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Die "Geistlichen Übungen“ des Ignatius von Loyola. Entstehung, Aufbau und Inhalt der ignatianischen Exerzitien

Seminararbeit 2012 17 Seiten

Theologie - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 „Alles zur größeren Ehre Gottes!“

2 Die „Geistlichen Übungen“ von Ignatius von Loyola
2.1 Die Biografie des Ignatius von Loyola
2.1.1 Rittertum und Umkehr
2.1.2 Die Ordensgründung der „Gesellschaft Jesu“
2.2 Die „Geistliche Übungen“
2.2.1 Die Entstehung
2.2.2 Aufbau und Inhalt
2.2.2.1 Anweisungen und Erste Woche
2.2.2.2 Zweite Woche
2.2.2.3 Die Dritte Woche
2.2.2.4 Vierte Woche
2.2.2.5 Verschiedene Betrachtungen und Regeln
2.2.3 Zur Methodik der geistlichen Übungen
2.2.4 Grundaxiome der ignatianischen Gebetsweise
2.2.4.1 Die Haltung der „Indifferenz“
2.2.4.2 Gott in allen Dingen suchen und finden
2.2.4.3 Das Gebet der liebenden Aufmerksamkeit
2.3 Wirkungsgeschichte der ignatianischen Exerzitien

3 Persönliche Erfahrungen mit der ignatianischen Gebetsweise

Quellenverzeichnis

1 „Alles zur größeren Ehre Gottes!“

Einer der bekanntesten und wohl meist zitiertesten Aussprüche von Ignatius von Loyola lautet „Alles zur größeren Ehre Gottes!“, eine Aussage, die gleichzeitig auch der Wahlspruch des von ihm gegründeten Ordens der „Gesellschaft Jesu“ ist. An und für sich sollte dieser Satz gar keine große Besonderheit darstellen, da er eine Anforderung formuliert, der sich jeder Christ, der nach Heiligkeit strebt, verpflichtet fühlen sollte. Wie also kommt es, dass alle Welt meint, gerade dieser Spruch drücke die Maxime des Ordens aus? Und ist nicht der Anspruch vermessen, dass der sündige Mensch in einer Welt, die keineswegs perfekt ist, Gott irgendetwas liefern könnte, was ihm zu größerem Ruhme dient? Kann denn gerade der Mensch, der auf die Gnade und Barmherzigkeit Gottes angewiesen ist, von sich aus etwas Besseres hervorrufen? „Ad maiorem Dei gloriam“ ist also gar nicht so leicht zu verstehen, wie es den Anschein gibt.[1]

Ignatius von Loyola steht an der Schwelle vom Mittelalter zur Neuzeit. In seinen „Geistlichen Übungen“ scheint deutlich die Wende zum Subjekt durch, die das Individuum als verpflichtet ansieht, zu wählen, zu reflektieren und Verantwortung vor Gott zu übernehmen. Ignatius Anforderungen an den Gläubigen sind genauso radikal wie die seines Zeitgenossen Martin Luther, da sie aus sehr ähnlichen radikalen Erfahrungen gewonnen sind, bleiben aber eingebettet in die Kirche. Will nun der Mensch zur größeren Ehre Gottes handeln, bedeutet das, dass er dem Willen Gottes gemäß handeln muss. Inwieweit das möglich ist, wird insofern fraglich, als über den Menschen ja bereits bestimmt ist. „Wir sind gar nicht einfachhin diejenigen, die die größere Ehre Gottes verfügen können, sondern Gott hat (…) bereits über uns verfügt zu seiner geringeren Ehre.“[2] Alles, was der Mensch somit noch tun kann, ist sein Leben in Gottes Hand zu legen, auch wenn es bereits in seiner Hand ist, und dennoch zu versuchen, jede unerwartete Frage, die ihm im Leben gestellt wird, nach der Norm der „größeren Ehre Gottes“ zu beantworten. Dabei wird dieses „Ja“ zu Gott jeden Tag aufs Neue gefordert. Annehmen zu können, dass man geschichtlich und vorherbestimmt ist, und das Leben eben nicht auf ewig kontrollierbar und unterwerfbar ist, ist die eigentliche Herausforderung, die der Wahlspruch des Ignatius stellt.[3] Seine „Geistlichen Übungen“ liefern uns eine Anleitung, sich für wenige Wochen aus dem Alltag herauszunehmen und sich im Gebet der Herausforderung des „Jas“ zu Gott zu stellen.

