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Italo Calvinos „Il sentiero dei nidi di ragno“. Der Blick auf die Welt des politischen Kampfes aus der Kinderperspektive

Hausarbeit 2012 15 Seiten

Romanistik - Italienische u. Sardische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Geschichte der Resistenza: kurzer Überblick über den bewaffneten Widerstand

3. Der Neorealismus: die Rückkehr zum Menschen

4. Die Kinderperspektive als narrative Technik im Roman
4.1. Calvinos Suche nach einem Perspektivträger
4.2. Funktionen der Kinderperspektive
4.3. Die Mehrschichtigkeit Pins

5. Fazit

6. Bibliographie

1. Einleitung

Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, inwieweit es Italo Calvino in seinem Roman „Il sentiero dei nidi di ragno“ gelingt, objektiv und losgelöst von seiner eigenen Erfahrung über den Partisanenkrieg und die Resistenza - Bewegung in Italien gegen Ende des Zweiten Weltkrieges zu berichten. Eine elementare Rolle nimmt hierbei die Wahl seines Perspektivträgers und dessen unbefangener und unmittelbarer kindlicher Blick auf die Welt zur Zeit des Kriegsendes ein.

Im Rahmen dieser Fragestellung müssen im ersten Kapitel die relevanten Hintergründe der politischen Situation im Jahre 1943 erläutert werden. Besonderes Augenmerk wird hierbei auf die politischen Widerstandskämpfer, die Partisanen, zu denen auch Italo Calvino selbst gehörte, und ihre Ziele gerichtet.

Im zweiten Kapitel soll dann auf die literarische Strömung der Nachkriegszeit, den Neorealismus, eingegangen werden, aus dieser zahlreiche Romane über Partisanenerfahrungen entstanden sind. Um einen Unterschied zwischen den üblichen subjektiven Partisanenerzählungen und einem neuen Schreibstil, einer neuen Form des Erzählberichtes herzustellen, eignet sich der Roman Italo Calvinos „Il sentiero dei nidi di ragno“ besonders. Dieser schildert eine Episode aus dem Leben eines Partisanenjungen, der den politischen Kampf eben aus der Sicht des Kindes Pin unter einem völlig anderen Blickwinkel erscheinen lässt. Die besondere Problematik, die sich dem Autor bei der Wahl eines Perspektivträgers stellte, wird im vierten Kapitel erläutert und unter Berücksichtigung seiner eigenen Beweggründe weitergeführt. Auch auf die besondere Funktion und die Mehrschichtigkeit der Kinderperspektive wird eingegangen und sie wird durch einige Textbeispiele belegt.

Desweiteren wird im Fazit unter Betrachtung der gesammelten Aspekte darauf eingegangen, inwieweit das Werk noch zu der Kategorie eines typischen neorealistischen Partisanen-Romans gehört.

Abgesehen von der „Presentazione“ aus dem Roman „Il sentiero dei nidi di ragno“ von Italo Calvino aus dem Oscar Mondadori Verlag wird hauptsächlich mit dem Buch „Poetik und Erzählstruktur in den Romanen Italo Calvinos“ von Susanne Eversmann, Wilhelm Fink Verlag, gearbeitet. Alle weiteren Quellen lassen sich in der Bibliographie der Hausarbeit nachlesen.

2. Die Geschichte der Resistenza: der bewaffnete Widerstand

Die Resistenza ist eine der bedeutendsten politischen Erfahrungen Italiens, die sowohl eine beachtliche moralische, als auch gesellschaftliche Relevanz trägt. Sie bezeichnet den Widerstand der italienischen Bürger gegen das faschistische Regime und gegen die Besetzung durch die Deutschen, besonders gegen Ende des Zweiten Weltkrieges.

