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Die Emergenz von Bürgerkriegen. Ein systemtheoretisches Modell

Seminararbeit 2015 31 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Frieden und Konflikte, Sicherheit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Definition des Untersuchungsgegenstands – Bürgerkriege als Extremform sozialer Konflikte

3 Grundlagen der Modernen Systemtheorie

4 Eine Typik sozialer Systeme

5 Das politische System der Gesellschaft
5.1 Systemfunktion & Macht
5.2 Primär- & Sekundärdifferenzierung
5.3 Moderne Systemtheorie & politische Konflikte
5.3.1 Konflikte und die primäre Differenzierung der Politik
5.3.2 Konflikte und die sekundäre Differenzierung der Politik

6 Ein systemtheoretisches „Sockelmodell“ des internen Krieges

7 Ausblick

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Bürgerkriege sind soziale Phänomene mit einer langen Zivilisationsgeschichte und vielen Facetten. So lassen sich bereits in den Mythologien früher Hochkulturen – bspw. China –Erzählungen über Bürgerkriege finden. Ferner macht es auch den Anschein, dass sich Bürgerkriegserzählungen wie ein roter Pfaden durch die europäische Zivilisationsgeschichte ziehen. Von der Semantik der „Stasis“ zu Zeiten der griechischen Polis, über Narrative des Brüderzwists im Römischen Reich, bis hin zu den nationalistisch codierten Bürgerkriegserzählungen in der modernen Peripherie Europas; lassen sich durchgängig Phänomene erkennen, welche mit der einen oder anderen Konnotation von Bürgerkriegsdefinitionen erfassbar sind.1

Jedoch bleibt das wissenschaftliche Bild trotz der historischen Omnipräsenz des Phänomens sehr unscharf, nicht zuletzt weil es sich um einen Begriff handelt dessen Bedeutungsgehalt mindestens so umkämpft ist, wie die jeweiligen sozialen Situationen in denen er extensiven Gebrauch findet.2 Ein weiterer Grund dieser Diffusität kann meines Erachtens nach in der komplexen und dynamischen Natur von Bürgerkriegsphänomenen gesehen werden. Denn es liegt nahe, davon auszugehen, dass Bürgerkriege keine statischen und ahistorischen Erscheinungen sind, sondern vielmehr fluide und mehrdimensionale Konfliktkonstellationen, deren soziokulturelle Formen mit den Anforderungen und Voraussetzungen ihrer sozialen Umwelt ko-evolvieren. Dadurch würde sich auch erklären lassen, warum zeitgenössische Bürgerkriegstheorien dazu tendieren, eine spezifische soziale Dimension (bspw. Religion oder Wirtschaft) universalisierend in den Fokus zu rücken. Denn die Bürgerkriege der Gegenwart ereignen sich unter den äußerst komplexen Voraussetzungen der emergierenden Weltgesellschaft, welche für die systematische Beobachtung besondere Herausforderungen bereithält.3

Nichtsdestotrotz drängt sich aus einer historisch-komparativen Perspektive der Verdacht auf, dass – trotz der Partikularität und Besonderheit der einzelnen Phänomene – allen bisher dokumentierten Bürgerkriegen eine strukturelle Gemeinsamkeit immanent ist. An dieser Stelle wird die vorliegende Arbeit anknüpfen und gemäß der These, dass alle Bürgerkriege auf einer basalen Ebene spezielle Formen politischer Konflikte sind, versuchen, ein Sockelmodell zu konzipieren, welches als anschlussfähiges Fundament für die Entwicklung einer mehrdimensionalen und flexiblen Analyseheuristik dienen kann. Zu diesem Zweck wird die moderne Systemtheorie als analytische Infrastruktur zurate gezogen und somit eine alternative Perspektive auf das Phänomen der Bürgerkriege generiert, welche prima facie als erkenntnisbereichernd erscheint.

