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Subjektpositionierungen Deutsch als Zweitsprache (DaZ)-Lernender in Wien zum eigenen Deutschsprechen in Österreich

Masterarbeit 2015 230 Seiten

Didaktik - Deutsch - Deutsch als Zweitsprache

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Theoretischer Teil

0. Einleitende Forschungsfrage und Aufbau der Arbeit

1. Diachroner Abriss zu Deutsch
1.1. Deutsch im (frühen) Mittelalter
1.2. Konkurrierende Deutschformen
1.3. Martin Luthers Standardisierungsbestrebungen
1.4. Deutsch ab dem 16. Jh.
1.5. Zur Verbreitung in Mitteleuropa und Typologie von Deutsch
1.6. Erste Anhaltspunkte zu Formen von Deutsch

2. Versionenreiches Deutsch
2.1. Grundzüge des Konzepts Plurizentrik
2.2. Variante/Variation, Varietät, Umgangs- und Standardsprache
2.2.1. Variante und Variation
2.2.2. Varietät
2.3.3. Umgangs- und Standardsprache

3. Perspektiven auf Deutsch im Kontext Österreich
3.1. Kodizes und Aussprache deutscher und österreichischer Varietät(en)
3.1.1. Beobachtung I, Training Sprechtechnik
3.2.1. Beobachtung II, Hospitation an der VHS
3.2.2. Beobachtung III, Minikurs: „Schimpfen in Wien“
3.2.3. Beobachtung IV, Hospitationsbericht
3.2.4. Das österreichische Idiom
3.2.5. Register
3.3. Österreichisches Deutsch in Medien
3.4. Österreichisches Deutsch und Materialien für den Deutschunterricht
3.4.1. Beobachtung V, Broschüre zu österreichischem Deutsch
3.4.2. Beobachtung VI, DaZ-Lehrwerk
3.5. Mittelbairisch und österreichisches Standarddeutsch
3.5.1. Identität, Norddeutsch vs Bairisch
3.5.2. Mittelbairisch als österreichischer Standard
3.6. ,Österreichisches Deutsch‘ als Formen von Deutsch in Österreich

4. Entwicklung einer kritischen Analyseperspektive auf das Konzept Plurizentrik in Zusammenhängen mit (dem Fachgebiet) DaZ
4.1. Subjektivierung
4.1.1. Die Nation und das Individuum
4.1.2. Das Subjekt und Akteur*innen
4.1.3. Positionierungen und ,österreichisches Deutsch‘ als symbolisches Kapital
4.1.3.1. Diskurse und Positionierungen
4.1.3.2. Mehrfachbezüge zu ,österreichischem Deutsch‘
4.2. Zentrum und Peripherie, Dominanz und Plurizentrik
4.2.1. Asymmetrie plurizentrischer Sprachen
4.2.2. Distribution von Varietäten
4.2.3. Sprache und nationale oder regionale Zentren
4.2.4. Sprache sprechen im Kontext DaZ
4.2.5. Zentrum und Peripherie im Kontext DaZ und DaF
Empirischer Teil

5. Erhebungsmethode
5.1. Problemzentrierte Videointerviews
5.1.1. Konkludente Zustimmung
5.1.2. Informierte Einwilligung und ihre Handhabe
5.2. Darstellung der Proband*innengruppe
5.3. Der Interviewleitfaden
5.3.1. Prinzipien der Leitfäden 2011 und 2014
5.3.2. Theorie des Leitfadens zur Interviewreihe aus 2011
5.3.3. Theorie des Leitfadens zur Interviewreihe 2014
5.4. Transkription der Daten

6. Analysemethode
6.1. Die qualitative Sozialforschung
6.2. Die Qualitative Inhaltsanalyse
6.2.1. Kurzer Abriss zur Entwicklung der Qualitativen Inhaltsanalyse
6.2.2. Charakteristika der Qualitativen Inhaltsanalyse
6.2.3 Techniken der Qualitativen Inhaltsanalyse

7. Analyse der Daten
7.1. Die Kategorisierungen
7.2. Darstellung und Besprechung der Ergebnisse

8. Ein Fazit – Anmerkungen zu den Ergebnissen

9. Bibliographie

10. Anhang
10.1. Abstract – Deutsch
10.2. Lebenslauf
10.3. Ergebnisexporte
10.4. Legende zu den Transkriptionsregeln
10.5. Transkripte 2014
10.6. Transkripte 2011

Eine Widmung und keine Polemik

Diese Arbeit widme ich erstens all jenen, für die Diversität per se nichts Besonderes ist und daher keine Notwendigkeit sehen, sie zu managen, inflationär zu thematisieren und sie in diversen Aus­wüchsen als (politisches und/oder ökonomisches) Unterdrückungsinstrument aufzugreifen. Zwei­tens möchte ich diese Arbeit allen Menschen in Österreich widmen, die sich durch die Betitelung Person mit Migrationshintergrund zumindest diskreditiert fühlen. Drittens widme ich diese Arbeit all jenen, die sich nicht durch neoliberale Wohlfühldialektik besänftigen lassen wollen und sich da­her auf verschiedenen Ebenen dem Kampf gegen Diffamierung bestimmter Personen(gruppen) ak­tiv stellen; es gibt viele Möglichkeiten das zu tun!

Eidesstattliche Erklärung

Hiermit erkläre ich eidesstattlich und mit bestem Wissen sowie Gewissen, dass ich die vorliegende Masterarbeit eigenständig verfasst und keine anderen als die angegebenen Quellen benutzt habe. Die Stellen der Masterarbeit, die diesen Quellen im Wortlaut oder dem Sinn nach entnommen wurden, sind durch Angaben des Fundortes kenntlich gemacht. Dies gilt auch für bildliche Darstellungen sowie für Quellen aus dem Internet. Die Fundortangaben folgen Richtlinien wissenschaftlichen Zitierens, ggf. sind sie durch Fußnoten gekennzeichnet. Vorliegende Arbeit wurde in gleicher oder ähnlicher Form noch keiner Prüfungsbehörde vorgelegt und wurde in gedruckter sowie elektronischer Version abgegeben. Die Versionen sind identisch.

Wien, Oktober 2015

Danksagung

Ich nutze die Gelegenheit, um mich bei İnci Dirim für Ihre Expertise und Betreuung während des Studiums wie auch bei dieser Arbeit herzlich zu bedanken. Die Universität Wien kann sich glücklich schätzen, eine so geniale und zugleich menschliche Wissenschaftlerin in ihren Reihen zu wissen.

Besonderen Dank gilt meiner Freundin Nataša Stojanović, die während der Entstehung dieser Arbeit so einiges aushalten musste. Ich danke ihr für ihre Unterstützung sowie den Austausch an Per­spektiven. Ich liebe dich!

Weiters bedanke ich mich für die fachliche sowie emotionale Unterstützung während meines Studi­ums und dieser Arbeit bei: Thomas Fritz, Renate Faistauer, Rubia Salgado, Gergana Mineva, Birgit Springsits, Natascha Khakpour, Magdalena Knappik, Alfred Knapp, Claus Melter, Paul Mecheril, Hannes Schweiger, Eva Schleicher, Doris Pokitsch, Lisa Polak, Bernhard Baumann, Stefan Baumann, Pablo Figeroa Arias, Alfred Wihalm, Lisa Steinberg, Sabine Guldenschuh, Johannes Köck, Elisabeth Kotvojs, Lisa Krenmayr, Sophie Mihaly, Reinhard Bachmaier, Julia Wolfsteiner, Wolfgang Imre, Judith Gröller und Sven-Erik Hubacek.

Ein besonderer Dank für alles geht auch an meine Eltern, meine Schwester sowie meine leider bereits verstorbenen Großeltern.

Last but not least danke ich allen Proband*innen, die sich für diese Arbeit zur Verfügung gestellt haben.

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Theoretischer Teil

0. Einleitende Forschungsfrage und Aufbau der Arbeit

Der Titel „Subjektpositionierungen DaZ-Lernender in Wien zum eigenen Deutschsprechen in Öster­reich“ meiner Arbeit lässt die Forschungsfrage, wie sich DaZ-Lernende in Wien zum eigenen Deutschsprechen in Österreich positionieren, vermutlich bereits erahnen. Er erklärt aber noch nicht, wie es zu dieser Forschungsfrage kommt: Im Zuge meiner langjährigen Tätigkeit als DaZ-Trainer in Wien wurde ich mit Position(ierung)en meiner Kursteilnehmer*innen zu Formen von Deutsch in verschiedensten Facetten konfrontiert und für diese Thematik sensibilisiert. Welche DaZ-Lehrenden wurden von ihren Student*innen noch nicht auf Differenzen zwischen dem Deutsch im Unterricht und den Formen von Deutsch, mit denen sie in vielfältiger Weise außerhalb des Sprachkurses kon­frontiert sind, aufmerksam gemacht? Als DaZ-Lehrkraft stellt sich hier die Frage, wie Varianten oder Varietäten mit den Lernenden besprochen werden sollten. Als Linguist*in offenbart sich ein Forschungsgebiet zu Position(ierung)en zu allgegenwärtigen Formen von Deutsch in Österreich, welche ich in diesem Forschungsunternehmen aus der Perspektive von Sprecher*innen mit DaZ bzw. DaZ-Lernenden beleuchte.

Zur Beantwortung der Forschungsfrage – wie positionieren sich DaZ-Lernende in Wien zum eigenen Deutschsprechen in Österreich? – muss geklärt werden, was in vorliegender Masterarbeit unter Sprache fällt. Da dies allerdings erst der Beginn dieser Arbeit ist, möchte ich vorab klarstellen, was in diesem Forschungsprojekt keineswegs unter Sprache fällt: Darunter fällt nicht der von Niku Do­rostkar (2012, 62f) mit „Sprachigkeit“ betitelte Metasprachdiskurs, welcher das gesamte Spektrum an Aussagen zum Thema Sprache und alle erdenklichen Formen von Sprachfähigkeit, -verfügbarkeit, -verarbeitung sowie -verwendung bündelt. Es ist nicht möglich, analytische Ansprüche an alle Teilgebiete von Sprache gleichzeitig zu stellen (vgl. a. ebd.). Unter Sprache fallen in dieser Arbeit somit auch keine Tools wie z. B. die Silbentrennung, die in üblichen Textverarbeitungsprogrammen unter Extra und weiters Sprache zu finden ist. Sprache im Sinne dieser Arbeit hat auch nichts mit der Überprüfung von Rechtschreibung, welche auch diese Programme (erfreulicherweise) bereithalten, zu tun. Schreiben wird wohl sehr schnell in Verbindung mit Sprache gebracht, Schreiben spielt in dieser Arbeit zwar eine Rolle, die Hauptrolle besetzt aber das Sprechen der Sprecher*innen, Sprache bedeutet in dieser Arbeit Sprechen als soziale Praxis.

Ich habe mich zu folgendem Aufbau in dieser Arbeit entschieden: Der historische Überblick zu Deutsch in Kapitel 1 verdeutlicht, dass verschiedenste Formen von Deutsch immer schon miteinander konkurrierten. Kapitel 2 beschäftigt sich mit dem Konzept Plurizentrik und dessen De­finitionsversuchen von Variante, Variation und Varietät. Im selben Kapitel wird auf Umgangssprache vs Standard eingegangen. In Kapitel 3 werden verschiedene Perspektiven auf Deutsch im Kontext Österreich thematisiert. V. a. in Kapitel 3 wurde der Forschungsstand zu Deutsch in Österreich sowohl durch gesammeltes Material als auch meine persönlichen Beobachtungen erweitert. In Kapitel 4 lege ich meine Perspektive auf das Konzept Plurizentrik in Zusammenhang mit DaZ(-Spre­chen) dar. Es beinhaltet im Wesentlichen die Theorien Subjektivierung und Positionierung sowie native speakerism. In soeben erwähnten Kapiteln werden bereits kleinere Zwischenergebnisse ge­bracht.

Kapitel 5 zeigt, wie die Daten erhoben und aufbereitet wurden. In Kapitel 6 wird die Analysemetho­de Qualitative Inhaltsanalyse vorgestellt. Kapitel 7 beschäftigt sich damit, wie die Analyse der Pro­jektdaten erfolgte und stellt die Ergebnisse u. a. tabellarisch und grafisch dar. In Kapitel 8 ziehe ich mein Fazit.

1. Diachroner Abriss zu Deutsch

Werner König (2001) bietet in seinem dtv-Atlas Deutsche Sprache eine Fülle an historischen Daten zu Deutsch. Einige dieser Inhalte liegen diesem Kapitel zugrunde. Das Lexikon der Sprachwissen­schaft von Hadumod Bußmann (1990) begleitet nicht nur diesen Abschnitt, sondern die ganze Ar­beit.

Unter Diachronie fällt in der Linguistik das historisch vergleichende Untersuchen von Sprachwan­del (vgl. Bußmann 1990, 176). In diesem Kapitel werden historische Entwicklungsprozesse von Deutsch thematisiert, um letztendlich in dieser Dimension erste Anhaltspunkte zu Formen von Deutsch zu erlangen.

1.1. Deutsch im (frühen) Mittelalter

Das Wort deutsch hat seinen Ursprung im Jahre 786, beruht auf dem germanischen Wort Þeudō (,Volk‘) und wird vorerst nur von Gelehrten bzw. den damals sog. gebildeten Schichten in (rechts)sprachlichen Zusammenhängen verwendet (vgl. Bußmann 1990, 59). Resolutionen werden nachweislich das erste Mal im 8. Jh. nicht nur in Latein, sondern auch in der ,Volkssprache‘ verle­sen, um von allen an der Gesellschaft Teilnehmenden angemessen gedeutet werden zu können (vgl. Bußmann 1990, 59). Bislang verfügen mit Latein nur Institutionen der Kirche und Wissenschaft über ein gemeinsames Verständigungsmittel (vgl. ebd.). Im Allgemeinen ist Deutsch im 10. und 11. Jh. nur marginal dokumentiert (vgl. ebd., 75).

