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Die exotische Insel im Film als Kulisse für Grenzerfahrungen und Persönlichkeitsveränderungen

Hausarbeit (Hauptseminar) 2004 35 Seiten

Filmwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Exotismus früher und heute
1. Definition und Geschichte
2. Exotismus aktuell

III. Inhaltsangaben der Filme
1. “Lord of the Flies“
2. “Cast Away”
3. “Mutiny on the Bounty”

IV. Die Faszination des Insel-Abenteuers im Film

V. „Lord of the Flies”
1. Aus Spiel wird Ernst – der erste Teil des Films
2. Durchbrechen der Tabus im zweiten Teil des Films
3. Eskalation der Gewalt und die Rettung
4. Die zwei Seiten der Insel als Metapher menschlicher Charakterzüge

VI. Zeit- und Wertverschiebungen in „Cast Away“
1. Zeit ist Geld – der erste Teil des Films
2. Der Insel-Aufenthalt – Zeit im Überfluß
3. Zurück in der Zivilisation – die Zeit danach

VII. Die Insel als Zuflucht und Versteck – Gedanken zu „Mutiny on the Bounty”

VIII. Zusammenfassung

IV. Literaturangaben
1. Quellenverzeichnis
2. Forschungsliteratur

„The most beautiful thing in the world is, of course, the world itself.“

(Chuck Noland in „Cast Away“, reading from a birthday card)

I. Einleitung

In meiner Seminararbeit möchte ich anhand filmischer Beispiele herausarbeiten, inwieweit sich Charakter und Sozialverhalten eines Menschen verändern können, wenn er vor exotischer Kulisse ungewohnte Herausforderungen meistern muss und dadurch an seine Grenzen gerät. Gegenstand meiner Betrachtung sind – entweder durch Flugzeugabsturz gestrandete oder vor den Strapazen harter Arbeit an Bord eines Schiffes geflohene – weiße Europäer, die längere Zeit auf einer Südseeinsel verweilen müssen.

Eine Insel kann nicht nur Rettung vor dem Tod sein, sondern auch Zuflucht vor den Zwängen der Zivilisation gewähren und den Neuanfang für ein paradiesisches Leben in der Natur ermöglichen. Sie kann aber auch zum Gefängnis werden. Der Gestrandete hat keine Möglichkeit auszubrechen und zu fliehen. Zu der für den/die Protagonisten ungewohnten Extremsituation kommt ein unbekanntes Klima mit neuen Gesetzmäßigkeiten, das einen völligen Wandel bisheriger Tagesabläufe und Gewohnheiten erforderlich macht. Dieser Fremdheit des Exotismus ausgesetzt, durchläuft der zivilisierte Mensch einen inneren Wandel: „Die widerspenstige, unzivilisierte Natur zeigt sich [...] als moralischer Raum“[1]. Gruppen, die gemeinsam das Abenteuer Exotismus durchstehen, verschieben oder verwerfen ihre Hierarchie untereinander.

Zunächst definiere ich den Begriff Exotismus und beziehe mich dabei auf die frühen Abenteuer- und Forschungsromane, in denen der Grundgedanke der Sehnsucht nach einer fernen, fremden Welt geschaffen wird. Ich verdeutliche kurz anhand aktueller Beispiele („Das Traumschiff“/„Das Inselduell“ und „Ich bin ein Star – holt mich hier raus!“), warum die Anziehungskraft des südländischen Lebensraums auch heute noch unverändert auf uns Europäer wirkt. Dann erläutere ich, warum die einsame Südseeinsel als bevorzugter Film-Schauplatz persönlicher Entwicklung eine derart ungebrochene Faszination ausübt. Dabei gehe ich auch auf die filmische Darstellung des Edlen Wilden ein.

Die drei Filme, die ich für meine Seminar-Arbeit ausgewählt habe, handeln von der unerwarteten Konfrontation zivilisierter Weißer mit der Wildnis und den daraus resultierenden inneren oder äußeren Konflikten. Ihre zentralen Handlungsstränge spielen fast ausnahmslos auf einsamen Südsee-Inseln, in „Mutiny on the Bounty“ größtenteils auch (auf der historischen Vorlage beruhend) auf dem Schiff.