2 Definition des Untersuchungsgegenstands – Bürgerkriege als Extremform sozialer Konflikte

Am Anfang dieser Ausarbeitung gilt es den Untersuchungsgenstand erst einmal durch definitorische Fixierung zu konstruieren. Die wissenschaftliche Bedeutung dieses Schrittes kann kaum zu hoch bemessen werden, weil sie jenes Fundament repräsentiert von dem aus eine jede wissenschaftliche Beobachtung und Analyse operiert. Ferner bestimmt die Definition des Forschungsobjektes nicht nur, welche Phänomene in die Untersuchung inkludiert und aus ihr exkludiert werden bzw. was unter der jeweiligen Kategorie analytisch subsumiert werden kann, sondern auch was bei jeder konkreten Beobachtung – nämlich gemäß der Fokuskriterien – gesehen, was ausgeblendet und sogar, was in den Blindenfleck4 der Beobachtung gerät. Daher ist es umso entscheidender, dass die definitorische Konstruktion des Forschungsobjektes explizit reflektiert wird, um somit Transparenz und intersubjektive Nachvollziehbarkeit zu ermöglichen. Ferner wird dadurch das Risiko von Begriffskonfusionen, oberflächlicher Pauschalkritik und akademischen Scheinkonflikten deutlich verringert. Darüber hinaus ermöglicht dieser reflexive Arbeitsschritt das Herstellen von Anknüpfungspunkten für konstruktiv-kritisches Feedback, welche den wissenschaftlichen Fortschritt katalysieren.

Im Zuge dieser Ausarbeitung wurde eine Bürgerkriegsdefinition von Stathis Kalyvas ausgewählt, welche aufgrund ihrer minimalistischen Definitionskriterien nicht nur eine präzise Abgrenzung des Forschungsgegenstandes, sondern auch eine umfassende und klare Inklusion von Phänomenen gestattet. Zudem ermöglicht die Konstruktionsweise der Definition, dass Bürgerkriegsereignisse aus einer komparativen Perspektive analysiert werden können.

Civil war is defined here as armed combat within the boundaries of a recognized sovereign entity between parties subject to a common authority at the outset of the hostilities. This definition is a broader and more minimal version of existing definitions; it is agnostic about causes, goals, and motivations. “Internal war” is more precise, but civil war is by far the most familiar term.5

Den Ausführungen von Kalyvas folgend wird diese Ausarbeitung den Terminus „interner Krieg“ adaptieren, um jene Phänomene zu bezeichnen, welche es zu untersuchen gilt. Der Grund für die Entscheidung liegt einerseits in der Popularität des Wortes „Bürgerkrieg“ bzw. in dem damit einhergehenden Übermaß an emotionaler Aufladung und semantischer Streitigkeit. Andererseits bietet der Terminus „interner Krieg“ die Möglichkeit eine eindeutige Eingrenzung des Forschungsobjektes vorzunehmen und zudem das zentrale Kriterium der Distinktion zu markieren – nämlich die gewaltsame Herausforderung von etablierten Herrschaftsverhältnissen innerhalb der territorialen Grenzen einer politischen Einheit und die daraus resultierende Fragmentierung der legitimen Macht- und Gewaltausübung.6

Ferner wird im Einklang mit Kalyvas angenommen, dass es sich bei internen Kriegen um politische Konfliktphänomene handelt, welche sich dadurch auszeichnen, dass: (I) Alle involvierten Konfliktparteien einen gewissen Organisationsgrad aufweisen und ein bestimmtes Maß an physischer Gewalt ausüben.7 (II) Die bewaffneten Gefechte Mittel für politische Zwecke darstellen, weil diese neben anderen Zwecken drauf abzielen hegemoniale Autoritäten bzw. Organisationen herauszufordern. (III) Es zu einer physisch-gewaltsamen Aufspaltung der politischen Einheit in bewaffnete, rivalisierende Lager kommt, was eine de facto Teilung des politischen Territoriums bewirkt. (IV) Die Konfliktparteien zu Beginn des Krieges einer gemeinsamen politischen Autorität unterstehen.8

The parties to the conflict may be united or divided, internationally recognized or isolated and obscure, supported by external actors or relying on local resources, seeking to capture the state or to divide it. However, the conflicts that are constitutive of civil wars can be best described as those related to the effective breakdown of the monopoly of violence by way of armed internal challenge. The armed contestation of sovereignty entails mutually exclusive claims to authority that produce a situation of divided or dual sovereignty.9

Daran anknüpfend wird diese Ausarbeitung Kalyvas definitorische Bestimmungen in ein systemtheoretisches Analysemodell umarbeiten, das dann als Heuristik für eine präzise und sachliche Beschreibung von konkreten Konflikten und deren Eskalation zu internen Kriege fungiert. Da die hier zur Verfügung stehenden Kapazitäten äußerst begrenzt sind, muss sich die vorliegende Arbeit auf die Ausdifferenzierung eines Sockelmodells beschränken, welches zunächst nur das Fundament für die systemtheoretische Analyse von Bürgerkriegen konzipiert. Doch aufgrund der mannigfaltigen Anschlussmöglichkeiten ist das Modell sehr flexibel und ausbaufähig, sodass durch die weiterführende Inkorporation, von bereits bestehenden Forschungserkenntnissen, ein hohes Maß Komplexität und somit eine äußerst genaue Beobachtung von Bürgerkriegsereignissen erzeugt werden kann.