Es dauert gut 300 Jahre bis sich das Wort deutsch nachweislich neben Sprache auch auf Ethnie und Land bezog (vgl. ebd., 59). (Althoch[1] )Deutsch ist zwischen dem 8. und 12. Jh. keineswegs eine ho­mogene Sprache, die sich über ein Territorium, das von der Nord- und Ostsee bis über die heutigen Staatsgrenzen Österreichs und der Schweiz reicht, erstreckt, sondern bezeichnet Sprachgemein­schaften sechs germanischer Großstämme des frühmittelalterlichen Mitteleuropas (vgl. ebd.). Hier­bei handelt es sich um die Sprache(n) der Friesen, der Sachsen, der Thüringer, der Alemannen, der Baiern und der im Frühmittelalter dominanten Franken (vgl. ebd.). Letztere schaffen infolge ihrer Expansion sowie damit verbundenen Machtkämpfen u. a. mit den übrigen Stammesverbänden ge­wissermaßen erste Voraussetzungen, ein politisches wie auch sprachliches Einheitsbewusstsein zu bilden (vgl. ebd.). Spätestens Ende des 11. Jhs. markieren die Bezeichnungen deutsch bzw. diustisc [2] und fränkisch bzw. frencisg selbständige (sprach)politische Einflussbereiche (vgl. ebd.). Wörter aus der fränkischen Kirchensprache wie z. B. geist bleiben dem Deutschen bis heute erhalten (vgl. ebd., 69). Zeugnisse höfischer Dichtung aus verschiedenen Regionen dokumentieren jedoch, dass (Mit­telhoch[3] )Deutsch zwischen dem 12. und 13. Jh. über noch keinen überregionalen Standard verfügt (vgl. ebd., 77f).

1.2. Konkurrierende Deutschformen

Das Mittelniederdeutsche (ca. 14. – ca. 15. Jh.), dessen politisches Zentrum der Städtebunde Hanse darstellt, das gemeine Deutsch (ca. 14. - ca. 16. Jh.) der Wiener Kaiserlichen Kanzlei und das meiß­nische Deutsch der Sächsischen Kanzlei (ca. 17. – ca. 18. Jh.) sind um die Durchsetzung ihrer Ver­sion von Deutsch als Einheitssprache bemüht (vgl. Bußmann 1990, 174 & König 2001, 77, 92f, 101).

Mittelniederdeutsch bezieht sich auf den Nord- und Ostseeraum der heutigen Nationen Deutsch­land, Polen, Belgien, Niederlande, Estland, Litauen und Lettland (vgl. König 2001, 76). Mit dem Niedergang der Hanse im 15. Jh. verringert sich der Einfluss des Mittelniederdeutschen auf Stan­dardisierungsprozesse der Sprache, die heute Deutsch genannt wird (vgl. ebd., 77). Allerdings ver­erbt das Mittelniederdeutsche dem heutigen Deutsch einen beträchtlichen Wortschatz aus dem Be­reich der Schiffsfahrt (z. B. Ufer, Wrack und Krabbe) und des Handels (z. B. Stapel und Tonne) (vgl. ebd.).

Der Einflussbereich des Gemeinen Deutsch verbreitert sich rasch und reicht bereits im 15. Jh. etwa von Wien bis Augsburg und von Innsbruck bis Nürnberg (vgl. ebd., 93). Beim Gemeinen Deutsch handelt es sich zwar um eine stilistisch einfache, jedoch effektiv überregionale Version von Schrift­deutsch für bürokratische Zwecke (vgl. ebd.). Neben den Habsburgern verfügt ab spätestens dem 16. Jh. auch das Kurfürstentum Sachsen über ein genormtes Schriftdeutsch, das auch unter Meiß­nisch-Sächsisch bekannt ist (vgl. ebd., 93, 101). Erste Ansätze eine deutsche Gemeinsprache zu kre­ieren, sind erkennbar (vgl. ebd., 93). Dazumal haben diese Organisationen von (Schrift)Deutsch große Vorbildwirkung (vgl. ebd.). Bibelübersetzer*innen wie Martin Luther (1483 – 1546) schöpfen aus diesen Schreibnormen, um ihre Arbeit auf Papier zu bringen (vgl. ebd., 93, 97).

1.3. Martin Luthers Standardisierungsbestrebungen

Luther ist einer von vielen Übersetzer*innen, die sich im 15. und 16. Jahrhundert der Herausforde­rung stellen, die Bibel aus dem Lateinischen in ein überregional verständliches Deutsch zu übertra­gen (vgl. ebd., 97). Seine Übersetzung des Neuen Testaments aus 1522 ist bis heute nicht zuletzt aufgrund religiöser Entwicklungen am populärsten (vgl. ebd.). Trotz Luthers Bemühungen um über­regionale Verständlichkeit muss eine Basler Druckerei ihrem Nachdruck eine Vokabelliste anhän­gen, „[...] die ,die ausländischen Wörter auf [...] Teutsch [in Basel] anzeig[en]‘ [soll]“ (ebd., 97). In Luthers religiösen Schriften wandeln Ausdrücke und Wörter ihre Bedeutung (vgl. ebd.). Z. B. be­deutet das Adjektiv fromm vor Luther tüchtig oder rechtschaffen, infolge der enormen Verbreitung von Luthers Neuem Testament ist unter fromm heute eher gläubig oder gottergeben zu verstehen (vgl. ebd.). Außerdem sind einige seiner Wortneubildungen wie z. B. Herzenslust oder Machtwort bis heute gebräuchlich (vgl. König 2001, 97).

Luthers Standardisierungsentscheidungen zugunsten nördlicher oder süd(öst)licher Realisierungen von Lexemen sind bis heute im (Schrift)Deutschen erhalten, so ist z. B. die Durchsetzung des süd(öst)lichen Wortes solch gegenüber der nördlichen Version sulch und des nördlichen Substantivs sonne gegenüber der süd(öst)lichen Form sunne auf Luther zurückzuführen (vgl. ebd.). Kodizes des 20 Jh. revidieren nur wenige Vorschläge Luthers (vgl. ebd.). Luther versucht sich nicht nur auf lexi­kalischer Ebene um Vereinheitlichung, sondern bemüht sich auch zugunsten der Verständlichkeit um eine stilistische Vereinfachung der Syntax (vgl. ebd.). Schriftdeutsch vor Luther orientiert sich tendenziell an so komplexen Satzprinzipien, wie sie auch damals schon fürs Lateinische überliefert gewesen sind (vgl. ebd.). Luthers Gebrauch von Hypotaxen und Parataxen ist ausgewogener als er es zuvor gewesen ist, die Verständlichkeit des Geschriebenen wird somit verbessert (vgl. ebd.).

1.4. Deutsch ab dem 16. Jh.

Ab 1555, zu dieser Zeit gewinnt der Buchdruck an Bedeutung, wird die Person Luther dazu miss­braucht, als ,einzig wahrer‘ Schöpfer eines vorbildlichen Standarddeutsch zu gelten (vgl. ebd., 97, 99). Im Verlaufe des 16., 17. und 18. Jhs. häufen sich positive sowie negative Bewertungen mehre­rer regionalen Formen von Deutsch (vgl. ebd., 101). Da jedoch ostmitteldeutsche Autor*innen im­mer präsenter werden, löst das Meißnische Deutsch aus dem damaligen Raum Sachsens das südli­che Schriftdeutsch etwa zwischen dem 17. und 18. Jh. ab (vgl. ebd.). Diese Entwicklung wird aber auch dadurch begünstigt, dass im damaligen Österreich und Bayern Latein als Bildungssprache ge­handelt wird (vgl. ebd.), nördlich soeben erwähnter Ländereien setzt sich der bildungssprachliche Anspruch auf Deutsch seit Luthers Standardisierungsbestrebungen weiterhin und ununterbrochen fort (vgl. ebd., 97, 101ff). Aus der Perspektive Sachsens gilt das standardisierte Schriftdeutsch des Südens als rückständig und überholt (vgl. ebd. 101).

(Frühneu- bzw. Neuhoch)Deutsch[4] zwischen 1650 und ca. 1800 spiegelt genauso wie frühere Ver­sionen von Deutsch keine homogene Sprachrealität wider. Frühneuhochdeutsch, die unmittelbare Vorgänger*in des Neuhochdeutschen, „[...] bezeichnet eine Periode, deren Charakteristikum einmal in der Vielfalt der uns überlieferten Schreibdialekte liegt, zum anderen in der Tatsache, daß [sic] diese Vielfalt der Schreibdialekte bis zum Ende der Periode zugunsten einer relativ einheitlichen Schriftsprache aufgegeben wurde“ (König 2001, 91). Basierend auf dem „[…] Ostmitteldeutschen und als Ergebnis von Ausgleichsbewegungen zwischen Nord und Süd setzt sich im Laufe des 18. Jh. das […] Neuhochdeutsche als einheitliche Schriftsprache mit zahlreichen Varianten und Unter­schieden vor allem im lautlichen und lexikalischen Bereich durch“ (Bußmann 1990, 174). Nichtsde­stotrotz ziehen Ende des 19. Jh. (auch gebildete) Sprecher*innen des Bairischen heren der Version hören vor (vgl. ebd., 109). Grammatiken mit dem Zweck phonetische[5] Realisierungen, die keiner schriftlichen Norm entsprachen, zu disqualifizieren, sind zwar bereits vor dem 19. Jh. gängig gewe­sen, können aber in diesem Fall keinen Einfluss auf die Realisierung des Lexems hören nehmen (vgl. ebd.). Bis ins 19. Jh. hinein sickern kontinuierlich regionalsprachliche Elemente in ein relativ überregionales Schriftdeutsch ein (vgl. ebd., 91), erste verbindliche Kodizes insbesondere zur Aus­sprache entstehen (vgl. ebd., 245). Dem Theater Verpflichtete wie etwa der Dramatiker Johann Wolfgang Goethe (1749 – 1832) fordern ab etwa 1800 zwecks überregionaler Verständlichkeit eine Aussprachenorm für die Bühne und Germanist*innen wie Theodor Siebs (1862 – 1941) bemühen sich Ende des 19. Jhs. um eine Kodifizierung von (Bühnen)Aussprache (vgl. ebd., 109f). Eine Aus­sprachenorm für die Theaterbühne sollte zumindest Goethes Verständnis nach wertfrei bleiben, sie sollte keine Regionalsprache auf- oder abwerten (vgl. ebd., 109). Bis tief ins 20 Jh. hinein entstehen zum einen Empfehlungen zur Aussprache in Zusammenhängen mit Theater und zum anderen in Zu­sammenhängen mit Nation (vgl. ebd., 245).

1.5. Zur Verbreitung in Mitteleuropa und Typologie von Deutsch

Deutsch ist heute in Deutschland, der Schweiz, Österreich und Liechtenstein amtssprachliche Reali­tät (vgl. Bußmann 1990, 173). Dass Deutsch (bspw. in diesen Nationen) auch lebensweltliche Reali­tät ist, erwähnt Bußmann (ebd., 173ff) nicht, Bußmann (ebd.) expliziert Deutsch ausschließlich strukturalistisch und territorial. Der Vollständigkeit halber möchte ich noch erwähnen, dass das die­sen Nationen zugewiesene Deutsch nicht nur aus entstehungsgeschichtlicher, sondern auch aus sprachtypologischer Perspektive Übereinstimmung aufweist (vgl. ebd., 174). Die Satzglieder sind im Deutschen relativ frei zu setzen und die Stellung finiter Verben folgt in Hauptsätzen und m. E. nur in Schriftdeutsch auch in Nebensätzen festen Prinzipien (vgl. a. Bußmann 1990, 174). Bußmann (ebd., 718) und König (2001, 35) klassifizieren Deutsch per se als synthetische Sprache, d. h., dass Deutsch flektiert bzw. syntaktische Beziehungen der Wörter fast immer mittels Morphologie aus­wirft. M. E. können Sprachtypologisierungen sowie sprachspezifische Häufigkeitsfeststellungen ei­nes bestimmten Phänomens von der modernen Linguistik höchstens als deskriptive Annäherungen verstanden werden. Deutsch könnte neben flektierend (der Sprecher, des Sprechers) auch als isolie­rend[6] (wir werden sprechen müssen) und agglutinierend[7] (sprechen, besprechen, ansprechen, ver­sprechen) dargestellt werden.[8] Ohne in dieser Arbeit detailliert darauf eingehen zu können, möchte ich noch anmerken, dass im versionenreichen Deutschen Vokalharmonie[9] feststellbar ist: Vokalhar­monie wird m. W. in der klassischen Sprachtypologie nicht mit dem Deutschen in Verbindung ge­bracht. Zur Illustrierung von Vokalharmonie im Deutschen folgen Beispiele, die bei mir selbst und anderen Sprecher*innen (bspw. im oberösterreichischen Salzkammergut) zu entdecken sind: Igel – Ügü; Nägel – Nögö; Äpfel – Öpfpö & Zwiebeln – Zwübü(n).

1.6. Erste Anhaltspunkte zu Formen von Deutsch

Ab dem frühen Mittelalter stellen deutschsprachige Gesellschaften Machtansprüche an die Verbrei­tung ihrer Version von Deutsch. Die Verbreitung von lexikalischem oder phonetischem Deutschma­terial findet maßgeblich schriftlich und in amtlichen sowie bildungssprachlichen Zusammenhängen statt.

