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Die Destruktivität des Schönen. Eine Inszenierung des kontemporären Schönheitsbegriffs

Künstlerisch-praktische Studien mit den Mitteln der Fotografie, Grafik, Malerei und experimentellen Verfahren

Bachelorarbeit 2016 48 Seiten

Kunst - Malerei

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Konzeptueller Kontext
2.1. Künstlerische Problemstellung
2.2. Das Destruktive im Schönen
2.3. Persönliche Bezüge

3. Fachwissenschaftlicher Bezug
3.1. Hans Bellmer
3.2. Annegret Soltau
3.3. Jenny Saville
3.4. Heike Ruschmeyer
3.5. Simon Birch
3.6. Metropolis (Film)

4. Der Werkprozess
4.1. Vorüberlegungen
4.2. Wahl der Mittel
4.2.1. Papier- und Formatwahl
4.2.2. Material und Farbwahl ..
4.2.3. Motivwahl
4.3. Serie BANDAGED – Exemplarischer Werkprozess
4.4. Serie MODERN ARMOR
4.5. Serie HYBRID

5. Resümee

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Werkverzeichnis

Eigenständigkeitserklärung

„[…] denn die Schönheit des einen Körpers ist der Schönheit des anderen verwandt; und es wäre töricht, nicht zu erkennen, dass die Schönheit in jedem Körper ein und die selbe ist.“ (Diotimas)[1]

1. Einleitung

Er ist ein Ort ästhetischer Erfahrung, ist Bühne, ist Plattform der Selbstinszenierung und ein Schlachtfeld der wechselnden Ideale. Vor allem wird er als Bestandteil persönlicher Identität begriffen – der menschliche Körper. „War es früher die Kleidung, die ornamentgleich den menschlichen Körper umhüllte und modellierte, so ist es heute der Körper selbst, der im Mittelpunkt steht und einen bedeutenden Bezugspunkt der Gestaltung darstellt.“ [2] Tatsächlich ist er heute das Ergebnis individueller Bemühungen und wird vom Mensch als Schöpfer seiner selbst aktiv gestaltet. Der Körper ist ein Gegenstand der öffentlichen Wahrnehmung, ein “ […] Symbol von Leistung, Kreativität und Modernität, ein Mittel der „sozialen Distinktion“.“[3] Ein „schönes“ Äußeres muss zunehmend geleistet werden und so fungiert der Körper als eine Art Ausweis oder Visitenkarte für Erfolg. Dabei überlässt es ein schier unbegrenzter Pol an Gestaltungsmöglichkeiten der Verantwortlichkeit des Einzelnen, wie er seinen Leib als Medium in Szene setzt – das moderne Individuum kann aus einem Überangebot wählen, das durch Multioptionalität besticht. Diagnose Schönheitsterror?

Der Machtbereich auf dem Feld der Selbstinszenierung scheint maximal zu sein. Doch gleichzeitig entsteht ein Bereich der Ohnmacht, der weder zu überblicken, noch zu kontrollieren ist. „Jeder Versuch, ein positives Bild von seinem Körper zu erstellen, ist zum Scheitern verurteilt, da sich die Grenzen dieses Körpers in den unüberschaubaren Tiefen des medialen Kontinuums verlieren.“[4] In diesem Sinne wird überwiegend massenmedial ein Körperbild propagandiert, das perfektionierte Makellosigkeit und demonstrative Gesundheit verlangt. Doch es ist ein Logisches, das der Wunsch nach Perfektion immer auch Kurs auf eine Grenzerfahrung nimmt – Essstörungen, Fitnesswahn oder ästhetisch-plastische Chirurgie erschaffen Menschen an der Schwelle zu Maschinen oder hybriden Wesen. Gelobt sei, was schön macht. Stage-manage it! In seiner Extreme ausgeführt, inkludiert diese Körpererfahrung Momente des Zerstörerischen und Destruktiven. Eben diese Seite des kontemporären Ideals von körperlicher Schönheit künstlerisch sichtbar zu machen, hat sich diese Arbeit zur Aufgabe gemacht. Als Frau und Kind der Moderne bin ich selbst Teil dieses Phänomens. Die vorliegende Untersuchung fühlt sich weder dazu berufen, noch dazu berechtigt, dieses moralisch zu kommentieren. Sie will es künstlerisch als gegeben darstellen und ihre Erscheinungsbilder beleuchten – wobei durchaus eine leise Kritik sichtbar wird.

