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Bronzekessel mit den "Germanenbüsten" aus dem "Königsgrab" von Musov

Hausarbeit 2004 29 Seiten

Archäologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Fundbeschreibung

3. Zur Darstellung und Fertigung der Büsten
3.1 Exkurs zum Suebenknoten
3.2 Ausgewählte römische und provinzialrömische Darstellungen im Vergleich zu der Darstellung der Mušover Büsten
3.3 Vergleichsfunde innerhalb des Barbaricums
3.4 Werkstätten und Herstellung

4. Exkurs zu den Markomannenkriegen

5. Interpretation
5.1 Wer ist auf den Mušover Büsten dargestellt?
5.2 Zur Datierung des Objektes
5.3 Geschenk oder Auftrag? - Funktion und Verwendung des Bronzekessels

6. Resümee

7. Literatur- und Abbildungsverzeichnis

8. Abbildungen

1. Einleitung

Das im Herbst 1988 am Südwestrand von Mušov am linken Ufer der Thaya in Südmähren entdeckte Prunkgrab stellt hinsichtlich seines Beigabenreichtums und der Exklusivität des Inventars eine archäologische Sensation dar. Es handelt sich um Körperbestattungen von zwei Männern und einer Frau, wobei unklar ist, ob die Grablege gleichzeitig oder nacheinander erfolgte ( Peška u.a. 2002, 510). Das überhügelte Kammergrab zeichnet sich durch äußerst prächtige antike, provinzialrömische und typisch germanische Beigaben aus. Es vereint eine einzigartige Kollektion von 187 Gegenständen aus frühaugustäischer Zeit bis in die Zeit der Markomannenkriege (Peška 2000, 203). Zur Zeit wird das Grab anhand der jüngsten Beigaben in die Zeit um 170 - 180 n. Chr., beziehungsweise B2/C1 datiert (Peška u.a. 2002, 501 f.). Die absolute Datierung ist nicht sicher. Die gängige Interpretation eines romfreundlichen markomannischen oder quadischen „Königs“ wirft indes vor dem Hintergrund der Markomannenkriege ( 166-180 n. Chr.) in diesem Gebiet Fragen auf.

Zwischen den ungewöhnlich vielen importierten Bronzegefäßen (min. 8 Stück – das Grab wurde antik beraubt) ragt der frühe Westlandkessel mit seinen vier äußerst naturalistisch gearbeiteten Attaschen in Form von Germanenbüsten mit Suebenknoten deutlich hervor[1]. Dieser Bronzekessel ist neben dem erst kürzlich entdeckten Westlandkessel von Czarnówko mit drei Germanenappliken mit Suebenknoten[2] der „...einzige Fund außerhalb des römischen Limes [...], der zweifellos im Römischen Reich gefertigte Germanenbildnisse aufweist.“ ( Krierer 2002, 367), welche aufgrund ihrer Haartracht eindeutig ethnisch und nicht mythisch zu deuten sind. Sollte es sich etwa um ein Abbild eines der Bestatteten handeln, der es sich gönnte, während der Markomannenkriege die Büsten als Auftragsarbeit in einer provinzialrömischen Werkstatt fertigen zu lassen? Oder handelt es sich um ein symbolisches Geschenk der Ehrerbietung seitens Rom? Wie kann man das Objekt datieren und welcher Verwendung unterlag es? Wie fügt es sich in den Gesamtkontext ein?

Im Folgenden soll mit Hilfe der Arbeiten von Jaroslav Peška, Jaroslav Tejral, Susanna und Ernst Künzl, Horst Wolfgang Böhme und vor allem Karl R. Krierer Fragen der genaueren Bestimmung jener Ethnizität nachgegangen, auf Schwierigkeiten der Datierung und dem damit verbundenen Diskurs eingegangen, sowie auf Möglichkeiten der Verwendung hingewiesen werden. Dies geschieht vergleichend anhand von ausgewählten Funden mit Blick auf die Gesamtinterpretation des Mušover Prunkgrabes von Peška und Tejral, 2002.