Ausspracheempfehlungen haben im Verlauf der Geschichte gleichzeitig auf eine jeweils vorherr­schende und noch zu erstrebende Schriftlichkeit verwiesen. (Natürlich können auch diverse Aus­sprachen von Deutsch und verschiedene Versionen von Schriftdeutsch über die Epochen hinweg mitunter mythenhaft aufeinander verweisen.) Die Bemühungen Luthers geben ein gutes Beispiel da­für, dass Aussprache und Schrift ständig miteinander Verknüpft zu sein scheinen: Obwohl Luthers Standardisierungsprozesse zu Schriftdeutsch sowohl nördliche als auch süd(öst)liche Formen von Deutsch miteinbeziehen, hält er nur die phonetische(n) Realisierung(en), Niedersachsens, Branden­burgs und Hessens für erstrebenswert (vgl. König 2001, 97). Diese Attitüde hat Auswirkungen auf seine Übersetzungen, dessen Stil und Schreibweise wieder als Vorbild für unspezifische Deutschfor­derungen genommen wird (vgl. ebd.). Werner König (ebd., 101) vermutet, dass sich Beurteilungen regionaler Deutschformen bereits ab dem 16. Jh. unspezifiziert auf sämtliche Sprachbereiche wie z. B. Schreibung, Aussprache und Wortwahl beziehen.

Folgende fragmentarische Darstellung soll nicht nur veranschaulichen, welchen Umweg Luther ei­gentlich geht, um eine vorbildliche Aussprache zu benennen, sondern auch die Wechselwirkung zwischen Schrift und Aussprache am Beispiel Luthers Arbeit illustrieren:

Darstellung 1, Wechselwirkung zwischen Schrift und Aussprache am Beispiel Luthers Arbeit

[…] → [Schriftlatein → ] (Aus)Sprache um die Zeit Luthers ↔ Schriftdeutsch Luthers ↔ von Luther empfohlene Aussprache ↔ Meißnisches Schriftdeutsch ↔ […]

Dieses vereinfachte Schema ist durch Zeitangaben schwer seriös einzugrenzen, die Entwicklungen von (Schrift)Deutsch sind fluide: Werner König (ebd., 59, 91, 77) kritisiert m. E. zurecht gängige Datierungen der Entwicklungsstufen für einheitliches Deutsch einer bestimmten Epoche und bleibt vermutlich daher auch bei Periodisierungen und verallgemeinernden Bezeichnungen von histori­schen Deutschformen sehr vorsichtig. Die Progression von Deutsch unterliegt jederzeit einem stän­digen Nebeneinander von Deutschversionen im sowohl schriftlichen als auch mündlichen Bereich, wie ich bereits in diesem Kapitel gezeigt habe.

Zusammenfassend ist zu sagen, dass a) die Organisation von Deutsch historisch belegt schon immer ein Machtinstrument ist, b) Deutsch immer schon ein Kontinuum lexikalischer und phonetischer bzw. phonologischer[10] Versionen darstellt, c) eine deutsche Standardsprache jederzeit ein diachroner Kompromiss aus verschiedenen Deutschversionen ist, d) Schriftdeutsch und Ausspracheempfehlun­gen in Wechselwirkung stehen, e) Deutsch in Deutschland, der Schweiz und Österreich dieselbe Entstehungsgeschichte und Typologie[11] aufzeigt,[12] f) und Formen von Deutsch primär regional ge­bunden bzw. diatopisch determiniert werden.

2. Versionenreiches Deutsch

2.1. Grundzüge des Konzepts Plurizentrik

Meinen Recherchen nach werden Mitte der 1990er verschiedene Vorstellungen zu österreichischem Deutsch ausgiebig, intensiv und kontrovers diskutiert. Daher stütze ich mich u. a. auf Beiträge aus dem von Rudolf Muhr, Richard Schrodt und Peter Wiesinger 1995 herausgegebenen Band Österrei­chisches Deutsch linguistische, sozialpsychologische und sprachpolitische Aspekte einer nationalen Variante des Deutschen und dem von Muhr und Schrodt 1997 herausgegebenen Band Österreichi­sches Deutsch und andere nationale Varietäten plurizentrischer Sprachen in Europa. Empirische Analysen. Weiters werden auch Ulrich Ammons (1995, et al. 2004) umfangreiche Monographien über die Vielfalt des Deutschen, die m. W. großen Anklang in der (österreichischen) Germanistik finden, sowie Rudolf de Cillias (2006) Perspektive auf Deutsch als plurizentrische Sprache und DaZ/DaF[13] die Arbeit ab nun begleiten.

Bis etwa Ende der 1970er ist der Begriff polyzentrische Sprache gebräuchlich, um einen Reichtum an (Standard)Formen innerhalb einer Sprache wie z. B. Deutsch zu kennzeichnen (vgl. Ammon 1995, 46f). Im Verlaufe der 1980er ersetzte der Terminus Plurizentrik immer deutlicher jenen der Polyzentrik (vgl. Ammon 1995, 47 & de Cillia 2006, 52f). Eine Sprache gilt als plurizentrisch, wenn sie in mindestens zwei Nationen den Status einer Amtssprache[14] – d.h. einer von gesellschaft­lichen Strukturen primär schriftlich für Verwaltung, in Dokumenten und gesetzlichen Regelungen vorgesehene und verwendete Sprache (vgl. Ammon 2010, 9) – genießt und sich aus ihrem Gebrauch „[...] standardsprachliche Unterschiede herausgebildet haben“ (Ammon et al. 2004, XXXI). Da Englisch, Französisch, Arabisch, Spanisch und Deutsch in mehr als einer Nation (einzige) Amtss­prache sind, sind sie Beispiele für eine plurizentrische Sprache (vgl. de Cillia 2006, 53). Um ver­mutlich den nationalen Aspekt bspw. eben genannter Sprachen zu markieren, erwähnt Ammon (1995, 46) „polynationale Sprache“ und de Cillia (2006, 53) „,plurinationale‘ Sprache“, worunter wiederum […] „eine plurizentrische Sprache, zu deren Zentren mindestens zwei Nationen zählen, [verstanden werden soll]“ (de Cillia 2006, 53). Obwohl diverse standardisierte Formen mal mehr und mal weniger als prestigeträchtig gelten (vgl. ebd., 56f), sollten grundsätzlich alle (national) standardisierten Versionen einer Sprache gleichberechtigt sein (vgl. Ammon et al. 2004, XXXII). Konstruierte bzw. standardisierte Versionen einer bestimmten Sprache überdachen ihre nicht-standardisierten Erscheinungsformen, gemeinsam bilden diese Existenzformen eine Sprache (vgl. Ammon 1995, 7f).

2.2. Variante/Variation, Varietät, Umgangs- und Standardsprache

In diesem Kapitel werden diverse Benennungen von Sprachformen diskutiert.

2.2.1. Variante und Variation

Ammon (1995, 61f) vergleicht sprachliche Varianten mit Variablen im mathematischen Sinn. „Sprachliche Variablen können, wie alle Variablen […] verschiedene Werte annehmen. Diese Werte sind nichts anderes als sprachliche Varianten“ (ebd., 61), sie können onomasiologisch[15] oder sema­siologisch[16] sein (vgl. ebd., 62). Die Onomasiologie bzw. Bezeichnungs- oder Benennungslehre ist eine semantische Forschungseinrichtung und beschäftigt sich unter Miteinbezug von Aspekten geo­grafischer Distribution sowie Fragen zum Wandel von Bezeichnungen mit der Bedeutung von Wör­tern oder vielmehr Wortformen, wobei Inhalte den Ausgangspunkt bilden (vgl. Bußmann 1990, 544). Die Semasiologie bezeichnet jene Teildisziplin der Semantik, die sich im Gegensatz zur Ono­masiologie ausgehend von Wortformen mit Bedeutungsbeziehungen und -wandel befasst (vgl. ebd., 678). „Onomasiologische Variablen werden dementsprechend durch die gleichbleibende Bedeutung gebildet, semasiologische Variablen durch den gleichbleibenden Ausdruck“ (Ammon 1995, 62). Die Onomasiologie entwirft aktive Anwender*innen von Sprache (Sprechende, Schreibende), welche für bestehende Bedeutungen die stimmigen Ausdrücke nachschlagen, die Semasiologie entwirft passive Anwender*innen (Hörende, Lesende) von Sprache, welche bestehende Ausdrücke die stim­migen Bedeutungen zuweisen (vgl. ebd.).

Deutschsprachliche Lokalisierungen, die uns hier besonders interessieren, sind sog. Austriazismen: Nach dem Germanisten Jakob Ebner (2008, 7), er ist der Autor von Duden Österreichisches Deutsch, „[heißen] [f]ür Österreich typische Varianten […] im Fachausdruck Austriazismen […]“. Die Idee eines autarken österreichischen Deutsch spielt erst ab der zweiten Hälfte des 19. Jhs. eine erwähnenswerte Rolle (vgl. ebd., 10). Nach dem Untergang von Nazideutschland, dienten Austria­zismen v. a. dazu, sich von Deutschland auch sprachlich abzugrenzen (vgl. ebd., 11). Unter dieser Perspektive erscheint 1951 das Österreichische Wörterbuch (vgl. ebd.). Eine spezielle Form der Va­riante ist die Variation: Variation bezeichnet eine „sprechsprachliche Variante“ wie sich im gegen­wärtigen Deutsch durch das Beispiel eine vs ne vs a (vgl. de Cillia 2006, 56) vs oa verdeutlichen lässt. Je nach Perspektive könnte dieses Beispiel für diatopische oder für diastratische Variation sprechen; diatopische Variation wird bspw. in Nation oder Region lokalisiert, diastratische Variation nimmt soziale Schicht als Referenz (vgl. Spiekermann 2010, 346ff). Diachrone Variation wurde be­reits angesprochen: Kapitel 1. verdeutlicht, dass keine Sprachstufe des Deutschen über längere Peri­oden unverändert blieb und (Alt- oder Mittelhoch)Deutsch daher nie einen überregional einheitli­chen Sprachstand repräsentierte; Helmut Spiekermann (2010, 345) sieht das nicht anders, er stellt Deutsch als Einheitssprache (auch in Zusammenhängen mit Fremdsprachunterricht) infrage (vgl. ebd., 343ff). Die diachrone Dimension nimmt außerdem Vorstellungen zur zeitgemäßen Zweck-Mittel-Relation von Variationen aus der Perspektive der Sprecher*innen in den Blick (vgl. ebd., 346). Der Vollständigkeit halber wird nun auch situationsabhängige bzw. diaphasische Variation an­geführt (vgl. ebd., 353), sie beschäftigt uns in Kapitel 3.2.5. noch ausführlicher.

2.2.2. Varietät

Ammon (1995, 64) stellt die Variante als einzelne Einheit der Varietät als linguistisches System ge­genüber. Die drei deutschen Standardvarietäten sind national anberaumt und werden als das deut­sche, österreichische und schweizerische Standarddeutsch bezeichnet (vgl. Ammon 1995, 3ff), wo­bei den zwei letzteren im Alltag der Ruf anhaftet, bloß ein Dialekt oder Akzent von Deutsch zu sein, so beklagt Sara Hägi (2007, 8), die Plurizentrik in Zusammenhängen mit DaF-Lehren und -Lernen diskutiert. Hägi (ebd. 8ff) setzt sich für die Anerkennung des österreichischen und schweizerischen Deutsch als eigenständige Varietät im DaF-Unterricht ein. Der Begriff Varietät ist nach Bußmann (1990, 827) neutral und erschließt sich m. E. über die diskursive Beurteilung bestimmter sprachlich-spezifischer Ausdrucksformen; eine geographisch definierte Varietät ist ein Dialekt (vgl. ebd.), So­ziolekt bezeichnet eine Varietät, „[…] die für eine sozial definierte Gruppe charakteristisch ist“ (Bußmann 1990, 692); so sieht es auch Helmut Spiekermann (2010, 345), er ist der Ansicht, dass „[d]ie Unterscheidung von Varietäten […] in der Regel auf der Basis von außersprachlichen Fakto­ren [geschieht]“. Das Konzept der Plurizentrik läuft m. E. Gefahr, das Sprechen von Varietät maß­geblich national oder regional abzustecken, denn „Varietäten sind Subsysteme von Sprachen, d. h. sie zeigen theoretisch idealisiert systematische grammatische und lexikalische Eigenschaften, die sie von anderen Varietäten unterscheiden“ (Spiekermann 2010, 344). Der Varietätenraum ist mit Spiekermann (ebd., 345) mehrdimensional: Seit den 1960ern zentralisiert die Soziolinguistik[17] „[...] die diastratische […] Dimension, die sich mit Variation entlang sozialer Unterschiede befasst (im weitesten Sinne: mit Gruppenvarietäten), und die diatopische […] Dimension, die Variation im Raum untersucht“ (vgl. ebd.). Dialekte werden im Sinne des linguistischen Strukturalismus häufig als diatopisch und Soziolekte als diastratisch bezeichnet (vgl. ebd., 346ff).

2.3.3. Umgangs- und Standardsprache

Umgangssprache bezeichnet „eine Art Ausgleichsvarietät“ zwischen jeweiliger Standardvarietät und jeweilig anberaumtem Dialekt (vgl. Bußmann 1990, 814). Sie verfügt über moderate Dialektismen und gilt in informellen und privaten Situationen als angemessen (vgl. ebd.). Diese Sprachkontakter­scheinung zwischen dialektalen Varietäten und standardisierter Varietät gilt nach König (2001, 135) v. a. für die Mitte und den Süden des sog. deutschsprachigen Raums, also auch für Österreich.