2. Konzeptueller Kontext

Im Folgenden umreiße ich zunächst den Gegenstand und die künstlerische Problemstellung dieser kleinen Beschäftigung, sowie meine persönlichen Bezüge. Anschließend wird ein knapper Zusammenhang von Schönheit und Destruktivität hergestellt. Nachdem prägnante Bezugspunkte und Parallelen zu Künstlern offengelegt wurden, wird im zweiten Teil auf den Werkprozess eingegangen. An ausgewählten Beispielen erläutere ich Vorgehen, Probleme und Lösungen. Arbeiten, die in der schriftlichen Reflexion keine Erwähnung finden sind auf ähnliche Weise entstanden und in der Werkliste aufgeführt. Resümee und Ausblick verdeutlichen, dass meine Auseinandersetzung mehr Auftakt als Endprodukt ist – auf der Suche, welche Gesichter es haben kann, das destruktive Element im Schönen.

2.1. Künstlerische Problemstellung

Im Zentrum steht die künstlerische Auseinandersetzung mit dem zeitgenössischen Schönheitsideal und dem menschlichen Körper als Träger dieser Idee. Gegenstand ist die Schönheit des Körpers in der Gegenwart.

Motivisch geht es um Figurationen des Körpers, die diesen naturalistisch oder an­th­ro­po­morph darstellen. Durch die Art, wie die Flächen und Posen der Figuren angelegt sind, soll ein Bezug zu dem oben angedeuteten zerstörerischen Charakter genommen werden, der der Jagd nach dem modernen Archetyp innewohnt. Die Momentaufnahmen von Gesichtern oder Köpern setzen sich so mit dem destruktiven Aspekt dieses Ideals auseinander – Wahnhaft. Maschinell. Unvollständig. Flüchtig. Zerrissen. Austauschbar. Neben dem Zersetzungscharakter interessieren mich auf zweiter Ebene Techniken der Selbstdarstellung und Selbstwahrnehmung. Die Frage nach dem Identitätsverlust des Individuums innerhalb dieses Musters. Malerisch soll das Ergebnis trotz der zersetzenden Elemente das Sinnliche bedienen. Das schöne Wunschideal soll erkennbar sein und doch eine dezente Stimmung von unguter Poesie und Verletzlichkeit deutlich werden.

Inhaltlich richtet sich das Interesse der Arbeit entfernt auf den Diskurs um Körper, Technik und die neuen Medien, wie er seit dem frühen 20. Jahrhundert die verschiedenen Avantgarden in der Kunstgeschichte beschäftigte. Der Konsens geht darauf zurück, dass „[…] die neuen Medien der Unterhaltung und Verständigung, mit denen wir verkabelt sind, … Rückwirkungen auf die Vorstellungen von unseren Organismen haben.“[5] So sei der Körper mehr eine offenen Projektionsfläche über die verfügt werden kann, denn ein Ort von Natürlichkeit und Authentizität.[6] Unter diesem Gesichtspunkt erfuhr der menschliche Körper in der Gegenwartskunst von Deformation bis hin zur digitalen Demontage und Auflösung zahlreiche Bearbeitung. Dort setzte auch die vorliegende Untersuchung an, wenn sie Formen des Destruktiven in den Körperidealen des 21. Jahrhunderts selber sucht.

Meine Arbeit ist keineswegs an der Zerstörung um der Zerstörung willen interessiert. Sie verweist mit ihrer Sprache auf eine Zerstörung hin, die ohnehin stattfindet – eine, die letztlich durch die gesellschaftlichen Prozesse dieser Zeit definiert wird. Das Thema dieser künstlerisch-praktischen Auseinandersetzung zwingt dazu, den so facettenreichen Themenkomplex recht kursorisch abzuhandeln. Der Fokus liegt vor allem auf solchen kompositen Körperbildern, wie sie in meinem Umfeld im 21. Jahrhundert medial präsentiert werden. Es werden grob zwei Felder aufgegriffen. Einmal das Thema Körperkult im Sinne von extrem definierten Körpern, wie sie durch Fitness oder aber Essstörung entstehen und in Magazinen und den Social Media publiziert werden. Auf der anderen Seite der Themenkomplex der ästhetisch-plastischen Chirurgie, die es möglich macht, das Hautkleid zu wechseln. Die Aspekte überschneiden sich freilich und sind mal mehr, mal weniger offensichtlich dargestellt.

