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Die Charakterzüge und Motive in der Novela Picaresca. Analyse von Barbadillos "La hija de celestina"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2013 14 Seiten

Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Charakterzüge & Motive
2.1. Liebe, Begierde und Erotik
2.1.1. Der Picaro als Liebhaber
2.1.2. Die Liebe der Schelmin
2.2. Die Lebenswege des Picaros und der Picara

3. Beispiel: La hija De Celestina
3.1. Intention des Autors

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einführung

In der heutigen Zeit steht die Frage der Weiblichkeit stets im Mittelpunkt. Stellt man sich nun diese in Bezug auf die literarische Frauen- und Liebesthematik in der spanischen novela picaresca, dem Schelmenroman, findet man nur wenige literaturwissenschaftliche Ansätze und Werke, die eine Hervorhebung der beiden Thematiken belegen würden.1 Literaturwissenschaftlich Forschungen im Allgemeinen hinsichtlich der novela picaresca können auf Frank Wadleigh Chandlers The Literature of Roguery aus dem Jahr 1985 zurückgeführt werden.2 Als Grundlage für die folgenden Untersuchungen dient seine Definition des Schelmenromans:

The picaresque novel is the comic biography (or more often the autobiography) of an anti-hero who makes his way in the world through the service of masters, satirizing their personal faults, as well as their trades and professions. (Chandler 1958:5).

Chandler spricht von einem Anti-Helden, der im Gegensatz zu den novelas de cabaellería keine ruhmreiche Taten vollbringt, sondern in erster Linie um sein Überleben kämpft. Dies ist nur eine wichtige Eigenschaft des Schelmenromans, die hier eine Rolle spielen wird, um Motive, Figuren und vor allem die weibliche Schelmin, die Picara, zu untersuchen. Des Weiteren soll der autobiographische Charakter unter Hinzunahme des Autors genauer betrachtet und die Beziehung zu seinem Protagonisten analysiert werden.

Die Entstehung der novela picaresca reicht bis ins Goldene Zeitalter (1519-1659) Spaniens. Ob nun der anonym veröffentlichte Lazarillo de Tormes[3] – der quasi erstmals die charakteristische Erzählweise der novela picaresca bewusst zum Vorschein brachte, Alemáns La vida del Pícaro Guzmán de Alfarache[4] oder López de Ubedas La Pícara Justina[5] - in all diesen Werken wird die pikarische Welt mit Hilfe eines zweifelhaften Ich-Erzählers zum Leben erweckt. Dies ist insofern wichtig als das der Leser nur eine einseitige Erzählperspektive hat und die denkbaren Gegendarstellungen der Gesellschaft ausgespart werden.6 Dadurch entsteht ein großer Interpretationsspielraum, der jedoch nicht nachteilhaft sein muss. Der Leser enttarnt häufig die Unstimmigkeiten, die trügerischen Schilderungen und zweifelhaften Charakterzüge. Diese Einführung dient zur Einordnung der Literatur und zum Verständnis der, für die Arbeit, wichtigsten Eigenschaften, auf die der Fokus gelenkt werden soll.

2. Charakterzüge & Motive

Einem Leser fällt es zunächst schwer sich mit der Schelmen-Figur zu identifizieren. Dies mag wohl daran liegen, dass der Picaro Charakterzüge trägt, die beunruhigend und abstoßend als der Teil einer Gesellschaft zu sein scheinen. Besonders hervorstechend ist die Eigenschaft der „Gefühlslosigkeit“. Als Betrüger und Verbrecher versucht er einen Platz zu finden und Aufmerksamkeit zu gewinnen, doch löst dabei das komplette Gegenteil bei seinen Mitmenschen aus. Der Abgestoßene ist nie in der Lage langfristige Beziehungen oder gar Intimität aufzubauen und sein Wesen ist verwirrend, manchmal beängstigend und rätselhaft. Verbunden mit seiner Kaltherzigkeit stellt er jemanden dar, den man nicht imstande ist zu lieben.7 Dennoch trifft man in vielen Werken immer wieder auf erotische Motive, Sexualität und das Verlangen. Diese Motive werden u.a. im Folgenden untersucht und ermöglichen einen detaillierteren Vergleich von Picara und Picaro.

Des Weiteren stellt sich die Frage, ob die Schelmin den Schelmen lediglich als Figur ersetzt, oder ob beide nebeneinander existieren und stärker differenziert werden sollten. Ist sie seine Weiterentwicklung? Man kann festhalten, dass sie zwar nicht als eigene Gattung bezeichnet werden kann, aber dennoch genug Eigenleben besitzt, um gesondert betrachtet zu werden.8 Aus Ihrer Perspektive ist die Frau nicht mehr das sexuelle Objekt, sondern eine mehr oder weniger erfolgreiche Repräsentantin, die nicht als Nebenakteurin, sondern als Protagonistin fungiert.

