzug einer oder mehrerer Personen gemeint, die aus anderen Ländern mit zum Beispiel unterschiedlicher Religion, Sprache, gesellschaftlichen Normen und Wertvorstellungen stammen. Womöglich kann im weiteren Sinne auch der regionale Zuzug in eine andere Stadt oder lediglich in ein anderes Haus innerhalb derselben Stadt verstanden werden, worauf im Folgenden aber nicht weiter eingegangen werden soll. Länder- und Kontinentalüberfreifender Zuzug stellt die Einwanderer und Gesellschaften vor Herausforderungen, mit denen sich der Städte übergreifende und regionale Zuzug nicht beschäftigen muss. Es gibt deutliche Unterschiede darin, sich mit den positiven und negativen Eigenarten des zugezogenen, gleichstämmigen Nachbarn auseinanderzusetzen oder mit der gesellschaftlichen Integration des ausländischen Einwanderers. Weiterhin geht es auch nicht um kurzzeitige Einwanderung, sondern um Dauerhafte. Obwohl sich natürlich auch zeitlich begrenzte Aufenthalte, zum Beispiel das studentische Auslandssemester, welches in der modernen Gesellschaft und ansteigender Globalisierung hoher Nachfrage begegnet, mit Integrationsfragen beschäftigen, sind eben auch diese nicht mit dauerhafter Erhaltung behaftet.

Es ist hier also der Fremde nicht in dem bisher vielfach berührten Sinn gemeint, als der Wandernde, der heute kommt und morgen geht, sondern als der, der heute kommt und morgen bleibt - sozusagen der potentiell Wandernde, der, obgleich er nicht weitergezogen ist, die Gelöstheit des Kommens und Gehens nicht ganz überwunden hat.1

Es geht um den bleibenden Fremden und seine Auswirkungen auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt der heutigen westlichen Moderne unter der Berücksichtigung soziologischer Theorien von Talcott Parsons und Georg Simmel.

2 Der potentiell Wandernde und seine Fremdheit

Der Fremde, also der Einwanderer, befindet sich ab dem Zeitpunkt der Ankunft in einem räumlichen Umkreis mit einer symbolischen Position des Fremdseins innerhalb der Gesellschaft. Dadurch, dass er mit allem, was seine Persönlichkeit ausmacht, dazugekommen ist und nicht von vorneherein schon da war, bringt er auswärtige Wertvorstellungen, Normen, religiöse Ansichten, Fertigkeiten und eine andere Sprache mit sich. Er vereint das Gefühl von Nähe und Ferne gegenüber der Gesellschaft. Nähe, weil er dem Individuum und der Gesellschaft nah ist und die Ferne in sich trägt, was nach Simmel den Begriff des Fremdseins widerspiegelt. Ferne, da er durch seine Herkunft eine gewisse Distanz zum Verhältnis des Individuums in sich trägt.2 Der Fremde als Vereinheitlichung von Nähe und Ferne verdeutlicht allerdings genau den Punkt, der jeder zwischenmenschlichen Beziehung innewohnt. Nähe und Ferne ist für die Gesellschaft auch innerhalb ihrer Familien, ihrer freundschaftlichen Beziehungen und in anderen sozialen Kreisen deutlich spürbar. So kann selbst der angeheiratete Ehemann durch Wertvorstellungen, die im eigenen familiären Kreis nicht geteilt werden, entfernt wirken.3

Obwohl der Eingewanderte als Teil der Gruppe existiert, ist er kein Besitzer von Boden, wie es die besitzende Gesellschaft ist. Dabei geht es nicht nur um den allgegenwärtigen gesellschaftlichen Anspruch auf Grund und Boden wegen Herkunft und politischer Grenzen, sondern auch und vor allem um den sprichwörtlichen Boden unter den Füßen, der unter anderem sozialen Halt und Wohlbefinden ausdrückt. Der Fremde ist, solange er diese Position vertritt, in den Augen der Gesellschaft nie Besitzer von Boden. Gleichzeitig befindet er sich in keiner organischen Verbindung mit dieser Gesellschaft, da er zum Beispiel weder verwandtschaftlich noch beruflich diese Verbindung aufweist.4 Er bleibt aufgrund seiner Fremdheit und diesem bereits erläuterten Widerspruch immer der potenziell Wandernde.

[...]


1 Simmel, G. 1908. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung. S. 509-512: Exkurs über den Fremden. Berlin: Duncker & Humblot. - S.509

2 Simmel, G. 1908. - S.509

3 Simmel, G. 1908. - S.511 ff.

4 Simmel, G. 1908. - S.510 ff.

Details

Seiten
9
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668233140
ISBN (Buch)
9783668233157
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v323575
Note
Schlagworte
Einwanderung Gesellschaft Zusammenhalt Integration

Autor

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