2.2. Das Destruktive im Schönen

„Es gab immer zwei Typen des Schönen: der eine zielt auf Annehmlichkeit, der andere verstörte. Nur der zweite lohnt sich heute noch.“ (Wolfgang Welsch)[7]

Um den Zusammenhang zu verdeutlichen soll an dieser Stelle der Konsens erläutert werden, der die beiden Begrifflichkeiten in meinen Gedanken verbindet. Schönheit als recht abstraktem Begriff liegen unterschiedliche Wertmaßstäbe zugrunde. Sie ist schwer zu fassen. Doch es steht fest, dass sie ein Projekt von nie endender Dauer und unverzichtbar ist.[8] Für diese Untersuchung muss die Definition darum eingegrenzt werden. Wenn nun im Folgenden von Schönheit die Rede ist, ist damit Schönheit im Sinne von körperlicher Schönheit im Bereich der ästhetisierenden Selbstgestaltung und Selbstinszenierung gemeint. Diese möchte ich wiederum auf den Körper im (halb)nackten Zustand an sich beschränken. Ein elementares Kriterium für Schönheit ist Symmetrie. Nicht nur in der Kunst, auch in der Wissenschaft legt sie den Maßstab für das Schöne. Der Begriff entstammt dem altgriechischen symmetría und kann mit Eben- oder Gleichmaß übersetzt werden.[9] Es ist die Lehre der Proportionen von Längen- und Abstandsverhältnissen, in dem die menschlichen Körperteile zueinander stehen. Der Symmetriebegriff ist Kernbestandteil einer der ältesten Grundtheorien in der bildenden Kunst. Erstmals in Bezug auf die Antike umfassend erwähnt, zieht er sich in Form der Proportionslehre durch Kunst und Architekturtheorie hindurch bis ins 20. Jahrhundert.[10] Für ein ästhetisches Urteil ist Symmetrie unabkömmlich. Zur Schönheit als Kategorie in der modernen Kunst bleibt zu sagen, dass diese dort kritisch angefochten wird, da sie eher als etwas Schöngemachtes, etwas Dekoratives und nicht Künstlerisches eingeordnet ist.

