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Ist die europäische Flüchtlingspolitik mit den Grundwerten der Europäischen Union vereinbar?

Diplomarbeit 2016 37 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Europäische Union

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Abkurzungsverzeichnis

II. Einleitung

III. 1st die europaische Fluchtlingspolitik mit den Grundwerten der Europaischen Union vereinbar?

1. Europaische Werte

2. Geschichte der Fluchtlingspolitik

3. Fluchtursachen
3.1. Verfolgung
3.2. Krieg
3.3. Armut
3.3.1. Afrika
3.3.2 Westbalkan
3.4. Klima

4. Asylpolitik in der EU
4.1. Entstehung
4.2. Rechtliche Grundlagen fur die Anerkennung als Fluchtling
4.2.1. Genfer Fluchtlingskonvention
4.2.2. Europaische Grundlagen

5. Menschenrechtsverletzungen in der Europaischen Union
5.1. Push-Backs
5.1.1. Der Fall Hirsi
5.1.2 Griechische Push-Backs
5.1.3. Push-Backs anderer EU-Staaten
5.2. Unterlassene Hilfeleistung

6. Losungsansatze
6.1. Schaffung legalerZugangswege
6.1.1. Humanitare Visa
6.1.2. Resettlement
6.2. Fluchtursachen bekampfen
6.2.1. Gemeinsame und langfristig angelegte Auftenpolitik
6.2.2. Faire und verantwortungsvolle Wirtschaftspolitik
6.3 Faire Verteilung innerhalb der Europaischen Union

IV. Gesamtbetrachtung

V. Quellenverzeichnis

VI. Anlage

I. Abkurzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

II. Einleitung

Am 3. Oktober 2013 kenterte vor der italienischen Mittelmeerinsel Lampedusa ein mit uber 500 Menschen besetztes Boot. An diesem Tag starben mindestens 366 Fluchtlinge, unter ihnen viele Frauen und Kinder.1 Dieses Ungluck loste in ganz Europa Entsetzen aus. Seit diesem Tag ist die Fluchtlingspolitik der Europaischen Union ein standiges Thema in Gesellschaft, Medien und Politik. Die Staats- und Regierungschefs der EU-Mitgliedsstaaten sowie EU-Politiker zeigten sich entsetzt und sprachen ihr Beileid aus. Der damalige Kommissionsprasident Barroso druckte es bei einem Besuch auf Lampedusa am 9. Oktober 2013 wie folgt aus: ,,Wir in der Europaischen Kommission, ich selbst und Kommissarin Malmstrom sind der Meinung, dass die Europaische Union nicht akzeptieren kann, dass tausende Menschen an seinen Grenzen sterben. Die Herausforderungen, denen Lampedusa und Italien gegenuberstehen, sind europaische Herausforderungen."2. Alle Verantwortlichen waren sich einig, dass solch eine Katastrophe wie die vor Lampedusa nicht mehr passieren darf. Dennoch sterben weiterhin jedes Jahr tausende Fluchtlinge auf dem Weg nach Europa. Die Europaische Union stellt sich trotzdem gerne als „Wertegemeinschaft" und Huterin von Demokratie und Menschenrechten da. Unter anderem deswegen hat die EU im Jahr 2012 den Friedensnobelpreis erhalten. Das norwegische Nobelkomitee begrundete die Vergabe an die Staatengemeinschaft mit dem „erfolgreichen Kampf [der Europaischen Union] fur Frieden, Versohnung, Demokratie sowie die Menschenrechte"3. Der weitestgehende Friede der seit Ende des zweiten Weltkrieges in Europa herrscht, die Demokratisierung des Kontinents und die Schaffung universeller Rechte sind zweifelsfrei grofte und wichtige Errungenschaften der EU und seiner Vorgangerorganisationen. Die daraus erwachsenen Wertvorstellungen sind ein wichtiges Fundament der Europaischen Union. Die aktuellen Fluchtbewegungen nach Europa und die Politik mit der die EU darauf reagiert stellen diese Werte auf eine harte Probe. Es stellt sich daher die Frage, ob die Europaische Fluchtlingspolitik mit den Grundwerten der Europaischen Union vereinbar ist.

Um diese Frage zu beantworten, wird in dieser Arbeit erforscht was europaische Werte sind und wie sie entstanden. Des Weiteren wird Fluchtlingspolitik auf globaler und europaischer Ebene analysiert, sowie potentielle Ansatze zur Losung der aktuellen Fluchtlingskrise erarbeitet.

