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Transgenerationale Weitergabe von Traumata. Das Trauma der Überlebenden des Holocausts

Hausarbeit (Hauptseminar) 2016 18 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Der Holocaust als Folge des Antisemitismus im Nationalsozialismus

3 Begriffdefinitionen
3.1 Trauma
3.2 Übertragung
3.3 Transgenerationalität

4 Das Trauma der Überlebenden des Holocaust

5 Transgenerationale Weitergabe des Holocausttraumas
5.1 Generation jüdische Kriegskinder, Generation jüdischer Kriegsenkel
5.2 Weitergabe durch Transmissionsmedien
5.3 Konsequenzen infolge einer Weitergabe des Traumas

6 Individuelle Bewältigung von Traumata

7 Ilany Kogans „Eine Reise durch das Eisschloss“
7.1 Fallbeispiel
7.2 Fallspezifische Übertragung des Holocausttraumas an Folgegenerationen

8 Fazit

Quellenverzeichnis

1 Einleitung

TTT. Transgenerational Transmission of Trauma, zu Deutsch auch Transgenerationale Weitergabe von Traumata genannt. Als ein vergleichsweise neues psychoanalytisches Phänomen wurde die Übertragung eines Traumas auf Folgegenerationen bereits mittels diverser Studien untersucht und bis zu einem gewissen Grad auch bestätigt. Erstmals beschäftigten sich Psychoanalytiker mit der TTT Theorie infolge der traumatischen Erlebnisse während des Holocaust. Es zeigte sich, dass vermehrt die Kinder von Holocaust-Überlebenden ärztliche Hilfe zur Bewältigung ihres geerbten Traumas aufsuchten. Zwar hat die Generation jüdischer Kriegsenkel die Geschehnisse während des historischen Ereignisses nicht leibhaftig miterlebt, doch haben sich die schrecklichen Erfahrungen der Eltern im Unterbewusstsein einiger Kinder manifestiert und richten dort mehr oder weniger schwere Schäden an.

In der folgenden wissenschaftlichen Hausarbeit bezüglich der transgenerationalen Weitergabe von Traumata am Beispiel des Holocaust soll ebenjenes Phänomen der psychoanalytischen Sozialforschung erörtert werden, beginnend mit einem Historischen Umriss des Holocaust. Nachdem die Geschehnisse während des Holocaust als Folge des Antisemitismus im Nationalsozialismus ausreichend geschildert wurden sind einige Begriffsdefinitionen vonnöten, um die Theorie der TTT begreiflich zu vermitteln. Das Trauma, die Übertragung, ebenso wie die Transgenerationalität werden im Zuge dessen erläutert. Um über das Holocaust-Trauma zu sprechen ist eine Beschreibung dessen unumgänglich. Nachdem die nötigen Begriffe und elementare Sachverhalte dargelegt wurden wird die Theorie der transgenerationalen Weitergabe des Holocaust-Traumas anhand der Festlegung von jüdischen Kriegskinder und Kriegsekel, Transmissionsmedien zur Übertragung und den Konsequenzen infolge einer Weitergabe des Traumas, erarbeitet. Auch die individuelle Bewältigung von Traumata ist Bestandteil dieser wissenschaftlichen Arbeit. Schlussendlich, bevor im Fazit eine geringfügige Kritik an diesem psychoanalytischen Phänomen geäußert wird, wird die Theorie nochmals anhand eines Fallbeispiels nach Ilany Kogan gefestigt.

2 Der Holocaust als Folge des Antisemitismus im Nationalsozialismus

Laut Definition des Bundesverfassungsschutzes bezeichnet Antisemitismus „ein zentrales Ideologieelement des Rechtsextremismus [das] in allen seinen Äußerungsformen virulent [zu sein scheint], seien sie publizistisch, parlamentarisch oder auch aktionistisch orientiert.“ (BfV, https://www.verfassungsschutz.de/de/service/glossar/_lA#antisemitismus) Im Zentrum des rechtsextremistischen Antisemitismus stehen hierbei die pauschale Ablehnung des Judentums und alles Jüdischen. Im Folgenden soll nun geklärt werden, wie ebenjene rassistische Haltung der deutschen Bevölkerung zur Zeit des Nationalsozialismus zu den Schrecken des Holocaust führen konnten.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 begann zugleich auch die Unterdrückung der jüdischen Bevölkerung in Deutschland. Vorerst noch darauf ausgerichtet die Juden mithilfe diskriminierender Handlungen aus der Gesellschaft oder gar aus dem Land zu vertreiben, wie etwa durch systematische Boykottaktionen gegen jüdische Geschäfte, Arztpraxen und Anwaltskanzleien, sollten schon wenige Jahre später härtere Maßnahmen ergriffen werden. (vgl. Ortag 2004, S.109)