Die faschistische Diktatur begann in Italien bereits um den 28.10.1922 herum mit der Ernennung des neuen Ministerpräsidenten Benito Mussolini.1 Von Beginn an bildeten sich mehrere Gruppen, die sich diesem Regime widersetzten und ihm mit Hilfe kritischer Schriften zu schaden versuchten. Zu diesen Gruppierungen gehörten unter anderem die Kommunisten, die Anarchisten und die militanten Gegner, die zu den linken Parteien zählten, an. Bis es im März 1943 zu größeren Ausschreitungen kam, konnten die politischen Gegner Mussolinis Regime allerdings kaum schaden. Diese Ausschreitungen basierten auf dem zunehmenden Misstrauen des Volkes gegenüber der politischen Abhängigkeit Italiens von Deutschland. Der Traum von einem starken, unabhängigen Italien gepaart mit der schleichenden Gewissheit einer militärischen Niederlage führte im März 1943 zu einer organisierten Massenbewegung gegen das Regime. Kurz nachdem Mussolini am 25.07.1943 abgesetzt wurde, kam es am 03.09.1943 zum Waffenstillstandsabkommen zwischen Italien und den Alliierten. Das bis dahin bestehende Comitato delle Opposizione, welches sich bis dato gegen das Regime richtete, wurde im September desselben Jahres in das zentrale Komitee der Nationalen Befreiung, das Comitato delle Liberazione Nazionale (CLN) umbenannt. Dieses Komitee umfasste fünf antifaschistische Parteien: die PCI (Kommunisten), die PSI (Sozialisten), die Liberalen, die DC (Christdemokraten) und das Partito d’Azione (Sozialdemokraten). Trotz ihrer politischen Differenzen taten sich diese Parteien zusammen um gemeinsam für ein neues, antifaschistisches Italien zu kämpfen. Verschiedene Hauptverbände und Untergruppen kristallisierten sich heraus und wurden von den Alliierten mit Waffen unterstützt, um effektiv gegen die deutsche Besatzung vorzugehen. Eine dieser neben dem CLN existierende Partisanengruppe war die GAP (Gruppi d’azione patriottica), die in den Bergen der Abruzzen und des Apennin kämpften, indem sie Sabotageakte gegen die Deutschen, Guerilliakämpfe sowie politische Propaganda betrieben. Eine offizielle Militarisierung der Partisanen erfolgte allerdings erst im Juni 1944. Geographisch gesehen gab es einige Unterschiede zwischen Nord- und Süditalien. Während der Süden rasch durch die Alliierten befreit wurde, kämpften im Norden vermehrt die Partisanen für ein freies Italien. Somit blieb der Süden von der eigentlichen Resistenza - Bewegung weitestgehend unberührt. In den Partisanen lebte die Tradition der Einheitsbewegung weiter, die sich in der Namensgebung einiger Partisanengruppen wiederspiegelte, ein Beispiel dafür wäre die Brigate Garibaldi, die sich des Namens des großen italienischen Guerillakämpfers Giuseppe Garibaldi (1807 - 1882) bemächtigte. Auch Italo Calvino selbst nahm als Kommunist aktiv an den Widerstandskämpfen teil und erlebte so unmittelbar das Dasein eines Partisanen. Des weiteren gehörten zu den Kämpfern der Resistenza nicht nur Menschen aus dem Bürgertum, sondern auch Arbeiter und Bauern, sogar Frauen und Kinder. Vaterlandsliebe und der Glaube an ein einheitliches, freies Italien trieb die freiwilligen Partisanen voran, bis die Zeit der Resistenza am 29.04.1945 mit der bedingungslosen Kapitulation des deutschen Heeres endete.2

3. Der Neorealismus: die Rückkehr zum Menschen

Eben aus dieser Ernüchterung der Italiener, die sowohl mit der Enttäuschung über das gescheiterte Italien und der fehlenden Ideale, als auch mit dem positiven Aufschwung und der neu gewonnenen Redefreiheit zusammenhing, entwickelte sich gegen Kriegsende eine neue Strömung, die sich neben der Literatur, auch in Film und Musik ausdrückte. Dieses Produkt der Resistenza ist der Neorealismus.

Zunächst drückte sich diese Strömung in dokumentarischen Erzählberichten in mündlicher oder schriftlicher Form aus, bevor sich bald auch die Romanform etablierte.3

[...]


1 Vgl. REINHARDT, Volker (1999): Geschichte Italiens. München: Beck, 108 - 121.

2 HAUSMANN, Friederike (2010): Kleine Geschichte Italiens von 1943 bis heute. Berlin: Klaus Wagenbach, 11 - 18.

3 Vgl. WETZEL, Herrmann/ THOMA, Heinz (³2007): „Die Zeit nach 1945“, in: Kapp, Volker (Hg.): Italienische Literaturgeschichte. Stuttgart: Metzler, 351 - 352.

Details

Seiten
15
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783668220973
ISBN (Buch)
9783668220980
Dateigröße
662 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v322961
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Romanisches Seminar
Note
1,3
Schlagworte
italo calvinos blick welt kampfes kinderperspektive

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Titel: Italo Calvinos „Il sentiero dei nidi di ragno“. Der Blick auf die Welt des politischen Kampfes aus der Kinderperspektive