Anhand des Filmes „Lord of the Flies“ (Harry Hook 1990), der Schwerpunkt meiner Ausarbeitung ist, hebe ich hervor, wie durch den ungeplanten Aufenthalt auf einer Südseeinsel der größte Teil einer Gruppe zivilisierter Schuljungen zu einer unberechenbaren Horde Wilder wird. Dann gehe ich näher auf den Film „Cast Away“ (Robert Zemeckis 2000) ein, in dem der einzige Überlebende eines Flugzeugabsturzes vier Jahre lang auf einer Insel mit einfachsten Mitteln um sein bloßes Überleben kämpfen muß. Ich befasse mich schließlich kurz mit dem auf historischen Tatsachen beruhenden Werk „Mutiny on the Bounty“ (Lewis Milestone 1962), in dem die Südseeinseln für die Matrosen Rettung vor dem unbarmherzigen Regiment des Kapitäns der Bounty, Kapitän Bligh, sind.

Abschließend fasse ich die Grundgedanken meiner Ausarbeitung zusammen.

II. Exotismus früher und heute

1. Definition und Geschichte

Exotismus leitet sich ab von dem Begriff der Exotik, der im Duden Fremdwörterbuch definiert wird als die „Anziehungskraft, die vom Fremdländischen od. von etw., was in seiner Art als ungewöhnlich u. daher selten empfunden wird, ausgeht“[2].

Der Begriff der Exotik besteht nur aus Sicht des (weißen) Europäers. Erst im Vergleich mit der uns bekannten westlichen Kultur wird die südländische Fremde zum exotischen Paradies unserer Wunschträume. Exotismus ist unsere – die europäische und damit subjektive – Vorstellung der Welt, die sich nahe am Äquator befindet und deren Natur und Kultur uns weitgehend fremd ist. Die unberührte Schönheit der Natur, die sinnliche, paradiesisch anmutende Wärme des Klimas, die üppige Vegetation, sowie die unbefangene Nacktheit und Lebensfreude der Eingeborenen schaffen eine verlockende Atmosphäre für unerfüllte Träume und Sehnsüchte.

Im 15./16. Jahrhundert begann die Zeit der großen Entdeckungsreisen zur See. Die Kolonialpolitik, das wachsende Interesse am Erwerb und Ausbau überseeischer Beziehungen, hatte zur Folge, dass immer mehr Wasser-Verkehrswege die bislang unerreichbare Ferne erschließbar machten. Im Zeitraum zwischen dem 15. und 18. Jahrhundert wurden viele Inselgruppen der Erde ergründet und kartographisch verzeichnet (Vgl. Bitterli 1987, S. 12). Kolonialhistoriker wie Georg Forster beschreiben die südlichen Gefilde als unvergleichlich paradiesisch im Kontrast zu unserer zivilisierten Heimat. Auf den Forschungs-Expeditionen stieß man sowohl auf die wilde, unberührte Natur als auch auf die in ihr heimischen Insulaner, die von den ersten Entdeckern mit einer Mischung aus Bewunderung und befremdeter Faszination beschrieben werden.

Zur Zeit der Aufklärung setzten sich viele Schriftsteller mit dem Widerspruch zwischen dem Traumbild der Exotik und der eigentlichen Vorstellung seitens der Zivilisation auseinander (z.B.: Daniel Defoe „ The life and strange surprizing adventures of Robinson Crusoe, of York, mariner “, 1719 und Jean-Jacques Rousseau „ Discours sur l’origine et les fondements de l’inégalité parmi les hommes “, 1753). Das Bild des stolzen Naturmenschen war damals nicht der Realität entsprechend, sondern eine subjektive Zeichnung aus Perspektive des Europäers, entstanden aus dem Wunschdenken und der blühenden Phantasie derjenigen, die das Weltbild erneuern wollten. Angeregt durch die Ideen von Jean-Jacques Rousseau («Zurück zur Natur»), der auch der „Repräsentant und Überwinder der Aufklärung“[3] genannt wird, entstand innerhalb des Adels und des Bürgertums eine romantische Bewegung, die im Leben im Einklang mit der Natur einen erstrebenswerten Urzustand sah.

2. Exotismus aktuell

Auch heute ist der Reiz der südlichen Fremde immer noch groß, auch wenn „die exotische Ferne [...] zivilisatorisch längst eingeholt“ und „weder fremd noch allzu fern mehr ist“[4]. Fernsehdokumentationen, Bücher und nicht zuletzt die Möglichkeit, Urlaub in den verlockendsten Südsee-Paradiesen zu verleben, haben uns die Exotik inzwischen viel näher gebracht, als es im 18. Jahrhundert noch der Fall war. Trotzdem sind das Traumbild und die Sehnsucht danach präsent:

Die Werbung, die bekanntlich bei realen Wünschen und Bedürfnissen ansetzt, um ihre Erfüllung mit dem Konsum bestimmter Produkte fiktiv zu verbinden, zeigt tagtäglich Bilder bzw. Bildkonstrukte von menschenleeren Palmenstränden, von abenteuerlichen Urwaldgewässern, von ebenso ferner wie unberührter Natur, die über das Produkt einholbar vorgestellt werden sollen. [...] als Droge wirkt offenbar das Bild selbst und seine Verbindung von Wasser und unregelmentiertem Pflanzenwachstum in tropischen Gefilden.[5]

Nicht die verlockend elysische Ferne, sondern der deutliche Kontrast zu unserer Zivilisation verursachen die Anziehungskraft der Exotik auf uns.

