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Embryonenforschung und die Würde der Person innerhalb der modernen Biomedizin

Hausarbeit (Hauptseminar) 2015 42 Seiten

Ethik

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Entstehung des menschlichen Lebens

3. In- Vitro- Fertilisation und Präimplantationsdiagnostik
3.1 Reproduktives Klonen
3.2 Therapeutisches Klonen

4. Ethisches und moralisches Konfliktpotenzial der modernen Biomedizin

5. Rechtsgrundlagen der Bundesrepublik Deutschland und der Europäischen Union

6. Die Würde der Person

7. Ethische Argumentationsmöglichkeiten
7.1 Gesellschaftspolitische Argumentation
7.2 Pragmatische Argumentation
7.3 Utilitaristische Argumentation
7.4 Kategorische Argumentation
7.5 Kontinuitätsargument
7.6 Potentialitätsargument
7.7 Speziesargument
7.8 Identitätsargument

8. Positionierung der christlichen Kirchen zu Embryonenforschung und moderner Biomedizin

9. Eigenständige ethische Urteilsbildung

10. Fazit

Literaturverzeichnis

Internetquellen

1. Einleitung

Die vergangenen Jahre zeigten die enormen Fortschritte der modernen Biomedizin und verursachten deshalb einen ethischen Diskurs und eine gesellschaftliche Diskussion über den Umgang mit diesem Forschungszweig und der damit in Verbindung stehenden Würde der Person.

Embryonale Stammzellenforschung, Embryonenforschung, In- Vitro- Fertilisation, Präimplantationsdiagnostik oder das Klonen sensibilisierten die weite Öffentlichkeit für die Forschungsverfahren der modernen Biomedizin. Das Selbstverständnis des Menschen, das über Jahrzehnte hinweg innerhalb der Anthropologie, Philosophie und Theologie Gültigkeit hatte, wurde nun in Frage gestellt. Der einst utopische Charakter der Klonierung eines Lebewesens oder die Veränderung der menschlichen Erbanlagen waren plötzlich zur Realität geworden.

Die Folgen dieser rasanten Entwicklungen erfordern von der Theologie, Philosophie, der Gesellschaft und Wissenschaft den Begriff der Würde der Person neu mit Inhalt zu füllen und ihn zu definieren. Dabei müssen die aktuellen sowie in Zukunft realisierbaren Verfahrensweisen der modernen Biomedizin berücksichtigt werden, wobei das bisher vorherrschende menschliche Selbstverständnis ebenfalls überdacht werden muss.

Die vorliegende Hausarbeit widmet sich der Thematik der Embryonenforschung und der damit in Verbindung stehenden Würde der Person. Die enorme Bandbreite der modernen Biomedizin und Humangenetik kann besonders anhand der Embryonenforschung verdeutlicht werden, da hier die Verfügungsgewalt des Menschen über das Leben und die Natur am deutlichsten bemerkbar wird.

Zunächst werden die naturwissenschaftlichen Grundlagen der aktuellen wissenschaftlichen Forschung der modernen Biomedizin dargestellt, um die Definitionen und Begrifflichkeiten daran zu erläutern. Mit den Definitionen der Begrifflichkeiten soll eine Basis geschaffen werden, die es erlaubt, die Zusammenhänge und Inhalte in vollem Umfang verstehen zu können.

Das sich anschließende Kapitel verdeutlicht die Problematiken der Embryonenforschung aus moralischer Sicht und gibt einen Einblick in die aktuelle bioethische Meinungsbildung unter allgemeinethischen, philosophischen und theologischen Argumentationsstrukturen. Dabei werden Verbindungen zu Richtlinien und gesetzlichen Vorgaben, wie dem Grundgesetz, dem Embryonenschutzgesetz und den Leitlinien der Bioethikkonvention der Europäischen Union aufgezeigt. Hier soll deutlich gemacht werden, inwiefern die Regelungen des Gesetzgebers der Bundesrepublik Deutschland zu einer neutralen ethischen Urteilsfindung beitragen und welche Regularien der Überarbeitung bedürfen, um sowohl dem Embryo als auch dem erwachsenen Menschen ausreichend Schutz zu bieten. Eine Frage, die hierbei geklärt werden soll, ist, ob die Pluralität an gesetzlichen Regelungen in den europäischen Bündnisstaaten nicht einer einheitlichen Grundidee weichen sollte. Muss an dieser Stelle lediglich von einem Kompromiss, für alle an der Diskussion beteiligten Parteien gesprochen werden? Wenn eine Kompromissregelung zu bejahen ist, ist dann die Würde der Person im vollen Umfang gewahrt?