Für Sprecher*innen im Norden Deutschlands stellt Umgangssprache „[…] eine stilistisch niedere, ,lässigere‘, gleichsam abgesunkene Form der Standardsprache […]“ dar (vgl. ebd.). Die Oberdeutschen Dialekte wie bspw. die Bairischen[18] (aber auch das Alemannische und das Ostfränki­sche)[19] haben im Vergleich zum Niederdeutschen bzw. Platt(deutschen) die Zweite oder Hochdeut­sche Lautverschiebung, an deren Konsequenzen sich Standardisierungen von Deutsch orientieren, zur Gänze vollzogen (vgl. Bußmann 1990, 523, 538 & König 2001, 63, 135). Daher stehen Spre­chende Oberdeutscher Dialekte wie z. B. jene des Bairischen samt ihrer potenziellen Varianten dem deutschen Standard näher als jene des Niederdeutschen (vgl. König 2001, 135). Das führt Werner König (2001, 135) zufolge im Norden Deutschlands dazu, dass Platt(deutsch)-Sprechende aufgrund der großen Diskrepanz zwischen ihrer Mundart, bei König (ebd., 135, 252) ist Mundart ein Syn­onym zu Dialekt, und der standardisierten Varietät bzw. Standarddeutsch als Fremdsprache in der Schule erwerben und Platt(deutsch) als soziale Varietät in Situationen mit Öffentlichkeitscharakter nahezu verschwunden ist. Sog. gebildete Schichten der ehemaligen Hansestädte im Norden Deutschlands sprechen Hochdeutsch, die sog. urbanen Unterschichten dieser Region sprechen einen Mix aus Platt(deutsch) und Hochdeutsch (vgl. ebd., 135). „Hoch- bezeichnet nicht eine Hoch- oder Schriftsprache, sondern ist ein geograph[20] [ischer] Terminus, der das Mittelhochdeutsche im Süden vom Mittelniederdeutschen im Norden absetzt“ (König 2001, 78). Der Mythos, dass das ,einzig wahre Deutsch‘ in Norddeutschland realisiert würde, hält sich seit dem 19. Jh. (vgl. ebd., 109f) wohl bis heute. In Rudolf de Cillias (1997, 116ff) empirischem Forschungsprojekt, dass sich mit der Frage beschäftigt, welche identitätsstiftende nationale Funktion(en) die (deutsche) Sprache für Österreicher*innen hat (vgl. ebd., 116), wird „Norddeutsch“ (ebd., 120ff, 124) von den untersuchten deutschsprachigen Sprecher*innen aus Österreich als nationsübergreifender Standard beurteilt; mei­nen Beobachtungen nach wird unter ,Hochdeutsch‘ in alltäglichen Zusammenhängen ebenso ein deutscher Standard verstanden. Standardsprache ist präskriptiv (vgl. de Cillia 2006, 52).

3. Perspektiven auf Deutsch im Kontext Österreich

(Die österreichische) Standardvarietät oder Standardsprache bezeichnet sprachlich-spezifische Aus­drucksformen der Mittel- oder Oberschicht, eine Normierung in Morphosyntax, Akzentuierung und Orthographie, die in Medien, (Bildungs)Institutionen und dem Ziel sprachdidaktischer Bestrebun­gen bspw. des DaF-Unterrichts Platz findet (vgl. Bußmann 1990, 732 & Höhle[21] 2010b, 318f). Ha­dumod Bußmann (1990, 513, 732) fällt in ihrem sprachwissenschaftlichen Lexikon eine Abgren­zung zwischen Standardsprache und Nationalsprache schwer, da beide Bezeichnungen gleichwohl eine bestimmte Varietät für eine national konstruierte Sprachgemeinschaft durch historisch-politi­sche Argumentation legitimieren. Standardsprachen sind im Sinne der Plurizentrik in Nationen für eine Sprachgemeinschaft verbindlich (vgl. Höhle 2010b, 318).

3.1. Kodizes und Aussprache deutscher und österreichischer Varietät(en)

Standardvarietäten sind im Vergleich zu Nonstandardvarietäten in Nachschlagewerken wie Wörter­büchern und Grammatiken kodifiziert, damit sich Teilnehmende einer Sprachgemeinschaft dem nor­mativen Sprachgebrauch vergewissern könn(t)en (vgl. Ammon 1995, 3). (Standard)Sprache/Varietät wird konserviert, so möchte ich sagen. In Österreichs staatlichen Schulen gilt neben dem Duden auch das Österreichische Wörterbuch als verbindliche Referenz (vgl. Hägi 2007, 10). Nach Hägi (ebd., 10ff) soll bspw. die Tatsache, dass mehrere verbindliche Kodizes für Deutsch gültig sind, auch für den DaF-Unterricht wenigstens in Form eines Überblicks zu Deutsch als plurizentrische Sprache Konsequenzen haben. Das Österreichische Wörterbuch ist zwar behördlich autorisiert (vgl. Ammon 1995, 138), wird jedoch längstens epistemologisch kontrovers diskutiert (vgl. de Cillia 1997, 124f), „[…] die Verwendung von Nonstandardvarietäten [ist] nicht durch Schulen oder Be­hörden amtlich institutionalisiert“ (Ammon 1995, 3). Eine Beschreibung von Nonstandardvarietäten in Nachschlagewerken diene fast nur wissenschaftlichem Interesse und keiner „[...] Absicherung des richtigen Sprachgebrauchs“ (Ammon 1995, 3). Gewissermaßen widerspricht dieser Ansicht das Le­xikon von Fritz Lichtenauer (2003). In [s]ein[em] Sprachführer für Einheimische und Zugereiste (ebd. o. S.)[22] erhebt Lichtenauer (ebd., 95) ausdrücklich keinen wissenschaftlichen Anspruch. Trotz­dem bannt Lichtenauer (ebd., o. S.)[23] „Oberösterreichisch von A bis Z“ auf über 40 Seiten. Lichte­nauer (ebd., 93) ist sich sprachlicher Heterogenität in Oberösterreich insofern bewusst, als dass er sich selbst und seine Leser*innen als Sprecher*innen des Inn-, Mühl-, Hausruck- und Traunviertel regionalisiert. Zum angemessenen Sprachgebrauch meint Lichtenauer (ebd., 6), dass „[es] [i]n Oberösterreich […] kein Fauxpas ist, wenn man [sic] bei feierlichen Anlässen Mundart spricht bzw. singt, sondern ein Muss“. Strophen der oberösterreichischen Landeshymne sind in einem Landesge­setzblatt aus 1953 geschützt und dürfen nur in ,oberösterreichischer Varietät‘ rezipiert werden, eine Missachtung dieses Gesetzes sei strafbar, so Lichtenauer (ebd.). Weiters werden nach Ammon (1995, 3) „Grenzfälle und Übergangsformen“ nicht kodifiziert. Es stellt sich die Frage, was ein Grenzfall oder eine Übergangsform ist; meinen Beobachtungen nach scheinen die Mitarbeiter*in­nen von http://www.duden.de/ heute ziemlich rasch zu reagieren, wenn es darum geht, erst seit kür­zerem gebräuchliche Ausdrücke ins Repertoire des Onlinenachschlagewerks für Deutsch aufzuneh­men. (Vermutlich betrifft diese Beobachtung hauptsächlich den lexikalischen Bereich.) Nach Karo­line Ehrlich (2009, 129ff), sie thematisiert in ihrer Dissertation die Aussprache des österreichischen Standarddeutsch und ihre Kodifizierung mittels einer empirischen Untersuchung, ist es aus phonetischer, phonologischer wie auch subjektiver Perspektive völlig nachvollziehbar, österreichi­sches Deutsch gar nicht als kodifiziert zu verstehen.

Das Österreichische Wörterbuch sowie der erste Dudenband erscheinen nach dem Zweiten Welt­krieg (vgl. ebd., 32, 41). Die erste Ausgabe des Österreichischen Wörterbuchs [24] wurde 1951 veröffentlicht und konzentriert sich hauptsächlich „[…] auf die Erfassung der lexikalischen Eigenheiten des österreichischen Deutsch“ (ebd., 41). Erst in seiner 38. Ausgabe spielen phoneti­sche Realisierungen eine Rolle (vgl. ebd., 41f), falls sie nach dem Ermessen des Autor*innen-Teams, so vermute ich, von der deutschen Varietät abweicht. Es existieren auch nationsübergreifen­de Aussprachekodizes, die das österreichische Deutsch eher als einen süddeutschen Dialekt begrei­fen (vgl. ebd., 10). Der erste Dudenband mit dem Titel Duden. Das Aussprachewörterbuch. er­scheint elf Jahre später als das Österreichische Wörterbuch (vgl. ebd., 32). Obwohl die Bühnenaus­sprache stets nur Berufssprecher*innen und Schauspieler*innen und keinem breiten Kreis Spre­chender als Referenz dienen sollte (vgl. ebd., 19), nimmt Max Mangold, unter dessen Leitung so­eben erwähnter Dudenband publiziert wurde, „Bühnenhochlautung“ aus Gründen der Deutlichkeit als Vorlage für eine vorbildliche deutsche Aussprache (vgl. ebd., 32f). Mangold (1962) stilisiert die deutsche Bühnenaussprache als prestigeträchtige Norm von Deutsch in seinem Vorwort sehr klar, so entnehme ich Ehrlich (2009, 33).

3.1.1. Beobachtung I, Training Sprechtechnik

Möglicherweise entspringt das Plakat in Abb. 1 dieser (Denk)Tradition.[25] Es wirbt für einen mit „Sprechtechnik“ betitelten Lehrgang eines Schauspielers und Studiosprechers namens Peter Strauß[26]. Er bietet 2014/15 in Wien eine „[f]undierte und zielorientierte Sprechausbildung“ mit För­derungsaussicht durch das AMS und den WAFF an, in der vermutlich Techniken zu „Atem – Stim­me – Resonanz“ vermittelt werden und durch welche eine „[d]ialekt- und akzentfreie Sprache“ in Aussicht gestellt wird. Als Zielgruppe werden Bewerber*innen, Zugehörige von Berufsgruppen, die mit ihrer Stimme arbeiten, und „Personen mit Migrationshintergrund“[27] benannt. Das Plakat adres­siert und konfrontiert letzteren Personenkreis in fettgedruckten Lettern damit, dass dieses Sprech­training „ [u]nerlässlich für […][28] Personen mit Migrationshintergrund “ sei.

Abb. 1, Plakat [29] : Sprechtechnik mit Peter Strauß

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3.2. Spracheigenheiten

Der Sprachwissenschaftler Nedad Memić bloggt auf www.daStandard.at[30] regelmäßig über Sprach­purismus und Sprachwandel. In einem seiner Blogbeiträge widmete er sich dem Thema Deutsch in Österreich und seiner politischen Konjunktur und damit verbundener (Nicht-)Diskussion. So stellt Memić (2014a o. S.) fest, dass die Thematik österreichisches Deutsch üblicherweise nur in den sog. journalistischen Sommerlöchern (bildungs)politische Aufmerksamkeit genießt, aber 2014 das ganze Jahr über in Medien und (Bildungs)Politik außergewöhnlich gut vertreten war.

Ein österreichisches Wochenmagazin hat lt. Memić (2014a o. S.) sogar nach „Mundartparten“ ge­sucht, die sich für „österreichspezifische Wörter“ verantwortlich fühlen. Vermutlich handelt es sich hierbei um Bestrebungen wie dem Erhalt der Essensvokabeln Erdapfel (onomasiologische Variante von Kartoffel) und Paradeiser (onomasiologische Variante von Tomate) in Österreich. Bereits 1994 wurde im Vorfeld des EU-Beitritts Österreichs der Schutz von Essensvokabeln thematisiert, so Ru­dolf de Cillia (2010, o. S) in einem veröffentlichten Interview zur österreichischen Sprachpolitik. Insgesamt handelt es sich um im sog. Protokoll Nr. 10 festgehaltene 23[31] Essensvokabeln (wie z. B. Erdapfel und Paradeiser), die vom Gesundheits- und Landwirtschaftsministerium ausgewählt wur­den (vgl. ebd.). Diese 23 Austriazismen sollten in der EU denselben Rechtsstatus wie ihre deutschen Entsprechungen Deutschlands genießen (vgl. ebd.). Hätten diese Bestrebungen damals sprachpoliti­sche Bedeutung gehabt, wäre erstens die Debatte um österreichisches Deutsch nicht nach dem EU-Beitritt Österreichs plötzlich abgebrochen und zweitens wären Maßnahmen getroffen worden, die eine Standardisierung des österreichischen Deutsch nach sich gezogen hätte (vgl. ebd.). Da derarti­ge Initiativen ausblieben, vermutet de Cillia (ebd.), dass es sich damals bloß um „Maßnahmen des Identitätsmanagements“ handelte.

Jenseits patriotischer oder gar nationalistischer (Forschungs)Ansätze stellen sich (wohl nicht nur) mir zwei Fragen. Die erste Frage ist: a) Wie verbreitet sind bestimmte onomasiologische Varianten in Österreich(/Wien) tatsächlich? Nach de Cillia (2006, 52) sind Spracheigenheiten i. S. v. Varietä­ten aufgrund „[…] Abhängigkeit von der Sprachgebrauchssituation systematisch zu erwarten [...]“. Werden Varianten oder Variationen bloß auf geografischer Ebene entworfen, entsprechen sie dem Konzept der Plurizentrik, welches innersprachliche Vorkommnisse „[…] als ein Kontinuum mit Kern- und Übergangszonen […]“, die mit „[…] einem gewissen Ausmaß an Stabilität und Homoge­nität gekennzeichnet“ sind, versteht (vgl. de Cillia 2006, 52). Die zweite Frage ist b) Wer themati­siert wozu das Sprechen von Varianten, Variationen, Varietäten und sonstiger Versionen von Deutsch?