2 Die „Geistlichen Übungen“ von Ignatius von Loyola

2.1 Die Biografie des Ignatius von Loyola

Die wichtigste Quelle zur Lebensgeschichte des Ignatius von Loyola ist eine Schrift, die heute gemeinhin als „Bericht des Pilgers“ bezeichnet wird. Ignatius erzählt darin von sich in der dritten Person als „Pilger“. Der Bericht wird nur zwei Jahre vor seinem Tod von einem Mitbruder des Jesuitenordens aufgezeichnet und setzt im Alter von 26 Jahren ein. Aufschluss über Leben und Werk geben außerdem „Erinnerungen an unseren Vater Ignatius“, festgehalten von demselben Bruder, sowie eine umfangreiche Sammlung von rund 7000 Briefen und Schreiben.[4]

2.1.1 Rittertum und Umkehr

Geboren wird Ignatius im Jahr 1491 als dreizehntes Kind einer baskischen Adelsfamilie in der Provinz Guipúzcoa als Iñigo López de Loyola. Seinen Namen wird er ab seinem Studium in Paris nur noch in latinisierter Form nennen. Spanien und die Welt befinden sich in einer Zeit des Umbruchs: Mit dem Sturz der Mauren erhält Spanien erstmals seit Jahrhunderten seine Freiheit zurück; Amerika wird entdeckt, wohin sobald die Prediger der Orden ziehen; und nicht zuletzt steht die Reformation bevor, ausgelöst durch den Zeitgenossen Martin Luther (1483-1546).[5]

Ignatius von Loyola strebt in seiner Jugend nach militärischem Ruhm. Mit einer Anstellung als Page am Hof des Großschatzmeisters von Kastilien erhält er eine erste Ausbildung. Der langen Zeitspanne von zehn Jahren sind im „Bericht des Pilgers“ allerdings nur wenige Zeilen gewidmet: Ignatius spricht von sich als „ein den Eitelkeiten der Welt ergebener Mensch“[6]. Als er 30 Jahre alt ist und im Offiziersdienst des Vizekönigs von Navarra steht, wird er bei der Schlacht gegen die Franzosen um die Festung von Pamplona schwer verwundet und entrinnt nur knapp dem Tod. Auf die Verletzung folgt ein langes Krankenlager in der Heimat. Ignatius, der sich sonst eher mit Ritterromanen befasste, kann dort nur auf religiöse Literatur zurückgreifen, darunter die „Legenda Aurea“ des Dominikaners Jacobus des Voragine und die „Vita Jesu Christi“ von Ludolf dem Kartäuser. „Was wäre, wenn ich das täte, was der hl. Franziskus getan hat, und das, was der hl. Dominikus getan hat?“[7] Die Erfahrung von Krankheit und Nahtod und die Lesung der Heiligenviten lösen in Ignatius einen Prozess der Wandlung aus und entfachen in ihm den Wunsch, sich in den Dienst Jesu Christi zu begeben.[8]

Nach seiner Genesung stürzt Ignatius sich in ein neues Leben der Pilgerschaft und Buße. In Manresa, wo er sich mehrere Monate aufhält, lebt er in Armut, Selbstgeißelung und Büßergewandt. Ignatius vertieft sich in Gebet und strenge Beichte. Der Gedanke, Sünder zu sein und nie genug der Beichte und Buße tun zu können, quält ihn allerdings so lange, bis er nahe am Selbstmord ist. In dieser Zeit lässt er keine Hilfe von Außenstehenden zu. Es ist eine Phase der Läuterung und der Erfahrung der Extreme, die Ignatius später als Erziehung seiner selbst durch Gott betrachten wird. Er beginnt nur allmählich zu begreifen, dass das Evangelium Christi keine Geißelung des sündigen Menschen ist, sondern als Befreiung und hoffnungsfrohe Botschaft verstanden werden darf. Diese christliche Lehre der Liebe von Gott zu den Menschen, die die „Gesellschaft Jesu“ verinnerlichen wird, muss Ignatius erst verstehen lernen.[9]