III. 1st die europaische Fluchtlingspolitik mit den Grundwerten der Europaischen Union vereinbar?

1. Europaische Werte

Die Werte die die Europaische Union vertritt sind in Artikel 2 des Vertrags uber die Europaische Union festgeschrieben:

,,Die Werte, auf die sich die Union grundet, sind die Achtung der Menschenwurde, Freiheit, Demokratie, Gleichheit, Rechtsstaatiichkeit und die Wahrung der Menschenrechte einschlieRlich der Rechte der Personen, die Minderheiten angehoren. Diese Werte sind alien Mitgliedsstaaten in einer Geseiischaft gemeinsam, die sich durch Pluralismus, Nichtdiskriminierung, Toleranz, Gerechtigkeit, Solidaritat und die Gleichheit von Frauen und Mannern auszeichnet.“

Europaische Werte gibt es allerdings nicht erst seit der Europaischen Union oder ihren Vorgangerorganisationen. Erste Anzeichen fur europaische Werte finden sich im antiken Griechenland. Die Idee des offentlichen Gesprachs fand durch die Schaffung offentlicher Diskussionsraume Anwendung und ermoglichte offentlichen Vernunftgebrauch. Die grundlegende Metafahigkeit Fragen zu stellen, Fragen nach den Grunden fur bestimmtes Handeln, wurde erstmals auf eine politische Ebene gebracht. Den Menschen stand es frei uber Politik zu diskutieren und Argumente auszutauschen. Um Konflikte beizulegen wurden argumentationsgeleitete Schiedsgerichte eingefuhrt. Dies fuhrte zu einer Diskussionskultur, in der Gesprache auf Argumente aufgebaut waren. Diese Diskussionskultur war ein wichtiger Baustein fur die Verwirklichung der Idee von Demokratie.4

Die romische Kultur erweiterte die griechischen Errungenschaften noch um eine Rechtskultur, eine Auspragung von Amtsautoritat sowie bestimmte Universalanspruche. Die wichtigste Errungenschaft der Romer war hierbei das romische Recht, das auch als Beginn der Rechtswissenschaft gilt. In Ciceros Werk ,,De Offciis" aus dem Jahr 44 v. Chr. wird deutlich, wie fortschrittlich die Romer in dieser Materie bereits waren. So beschreibt Cicero, dass pflichtgemaftes Handeln und eine ehrenhafte Lebensfuhrung sowohl im offentlichen als auch im privaten Bereich wichtig ist (De Officiis I,4). Ein besonderes Augenmerk legt Cicero auch auf die besondere Fursorgepflicht gegenuber den schwacheren Mitgliedern einer Gesellschaft. Auch ihnen gegenuber sei Gerechtigkeit zu waren, auch sie seien gleich in Recht und vor Gericht (De Officiis 1,41; II, 85). Wir verdanken den Romern also die Idee des Burgertums, die auf Recht und Ordnung sowie Freiheit basiert.5

Eine wichtige Basis fur europaische Werte ist auch die judisch-christliche Tradition Europas. Durch das Christentum reifte die Oberzeugung, dass der Mensch ein Wesen mit Tiefe und Komplexitat ist. Jeder Mensch besitzt unabhangig von seinem Status eine unveraufterliche Menschenwurde. Diese Lehre, von der Gleichheit aller Menschen, hat unser Menschen- und Gesellschaftsbild nachhaltig beeinflusst und ist ein wichtiger Bestandteil europaischer Identitat.6

Im europaischen Einigungsprozess nach dem zweiten Weltkrieg spielten gemeinsame Werte erst einmal keine Rolle. Es sollte unmoglich werden wieder einen Krieg in Europa zu fuhren. Dies erfolgte durch eine zunehmende Verknupfung der europaischen Volkswirtschaften. Europa musste erst eine eigene Identitat entwickeln. Doch wie kann sich in einem Europa der zwei Geschwindigkeiten eine gemeinsame Identitat entwickeln? Osteuropa hat jahrzehntelang unter dem Kommunismus gelitten und kannte Werte wie Freiheit und Demokratie nicht. Nichtsdestotrotz hat sich eine europaische Identitat in der Gesellschaft entwickeln konnen. Dies geschah nicht trotz Kommunismus und den zwei Weltkriegen, sondern wegen dieser Ereignisse. Diese negativen Erfahrungen fuhrten zu einem neuen Bewusstsein in Europa. Aber auch wechselseitige Solidaritat und die Tatsache, dass Unterschiede nicht nur hinderlich, sondern ein Zeichen von Pluralismus und Vielfalt sind, trugen dazu bei. Europa begeisterte sogar regelrecht. Immer mehr Grenzen fielen und gerade die europaische Jugend erkundete Europa.

