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Entwickeln sich im Deutschen neue Possessivkonstruktionen? Kritische Zusammenfassung von "Eigennamen und adnominaler Genitiv im Deutschen" (Eric Fuß 2011)

Hausarbeit (Hauptseminar) 2015 16 Seiten

Didaktik - Deutsch - Pädagogik, Sprachwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Grundlagen: Eigennamen vs. Appellative
2.1 Morphologische Differenzen
2.2 Syntaktische Differenzen

3. Diachrone Betrachtung von Eigennamen
3.1. Morphologischer Wandel
3.2 Syntaktischer Wandel

4. Erklärungsansätze für den Grammatikwandel
4.1. Demskes Reanalyse: genitivmarkierter EN in D°
4.2. alternative Analyse: EN in Spez. DP – Possesivmarker –s in D°

5. These: Entwicklung eines Gruppengenitivs im Deutschen

6. Schlussbetrachtung

7. Literaturverzeichnis

1. Einführung

Die folgende kritische Zusammenfassung des Artikels Eigennamen und adnominaler Genitiv im Deutschen aus dem Jahr 2011 von Eric Fuß beschäftigt sich mit den morphologischen und syntaktischen Differenzen zwischen Eigennamen und Appellativen im Deutschen, wozu deren historische Entwicklung diskutiert wird. Fuß (2011) stellt in seinem Artikel die These auf, dass das unterschiedliche Verhalten von Eigennamen und anderen Nomen nicht auf eine abweichende, syntaktische Kategorie schließen lässt. Stattdessen schlägt er vor, dass die Differenzen einer grammatischen Veränderung zugeschrieben werden können, bei der die Genitivendung –s bei Eigennamen als klitischer Possessivmarker in der Position D° reanalysiert wird. Daraus leitet Fuß (2011) am Ende seines Artikels die Prognose ab, dass sich in Zukunft eine neue Possessivkonstruktion im Deutschen entwickeln wird, die dem englischen Gruppengenitiv ähnelt.

Im Folgenden werde ich diesen Artikel zusammenfassen und die Argumentation von Fuß (2011) strukturiert darlegen, wobei ich erst einige Grundlagen in Bezug auf die Unterschiede zwischen Eigennamen und Appellativen klären möchte, die für das weitere Verständnis der Arbeit benötigt werden. Um zu verdeutlichen, dass manche Punkte nicht allgemeingültig für das Deutsche, sondern durchaus dialektabhängig sind, unternehme ich einen Exkurs zu dem Artikel Die Funktionen des Artikels bei Personennamen im norddeutschen Raum von Alexander Werth. Im Anschluss stelle ich sowohl die morphologischen, als auch syntaktischen Differenzen zwischen den beiden Wortarten dar. Dabei werde ich immer wieder den Bezug zum Seminar Syntax und Semantik in der Nominalphrase herstellen und auch andere Autoren, wie z.B. Longobardi heranziehen und die Ansätze miteinander vergleichen.

Bei der diachronen Betrachtung von Eigennamen werde ich mich etwas kürzer fassen und mich nur auf ein paar wichtige Schwerpunkte fokussieren, auf dem das 4. Kapitel aufbaut. Dort werden zwei verschiedene, theoretische Ansätze vorgestellt: Demskes Reanalyse und eine alternativ entwickelte Analyse von Fuß.

Die Prognose von Fuß (2011) über eine sich neu entwickelnde Possessivkonstruktion ist zwar nachvollziehbar, jedoch werde ich an den verwendeten Beispielen einige Kritikpunkte aufführen. Am Ende soll eine Schussbetrachtung diese Arbeit abschließen.

2. Grundlagen: Eigennamen vs. Appellative

Zu Beginn möchte ich einige Grundlagen klären, die zu dem Verständnis der weiteren Betrachtung in Bezug auf das abweichende Verhalten von Eigennamen beitragen sollen. Im Anschluss daran werde ich zwei Positionen darstellen, die sich mit der Frage beschäftigen, ob Eigennamen eine eigene syntaktische Kategorie bilden oder nicht.