Mit dem Wunsch, „in Jerusalem zu bleiben“ und „den Seelen zu helfen“[10], bricht Ignatius 1523 schließlich zur Pilgerreise auf; er darf allerdings nicht lange im Heiligen Land verweilen. So beginnt er ein Lateinstudium in Barcelona und daraufhin das Studium der Theologie und Philosophie in Alcalá. Mit seinen theologischen Überlegungen erlangt Ignatius mehr und mehr Bekanntheit und findet einige Gefährten. Dadurch wird allerdings auch die Inquisition auf ihn aufmerksam. Im Laufe der Jahre wird Ignatius mehrere Male verhört und in Haft genommen; da ihm jedoch nie Irrlehren nachgewiesen werden können, wird er jedes Mal unter Auflagen wieder freigelassen. Paris ist ein weiterer Ort seiner theologischen Ausbildung, wo er vor allem die scholastische Disputation zu schätzen lernt und 1535 Magister der Philosophie wird. Eine erste feste Gefährtengruppe findet sich am 15. August 1534 in einer Kapelle am Montmartre rein, um ein Gelübde abzulegen, allerdings ohne die Ambition einen Orden zu gründen. Die Männer verbindet das gemeinsame Ziel, in Jerusalem im Dienst am Nächsten zu arbeiten oder sich zu demselben Zweck vom Papst unterweisen und aussenden zu lassen. Tatsächlich erhält die Gruppe, als sie sich 1537 zur Karwoche in Rom aufhält, unverhofft den Segen und die Erlaubnis des Papstes, nach Jerusalem zu geben, auch wenn das aufgrund der politischen Lage nicht möglich ist. Einige der Gefährten erhalten sogar die Priesterweihe, was die Erwartungen der Männer, die sich zunächst einmal nur dem Armutsideal und der christlichen Nächstenliebe widmeten, weit übersteigt; darunter ist auch Ignatius. Bis zu seiner Primiz lässt dieser sich aber bis Weihnachten 1538 Zeit, wohl lange in der Hoffnung, sie doch noch im Heiligen Land feiern zu dürfen.[11]

2.1.2 Die Ordensgründung der „Gesellschaft Jesu“

Erstmals stellt sich die Frage nach einer Ordensgründung, als zwei der Gefährten fortgeschickt werden sollen und die Gruppe zu zersplittern droht. Ignatius und seine Wegbegleiter entscheiden sich nach gründlichem Abwägen dafür und erhalten 1540 mit der Bulle „Regimini militantis ecclesiae“ die offizielle Bestätigung durch Papst Paul III. Fortan sind sie nicht mehr ein loser Freundeskreis mit gemeinsamen Idealen, sondern ein Orden mit apostolischen Zielen.[12] Bereits ein Jahr zuvor hatte Ignatius in einer kleinen Kapelle in La Storta bei Rom eine Vision gehabt, bei der er sich von Gott Vater zu Christus gestellt sah: Die Namensgebung „Gesellschaft Jesu“ („Societas Jesu“) ist von diesem Selbstbild inspiriert, an Jesu Seite zu stehen.[13] Die Brüder werden auch „Preti Pelligrini“, „Preti Reformati“ oder „Compañia de los sacerdos de Jesús“ genannt, aber „Gesellschaft Jesu“ setzt sich schließlich durch.[14] Ignatius gibt außerdem mit seinem Werk der „Geistlichen Übungen“ die Richtlinien des Ordens vor: „Alles zur größeren Ehre Gottes“ lautet der Leitsatz der Brüder.[15]

