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Gesamtreflexion der berufsbegleitenden Erzieherausbildung in den Fachbereichen Jugendzentren und Ganztagsschule

von Martha Baum (Autor)

Praktikumsbericht / -arbeit 2015 19 Seiten

Pädagogik - Berufserziehung, Berufsbildung, Weiterbildung

Leseprobe

Inhalt

Gesamtreflexion meiner Erzieherausbildung

1. Fachbereich Jugendzentren Muster 2 / Muster 1
1.1 Beziehungsarbeit/bildung
1.2 Mädchenarbeit:
1.3 Team / Anleitung
1.4 Offene Jungendarbeit: Angebotsstruktur
1.5 Zusammenfassende Abschlussreflexion im Bereich Jugendzentren

2. Fachbereich Ganztagsbereich der Muster 3 Grundschule
2.1 Mein Wechsel:
2.2 Meine Gruppe im Ganztag
2.3. Team/ Anleitung
2.4 Zusammenfassung Ganztagsbereich der Muster 3
2.5 Vergleich der beiden Fachbereiche

Gesamtreflexion meiner Erzieherausbildung

Während meiner Ausbildung lernte ich zwei Abteilungen unseres Fachbereiches Kinder und Jugendarbeit kennen. Zum einen den Bereich „Jugendzentren“ und zum anderen den „Ganztagsbereich“. Ich möchte in meiner Reflexion beide Tätigkeitsfelder getrennt voneinander behandeln und mich hierbei auf wichtige

Ziele meiner Ausbildungspläne beziehen. Außerdem werde ich in meinem ersten Teil „Jugendzentren“ die beiden Einrichtungen Muster 2 und Muster 1 zusammenfassen, sowie die Zeit der Sozialassistentenausbildung mit einbeziehen.

1. Fachbereich Jugendzentren Muster 2 / Muster 1

1.1 Beziehungsarbeit/bildung

Nach meinem Entschluss meine Ausbildung im Stadtteil Muster 1 zu absolvieren, schlichen sich erste Bedenken ein. Ich hatte bereits sehr viel Negatives über diesen Stadtteil erfahren, da dieser zu den sozialen Brennpunkten der Stadt Muster zählt. Mir war bewusst, dass ich nicht vorurteilsfrei war, denn mit diesem Stadtteil verbanden sich für mich bestimmte Klischees, wie Arbeitslosigkeit, Gewalt oder Diebstahl. Ich freute mich zwar sehr über die Möglichkeit meine Ausbildung berufsbegleitend bei der Stadt Muster zu absolvieren, hatte aber dennoch Sorge, ob ich mich in dem Stadtteil und mit den Jugendlichen wohl fühlen würde. Ich hatte bisher keinerlei Erfahrungen mit diesem Klientel machen können und fühlte mich unsicher. Allerdings überwog meine Vorfreude und Neugier auf die Ausbildung und ich begann diese erwartungsvoll im Jugendzentrum Muster.

Bereits beim ersten Gespräch mit meinem Anleiter Herrn Muster wurde mir verdeutlicht, wie wichtig der Beziehungsaufbau in der „Offenen Jugendarbeit“ ist. Gerade durch diesen ist eine qualitative Arbeit in einem Jugendzentrum erst möglich. Besonders in einem Stadtteil wie dem Muster, wäre es unglaublich wichtig, den Jugendlichen feinfühlig aber auch konsequent zu begegnen, da diese teilweise keine gefestigte Persönlichkeit besaßen und zu emotionalen Überreaktionen neigten. Aus meinen Aufzeichnungen kann ich entnehmen, dass ich zu Anfang recht befangen und eingeschüchtert auf die Jugendlichen zuging. Ich versuchte diese Unsicherheit durch ein lockeres Auftreten zu überspielen. Aber schon bald bemerkte ich, dass es nicht einfach war, einen Zugang zu unseren Besuchern/innen zu erlangen. Oft zogen sie sich zurück oder gaben mir unmissverständlich zu verstehen, dass meine Gegenwart nicht erwünscht war. Teilweise wusste ich mich auch nicht in Gespräche einzubringen. Ich kam mir dabei fehl am Platze vor. Diese Situationen waren sehr unangenehm für mich.