In den Jahren 1933 bis 1939 wurde das Leben jüdischer Menschen in Deutschland beinahe unerträglich. Doch trotz aller Repressionen verblieben viele deutsche Juden weiterhin im Land, welches sie noch immer als ihre Heimat ansahen. Diese Entscheidung sollte zahllosen Menschen zum Verhängnis werden, insbesondere nach Erlass der Nürnberger Gesetze am 15. September 1935. Denn mit dem Inkrafttreten der Nürnberger Gesetze, bestehend aus dem Blutschutzgesetz und dem Reichsbürgergesetz, war nun die rechtliche Grundlage für die Verfolgung der Juden in Deutschland geschaffen. Von diesem Zeitpunkt an war eine antisemitische Haltung nicht nur legal, sondern überdies auch gesetzlich vorgeschrieben. (vgl. Freyberger H. & Freyberger H. J. 2011, S.537)

Einen weiteren tiefen Einschnitt im Leben der in Deutschland lebenden Juden markiert der 7. November 1938, der Tag an dem der jüdisch-polnische Staatsbürger Herschel Feibel Grynszpan den Legationssektretär der deutschen Botschaft, Ernst von Rath, in Paris erschießt. Der Mord am Legationssektretär sollte in erster Linie Herschels Protest an der Abschiebung seiner Familie zum Ausdruck bringen. Doch Josef Goebbels und das antisemitisch eingestellte nationalsozialistische Regime nutzten ebenjene Tat als Vorwand für die „Reichskristallnacht“, welche vielen deutschen Juden das Leben kostete. (vgl. Freyberger H. & Freyberger H. J. 2011, S.538) (vgl. Ortag 2004, S.116)

In der Nacht vom 9. auf den 10. November wurden Synagogen in Brand gesetzt, jüdische Geschäfte und Wohnungen demoliert und Juden verhaftet oder gar ermordet. Auch nach jener Nacht blieb die Lage der in Deutschland lebenden Juden weiterhin aussichtslos. Zunächst wurde ihnen auferlegt den „Judenstern“ als Erkennungsmerkmal zu tragen und abhängig vom Geschlecht den Namen „Sara“ oder „Israel“ anzunehmen, bis im Jahre 1941 die Deportationen in die Konzentrations- bzw. Vernichtungslager begannen, wo Millionen von Menschen ihr Leben ließen. Heute geht man davon aus, dass etwa zwei Drittel der sechs Millionen deutschen Juden, welche Opfer des Holocaust (auch: Shoah) wurden, in Konzentrationslagern mittels Gaskammern ermordet wurden. (vgl. Freyberger H. & Freyberger H. J. 2011, S.538f)

3 Begriffdefinitionen

Bevor nun im weiteren Verlauf dieser wissenschaftlichen Arbeit das Forschungsthema der Transgenerationalen Weitergabe des Holocausttraumatas näher betrachtet wird, sollen zum Zweck des besseren Verständnisses einige elementare Termini hinreichend definiert werden. Das Festlegen auf eindeutige Begriffsbestimmungen ist dringend erforderlich, um meine Ausarbeitung der Thematik zu begreifen. Andere Sozialwissenschaftler nutzen andere Definitionen der Begriffe Trauma, Übertragung und Transgenerationalität. Im Folgenden sollen diese Begriffe nun nach meinem Verständnis mithilfe entsprechender Literatur erläutert werden.

3.1 Trauma

Wie bereits in Punkt 3 „Begriffsdefinitionen“ angesprochen gibt es nicht die eine allgemeingültige Definition des Ausdrucks „Traumata“. Vielmehr haben im Laufe der Zeit diverse Wissenschaftler den Versuch unternommen das Trauma nach ihrem Verständnis zu erklären.