3.2.1. Beobachtung II, Hospitation an der VHS

Als ich im Februar 2015 in einem Basisbildungskurs an einer VHS in Wien hospitierte,[32] schien kei­ner der neun Teilnehmenden die Varianten Erdapfel und Paradeiser zu kennen. Die Trainerin mein­te, dass in Österreich nicht das Wort Kartoffel, sondern Erdapfel üblich sei und war verblüfft, als Resonanz der Teilnehmenden auf das Wort ausblieb, so meinte sie während des Unterrichts zu mir. Auf Kartoffel reagierten die Teilnehmenden aber mit Kopfnicken und eigen-produzierten Satzteilen mit dem Substantiv Kartoffel. Im Nachgespräch sagte ich der Basisbildungstrainerin, dass ich als je­mand in Österreich Aufgewachsener das Wort Erdapfel zwar kenne, aber konsequent Kartoffel be­nütze. Die Trainerin meinte, dass sie in der Schweiz aufgewachsen und noch nicht so lange in Wien sei. Sie habe in Wien wenig Kontakt zu Österreicher*innen und nahm an, dass in Österreich Erdap­fel gesagt würde.

3.2.2. Beobachtung III, Minikurs: „Schimpfen in Wien“

Anfang 2013 wurde an der VHS in Wien-Meidling ein dreistündiger „Minikurs“ namens „Schimp­fen in Wien“[34] veranstaltet.[33] Dem Artikel nach zu schließen waren neben einer Fülle an forschen Wendungen genauso Bezeichnungen für Imbissbestandteile am Würschtelstand in Wien von Inter­esse. Ich finde die Kombination von regionaler Varietät und Schimpfen, insofern interessant und er­wähnenswert, als dass drei meiner Proband*innen[35] tatsächlich Schimpfen in Zusammenhängen mit nonstandardisierten Formen von Deutsch in Österreich thematisieren, mit standardisierten Formen allerdings nie, so lautet ein Zwischenergebnis. Simas[36] (Absatz 17.) Erfahrung, die sie während ei­nes Praktikums in einem Pflegeheim in Österreich gemacht hat, bringt soeben angesprochene Posi­tionierung zu Dialektsprechen und -hören m. E. auf den Punkt: „[…] eine war alte Frau, äh sie (.) äh (...) ah hatte Dialekt gesprochen (.) ich gar nicht verstanden ich habe, Angst gehabt (.) ich äh habe gedacht vielleicht dass sie äh (.) böse for/mich auf mich […]“. Als Sima (ebd.) eine Pflegehel­ferin fragte, warum die Dame „[...] so laut und vieler redet (.)[...]“ antwortet ihr die Pflegehelferin „[…] "nein sie nur äh, Dialekt spricht und sie über re/mhä (.) ihre Kätze (vermutlich Katze) (.)“.

3.2.3. Beobachtung IV, Hospitationsbericht

Als ich 2014 in einem B2-Kurs hospitiert worden bin,[37] wurde im Hospitationsbericht festgehalten, dass ich mich im Unterricht in einem angemessenen Ausmaß des österreichischen Idioms bediene. Ich halte es für durchaus möglich während des Unterrichts, sog. Austriazismen verwendet zu haben. Phonetische Realisierungen, die das Konzept Plurizentrik im oberösterreichischen Salzkammergut lokalisieren würde, möchte ich in meiner Unterrichtssprache ebenso wenig ausschließen. Ich frage mich, warum diese Feststellung von Bedeutung ist und ob es die Thematisierung eines österreichi­schen Idioms braucht. Ist es denn tatsächlich so, wie die Proband*innen von Ehrlich (2009, 132) häufig äußern, dass eine Kodifikation von ,Österreichisch‘ gewünscht wird, „[…] um sie aus dem derzeit empfundenen Stand der Minderwertigkeit zu heben“.

3.2.4. Das österreichische Idiom

Ein Idiom betrifft alle linguistischen Ebenen (Phonologie, Morphologie, Lexikologie, Syntax, Se­mantik und Pragmatik) und bezeichnet eine Spracheigenheit einer Sprache oder eines sprechenden Individuums (vgl. Bußmann 1990, 320). Dieser linguistische Terminus stammt aus der Phraseologie (bzw. Idiomatik), welche die Gesamtheit der Idiome erfasst, beschreibt und klassifiziert (vgl. ebd.).

Memić (2014b, o. S.) bezieht sich auf den Linguisten Mate Kapović (2010), welcher in seiner Mon­graphie „Čiji je jezik?“[38] vier mögliche Kriterien vorschlägt, um eine Sprache zu definieren. Die drei linguistischen Kriterien sind erstens das typologische Kriterium, zweitens das genetische Krite­rium und drittens das Kriterium gegenseitiger Verständlichkeit (vgl. Memić 2014b, o. S). Soweit zwei oder mehrere Idiome dieselbe Typologie und Herkunft aufzeigen und darüber hinaus gegensei­tig verständlich sind, handelt es sich im linguistischen Sinne um eine Sprache (vgl. ebd.). Das vierte und außerlinguistische Kriterium ist „[d]as Verhältnis bzw. die Identifikation der betreffenden Sprachgemeinschaft mit dem eigenen Idiom“ (Memić 2014b, o. S). Ist die deutsche Sprachgemein­schaft in Österreich von der Autonomie ihrer Sprachvarietät überzeugt und beharrt daher auf eigene Sprachbezeichnung bzw. Standardisierung, bedeutet ein Idiom nicht nur die Eigenheit einer Spra­che/Sprachform/Varietät oder eines sprechenden Individuums, sondern auch eine Spracheigenheit von Zugehörigen der Nation Österreich.

3.2.5. Register

Gemeinsam mit Rudolf Muhr (1995, 76), ihn beschäftigt das Verhältnis zwischen Identität und Deutsch in Österreich (vgl. ebd., 75ff), plädiere ich zwar dafür, „[...] die Beschreibung der Sprache nicht vom Menschen zu trennen“[39], möchte aber anmerken, dass Muhr (ebd., 75f & 106) in seinem Argumentationsverlauf hauptsächlich davon auszugehen scheint, dass Sprecher*innen in Österreich bloß (Versionen von) Deutsch sprechen und ausbauen. Ich gehe davon aus, dass Sprecher*innen in Österreich über das Potenzial verfügen, mehrere (Versionen von) Sprache(n) zu verwenden.

Unter Sprache fällt in alltäglichen sowie epistemologischen Zusammenhängen sowohl Schreiben (sog. geschriebene Sprache) als auch Sprechen (sog. gesprochene Sprache). Dass Schrift und Spre­chen jeher dazu benutzt wurden, sich gegenseitig als Vorbild zu beurteilen, um sich aus dieser Be­wertung heraus zu rechtfertigen, wurde bereits in den Kapiteln 1. und 3.1. ausgeführt. Letztendlich ist jede „situative Varietät“ eine Stilebene bzw. ein Register[40] (vgl. Bußmann 1990, 827), worunter eine „[f]unktionsspezifische, d. h. für einen bestimmten Kommunikationsbereich […] charakteristi­sche Sprech- oder Schreibweise,“ (ebd., 637) zu verstehen ist. Als in dieser Arbeit zentrale Beispiele nenne ich private, berufliche und bildungssprachliche[41] Kommunikationsbereiche.

Die diachrone, diatopische und diastratische Dimension von Varietät(en)(sprechen) wurde bereits in den Kapiteln 1.6. und 2.2.1. besprochen. Mit Register kommt eine vierte, die diaphasische oder nach Kirsten Nabrings (1981) „diasituative Dimension“ ins Spiel (vgl. Spiekermann 2010, 353). Diese Dimension erweitert das Forschungsparadigma ca. seit den 1980ern und nimmt Situationsad­äquatheit und infolge ein Sich-Sprachlich-Anpassen (vgl. ebd., 345 & 353) und vermutlich auch Sich-Sprachlich-Nichtanpassen in den Blick. Sprecher*innen verfügen nicht nur über eine Reihe an Varietäten,[42] sondern auch über mehrere Register (vgl. ebd., 343). Spiekermann (vgl. ebd.) bezeich­net dieses Vermögen als „innere Mehrsprachigkeit“, Muhr (1995, 106) fordert, innere Mehrspra­chigkeit in (bildungs)sprachlichen Kontexten zu fördern, um „ […] erweiterte Kommunikations­möglichkeiten [zu] eröffnen“. Dass Sprecher*innen über diese Form von Mehrsprachigkeit verfü­gen, ist m. E. nichts Besonderes: Brigitta Busch (2013, 11) versteht unter Mehrsprachigkeit in ihrer gleichnamigen Monographie „[…] nicht eine Vielzahl von Einzelsprachen [...], sondern ein Konglo­merat, das […] heteroglossisch ist“. „Der Begriff Heteroglossie bezeichnet die vielschichtige und facettenreiche Differenzierung, die lebendiger Sprache innewohnt“ (ebd., 10). Dieses Verständnis von Mehrsprachigkeit positioniert Sprecher*innen nicht bloß mittels Anzahl ihrer Sprachen und/oder Varietäten. Es ermöglicht Sprecher*innen, sich unter Miteinbezug von jeweiligem Austra­gungsort des Sprechens im Verein mit zu bewältigender Situation zu positionieren. Wie bereits an­dernorts besprochen (vgl. Kapitel 2.2.2.), betreffen Varietäten im Sinne der Plurizentrik nur ein Sprachsystem. Register können zwar, müssen aber keiner Varietät nur eines Sprachsystems entspre­chen (vgl. ebd.). Quer zu Varietät markiert der soziolinguistische Terminus Register „[…] die Ebene alltäglicher Sprachereignisse und deren konkrete Geformtheit im Hinblick auf Faktoren und Kon­texte […]“, so Claudia Zellmann (2010, 271) in ihrem Eintrag zu Register im Fachlexikon Deutsch als Fremd- und Zweitsprache. Eine angemessene Wahl des Registers ist bei „[…] gelingende[r] Kommunikation [mitentscheidend] und ggf. auch die Voraussetzung sozialer Akzeptanz“ (vgl. ebd.). Im Vergleich zur Wahl von Varietät rückt m. E. jene von Register nicht Nation oder Region, sondern das Erleben von Orten des Sprechens und damit verbundenen Situationsbedingungen ins Zentrum.

3.3. Österreichisches Deutsch in Medien

Hans Moser (1995, 167), er befasst sich mit Kodifizierung und Aussprache von Deutsch in (West)Österreich (vgl. ebd., 167ff), bezweifelt vor 20 Jahren bereits, dass in Medien wie dem ORF ein homogenes österreichisches Deutsch verwendet würde, der Status dieser Varietät ist nicht trans­parent. Meinen Beobachtungen nach ist auch in diesen Tagen „[…] die Unsicherheit über d[ies]en Status in einem eigentümlichen Schwanken zwischen Regionalismen und hyperkorrekten Formen“ (Moser 1995, 167) im öffentlichen und privaten Rundfunk oder Fernsehen zu spüren. Der Gebrauch von Varietäten in deutschsprachigen Medien wird von Konsument*innen per se stark wahrgenommen (vgl. de Cillia 1997, 124). In meinen Erhebungen erwähnt ein Proband[43] Medien in Zusammenhang mit Deutsch in Österreich. Nationale Identitäten werden neben (halb)öffentlichen und privaten auch von medialen Diskursen geschaffen bzw. mitgestaltet (vgl. ebd., 117).

3.4. Österreichisches Deutsch und Materialien für den Deutschunter­richt

Schulbücher für das Unterrichtsfach Deutsch thematisieren Moser (1995, 167) zufolge kaum ein ös­terreichisches Deutsch, sondern ziehen es vor, über „Einheitssprache, Dialekte und Slangs“ zu in­formieren. Anstrengungen des Germanisten Martin Durrell (Universität Manchester) gesprochenes Standarddeutsch deskriptiv zu erfassen, führten zum m. E. nicht sehr überraschenden Ergebnis, dass zwischen Deutsch in Lehrwerken und Deutsch in der Realität hohe Diskrepanz besteht (vgl. de Cil­lia 2006, 55f).

3.4.1. Beobachtung V, Broschüre zu österreichischem Deutsch

Im Jahr 2014 publizierte das österreichische Bundesministerium für Bildung und Frauen eine 72sei­tige Broschüre mit[44] Unterrichtsmaterialien namens (Österreichisches) Deutsch als Unterrichts- und Bildungssprache [45] . Im Vorwort dieser Broschüre erinnert die Ministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) daran, dass das österreichische und das deutsche Deutsch gleichberechtigte Varietäten sind. Aufgrund des Konsums von Ton- und Bildproduktionen der BRD würden österreichische Eigenhei­ten und Ausdrucksweisen zunehmend verdrängt; daher sei es im Sinne einer umfassenden Bildung, sprachliche Vielfalt aufrechtzuerhalten und den Schüler*innen zu vermitteln, so die Ministerin in ihren einleitenden Worten der Broschüre[46]. Das Ergebnis meiner Durchsicht ist, dass diese Broschü­re zwar bei Weitem über (23) Essensvokabeln hinausgeht und eine Vielzahl an m. E. zeitgemäßen sog. Austriazismen in ein didaktisches Design gießt, aber phonetische oder phonologische Differen­zierungen im zentralen und dominanten praktischen Teil fast gar nicht und im theoretischen Teil nur am Rande thematisiert[47] (vgl. Burka 2014, 14).

3.4.2. Beobachtung VI, DaZ-Lehrwerk

Die österreichische Standardvarietät scheint[48] meinen Beobachtungen nach in Österreich in Zusam­menhängen mit DaZ, innerer Sprach(en)politik, Migration und Integration seit wenigen Jahren eine größere Rolle zu spielen. Die Autor*innen und der Verlag des vom ÖIF[49] und BMI 2012 in Auftrag gegebenen dreibändigen Lehrwerks namens Pluspunkt Deutsch → Österreich beteuern nach einem m. E. paternalistischen Vorwort von Sebastian Kurz[50] (ÖVP), dass alle enthaltenen Hörtexte in „ös­terreichischem Standarddeutsch“ aufgezeichnet sind (vgl. Jin/Schote 2012, o. S.). Das Lehrwerk „[…] vermittelt konsequent das Deutsch, das in der österreichischen Standardsprache verwendet wird“[51], so die Behauptung bzw. so heißt es seitens des ÖIF in der Darstellung zu Pluspunkt Deutsch → Österreich. Des Weiteren seien „[d]ie Hörmaterialien [dieses Lehrwerks] zur Schulung der Hörkompetenz […] durchgehend mit österreichischen Sprecherinnen und Sprechern aufgenom­men“[52]. In den Hörtexten der Lehrwerkreihe sind mir nach mehrmaligem Hören keine ale­mannischen oder südbairischen Realisierungen aufgefallen.

