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Sozialer Wandel Chinas. Zwiespalt zwischen westlicher Moderne und chinesischer Tradition

Masterarbeit 2016 82 Seiten

Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung

Leseprobe

Inhalt

Danksagung

Abstract

1. Einleitung
1.1 Forschungsfrage und Ziel der Arbeit
1.2 Methode

2. China - das Reich der Mitte
2.1 China - Zahlen und Fakten
2.2 Geschichte
2.3 Staat
2.4 Politik
2.5 Religion und Weltanschauungen
2.5.1 Daoismus
2.5.2 Konfuzianismus
2.6 Wirtschaft

3. Wohlfahrt in China
3.1 Ursprung und Entwicklung chinesischer Wohlfahrtskultur
3.2 T raditionelle Werte und soziale Bindungen
3.3 Wohlfahrt und soziale Sicherung von 1949 bis 1978
3.4 NGOs als Pfeiler zivilgesellschaftlicher Entwicklung
3.5 Transformation von der Plan- zur Marktwirtschaft
3.6 Tradition als Motor des Wandels?
3.7 Weltmacht oder Entwicklungsland?
3.8 Familienplanung und demographische Entwicklung
3.8.1 Trendwende während der Kulturrevolution
3.8.2 Ein-Kind-Politik
3.8.3 Überalterung der chinesischen Gesellschaft
3.9 Soziale und gesellschaftliche Veränderungen
3.10 Sozialer Wandel und soziale Sicherheit
3.11 Das Sozialsystem unter Führung der KP Chinas

4. Jugend- und Bildungspolitik Chinas
4.1 Jugendpolitik - gesetzliche Verankerung und politischer Wille
4.2 Bildung - aus Tradition
4.3 Bildungssystem des heutigen China
4.3.1 Vorschule
4.3.2 Grundschule
4.3.3 Mittelschule
4.3.4 „Gaokao“ - Büffeln bis zum Umfallen!
4.3.5 Hochschulwesen
4.3.6 Aussichten für Hochschulabsolventen
4.3.7 Berufliche Bildung und deren notwendige Reformen
4.4 Generation Y in China
4.4.1 Elektronische Medien
4.4.2 So „tickt“ Chinas Jugend
4.4.3 Regionale Unterschiede
4.4.4 Politische Bildung
4.5 Freiwilliges Engagement und Profession in der Sozialen Arbeit
4.5.1 Grassroots Organisationen und internationale NGOs
4.5.2 Professionalisierung der Sozialen Arbeit
4.6 Die Rolle des Allchinesischen Jugendverband (ACYF)
4.7 Deutsch-chinesische Zusammenarbeit in der Jugendpolitik
4.7.1 Internationale Jugendarbeit

5. Schlussfolgerungen und Ausblick

Abbildungsverzeichnis

Literatur- und Quellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Danksagung

An dieser Stelle möchte ich mich bei all denjenigen bedanken, die mich wäh­rend der Anfertigung dieser Masterarbeit unterstützt und motiviert haben. Zunächst gebührt mein Dank Herrn Professor Wagner, der mich motiviert hat, ein sehr komplexes Thema für meine Arbeit zu wählen. Für seine hilfrei­chen Anregungen und Gespräche während der Studienzeit und insbesondere bei der Erstellung dieser Arbeit möchte ich mich herzlich bedanken.

Ebenfalls möchte ich mich bei Dorothea Wünsch vom IJAB (Fachstelle für In­ternationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland), als meine Zweitgutachterin bedanken. Als Expertin für Deutsch-Chinesische Jugendar­beit hat sie mich beraten und unterstützt. Organisiert durch den IJAB durfte ich an einer Studienreise nach China teilnehmen, hierfür auch einen herzli­chen Dank an die Organisation. Diese Vorort Erkenntnisse und Erfahrung wa­ren unerlässlich beim Verfassen dieser Masterthesis.

Abschließend möchte ich mich bei meiner Frau und meinen Töchtern bedan­ken. Sie gaben mir moralische Unterstützung und halfen mit ihrem Lektorat, die Arbeit in die nötige Form zu bringen.

DieterJohn

Wendehausen, 14.02.2016

Abstract

Die heutige Weltordnung ist, gemessen an den noch klaren Fronten zu Zeiten des kalten Krieges zwischen dem damaligen Ostblock und den Westmächten unter Führung der Weltmacht USA, ein undurchschaubarer Nebel von aufstrebenden Schwellenländern mit Führungsansprüchen und religiöser Fanatiker, deren Macht­streben eine Bedrohung für ein friedliches Nebeneinander unterschiedlicher Reli­gionsgemeinschaften bedeutet. Hinzu kommt die Uneinigkeit Europas in Fragen der zunehmenden Flüchtlingsproblematik und der wirtschaftlichen Instabilität eini­ger Mitgliedsstaaten, deren Hilfen die Europäische Union auf eine Zerreißprobe stellt.

China, als führende Wirtschaftsmacht, will als gleichberechtigter Partner zukünftig am Tisch der Mächtigsten sitzen und Einfluss auf die globalen Geschehnisse aus­üben. Dieser führenden Rolle gerecht zu werden, hat das Reich der Mitte jedoch zwei Aufgaben zu lösen. Zum einen Innenpolitisch, noch nicht zu einer stabilen Zivilgesellschaft gereift, sind noch einige Reformen nötig um das rasante Wirt­schaftswachstum zu stabilisieren und sozialen Frieden durch gerechte Verteilung herzustellen. Zum anderen sehen viele Kritiker in Chinas Entwicklung eine Bedro­hung durch eine prosperierende Gesellschaft und deren Hunger nach Ressourcen wie Energie und Bodenschätze neue Konflikte in der Welt heraufbeschwören. Da­her wird von China eine Politik mit Augenmaß erwartet, die als zukünftige Welt­macht nicht nur in eigener Sache agiert, sondern vielmehr ihren Einfluss bei der Lösung internationaler Konflikte wie z.B. im Nahen Osten geltend macht.