Fuß (2011) beginnt damit, den Stand der aktuellen Forschung zusammenzufassen und den Unterschied zwischen Eigennamen und Appellativen[1] zu erläutern. Aufgrund der vorherrschenden, traditionellen Auffassung, dass Eigennamen eine Teilklasse der Substantive bilden, werden diese in modernen Theorien auch meist als Kategorie vom Typ N analysiert. Diese Vorgehensweise weist jedoch bekannte Kritikpunkte auf, da es mehrere Unterschiede zwischen Eigennamen und Appellativen gibt, die von Fuß wie folgt spezifiziert werden:

Als erstes verfügen Eigennamen im Gegensatz zu Appellativen über einen sehr geringen semantischen Gehalt. Während Individualnomen eine bestimmte Klasse von Individuen mit gemeinsamen Eigenschaften bezeichnen und nicht selbstständig referentiell sind, besitzen Eigennamen eine festgelegte Referenz. Dieser Unterschied wird deutlich, wenn man die unterschiedliche Artikelverwendung betrachtet.

(1) a. * Marie hat Kuh gesehen.

b. Marie hat eine/die Kuh gesehen. (Fuß 2011)[2]

Appellative benötigen im Deutschen also einen Artikel, damit ein Bezug zu etwas in der realen Welt hergestellt werden kann. Der Artikel eine Kuh bezieht sich auf irgendeine Kuh, die es auf der Welt gibt. Der bestimmte Artikel die Kuh dagegen meint eine ganz bestimmte Kuh. Ohne die Verwendung eines Artikels – wie in (1) a – weiß der Hörer nicht, auf was sich der Sprecher bezieht. Die Referenz fehlt also. Eigennamen dagegen benötigen im Deutschen keinen Artikel und verweisen direkt auf ein bestimmtes Individuum; sie sind also inhärent referentiell. Marie verweist zum Beispiel auf ein Mädchen mit dem Namen Marie, das sowohl Sprecher, als auch Hörer kennen und kann somit mit der der Kuh (mit Artikel) gleichgestellt werden.

Dieser erste Unterscheid ist im Deutschen jedoch nicht allgemeingültig; es gibt auch Dialekte, in denen die Verwendung von Eigennamen und Artikeln möglich oder sogar obligatorisch ist. Fuß (2011) nennt dazu ein Beispiel aus dem Südhessischem. Da er auf diesen Aspekt jedoch nicht genauer eingeht, möchte ich einen Artikel von Alexander Werth hinzuziehen, der sich mit den Funktionen des Artikels bei Personennamen im norddeutschen Sprachraum beschäftigt. Werth (2014) nimmt an, dass in südlichen und westlichen Regionalsprachen des Deutschen Eigennamen häufiger mit Artikeln verwendet werden, als im Norden. Bei seiner Dialektanalyse arbeitet er verschiedene Funktionen des Artikels heraus. Der Artikel kann zum Beispiel verwendet werden, um einen Referenten besonders hervorzuheben oder auch um deutlich zu machen, dass ein neuer Referent ins Gespräch eingeführt wird.

(2) […] und dann säi ik den [Peter Müller] da sit. […] (Werth 2014: 152)

Eine andere mögliche Funktion ist zum Beispiel auch die Markierung sozialer Distanzverhältnisse durch die Verwendung eines Artikels:

(3) A: Ich hab heute noch so nen Zirkus gehabt, ruft mich [die Inge] an und sacht…

(Werth 2014: 154)

Hier wird der Artikel genutzt, um eine abwertende Haltung einer Person gegenüber zu unterstreichen und die Distanz zwischen dem Sprecher und Inge deutlich zu machen.

Weitere Funktionen des Artikels im Zusammenhang mit Eigennamen können nach Werth (2014) u.a. die Spezifizierung oder die Kasusmarkierung sein.

Dieser Exkurs in die Dialekte des Deutschen macht deutlich, dass die Verwendung von Eigennamen ohne Artikel nicht allgemeingültig ist. Da die Artikel jedoch meist nicht dafür verwendet werden, um eine Referenz herzustellen, sondern auch andere Funktionen besitzen, liegt dennoch ein Unterschied zu der Beziehung von Appellativen und Artikeln vor.

Fuß (2011) gibt weiterhin in einer Fußnote an, dass es auch einige, andere Sprachen gibt, in denen die Verwendung von Artikel im Zusammenhang mit Eigennamen möglich oder sogar obligatorisch ist. Ich möchte jedoch nur noch auf einen Spezialfall im Italienischen eingehen, bei dem Eigennamen sogar die Position des Artikels ersetzen können, wobei dies für Appellative unmöglich ist. Dieser Fall stellt außerdem einen Bezug zum Seminar her, da sich dasselbe Beispiel auch in einem Artikel von Longobardi (1994) finden lässt und in Bernstein (2001) besprochen wird. Longobardi liefert unabhängige Beweise für eine N-zu-D-Bewegung in romanischen Sprachen. Er argumentierte, dass Eigennamen zur D-Position angehoben werden. Dies ist der Ort für Referenzialität. Im folgenden Beispiel kann man erkennen, dass Eigennamen, die nicht mit einem bestimmten Artikel eingeleitet werden, zu D angehoben werden müssen.