Aufgabe der „Gesellschaft Jesu“ soll das öffentliche Predigen, geistliche Übungen und Liebeswerke sowie die Unterweisung einfacher Menschen im Christentum[16] sein. Signifikant für den Orden ist dabei, dass die Ordensmitglieder weder eine eigene Tracht haben noch ein verpflichtendes Stundengebet teilen, um möglichst ungebunden arbeiten zu können; auch ein spezieller Tätigkeitsbereich, der die Mitglieder an einen Ort fesseln könnte, wird nicht festgelegt. Nach und nach werden die Satzungen des Ordens erarbeitet. Am 22. April 1541 legen die Ordensbrüder ihre feierlichen Professgelübde in St.Paul vor Rom ab. Freilich ist es Ignatius, der dem Orden als Oberer voransteht. Obwohl die Wahl einstimmig auf ihn fällt, hadert er zunächst damit, sie anzunehmen. Erst nach einem zweiten Wahlgang und einer Lebensbeichte vor seinem Beichtvater und dessen Zuraten stimmt Ignatius zu.[17] Er wird geschätzt für seine Eloquenz und seinen Verstand, aber auch für die Offenherzigkeit und Unvoreingenommenheit, die er jedem entgegenbringt, ganz gleich welchen Ranges er ist. Die Versorgung der Kranken im Orden liegt Ignatius, der an einem Gallenleiden erkrankt ist, besonders am Herzen.[18] Der Orden geht verschiedenen Projekten nach: Prostituierte, die umkehren wollen, finden im neu errichteten Martahaus Unterkunft; ein Heim für jüdische Katechumenen wird errichtet; Sendungen des Papstes wird nachgegangen.[19]

Am 31.Juli 1556 stirbt Ignatius mit 65 Jahren. Die „Gesellschaft Jesu“ zählt zu diesem Zeitpunkt bereits mehr als 1000 Ordensmitglieder, die an zwölf Orten in Italien, Deutschland, Spanien, Frankreich und Portugal und sogar in Brasilien und Indien tätig sind. Selig gesprochen wird Ignatius von Loyola 1609 durch Papst Paul V.; heilig gesprochen wird er 1622 von Papst Gregor XV. zusammen mit berühmten Persönlichkeiten wie dem Gefährten und Missionar Francisco de Javier oder der Mystikerin Theresa von Ávila.[20]

2.2 Die „Geistliche Übungen“

Berühmt geworden ist Ignatius vor allem durch sein Werk der „Geistlichen Übungen“. Im Sinne des Ignatius sind geistliche Übungen alle geistlichen Betätigungen, die zum Ziel haben, „das Gewissen zu erforschen, sich zu besinnen, zu betrachten, mündlich und geistig zu beten“[21]. Die Zeit, die man in Exerzitien verbringt, ist immer eine Zeit des Rückzugs und der Besinnung auf sich selbst. Doch geistliche Übungen fordern auch ein: Wo stehe ich vor Gott, wie ist es um das Heil meiner Seele bestückt? Wohin führt mich mein Weg? So viele Anleitungen Ignatius in seinen „Geistlichen Übungen“ auch gibt, so werden wir darin doch nie eine vorgefertigte Antwort finden. Auf die geistlichen Übungen muss man sich einlassen können. „Wenn ich den Mut und die Lebendigkeit habe, das zu glauben (…), daß Gott mir in diesen Tagen etwas sagen wird, was ich dann nicht mehr aus meinem Leben hinwegdisputieren kann, dann könnten meine Exerzitien wirklich ignatianische werden“[22], bemerkt auch Karl Rahner. Freilich gibt es keine Garantie dafür, dass Gott antwortet; doch Gnade Gottes ist es schon, durch die Übungen der Exerzitien hindurch auf das Geheimnis des Lebens und Sterbens Jesu Christi zu blicken.[23]

Nicht umsonst wird das Wort „Übung“ verwendet, denn das tägliche Gebet erfordert einige Zeit und Training, bis man sich eingefunden hat. Ignatius vergleicht die geistlichen Übungen der Seele mit leiblichen Übungen, die ebenso regelmäßig immer wieder gemacht werden müssen.[24] Ohne ein gewisses Maß an Anstrengung und Überwindung geht es nicht. Er selbst spricht aus eigener Erfahrung; schließlich hat Ignatius jahrelang auf seinem Weg zu Gott mit sich gerungen. Wer Exerzitien durchführt, begibt sind auf einen Prozess, der neben Hingabe auch Disziplin erfordert; denn wenn die Übungen Auswirkungen auf die Lebensführung haben sollen, können sie nicht oder nicht nur eine kurze Bestätigung von Affekten oder Erfüllung von Wünschen sein.[25]