Aus Sicht der westlichen Hemisphäre sollten wir eines bedenken, der gesellschaft­liche Wandel Chinas ist unumkehrbar und wir tun gut daran, dieses pluralisierende Land schnellstmöglich in die Weltgemeinschaft als vollwertiges Mitglied zu integ­rieren.

Meine Arbeit soll dazu beitragen, das Verständnis für eine möglicherweise neu entstehende Gesellschaftsform aufzubringen. Ihr bei der Entwicklung, insbesonde­re im sozialen Bereich, die Hand zu reichen. Selbst unser System der sozialen Absicherung hat mitunter Reformbedarf und kann von der Entwicklung Chinas ler­nen und profitieren.

China ist ein wichtiger Teil der Weltgemeinschaft geworden.

1. Einleitung

„Kaum ein Land hat sich in den letzten 30 Jahren so rasant verändert wie China. Geprägt durch seine jahrtausendalte Geschichte, pflegt die heutige Volksrepublik ihre eigene Mischung aus Kommunismus und Kapitalismus. Die zunehmende Mo­dernisierung ist überall sichtbar. Der Kontrast zwischen Wandel und Kontinuität des modernen China macht seinen besonderen Reiz aus. China ist nicht nur ein fernes Land, es ist eine vollkommen andere Welt. Faszinierend und widersprüch­lich zugleich.“1

Im Auftrag eines mittelständischen Mode-Unternehmens bereiste ich China in den Jahren 2007 bis 2011 fast wöchentlich. Mit dem Flugzeug flog ich von Frankfurt nach Hongkong und eine Woche später von Shanghai, Peking oder Hongkong zurück nach Deutschland, drei bis vier Tage später trat ich die Reise nach China wieder an. So ging es Woche für Woche, mehrere Jahre (zusammengerechnet flog ich in diesen Jahren ca. 100-mal um die Erde). Mein Auftrag war, potenzielle Lieferanten für das deutsche Unternehmen zu finden, diese fit zu machen für ei­nen Produktionsstandort, der den hohen Ansprüchen an Qualität und Pünktlichkeit bei der Lieferung der Fertigware gerecht wird. Dabei durfte ich die Mentalität der Chinesen und viele unterschiedliche Kulturbräuche kennenlernen. Vieles ist auf jeden Fall anders als in Deutschland und Europa. Zum Beispiel ist es in der chine­sischen Gesellschaft sehr verpönt, direkt „zur Sache zu kommen“. Das abendliche Dinner gehörte zum geschäftlichen Ritual, wie auch der dazugehörige Trinkspruch „gänbeiľ, wörtlich übersetzt „trockenes (geleertes) Glas“. Nur mit geschickten Ausreden konnte ich mich diesen schlafraubenden Zwängen gelegentlich entzie­hen. Das heißt, ich durfte auf gar keinen Fall direkt sein, ein klares „Ja“ oder „Nein“ durfte man nicht erwarten, und ein „Mit-dem-Kopf durch die Wand“ war un­denkbar. Feingefühl und das „Wir“ ist den Chinesen ebenso wichtig wie der Res­pekt vor der hierarchischen Stellung. Wenn man diese Verhaltensregeln jedoch berücksichtigt und eintaucht in die älteste, bestehende Kultur der Menschheit, dann wächst daraus ganz schnell eine fruchtbare Zusammenarbeit. Mit dieser Ak­zeptanz des Andersseins dieser Menschen konnte ich einen guten, kooperativen Umgang mit Geschäftspartnern pflegen, ohne eigene Maßstäbe dabei zu verleug­nen. Noch viel wichtiger sind mir die dadurch entstandenen Freundschaften, die ich heute noch schätze und pflege.

Diese tiefe Bindung zu dem Land und seinen Menschen bewegt mich, die dortigen Entwicklungen durch Presse und Fernsehen zu verfolgen. Insbesondere interes­siere ich mich aufgrund meiner jetzigen Tätigkeit in der Sozialen Arbeit für den derzeitigen Transformationsprozess Chinas. Mit der Öffnungspolitik und Einfüh­rung markwirtschaftlicher Strukturen wurde ein Wirtschaftswachstum ausgelöst, deren Kehrseite unübersehbare Konsequenzen für die Umwelt und Sozialstruktur hat. Dieser sozialökonomische Wandel verursacht tiefgreifende Widersprüche, deren Auswirkung in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft gleichermaßen sichtbar sind. Unermesslicher Reichtum Einzelner neben bitterer Armut vieler, Umweltver­schmutzung und Energieverschwendung, welches ein rasantes Wachstum nicht rechtfertigt, und neben der diktatorischen Herrschaft der kommunistischen Partei wächst ein zartes Pflänzchen „Zivilgesellschaft“, welches Hoffnung auf mehr Bür­gerbeteiligung und demokratische Strukturen macht.

Die ganze Welt schaut mittlerweile auf China. Welche Entwicklungen das Land auch immer nimmt - es hat Auswirkungen auf das wirtschafts- und weltpolitische Geschehen.

Der Gedanke, China als Thema meiner Abschlussarbeit zu wählen, wurde schon am Anfang meines Masterstudiums aufgrund der zuvor genannten Verbindungen geboren. Mein Erstleser und Mentor, Herr Professor Wagner, hat mich in einem Gespräch ermutigt, diesen Gedanken in die Tat umzusetzen. Mit Unterstützung von Frau Dorothea Wünsch von der Internationalen Fachstelle für Jugendarbeit der Bundesrepublik (IJAB) soll in meiner wissenschaftlichen Arbeit dieses große Thema des sozialen Wandels in China auf den folgenden Seiten beleuchtet wer­den.