Die Würde der Person wird deshalb im nachfolgenden Kapitel mit Hilfe differenzierter Definitionsansätze wie dem utilitaristischen, dem pragmatischen, gesellschaftspolitischen und kategorischen Ansatz beleuchtet.

Auch die so genannten SKIP- Argumente, zur Begründung des Schutzes von Embryonen, werden angeführt, um den aktuellen ethischen Meinungsfindungsprozess genauer zu betrachten.

Die Position der christlichen Kirchen zur Embryonenforschung erlaubt einen Einblick auf die teilweise gegensätzlichen Haltungen der Kirchen untereinander.

Abschließend wird aufbauend auf die genannten Argumente und Interpretationsmöglichkeiten eine eigene ethische Meinungsbildung angestrebt, um in einem Fazit noch einmal die wichtigsten Fakten und Ergebnisse zusammenzufassen.

2. Die Entstehung des menschlichen Lebens

In der Biologie wird der Beginn des menschlichen Lebens mit der Verschmelzung des Gameten der weiblichen Eizelle und des Gameten der männlichen Samenzelle zu einem Zellkern angesehen.[1] Während die isolierte Eizelle bzw. Samenzelle nicht das Potenzial besitzt, ein lebendiges Lebewesen hervorzubringen, entsteht durch die Verschmelzung der Ei- und Samenzelle ein Embryo[2], welcher jenes Potenzial besitzt. Betrachtet man alleine den biologischen Verlauf der Befruchtung, so besitzt der Embryo die Identität einer Person.

Aus der befruchteten Eizelle (Zygote) entwickelt sich nach ungefähr 3- 4 Tagen im 16- Zell-Stadium die Morula, aus der wiederum eine Blastozyste entsteht.[3] Die Blastozyste besteht aus einigen flachen Zellen am Außenrand, dem Trophoblast. Im Inneren befindet sich eine Ansammlung würfelförmiger Zellen, aus denen der spätere Embryo hervorgeht. In diesem Entwicklungsstadium werden im Zuge der Präimplantationsdiagnostik[4] eventuelle körperliche Fehlbildungen des jungen Embryos untersucht. Von entscheidender Bedeutung ist dabei der Zeitpunkt der Zellentnahme des Embryos. Auch eine Untersuchung in einem solch frühen Entwicklungsstadium kann für den Embryo schwerwiegende Folgen haben. Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass eine Zellentnahme im Blastozysten- Stadium die Wahrscheinlichkeit von Fehlbildungen erheblich verringert.[5]

3. In- Vitro- Fertilisation und Präimplantationsdiagnostik

In- Vitro[6] - Fertilisation (IVF) und Präimplantationsdiagnostik (PID) sind zwei medizinische Verfahren, die auf das Engste miteinander in Beziehung stehen.

Die In- Vitro- Fertilisation bezeichnet eine Methode, bei der eine künstliche Befruchtung außerhalb des Mutterleibs vorgenommen wird. Der weibliche Zyklus wird mit Hilfe hormoneller Substanzen so gesteuert, dass innerhalb einer bestimmten Zeit Eizellen heranreifen.[7] Anschließend werden die reifen Eizellen mit einer Punktionsnadel entnommen und in ein Reagenzglas mit aufbereiteten Spermien gelegt. Sobald die Vorkerne zu einer Zygote[8] verschmolzen sind, ist die Befruchtung abgeschlossen und die befruchteten Eizellen gelten als Embryonen.