Zudem wird angenommen, dass aus einem solchen Modell Instrumente abgeleitet werden können, durch welche eine frühzeitige Antizipation von Eskalationsdynamiken möglich wird. Ferner bildet die Annahme, dass es einen rekursiv verlaufenden Nexus zwischen den sozialen Strukturen von politischen Konflikten und den Formen der semantischen bzw. kulturellen Beschreibung von Konflikten gibt, die Grundlage für die empirische Untersuchung von gegenwärtigen Konfliktphänomenen. Denn mittels der Analyse von Wechselwirkungen zwischen Semantik und Sozialstruktur, lassen sich Informationen über die Eskalations-dynamiken von Konflikten generieren, welche dann die grundlegende Antizipation des Prekärwerdens von politischen Konflikten – d.h. das Ausbrechen von Bürgerkriegen bzw. internen Kriegen – ermöglichen sollte. In dieser Hinsicht wird einer jüngeren Entwicklung in der Bürgerkriegsforschung Rechnung getragen, welche von ausgeht, dass Bürgerkriege bzw. Konflikte im Allgemeinen soziokulturelle Phänomene sind und demnach auch als solche analysiert werden müssen.

Die Erzählweisen vom Krieg, oder allgemeiner: von gewaltförmigen Konflikten, sind nicht einfach sprachliche Repräsentationen von etwas, das außerhalb von ihnen besteht und auf die eine oder andere Weise aufgefasst werden kann. Vielmehr dienen sie gewissermaßen als Formatierungsvorlagen, mit denen sich sowohl die Beteiligten selbst als auch die Außenstehenden den Konflikt begreiflich zu machen versuchen und wonach sie ihr Handeln ausrichten. Sie beschreiben also nicht nur, was geschieht, sondern intervenieren in das Geschehen, in denen sie ihm ein Deutungsschema und cognitiven mapping aufprägen. Es ist deshalb keine harmlose Frage, was und wie erzählt wird und welche Erzählweise sich auf dem jeweiligen Deutungsmarkt durchzusetzen versteht.10

Eine solche Perspektive ist durchaus kompatibel mit der modernen Systemtheorie11, weil diese kommunikationstheoretisch fundiert ist und somit ebenfalls auf soziokulturellen Prämissen beruht. Demnach müsste ein empirisches Forschungsprogramm an den aufgeworfenen Trend der Kultur- und Narrativtheorien anknüpfen und aus diesen methodische Werkzeuge ableiten. Dies würde jedoch den Rahmen der vorliegenden Ausarbeitung bei weitem sprengen und muss deswegen außenvorgelassen werden.

3 Grundlagen der Modernen Systemtheorie

Die Systemtheorie kann als ein alternativer wissenschaftlicher Zugang für die Erforschung aller möglichen Phänomene betrachtet werden. Die Andersartigkeit der systemtheoretischen Perspektive ist auf ihrer differenztheoretischen Ausrichtung12 begründet, welche davon ausgeht, dass Identitäten bzw. Einheiten, wie z.B. das „erkennende Subjekt“ und „Erkenntnisobjekte“ komplexe soziale Konstrukte sind und deswegen einen ungeeigneten Startpunkt für die Erforschung der Welt darstellen. Es wird also davon ausgegangen, dass Identitäten problematisch sind, weil sie immer erst erzeugt und weiterhin reproduziert werden müssen. Daher bildet das Fundament der modernen Systemtheorie eine Differenz, nämlich die von System und Umwelt. Dieser Unterscheidung liegt eine minimale Ontologie zugrunde, welche folgende Existenzprämisse aufstellt: „[…] Es gibt Systeme“.13 Aus dieser Annahme wird dann abgeleitet, dass es etwas geben muss, dass von Systemen unterscheidbar ist – die Umwelt. Gemäß dieser differenztheoretischen Ausrichtung muss jede Beobachtung eines Systems immer auch die andere Seite der Unterscheidung (die Umwelt) mitreflektieren, um sinnvolle Erkenntnisse generieren zu können.14