Aufgrund meines beruflichen Wechsels in die Sozialwirtschaft und als Leiter eines freien Trägers der Kinder und Jugendhilfe drängen sich Fragen auf, die ich mit dieser Arbeit beantworten möchte.

1.1 Forschungsfrage und Ziel der Arbeit

Chinas Gesellschaft wird hinsichtlich der Einkommensstrukturen, Lebensstile und Wertvorstellungen immer bunter und vielfältiger. Die Gewinner des Wohlstands und die vielen Verlierer prägen das Gesicht Chinas; es gibt selbstbewusste und verunsicherte Angehörige in Chinas Mittelschicht, welche ebenso wie die einkom­mensschwächeren städtischen und ländlichen Bevölkerungsgruppen und die Ar­beitsmigranten den sozialen Wandel des Landes prägen.

Gesellschaftliche Spannungen sind u.a. die Folgen dieser Disharmonie. Kritische Stimmen gegenüber Missständen bei der Umweltpolitik und Korruption in der Ver­waltung sind nie verstummt.

Die große Herausforderung der chinesischen Administration besteht darin, den bestehenden Dualismus und dessen offenbar immer größer werdende Disparität zwischen Stadt und Land, zwischen strukturschwachen Regionen und riesigen Metropolen, mit Reformen zu begegnen.

In dieser Arbeit soll den folgenden Fragen nachgegangen werden: Kann das Sozi­alsystem Chinas mit dem rasanten Wirtschaftswachstum mithalten und dem Wunsch nach Sicherheit und Gerechtigkeit für alle gerecht werden? Welche Re­formen sind bereits auf dem Weg? Welche müssen auf den Weg gebracht wer­den, um Perspektiven für künftige Generationen im Reich der Mitte zu ermögli­chen? Viele Jugendliche hoffen, durch ein Hochschulstudium eine bessere Aus­gangslage für das spätere Berufsleben zu erlangen. Bleiben Schulabgänger ohne Studium auf der Strecke? Wie werden Schulabgänger auf das Leben danach vor­bereitet? Werden durch die tiefgreifenden Veränderungen und Reformen der letz­ten Jahre alle Menschen, insbesondere die Hilfsbedürftigen und die junge Genera­tion, eine Chance bekommen, am rasanten Wirtschaftswachstum teilzuhaben? Und wird es der chinesischen Regierung unter der Führung der Kommunistischen Partei gelingen, Reformen umzusetzen, welche das wachsende Ungleichgewicht zwischen Arm und Reich, zwischen Land und Stadtbevölkerung minimieren?

Das Ergebnis dieser Arbeit kann nicht heißen, auf alle Fragen die Antwort zu fin­den, vielmehr geht es darum, Fakten zusammenzutragen und mögliche Erkennt­nisse daraus zu gewinnen.

1.2 Methode

Angesichts der Größe Chinas und der Vielfalt seiner politischen, ökonomischen und sozialen Probleme ist der Literaturbestand über das Sozialwesen in der Volks­republik unzureichend. Aufgrund der meist veralteten Zahlen und Fakten aus den 1980er und 90er Jahren ist eine Recherche auf diesem Gebiet auf wenige aktuelle Nachschlagewerke begrenzt. Einen wesentlichen Anteil in meiner Thesis nimmt das Werk „Sozialwesen in China“ von Wei Zhang ein. Dieses Buch lässt als einzi­ge deutschsprachige Literatur einen umfangreichen Einblick in die Tradition und Entwicklung des Sozialwesens zu. Um dennoch Antworten auf meine Fragen zum Sozialwesen Chinas und dessen Bildungspolitik geben zu können, begab ich mich im September 2015 auf eine Reise nach Peking. Im Rahmen eines Fachkräfteaus­tausches und unter der Federführung der Fachstelle für Internationale Jugendar­beit der Bundesrepublik Deutschland (IJAB) konnte ich einen kleinen Einblick in das bildungspolitische Konzept Chinas, insbesondere in der Region um Peking und Baoding, erhalten.

Die Entwicklung der sozialen Dienstleistungen unter den heutigen Bedingungen, die Wirksamkeit des bislang reformierten Sozialsystems und die Entwicklung der chinesischen Wohlfahrt eines sich wandelnden China stehen im Fokus dieser Ar­beit. Dem geschichtlichen Abriss Chinas im 1. Teil soll die Entwicklung der chine­sischen Wohlfahrt folgen, um eine Grundlage für das Verständnis für die heutige Sozialstruktur zu schaffen.

Anschließend stehen die wirtschaftlichen und politischen Veränderungen seit den 80er Jahren im Mittelpunkt. Nach dem 3. Plenum des Zentralkomitees im Dezem­ber 1978, auf dem die Reformkräfte unter der Führung Deng Xiaopings die Ober­hand erlangten, setzte mit der Öffnung des Landes zum Westen und dem Aufbau einer marktwirtschaftlichen Wirtschaftsordnung die 2. Transformation Chinas ein. Das Themenspektrum im Hauptteil reicht von der Sozial- und Bildungspolitik über Jugendarbeit, bis hin zum Thema „Eingliederung junger Menschen in die Gesell­schaft“ und dem Übergang von Schule in die Arbeitswelt. Hier sollen angestoßene Reformen hinterfragt werden: Gibt es eine Entwicklung und Verbreitung von NGOs (Non Governmental Organization/Nichtregierungsorganisationen) und wie werden diese Einfluss auf die Jugendarbeit in China nehmen?