Besondere Schwierigkeiten hatte ich mit männlichen Jugendlichen im Alter von 1618 Jahren, da diese mich oftmals mit sexistischen Sprüchen oder Nichtbeachten auflaufen ließen. Ich spürte deutlich, dass sie mich nicht als Mitarbeiterin akzeptierten und sich bei Anliegen oder Fragen eher an meinen Anleiter wandten. Auch meine Kollegin, die Sozialpädagogin, konnte mir nicht wirklich helfen, da es ihr ähnlich ging. Z.B. war es üblich, dass jeder Besucher per Handschlag begrüßt wurde. Dieses wurde mir verweigert. Ich spürte sehr genau die feindliche Haltung der männlichen Migranten. Ich erklärte mir dieses Verhalten mit ihrer geringen Wertschätzung Frauen gegenüber. Am Ende meiner täglichen Arbeit war ich oft enttäuscht und eingeschüchtert. So stellte sich für mich die Frage, ob ich die Jugendarbeit nicht unterschätzt hatte. Gleichzeitig aber schmerzten mich die tatsächlich vorhandenen Missstände von einigen Jugendlichen. Teilweise waren sie arbeitslos oder hatten die Schule abgebrochen. Der Rückhalt der Familie fehlte häufig. So trafen sich die jungen Männer regelmäßig auf dem Muster und tranken Alkohol oder rauchten Marihuana.

In dieser Zeit hatte ich sehr viele Reflexionsgespräche mit meinem Team. Ich redete mir meinen Frust von der Seele und erfragte Tipps und bat um Ratschläge Die Probleme ließen mich auch nach Dienstschluss nicht los und ich trug sie mit nach Hause. Die Folge waren oft schlaflose Nächte. Doch ich hatte mir Ziele gesetzt und wollte keineswegs aufgeben, zu sehr hatte ich mir die Ausbildung zur Erzieherin gewünscht.

Immer wieder nahm ich Anläufe, einen guten Kontakt zu den Jugendlichen aufzubauen. Ich lud sie zu Aktivitäten ein, an denen sie besondere Vorliebe zeigten wie z.B. Billard oder Kickern. Meine Beständigkeit wurde belohnt. Es dauerte allerdings einige Zeit bis das Misstrauen wich und sich gegenseitiges Vertrauen aufbaute. Allmählich wurde ich immer mehr in Gespräche mit einbezogen oder auch um meine Meinung gefragt. So entwickelte sich bei mir ein Gefühl der Sicherheit. Ein stärkeres Selbstwertgefühl baute sich bei mir auf und ich gewann mehr Selbstbewusstsein. Meine anfängliche Scheu legte sich und ich ging interessiert und selbstsicherer auf die Jugendlichen zu. Ich hatte meinen festen Platz im Team und bei den Jugendlichen gefunden. Dieses zeigten sie mir durch einen respektvollen und wertschätzenden Umgang.

Je näher ich die Jugendlichen kennenlernte, umso intensiver wurden die Beziehungen. Sie erzählten mir ihre Probleme, Wünsche und Vorstellungen und schon bald hatte ich einen kleinen Einblick über ihre Lebens– und deren Gefühlswelt gewonnen. Mir fiel auf, dass mich die Jugendlichen oft als Zuhörer „einluden“. Sie führten häufig längere Gespräche und ich merkte, wie sehr sie es genossen, dass sie meine ungeteilte Aufmerksamkeit besaßen. Ich realisierte, dass auch diese Jugendlichen, wie all die anderen jungen Leute, Wünsche und Träume haben und äußerst sensibel sind. Auch wenn die finanziellen Mittel fehlen und das Elternhaus nicht den entsprechenden Rückhalt bietet, heißt es nicht, dass diese Jugendlichen keine Ressourcen haben. Ich versuchte den Jugendlichen Impulse zu geben, damit sie ihre Fähigkeiten und Möglichkeiten erkennen und diese gefördert werden können. Eigene Zurückhaltung fiel mir nicht immer leicht. Wohlgemeinte Ratschläge zu erteilen um eventuelles Unheil zu verhindern, sind nicht unbedingt von Vorteil. Ich lernte, dass es gerade bei diesen jungen Leuten wichtig ist, dass ich mich als Person zurücknehme und ihnen ehrliches Interesse entgegenbringe. Im Laufe der Zeit fiel es mir so immer leichter als „Begleiterin“ zu fungieren und nicht die Mutterfunktion zu übernehmen.