2. Fundbeschreibung

Der Bronzekessel wurde in seiner ursprünglichen Position (Peška 2000, 203), allerdings auf dem Kopf , an der südöstlichen Schmalseite des Kammergrabes isoliert neben einem Opfertier aufgefunden[3]. Er besitzt eine Höhe von 209 mm und am oberen Rand einen Durchmesser von 348 mm. Abnutzungsspuren sind nicht vorhanden ( Krierer 2002, 383). Der Erhaltungszustand ist gut. Der Kessel ist nur zum Aufhängen geeignet, eine Standfläche fehlt. Hinsichtlich des Typus’ ist er am ehesten mit einem frühen Westlandkessel, Typ Ekholm 1954/55 Gruppe Ia oder mit einem frühen Neupotzer Kessel, Typ NE 4 vergleichbar.[4] Ein Henkel ist nicht vorhanden. Die vier Henkelattaschen in Gestalt männlicher Kopfbüsten, die regelmäßig nach den vier Himmelsrichtungen ausgerichtet sind, sowie die dazugehörigen Ringe sind sekundär angebracht worden und bis auf eine kleine Lücke in der Oberlippe einer Büste perfekt erhalten ( Künzl u.a. 2002, 358 f.). Sie wurden jeweils aus einer eigenen Form gegossen und individuell nachbearbeitet ( Krierer 2002, 370 f.). Demzufolge unterscheiden sie sich in ihrer Größe (H: 87-94 mm; B: 70-75 mm; Dm Ring: 75-79mm) und ihrer Darstellung. Die Ringe sind oberhalb der Büsten am Kesselrand über einen Steg vom Hals der Büste zum Kessel hin lediglich mit Zinnblei angelötet worden und rahmen diese in der heruntergeklappten Variante. Die Büsten selber sind mit Hilfe eingekerbter Bronzeblättchen an ihrem unteren Rand an der Kesselwand mittels eines Zinnbleilotes befestigt worden (Krierer 2002, 369). Die gemeinsame Löttechnik und das identische Material lässt darauf schließen, dass die Aufhängungsringe und die Büsten zeitgleich angebracht worden sind.

3. Zur Darstellung und Fertigung der Büsten

Die Einmaligkeit der Büsten zeigt sich zum ersten in ihrer Darstellung eines ethnisch bestimmbaren Menschenbildes, zum zweiten in der äußerst naturalistischen und qualitativ hochwertigen Ausarbeitung, zum dritten in ihrem sehr guten Erhaltungszustand und zum vierten darin, dass sie im Barbaricum gefunden worden sind. Dargestellt sind vier Männer mittleren Alters von Kopf bis Brustbein mit vollem Bart und einer Suebenknotenfrisur. Nur aufgrund der Haar- und Barttracht und nicht aufgrund der Physiognomie lassen sich die Büsten als Angehörige eines germanischen Ethnos deuten ( Krierer 2002, 367). Die durch die separate Herstellung bedingte individuelle Nachbearbeitung lässt die Büsten im Detail verschieden aussehen. Eine gewollte Darstellung vier verschiedener Menschen, beispielsweise im Sinne einer Ahnenfolge, würde ich aufgrund der doch zu hohen Gemeinsamkeiten in der Darstellung ablehnen. Eine so naturalistisch arbeitende Werkstatt hätte bewusstere Unterschiede eingebaut. Kopf A ist am besten ausgearbeitet und stellt womöglich das Vorbild für Kopf B, C und D dar ( Krierer 2002, 371). Auffallend ist, dass der Oberkörper im Gegensatz zum Kopf eher simpel ausgearbeitet wurde. Stilistische Merkmale finden sich vor allem bezüglich des Bartes. Der Oberlippenbart beginnt erst seitlich der äußerst wulstigen Lippen und fällt spiralförmig als Vollbart ab. Die Korkenzieherlocken des Vollbartes sind bis zur Gesichtshälfte linksdrehend, dann rechtsdrehend und vereinfachen sich Richtung Ohr. Die Ohren erscheinen ziemlich groß. Hinsichtlich der Augen sind die festumrissene Iris und die gebohrten Pupillen auffallend. Lässt man die Büsten auf sich wirken, stellt man fest, dass sie eine starke Seriosität und Würde ausstrahlen. Da der Kessel nur zur Aufhängung geeignet ist, könnte man vermuten, dass die Büsten auf die um den Kessel Versammelten feierlich hinabblickten. Es handelt sich also um eine sehr positive Darstellung eines für Rom fremden Menschenbildes, das konträr zum gängigen negativen Barbarentopos der Schriftquellen und zu den zahlreichen negativen Barbarendarstellungen steht.[5]

3.1 Exkurs zum Suebenknoten

Im Hinblick auf die in der Interpretation folgende Frage nach dem hier dargestellten Ethnos, halte ich es für sinnvoll, jene Haar- und Barttracht ein wenig näher zu beleuchten. Namensgebend sind die Ausführungen des Tacitus um ca. 100 n. Chr. in der Germania, 38. Tacitus erläutert die hier dargestellte Frisur ausführlich und weist sie als typische Haartracht der suebischen „Freigeborenen“ („... Sueborum ingenui...“) aus. Laut Tacitus sind die meisten Germanen Sueben, obwohl sie sich inzwischen in Stämme mit anderen Namen unterteilen ( Germ. , 38, 1). Auch andere germanische Stämme sollen laut Tacitus diese Frisur getragen haben, allerdings nur als junge Männer ( Germ., 38, 3), obwohl er sie vorher als Unterscheidungsmerkmal gegenüber anderen Stämmen erwähnt (Germ., 38, 1). Hier wird schnell klar, dass Tacitus wohl selbst nicht so genau wusste wer, außer den Sueben, wann, warum und zu welchem Anlass diese Frisur trug. Archäologische Nachweise im Barbaricum existieren nur in Form der Moorleichen in Norddeutschland z. B. in Osterby und Dätgen, suebische Randgebiete, wobei die Moorleiche in Dätgen einen Bart trug ( Rolle u.a. 1999, 238), der sich in Osterby nicht nachweisen lässt[6]. Da sich Haare sehr selten und nur in einem bestimmten konservierenden Milieu über Jahrtausende erhalten, sind bezüglich der Suebenknotenfrisur noch viele Fragen offen. Alle anderen plastischen Darstellungen eines germanischen Ethnos mit Suebenknoten wurden im römischen bzw. provinzialrömischen Bereich gefertigt und sind, genau wie die Aussagen Tacitus’ als Fremddarstellung zu werten. Abgesehen davon tragen die meisten römischen „Barbarenbildnisse“ keinen Suebenknoten ( Krierer 2002, 368), sodass davon ausgegangen werden muss, dass zum einen nicht die große Masse diese Frisur trug und zum anderen bei ihrer Darstellung eine bestimmte Absicht zugrunde lag. Zumindest wird eine Traditionsverbundenheit mit suebischen Sozialstrukturen suggeriert. Die während der Kaiserzeit in Mähren siedelnden Markomannen und Quaden sind aus dem suebischen Verband entstanden.