Das Motiv des schönen einsamen, sonnigen Palmenstrandes am azurblauen Meer verschönert nicht nur viele aktuelle Werbespots. Die seit Jahrzehnten im ZDF ausgestrahlte Serie „Das Traumschiff“, in der durch die Südsee oder das Mittelmeer gekreuzt wird, findet bei den Zuschauern eine große Resonanz. Jede Folge ist in sich abgeschlossen und verfolgt drei Handlungsstränge parallel. Bei den Passagieren sind oft bekanntere deutsche Schauspieler vertreten, die Besatzung bleibt während der ganzen Staffel gleich. Die Handlung ist trivial und eher flach und richtet sich zumeist nach einem vorhersehbaren Gut-Böse-Schema. Auch hier verändern sich vor exotischer Kulisse menschliche Charaktere: Böses wendet sich zum Guten oder wird zumindest entlarvt, alte Bekannte finden zueinander, frühere Unstimmigkeiten werden aus dem Weg geräumt usw. Südländische Landschaften und einheimische Rituale bieten den eher unauffälligen Hintergrund für das Geschehen an Bord. Hans-Friedrich Foltin erwähnt in seinem Essay „Das Traumschiff“, dass „das Exotische [...] in diesem Zusammenhang austauschbar“ ist und „ein Zuviel dieser Zutat [...] ihren Reiz schnell und nachhaltig mindern“[6] würde. Anhand einer genaueren Szenen-Beschreibung belegt er, dass „das Exotische [...] hier (wie in der gesamten Serie) überwiegend nur Kulisse für die Aktivitäten der Handlungsträger“[7] ist. Auch wenn er sich in seiner 1987 verfaßten Ausarbeitung nur auf die ersten zwölf Folgen beziehen kann, hat sich meines Erachtens bei den inzwischen neu verfilmten Fortsetzungen nichts an Anspruchlosigkeit verändert: Soziale Realität und Authentizität lassen, was die Darstellung des Exotischen angeht, nach wie vor zu wünschen übrig und bieten eben nur den Rahmen der trivialen Handlungen. Dem großen Zuschauer-Interesse tut das allerdings keinen Abbruch. Andernfalls würde das ZDF die Serie wohl nicht Sonntag-Abends zur Prime-Time ausstrahlen.

Erwähnenswert sind auch sogenannte Reality-Shows der privaten Sender wie „Das Insel-Duell“ (Sat1) oder „Ich bin ein Star - holt mich hier raus!“ (RTL), die teilweise erstaunliche Zuschauerrekorde verbuchen. Nachdem „Big Brother“ (RTL/RTL2) offensichtlich nicht mehr die gewünschten Quoten erbrachte, mußte das gleiche Thema in fremdartige Umgebung verlegt werden: Prominente und Nicht-Prominente gelangen im Dschungel an die Grenzen ihrer Belastbarkeit und offenbaren vor laufender Kamera ihr Inneres. Dem Gewinner winkt - natürlich - eine große Summe Geld, den restlichen Teilnehmern zumindest die Aussicht auf eine partielle Präsenz in der Boulevard-Presse. In diesen Reality-Shows kann die idyllische einsame Südsee-Insel fernab der Zivilisation nicht darüber hinwegtäuschen, dass der menschliche Charakter wandelbar und Gemeinschaft sowie Teamgeist unter ungewohnten Bedingungen an Stabilität verlieren. Zwischenmenschliche Konflikte werden durch erschwerende Aufgaben herbeigeführt und die Belastbarkeit der teilnehmenden Kandidaten auf harte Proben gestellt. Die Sendungen sind natürlich genau auf das Interesse und den Voyeurismus des Fernsehzuschauers ausgelegt, mit Abgeschiedenheit und Wildnis haben sie nicht viel zu tun. Sie sind aber dennoch ein Beispiel für die typisch westliche Sicht auf den Exotismus: Auch hier spielen Elemente wie Gruppendynamik und Der Stärkere gewinnt eine entscheidende Rolle für das Fortkommen und den Sympathie-Gewinn der einzelnen Kandidaten.