2. China - das Reich der Mitte

Um am Anfang dieser wissenschaftlichen Arbeit eine vage Vorstellung von der Größe des Landes und der daraus resultierenden Komplexität der hier zu behan­delnden sozialpolitischen Problematik zu vermitteln, sollen nachfolgend zunächst einige historische, demographische, politische und wirtschaftliche Fakten der heu­tigen Volksrepublik in Kurzform beschrieben werden.

2.1 China - Zahlen und Fakten2

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

China, eigentlich mehr ein eigener Kontinent als ein Land, hat eine Landfläche von rund 9.600.000 km2 und ist damit (nach Russland und Kanada) das flächenmäßig drittgrößte Land. Aufgrund dieser Ausdehnung in alle Himmelsrichtungen ist das Klima sehr unterschiedlich: vom trockenen Wüstenklima im Nordosten bis zum subtropischen Klima im Südwesten teilt sich das Land in mehrere Klimazonen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Mit ca. 1,3 Mrd. Menschen lebt dort ein Fünftel der Menschheit. Unser westliches Bild von China vermittelt meist den Eindruck einer homogenen Gesellschaft, dabei ist eher das Gegenteil der Fall. Rund 55 anerkannte „Nationalitäten“, so werden in China die Gruppen mit unterschiedlicher ethnischer und kultureller Abstammung genannt, und weitere Minderheiten mit unterschiedlicher Sprache, Kultur und Tra­dition bilden die Bevölkerung Chinas. Die Han ist mit 93 Prozent größte Nationali­tät.

2.2 Geschichte

China hat eine vieltausend Jahre alte Geschichte und ist eine der weltweit ältesten menschlichen Hochkulturen. Diese Geschichte in wenigen Zeilen zu verarbeiten ist praktisch unmöglich, es soll daher nur eine grobe Aneinanderreihung ge­schichtlicher Ereignisse über die vielen Jahrhunderte dargestellt werden.

„Am Anfang der chinesischen Geschichte standen Mythen: Erzählungen von Kulturschöpfern und weisen Kaisern, die vor 5000 Jahren die chinesi­sche Zivilisation in der Nordchinesischen Ebene begründet haben.

Der ,Gelbe Kaiser gilt bis heute als Ahnherr aller Chinesen.“

(Vogelsang, 2014 S. 24)

Historisch nicht eindeutig bewiesen, beginnt Chinas Geschichte mit der Xia-Dynastie, die ihren Anfang vermutlich Mitte des 21. vorchristlichen Jahrhunderts nimmt. Es ist wenig bekannt aus dieser Zeit, da Ge­schichten und Legenden aus dieser Zeit erst 1000 Jahre später nieder geschrieben wurden.3 Eines der größten historischen Zeugnisse Chinas Ge­schichte hinterließ der erste Kaiser Qin Shi Huangdi (259-210 v. Chr.), Gründer der gleichnamigen Qin-Queue: Dynastie. Kaiser Qin auch als erster Kaiser der über 2000-jährigen Kaiserzeit Chinas, baute schon zu Lebzeiten an seiner Unsterblich­keit. Er ließ eine Grabstätte mit einer Terrakotta Armee erbauen die heute noch viele Historiker und Touristen in Erstaunen versetzt. Die wohl 7000 bis 8000 Krie­ger aus Terrakotta sollten den Kaiser in das Jenseits begleiten und beschützen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

„Er schwitzte, aber gab so schnell nicht auf. Auf der Suche nach Wasser hackte der Bauer Yang Zhifa immer wieder in die durch die wochenlange Dürre steinhart gewordene rote Erde. Es war der 29. März 1974, da traf er mit seiner Hacke auf ein Hindernis. Ein tönernes Etwas mit einer Öffnung. Vielleicht ein Wasserkrug?

Verzweifelt hatten er und die anderen Bauern der örtlichen Kooperative seit Tagen versucht, einen Brunnen zu bohren. Doch sie stießen nicht auf eine Wasserader, sondern entdeckten eine der größten archäologischen Sensa­tionen des 20. Jahrhunderts. Der vermeintliche Krug entpuppte sich als Schulterteil einer Figur mit einer Öffnung für den Kopf in der Mitte. Die Bau­ern buddelten weiter und stießen in vier Meter Tiefe auf Pfeilspitzen, auf Reste von Waffen und lebensgroße, größtenteils zerbrochene Tonfiguren.“ Zitat:http://www.welt.de/reise/Fem/article125707267/Noch-ist-das-Grab-von-Chinas- erstem-Kaiser-zu.html

Die große Mauer ist, ein noch heute sichtbares Symbol chinesischer Baukunst. Mit der Vereinheitlichung von Schrift und Gewichte schuf der erste Kaiser die Grund­lage für ein vereintes China.4