Der Fokus der modernen Systemtheorie liegt in der Auseinandersetzung mit autopoietischen Systemen. Diese zeichnen sich dadurch aus, dass sie auf der Ebene ihrer operationalen Konstitution und Reproduktion abgeschlossen sind. Sie erzeugen sich durch eine fortlaufende und relationale Verknüpfung ihrer Elemente selbst und grenzen sich somit von der Umwelt ab. Demnach sind autopoietische Systeme keine statischen Einheiten, sondern dynamische Prozesszusammenhänge, welche ihre Einheit und damit auch ihre Grenze zur Umwelt durch das fortlaufende Anschließen von systemischen Operationen erzeugen und reproduzieren.15

Diese Konzeption basiert auf der jüngeren Forschung über neuronale Systeme – die auf den Erkenntnissen Humberto Maturana beruht – und ist somit ein interdisziplinärer Import aus der Biologie, in welcher organische Systeme schon deutlich länger als selbsterzeugend (autopoietisch) angesehen werden. Die operationale Abgeschlossenheit von solchen Systemen impliziert jedoch nicht, dass Systeme völlig losgelöst von der Umwelt existieren. Im Gegenteil, es wird davon ausgegangen, dass alle Systeme immer auf spezifische Umweltvoraussetzungen angewiesen sind – so sind Organismen immer abhängig von Nahrung, Sauerstoff und Wasser etc. – um überhaupt ihre Autopoiesis vollziehen zu können. Gelingt es Organismen nicht diese Voraussetzungen zu erfüllen, so können sie auf der Ebene ihrer Selbstherstellung keine Operationen mehr anschließen, wodurch sich ihre Grenze zur Umwelt auflöst und der Tod eintritt. Des Weiteren wird davon ausgegangen, dass durch die operationale Schließung von Systemen immer eine asymmetrische Beziehung zur jeweiligen Umwelt resultiert. Dieses Verhältnis wird mit dem Terminus der Komplexität beschrieben. Komplexität wird grundsätzlich als eine Zustandsbeschreibung aufgefasst, welche Elemente und Relationen betrachtet. Demgemäß wird etwas als komplex angesehen, wenn zu einem bestimmten Datum mehr Elemente vorhanden sind als simultan relationiert werden können. Somit impliziert Komplexität immer eine Selektionsleistung. Bezogen auf das Verhältnis von System und Umwelt ergibt sich hieraus die Überlegung, dass die Umwelt stets komplexer ist als die unterschiedlichen Systeme, die in ihr operieren, weil in der Umwelt immer mehr Elemente und somit potentielle Elementrelationen vorkommen als in den einzelnen Systemen. Folglich besteht ein Komplexitätsgefälle zwischen Systemen und ihrer Umwelt. Dieses Gefälle stellt ein Problem dar, welches alle Systeme operativ bearbeiten müssen, um sich in ihrer Umwelt orientieren und somit weiterhin reproduzieren zu können. Ferner prozessieren alle Systeme, durch die Art und Weise wie sie ihre Umwelt beobachten, Reduktionen von Umweltkomplexität.16

Das Modell der Autopoiesis wurde schließlich von Luhmann adaptiert und auf s.g. sinnkonstituierende Systeme angewandt. Mit dem Begriff der sinnkonstituierenden Systeme werden alle Systeme bezeichnet, welche ihre Autopoiesis in dem universalen Medium Sinn vollziehen und deswegen sinnhaft erleben und handeln. Dies betrifft nach Luhmann psychische und soziale Systeme, weil ihre Umwelt- und Selbstbeobachtungen darauf basieren, dass Unterscheidungen getroffen und die unterschiedenen Seiten bezeichnet werden. Demnach konstruieren diese Systeme ihre Umwelt auf der Grundlage von Irritationen, welche sie aus der Umwelt erfahren (bspw. Wahrnehmungsdaten), indem sie den Reizen Bedeutungen attribuieren und somit sinnhaft erlebbar machen.