Das österreichische Standarddeutsch steht nach der Phonologin Sylvia Moosmüller (2007, 244) in starker Wechselbeziehung zu Mittelbairischen Varietäten. Phonetische Realisierungen, die Südbairi­schen Varietäten zuzuschreiben wären, hätten kein standardsprachliches Prestige (vgl. ebd., 17). In Moosmüllers (2007) strukturalistischer Arbeit, die Vokale im sog. österreichischen Standarddeutsch thematisiert, wird keine machtkritische Position eingenommen.

3.5. Mittelbairisch und österreichisches Standarddeutsch

Der Vollständigkeit halber wird angeführt, dass sich das Präfix mittel bei Mittelbairisch auf geo­grafische Zusammenhänge beruft, Mittelbairisch betrifft u. a. das Gebiet des Nationalstaates Öster­reich (vgl. König 2001, 230f). Die Formen des Bairischen wurden bereits in einer Fußnote in Kapi­tel 2.3.3. differenziert.

3.5.1. Identität, Norddeutsch vs Bairisch

Rudolf de Cillia (1997, 123ff) interpretiert die Daten aus Gruppendiskussionen mit ca. 70 Teilneh­menden sowie 24 Interviews seiner bereits erwähnten Untersuchung und erkennt in Spracheinstel­lungen[53] von deutschsprachigen Österreicher*innen „schizoide Züge“, da österreichisches Deutsch einerseits identitätsstiftende Effekte erzielt, andererseits wenig Bewusstsein zu einer österreichi­schen Varietät vorhanden zu sein scheint. Aus de Cillias (ebd., 124) Untersuchung geht deutlich der Wunsch hervor, sich mittels österreichischem Deutsch von „Bundesdeutsch“ abzugrenzen, ein „Ös­terreicherInnentum [sic]“ wird betont. Differenzen zwischen österreichischer und deutscher Varietät werden in diesem Forschungsprojekt auf umgangssprachlicher und dialektaler Ebene ausgemacht (vgl. ebd.). „Die Unterschiede zwischen [ö]sterreichischem Deutsch und Bundesdeutsch werden auf derselben Ebene angesiedelt wie etwa die zwischen Norddeutsch und Bairisch“ (ebd.). Häufig asso­ziieren de Cillias (1997, 120f) Proband*innen mit Norddeutsch das mit den Attributen ,korrekt‘ oder ,genormt‘ versehene „Bundesdeutsch“. Aufgrund gegensätzlicher politischer Entwicklungen kommt es in der BRD sowie in der DDR zu sprachpuristischen Bestrebungen à la ,Westen‘ vs ,Nicht-Westen‘ (vgl. König 2001, 123). In Anlehnung an König (ebd.) wird mit ,Bundesdeutsch‘ als Sprachbezeichnung für das Deutsche in der BRD vermutlich neben einer politischen auch eine sprachliche Abgrenzung zu Deutsch in der DDR initiiert. Letztendlich wird von der Mehrheit der Proband*innen von de Cillias (1997, 124) Untersuchung ein gemeinsames Standarddeutsch bzw. „Hochdeutsch“ als die Norm beurteilt.

3.5.2. Mittelbairisch als österreichischer Standard

Die Mehrheit der Österreicher*innen ist der Überzeugung, dass ein eigenständiger österreichisch-deutscher Standard existiert, obwohl er nicht kodifiziert ist (vgl. Moosmüller 2007, 16). Nach Moosmüller (ebd., 16f) speist sich die österreichische Standardsprache aus mittelbairischen Varietä­ten, wird von der Mittel- sowie Oberschicht mit hohem Bildungsniveau gesprochen und hat ihre Zentren in den von Linguist*innen dem mittelbairischen Sprachraum zugeteilten österreichischen Städten wie etwa Wien[54], Deutsch in Wien[55] ist vermutlich das heimliche größte Vorbild für österrei­chisches Deutsch. Diese aus mittelbairischen Varianten/Variationen bestehende Version genießt un­ter den oberen sozialen Klassen Österreichs überregional eine standardsprachliche Akzeptanz (vgl. Moosmüller 2007, 17). Südbairische Interferenzen führen zum Gegenteil (vgl. ebd.).

3.6. ,Österreichisches Deutsch‘ als Formen von Deutsch in Österreich

Bei dem Wunsch nach einer Definition von österreichischem Deutsch stellt sich die Frage, welche sprachlichen Phänomene unter welcher Perspektive in welchem Ausmaß tatsächlich unter österrei­chisches Deutsch fallen.

Die Phonologin Moosmüller (2007, 244ff, 15f) markiert österreichisches Standarddeutsch phone­tisch und phonologisch als eine mittelbairische Version, die ebenso soziale Funktionen hat. Der ös­terreichische Standard ist nach Moosmüller (ebd., 15f) nicht nur eine regionale, sondern auch eine soziale Varietät ohne kodifizierte Referenzen aber mit Akzeptanz der Mehrheit der Sprachgemein­schaft. Sämtliche standardisierten oder non-standardisierten sprachspezifischen Subsysteme sind Varietäten (vgl. ebd., 15).

In Diskursen zu Bildung und Sprache sowie Identität und Sprache handelt es sich m. E. hauptsäch­lich um zwei Spielarten von Varianten/Variationen, sobald österreichisches Deutsch thematisiert wird, nämlich um eine Lexikalische und eine Phonetische oder ggf. Phonologische. (Übrigens the­matisiert diese Varianten/Variationen in meiner Untersuchung lediglich ein Proband[56], dessen Schil­derungen allerdings ziemlich ausführlich sind.) In der Beobachtung II, Hospitation an der VHS und Beobachtung V, Broschüre zu österreichischem Deutsch wird nur lexikalische Variation, in der Be­obachtung I, Training Sprechtechnik wird nur phonetische Variation und in der Beobachtung III, Minikurs: „Schimpfen in Wien“, Beobachtung IV, Hospitationsbericht sowie Beobachtung VI, DaZ-Lehrwerk werden sowohl lexikalische als auch phonetische Variation thematisiert. De Cillia (1997, 124f) diskutiert die Ergebnisse seines empirischen Forschungsprojektes zu Identität und Sprache und macht mitunter die Sprachpolitik Österreichs dafür verantwortlich, dass mit österreichischem Deutsch bloß lexikalische und phonetische oder ggf. phonologische Variation in Verbindung ge­bracht werden. Ein Gros meiner Proband*innen erwähnt diese Variation(en).

Variationen tangieren alle linguistischen Ebenen (vgl. de Cillia 2006, 54). Eine Variation kann (bspw. aufgrund ökonomischen oder machtpolitischen Einflusses von Nationen) als dominant (D) oder abweichend bzw. anders (A) gelten, so beruft sich de Cillia (ebd.) auf Michael Clyne (2005), dessen Perspektive später noch von Bedeutung sein wird. Bei Gegenüberstellungen von deutschem und österreichischem Deutsch werden von der germanistischen Sprachwissenschaft neben lexikali­schen und phonetischen oder ggf. phonologischen Merkmalen ebenso morphologische Eigenheiten bei Genus (D: das Polster vs A: der Polster) oder der Realisierung von Fugenelementen bei Kompo­sita (D: Schweinebraten vs A: Schweinsbraten), pragmatische Charakteristika beim Gebrauch von Titeln und ein spezifisch oraler Tempusgebrauch in der Vergangenheit (D: Präteritum: hatte vs A: Perfekt: hat gehabt) ausfindig gemacht (vgl. de Cillia 2006, 54). Konventionell markiert die Ver­wendung des Präteritums Vorübergegangenes, in oberdeutschen Dialekten wie bspw. dem Bairi­schen wird diese Funktion vermehrt durch die Verwendung des Perfekts erfüllt (vgl. Bußmann 1990, 604). Ammon et al. (2004, LIIIff) pauschalisieren auch bei Sprechtempo und -melodie Unter­schiede der deutschen Standardvarietäten.

Ich komme zum Schluss, dass ,österreichisches Deutsch‘ linguistisch schwer zu fassen ist, daher wird es ab nun unter einfache Anführungszeichen gestellt. ,Österreichisches Deutsch‘ sind m. E. Formen von Deutsch in Österreich, die je nach Perspektive als (Standard)Sprache, Varietät, Idiom, Dialekt, Register oder gar ,Hochdeutsch‘ bezeichnet werden. Es ist in dieser Arbeit auch nicht Auf­gabe eindeutig zu klären, was ,österreichisches Deutsch‘ denn tatsächlich sei, sondern was es für Menschen in Österreich und genauer in Wien bedeuten kann, ,österreichisches Deutsch‘ (nicht) zu sprechen. Die Plurizentrik geht von Wahrscheinlichkeiten aus, einer gewissen Form von Deutsch (Varietät) in einer bestimmten Nation oder Region zu begegnen. Wendungen wie ,deutscher Sprach­raum‘, ,deutschsprachiger Raum‘ oder ,deutschsprachige Länder‘ begünstigen erstens die Vorstel­lung, dass die Form von Deutsch primär bloß von einer national oder regional anberaumten Lokali­tät abhänge und zweitens die De-Thematisierung von (mehr)sprachigen Menschen, Individuen oder Subjekten.

4. Entwicklung einer kritischen Analyseperspektive auf das Konzept Plurizentrik in Zusammenhängen mit (dem Fachge­biet) DaZ

In diesem Kapitel versuche ich, meine theoretische Perspektive darzulegen. Maßgeblich beschäftige ich mich in diesem Abschnitt mit Subjektivierung und Positionierung und beziehe mich vorrangig auf die theoretischen Ansichten von Foucault (1982/2005), Bourdieu (1998), Hall (1992), Holliday (2006 & 2009) und Broden/Mecheril (2010). Letztere beziehen sich u. a. auf Foucault.

4.1. Subjektivierung

Michel Foucault (1982/2005, 269ff) resümiert in seinem Essay Subjekt und Macht seine bisherige Arbeit zur Subjektivierungstheorie, wobei in erster Linie nicht die Analyse von Machtphänomenen oder deren Grundlagen von Interesse waren, sondern die „[...] Geschichte der verschiedenen For­men der Subjektivierung des Menschen in unserer Kultur […]“ (ebd., 269). Nicht Macht, sondern das Subjekt, das in vielschichtige Machtbeziehungen eingebunden ist, spielt in Foucaults (ebd., 270) Forschungen die zentrale Rolle.

Foucault sieht seine methodische Aufgabe darin, Objektivierung zu ergründen, um den Austra­gungsort des Sozialen, der den Menschen zum Subjekt macht, erkennen zu können (vgl. Foucault 1982/2005, 269), wobei u. a. die Vergegenständlichung des „sprechenden Subjekts“ infrage gestellt wird (vgl. ebd.). Das Subjekt wird dadurch zum Objekt, indem es entweder in sich selbst gespaltet oder von anderen als unterschiedlich ausgemacht und zerlegt wird (vgl. ebd., 270). Beispiele dieses Bestrebens sind Differenzierungen zwischen Geisteskranken und Nichtgeisteskranken oder Gesetzeswidrigen und Gesetzestreuen (vgl. ebd.). Demselben Muster folgt auch eine gedankliche Gegenüberstellung von Sprechenden von ,österreichischem Deutsch‘ und Sprechenden von ,nicht-österreichischem Deutsch‘.

Foucault (1982/2005, 270) begreift das „menschliche Subjekt“ nicht nur in Produktionsverhältnis­sen und Sinnbeziehungen, sondern auch in Machtbeziehungen eingebettet; sie stehen zueinander in Abhängigkeit. Geschichtswissenschaft und Ökonomie bieten bereits Instrumente zur Exploration von Produktionsverhältnissen (vgl. ebd.). Die Linguistik schlägt ebenso Werkzeuge vor, Sinnbeziehungen zu erforschen (vgl. ebd.). Ein Instrumentarium zur kritischen Auseinandersetzung mit Machtbeziehun­gen war für Foucault (ebd.) noch zu entwerfen. Um zum Themenfeld ,Mensch als Subjekt‘ zu arbei­ten, darf eine Theorie der Macht nicht ausschließlich auf juristische und institutionelle Modelle Be­zug nehmen (vgl. ebd.). Eine Theorie der Macht muss sich vor dem Hintergrund historischer Kondi­tionen und der daraus gewachsenen Realität, mit der Menschen zu tun haben, entwickeln (vgl. ebd., 271). D. h., dass ein juristischer Status nicht ausschließlich dafür verantwortlich ist, jemanden als ,anders‘ auszumachen: Bspw. sind ,Migrant*in‘ und ,Ausländer*in‘ keine eindeutigen Begriffe des Rechtswesens, aber „[es] gibt gesellschaftliche Konstruktionsprozesse, die bestimmte Menschen [mit oder ohne Migrationserfahrung] zu Migrant/innen [sic] machen und sie als solche ansprechen“, so Paul Mecheril (2010, 8f), der sich u. a. damit auseinander setzt, wer mit Migrant*in oder Auslän­der*in adressiert wird. Nach Mecheril (ebd., 9) sind diese Konstruktionsprozesse keiner Zufälligkeit unterworfen, „[…] ihr sozialer Sinn erschließt sich vielmehr vor dem Hintergrund historischer Ent­wicklungen, die eng mit dem europäischen Rassismus und Kolonialismus verbunden sind […]“.