„In der Gegenwart ist der Körper selbst zum Gestaltungsprojekt geworden. Als integraler Bestandteil der persönlichen Identität begriffen, bietet er Anlass zu vielfältiger Stilisierung.“[11] Gerhard Schulze sieht in diesem „[…] Individualisierungsprozess […] das „Projekt des schönen Lebens“ als Lebensaufgabe verwirklicht.“[12] Er nennt den Körper einen „Symbolträger der Erlebnisgesellschaft“ und den Mensch einen „Manager seiner eigenen Subjektivität“, einen „Manipulator seines Innenlebens“.[13] Bei Schulze steht für das Individuum der Gegenwart statt dem Überleben das Erleben im Zentrum seiner Bedürfnisse. Die Suche nach Erfüllung. Grundsätzlich gilt als attraktiv, was schlank, trainiert, gestylt und vor allem sexy ist. Das erotisch angehauchte menschliche Abbild ist das Maß aller Dinge. Hart sind die Fakten, die das Körperideal diktieren. Gesehen und kommentiert wird es von der breiten Öffentlichkeit und so ist der eigene Körper Gegenstand subtiler sozialer Kontrolle, „[…] denn seine Modellierung unterliegt den kulturellen Normen von Körperästhetik und Selbstdisziplin.“[14] Der Mensch im 21. Jahrhundert ist beseelt von der vergleichsweise abstrusen Illusion eines Körperideals – das hat zur Folge, dass er zur Individualisierung verpflichtet ist und zur Selbstgestaltung und Selbstinszenierung genötigt wird. Die eigene Identität ist inmitten dieser Schnelllebigkeit weder dauerhaft und konsistent. Eickelspasch und Rademacher sprechen vom zeitgenössischen Menschen als einem Baumeister seines eigenen Selbst, der sich aus „Bausätzen biographischer Kombinationsmöglichkeiten“ seine gewünschte Biographie zusammenbastelt.[15] Zutreffend ist das nicht nur für die Gestaltung der Vita, sondern auch die äußerliche Erscheinung. Alles ist jederzeit austauschbar, kann erweitert, abgetragen und neu zusammengesetzt werden. Das Autorenduo verwendet die Metapher des „Bastlers“ als Sinnbild für das Postmoderne Individuum, das eine „Bastelexistenz“ samt „Patchwork-Identität“ führt.[16] Identität steckt nach Ihnen in einer ernsten Krise.[17] Unter anderem ist hierbei auch ein verzerrtes Körperideal ein Faktor, denn an dieser Stelle kommt das Destruktive zum Tragen. Es ist einem jeden freigestellt, „[…] sich auf dem Trödelmarkt fehlender Identitäten zu betätigen.“[18] Künstliche Ersatzidentitäten sind demnach symptomatisch für eine Zeit, in der sie immer öfter dezidiert als Gegenpersönlichkeit in Erscheinung treten – virtuell und im realen Alltag. „Wer über Schönheit […] nachdenkt, muss sich auch mit der Struktur und Funktionsweise der Medien auseinander setzen. Der Körper ist heute nicht mehr Maßstab, sondern er ist zum Medium geworden.“[19] Jede Zeit hat ihre Idealvorstellungen wie das Schöne dargestellt wird und auszusehen hat. Die Quellen, aus denen er diese Vorstellungen bezieht, sind die Medien. Der Mensch nutzt diese seit Anbeginn seiner Existenz und neben der Sprache ist vor allem der Körper sein wichtigstes Mittel der Präsentation. Seit Beginn der Moderne hat die Anzahl der Medien, die dazu genutzt werden allerdings massiv zugenommen und spielt sich heute in extremen Dimensionen ab. Nach Barbara Kuon mutierten sie zu einer Art Extensionen des Körpers.[20] Der Köper wird demnach aus „[…] seiner passiven Fixierung entlassen; er wird als potentiell veränderbar begriffen und kann in Akten der Grenzüberschreitung zwischen Realität und Fiktion partiell neu entworfen werden.“[21] Die Schönheitsmodelle sind also gekoppelt an Medien. Der Druck der idealen Körperlichkeit erreicht hier eine neue Qualität, da man sich stets der eigenen Abweichungen bewusst wird. Die Zwänge zur Herstellung eines „richtigen Körpers“ sind eng damit verknüpft. Es ist ein verzerrter Blick auf den menschlichen Leib. Er wird als formbares Element und Maschine betrachtet, das „richtig“ in Szene gesetzt, zum „gewinnbringenden“ Statussymbol taugt. Was die Umsetzung der Ideale auf körperlicher Ebene betriff, so gebiert der enorme Druck diesem Orientierungsmaßstab zu entsprechen Hemmungsloses. Körperbearbeitung, Körperstyling Bodyshaping. Schönheitschirurgie als Massenphänomen. Die Inszenierungspraktiken gehen weit über die klassischen der Kosmetik, Mode oder Sport hinaus. Implantation, Amputation, Branding, Cutting, Piercing sind Techniken der Körperbearbeitung, die zum Einsatz kommen. Auch durch Diäten und ästhetisch-plastische Chirurgie sollen herrschende Ideale der Perfektion erreicht werden.[22] Diese destruktiven Kreatoren der Philosophie von Schönheit sind in meiner Arbeit behandelt – von der zerrissenen Identität und bis zum maschinenhaften Surrogat in fleischlicher Hülle. Das Destruktive zielt auf den Abbau von etwas Ganzem.[23] In dem Sinne, dass durch körperliche Modifikation etwas aufgebaut werden soll, nämlich gesteigerte Schönheit, baut sich gleichzeitig etwas ab, nämlich der Faktor des Individuellen und die Ursprünglichkeit des Körpers. Auch Schädigungen von dauerhafter Art werden in Kauf genommen. In diesem Sinne evozieren Schönheit und Destruktivität für mich ein äußerst widersprüchliches Drama. Auf dem Gebiet der Körperlichkeit wird darum sehr deutlich, dass das konstruktive und destruktive Potential der Schönheitsvorstellung untrennbar zusammengehören.

Was den Faktor der Destruktivität im Schaffensprozess selbst betrifft: „Zwischen der Bildenden Kunst und dem Zerstörerischen gibt es ein wichtiges Bindeglied, das die Konzentration auf die bildnerisch-formale Ebene geradezu herausfordert: die Struktur. Denn phänomenologisch betrachtet, handelt es sich bei der Zerstörung um einen Vorgang der “Destruktion”, um die ‘Zerstörung, Zersetzung, Auflösung’ vorhandener Gefüge. Und bekanntermaßen spielt der “Struktur”-Begriff in der Kunst eine bedeutsame Rolle“.[24] Destruktion ist also immer Teil des ästhetischen Schaffensprozesses, da im künstlerischen Arbeiten stets visuelle Strukturen erschaffen werden. „Dabei kann das Zerstörerische mal mehr, mal weniger Gewicht haben – und sogar zum gestalterischen Prinzip erhoben werden.“[25] Wie das Gefüge eines Mauerwerkes ist die optische Struktur der Fassade brüchig, übermalbar, anbaubar, abbaubar und schließlich eine Ruine.