2.2.1 Die Entstehung

Die „Geistlichen Übungen“ von Ignatius von Loyola erschienen 1548 erstmals in Rom in lateinischer Sprache. Nach eigenen Aussagen hat Ignatius den Text schrittweise verfasst; erste Gedankengänge zu geistlichen Übungen entstanden bereits während seines Krankenaufenthalts in der Heimat. Damals verfasste Ignatius einen rund 300 Blätter umfassenden Text, angelehnt an und inspiriert von der „Vita Jesu Christi“. Das Manuskript, das Ignatius lange Zeit bei sich trug, gilt als erste Grundlage für die „Geistlichen Übungen“, ist heute aber verschollen.[26] Ignatius Autograf berichtet, Ignatius habe ihm erzählt, dass er das Werk nicht an einem Stück fertig gestellt habe, „sondern daß ihm von einigen Dingen, die er in seiner Seele beobachtete und die er nützlich fand, schien, daß sie auch anderen nützlich sein könnten; und so schrieb er sie nieder.“[27] Tatsächlich richtet sich Ignatius bei der Auswahl der zu betrachtenden Geheimnisse vielfach nicht nach der Heiligen Schrift, sondern nach Ludolfs „Vita Jesu Christi“. Manch eine außerkanonische Tradition ist eingearbeitet. Besonders deutlich wird das an der „Betrachtung, wie Christus, unser Herr, unserer Herrin erscheint“ (GÜ 218), einem Geheimnis, das in der Bibel nicht zu finden ist. Insbesondere die Anleitungen zur ersten bis zur vierten Woche sind damit einer sehr frühen Version der „Geistlichen Übungen“ zuzuordnen, noch bevor Ignatius im Studium ein tieferes Wissen über die Heilige Schrift erlangt hat, während andere Abschnitte des Werkes offensichtlich theologische Bildung verlangen und erst später dazu gekommen sind.[28] So richtet sich die Auswahl der Perikopen, die im Anhang der „Geistlichen Übungen“ stehen, nach den vier Evangelien, insbesondere dem Evangelium nach Matthäus, der Apostelgeschichte und dem Ersten Korintherbrief.[29]

Ignatius steht mit seinen „Geistlichen Übungen“ ganz in christlicher spiritueller Tradition, insofern er die vielen geistlichen Bewegungen des Mittelalters vereint, darunter die Bewegung der „Devotio Moderna“ mit ihrer Kontemplation über das Leben Jesu, oder auch die klar strukturierten Formen der Meditation, wie sie etwa der Kartäuser Guigo II. mit seiner vierstufigen „Scala Claustralium“ lehrte. Die „Geistlichen Übungen“ sind dabei kein Lehrbuch, sondern Anleitung und Aufforderung zur praktischen Durchführung der Übungen.[30]

2.2.2 Aufbau und Inhalt

„Der Mensch ist geschaffen, um Gott unseren Herrn zu loben, ihm Ehrfurcht zu erweisen und ihm zu dienen und mittels dessen seine Seele zu retten“[31]. Die absolute Hinordnung des geschöpflichen Menschen zu Gott und das sich bedingungslose Öffnen sind Grundpfeiler, die den Übenden bei den Exerzitien begleiten sollen. Ignatius stellt deshalb nicht eine bloße Anleitung in den Raum, wie Tag für Tag bei den Exerzitien vorgegangen werden soll, sondern bettet das Gebet in verschiedene theologische Überlegungen und hilfreiche Regeln ein. Viele der Anmerkungen sind dabei wohl erst im Laufe der Jahre, die sich Ignatius mit den Geistlichen Übungen beschäftigt hat, entstanden und eingefügt worden. Im Folgenden soll ein Überblick über den Inhalt der „Geistlichen Übungen“ gegeben werden.

2.2.2.1 Anweisungen und Erste Woche

Ignatius beginnt sein Werk mit einigen Anmerkungen zu Methode und Durchführung der geistlichen Betrachtungen, die vor allem an den Begleitenden gerichtet sind (vgl. GÜ 1-22). Die Übungen umfassen vier Zeitspannen, die das Leben und Sterben Jesu Christi zum Thema haben. Wenn hierbei im Folgenden von „Wochen“ die Rede ist, sind damit freilich nicht starre sieben Tage gemeint, sondern vier zeitlich flexible Abschnitte. Ignatius geht von 30 Tagen oder vier Wochen aus. Täglich sollen fünf Betrachtungen zu je einer Stunde gehalten werden. Die Begleitperson soll anhand passender Schriftstellen die Exerzitien leiten und dem Übenden hilfreich beiseite stehen. Dabei ist es wichtig, dass sich das Tempo und der Anspruch der Texte ganz nach den Fähigkeiten des Übenden ausrichten und der Begleiter den nötigen Freiraum gewährt: „Denn nicht das viele Wissen sättigt und befriedigt die Seele, sondern das Innerlich-die-Dinge-Verspüren-und-Schmecken“[32]. Im „Prinzip und Fundament“ (vgl. GÜ 23) spricht Ignatius von der Geschöpflichkeit des Menschen.