4.1.1. Die Nation und das Individuum

Foucault (1982/2005, 280) stellt die Fragen, wer wir zu einem bestimmten Zeitpunkt sind und wie unser Handeln dadurch zu begründen ist. Meinungen sind für Foucault (ebd.) ein Produkt von His­torie, deren Einfluss kein Subjekt der jeweiligen Gegenwart sich entziehen kann.

Im 18. Jh. kam es zu einer bis heute einflussreichen politischen Entwicklung, der Gründung der Na­tionalstaaten (vgl. Foucault 1982/2005, 278). Eine Besonderheit und Stärke westlicher Staaten ist es, innerhalb deren politischen Strukturen sowohl individualisierte als auch totalisierende Machtver­hältnisse auszubilden (vgl. ebd., 277). Letztere stellen die Interessen der Gemeinschaft „[...] oder eher die einer Klasse oder einer Gruppe ausgewählter Bürger[*innen]“ in den Vordergrund und wa­ren bereits im Mittelalter durch den großen Einfluss des Christentums und dessen Organisation als Kirche voll ausgeprägt (vgl. ebd. 276f). Bereits im 15. und 16. Jh. formierten sich Widerstände ge­gen die religiöse und moralische Vorherrschaft der Kirche (vgl. ebd., 276). Das mittelalterliche Ver­ständnis von Subjektivität wurde in Europa in eine Krise gestürzt (vgl. ebd.).

Individuen haben nach Foucault (1982/2005, 278) in einem Nationalstaat Platz, sofern sie sich ers­tens integrieren und zweitens durch eine „Matrix der Individualisierung“ determinieren lassen. Si­cherheit, Schutz und Seelenheil in all möglichen Formen wurden durch den Nationalstaat nicht mehr wie in vorangegangenen Zeiten auf das Jenseits verschoben, sondern im Diesseits relevant (vgl. ebd., 278f). Den Schlüssel zum Wohlergehen der Bevölkerung hatten nicht mehr kirchliche, sondern nationalstaatliche Institutionen und Organe wie z. B. die Polizei[57] inne; es fand in Europa eine Verschiebung der Macht vom Geistlichen zum Irdischen statt (vgl. ebd.). Da zunehmend kari­kative Institutionen, medizinische Einrichtungen und Familien mobilisiert wurden, diese Machtform auszuüben, konnte sich diese Machttechnik, welche zuvor über etwa ein Jahrtausend ausschließlich mit religiösen Einrichtungen verbunden gewesen war, über die folgenden Jahrhunderte hinweg in der gesamten Gesellschaft verbreiten (vgl. ebd., 279). „Statt einer […] deutlichen Trennung und ei­nes Rivalitätsverhältnisses zwischen Pastoralmacht und politischer Macht entwickelte sich eine ,Taktik‘ der Individualisierung, die für diverse Machtformen typisch war […]“ (ebd.). Aufgrund des Anstiegs der Zielvorgaben und Inhaber*innen von Macht konnte sich über die Zeit hinweg ein glo­bales und quantitatives Wissen über Menschen als Bevölkerung und ein analytisches Wissen über Menschen als Individuen im kollektiven Gedächtnis etablieren (vgl. ebd.). Die gleichermaßen (bil­dungs)politische, moralische, soziale und philosophische Herausforderung eine neue Form von Subjektivität gewinnen zu können, liegt nicht im Bemühen, das Individuum von der gegenwärtigen Staatsform und dessen Einrichtungen zu lösen, sondern in unserem Befreiungskampf gegen die sys­tematisch geschichtlich gewachsene Hegemonie bzw. den Staat samt seiner über Jahrhunderte eta­blierten Gestaltung von Individualität (vgl. ebd., 280).

„Das Hauptziel besteht heute zweifellos nicht darin, herauszufinden, sondern abzulehnen, was wir sind. Wir müssen uns vorstellen und konstruieren, was wir sein könnten, wenn wir uns dem doppelten politischen Zwang entziehen wollen, der in der gleichzeitigen Individualisierung und Totalisierung der modernen Machtstrukturen liegt“ (ebd.).

Die Qualität der Kämpfe gegen Objektivierung oder viel treffender „[…] gegen die Unterwerfung der Subjektivität […]“ hat sich seit dem Bestehen des Staates als (weltlich-)politische Struktur in seinen Grundzügen nicht verändert, da a) der Staat nach wie vor eine Legitimation politischer Macht einer Elite darstellt und b) damit beanspruchte Vorherrschaft und Ausbeutung nach wie vor präsent ist (vgl. ebd., 276).

4.1.2. Das Subjekt und Akteur*innen

Das ,Subjekt‘ bezeichnet nach Foucault (1982/2005, 275) zum einen das Subjekt, das sich einer He­gemonie unterwirft und sich daher in ihre Abhängigkeit begibt und zum anderen das Subjekt, das durch geistige Klarheit bzw. Verstand und Selbstreflexion in Abhängigkeit zu seiner eigenen Identi­tät steht. Nach Andreas Reckwitz (2010, 24), er bietet einen Überblick zu Forschungsansätzen der Subjektanalyse, wird das Subjekt in beiden Fällen erst zu „[…] eine[r] a-priori-Instanz der Autono­mie, der Moralität, der Selbsterkenntnis oder des zielgerichteten Handelns“, indem es sich „[…] be­stimmten machtvollen kulturellen Kriterien unterwirft“. Diese Unterwerfung ermöglicht „[…] eine empirische Analyse der historisch-kulturellen Subjektivierungsweisen“ (ebd.), worunter mit Diskur­sen verknüpfte Techniken bzw. Praktiken, die eine konkrete Subjektform unaufhörlich aufs Erneute generieren, zu verstehen sind (vgl. ebd., 24f). Diskurse liefern Kategorisierungen, „[…] nach denen Subjekte überhaupt vorgestellt, unterschieden und entsprechend produziert werden bzw. sich selber produzieren können“ (ebd., 25). Nach Bourdieu (1998, 197) perzipieren Beherrschte Herrschende mittels Kategorisierungen, welche aus der Herrschaftsbeziehung hervorgegangen sind und deren Bewahrung v. a. im Interesse der Herrschenden liegen. Der Schwerpunkt Pierre Bourdieus Arbeiten liegt darin, zu ergründen, in welcher Art und Weise sowie mit welchen Effekten im jeweiligen kul­turellen Zusammenhang aus der Körperlichkeit des Einzelnen sozial zuordenbare, aktive und im ei­genen Interesse handelnde Subjekte entstehen (vgl. Reckwitz 2010, 39). Um vermutlich die Aktivi­tät von Individuen, Menschen oder Subjekten zu markieren, zieht es Bourdieu vor, von Akteur*in­nen statt Subjekten zu sprechen (vgl. bspw. Reckwitz 2010, 39):

„Die ,Subjekte‘ sind in Wirklichkeit handelnde und erkennende Akteur[*innen], die über Praxissinn verfügen […], über ein erworbenes Präferenzensystem, ein System von Wahrnehmungs- und Gliederungsprinzipien […], von dauerhaften kognitiven Strukturen […] und von Handlungsschemata, von denen sich die Wahrnehmung der Situation und die darauf abgestimmte Reaktion leiten läßt [sic]“ (Bourdieu 1998, 41).

4.1.3. Positionierungen und ,österreichisches Deutsch‘ als symbolisches Kapital

Unter Praxissinn ist nach Bourdieu (ebd., 41f) jener „Habitus“ zu verstehen, der Akteur*innen als verinnerlichte bzw. eingefleischte Ratgeber*in in bestimmten Situationen zur Seite steht. Dieser Spürsinn lässt Akteur*innen den Verlauf einer Sache antizipieren (vgl. ebd., 42). Harmonie zwi­schen jenen Strukturen, welche den Habitus der Beherrschten benennen, und jenen der Herrschafts­beziehung, in die sich Beherrschte einordnen, ermöglicht „symbolische Gewalt“ (vgl. ebd., 197). In anderen Worten: Das Bindeglied zwischen Beherrschten und der Herrschaftsbeziehungen in Kon­gruenz mit dem superiorisierten Habitus Herrschender sind die Kategorien (vgl. ebd.). Das Konzept der symbolischen Gewalt basiert „[…] auf eine[m] sozial begründeten und ver­innerlichten Glauben […]“, der Akteur*innen mit stimmigen Wahrnehmungs- und Bewertungsmus­ter bzw. „Dispositionen“ generiert (vgl. ebd., 174). Die Produktion dieses verinnerlichten Glaubens stützt sich auf „,kollektive Erwartungen‘“ (vgl. ebd., 173f). Akteur*innen nehmen Dispositionen si­tuativ oder diskursiv als diskrete Anweisung, welcher sie im guten Glauben gehorchen, wahr (vgl. ebd., 174). So beziehen die Akteur*innen Position, ohne andere Reaktionen ins Kalkül zu ziehen, denn es werden „[…] Unterwerfungen erpreßt [sic], die als solche gar nicht wahrgenommen wer­den“ (ebd.). Gehorsam bzw. Unterwerfung ist nach Bourdieu (ebd., 172ff) nicht uneigennützig, son­dern profitabel, sie birgt Chancen bzw. potenzielles Kapital zur sozialen (infolge womöglich auch materiellen) Anerkennung innerhalb gesellschaftlicher Zusammenhänge. Das „symbolische Kapital“, wie Bourdieu (ebd., 108f, 173) dieses Vermögen nennt und im Folgenden expliziert, liegt in Form eines x-beliebigen Merkmals oder Kapitals[58] vor, welches „[…] auf sozial geschaffene ,kol­lektive Erwartungen‘ trifft […]“, also (den guten) Glauben produziert und somit symbolische Effek­te erzielt, „[…] sobald es von sozialen Akteur*innen wahrgenommen wird, die über die zum Wahr­nehmen, Erkennen und Anerkennen dieser Eigenschaft nötigen Wahrnehmungs- und Bewertungska­tegorien verfügen: […]“ (Bourdieu 1998, 173). Ein (symbolischer) Effekt des Gehorsams im Ge­wandt einer Belohnung ist jegliche Form von Anerkennung sozialer Akteur*innen durch andere so­ziale Akteur*innen (vgl. ebd., 172ff). Akte des Gehorsams und der Unterwerfung folgen kognitiven Strukturen, mittels derer „[d]ie Akteur[*innen] […] die soziale Welt […], die auf alle Dinge der Welt angewendet werden, insbesondere auf die sozialen Strukturen [, konstruieren]“ (ebd. 116). Kaum ein anderer Ort als der (National)Staat organisiert das soziale Leben der Akteur*innen in ei­nem größeren Rahmen (vgl. ebd., 117) und hat idealere Voraussetzungen, um symbolische Macht zu konzentrieren und auszuüben, da er „[…] über die Mittel zur Durchsetzung und Verinnerlichung von dauerhaften, seinen eigenen Strukturen entsprechenden Wahrnehmungs- und Gliederungsprin­zipien verfügt […]“ (ebd., 109). Ausgehend von Foucault thematisieren Anne Broden und Paul Me­cheril (2010, 7ff) Subjektivierung und rassialisierende[59] Effekte (u. a. in der Bildungsarbeit) und be­ziehen sich dabei auf die Nation (Deutschland). Gemeinsam mit Louis Althusser (1973) verstehen Broden/Mecheril (2010, 8) Ideologie nicht als etwas, was Subjekte (ent)täuscht, sondern vielmehr Wissen und infolge das ,Subjekt‘ produzieren. Ideologie, der Duden[60] beschreibt sie u. a. als „ge­bundenes System von Weltanschauung, Grundeinstellungen und Wertungen“ mit ggf. politischer und/oder ökonomischer Ausprägung, „[…] erzeugt und ermöglicht Subjekte dadurch, dass Individu­en durch imaginäre ,große Subjekte‘ (wie beispielsweise […] die Nation) angerufen werden“ (Bro­den/Mecheril 2010, 8).

[...]


[1] Althochdeutsch (ca. 8. Jh. – ca. 1050) ist die fiktive erste Hauptentwicklungsphase von Deutsch (vgl. Bußmann 1990, 174 & König 2001, 59).

[2] Die ahd. Vorläufer*in von deutsch ist diutisc (belegt um 1090) und bedeutet ,volksmäßig‘ (vgl. Bußmann 1990, 173 & König 2001, 59).

[3] Mittelhochdeutsch (ca. 1050 – ca. 1350) ist die fiktive zweite Hauptentwicklungsphase von Deutsch (vgl. Bußmann 1990, 174 & König 2001, 77). Die Literaturwissenschaft bezeichnet mit Mittelhochdeutsch auch die Dichter(schrift)sprache des 12. und 13. Jhs. (vgl. König 2001, 78). Übrigens bezieht sich das Präfix mittel- in diachronen Zusammenhängen mit Genetik des Deutschen auf „[…] eine zeitlich zu verstehende Abgrenzung, die eingebettet ist zwischen Alt- und Neuhochdeutsch“ (ebd., 78).

[4] Frühneuhochdeutsch (ca. 14. - ca. 17. Jh) bezeichnet die fiktive dritte Hauptentwicklungsphase von Deutsch (vgl. Bußmann 1990, 174 & König 2001, 91).

[5] Auf der Basis von anatomischen, physiologischen, neurologischen sowie physikalischen Erkenntnissen „[u]ntersucht [die Phonetik] die lautliche Seite des Kommunikationsvorgangs [...]“ (Bußmann 1990, 379). Der in dieser Arbeit zentrale Aspekt der Phonetik ist die „artikulatorisch-genetische Lautproduktion“ (ebd.).

[6] Der isolierende Sprachbau generiert syntaktische Beziehungen in Sätzen mittels Hilfswörter oder Wortstellung (vgl. Bußmann 1990, 356).

[7] Der agglutinierende Sprachbau folgt dem morphologischen Bildungsprinzip (vgl. Bußmann 1990, 56). Morpheme entsprechen bestimmten Bedeutungen und werden an die Grundformen montiert (vgl. ebd.).