Auch zu den „schwierigeren Fällen“ gelang es mir eine Beziehungsbasis aufzubauen. Viele gemeinsame Gespräche und auch kontinuierliche Zuwendung und Aufmerksamkeit halfen mir hierbei. Oft erfolgte ein grenzenloses Austesten meiner Toleranz. Immer wieder stellten sie mein Verständnis und meine Geduld auf die Probe indem sie ausrasteten, herumbrüllten und mutwillig Gegenstände zerstörten. Aber gerade die „schwierigen und anstrengenden“ Jugendlichen waren für mich von besonderem Interesse. Sie stellten für mich eine besondere Herausforderung dar und sind mir vielleicht gerade deswegen so schnell ans Herz gewachsen.

In dieser Zeit war eine Beziehung zu einem Jugendlichen besonders bedeutend für mich. E. war zu Beginn meiner Arbeitszeit recht distanziert und ging mir aus dem Weg. Doch nach und nach entwickelte sich eine grundlegend positive Verbindung zwischen uns. Dies dauerte einige Monate und war mit massiven Auseinandersetzungen verbunden. Doch letztendlich kamen wir auf einen Nenner und E. öffnete sich mir gegenüber. Danach folgten unzählige Gespräche über seine Probleme und auch Wünsche. Bei ihm konnte ich besonders gut seine Entwicklung beobachten – über den Scheidungsweg seiner Eltern, bis hin zu seiner großen Liebe. Ich vermittelte ihm Halt und ein Stückchen Optimismus, damit er „seinen Weg“ gehen konnte. An diesem Beispiel erklärt sich das Wort „Beziehungsarbeit“ besonders deutlich. Heute treffe ich E. ab und an im X Kolleg, wo er sein Fachabitur absolviert. Dazu hatte ich ihn ermutigt und unterstützt.

Meine zweite Ausbildungsstätte befand sich im Stadtteil Muster 2. Ebenso wie der Muster 1 stellt auch dieses Stadtviertel einen sozialen Brennpunkt dar. Ich hatte keinerlei Probleme auf die Jugendlichen in der neuen Einrichtung zuzugehen, da sie der Besucherstruktur meines bisherigen Wirkungskreises sehr ähnelte. Ich freute mich auf mein neues Aufgabenfeld, hatte hierbei ein sehr gutes Gefühl, da ich mich durch meine bisher erlangten Kompetenzen sicher und motiviert fühlte. Es gelang mir von Anfang an als Mitarbeiterin von den Jugendlichen akzeptiert zu werden. Schnell fand ich zu allen eine offene und positive Beziehung.

Obwohl ich meinen Ausbildungsplatz letztes Jahr wechselte, habe ich immer noch Kontakt zu einigen Jugendlichen aus der ersten Wirkungsstätte. Allerdings veränderte sich diese Verbindung im Laufe der Zeit auf eine eher freundschaftliche Ebene. Da ich mittlerweile nicht mehr als pädagogische Kraft für diese Jugendlichen zuständig bin, hat sich unser Nähe- und Distanzverhalten verändert. Früher musste ich schauen, nicht zu viel Annäherung zuzulassen, damit ich eine gewisse Autorität bewahren konnte. Es fiel mir nicht immer leicht diese Linie zu ziehen, gerade wenn der Kontakt sehr intensiv war. Viele Gespräche mit Kollegen fanden statt. Sie beschrieben mir Verhaltensmöglichkeiten, wie ich diese Grenze zu den Schützlingen einhalten könne. Die notwendige Distanz zu den Jugendlichen bedeutete für mich einen gewissen Schutz. Ich glaube, wenn eine pädagogische Kraft das Gleichgewicht zwischen Nähe und Distanz nicht einhält, läuft sie Gefahr, nicht mehr sachlich und neutral, sondern emotional zu handeln. Zuviel Nähe lässt keine objektive Beurteilung mehr zu.