Die nach dem Tod Qin Shi Huangdi folgende Han-Dynastie (206v.Chr. - 220 n.Chr.). In dieser, als Blütezeit chinesischer Kaiserzeit bezeichneten geschichtli­chen Epoche, kam der Buddhismus auf. Um die Finanzierung von Kriegszügen, Bau von Palästen, Straßen und Grabanlagen in dieser Zeit sicherzustellen, wur­den Steuern erhoben, deren Bezeichnungen, wie z.B. „Grundsteuer“, „Einkom­menssteuer“, „Gewerbesteuer“, noch im 21. Jahrhundert ihre Anwendung finden.5 In der darauffolgenden Jin-Dynastie zerfällt das zuvor geeinte Reich auf Grund von Machtkämpfen und Aufständen zwischen den Fürstentümern. Nach 60- jähriger Teilung gelingt es der Sui-Tang-Dynastie, die Einheit des Riesenreiches wiederherzustellen. Der Handel mit dem Westen beginnt über die Seidenstraßen zu florieren, womit auch das Christentum erstmals einen Fuß in die Tür des Rei­ches bekommt. 690 n. Chr. bestieg zum ersten und einzigen Mal eine Frau den Kaiserthron. Wu Zetian, einst eine Konkubine, verstand es, ihre Position und Kon­takte am Hofe auszunutzen und die Macht an sich zu reißen.6 Unter Dschingis- Khan zum am meisten gefürchteten Heer zwischen Pazifischen Ozean und Mittel­europa erstarkt, überrannten die Mongolen China. Durch diesen Sieg kam es zur ersten Fremddynastie, der Yuan-Dynastie (1261-1368). Nach 100 Jahren wurde die Herrschaft der Mongolen durch einen Bauernaufstand beendet. Unter der da­rauffolgenden Ming-Dynastie verdoppelte sich die Bevölkerung und eine Urbani­sierung setzte ein. Als Lehre aus der Niederlage gegen die Mongolen wurde die Chinesische Mauer erneuert und auf den heutigen Stand gebracht.7 Ein blutiger Militärputsch ermöglichte den Qing-Armeen schließlich die Übernahme Chinas. Die Erstürmung der Stadt Yangzhou nach einwöchiger Belagerung, ging als „Massaker von Yangzhou“ in die Geschichte ein. Ein überlieferter Augenzeu­genbericht des Wang Yiuchu8 soll hier beispielgebend dafür sein, welche Leiden das Volk Chinas aufgrund der vielen Kriege im Laufe der wechselhaften Geschich­te erleiden musste:

„Wie Vieh wurden wir zu Dutzenden durch die Straßen getrieben. Wer auch nur ein wenig innehielt, wurde geprügelt oder auf der Stelle getötet. Die Frauen waren an den Hälsen zusammengekettet, aufgereiht wie eine Perlenschnur. Sie stolperten mit jedem Schritt und waren über und über mit Matsch bespritzt. Überall lagen Kinder am Boden, manche von Pferdehufen zertrampelt, manche von Menschen zertreten. Blut und Gedärm ver­schmierten den Boden, Weinen und Klagen füllten die Ebene. Wir kamen an einem Graben und einem Teich vorbei, in dem Haufen von Leichen ge­stapelt lagen, die Gliedmaßen in wildem Durcheinander. Das Blut färbte das Wasser grün-rot und stand bis an den Rand der Deiche.“

(Vogelsang, 2014 S. 260)

Chinas letzte Dynastie ist die Quing-Dynastie (1644-1911). Die Bevölkerung des Landes wuchs im Laufe des 18. Jahrhunderts um das Doppelte, auf 400 Mio. Menschen.

Hongkong steht nach dem Ersten und Zweiten Opiumkrieg unter britischer Herr­schaft. Das Kaisertum wird durch Niederlagen wie etwa durch den Boxeraufstand (1900) geschwächt und unter dem Druck der Revolutionäre im Jahre 1911 ge­stürzt. Eine jahrtausendealte traditionelle Ordnung endet mit dem Fall des Qing- Reiches.

China erklärte am 14.8.1914 Deutschland den Krieg, während im Land verschie­dene Kräfte für eine Republik China kämpften. Am 1. Oktober 1949 wird nach sowjetischem Vorbild unter kommunistischer Oberhand die Volksrepublik China gegründet, nachdem jahrzehntelang gegen Japan gekämpft wurde und es zu inne­ren Auseinandersetzungen zwischen Nationalisten und Kommunisten gekommen war.

Im Frühjahr desselben Jahres prägte der Parteivorsitzende Mao den Begriff „De­mokratische Diktatur“. 1949 kam es zur Flucht der besiegten Nationalisten nach China; hier führten sie die Republik China bis heute fort. Im Jahre 1950 kam es zum Eintritt Chinas in den Koreakrieg (1950-53). Immer stärker wurden Regime­gegner im eigenen Land verfolgt. Politischen Kampagnen folgte in den Jahren 1959 bis 1961 eine große Hungersnot9 in der Bevölkerung. Nach dem Tod Mao Zedongs erfolgte in China ein radikaler Umbruch von der Kollektivierung und Planwirtschaft hin zu einer sozialistischen Marktwirtschaft. Nachdem im Jahr 1987 das seit 1949 geltende Kriegsrecht aufgehoben wurde, zeigte sich in China eine Demokratisierungstendenz. Mit der gewaltsamen Niederschlagung der Proteste im Juni 1989 setzte die Parteiführung jedoch klare Grenzen zu einer weiteren Libera­lisierung des Landes.10

Um den Zusammenhalt Chinas als Nation zu fördern, wurde die Rückkehr Hong­kongs und Macaos durch die Kommunistische Partei Chinas öffentlich gefeiert. Auch die Geschichtsschreibung sollte diesem Zweck dienen.11 1996-2000 wurde ein gigantisches Projekt ins Leben gerufen, welches die Dynastien der Xia, Shang und Zhou erforschte. Diese Nachforschungen sollten den Nachweis erbringen, dass China auf eine 4000-jährige Geschichte zurückblicken kann, um damit den verordneten Nationalstolz zu begründen. Zum propagierten Geschichtsbild gehört auch die Behauptung, dass Tibet durch den Einfluss der Qing im 18. Jahrhundert schon immer zu China gehört.12

Die internationale Gemeinschaft lehnte jedoch diesen Gebietsanspruch ab und berief sich auf die Ausrufung der Unabhängigkeit Tibets im Jahr 1911.

