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Der europäische Emissionszertifikatehandel. Funktionsweise und aktuelle Probleme

Seminararbeit 2015 19 Seiten

VWL - Verkehrsökonomie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Aufbau und Funktionsweise des ETS
2.1 Rahmenbedingungen
2.2 Ökonomische Intuition

3 Volatilität und Preisverfall am Zertifikatemarkt
3.1 Preisentwicklung von 2005 bis heute
3.2 Ursachen und Probleme des Preisverfalls

4 Problem der freien Zuteilung
4.1 „Windfall Profits“
4.2 Rent Seeking und Lobbying

5 Verlust der Wettbewerbsfähigkeit und „Carbon Leakage“

6 Der globale Kohlenstoffmarkt im Einperiodenmodell

7 Das Grüne Paradoxon
7.1 Das Kalkül der Ressourcenbesitzer
7.2 Der globale Kohlenstoffmarkt im Mehrperiodenmodell
7.3 Schlussfolgerung

8 Fazit

Anhang

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Keine Thematik scheint in den letzten Jahren so omnipräsent wie der Klimawandel gewe- sen zu sein. Sir Nicolas Stern, ehemaliger Chefökonom der Weltbank, titulierte ihn einst als „the greatest market failure the world has ever seen“ (Stern 2006, S. vi). Über ein Jahr- hundert lang konnten Firmen und Kraftwerke weltweit unbegrenzt Treibhausgase (THG) emittieren ohne je für Folgen haften zu müssen. Gepaart mit einem stetig anwachsenden Energiehunger, führte dieser Umstand unlängst zu einer signifikanten Erhöhung der THG- Konzentration in der Atmosphäre und setzte damit einen unberechenbaren Prozess in Gang: Die weltweite Durchschnittstemperatur verharrt auf dem Höchststand der letzten 100 000 Jahre, Polkappen schmelzen und der Meeresspiegel steigt kontinuierlich an. Die Notwendigkeit zum Handeln wurde mittlerweile von der internationalen Staatengemein- schaft erkannt und es konnte sich erstmals 1997 im sogenannten Kyoto-Protokoll auf völ- kerrechtlich verbindliche Maßnahmen zur Reduktion der THG-Emissionen geeinigt wer- den. Das Abkommen wurde von 191 Staaten ratifiziert und läuft bereits im 2. Verpflich- tungszeitraum1. Die EU-Länder unterliegen dabei einem Reduktionsziel von 20 % bis ins Jahr 2020 gegenüber dem Basisjahr 1990. Das maßgebliche Instrument zur Erfüllung der europäischen Auflagen ist ein internationales Systems zum Handel mit Emissionsrechten, das „European Trading System“ (ETS). Es umfasst die 28 EU-Mitgliedsstaaten mit Nor- wegen, Lichtenstein und Island und verspricht das von N. Stern angesprochene Marktver- sagen zu korrigieren und so dem Klimawandel entgegenzuwirken. Doch kann es dieses Versprechen halten? Die vorliegende Seminararbeit erarbeitet eine Antwort auf diese Fra- ge. Dabei liegt der Fokus insbesondere auf aktuellen Problemen in der Wirkungsweise und in den Rahmenbedingungen des europäischen Emissionshandels.

Die Analyse gliedert sich in acht Abschnitte. Nach einer Hinführung zum Thema wird das ETS in Kapitel 2 vorgestellt. Dabei steht vor allem die ökonomische Intuition bei der Er- richtung eines Systems zum Handel mit Emissionsrechten im Vordergrund. Anschließend wird in Kapitel 3 die Preisentwicklung der Zertifikate untersucht, um im nächsten Ab- schnitt auf Probleme zu sprechen zu kommen, die bei der freien Zuteilung der Verschmut- zungsrechte entstehen können. In Abschnitt 5 wird die Gefahr des Verlustes der Wettbe- werbsfähigkeit gegenüber Drittstaaten behandelt. Hier werden besonders die Mechanismen innerhalb des Systems hervorgehoben, die die potentielle Verlagerung einiger Industrietei- le in außereuropäische Länder nach sich zieht. In Kapitel 6 wird in einem Einperiodenmo- dell die Interaktion am globalen Kohlenstoffmarkt dargestellt und geprüft, ob das ETS als Instrument zur Klimawandelbekämpfung legitimiert werden kann. Im vorletzten Abschnitt wird ein Mehrperiodenmodell betrachtet und insbesondere die Angebotsentscheidung der Ressourcenanbieter mit in die Analyse einbezogen. Hier wird zuerst festgestellt, dass das bestehende System nicht ausreicht, um den Klimawandel zu bekämpfen und im Folgenden theoretische Lösungsansätze vorgestellt. Schließlich werden im Schlussteil ein Fazit aus der Analyse gezogen und Handlungsempfehlungen ausgesprochen.