[...]


[1] Vgl.: Rahner, Karl: Vom Offensein für den je größeren Gott, S.183-187.

[2] Rahner, Karl: Vom Offensein für den je größeren Gott, S.192.

[3] Vgl.: Rahner, Karl: Vom Offensein für den je größeren Gott, S. 187-198.

[4] Vgl.: Knauer, Peter: Hinführung zu Ignatius von Loyola, S.9f.

[5] Vgl.: Stierli, Josef (Hg.): Ignatius von Loyola. Gott suchen in allen Dingen, S.15f.

[6] Bericht des Pilgers, Nr.1, 1.

[7] Bericht des Pilgers, Nr.1, 7.

[8] Vgl.: Knauer, Peter: Hinführung zu Ignatius von Loyola, S.11f.

[9] Vgl.: Knauer, Peter: Hinführung zu Ignatius von Loyola, S.12-14.

[10] Bericht des Pilgers, Nr.45, 3.

[11] Vgl.: Knauer, Peter: Hinführung zu Ignatius von Loyola, S.14-23.

[12] Vgl.: Stierli, Josef (Hg.): Ignatius von Loyola. Gott suchen in allen Dingen, S.23.

[13] Vgl.: Knauer, Peter: Hinführung zu Ignatius von Loyola, S.23-25.

[14] Vgl.: Switek, Günter: Ignatianische Impulse für die katholische Frömmigkeit, S.370.

[15] Vgl.: Ignatius von Loyola: Geistliche Übungen. Nach dem spanischen Autograph übersetzt von Peter Knauer SJ, S.11.

[16] Vgl.: Ignatius von Loyola: Deutsche Werkausgabe. Übersetzt von Peter Knauer, S.304, Z.49-66.

[17] Vgl.: Stierli, Josef (Hg.): Ignatius von Loyola. Gott suchen in allen Dingen, S.24.

[18] Vgl.: Knauer, Peter: Hinführung zu Ignatius von Loyola, S.25-32.

[19] Vgl.: Stierli, Josef (Hg.): Ignatius von Loyola. Gott suchen in allen Dingen, S.25.

[20] Vgl.: Knauer, Peter: Hinführung zu Ignatius von Loyola, S.33.

[21] Geistliche Übungen, Nr.1.

[22] Rahner, Karl: Betrachtungen zum ignatianischen Exerzitienbuch, S.17.

[23] Vgl.: Rahner, Karl: Betrachtungen zum ignatianischen Exerzitienbuch, S.15-18.

[24] Vgl.: Geistliche Übungen, Nr.1.

[25] Vgl.: Kiechle, Stefan: Ignatius von Loyola, S.80f.

[26] Vgl.: Ignatius von Loyola: Geistliche Übungen. Nach dem spanischen Autograph übersetzt von Peter Knauer SJ, S.19f.

[27] Bericht des Pilgers, Nr.99, 2.

[28] Vgl.: Beutler, Johannes: Die Rolle der Heiligen Schrift im geistlichen Werden des Ignatius, S.43-46.

[29] Vgl.: Beutler, Johannes: Die Rolle der Heiligen Schrift im geistlichen Werden des Ignatius, S.50.

[30] Vgl.: Switek, Günter: Ignatianische Impulse für die katholische Frömmigkeit, S.357-259.

[31] Geistliche Übungen, Nr.23.

[32] Geistliche Übungen, Nr.2.

Details

Seiten
17
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783668218307
ISBN (Buch)
9783668218314
Dateigröße
559 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v322679
Institution / Hochschule
Universität Augsburg – Katholisch-Theologische Fakultät
Note
1,0
Schlagworte
geistlichen übungen ignatius loyola entstehung aufbau inhalt exerzitien

Autor

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Titel: Die "Geistlichen Übungen“ des Ignatius von Loyola. Entstehung, Aufbau und Inhalt der ignatianischen Exerzitien