(4) a. il mio gianni

b. gianni mio

In (4) a. der mein Gianni ist Gianni ein niedriger N-Kopf und bewegt sich dann in (4) b. nach oben in die D-Position. Dies ist N-Raising und der Beweis, dass Bewegung tatsächlich stattfindet. Zu unterscheiden ist dabei noch zwischen einem sichtbaren Element und einem verdecktem, nur semantischem Element. Bewegungsoperationen sind wichtig für die Wortstellung und die Vergabe von Genus und Kasus.

Fuß (2011) versucht dieses Beispiel auch auf Appellative anzuwenden, was jedoch nicht möglich ist, wie er beweist. Il grande amico (der große Freund) kann nicht zu Amico grande umgestellt werden. Eigennamen haben also auch im Italienischen eine andere syntaktische Distribution.

Fuß (2011) stellt im Anschluss die Frage nach dem Ursprung und ob das abweichende, syntaktische Verhalten von Eigennamen und Appellativen sich auf einen strukturellen Unterschied zurückführen lässt. Dazu gibt es zwei verschiedene Positionen, die in der Literatur vertreten werden.

Die erste gängige Meinung besagt, dass Eigennamen eine eigene Syntax besitzen und durch syntaktische Operationen mit der strukturellen Position von Artikeln verknüpft sind. Hier lässt sich wieder auf Longobardi (1994) zurückgreifen, der - wie wir am vorherigen Beispiel gesehen haben – die Annahme einer N-zu-D-Bewegung vertritt. Die ersten Arbeiten zu diesem Thema fanden mit semitischen und skandinavischen Sprachen statt, in denen die Argumente des Nomen postnominal erscheinen. (vgl. Bernstein 2011) Das Nomen wurde zu D angehoben, um die postnominale Position des Arguments abzuleiten. Longobardi (1994) stützt sich auf den Ansatz von Abney, der auch Thema des Seminars war, dass Nominalphrasen analog zu den Verhältnissen beim Verb zweistufig sind: Eine lexikalische Kategorie wird von einer funktionalen Kategorie dominiert, die u.a. für die Kongruenzmerkmale verantwortlich ist. Vor diesem Hintergrund der DP-Hypothese, vermutet Longobardi (1994), dass die Position D mit der Referenz zusammenhängt und der Artikel in dieser basisgeneriert wird.

Die zweite mögliche Annahme ist, dass Eigennamen keine Klasse der Substantive sind, sondern eine eigene, syntaktische Kategorie bilden. Diese Annahme möchte Fuß (2011) in seinem Artikel näher untersuchen. Seine Vorgehensweise soll sowohl die synchrone als auch die diachrone Perspektive berücksichtigen, indem er die historische Entwicklung der Differenzen zwischen Eigennamen und Appellativen betrachten möchte. Er stellt die These auf, dass „die Genitivmarkierung -s an Eigennamen im Laufe des Frühneuhochdeutschen als klitischer Possessivmarker reanalysiert wurde, der den Kopf der DP einnimmt (wobei EN weiterhin als Elemente der Kategorie N analysiert werden).“ (Fuß 2011: 22) Darauf soll in Kapitel 4.1 genauer eingegangen werden.

2.1 Morphologische Differenzen

Eigennamen verfügen über ein beschränktes Formeninventar. Diese flexionsmorphologische Besonderheit ist u.a. dafür verantwortlich, dass die Kasusmarkierung bei Eigennamen auf die s- Endung im Genitiv beschränkt ist. Bei der starken Deklination von Anna bleibt die Form immer gleich und endungslos bis auf die Genitiv-Form, die Annas lautet. Diese Beobachtung ist bei Eigennamen unabhängig vom Genus des Namens, wie man an Hand der Deklination von Peter belegen kann.