Die vorliegende Arbeit stützt sich hauptsächlich auf das Buch „Das Grüne Paradoxon“ von Hans-Werner Sinn. Aktuelle Daten und einige Problemstellungen wurden Berichten offizieller Behörden, wie der Europäischen Kommission oder des Umweltbundesamtes entnommen und unter Zuhilfenahme diverser Forschungsarbeiten vertieft.

2 Aufbau und Funktionsweise des ETS

2.1 Rahmenbedingungen

Im Jahr 2005 wurde das ETS von der europäischen Gemeinschaft als ein sogenanntes „Cap-and-Trade“ System für Emissionszertifikate eingeführt. Der Besitz eines Zertifikates, genannt „European Union Allowance“ (EUA), erteilt die Berechtigung eine festgelegte Menge CO2 (in der Regel eine Tonne) oder das CO2-Äquivalent einiger anderer Treib- hausgase2, zu emittieren. Die Besonderheit des Systems besteht darin, dass die Gesamt- menge an EUAs für eine gegebene Periode von der EU begrenzt wird, sprich der CO2- Ausstoß für die vom ETS erfassten Sektoren genau reglementiert und in Einklang mit um- weltpolitischen Zielen gebracht werden kann. Die festgelegte Ausgabemenge an Zertifika- ten, der „Cap“, wird nun sukzessiv abgesenkt, um eine Knappheitssituation hervorzurufen und betroffene Unternehmen (UN) zu CO2-einsparenden Maßnahmen zu animieren. Gleichzeitig bietet eine Marktplattform die Möglichkeit zusätzliche Zertifikate zu erwer- ben bzw. nicht beanspruchte Zertifikate zu veräußern. Der Preis eines EUAs am Sekun- därmarkt ergibt sich dabei endogen aus Angebot und Nachfrage (Sinn 2012, S.94ff.).

Am Primärmarkt erfolgt die Erstzuteilung der Zertifikate entweder über einen Auktions- mechanismus oder über eine freie Vergabe3, die unter Berücksichtigung bestimmter Krite- rien, insbesondere historischer Emissionen (Grandfathering-Verfahren) oder technischer Standards im jeweiligen Sektor (Benchmarking-Verfahren), erfolgt (vgl. Dürr 2007, S.9).

Das ETS erstreckt sich über drei Handelsperioden (HP)4, mit einem spezifischen Reduk- tionziel je Periode. Seit 2013 läuft nun die dritte Phase bis ins Jahr 2020. Der Emissions- handel erfasst etwa 12000 Anlagen aus dem Energie und Industriesektor, unter anderem Stromerzeuger, die Stahl- und Eisenindustrie, sowie Zement- und Papierhersteller und seit 2012 den Flugsektor. Insgesamt deckt er somit etwa 45% der Treibhausgasemissionen der EU ab. Bis 2020 soll der Cap gegenüber dem Einführungsjahr 2005 um 21% gesenkt und gleichzeitig der Anteil der versteigerten Zertifikate von 4% in der zweiten Periode auf 70% gesetzt werden, wobei Auktionseinnahmen anschließend in Umweltprojekte investiert werden sollen5.

2.2 Ökonomische Intuition

Jede ausgestoßene Tonne CO2 verursacht gesellschaftliche Kosten in Form eines Umwelt- schadens. Wird dieser im Kalkül der Emittenten nicht berücksichtigt, spricht man von ei- nem negativen externen Effekt (vgl. Fritsch 2014, S.82). Indem der Staat einen Markt für Verschmutzungsrechte schafft, verleiht er dem CO2 Ausstoß einen Preis. Dadurch müssen Emittenten entstehende Schäden kompensieren und der externe Effekt wird internalisiert (vgl. Fritsch 2014, S.124). Betrachtet man dabei ausschließlich die Länder, die das ETS inkorporiert haben, so erweist sich der Allokationsmechanismus der Verschmutzungsrech- te aus Sicht der Wohlfahrtsökonomie als besonders effizient: Unabhängig von der Art und Weise der Ausgangsverteilung unter den UN, führt die Möglichkeit des Handels mit EUAs am Sekundärmarkt zu einer Pareto-optimalen Aufteilung. Dies gilt solange die Markteil- nehmer rational handeln, ihren Gewinn maximieren und der Markt transparent ist (vgl. Varian 2011, S.670). Genauer ausgedrückt: Bei einer gegebenen Aufteilung werden jene Firmen Zertifikate verkaufen wollen, für die die Kosten der Vermeidung einer Tonne CO2 kleiner ist als der Zertifikatepreis. Andererseits werden jene Firmen EUAs nachfragen, für die es teurer ist eine weitere Tonne CO2 einzusparen, als ein Verschmutzungsrecht zu er- werben. Treffen nun Angebot und Nachfrage aufeinander, wird sich im Gleichgewicht (GGW) genau der Preis einstellen, bei dem die Grenzvermeidungskosten6(GVK) des CO2 über alle Firmen am Markt gerade gleich sind, sodass sich kein UN mehr durch den Han- del besser stellen kann, ohne dass sich ein anderes schlechter stellen müsste (vgl. Fritsch 2014, S.124f.).