2.3. Persönliche Bezüge

Es soll nun deutlich gemacht werden, was die persönlichen Bezugspunkte und Antriebe zur Auseinandersetzung sind und waren. Ausgangspunkte meines Interesses waren die in den vergangenen Semester besuchten Seminare „Figur und Grund“ bei Professor Stanizcek und jenes mit dem Titel „Ästhetisches Verhalten erforschen“ bei Professor Dr. Schnurr. Für die künstlerisch praktische Umsetzung meiner Bachelor Thesis legte ersteres Seminar einen der Grundsteine. Dort setzte ich mich bereits gegen Ende mit der Darstellung, Philosophie und Vorstellung von Schönheit auseinander. Die Schnelllebigkeit und Flüchtigkeit der Natur von Stil und Schönheit auf der einen Seite und die selbstzerstörerische „distorted view of beauty“ auf der anderen. Das Stichwort der „Bastelidentitäten“ habe ich dort teils haptisch mit Fäden und Tacker-Nadeln umgesetzt. Ebenfalls nahm ich mir vor, die dort erstmals erprobte Arbeitsweise mit der Spachtel weiter auszubauen, was ich nun getan habe. Eine Auswahl der Ergebnisse war in der Rundgang-Ausstellung des Instituts für Kunstpädagogik 2015 zu sehen. Die vorliegende Untersuchung greift in so auf einem vorausgehenden Beschäftigungshorizont zurück und setzt an diesem Fundus an.

Auf den inhaltlichen Aspekt brachte mich das andere Seminar, „Ästhetisches Verhalten erforschen“. Gegenstand der dort entstandenen Projektarbeit, war die Betrachtung des ästhetischen Verhaltens junger Erwachsener im Zusammenhang mit ihrer Kleidermode. Das Modeverhalten in Bezug auf den bewussten Umgang mit ihrer Kleidung und der Selbstgestaltung wurde untersucht. Zwei Kernbereiche erwiesen sich nach Recherchen als besonders interessant. Einer betraf das Thema der Identitätsentwicklung und deren möglichen Zusammenhang mit dem ästhetischen Verhalten auf diesem Gebiet. Warum ist Identität, durch Mode geäußert, zum Thema geworden? Wo sitzt der Auslöser für die Verunsicherung? Ein zweiter Fokus lag auf dem Bereich des Selbst- und Fremdbildes. Inwiefern wird es bewusst über Mode nach außen getragen? Inwiefern stimmen beide überein? Mode als Mittel der Selbstinszenierung, Individualitäts- und Identitätsgestaltung beschäftigte mich.

Den erstmaligen Anstoß für die Auseinandersetzung mit dem Destruktiven als künstlerisches Mittel, gab die Video Performance Transfiguration“[26] des französischen Künstlers Olivier de Sagazan. Darin schichtet er sich Ton und Farbe auf Gesicht und Körper um das Material dann abzutragen. Dabei offenbart sich ein animalisches, hybrides Wesen. Es sind dekonstruktive Metamorphosen, Bodyhorror zwischen Verfall und Mutation. Man mag es verstörend nennen. Mag sich nicht entscheiden können, ob diese Ästhetik des Hässlichen nun als poetisch oder schlichtweg böse einzuordnen ist – faszinierend ist es allemal. Nicht unerheblich und damit unbedingt erwähnt, gehört auch eine persönliche Affinität zur Thematik. Ein privates Interesse nährt unbewusst schon geraume Zeit eine Sammlung von entsprechenden Motiven und kann so als Auftakt für die inhaltliche Auseinandersetzung der praktischen Arbeiten gelten.

Ich bin fasziniert vom menschlichen Körper und dem Gesicht auf der einen Seite. Andererseits ist der soziologische Aspekt der Identitätsthematik für mich ein sehr starker Berührungspunkt, unter anderem resultierend aus meinem Studiendrittfach. Sie soll aber an dieser Stelle nicht weiter behandelt werden, da sich die Arbeit auf die künstlerisch-praktische Auseinandersetzung beschränkt.

3. Fachwissenschaftlicher Bezug

Nachdem Intention und Konzeption definiert sind, soll ein Bezug zur Rezeption in den Werken verschiedenen Künstler hergestellt werden, um meine Quellen der Inspiration offenzulegen. Stellvertretend sollen im Folgenden Künstler und Künstlerinnen erwähnt sein, mit deren Darstellungsweise oder Thematik ich mich im Laufe meiner Arbeit auseinandergesetzt habe – die mir vor und während meines Arbeitsprozesses eine Orientierung waren und sowohl inhaltliche als auch formale Parallelen aufweisen. Jeder auf seine Art setzt sich mit dem menschlichen Körper in der modernen Kunst auseinander.