2.3 Staat

Die Volksrepublik China ist gemäß ihrer Fassung ein „sozialistischer Staat unter der demokratischen Diktatur des Volkes, der von der Arbeiterklasse geführt wird und auf dem Bündnis der Arbeiter und Bauern beruht“.13 Die darin festgeschriebe­ne Herrschaft der Kommunistischen Partei mit den Lehren des Marxis­mus/Leninismus, sowie den Ideen Mao Zedongs und Deng Xiaopings, sind Grundpfeiler des demokratischen Zentralismus. Die Partei bedient sich zur Macht­ausübung dreier Hauptinstrumente: des Staates, des Militärs und der Massenor­ganisationen. Sie werden von innen her ebenso kontrolliert wie die übrigen soge­nannten „demokratischen Parteien“. Diese sind gewissermaßen der KPCh unter­geordnete Konsultativorgane.

Als Generalsekretär der Kommunistischen Partei Chinas und Vorsitzender der zentralen Militärkommission vereinigt der jetzige Staatspräsident Xi Jinping eine herausragende Machtposition. Alle fünf Jahre wird das höchste Staatsorgan, der Nationale Volkskongress (NVK) gewählt. Mit ca. 3000 Abgeordneten aus allen Provinzen und Bevölkerungsgruppen ist der NVK das größte Parlament der Welt. Eine Besonderheit bilden neben den 22 Provinzen die fünf autonomen Regionen und die Sonderverwaltungszonen Macao und Hongkong. Die Staatshoheit der ehemals britischen Kronkolonie wurde 1997 an die Volksrepublik China übergeben und ist seither eine Sonderverwaltungszone mit hoher Autonomie. Diesen Sonder­status genießt ebenfalls Macao nach der Rückgabe 1999 durch die Portugiesen.14

2.4 Politik

Als im März 2013 Chinas Staatschef Xi Jinping die Macht übernahm, machte er die „Wiedergeburt der großen chinesischen Nation“ zu seinem Programm. Mit dem „Chinesischen Traum“ wollte er China zur wirtschaftlichen, politischen und militäri­schen Macht entwickeln.15 Außenpolitisch war China von der internationalen Welt­bühne nicht mehr wegzudenken. Als zweitgrößte Wirtschaftsmacht nahm China mehr und mehr Einfluss auf das weltpolitische Geschehen und vertrat darin seine ureigenen Interessen. Das Streben nach Macht wurde z.B. durch den Besitzan­spruch der strategisch und aufgrund vorkommender Bodenschätze wichtigen In­seln im Ostchinesischen Meer deutlich. Das wachsende Engagement auf dem afrikanischen Kontinent sollte dem energiehungrigen Riesen die nötigen Ressour­cen sicherstellen. China betonte dabei immer wieder seine Rolle bei der Wahrung von Frieden und Stabilität in der Welt.

Innenpolitisch wurde die chinesische Staatsführung mit immer größer werdenden Problemen konfrontiert. Korruption, Disparität zwischen Stadt und Land, Umwelt­verschmutzung und die nicht gelösten Menschenrechtsprobleme waren negative Auswirkungen des rasanten Wirtschaftswachstums.

2.5 Religion und Weltanschauungen

In der chinesischen Schriftsprache gibt es kein einheitliches Wort für „Religion“. Vielmehr stehen an ihrer Stelle Begriffe wie „Lehre“, „Schule“ und „Studium“. An­ders als in westlichen Ländern, wo Christentum, Islam oder das Judentum räum­lich und in der Religionsausübung klar voneinander getrennt sind, vermischt sich in China der Buddhismus mit dem Daoismus und den Lehren Konfuzius. In China gilt keine Staatskirche mit der Ausschließlichkeit seiner Heilslehre. Vielen Chine­sen ist der Volksglaube ein wichtiger Bestandteil ihres spirituellen Lebens. Hierbei vermischen sich nicht nur die oben genannten Lehren, hinzu kommt vielmehr eine diffuse Mischung aus Ahnenkult, Geister und Götteranbetung, Schamanismus und Weissagerei.

2.5.1 Daoismus

Neben der Religion des Buddhismus und den Lehren Konfuzius als wiederbelebte Staatsreligion ist der Daoismus eher als eine Philosophie einzuordnen, die vor allem den Einklang von Natur und Menschen als Grundlage für eine sinnvolle Le­bensgestaltung sieht. Verhaltenskodex und Lehren sind, ähnlich der Bibel oder des Korans, im Daode Jing niedergeschrieben und gehen auf den kaiserlichen Archivar und Philosoph Laozi zurück.16 Laut einer Legende hinterließ er beim Ver­lassen des Landes, auf Bitten eines chinesischen Grenzsoldaten, die in 5000 Schriftzeichen gefasste Lehre (Daode Jing). Nachfolgende Philosophen schufen neue Formen dieser Lebensweisheiten, die Formen einer Religion annahmen. Ei­ne Vielzahl von Göttern werden von Anhängern des Daoismus angebetet, z.B. der Flussgott Jishuiso, der die Menschen vor Überschwemmungen verschonen sollte, oder Tao Quan, den Gott der Küche. Er berichtet der höchsten Gottheit, dem Ja­dekaiser, was am heimischen Herd geschieht. Ihn besänftigen die Menschen mit Gaben wie Früchte und Räucherstäbchen. Ein auch in der westlichen Welt be­kanntes Symbol dieses Glaubens ist der schwarz-weiß verschlungene Kreis, Yin und Yang. Yin, das Weibliche, wird assoziiert mit „weich“, „kalt“ und der Erde, und Yang, das männlichen Element, steht für Wärme, Helligkeit und den Himmel. Sie symbolisieren die Dynamik des Daoismus und stehen für eine harmonische Wandlung aller Dinge.17