Besonders hervorzuheben ist bei der In- Vitro- Fertilisation, dass die Befruchtung in einem Reagenzglas nur deshalb durchgeführt wird, weil eine natürlich vonstatten gehende Befruchtung unmöglich ist. Der entstehende Embryo besitzt, anders als beim therapeutischen oder reproduktiven Klonen, die Erbanlagen zweier Menschen.[9]

Eng mit der In- Vitro- Fertilisation verbunden ist das Verfahren der Präimplantationsdiagnostik. Hier kann der genetische Status eines Embryos bestimmt werden, noch bevor er in die Gebärmutter der Frau eingesetzt wird. Dem Embryo, der durch In- Vitro- Fertilisation entstanden ist, werden einzelne Zellen entnommen und auf schwerwiegende Erbkrankheiten untersucht.[10] Die Präimplantationsdiagnostik wurde bereits an vielen Embryonen nach geglückter künstlicher Befruchtung außerhalb der Gebärmutter der Frau angewendet. Dies geschah jedoch im Ausland, da dieses Verfahren in Deutschland bislang nicht zugelassen ist.[11] Die liberale Haltung einiger Nachbarstaaten, wie der Niederlande oder Belgien, stehen der deutschen Gesetzgebung entgegen. Eine erfolgreiche Präimplantationsdiagnostik führte im europäischen Ausland dazu, dass bereits über 400 gesunde Kinder unter Anwendung dieser Methode zur Welt kamen.[12]

Gegner der Präimplantationsdiagnostik führen vor allem das Argument an, dass durch dieses Verfahren eine Selektion eines Embryos in „lebenswerte“ und „lebensunwerte“ Lebensumstände stattfindet.[13] Bereits hier muss man sich die Frage stellen, ob ein Embryo, ungeachtet seiner genetischen Dispositionen, ein Recht auf Leben besitzt und es deshalb ethisch und moralisch vertretbar ist, ihn noch vor der Einpflanzung in die Gebärmutter zu stigmatisieren und ihm ein menschliches Leben zu verwehren.

Ebenso häufig ist das Argument zu hören, dass aufgrund der Präimplantationsdiagnostik die Gefahr besteht „Designer-Babys“ zu kreieren, die den Wünschen und Vorstellungen von Eltern entsprechen und einen nahezu perfekten Genpool bieten.[14] Hier entstehen erschreckende Parallelen mit den Ideen des Nationalsozialismus und dessen menschenunwürdigen Selektionsmechanismen.

Diesen Argumenten muss jedoch der derzeitige Stand der Biotechnologie entgegengehalten werden. Forscher konnten das menschliche Genom zwar bereits vollständig entschlüsseln, jedoch ist es noch nicht möglich, die Wechselwirkungen der einzelnen Gene untereinander und die damit verbundenen Funktionen im menschlichen Körper zu bestimmen.[15] Das heißt, es ist zwar möglich, einzelne Gene zu erkennen, welche bestimmte Krankheiten evozieren, jedoch kann nicht vorhergesagt werden, was die Gene im menschlichen Körper hervorrufen, wenn sie miteinander kombiniert werden.

Eine weitaus verwirrendere Tatsache ist, dass die Präimplantationsdiagnostik in Deutschland gesetzlich verboten ist und sie nur in extremen Ausnahmefällen zur Anwendung kommen darf. Die Pränataldiagnostik[16] dagegen gehört hierzulande mittlerweile zu einem medizinisch anerkannten und akzeptierten Untersuchungsverfahren. Auch hier wird der Embryo im Mutterleib auf mögliche Krankheiten und Fehlbildungen hin untersucht, wie es beispielsweise bei der Fruchtwasserentnahme für eine Erbgut- oder Chromosomenbestimmung der Fall ist.[17]

Sollte bei dem heranwachsenden Kind im Mutterleib im Laufe der Schwangerschaft eine gravierende Behinderung festgestellt werden, so kann die Mutter nach deutscher Gesetzgebung eine Abtreibung bis kurz vor der Geburt vornehmen lassen, da diese Regelung nicht unter die gesetzlichen Bestimmungen des Schwangerschaftsabbruchs fällt.[18]

An diesem Punkt lässt sich zeigen, dass es zwar gesetzliche Bestimmungen gibt, welche den ungeborenen Embryo schützen sollen. Diese sind jedoch noch lückenhaft. Bei der Präimplantationsdiagnostik kann eine Behinderung eines Embryos nachgewiesen werden, sodass dieser als Konsequenz erst gar nicht in den Mutterleib eingepflanzt wird und den unweigerlichen Tod des Embryos zur Folge hat.