[8] Gemeinsam mit Norbert Cyffer (2011, 55ff) verstehe ich Sprachtypologisierungen als ein eurozentrisches und (post)koloniales Konstrukt, das weniger linguistisch perspektivisch als hierarchisch funktional ist.

[9] Vokalharmonie bedeutet, dass Vokalqualitäten Einfluss aufeinander nehmen (vgl. bspw. Bußmann 1990, 838).

[10] Phonologie bezeichnet jene linguistische „Teildisziplin […], die sich mit den bedeutungsunterscheidenden Sprachlauten […], ihren relevanten Eigenschaften, Relationen und Systemen unter synchronischen und diachronischen Aspekten beschäftigt“ (Bußmann 1990, 581).

[11] Vgl. Kapitel 1.5.

[12] An dieser Stelle muss auch erwähnt werden, dass diese Erkenntnis sicherlich auch für Liechtenstein gilt.

[13] Nach Hans-Jürgen Krumm (2010a, 47), er ist meinen Recherchen nach einer der ersten und anerkanntesten Forscher*innen, die sich dem Forschungsgebiet DaZ/DaF widmen, ist DaF „[i]m engeren Sinne […] die spezifische Situation des Fremdsprachenlernens außerhalb des deutschen Sprachraums […]“. DaZ bezeichnet nach selbigem „[…] den Erwerb des Deutschen im deutschsprachigen Kontext […]“ (ebd.). Das Forschungsgebiet DaZ umfasst nach Hans Barkowski (2010, 50), er ist 2010 Professor für DaZ/DaF in Jena, allgemeine gesellschaftliche Entwicklungen, politische, praktische sowie wissenschaftliche Dimensionen. Vorerst sind Krumms (2010a, 47) und Barkowskis (2010, 50) Definitionen zu DaZ/DaF ausreichend, in Kapitel 4.2.4. wird der Begriff DaZ ausführlicher hinterfragt.

[14] Für Ammon (2010a, 9 & 2010b 318) ist „nationale Amtssprache“ und „Staatssprache“ gleichbedeutend.

[15] Ammon (1995, 61) bringt folgendes Beispiel: „Die Variable, die man ,APRIKOSE‘ nennen kann, nimmt als Werte die beiden Varianten Aprikose und Marille an“. Ammon (ebd.) rechnet die erste Variante der Nation Deutschland und die zweite Variante den Nationen Schweiz und Österreich zu.

[16] Ammon (1995, 62) bringt das Beispiel der „[…] Variable, die man STEIGERUNG nennen kann. Ihre Varianten (Werte) sind die beiden Bedeutungen ,Steigerung‘ und ,Versteigerung‘, die dieser Ausdruck annimmt“. Das Wort Steigerung heißt in Deutschland und Österreich eine Verbesserung von Quantität oder Qualität und in der sog. deutschsprachigen Schweiz bedeutet es Auktion, so Ammon (ebd., 62, 65).

[17] Mit William Labov (1966) „[...] beginnt die Erforschung des Sprachgebrauchs im sozialen Kontext“ (Spiekermann 2010, 350).

[18] Mittelbairisch, Nordbairisch und Südbairisch sind Unterkategorien von Bairisch, welches einen deutschen Dialektverband, der in Teilen Süddeutschlands, Südtirol und Österreich (mit der Ausnahme von Alemannisch in Vorarlberg) zu lokalisieren wäre, bezeichnet (vgl. Bußmann 1990, 120, 896f). Mittelbairische sowie Südbairische Varietäten betreffen das Staatsgebiet Österreichs (vgl. ebd., 896f).

[19] Das Alemannische und Ostfränkisch gehören gemeinsam mit dem Bairischen zur Oberdeutschen Dialektgruppe (vgl. Bußmann 1990, 65, 551, 538). Alemannisch wird mit dem österreichischen Bundesland Vorarlberg in Verbindung gebracht (vgl. König, 2001, 230).

[20] [sic]

[21] Mandy Höhle (2010b, 318f) definiert im Fachlexikon Deutsch als Fremd- und Zweitsprache die Begriffe Standardsprache und -varietät u. a. in Anlehnung an Ammon (1995).

[22] So ist Lichtenauers (2003) Lexikon untertitelt. Auf der Buchrückseite wird das Werk als „[e]in Lexikon für Oahoamische und Zuagroaste“ bezeichnet (vgl. ebd., o. S.).

[23] Vgl. Inhaltsverzeichnis bei Lichtenauer (2003).

[24] Seine Vorgänger*in ist ein Kodex zur Orthographie aus 1879 namens Regeln für die deutsche Rechtschreibung nebst Wörterverzeichnis (vgl. Ehrlich 2009, 40).

[25] s. a. Kapitel 4.2.2.

[26] Für weitere Details zu Peter Strauß vgl. http://www.pstrauss.tv . (Mir ist bewusst, dass die Internetadresse auf dem Plakat nicht zur Gänze lesbar ist, meinen Internetrecherchen zu folge die zuvor angegebene Internetadresse mit Plakat in Verbindung zu bringen.)

[27] Die Statistik Austria versteht unter „Personen mit Migrationshintergrund“ Menschen,

„[…] deren beide Elternteile im Ausland geboren wurden. Diese Gruppe lässt sich in weiterer Folge in Migrant*innen […] der ersten Generation (Personen, die selbst im Ausland geboren wurden) und in Zuwanderer[*innen} der zweiten Generation (Kinder von zugewanderten Personen, die aber selbst im Inland zur Welt gekommen sind) untergliedern“ (vgl. http://www.statistik.at/web_de/statistiken/menschen_und_gesellschaft/bevoelkerung/bevoelkerungsstruktur/bevoelkerung_nach_migrationshintergrund/index.html ). Auf diese Definition von Migrationshintergrund wird m. W. in diversen Publikationen verwiesen, um vermutlich Differenzierungen bestimmter Menschengruppen zu rechtfertigen. Eine ausführliche und kritische Hinterfragung, wozu bestimmte Menschen mit dieser Bezeichnung betitelt werden müssten, würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen. M. E. handelt es sich hierbei um das Managen von (Nicht)Zugehörigkeiten, worüber in Kapitel 4. generell mehr zu erfahren ist. Für Verena Plutzar (2010, 213) verweist die Benennung Migrant*in auf Identitäts- oder Zuschreibungsmerkmale. Individuen als Migrant*innen zu bezeichnen „[…] drückt aus, dass M[igrant*innen] Menschen sind, deren Identität weder durch herkunftsgesellschaftliche Prägungen noch durch die Aufnahmegesellschaft hinreichend beschrieben werden kann“ (vgl. ebd.).

[28] Ich möchte explizit darauf hinweisen, dass sich die durch die eckige Klammer gekennzeichnet ausgesparten Zieluntergruppen auf einschlägigem Plakat nicht fettgedruckt sind.

[29] Diese Plakate konnten 2014 und 2015 in diversen Bars und Cafés in Wien gesichtet werden. Ich danke Doris Pokitsch für die Übermittlung dieses Materials, das aus dem Lokal tachles in 1020 Wien stammt.

[30] Die Online-Zeitung www.dastandard.at berichtet nahezu täglich über migrationspolitische Themen mit Schwerpunkt Österreich.

[31] De Cillia (2010, o. S.) erwähnt, dass diese 23 Essensvokabeln aus über 100 Austriazismen ausgewählt wurden.

[32] s. a. Kapitel 4.2.2.

[33] s. a. Kapitel 4.2.2.

[34] Vgl. http://derstandard.at/1363239361725/Von-Eitriger-bis-Gschissener-VHS-Kurs-lehrt-Schimpfen-in-Wien.

[35] Es handelt sich hierbei um die Proband*innen Madlene (Absatz 5.), Rani (Absatz 121.) und Sima (Absatz 17.). Namen wurden anonymisiert (vgl. a. Kapitel 5.1.1. & 5.1.2.).

[36] Name wurde anonymisiert (vgl. a. Kapitel 5.1.1. & 5.1.2.).

[37] s. a. Kapitel 4.2.2.

[38] „Wem gehört die Sprache?“ (vgl. Memić 2014b, o. S.).

[39] Muhr (1995, 76) bezieht sich hierbei auch auf Norman Denison (1925 – 2012), der anlässlich einer Laudatio zu seinem 70. Geburtstag, seine soziolinguistische Forschung resümierte.

[40] Ursprünglich ist der Terminus Register auf M.A.K. Halliday (1964 & 1975) zurückzuführen (vgl. Bußmann 1990, 637 & Zellmann 2010, 271f).

[41] Mit dem Ziel sich einer Definition von Bildungssprache anzunähern, beziehen sich Ingrid Gogolin und Imke Lange (2011, 108ff) auf Habermas (1977), Halliday (1994) und Cummins (2006). Reich (2008) übersetzt Cummins CALP mit „Bildungssprachfähigkeit“ (vgl. Gogolin/Lange 2011, 110). Im Gegenzug betreffen BICS lt. Cummins alltagssprachliche Kompetenzen (vgl. ebd.). Letztendlich bezeichnet Bildungssprache nach Gogolin/Lange (ebd., 111) jenes formale Register, an welchem man sich orientieren müsse, um dem Unterricht erfolgreich folgen zu können.

[42] Sicherlich können Sprecher*innen über mehrere Sprachen per se verfügen.

[43] Es handelt sich hierbei um Dragan (Absatz 7- 9.). Name wurde anonymisiert (vgl. a. Kapitel 5.1.1. & 5.1.2.).

[44] s. a. Kapitel 4.2.2.

[45] Vgl. https://www.bmbf.gv.at/schulen/unterricht/oed.pdf?4endq2.

[46] Vgl. https://www.bmbf.gv.at/schulen/unterricht/oed.pdf?4endq2.

[47] Der genaue Wortlaut lautet:

„Bei der substanziellen Betrachtung der deutschen Sprache fällt auf, dass ein Großteil des Wortschatzes wie der Grammatik im deutschen Sprachraum gleichermaßen verwendet wird. In unterschiedlichem quantitativem Ausmaß stehen dem aber regional oder national verwendete Bezeichnungen, Formulierungen wie auch grammatische und phonologische Differenzierungen in der Standardsprache gegenüber“ (Burka 2014, 14).

[48] s. a. Kapitel 4.2.2.

[49] Der ÖIF wurde 1960 vom UNHCR gegründet, war Anfang 2014 noch im BMI und ist derzeit im BMEIA angesiedelt und versteht sich selbst als „Integrationsdienstleister“ (vgl. http://www.bmeia.gv.at, http://www.bmi.gv.at & www.integrationsfonds.at ), indem die Institution ihre Aufgabe wohl in der „[…] Durchführung von Maßnahmen zur sprachlichen, beruflichen und gesellschaftlichen Integration von Migrant[*innen] und Asylberechtigten […]“ sieht (vgl. Krumm 2010b, 236). Wenngleich der ÖIF Lehrmaterialien und Tests gestaltet (vgl. ebd.), ist meinen Recherchen nach keine seriöse Auseinandersetzung mit dem facettenreichen Forschungsgebiet DaZ erkennbar, „[e]ine fachliche Vernetzung mit dem Bildungs- und Wissenschaftsbereich gibt es nicht“ (vgl. ebd.).

[50] Sebastian Kurz (*1986) war von 2011 – 2013 Staatssekretär für Integration, seit Dezember 2013 ist er Bundesminis­ter für Europa, Integration und Äußeres (vgl. http://www.parlament.gv.at/WWER/PAD_65321/index.shtml). Aus Se­bastian Kurzs Biographie geht derzeit hervor, dass er keine berufliche Ausbildung abgeschlossen hat (vgl. ebd.).

[51] Vgl. http://www.integrationsfonds.at/news/aktuelle_news/pluspunkt_deutsch_oesterreich.

[52] Vgl. http://www.integrationsfonds.at/news/aktuelle_news/pluspunkt_deutsch_oesterreich.

[53] Spracheinstellungen werden in Kapitel 5.3.1. detaillierter behandelt.

[54] Weiters nennt Moosmüller (2007, 17) die Städte Linz und Salzburg.

[55] Um Missverständnisse zu vermeiden, möchte ich anmerken, dass ich keineswegs annehme, dass Wienerisch und/oder Deutsch in Wien einheitlich sei.

[56] Es handelt sich hierbei um Maga (Absatz 17-35. & 131.). Name wurde anonymisiert (vgl. a. Kapitel 5.1.1. & 5.1.2.).

[57] Im 18. Jh. war die Polizei neben der Pflege von Gesetz und Ordnung zugunsten der Regierenden auch für die Infra­struktur der Städte verantwortlich (vgl. Foucault 1982/2005, 279).

[58] Mögliche Kapitalformen können nach Bourdieu (1998, 108f) bspw. physisch, ökonomisch, kulturell, sozial, juris­tisch oder finanziell sein.

[59] Nach Robert Miles (1992) verweist racialisation nicht auf ,Rasse‘ an sich, sondern auf in bestimmten Zusammenhängen stehende Prozesse und Praxen, durch welche ,Rasse‘ konstruiert wird (vgl. Broden/Mecheril 2010, 14).

[60] Vgl. http://www.duden.de/rechtschreibung/Ideologie.

Details

Seiten
230
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668232662
ISBN (Buch)
9783668232679
Dateigröße
2.5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v323428
Institution / Hochschule
Universität Wien – Germanistik
Note
1,0
Schlagworte
Deutsch als Zweitsprache Plurizentrik symbolische Gewalt Subjektivierung das österreichische Idiom österreichisches Deutsch Plurizentrikkritik österreichisches Deutsch sprechen Positionierungen

Autor

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Titel: Subjektpositionierungen Deutsch als Zweitsprache (DaZ)-Lernender in Wien zum eigenen Deutschsprechen in Österreich