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Trotz der kommunistischen Verdrängung und des Verbots dieser Lehren ist der philosophische Daoismus in China lebendig geblieben. Gerade im Westen ziehen die Lehren in ihrer Schlichtheit und Geradlinigkeit viele Esoteriker an, die nach ethnischer und moralischer Orientierung suchen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.5.2 Konfuzianismus

Im 6. Jahrhundert v. Chr. kam es vermehrt zu einer Urbanisierung durch die Her­stellung von Eisen und den daraus entstehenden Werkzeugbau. Das daraus resul­tierende Sesshaft werden von Menschengruppen bildete die Grundlage für wissenschaftliches Arbeiten. Gezielte Veränderungen durch lernbare Kompetenz wurden denkbar. Einige Männer schwangen sich auf, die Welt mit ihren Lehren zu verändern. Der berühmteste unter ihnen, dessen Einfluss bis in die heutige Zeit reicht, war Konfuzius.

Auch ohne die Regeln und Lehren des Konfuzianismus genau zu kennen, tauchen sie mitunter im täglichen Leben (Kalenderspruch etc.) der westlichen Welt auf. Mir ist besonders der Spruch, den mir meine Großmutter immer mit auf dem Weg gab, noch in Erinnerung: „Was du dir selbst nicht wünscht, das füge auch keinem ande­ren zu.“

„Der Begriff „Konfuzianismus“ bezeichnet eine Weltanschauung bzw. Phi­losophie, in mancher Hinsicht wohl auch eine Religion, in deren Zentrum die Lehren des Konfuzius stehen. Dieser Name ist allerdings ein europäi­sches Konstrukt. Es handelt sich um eine Ableitung der chinesischen Silben „Kong-fu-zi“, zu Deutsch: „Meister Kong“. Die latinisierte Form Konfuzius verwendeten zuerst Jesuiten, die sich im 16. und 17. Jahrhundert n.Chr. als Missionare in China aufhielten und von dort in ihren Briefen Kunde von Chi­na nach Europa brachten.“

(zitiert nach: Schaab-Hanke, 2003)

Während der Kulturrevolution brach vielen Chi­nesen durch die Beseitigung der traditionellen Werte die geistige Stütze weg, viele Menschen, insbesondere die Alten auf dem Lande, verein­samten, jungen Menschen, die in die Stadt zo­gen, fehlte der moralische Halt. Diesen mögli­chen Konfliktherd nahm die Führung Chinas zum Anlass, die Lehren Konfuzius zu instrumentali­sieren, um Harmonie im Volk zu beschwören. аьь.4 Quelle:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

https://www.diekreide.net/2007/09/28/

Der Begriff „Harmonie“ wurde dabei aus dem der-weg-ist-das-ziei/ konfuzianischen Kontext gerissen und fälschlicherweise als Treue zur Führung und Gehorsam propagiert.18

Während meiner Studienreise im September 2015 konnte ich mich davon über­zeugen, dass Konfuzius als Staatsreligion auch in die chinesischen Schulen ein­gezogen war. Das kollektive Aufsagen der Texte des Meisters war ein fester Be­standteil eines jeden Grundschullehrplanes.

2.6 Wirtschaft

Durch Öffnung des Landes 1978 und der nachfolgenden Transformation zur sozia­listischen Marktwirtschaft hat sich das Wirtschaftswachstum der Volksrepublik in den dreißig Jahren nahezu verzehnfacht. Es wird davon ausgegangen, dass Chi­na auch bei derzeitigen Wachstumsschwächen bald die größte Volkswirtschaft der Welt sein wird. Ein Paradoxon, denn trotz diktatorischer Führung der Kommunisti­schen Partei (KPCh) mit ihrer marxistisch-leninistischen Prägung, leben in China nach den USA weltweit die meisten Millionäre. Waren es 2012 noch 1,5 Millionen, rechnet man 2015 mit ca. 4 Millionen. Beeindruckend ist aber vor allem die Tatsa­che, dass China hinsichtlich Bildung und Innovation anderen Nationen in nichts nachsteht. China meldet jährlich fast ebenso viele Patente an wie Deutschland. Mit einem durchschnittlichen Ergebnis von 600 Punkten schnitten die Schüler aus der Region um Shanghai in einem von der Organisation für wirtschaftliche Ent­wicklung und Zusammenarbeit (OECD) initiierten Mathematiktest am besten ab.19 Die gängigen Kategorien von Industrie-, Schwellen- und Entwicklungsländern sind auf China nur schwer anwendbar, es braucht vielmehr eine eigene Bezeichnung. So könnte man China als „hybride Leitwirtschaft“ bezeichnen, die in ihrer eigenen Klasse an der Spitze steht. Unterschiedliche Wachstumstreiber und Entwicklungs­geschwindigkeiten von großer internationaler Bedeutung prägen die Klasse der Volksrepublik, deren Sonderstellung sich in Zeiten der Krise besonders deutlich zeigt. So blieb China von der Banken-, Staatsschulden- und Wachstumskrise der Industrieländer wie auch von dem Kapitalabfluss und der Wachstumsschwäche, die daraus resultierte, verschont. Vielmehr stiegen im vergangenen Quartal sogar die Devisenreserven Chinas, die ohnehin die größten weltweit sind, und das so stark wie seit zwei Jahren nicht. Täglich wächst der Reichtum des Landes um 1,8 Mrd. Dollar.20