3.1. Hans Bellmer

Die Ausgabe des SPIEGEL von 1966 nannte ihn den „Dürer des Surrealismus“ und “Arcimboldi der Fleisches“[27]. Der deutsche Surrealist Hans Bellmer konstruierte in seinen Arbeiten der Serie La Poupée menschengroße, mädchenhafte, nackte, fetischartige Puppen, die er anschließend wieder auseinanderbaute und die fragmentarischen Schritte fotografisch festhielt. Es sind erotisierende, fast pornografische Darstellungen des weiblichen Körpers, die er in künstlichen Rekonstruktionen und unterschiedlichen Posen umsetzt, wie beispielhaft in Abbildungen 1 und 2 zu sehen. „Konstruktion und Dekonstruktion des Puppenkörpers werden […] demonstrativ als Teile jener Doppelstruktur erkennbar, die dem weiblichen Körper und seinem künstlichen Double innewohnt und die Leben/Natur und Tod/Mechanik unwiederbringlich miteinander verknüpft.“[28]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: La Poupée, Hans Bellmer

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: La Poupée, Hans Bellmer

Meine ursprüngliche Idee bestand darin, biomorphe und mechanische Elemente zu einer Art Zwitterwesen, ähnlich einer Puppe zu verschmelzen. Durch das malerische Einbauen von Schläuchen, Zahnrädern und künstlichen Gliedmaßen in die Körper, wollte ich Gestalten zwischen Mensch und Maschine, zwischen Cyber- und Plastikfrau erschaffen. Davon habe ich mich zwar abgewandt, doch Bellmers Arbeiten war mir eine große Inspiration, sowohl thematisch als auch gestalterisch. Wie er behandle auch ich die Haut als ein abstreifbares Hemd.

3.2. Annegret Soltau

„Mein zentrales Anliegen ist, körperliche Prozesse in meine Arbeit einzubeziehen und mich selbst zum Modell zu nehmen, weil ich mit mir am weitesten gehen kann.“ [29] Die deutsche Collagenkünstlerin der Body-Art verarbeitet stets sich selbst als Motiv in ihren Werken. In ihren seit 1975 praktizierten Fotoüber- und –vernähungen, setzt sie menschliche Körperfragmente durch radikale Nadelstiche neu zusammen und verknüpft sie so zu hybriden Wesen. Über ihre Werkserie „Generativ“ sagt Soltau: „Der Faden bedeutet aber auch etwas Verbindendes, Reparierendes, was die Risse zusammenbringt und -hält. Die Risse im Lebenslauf bleiben sichtbar wie die Falten als Lebenspuren.“ [30] Und weiter: „Es existiert nichts, was wirklich unversehrt wäre. Das Leben selbst ist eine ständige Verletzung. Es genügt die Tatsache, dass wir älter, im Laufe der Jahre immer brüchiger und fragiler werden.“ [31]

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Abb 3: Trans hybris, Annegret Soltau

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Abb 4: Kali-Tochter doppelt, (Zahnbild II) Annegret Soltau

Von Beginn meiner Auseinandersetzung an war dieses fragmentarische und zusammengestückelte Grobe, das ihre Arbeiten für mich haben, in meinem Gedankengut präsent. Nadeln und Faden habe ich nicht benutzt, doch ich beziehe malerisch ebenso körperliche Prozesse in meine Arbeiten mit ein und verwende das Zusammensetzten, beziehungsweise das Zersetzten als Mittel. Soltau kann so als fixer Orientierungspol genannt werden.

3.3. Jenny Saville

Saville interessiert die menschliche Figur. Ihre Charaktere sind fleischig, feist und massiv. “I paint flesh because I’m human. […] If you work in oil, as I do, it comes naturally. Flesh is just the most beautiful thing to paint.“[32] Wie Annegret Soltau verwendet auch sie häufig ihren eigenen Körper als motivischen Ausganspunkt. Die nackten, weiblichen Leiber stellt sie naturgetreu dar und entwirft ihre Frauen mit großen, gezielten, kraftvollen Strichen und in Öl auf großformatige Leinwände. Trotz der übergroßen Formate scheint es, als seien die Körper nur mit Mühe hineingepresst worden, da sie den Bildausschnitt sprengen .[33] Was mich an Ihr interessiert, ist das destruktive Element des modernen Körpers in den Extremen des Fleisches, des Überflusses und die Bezüge zur plastischen Chirurgie und der Fettabsaugung. Der Körper ist hier entstellt und deformiert. Die Art der Darstellung dieser Leiber erzeugt Unbehagen und Faszination zugleich. Was mich auf sie aufmerksam machte, war ihre Arbeit Stare[34]. Das verbrennende oder sich ablösende Fleisch hat Einfluss auf meine Arbeit Bandaged Vol. 2[35], indem auch ich mir selbst die Haut in einem Portrait abziehe.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb 5: Prop, Jenny Saville