3.1 Reproduktives Klonen

Das reproduktive Klonen bezeichnet einen Vorgang innerhalb der Reproduktionsmedizin bzw. Biotechnologie, bei dem ein Lebewesen aus den genetischen Anlagen eines lebenden Organismus erzeugt wird. Das so entstehende Lebewesen hat, ähnlich einem eineiigen Zwilling, denselben genetischen Code wie sein Spender.[19]

Sowohl beim reproduktiven Klonen als auch dem therapeutischen Klonen wird mit biotechnischen Verfahren ein Zellkerntransfer vorgenommen. Die Eizelle einer Frau wird dabei von ihren individuellen Erbanlagen befreit. Der Zellkern, welcher das zu klonende Erbmaterial besitzt, wird daraufhin in die entkernte Eizelle transferiert.[20] Das reproduktive Klonen hat den alleinigen Zweck, einen genetischen Zwilling zu erschaffen und keineswegs, um therapeutisches Gewebe zu generieren.

Die Embryonen, welche aus der Eizelle mit dem eingepflanzten Erbgut entstehen, müssen in die Gebärmutter einer Frau eingesetzt werden, um eine natürliche Entwicklungsmöglichkeit sicherzustellen.[21]

Völlig unproblematisch ist diese Art des Klonens keineswegs. Den Zellkern der Eizelle zu entnehmen, genügt noch nicht, um einen 100% identischen Zwilling zu erschaffen. Denn die genetische Information liegt zwar größtenteils im Zellkern, jedoch ist auch ein kleiner Teil der Erbinformation in den Mitochondrien außerhalb des Zellkerns zu finden.[22]

Die Schäden, die am Organismus durch eine Klonierung direkt oder mit fortschreitendem Alter auftreten können, sind unüberschaubar. Sie reichen von Organversagen, über Gewichtsprobleme, bis hin zu Herz- und Lungenschäden.[23]

3.2 Therapeutisches Klonen

Beim therapeutischen Klonen wird versucht, aus embryonalen Stammzellen Organe heranwachsen zu lassen. Dies kann beispielsweise eine Nieren- oder Leberzelle sein, die anschließend in den Körper eines erkrankten Menschen transplantiert werden kann. Ebenso wollen Embryonen- und Stammzellenforscher lebensbedrohliche Krankheiten wie Parkinson oder Diabetes durch gezüchtetes Organgewebe positiv beeinflussen.[24] Im Falle des Gelingens können lebenswichtige Organe herangezüchtet werden, die als Spenderorgane den bestehenden Mangel beseitigen können. Des Weiteren könnte mit diesem Verfahren einer Abstoßung implantierter Organe entgegengewirkt werden und es wäre möglich, krankhaft verändertes Gewebe durch die Injektion von differenzierten Stammzellen zu heilen.[25]

Die Verfahrensweise des therapeutischen Klonens ähnelt in ihren Grundzügen der des reproduktiven Klonens.[26] Lediglich die Absichten der beiden Verfahren divergieren. Das stark negativ besetzte Verfahren des reproduktiven Klonens hat das Ziel, einen identischen Klon eines bereits existierenden Lebewesens zu erschaffen. Das zwar eher positiv konnotierte, aber in den Grundzügen gleiche Verfahren, verfolgt das Ziel einer „guten“ Handlung, einem allgemein anerkannten Wunsch der Gesellschaft. Die Heilung von lebensbedrohlichen Krankheiten.[27]

Aktuell besteht nach einer vorgenommenen Organtransplantation das Risiko, dass fremde Organe vom Immunsystem des Empfängers abgestoßen werden können. Nach Meinung der Wissenschaftler ist es deshalb kaum möglich, mit Hilfe fremder Zellen ein Gewebewachstum anzuregen, wodurch eine Heilung von Parkinson, Alzheimer oder Krebs praktisch unmöglich ist. Eben dieser Tatsache versucht das therapeutische Klonen entgegenzuwirken. Es ist die Aufgabe der modernen Biomedizin, Organe und Zellgewebe heranzuzüchten, die mit der genetischen Struktur des Patienten identisch sind.[28] Das bedeutet, dass zunächst ein menschlicher Klon gezüchtet werden muss, der denselben genetischen Code wie der Patient aufweist, bevor man Stammzellenlinien aus diesem Embryo kultiviert.[29]