Der Pluralismus ist ein wichtiges Element in einem geeinten Europa. Obwohl die EU oft als Einheit betrachtet wird, besteht sie doch aus nun 28 Mitgliedsstaaten. Der Leitspruch der Europaischen Union: ,,geeint in Vielfalt", spiegelt dieses ambivalente Verhaltnis sehr treffend wieder.7 Diese Diversitat zu wahren ist ein Balanceakt in der EU: Gemeinsamkeiten und Pluralitat, Freiheit und Grenzen, ein Balanceakt der nicht immer gelingt.8 Geographisch betrachtet konnen hier zwei Trennlinien gezogen werden: eine West-Ost- und eine Nord-Sud-Linie. Die Ausdifferenzierung zwischen West und Ost fangt bereits im vierten Jahrhundert politisch durch die Trennung des West- und des Ostromischen Reiches an und setzt sich religios durch das Schisma von romisch-katholischer und griechisch- orthodoxer Kirche fort. Der eiserne Vorhang nach dem zweiten Weltkrieg tat sein Obriges. Die kulturellen Unterschiede zwischen Nord- und Sudeuropa haben ihren Anfang im Romischen Reich, welches die lateinischen von germanischen und keltischen Volkern trennte. Auch wenn diese Grenze nicht mehr existierte, trennte sie jedoch ebenfalls noch die Bewegungen der Reformation im Norden und die der Gegenreformation im Suden. Haller stellte diese unterschiedlichen Entwicklungen im Jahr 1990 grafisch dar (siehe Anlage).9

Diese politischen, kulturellen und religiosen Unterschiede zwischen den einzelnen Mitgliedsstaaten in der EU fuhren auch zu einem unterschiedlichen Werteverstandnis. Das Demokratieverstandnis in Osteuropa ist ein anderes wie das in Westeuropa. Beispielhaft hierfur ist Ungarn, wo Ministerprasident Viktor Orban seit seinem Amtsantritt im Jahr 2010, systematisch Medien und Justiz gleichschaltet. Ahnliches zeigt sich in Polen wo 2015 die rechts-konservative PiS- Partei an die Macht kam. Schon in den ersten Tagen wurden unbequeme Journalisten entlassen, sowie Richter am Verfassungsgericht durch eigene Gefolgsleute ersetzt. Diese Beispiele zeigen, dass sich die Lander der Europaischen Union zwar auf einen gemeinsamen Wertekonsens geeinigt haben, die praktische Umsetzung dieser Werte unterscheidet sich jedoch aufgrund der verschiedenen Geschichten teils stark.

Diese Widerstande sind auch Indikatoren fur die Existenz einer europaischen Wertelandschaft. Wertelandschaften unterteilen sich ahnlich wie Religionen in verschiedene Dimensionen. Durch die kognitive Dimension werden bestimmte Oberzeugungen fur wahr gehalten, z. B. die Tatsachen, dass Frauen und Manner gleichberechtigt sind. Die soziale Dimension fuhrt dazu, dass Werte als Gemeinsamkeit angesehen werden. Die vielleicht wichtigste ist die affektive Dimension, durch die Werte auch emotional verankert werden. Aber auch die praktische Dimension ist nicht aufter Acht zu lassen, sie beschreibt den Nutzen der Anerkenntnis bestimmter Werte. Werte konnen jedoch nicht verordnet werden, sie mussen mit derZeit und mit Erfahrungen wachsen. Die Erfahrung hat Europa unter Anderem in den zwei Weltkriegen und im Kommunismus gemacht. Ein Indikator nach welchen Werten man lebt ist unter anderem Emporung.So waren z. B. die meisten Europaer uber die Schiffsunglucke von Fluchtlingen im Mittelmeer emport. Auch wenn die Emporung schnell nachlieft, war die Betroffenheit in ganz Europa doch groft, was auf die Existenz einer gemeinsamen Wertelandschaft schlieften lasst.10