III. Inhaltsangaben der Filme:

1. Lord of the Flies

Der Film „Lord of the Flies“ („Herr der Fliegen“) wurde 1990 unter der Regie von Harry Hook gedreht und gilt als Lehrstück über „das generelle Funktionieren von Gesellschaften“[8]. Er wird dem Genre des Kinderfilms zugeordnet und spielt (was aber im Film nur vage angedeutet wird) in der nahen Zukunft, kurz nach oder während eines Atomkriegs. Er basiert auf dem gleichnamigen Roman von William Golding, der 1954 verfasst wurde.

Eine Gruppe Jungen von einer Militärakademie kann sich nach einem Flugzeugabsturz auf eine einsame Südsee-Insel retten. Der einzige überlebende Erwachsene, der Pilot Capt. Benson, ist sterbenskrank und unzurechnungsfähig.

Alleine auf sich gestellt versuchen die Kinder zunächst, vor einer teils paradiesisch, teils undurchdringlich wirkenden Kulisse ihr Leben – fern der Zivilisation – neu zu gestalten. Die älteren Jungen bemühen sich, eine eigene Hierarchie und Regeln aufzustellen und einzuhalten. Je mehr Zeit sie aber ohne Einfluß Erwachsener auf sich gestellt sind, umso mehr verwahrlost der weniger rational denkende Teil von ihnen. Ralph, ein intelligenter Junge, der anfangs viele gute Vorschläge wie z.B. das Entzünden und Bewachen des Rettungsfeuers macht, übernimmt, ohne wirklich darauf zu bestehen, eine Art Führung. Jack, ein eigensinniger, egoistischer Bub, der zu Beginn einig ist mit Ralph, findet immer mehr Gefallen daran, ein Leben ohne Zwänge und Regeln der Erwachsenen zu führen. Er bevorzugt es, zu jagen und Fleisch zu beschaffen, anstatt das rettende Signalfeuer zu unterhalten. Schließlich spaltet er das Lager in zwei Gruppen. Jack schart immer mehr Anhänger um sich, die teils aus Angst vor ihm, teils aus Lust am abenteuerlichen Jagen zu ihm halten. Ganz offensichtlich bietet er mit Fleisch und Waffen die Sicherheit, die Ralph mit dem unaufhörlichen Festhalten an der Hoffnung, gerettet zu werden, nicht bieten kann. Aus den anfangs kindlichen Jagd- und Kriegsspielen wird bitterer Ernst. Aus Freundschaft wird Feindschaft. Die Loslösung von gesellschaftlichen Normen und die wilde Natur um sie herum bewirken einen Rückschritt in archaische, primitivste Lebensformen. Jack und seine Gruppe leben Ureinwohnern gleich, führen Rituale durch und ermorden sogar zwei ihrer eigenen Schulkameraden. Eines der Opfer ist Piggy, wegen seines Übergewichts ein typischer Außenseiter. Er steht Ralph aber mit guten Ideen bis zuletzt zur Seite und heißt Jacks irrsinniges Handeln nicht gut.

Die unerwartete Rettung der verwilderten Gruppe durch unbemerkt gelandete Marineoffiziere bewahrt Ralph nach einer gefährlichen Verfolgungsjagd durch den in Brand gesetzten Urwald knapp vor dem sicheren Tod durch seinen Feind Jack und dessen Krieger. Mit der plötzlichen Präsenz der Erwachsenen als Autorität werden aus den barbarischen Wilden wieder Kinder, die nicht wissen, was sie tun.

2. Cast Away

Ich beziehe mich auf die Fassung des im Jahre 2000 unter der Regie von Robert Zemeckis gedrehten „Cast Away“ („Cast Away – Verschollen“) mit Tom Hanks in der Hauptrolle. Der Film gehört zum Genre des Abenteuer-, bzw. des Inselfilms. Er spielt in der heutigen Zeit.

[...]


[1] Koebner 1987, S. 241

[2] Dose 1990, S. 238

[3] Gudjons 1999, S. 86

[4] Pickerodt 1987, S. 121

[5] Pickerodt 1987, S. 121

[6] Foltin 1987, S. 372

[7] Foltin 1987, S. 373

[8] Koebner 2002, S. 294

Details

Seiten
35
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638330114
Dateigröße
614 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v32241
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
1,3
Schlagworte
Insel Film Kulisse Grenzerfahrungen Persönlichkeitsveränderungen

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