3.2. Ausgewählte römische und provinzialrömische Darstellungen im Vergleich zu der Darstellung der Mušover Büsten

Als frühes Beispiel für den Suebenknoten gilt der frühkaiserzeitliche Grabstein des Cantaber in Mainz[7]. Stilistisch hat der abgebildete Germane nichts mit der Mušover Darstellung gemeinsam. Laut Krierer stammen viele der im Grunde seltenen „Barbarenbilder“ mit Haarknoten aus der späten zweiten Hälfte des 2. Jh. n. Chr., wodurch sie zweifelsfrei dem Kontext der Markomannenkriege entstammen ( Krierer 2002, 369). Eine auffallende konzeptionelle Ähnlichkeit mit den Mušover Büsten besitzt die Blattkelchbüste aus Brigetio / Pannonien[8]. Bei genauerem Betrachten ist die Ähnlichkeit jedoch nicht mehr ganz so groß, handelt es sich doch um eine viel gröbere Arbeit mit stilistisch komplett verschiedenen Merkmalen. Peška kommt daraufhin zu dem Schluss, dass die Mušover Büsten der Blattkelchbüste aus Brigetio als Vorbild hätten dienen können ( Peška u.a. 1991, 58). Krierer relativiert dies, indem er zwar an ein gemeinsames Vorbild denkt, jedoch den zeitlichen Zusammenhang bzw. dieselbe Werkstatt, aufgrund der doch „... gravierenden Unterschiede...“ ausschließt ( Krierer 2002, 372). Der Blattkelch entstammt der Sepulkralsymbolik. Eine genaue Datierung ist nicht gegeben. Für die Kombination von Büste und Blattkelch, eine eng begrenzte Denkmälergruppe, gibt es Belege von 170 – 190 n. Chr.. Allerdings sind diese wohl erst mit fortschreitender Romanisierung in die Provinzen gelangt ( Krierer 2002, 374). Ebenfalls in Brigetio wurden 1990 zwei kleine Bronzefigürchen mit Suebenknoten entdeckt, wobei die eine aufgrund der am Rücken zusammengebundenen Arme zur Gruppe der Spottstatuen zählt, wie sie vielfach im Zusammenhang mit dem römischen Militär auftauchen[9] ( Krierer 2002, 374). Die andere weist die gleichen gebohrten Pupillen wie die Mušover Büsten auf[10]. Sie werden ins späte 2. Jh. datiert ( Krierer 2002, 375). Zahlreiche Darstellungen von Menschen mit Suebenknoten findet man auf dem Schlachtsarkophag von Portonaccio[11], der nach 180 n. Chr. datiert wird ( Krierer 2002, 368). Auffällig sind Übereinstimmungen des rechts außen stehenden „Germanen“ hinsichtlich der großen Ohren, der Formung der Augenpartie, der Faltengebung, der Lippen, der festumrissenen Iris mit den gebohrten Pupillen mit den Mušover Büsten. Lediglich der Bart weicht sowohl darstellerisch als auch stilistisch völlig ab. Außerdem ist er bekleidet, was allerdings den simpler gestalteten Oberkörper der Mušover Büsten erklären würde.

[...]


[1] Siehe Abb.1.

[2] Siehe Abb.2.

[3] Siehe Abb.3.

[4] Siehe Abb.4.

[5] Siehe Abb.5.

[6] Siehe Abb. 6.

[7] Siehe Abb. 7.

[8] Siehe Abb. 8.

[9] Siehe Abb. 9.

[10] Siehe Abb. 10.

[11] Siehe Abb. 11.

Details

Seiten
29
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638330909
Dateigröße
2.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v32343
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Institut für Ur- und Frühgeschichte
Note
1,0
Schlagworte
Bronzekessel Germanenbüsten Königsgrab Musov

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