Doch was macht diese Werte zu europaischen Werten? Tatsache ist, dass viele dieser Werte Ihren Ursprung in Europa haben, sei es im antiken Griechenland, im romischen Reich oder in der Zeit der Aufklarung. Dennoch sind diese Werte nicht exklusiv europaisch, sie gelten universal.11 Wir Europaer haben lediglich den Luxus uns ausfuhrlich uber Werte Gedanken machen zu konnen. In der Maslow 'schen Bedurfnispyramide gibt es funf Ebenen: physiologische Bedurfnisse, Sicherheitsbedurfnisse, soziale Bedurfnisse, Individualbedurfnisse und Selbstverwirklichung. Als Grundbedurfnisse konnen die physiologischen und die Sicherheitsbedurfnisse angesehen werden. Diese Grundbedurfnisse sind in Europa weitestgehend durch Systeme der sozialen Sicherung und staatliche Ordnung befriedigt. Maslows Theorie besagt, dass die Bedurfnisse hoherer Ordnung, um so wichtiger werden, je mehr die Grundbedurfnisse befriedigt sind. In Entwicklungslandern und den Landern der dritten Welt sind die Grundbedurfnisse bei einem Groftteil der Bevolkerung nicht befriedigt. Diese Menschen haben also andere Prioritaten, als sich uber Werte Gedanken zu machen.12

2. Geschichte der Fluchtlingspolitik

Asyl- und Fluchtlingspolitik hat in Europa eine lange Tradition. Das Wort „Asyl“ hat lateinisch-griechische Wurzeln und ist ein Ort, an dem Verfolgte Zuflucht finden konnen. Gleichzeitig ist es das Recht einer religiosen Autoritat, diesen Schutz zu gewahren. Zunachst boten lediglich religiose Orte, wie Tempel Schutz vor Verfolgung. Diesen Schutz konnte jeder in Anspruch nehmen, ob er privater oder politischer Gewalt ausgesetzt war. Dieser Schutz durch religiose Autoritaten hatte wie auch in heutiger Zeit, lediglich einen temporaren Charakter. In der spateren Antike bekam das Recht auf Asyl zunehmend auch einen politischen Charakter. Es wurde zu einem Instrument, mit dem ein Staat einem anderen Staat seine Macht demonstrieren konnte.13

Ende des ersten Weltkrieges kam es zur ersten groften Fluchtlingswelle. Nach der Oktoberrevolution im Jahr 1917 durch die Bolschewiki in Russland flohen 1,5 Millionen Russen ins Ausland. Im Jahr 1921 entzog die neue Regierung in Russland allen, die nach der Oktoberrevolution geflohen waren die russische Staatsburgerschaft. Ohne diplomatischen Schutz des einstigen Heimatstaates waren die Fluchtling in den Landern, in die sie geflohen waren nahezu rechtlos. DerVolkerbund, derVorgangerderVereinen Nationen, reagierte im Jahr 1922 auf diese Entwicklung. Er ernannte den Norweger Fridtjof Nansen zum Hochkommissar fur Fluchtlingsfragen. Dieser war jedoch nicht generell fur die Belange von Fluchtlingen zustandig, sondern lediglich fur die oben beschriebenen russischen Fluchtlinge und fur armenische Fluchtlinge, die in den 1920er Jahren von der Turkei vertrieben wurden. Nansen konnte allerdings nur tatig werden, wenn der zufluchtgewahrende Staat einen Vertrag mit dem Volkerbund unterzeichnet hat, ein sogenanntes ..Arrangement". Nach der Machtubernahme der Nationalsozialisten in Deutschland im Jahr 1933 wurde zusatzlich zum Nansen-Amt ein Hochkommissariat fur Fluchtlinge aus Deutschland eingerichtet. Dies lag daran, dass in den Vertragen des Volkerbundes mit den Unterzeichnerstaaten der Fluchtlingsbegriff vor allem daran fest gemacht wurde, woher ein Verfolgter stammte. Zu dieser Zeit war man also nur offiziell Fluchtling wenn man verfolgt wurde und aus einem bestimmten Land ins Ausland geflohen ist.14

Im Jahr 1946 wurde die .International Refugee Organisation", zu deutsch: .Internationale Fluchtlingsorganisation" gegrundet. Sie war die Nachfolgeorganisation der .United Nations Relief and Rehabilitation Administration", die vor allem fur die Repatriierung von nach Deutschland verschleppten Zwangsarbeitern zustandig war. Die IRO definierte einen Fluchtling, als eine .Person, die sich infolge der Ereignisse des zweiten Weltkrieges aufterhalb des Landes ihrer Staatsangehorigkeit oder ihres gewohnlichen Aufenthaltes befand und den Schutz ihrer Heimatregierung nicht in Anspruch nehmen konnte oder wollte". Ebenfalls wurden durch die Satzung der IRO, Personen geschutzt die gultige Einwande gegen ihre Ruckkehr in ihr Heimatland hatten.15