1.2 Mädchenarbeit:

Ein weiteres Ziel meines Ausbildungsplans war die Mädchenarbeit. Vor Antritt meiner Ausbildung war der Anteil der Besucherinnen sehr gering. Ich versuchte Mädchen zu motivieren Gast unseres Hauses zu werden. Dieses gestaltete sich sowohl im Muster 1 als auch im Muster 2 als recht schwierig, da ein großer Teil der Bewohner im dazugehörigen Sozialraum Muslime sind. Die Familien wünschten nicht, dass ihre Töchter unsere Einrichtung besuchten. Gerade die Mütter hatten Angst vor einem unkontrollierten Aufeinandertreffen zwischen Mädchen und Jungen. Um dieses Misstrauen zu nehmen, besuchte ich mit den Mädchen die Familien zuhause, sprach mit den Müttern und lud sie zu einem Tee in die Einrichtung ein. Es war sehr interessant für mich zu sehen, wie die Familien leben und wie sich ihr Alltag darstellte. Mich überraschte die Gastfreundlichkeit, Herzlichkeit und Offenheit vieler Mütter, mit der sie mir in ihrem geschützten Rahmen begegneten. Ich merkte, dass es für diese Familien von großer Bedeutung war, eine feste Ansprechpartnerin und eine Anlaufstelle für Rückfragen und Informationen im Jugendzentrum zu haben. In der Anfangszeit war es auch des Öfteren so, dass die eine oder andere Mutter mit in die Einrichtung kam. Dieses Verhalten reduzierte sich aber schon recht bald und die Mädchen durften offiziell Besucher des Jugendzentrums sein.

Ich empfand den Kontakt als sehr bereichernd, da er mir eine Tür für eine Welt und Kulturen öffnete, die ich persönlich noch nicht kannte. Ich versuchte stets die Situation und Lebenswelt der betreffenden Familien zu verstehen, leider fiel es mir nicht immer leicht. Zwar konnte ich bestimmte religiöse Regeln nachvollziehen, aber es widerstrebte mir persönlich bestimmte Verbote oder Haltungen zu akzeptieren. Trotz allem wollte ich den Eltern ein vertrauensvolles Gefühl vermitteln und ihnen ein kompetenter Ansprechpartner sein. Ich habe im Laufe der letzten Jahre gelernt, Unterschiede im kulturellen Miteinander zu akzeptieren und diese einzuhalten. Nur so kann meines Erachtens eine positive Beziehungsebene entstehen.

Es war inspirierend und spannend für mich, Aktivitäten oder Ausflüge mit einer heterogenen Gruppe zu planen. Ich merkte, dass die doch recht unterschiedlichen Sichtweisen der Geschlechter neuen Wind in den Alltag des Jugendzentrums brachten und dies von unserem Team als auch von den Jugendlichen positiv aufgenommen wurde. Es entstand tatsächlich ein gemeinschaftliches Gruppengefühl zwischen den beiden Geschlechtern, wobei sich der eine oder andere Streit natürlich nicht verhindern ließ. An manchen Tagen gab es eine regelrechte Rivalität zwischen den Mädchen und Jungen. Aber dieses verlor sich nach einiger Zeit, nachdem die männlichen Besucher merkten, dass ihre Sorge, unsere Beachtung zu verlieren, unbegründet war.

[...]

Details

Seiten
19
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668229068
ISBN (Buch)
9783668229075
Dateigröße
434 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v322946
Institution / Hochschule
Fachakdemie für Sozialpädagogik und Heilpädagogik
Note
1,2
Schlagworte
Gesamtreflexion Erzieher Ausbildung Jugend Fachschule

Autor

  • Martha Baum (Autor)

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Titel: Gesamtreflexion der berufsbegleitenden Erzieherausbildung in den Fachbereichen Jugendzentren und Ganztagsschule