Hier lässt sich erkennen, dass die Kultivierung von Stammzellenlinien beim therapeutischen Klonen identisch ist mit dem biotechnologischen Verfahren des reproduktiven Klonens. Der Unterschied besteht darin, dass der durch Kernzellentransfer entstandene Klon nun nicht in die Gebärmutter der Frau eingepflanzt wird. Die Existenz des Embryos wird in einem sehr frühen Stadium beendet, sobald die embryonalen Stammzellen entnommen wurden.[30]

4. Ethisches und moralisches Konfliktpotenzial der modernen Biomedizin

Die moderne Biomedizin beschäftigt die Politik, Wissenschaft, unsere Gesellschaft und löst heftige Debatten aus. Es werden grundlegende Fragen des menschlichen Selbstverständnisses aufgeworfen, die von Gegnern und Befürwortern der embryonalen Stammzellenforschung unterschiedlicher kaum zu beantworten sind.

Die aktuellen biotechnischen Verfahren sowie deren Auswirkungen bzw. Zielsetzungen wurden in den vorherigen Kapiteln zwar grob umrissen, jedoch ist es noch nicht geklärt, ob deren Realisierbarkeit durchsetzbar ist oder ob sie aus ethischer[31] und moralischer[32] Sicht überhaupt vertretbar sind. Was der Mensch mit zunehmendem Einblick und Kenntnis über den menschlichen Körper erfährt, eröffnet jedoch auch jene Gebiete, die der Mensch noch nicht weiß und auch in absehbarer Zukunft nicht wissen wird.[33]

Betrachtet man den Embryo in seinem frühen Entwicklungsstadium rein objektiv, so besteht die Gefahr, ihn in materialistischer Weise als Anhäufung von Zellen zu verstehen. Ein Embryo ist der Willkür der Mediziner und Forscher ausgesetzt.[34]

Hier schließt sich unweigerlich die Frage an nach dem Zeitpunkt des Beginns und Schutzes des menschlichen Lebens aufgrund der Würde der Person.[35]

Das enorme Konfliktpotenzial der Embryonenforschung besteht aufgrund der unterschiedlichen Zielsetzung und Interessenlagen der beteiligten Parteien. Erkrankte Menschen sehen eine Chance auf die Verbesserung ihrer derzeitigen oder zukünftigen Lebensumstände, während Medizin und Biotechnologie einen naturwissenschaftlichen Forschungsdrang an den Tag legen.

Der Theologe Ulrich Eibach[36] geht davon aus, dass bereits ein Embryo aufgrund seiner Beseelung ein schutzwürdiges Leben besitzt und die Gottesebenbildlichkeit in sich trägt.[37] Diese angesprochene Gottesebenbildlichkeit sehnt sich jedoch nach Vollendung, kann jedoch nur bruchstückhaft realisiert werden.[38] Aus diesem Grund müsste das Prinzip der Gottesebenbildlichkeit auch bei einem Embryo Anwendung finden. Die katholische Kirche datiert in der Donum Vitae[39] den Beginn des menschlichen Lebens auf den Zeitpunkt der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle, wodurch die Schutzwürdigkeit des Embryos von diesem Moment an gegeben ist.[40]

Wie also ist der Status eines einzelnen Embryos als Mensch und seiner Würde zu bewerten?

Die Diskussion über den Status des Embryos wird erst seit vergleichbar kurzer Zeit geführt. Die weibliche Eizelle wurde erst im Jahre 1827 entdeckt und die Verschmelzung der Ei,- und Samenzelle erst im Jahre 1875 sichtbar gemacht, sodass es nicht verwundert, dass ethische Fragestellungen, welche die Embryonenforschung betreffen, noch in den Kinderschuhen stecken.[41]

Die enormen Fortschritte der Biotechnologie in den letzten Jahren machen es notwendig, allgemeingültige gesetzliche und ethische Regelungen festzulegen, die einen Eingriff in das menschliche Leben regeln.