So beschreiben beispielsweise die Autoren des Lehrbuch der Psychotraumatologie ein psychisches Trauma „als ein vitales Diskrepanzerlebnis zwischen bedrohlichen Situationsfaktoren und den individuellen Bewältigungsmöglichkeiten, das mit Gefühlen von Hilflosigkeit und schutzloser Preisgabe einhergeht und so eine dauerhafte Erschütterung von Selbst- und Weltverständnis erwirkt.“ (Fischer et al., 2009, S.79) Hofmann wiederrum erkennt den traumatischen Prozess als eine Art Wundheilung. Denn sowohl während eines traumatischen Prozesses, als auch im Prozess der Wundheilung infolge einer physischen Verletzung besteht die Möglichkeit, dass trotz allem verschiedene Krankheitsbilder auftreten. Darüber hinaus können beide Verletzungen, sowohl Psychische, als auch Physische, den Eindruck erwecken zu heilen, während die wahren inneren Schäden nach außen kaum sichtbar sind. (vgl. Bachhofen 2012, S.17)

Als eine weitere, jedoch nicht minder interessante Definition des Terminus „Traumata“ soll diejenige von Reddemann herangezogen werden. Reddemann vergleicht das Trauma mit einer schmerzlichen Erfahrung die durch eine von drei Traumaquellen ausgelöst werden kann: „[Jene], die vom Menschen zugefügt wurden, [jene], die apersonal sind (Naturkatastrophen, Verluste nahestehender Personen), und [solche], die [„kollektiv“] geschehen, wie z.B. Kriegserfahrungen.“ (Bachhofen 2012, S.17) Nach sorgfältiger Überlegung soll im Kontext dieser wissenschaftlichen Arbeit ebendiese letzte Definition als grundlegende Beschreibung des Begriffs „Trauma“ dienen, da sie sich unter anderem mit kollektiven Traumaquellen, wie etwa dem Holocaust, beschäftigt. Doch inwieweit sich die schädigende Kraft eines traumatisierenden Erlebnisses auf den Einzelnen auswirkt ist auch immer abhängig vom sozialen Kontext und der Stabilität seiner seelischen Struktur. (vgl. Bachhofen 2012, S.17)

3.2 Übertragung

Das Phänomen der Übertragung wurde erstmals vom Begründer der Psychoanalyse, Sigmund Freud, beobachtet und zählt heute zu den Grundlagen dieses psychologischen Fachgebiets. Es beschreibt im Allgemeinen den überwiegend unbewussten Vorgang verdrängte Gefühle aus der Vergangenheit auf neue soziale Kontakte in der Gegenwart zu übertragen und zu reaktivieren. Genauer noch können ebenfalls verdrängte Wünsche, Befürchtungen und Erwartungen, seien sie positiv oder negativ, übertragen werden. Oftmals sind es jedoch die negativen Aspekte, wie beispielsweise auch ein Trauma das die Vergangenheit mittels Übertragung mit der Gegenwart verknüpft und diese beeinflusst. Anders formuliert findet beim unbewussten Prozess der Übertragung eine Neuinszenierung von Erinnerungen statt, jedoch unter veränderten äußeren Bedingungen. (vgl. Freud 1991)

Die Übertragung ungelöster Konflikte und Traumata kann im Vergleich zur Übertragung positiver Gefühle allerdings die individuelle Wahrnehmung der Gegenwart in negativer Weise verzerren und infolgedessen die gegenwärtige Realität, sowie die sozialen Beziehungen beeinträchtigen und im schlimmsten Falle sogar zerstören. Noch expliziter wird dieses Phänomen in Punkt 7.3 „Fallspezifische Übertragung des Holocausttraumas an Folgegenerationen“ erklärt.