Bei allen anderen Nomen hingegen ist die s- Endung im Genitiv auf Neutra und Maskulina beschränkt. Daraus schließt Fuß (2011), dass es also eine eigene Flexionsklasse für Eigennamen gibt, wie folgendes Beispiel nochmal verdeutlichen soll:

(5) a. Peters/Annas Geburtstag

b. der Geburtstag des Kindes/des Mannes/der Frau[3]

In Beispiel (5) b. bleibt das feminine Nomen Frau im Genitiv endungslos im Gegensatz zu den Nomen Mann und Kind. Der feminine Eigenname Anna aber nimmt die s- Endung an. Was Fuß (2011) an dieser Stelle nicht erwähnt, aber ebenfalls auffällig ist, ist die Stellung der Eigennamen. Peters und Annas stehen vor dem Nomen, das den Genitiv vergibt. Die Appellative stellen jedoch einen postnominalen Genitiv dar. Darauf wird im weiteren Verlauf jedoch noch eingegangen.

Die 2. Morphologische Differenz ist in der Pluralbildung von Eigennamen zu erkennen. Fuß (2011) vergleicht hierzu das Verhalten von Familiennamen mit ihren homonymen Appellativen, das unterschiedlich ist.

(6) a. Eigenname: die Manns vs. Appellativ: Die Männer

b. die Fußens vs. Die Füße

c. die Fischers vs. Die Fischer

Das Pluralsuffix zeigt hier bei den Familiennamen weniger Allomorphie – es gibt also weniger nicht funktionale Varianten eines Morphems als bei den Appellativen. Nach Sibilanten, wie z.B. ß bei Fuß folgt bei den Familiennamen die Endung –ens, ansonsten folgt nur ein –s.

Dann zieht Fuß (2011) ein erstes Fazit, das die Tatsache bestätigt, dass Eigennamen sich im Deutschen auf Grund von morphologischer Differenzen von Appellativen abgrenzen. Sie bilden eine eigene Flexionsklasse, verfügen über ein eingeschränktes Formeninventar und weisen nach aktuellen Entwicklungen einen Wegfall der s-Endung bei verbalem Genitiv auf.

2.2 Syntaktische Differenzen

Da die Artikelsetzung schon in den Grundlagen besprochen wurde, geht es nun hauptsächlich um die Distribution von Genitivattributen.

Als ersten syntaktischen Unterschied zwischen Eigennamen und Appellativen nennt Fuß (2011) den, dass Eigennamen als Genitivattribute auftreten können, ohne dass sie ein Artikel oder Adjektiv zu sich nehmen.

(7) a. * der Einkauf Milch

b. der Einkauf der Milch

c. der Einkauf frischer Milch

(8) a. Peters Geburtstag

b. * der Geburtstag kleinen Peters

c. der Geburtstag des kleinen Peters

Der Eigenname in (8) a. benötigt keinen Artikel und verhält sich somit ähnlich wie ein flektiertes Adjektiv mit Nomen in Beispiel (7) c. Wenn bei dem Eigennamen ein flektiertes Verb hinzukommt wie in (8) b., muss dort aber ein Artikel gesetzt werden. Bei Appellativen ist das genau andersherum und der Artikel fällt bei Hinzufügen eines Adjektivs weg wie in (7) c. Eigennamen und Appellative verhalten sich in dieser Hinsicht also gegensätzlich.

Als weiteren Punkt nennt Fuß die Monoflexion: Bei postnominalen Eigennamen fällt laut Fuß (2011) die Genitivendung weg, wenn der Kasus schon am Artikel markiert ist. Dazu gibt er folgendes Beispiel:

(7) *der Geburtstag des kleinen Peters

(8) der Geburtstag des kleinen Kindes[4]

[...]


[1] Appellative bezeichnen Gattungsnamen bezeichnen Gegenstände und Sachverhalte und sind eine semantisch definierte Subklasse von Nomina. (vgl. Grammis)

[2] Wenn nicht anders angegeben stammen alle hier verwendeten Beispiele aus Fuß 2011. Diese sind nicht immer vollständig, sondern können auch nur einzelne Sätze enthalten.

[3] Ich habe das Beispiel (5) b. der Geburtstag des Kinds (Fuß) zu der Geburtstag des Kindes abgeändert, da laut Duden beide Formen möglich sind und die von mir verwendete Genitiv-Form des Kindes verbreiteter ist. (Vgl. Duden)

[4] Auch bei (8) habe ich das Beispiel wieder von Kinds zu Kindes abgeändert (vgl. S. 6)

Details

Seiten
16
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668227590
ISBN (Buch)
9783668227606
Dateigröße
717 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v323552
Note
1,3
Schlagworte
Morphologie Sprachwissenschaft Syntax Semantik Longobardi

Autor

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