Der wohl umstrittenste und damit auch am wichtigsten zu klärende Zweig der Forschung ist der der embryonenverbrauchenden Forschung. Embryonen werden hier als reine Objekte angesehen, denen zum Zwecke der Stammzellengewinnung jegliche Identität und die Möglichkeit zu einem lebensfähigen Organismus heranzuwachsen, genommen wird.

Die Weiterentwicklung der Zellkultivierung beim therapeutischen Klonen soll genutzt werden, um schlussendlich Eigengewebe zu züchten und Organe heranwachsen zu lassen, welche erkrankten Menschen neue Lebenschancen ermöglichen, auf das auch sie ein Anrecht haben. Gerade weil es um die Förderung des gesundheitlichen Zustands vieler Menschen geht, ist es unbedingt notwendig, den Status des Embryos als Mensch zu definieren, die Würde dieses ungeborenen Menschen festzulegen, um ein eventuelles uneingeschränktes Lebensrecht zu garantieren. Die Würde der Person wird unter verschiedenen philosophischen, moralischen und theologischen Gesichtspunkten betrachtet, um diesen Begriff mit Inhalt zu füllen.

Nicht nur das therapeutische Klonen verlangt eine Bestimmung der Würde des Menschen. Ebenso muss bei der Präimplantationsdiagnostik und In- Vitro- Fertilisation als Teildisziplinen der Embryonenforschung eine Begriffsbestimmung vorgenommen werden, da auch hier ein enormes ethisches und moralisches Konfliktpotenzial besteht. Die vorgeburtliche Entnahme von Fruchtwasser und die Präimplantationsdiagnostik selbst haben zum Ziel, Schädigungen der Gensequenz des Embryo zu diagnostizieren. Diese Diagnosetechniken kommen deshalb zum Einsatz, um das heranwachsende Kind aufgrund genetischer Fehlbildungen abzutreiben oder erst gar nicht in die Gebärmutter einzusetzen. Wieder entscheiden andere Menschen, in diesem Fall die Eltern und Mediziner, über den Fortbestand oder die Beendigung eines Menschenlebens. Auch in diesem Fall fällt der Blick auf den Embryo als Objekt. Hierbei muss jedoch auch das Interesse der Eltern berücksichtigt werden, die die Verantwortung für das entstehende Kind tragen werden. Ob ihnen ein Recht zukommt, über den Fortbestand des Embryos zu entscheiden, ist fraglich.

[...]


[1] Vgl. Kleinert, Reiner / Stratil, Franz X. / Ruppert, Wolfgang: Fortpflanzung, Vererbung, Verhalten. München: mentor Verlag 2002, S. 10.

[2] „Embryo [von gr. embryon = Neugeborenes (Lamm); ungeborene Leibesfrucht]“ Spieß, Constanze: Diskurshandlungen. Theorie und Methode linguistischer Diskursanalyse am Beispiel der Bioethikdebatte. Berlin/Boston: Walter de Gruyter 2011, S. 288.

[3] Vgl. Schwegler, Johann / Lucius, Runhild: Der Mensch. Anatomie und Physiologie. 5. Auflage. Stuttgart/New York: Georg Thieme Verlag 2011, S. 387.

[4] Die genaue Definition der Präimplantationsdiagnostik erfolgt in Kapitel 3.

[5] Vgl. Böcher, Urs Peter: Präimplantationsdiagnostik und Embryonenschutz. Zu den Problemen der strafrechtlichen Regelung eines neuen medizinischen Verfahrens. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2004, S. 36.

[6] „in vitro[lateinisch >im Glas<], künstlich, im Labor (in Glasgefäßen, z. B. Reagenzgläsern) hergestellt.“ Duden: Das große Buch der Allgemeinbildung. Mannheim/Zürich: Dudenverlag 2013, S. 426.

[7] Vgl. Campbell, Neil A. / Reece, Jane B.: Biologie. Heidelberg/Berlin: Spektrum Akademischer Verlag 2003, S. 1193.