Zu den bekannteren Picara-Romanen zählen unter anderen die bereits erwähnte La Pícara Justina (1605) von Francisco López de Ubeda, La hija de Celestina (1612) von Alonso Jerónimo de Salas Barbadillo und Alonso de Castillo Solórzanos La Garduña de Sevilla y anzuelo de las bolsas (1642), deren Inhalt hier zum Teil genauer analysiert wird.

Um Schelmin und Schelm zu untersuchen und ihr Verhältnis zueinander zu bestimmen ist es notwendig ihre Position in der Gesellschaft und die Umstände, die in Spanien herrschten, hinzuzuziehen. Seit 1490 jagte die Inquisition sogenannte „conversos“9, was zur Folge hatte, dass das Siglo de Oro zu einer Zeit voller Misstrauen und Furcht wurde. Doch religiöse Umwälzungen waren nur eine Schwierigkeit in der Bevölkerung,10 denn zusätzlich war Spanien ökonomisch so am Ende, dass es kein richtiges Erwerbsbürgertum gab und viele Menschen tatsächlich gar keinen Beruf hatten. Dies ging so weit, dass diejenigen, die während der Reconquista als Soldaten gedient haben plötzlich als Obdachlose oder Kleinkriminelle lebten.11 Viele aus dem niederen Adel weigerten sich ein Handwerk zu erlernen und lebten somit am Rande der Existenz. Dass also der Autor nicht vertrauenswürdig und die Protagonisten teilweise böswillig erscheinen, kann man auch mit solch einem Hintergrundwissen in gewisser Weise erklären.

2. 1. Liebe, Begierde und Erotik

Im Rahmen des pikaresken Paradigmas werden, obwohl die Protagonisten zunächst bloß Kinder sind, Ehre, Wahrheit, aber auch die Liebe in Frage gestellt. Die bereits erwähnte wirtschaftliche Situation wurde bei Verhältnissen zwischen Partnern mit großem Altersunterschied und dessen Heirat zum Grund, um sich finanziell abzusichern.12 Für einen Mann bedeutete dies also, dass ein Ehebündnis meist erst infrage kam, wenn er der Auserwählten einen gewissen Lebensstandard bieten konnte. Dieser Aspekt zwang sie moralisch jedoch nicht zur Enthaltsamkeit, sondern führte sogar häufiger zu unehelichen Kindern und heimlichen Liebschaften.13 Von Liebe war in Ehen also zu der Zeit zunächst nicht die Rede, denn sie musste sich den familiären und ständischen Gesetzen unterordnet.

Da sie daher ein eher seltenes Phänomen war, wurde sie schnell zum hilfreichen Mittel für viele Hinterhalte und Verbrechen. Denn, wer an die sogenannte „wahre Liebe“ tatsächlich glaubte und daran, dass ein Partner diese Gefühle tatsächlich erwidern würde, konnte leicht zum Opfer werden. Die bereits erwähnte Gefühlsleere und die Herzlosigkeit des Picaros vermitteln dem Leser, dass wahre Gefühle nie eine tragende Rolle in solch einem Roman haben werden und nie konkret geäußert werden. Anhand eines Vergleiches wird im Folgenden herausgearbeitet, wie die weibliche und männliche Figur die Begriffe Liebe, Begierde und Erotik interpretieren.

[...]


1 Kinzkofer 2003, S. 6.

2 Bauer 1994, S. 8.

3 Anonym (1554): Lazarillo de Tormes.

4 Alemán, Mateo (1604): La vida del Pícaro Guzmán de Alfarache.

5 López de Ubeda, Francisco (1605): La Pícara Justin.

6 Bauer 1994, S. 2.

7 Fajen 2007, S. 241.

8 Chwastek 1987, S. 318.

9 conversos waren vermeintlich oder auch tatsächlich zum Christentum konvertierte Juden im spanischen und portugisischen Sprachraum.

10 Chwastek 1987, S. 13.

11 Bauer 1994, S. 32

12 Mitterauer/Sieder 1977, S.147.

13 Mitterauer/Sieder 1977, S. 148.

Details

Seiten
14
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668224834
ISBN (Buch)
9783668224841
Dateigröße
425 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v323329
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Romanistik
Note
2,3
Schlagworte
Novela Picaresca Schelmenroman Spanische Philologie Literaturwissenschaften Picara Schelmin Spanien Weiblichkeit Frauen Lazarillo de Tormes Goldenes Zeitalter Siglo de Oro

Autor

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