Die Internationale Staatengemeinschaft hat mit der Grundung der IRO lediglich auf die aktuelle Lage reagiert. Die Zustandigkeit der IRO erstreckte sich lediglich aufdie Folgen des Zweiten Weltkrieges. Die damaligen Verantwortlichen wussten, dass auch in Zukunft andere Ereignisse Menschen zur Flucht zwingen werden, aber sie waren nicht bereit fur einen langeren, unter Umstanden auch unbegrenzten Zeitraum Verantwortung fur Menschen in Not zu ubernehmen.

Im Jahr 1948 verabschiedete die Generalversammlung der Vereinten Nationen sodann die .Allgemeine Erklarung der Menschenrechte". Diese Erklarung hatte zwar keine rechtliche aber eine moralische Verbindlichkeit. In Artikel 14 Nr. 1 AEMR wurde das Recht auf Asyl festgeschrieben, so heiftt es: .Jeder hat das Recht, in anderen Landern vorVerfolgung Asyl zu suchen und zu genieften.“.

Ereignisse wie der griechische Burgerkrieg (1946 - 1949) und der erste indisch- pakistanische Krieg (1947 - 1949) machten die Notwendigkeit einer verbindlichen, internationalen Vereinbarung deutlich. Diese wurde mit der am 28. Juli 1951 von der UN-Generalversammlung verabschiedeten Genfer Fluchtlingskonvention geschaffen. Die Genfer Fluchtlingskonvention trat am 22. April 1954 in sechs Staaten, darunter der Bundesrepublik Deutschland in Kraft. Sie definiert einen Fluchtling als Person, ,,die infolge von Ereignissen, die vor dem 1. Januar 1951 eingetreten sind, und aus der begrundeten Furcht vor Verfolgung wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalist, Zugehorigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Uberzeugung sich auRerhalb des Landes befindet, dessen Staatsangehorigkeit sie besitzt, und den Schutz dieses Landes nicht in Anspruch nehmen kann oder wegen dieser Befurchtungen nicht in Anspruch nehmen will; oder die sich als Staatenlose infolge solcher Ereignisse auRerhalb des Landes befindet, in welchem sie ihren gewohnlichen Aufenthalt hatte, und nicht dorthin zuruckkehren kann oder wegen der erwahnten Befurchtungen nicht dorthin zuruckkehren will". Die Konvention gab Menschen die der Definition des Artikel 1 A Nr. 2 GFK entsprachen umfassende Rechte wie den Zugang zu Gerichten (Artikel 16 GFK), den Zugang zum Arbeitsmarkt (Artikel 17 ff. GFK) sowie die Freizugigkeit innerhalb des Aufnahmestaates (Artikel 26 GFK). Aber auch die Genfer Fluchtlingskonvention enthielt Einschrankungen, die einen Groftteil der hilfebedurftigen Menschen ausschlossen. Sie galt nur fur Personen, die infolge von Ereignissen vor dem 1. Januar 1951 zu Fluchtlingen wurden. Des Weiteren konnte jeder Staat gem. Artikel 1 Abschnitt B Nr. 1 a) GFK die Ereignisse die vor dem 1. Januar 1951 stattgefunden haben mussten, auf Europa beschranken. Im Jahr 1967 wurde sowohl die zeitliche Beschrankung auf Ereignisse vor dem 1. Januar 1951, also auch die raumliche Beschrankung auf Europa mit dem ,,Protokoll uber die Rechtsstellung von Fluchtlingen“ aufgehoben.

Das am 14. Dezember 1950 gegrundete UN-Hochkommissariat fur Fluchtlinge (UNHCR) ist mit der Oberwachung der Einhaltung der Konvention beauftragt. Seit seiner Grundung hat das UNHCR ca. 50 Millionen Menschen dabei geholfen Schutz vor Verfolgung zu finden und dafur in den Jahren 1954 und 1981 den Friedensnobelpreis erhalten.16

3. Fluchtursachen

Laut UNHCR waren im Jahr 2014 59,5 Millionen Menschen auf der Flucht. 19,5 Millionen davon sind Fluchtlinge, 38,2 Millionen sind Binnenvertriebene und 1,8 Millionen sind Asylsuchende. 86% dieser Menschen befinden sich in Entwicklungslandern und nicht in Europa.17

Europa sieht sich trotzdem mit einer unerwartet hohen Anzahl von Fluchtlingen konfrontiert. Um der Fluchtlingskrise Herr zu werden heift das Mantra von Politikern aller politischen Richtungen: ,,Fluchtursachen bekampfen". Doch warum fliehen diese fast 60 Millionen Menschen? Im Folgenden werden ausgewahlte Fluchtursachen beschrieben und durch Beispiele veranschaulicht.