3.3 Transgenerationalität

Als ein eigens für die Forschungen der Psychoanalyse entwickeltes Phänomen umfasst die Transgenerationalität sogenannte transgenerationale Übertragungen. Wie bereits in der vorangegangenen Definition zur Übertragung beschrieben, besteht die Möglichkeit, dass traumatische Erfahrungen, die von Betroffenen nicht verarbeitet werden, für sie selbst und auch nahestehenden Personen als eine lebenslange Belastung bestehen bleiben können. Mittels Albträumen, Fantasien oder auch durch das unbewusste Verhalten nachfolgender Generationen können ungelöste Konflikte abermals in Erscheinung treten. Insbesondere aufgrund von Erfahrungen mit Missbrauch und Misshandlung, ebenso wie durch Kriegserfahrungen treten transgenerationale Übertragungen bei nachfolgenden Generationen auf. Das Konzept der Transgenerationalität wird hierbei jedoch nicht als eine genetische Übertragung begriffen. Vielmehr konzentriert sich die transgenerationale Übertragung auf psychische Güter, die infolge eines traumatischen Erlebnisses auf Verwandte, speziell auf Kinder und Enkel, übertragen, bzw. an sie vererbt werden. Freud bezeichnete diese Verbundenheit zwischen Eltern und ihren Kindern als „Gefühlserbschaft“. (vgl. Ostheimer 2013, S.29) (vgl. Jureit 2006, S.70f) (vgl. Moré 2015. S. 63)

Jenes Phänomen konnte in besonderem Maße bei Kindern und Enkeln der Holocaust-Überlebenden beobachtet werden, nachdem diese vermehrt therapeutische Hilfe anforderten. Die Extremtraumatisierung der Eltern veränderte in vielen Fällen die psychische Struktur der Betroffenen, ebenso wie deren individuelle Persönlichkeit. Schlussendlich manifestierte sich das Holocausttrauma, oder auch das Überlebenden-Syndrom der Hinterbliebenen in einigen Fällen auch bei den Nachkommen. (vgl. Moré 2015. S. 63f)

4 Das Trauma der Überlebenden des Holocaust

„Als sich 1945 die Tore der NS-Konzentrationslager öffneten, wurden Zehntausende von Lagerinsassen befreit, die physisch und psychisch in einer die menschliche Vorstellungskraft übersteigenden Weise heruntergekommen waren.“ (Zajde 2011, S. 17) Durch Folter, Hunger und Sklaverei gezeichnet, sollten die Überlebenden im Zuge ihrer Befreiung in den darauffolgenden Jahren resozialisiert und aufgrund ihrer traumatischen Erfahrungen therapiert werden, um möglichen Folgeschäden entgegenzuwirken. (vgl. Zajde 2011, S. 17)

Jahre später entstanden die ersten wissenschaftlichen Arbeiten bezüglich der psychischen Auswirkungen auf die Überlebenden, infolge ihrer qualvollen Erlebnisse während des Holocaust. Viele davon handelten vom sogenannten KZ- oder Überlebenden-Syndrom. Dies zeichnet sich im Falle der Shoah hauptsächlich durch die Schuldgefühle so mancher Hinterbliebenen aus, die Schrecken des Holocaust überlebt zu haben, während unzählige Juden gestorben sind. Doch während die plagenden Schuldgefühle sicherlich ein Hauptmerkmal des KZ-Syndroms darstellen, so definiert sich Trauma der Überlebenden doch auch durch die allgegenwärtige Angst vor einer Wiederholung des Erlebten. Das Leben der betroffenen Juden ist bis heute noch mitunter von Gefühlen der Schutzlosigkeit und Rechtlosigkeit geprägt. (vgl. Zajde 2011, S.17ff)

Weiterhin ist das Holocausttraumata durch folgende Symptome gekennzeichnet: Überlebende leiden unter anderem an Depressionen aufgrund gedanklichen Wiedererlebens des traumatischen Erlebnisses, Schlaflosigkeit wegen traumatischen Träumen und ständiger Unsicherheit. Innere Unruhe ist ein anhaltender Zustand, ebenso wie Angst und der Rückzug in sich selbst. Selbstredend ist jene Symptomatik auch immer abhängig vom Individuum und seiner psychischen Konstitution, wie bereits in der Definition zum Traumatabegriff erklärt. Ein jeder Betroffene geht anders mit solch traumatischen Erfahrungen um. (vgl. Zajde 2011, S.18ff)

5 Transgenerationale Weitergabe des Holocausttraumas

Die Transgenerationale Weitergabe des Holocausttraumas basiert auf dem bereits behandelten Konzept der Transgenerationalität. Doch kommen im Zusammenhang mit dieser Thematik bisher noch ungelöste Fragen auf: „Kann ein Holocaust-Überlebender sein Trauma [tatsächlich] an sein Kind weitergeben und kann das Kind die Last des Holocaust-Traumas von seinen Eltern [„erben“]? Wenn ja, wie findet diese Traumatransmission statt? [Und wenn] die Nachkommen den Holocaust nicht am eigenen Leib erlebt haben, wie ist es dann möglich, dass sie an seinen Folgen leiden […]?“ (Kellermann 2011, S.142) Das alles sind Fragen, die es in dieser wissenschaftlichen Arbeit in groben Zügen zu beantworten gilt.