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Abb. 6: Stare, Jenny Saville

3.4. Heike Ruschmeyer

Ruschmeyer hat sich der Darstellungen von Selbstmördern oder Opfern von Gewaltverbrechen verschrieben. Zur Vorlage nimmt sie Fotografien aus der Kriminologie und der Gerichtsmedizin. „Meine Mutter sagte immer, dass ich nicht genug Phantasie hätte, aber ich finde die Realität des Lebens unglaublicher als Phantasien“ [36] , so Ruschmeyer. Ihre Figuren setzt auch sie häufig überlebensgroß ins Format. Indem die Künstlerin ihre ursprünglichen liegenden Protagonisten in eine aufgerichtete Position bringt, wird ein zusätzlicher Verfremdungscharakter erzeugt. Die malerische Schönheit ihrer Arbeit steht im Widerspruch mit deren Inhalt und hinterlässt den Betrachter so tatenlos und mit einem andauernden Nachgeschmack zurück. Letzteres, genauso wie der dynamische Einsatz von Licht in Ihren Werken, war mir ein mehr als spannender Anreiz, den ich in der Mitte meines Werkprozesses durch meine betreuende Professorin Johanna Staniczek bekam. Eine bis zu diesem Zeitpunkt entstandenen Arbeit [37] war ihr dazu ein spontaner Impulsgeber mir diesen Tipp zu geben – für mich eine goldene Fundgrube.

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Abb.7: Der Nachtwandler,

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Abb.8: Monolog XXVIII,

Heike Ruschmeyer Heike Ruschmeyer

3.5. Simon Birch

Zu guter letzt soll der in Hong Kong arbeitende britische Künstler Simon Birch als Inspiration auf technischer Ebene genannt werden. Birch malt Momente voller Bewegung und Schwung, denen eine unglaubliche Dynamik anhaftet und friert sie in abstrakten Pinselbewegungen in seiner vollen Energie ein. Körper und Gesichter stellt er in unterschiedlichsten Formen dar. Jede Menge Schwung im Pinsel ist es, was mich an seiner Arbeit inspiriert. Ich verwende ebenfalls eine Strichführung die versucht, durch helle grobe Bildelemente einer Statik entgegenzuwirken. Die Arbeit Bandaged Vol 3 [38] ist motivisch entfernt an die Posen in seinem Werk Coachwhip Supercharger[39] angelehnt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.9: Coachwhip Supercharger, Simon Birch

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Abb. 10: Spinal Mount Starcracker, Simon Birch

3.6. Metropolis (Film)

Kein einzelner Künstler, aber dennoch eine künstlerische Quelle die mich in der Anfangsphase beeindruckt hat, ist Fritz Langs expressionistischer Stummfilm Metorpolis. Ich bin und war in inspiriert durch die futuristische Filmarchitektur, vor allem aber von dem Kostümbild des Maschinenmädchens Maria[40], die im Film als programmierter Androide auftritt. Der Film setzt das Bild der modernen Großstadt um. Ich konzentriere mich auf die bestimme Facette innerhalb dieses Kosmos, nämlich dem Bild des modernen Menschen. Ich setzte die Schlaglichter ebenfalls auf das Symposium Modernität-Mensch-Maschine – nicht in der Form der filmischen roboterartigen Hülle, aber doch in Form der fleischlichen. Der Titel meiner Serie Modern Armor[41] nimmt indirekt Bezug darauf. In ihr sind die perfekten Körper als moderne Variante einer unsichtbaren maschinellen Rüstung Thema.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.11: Maschinenmensch Maria, Metropolis (Film)

[...]


[1] Zit. n. HAUENSTEIN, Lydia: Schönheit : Vorstellungen in Kunst, Medien und Alltagskultur, Göttingen 2006, S.10.

[2] ANTONI-Komar, Irene: Moderne Körperlichkeit. Körper als Orte ästhetischer Erfahrung, Stuttgart 2001, S.19.

[3] Ebd., S.18.

[4] KUON, Barbara: Die Kunst der Zerstörung – Der Null-Mensch als Ganzer Mensch. In: reciprocal turn. Journal for artistic practice and art theory, Karlsruhe 2015. URL:http://reciprocalturn.com/ausgabe/one/die-kunst-der-zerst%C3%B6rung-%E2%80%93-der-null-mensch-als-ganzer-mensch (Zugriff: Februar 2016).