[8] Die Zygote (gr. Zygotos = vereinigt, verbunden) entsteht, wenn sich eine Oozyten und ein Spermium bei der Konzeption (Befruchtung) vereinigen. Die Zygote repräsentiert den Anfang des Lebens und ist damit das erste Stadium, das auch als Embryo bezeichnet werden kann. Vgl. Dohr, Gottfried: Der Beginn des Menschenlebens aus der Sicht der Embryologie. In: Wortwechsel. Sprachprobleme in den Wissenschaften interdisziplinär auf den Begriff gebracht. Hrsg. von Esterbauer, Reinhold / Pernkopf, Elisabeth / Ruckenbauer, Hans-Walter. Würzburg: Königshausen & Neumann 2007, S. 197.

[9] Vgl. Nüsslein-Volhard, Christiane: Das Werden des Lebens. Wie Gene die Entwicklung steuern. München: C.H. Beck 2004, S. 182.

[10] Vgl. Böcher, U. P.: Präimplantationsdiagnostik und Embryonenschutz. Zu den Problemen der strafrechtlichen Regelung eines neuen medizinischen Verfahrens, S. 16

[11] Vgl. Asada, Kazushige: Rechte als Grenze der genetischen Medizin – aus japanischer Perspektive. In: Recht und Ethik im Zeitalter der Gentechnik: deutsche und japanische Beiträge zu Biorecht und Bioethik. Hrsg. von Schreiber, Hans-Ludwig / Rosenau, Henning / Ishizuka, Shinichi / Kim, Sangyun. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2004, S. 92.

[12] Vgl. Domasch, Silke: Biomedizin als sprachliche Kontroverse. Die Thematisierung von Sprache im öffentlichen Diskurs zur Gendiagnostik. Berlin: Walter de Gruyter 2007, S. 72.

[13] Vgl. Wallner, Sybille: Moralischer Dissens bei Präimplantationsdiagnostik und Stammzellenforschung. Eine ethische Lösungsmöglichkeit. Bd. 12. Berlin: Lit Verlag 2010 (=Philosophie im Kontext), S. 71.

[14] Vgl. ebd., S. 72f.

[15] Vgl. Campbell, N. A. / Reece, J. B.: Biologie, S. 276

[16] „pränatal beschreibt Ereignisse vor der Geburt. (lat. prä = vor/ vorangehend; lat. natal = geburtlich/die Geburt betreffend)“ Lohse, Tina: Hilfe, ich kann mein Kind nicht lieben. Postpartale Depression: Krankheitsbild, Verlauf, Ursachen, Therapiemöglichkeiten. Hamburg: Diplomica Verlag 2008, S. 45.

[17] Vgl. Feldhaus-Plumin, Erika: Versorgung und Beratung zu Pränataldiagnostik. Konsequenzen für die psychosoziale und interdisziplinäre Beratungsarbeit. Göttingen: V&R unipress 2005, S. 17.

[18] Vgl. Reul, Anita: “Es könnte doch sein…?“. Pränatale Diagnostik auf dem Prüfstand. Marburg: Tectum Verlag 2001, S. 43.

[19] Vgl. Bühl, Achim: Reproduktives Klonen in „real life“ und in der Science Fiction. In: Auf dem Weg zur biomächtigen Gesellschaft?. Chancen und Risiken der Gentechnik. Hrsg. von Bühl, Achim. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2009, S. 273.

[20] Vgl. ebd., S. 275f.

[21] Vgl. ebd.

[22] Vgl. Bühl, A.: Reproduktives Klonen in „real life“ und in der Science Fiction, S. 276

[23] Vgl. ebd., S. 283 f.

[24] Vgl. Carmine, Franz: Genomtechnologie und Stammzellenforschung - Ein verantwortbares Risiko?. Fakten und Meinungen. Eschborn: Govi-Verlag 2003, S. 83.

[25] Vgl. ebd., S. 83f.

[26] Vgl. Spieß, C.: Diskurshandlungen. Theorie und Methode linguistischer Diskursanalyse am Beispiel der Bioethikdebatte, S. 370

[27] Vgl. ebd., S. 370 f.

[28] Vgl. Kleinert, Reiner / Ruppert, Wolfgang / Stratil, Franz X.: Mehr Erfolg in Biologie. München: mentor Verlag 2010, S. 169.