3.1. Verfolgung

Verfolgung kann viele Grunde haben. Laut Genfer Fluchtlingskonvention sind Verfolgungsmotive Rasse, Religion, Nationalitat, Zugehorigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe und die politische Uberzeugung. Unter Rasse versteht man jede Art von Zugehorigkeit zu einer ethnischen Gruppe. Ein Beispiel hierfur sind die Roma und Sinti, die v. a. in Osteuropa beheimatet sind. Sie besitzen keinen eigenen Staat und sind in ihren Landern oft gezielter Diskriminierung ausgesetzt. Die Rasse hat auch eine Schnittmenge mit der Nationalitat, da hierbei nicht nur die Staatsangehorigkeit des Verfolgten sondern auch die ethnische und sprachliche Herkunft eine Rolle spielt. Diese Sichtweise findet sich auch im deutschen Sozialrecht wieder. So konnen nicht nur deutsche Staatsangehorige, sondern auch deutsche Volkszugehorige die Eigenschaft als Vertriebener nach dem Bundesvertriebenengesetz erlangen. Religiose Verfolgung liegt vor, wenn der Verfolgte in seiner Glaubensfreiheit oder bei der nach auften gerichteten, offentlichen Religionsausubung eingeschranktwird.18

Religiose Verfolgung herrscht noch in sehr vielen Landern weltweit. Laut dem Weltverfolgungsindex des christlichen Hilfswerks Open Doors, das jahrlich einen Bericht zur Christenverfolgung weltweit veroffentlicht, ist Nordkorea das Land, in dem Christen der groftten Verfolgung ausgesetzt sind. Von den 200.000 bis 400.000 Christen befinden sich 70.000 in den beruchtigten nordkoreanischen Arbeitslagern. Christen werden jedoch vor allem in muslimischen Landern wie Somalia, dem Irak und Syrien verfolgt.19

[...]


1 Grenz, W., Lehmann, J., KelJler, S. (2015): Schiffbruch S. 10

2 Barroso, J. M., 9. Oktober2013, eigene Ubersetzung

3 Nobelkomitee, The Nobel Peace Prize for2012, 12.10.2012

4 Sedmak, C. (2010): Solidaritat S. 21

5 Sedmak, C. (2010): Solidaritat S. 23, 25

6 Sedmak, C. (2010): Solidaritat S. 30

7 Kufer, A. (2013): Europaische Wertegemeinschaft? S. 28

8 Sedmak, C. (2010): SolidaritatS. 10

9 Kufer, A. (2013): Europaische Wertegemeinschaft? S. 29

10 Sedmak, C. (2010): SolidaritatS. 15,17

11 Sedmak,C. (2010): Solidaritat S.19

12 Kufer, A. (2013): Europaische Wertegemeinschaft) S. 12

13 Grenz, W., Lehmann, J., Keftler, S. (2015): Schiffbruch S. 29

14 Grenz, W., Lehmann, J., KelJler, S. (2015): Schiffbruch S. 31

15 Grenz, W., Lehmann, J., KelJler, S. (2015): Schiffbruch S. 38, 39

16 Seehase, J. (2013) Die Grenzschutzagentur Frontex S. 30

17 UNHCR (2015), Global Trends S. 2, eigene Ubersetzung

18 UNHCR (2003), Handbuch uberVerfahren und Kriterien zur Feststellung der Fluchtlingseigenschaft S.19, 20, zit. In: Seehase, J. (2013) Die Grenzschutzagentur Frontex S. 42

19 Open Doors (2015) Weltverfolgungsindex 2015S. 5

Details

Seiten
37
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668219533
ISBN (Buch)
9783668219540
Dateigröße
574 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v322530
Note
2,0
Schlagworte
Flüchtlingspolitik Europäische Union Werte Lampedusa Mittelmeer Flucht Flüchtling Europäische Werte EU

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