[5] MÜLLER-Tamm, Pia; Sykora, Katharina (Hg.): Puppen, Körper, Automaten - Phantasmen der Moderne: [anläßlich der Ausstellung Puppen, Körper, Automaten - Phantasmen der Moderne, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf vom 24. Juli bis 17. Oktober 1999], Köln 1999, S.66

[6] Vgl. ebd.

[7] Zit. n. HAUENSTEIN: Schönheit, S.9.

[8] Vgl. HAUENSTEIN: Schönheit, S.9.

[9] Vgl. SCHUMMER, Joachimg: Symmetrie und Schönheit in Kunst und Wissenschaft. In: Wolfgang Krohn (Hg.): Ästhetik in der Wissenschaft (Sonderband der Zeitschrift für Ästhetik und Allgemeine Kunstwissenschaft), Hamburg 2006, S.2.

[10] Vgl. ebd., S.3.

[11] ANTONI-Komar: Moderne Körperlichkeit, S.24.

[12] Ebd. , S.24.

[13] Vgl. Ebd.

[14] Ebd. , S.25.

[15] Vgl.: EICKELSPASCH, Rolf; Rademacher, Claudia: Identität. Bielefeld 2004, S.7.

[16] Vgl.: EICKELSPASCH: Identität, S.11.

[17] Vgl. ebd. , S.5.

[18] Michel Foucault zit. n. WEYEL, Birgit: Religion in der modernen Lebenswelt: Erscheinungsformen und Reflexionsperspektiven, Göttingen 2006, S.173.

[19] VAL, Catrine: Interview – Mode spricht eine Sprache der Anpassung oder der Revolte. In: Bayer, Norbert: Parole, Parole, Parole … URL: http://parole.norbertbayer.de/category/interview/ (Januar 2013).

[20] KUON: Die Kunst der Zerstörung, Absatz 11.

[21] MÜLLER-Tamm, Pia; Sykora, Katharina (Hg.): Puppen, Körper, Automaten , S.66.

[22] Vgl. ANTONI-Komar: Moderne Körperlichkeit, S.27.

[23] Vgl. KÜNKLER, Karoline: Aus den Dunkelkammern der Moderne . Destruktivität und Geschlecht in der Bildenden Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts, Köln 2012, S. 96.

[24] Ebd., S. 6-7.

[25] Ebd., S.4.

[26] Für eine Impression siehe Transfiguration, Olivier de Sagazan. URL: https://vimeo.com/8623092 (Zugriff am 15.02.2016).

[27] Vgl. BELLMER . Puppen des Bösen. In: DER SPIEGEL, Nr. 21, 16.05.1966.
URL: http://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/46407312 (Zugriff am 07. Februar 2016).

[28] MÜLLER-Tamm: Puppen, Körper, Automaten, S. 83.

[29] SOLTAU, Annegret: Offizieller Webauftritt 2016, URL: http://www.annegret-soltau.de/ (Zugriff am 13.02.2016), Startseite.

[30] Ebd., Biographie/Statements, Serie Generativ 1995.

[31] Ebd.

[32] HUDSON, Mark: Jenny Saville: ‘I like the down and dirty side of things’, In: The Telegraph, Juni 2014. URL: http://www.telegraph.co.uk/culture/art/art-features/10920986/Jenny-Saville-I-like-the-down-and- dirty-side-of-things.html (Zugriff am 13.02.2016).

[33] Siehe Abb. 5.

[34] Siehe Abb. 6.

[35] Siehe Arbeit Bandaged Vol. 2, Werkverzeichnis, S. 29.

[36] Zit. n. GALERIE ARNDT DK, Heike: Heike Ruschmeyer (DE). Webauftritt: Galleri Heike Arndt DK . Contemporary art from the Nordic countries and Germany, Berlin. URL: http://berlin.heike- arndt.dk/de/artists/works-berlin/artists-berlin/heike-ruschmeyer (Zugriff am 13.02.2016).

[37] Siehe Arbeit Modern Armor Vol. 1, Werkverzeichnis, S. 33.

[38] Siehe Arbeit Bandaged Vol. 3, Werkverzeichnis S. 30.

[39] Siehe Abb. 9.

[40] Siehe Abb. 11.

[41] Siehe Serie Modern Amor, Werkverzeichnis S. 33-36.

Details

Seiten
48
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668226555
ISBN (Buch)
9783668226562
Dateigröße
5.8 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v323254
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen – Institut für Kunstpädagogik
Note
1,0
Schlagworte
destruktivität schönen eine inszenierung schönheitsbegriffs künstlerisch-praktische studien mittel fotografie grafik malerei verfahren

Autor

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Titel: Die Destruktivität des Schönen. Eine Inszenierung des kontemporären Schönheitsbegriffs