Die Transgenerationale Weitergabe, oder auch Übertragung von Traumata ist ein recht merkwürdiges Phänomen, da es doch auf psychischer Ebene stattfindet und für Außenstehende nicht direkt greifbar scheint. Beispielsweise empfindet eine Frau das Gefühl der Angst vor einer Schwangerschaft weil ihre Mutter im Krieg ein Kind verloren hat. Ein Vater bricht sich als Jugendlicher beim Fußballspielen das Bein und überträgt diese Erfahrung Jahre später unbewusst auf seinen Sohn, wodurch dieser wiederrum als Heranwachsender an einer Beinlähmung leidet. Hat man eine solche transgenerationale Übertragung nicht selbst erlebt ist es ohne eine gewisse Offenheit gegenüber psychoanalytischen Prozessen schwierig diese Kausalzusammenhänge zu begreifen. (vgl. Kellermann 2011, S.142)

Entgegen der Zweifel an der transgenerationalen Weitergabe von Traumata verweist Kellermann in diesem Zusammenhang auf die Volksweisheiten „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“ und „Wie der Vater so der Sohn“. Ein jeder kennt die beiden Sprichwörter und gesteht ihnen auch einen bestimmten Wahrheitsgehalt zu. Es ist faktisch bewiesen, dass das Erziehungsverhalten der Eltern auch immer einen Einfluss auf das spätere Verhalten des Kindes hat. Es sei dahin gestellt ob der Einfluss sich nun positiv oder negativ ausprägt. Nichtsdestotrotz glauben Menschen an die transgenerationale Weitergabe von Verhaltensweisen, während ihnen die transgenerationale Übertragung eines Traumatas ein Mysterium bleibt. (vgl. Kellermann 2011, S.142)

Im Folgenden möchte ich nun den Lesern ebendieses Phänomen verdeutlichen, indem ich im ersten Schritt die Generationen jüdischer Kriegskinder und Kriegsenkel definiere. Es soll klar werden inwieweit sich die beiden Generationen unterscheiden. In einem nächsten Schritt soll auf eine der Anfangsfragestellungen dieses Gliederungspunktes eingegangen werden, nämlich die Frage nach dem Prozess der Traumatransmission. In Punkt 5.4. wird dann über die Konsequenzen infolge einer Traumaweitergabe an die Folgegeneration gesprochen.

5.1 Generation jüdische Kriegskinder, Generation jüdischer Kriegsenkel

Als Kriegskinder werden in dieser wissenschaftlichen Arbeit diejenigen Menschen bezeichnet, welche den Krieg und die Nachkriegszeit noch selbst miterlebt haben. Zwar ist diese Setzung, wie Bachhofen ins seinem Werk „Trauma und Beziehung“ bereits schreibt, recht willkürlich, doch sie macht dennoch Sinn vor 1949 geborene Menschen in die Definition der Kriegskinder miteinzubeziehen, da sich ein jeder, egal ob Kind, Jugendlicher oder Erwachsener, nach Ende des Krieges hilflos, ohnmächtig und in seinen Verarbeitungsmöglichkeiten überfordert fühlten, sodass ein Trauma zurückbleiben konnte. Nichtdestotrotz waren die traumatischen Erlebnisse für die damaligen Kinder natürlich schwieriger zu verarbeiten, als für Jugendliche oder Erwachsene, da deren seelische Entwicklung bis dato noch nicht ausgereift war. (vgl. Bachhofen 2012, S.126)

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Details

Seiten
18
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668216358
ISBN (Buch)
9783668216365
Dateigröße
785 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v322432
Note
2,0
Schlagworte
Psychoanalyse Trauma Generationen Holocaust Übertragung Transgenerationalität Ilany Kogan Judenverfolgung Antisemitismus PTBS posttraumatische Belastungsstörung
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Titel: Transgenerationale Weitergabe von Traumata. Das Trauma der Überlebenden des Holocausts