Neu an der sogenannten „hybriden Leitwirtschaft“ Chinas ist, dass sie zwar aus der Mikroperspektive in vielen Punkten unterentwickelt wirkt, etwa hinsichtlich der Institutionen, Rechtstaatlichkeit, Demokratisierung, der geringen Pro-Kopf-Werte, der Defizite an den Waren- und Finanzmärkten. Insgesamt aber ist China tonan­gebend und ist für die Weltwirtschaft so wichtig wie es kein anderes nichtwestli­ches Land in der Moderne je war. Die alten Mächte sind ratlos, wie sie dieser Ent­wicklung begegnen sollen. Wichtig wäre es zunächst, dem Sonderweg Chinas aufmerksamer gegenüberzustehen und sich von überholten Begrifflichkeiten zu verabschieden. 21

Trotz dieses wirtschaftlichen Aufschwungs zu einer der führenden Industrieländer der Erde, sieht sich die Volksrepublik China mehr und mehr den Problemen im Sozialwesen konfrontiert. Arbeitslosigkeit, speziell die der Jugendlichen, ist nicht nur ein Problem westlicher Industriestaaten, auch Chinas Sozialsystem steht vor den Herausforderungen, welche Demographie, Globalisierung und nicht zuletzt der wirtschaftliche Wandel mit sich bringt.

Dieser Problemstellung werde ich im nachfolgenden Kapitel genauer nachgehen, da ein Zusammenhang zu den derzeitigen Veränderungen in China offensichtlich ist.

3. Wohlfahrt in China

3.1 Ursprung und Entwicklung chinesischer Wohlfahrtskultur

Gegenseitige Hilfe ist seit der Entstehung der Menschheit eine existenzielle Not­wendigkeit. Nur mit Hilfe der Familie, des Clans oder des Stammes war ein Über­leben und die Entwicklung zum sozialisierten Menschen möglich. Mit Beginn des frühen Mittelalters konnte die gegenseitige Hilfe bei großer Armut, Not und Elend, ausgelöst durch Kriege und Krankheiten, nicht mehr von Angehörigen in ausrei­chendem Maße geleistet werden. Dieser Umstand war der Anfang einer öffentli­chen Armenpflege in Europa. Beeinflusst durch die Industrialisierung des 18. Jahrhunderts, entwickelte sie sich zur heutigen, modernen Wohlfahrtspflege in der westlichen Hemisphäre.22

Exkurs:

Wohlfahrtspflege im Sinne westlicher Industrienationen bezeichnet die Sorge für notleidende und gefährdete Menschen. Sie umfasst die Hilfe für Kinder und Ju­gendliche, für Mütter, Ehe und Familie, für Alte, für Behinderte, Kranke und Sozi­albehinderte. Hilfen werden durch Beratung, Aus-, Fort- und Weiterbildung, ambu­lante und stationäre Pflege in Krankenhäusern, Heimen etc. sowie durch sozialpä­dagogische und pflegerische Dienste in Kindergärten und Jugendwohnheimen erbracht. Diese Art der Wohlfahrtspflege entstand in der westlichen Hemisphäre hauptsächlich durch die Industrialisierung des 18. Jahrhunderts und die damit ver­bundenen neuen Lebensrisiken der Menschen. Einen Rechtsanspruch auf öffentli­che Hilfen entstand durch die Weimarer Sozialreform (Reichsjugendwohlfahrtsge­setz und Reichsfürsorgepflichtverordnung) Mitte der 1920er Jahre.

Die heutige Wohlfahrt Deutschlands deckt nicht nur die oben genannten Hilfeleis­tungen ab, sondern ist als Soziale Arbeit vorbeugende, unterstützende und direkt helfende tätig. Sie vereint Felder der ehemals getrennten Linien der Erwachsenen­fürsorge/Sozialarbeit und Jugendfürsorge/Sozialpädagogik zu einem gemeinsa­men Handlungssystem.23

[...]


1 (Kiel et al., 2013)

2 (Kiel et al., 2013 S. 80f.)

3 (Vogelsang, 2014 S. 24ff)

4 Vgl. ebd. S. 54

5 Vgl. ebd. S. 57ff.

6 Vgl. (Liedtke-Aherrahrou, 2008)

7 Vgl. ebd.

8 Vgl. (Vogelsang, 2014 S. 160)

9 Beispielgebend für unsinnige und Hungersnotbringende Kampagne war der „Große Sprung nach vorn". Im Westen spricht man von ca. 45 Mio. durch Maos Kampagnen geschuldeten Toten (Hu Kai, 2014 S. 76ff.).

10 Vgl. (Eisbär Media GmbH, 2015)

11 Vgl. (Hu Kai, 2014 S. 379)

12 Vgl. (Vogelsang, 2014 S. 410ff.)

13 Zitat: http://www.auswaertigesamt.de/DE/Aussenpolitik/Laender/Laenderinfos/China/ lnnenpolitik_node.html - gesehen am 20.12.15

14 Vgl. (Auswärtiges Amt Deutschland, 2015)

15 Vgl. (Kolonko, 2014)

16 (Schmidt, 2010 S. V)

17 Vgl. http://www.rp-online.de/panorama/deutschland/daoismus-im-zeichen-von-yin-und-yang- aid-1.2640431- gesehen am 13.01.16

18 Vgl. (Blümel, 2014)

19 Vgl. (Henry Kissinger, 2012)

20 Vgl. (Geinitz, 2013)

21 Vgl. (Geinitz, 2013)

22 (Schiling et al., 2012 S. 18)

23 (Schiling et al., 2012 S. 44ff.)

Details

Seiten
82
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668228870
ISBN (Buch)
9783668228887
Dateigröße
2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v323250
Institution / Hochschule
Donau-Universität Krems - Universität für Weiterbildung
Note
1
Schlagworte
China Sozialsysteme Management von Sozialeinrichtungen Sozialer Wandel Masterarbeit Wirtschaftswachstum Chinas

Autor

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Titel: Sozialer Wandel Chinas. Zwiespalt zwischen westlicher Moderne und chinesischer Tradition