Diese Optimalitätsbedingung impliziert, dass der Preis eines Zertifikats (unter den oben gestellten Bedingungen) zu jedem Zeitpunkt die Vermeidungsanstrengungen der Marktak- teure widerspiegelt und stellt zugleich sicher, dass die Gesamtkosten der CO2-Vermeidung über den ganzen EU-Raum minimiert werden. Demnach bietet der Marktmechanismus a priori die kosteneffizienteste Möglichkeit ein gegebenes Umweltziel zu erreichen (vgl. Sinn 2012, S.178).

3 Preisverfall und Volatilität am Zertifikatemarkt

3.1 Preisentwicklung von 2005 bis heute

In der Praxis ist das ETS besonders durch eine hohe Preisvolatilität der Zertifikate am Sekundärmarkt aufgefallen.7 In der ersten HP stieg der Kurs im Zeitraum 2005-2007 erst von knapp 10 € pro EUA auf rund 30 € Anfang 2006. Kurz danach fiel er wieder um die Hälfte, bis er zum Jahreswechsel innerhalb weniger Monate auf etwa 0 € abstürzte. Der Preisabfall zum Ende der ersten HP war der Tatsache geschuldet, dass die Rechte nicht in die nächste HP übertragbar waren. Da ab 2008 neue Zertifikate ausgegeben wurden, verloren die alten schnell an Wert und ihr Preis fiel rapide (vgl. Sinn 2012 S.109).

In der zweiten HP (2008-2012) wurde der Cap um 5% gegenüber der ersten Phase angezogen. Durch die Verknappung stieg der Kurs erst auf ein Hoch von circa 30 €, bis er Mitte 2008 auf 15 € einbrach und sich dort 3 Jahre relativ stabil hielt. Da hohe Preisschwankungen Unternehmen in ihren Investitionsentscheidungen stark belasten, hatte die EU beschlossen Zertifikate von der zweiten in die dritte HP übertragbar zu machen. Dennoch fielen die Kurse ab Mitte 2011 stetig, bis sie zu Beginn der 3. Phase 2013 bei nur noch knapp 5 € lagen und sich seitdem wenig verändert haben.

3.2 Probleme und Ursachen des Preisverfalls

Die erste HP wurde gemeinhin als Testphase angesehen. Um die Industrie nicht zu sehr zu belasten, hatte die Europäische Kommission eher großzügig Verschmutzungsrechte ver- teilt8. Gleichzeitig hatten Firmen schon vor Handelsbeginn mit Einsparmaßnahmen begon- nen, um möglichen Zertifikateengpässen zuvorzukommen (vgl. Sinn 2012, S.109).

[...]


1Bundesamt für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit, Kyotoprotokoll, http://unfccc.int/kyoto_protocol/status_of_ratification/items/2613.php, abgerufen am 15.04.2015

2 Zertifikate decken Kohlenstoffdioxid (CO2), Lachgas (N2O) und perfluorierten Kohlenwasserstoff

3 die Vergabe der Zertifikate erfolgt seit 2013 zentral von der Europäischen Kommission

4eine vierte Handelsperiode ist ab 2021 geplant

5 vgl. Deutsche Emissionshandelsstelle,Factsheet: Europäischer Emissionshandel 2013-2020, http://www.dehst.de/SharedDocs/Downloads/DE/Publikationen/Factsheet_EH_2013- 2020.pdf?__blob=publicationFile, aufgerufen am 19.04.2015

6 Grenzvermeidungskosten des CO2 werden in der Regel als monoton steigend angenommen

7Dieses Kapitel bezieht sich auf Preisveröffentlichungen von der European Environment Agency (EEA) und dem Intercontinental Exchange (ICE); siehe hierzu im Anhang Abb. 3

8vgl. European Commission,EU-ETS 2005-2012, http://ec.europa.eu/clima/policies/ets/pre2013/index_en.htm, abgerufen am 19.04.2015

Details

Seiten
19
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668310551
ISBN (Buch)
9783668310568
Dateigröße
580 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v322894
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,3
Schlagworte
Zertifikatehandel Umweltökonomie Das Grüne Paradoxon Emissionen CO2 Emissionsrechte Europa Umweltpolitik Klimapolitik

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