[29] Vgl. Choi, Min Su: Der Umgang mit überzähligen Embryonen in Deutschland und Südkorea. Frankfurt am Main: Peter Lang Verlag 2010, S. 38f.

[30] Vgl. ebd., S. 39

[31] In diesem Zusammenhang meint die ethische Sichtweise den Vergleich und das Nachdenken über verschiedene moralische Einstellungen. Sie versucht zu klären, weshalb eine bestimmte Moral angebracht, vernünftig, richtig usw. ist. Die moralischen Sichtweisen einzelner Vertreter bieten die Grundlage für einen ethischen Meinungsfindungsprozess. Vgl. Fischer, Johannes / Gruden, Stefan / Imhof, Esther / Strub, Jean-Daniel: Grundkurs Ethik. Grundbegriffe philosophischer und theologischer Ethik. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. Stuttgart: W. Kohlhammer 2008, S. 83f.

[32] In diesem Zusammenhang meint die moralische Sichtweise die konkreten Verhaltensregeln, Normen oder Vorschriften, die unter den Menschen herrschen. Vgl. ebd.

[33] Vgl. Mieth, Dr. theol. Dietmar: Ethik angesichts der Beschleunigung der Biotechnik. http://www.bpb.de/apuz/25476/ethik-angesichts-der-beschleunigung-der-biotechnik?p=all (08.09.2015).

[34] Vgl. Brewe, Manuela: Embryonenschutz und Stammzellengesetz. Rechtliche Aspekte der Forschung mit embryonalen Stammzellen. Berlin/Heidelberg: Springer-Verlag 2006, S. 11.

[35] Vgl. Eibach, Ulrich: Gentechnik und Embryonenforschung. Leben als Schöpfung aus Menschenhand?. Eine ethische Orientierung aus christlicher Sicht. Hrsg. von Spieß, Dr. Jürgen. 2. Auflage. Wuppertal: R. Brockhaus Verlag 2002, S.54.

[36] Ebd.

[37] Vgl. ebd., S. 58 f.

[38] Vgl. Die Bibel. Altes und Neues Testament. Einheitsübersetzung nach Herder. Hrsg. im Auftrag der Bischöfe Deutschlands, Österreichs, der Schweiz, des Bischofs von Luxemburg, des Bi-schofs von Lüttich, des Bischofs von Bozen-Brixen. Stuttgart 1980, Röm 8, 19 ff.

[39] Ratzinger, Joseph: Kongregation für die Glaubenslehre. Instruktion über die Achtung vor dem beginnenden menschlichen Leben und die Würde der Fortpflanzung. http://www.vatican.va/roman_curia/congregations/cfaith/documents/rc_con_cfaith_doc_19870222_respect-for%20human-life_ge.html (19.10.2015).

[40] Vgl. Spieker, Manfred: Folgerungen aus der Natur des Menschen für die Weitergabe des Lebens und die Demokratie. Zur Instruktion Dignitas Personae. In: Der Appell des Humanen. Zum Streit um Naturrecht. Hrsg. von Thomas, Hans / Hattler, Johannes. Heusenstramm: ontos Verlag 2010, S. 87.; Vgl. auch Ratzinger, J.: Kongregation für die Glaubenslehre. Instruktion über die Achtung vor dem beginnenden menschlichen Leben und die Würde der Fortpflanzung. http://www.vatican.va/roman_curia/congregations/cfaith/documents/rc_con_cfaith_doc_19870222_respect-for%20human-life_ge.html

[41] Vgl. Grupe, Prof. Dr. Gisela / Christiansen, Prof. Dr. Kerrin / Schröder, Dr. Inge / Wittwer-Backofen, Prof. Dr. Ursula: Anthropologie. Einführendes Lehrbuch. 2. Auflage. Berlin/Heidelberg: Springer-Verlag 2012, S. 392.

Details

Seiten
42
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668217881
ISBN (Buch)
9783668217898
Dateigröße
685 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v322634
Institution / Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung)
Note
1,0
Schlagworte
Embryo Forschung Ethik Moral Kirche Abtreibung Schwangerschaft Baby Kind katholisch Papst Meinung Konflikt

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