Ein weiteres Merkmal aller autopoietischen Systeme ist, dass sie immer intern strukturiert sind. Die systeminternen Strukturen werden jedoch als kontingent und somit wandelbar angesehen. Sie dienen den Systemen zur Orientierung ihrer Selektionen, also der Auswahl von Anschlussoperationen. So erzeugen und transformieren auch sinnkonstituierende Systeme Strukturen, mittels derer sie sich in ihrer systemrelativen Umwelt durch Komplexitätsreduktion orientieren und somit operationsfähig halten.17

Soziale Systeme zeichnen sich dadurch aus, dass ihre operationalen Letztelemente Kommunikationen sind, weswegen die Theorie sozialer Systeme auch als dezidierte Kommunikationstheorie zu verstehen ist. Ferner ist der Systemtheorie eine evolutions-theoretische Perspektive immanent, welche nach den Bedingungen der Möglichkeit von Phänomenen fragt und diese funktionalistisch zu erklären versucht. Demgemäß werden soziale Systeme als eine evolutionäre Innovation angesehen, welche ein spezifisches Problem bewältigt – nämlich das Problem der Koordination von psychischen Systemen. Es wird davon ausgegangen, dass alle psychischen Systeme für einander operational abgeschlossene Blackboxes darstellen. Niemand kann in den Kopf seines Gegenübers schauen, geschweige denn umgekehrt. Dies wird als das Problem der doppelten Kontingenz bezeichnet und beschreibt somit eine Situation völliger Unsicherheit, in der zwei oder mehr psychische Systeme aufeinander bezogen sind und sich deswegen wechselseitig im jeweils anderen wiedererkennen. Ein Alter erkennt sich in einem Ego als Alter-Ego – und vice versa Ego in Alter als Ego-Alter – wieder und muss davon ausgehen, dass sein Gegenüber genauso unbestimmt und unberechenbar ist wie er selbst. Dieses Problem wird aus der Perspektive der Systemtheorie durch Kommunikation bearbeitet, welche es den Teilnehmern ermöglicht, Erwartungen bezüglich des künftigen Verhaltens des jeweils anderen auszubilden und seine anschließenden Operationen an diesen Strukturen zu orientieren. Ferner wird angenommen, dass durch die kommunikative Interaktion eine Systemkatalyse von statten geht, welche operational abgeschlossen von den psychischen Systemen prozessiert und somit eine besondere Art von autopoietischen System darstellt. Diese Systeme, welche psychische Systeme als notwendige Umweltvoraussetzung haben, werden als soziale Systeme bezeichnet. Kommunikation wird demnach als ein überindividueller und zirkulärer Prozess angesehen, der zur Ausdifferenzierung, Transformation und Reproduktion von sozialen Systemen führt und für psychische Systeme die Funktion der Koordination und Orientierung erfüllt, obwohl jene sich – aufgrund ihrer operationalen Abgeschlossenheit – immer in einer wechselseitig erzeugten Unsicherheitssituation befinden. Dementsprechend gehören Menschen, die Komplexe von organischen, neuronalen und einem psychischen System sind, zur Umwelt von sozialen Systemen. Dies impliziert keine Nivellierung des Menschen, sondern eine wissenschaftlich präziseren Verortung, weil er eine notwendige Umweltvoraussetzung für die Produktion und Reproduktion von Kommunikation ist, aber seine Autopoiesis eben über andere Operationen als die der Kommunikation vonstattengeht.18

[...]


1 Vgl. Stathis N. Kalyvas: The Logic of Violence, Cambridge University Press 2006, S. 18f.

2 Vgl. Ebd. 17.

3 Vgl. Stichweh, Rudolf: Globalisierung/Weltgesellschaft, in: Farzin, Sina und Jordan, Stefan (Hrsg.): Lexikon der Soziologie und Sozialtheorie – Hundert Grundbegriffe, Reclam 2008, S. 92-95.

4 Vgl. Esposito, Elena: Konstruktivismus, in: Baraldi, Claudio/Corsi, Giancarlo/Esposito, Elena (Hrsg.): GLU – Glossar zu Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme, Frankfurt am Main 1997, S. 100-104, hier S. 102f.

5 Kalyvas: Logic of Violence, S. 17.

6 Vgl. Ebd. S. 16f.

7 Eine Konkretisierung oder Operationalisierung der Variablen Gewalt und Organisation wird durch Kalyvas nicht vorgenommen und erscheint auch nicht erstrebenswert, weil damit eine theoretische Eingrenzung einhergehen würde, welche die Empirie im Vorhinein stark überformt. Vgl. Ebd. S. 17.

8 Vgl. Ebd.

9 Vgl. Ebd. S. 18.

10 Koschorke, Albrecht: Wie Bürgerkriege erzählt werden, in: Ferhadbegovic, Sabina & Weifen, Brigitte (Hrsg.): Bürgerkriege erzählen – Zum Verlauf unziviler Konflikte, Konstanz University Press 2011, S. 35-54, hier. S. 38.

11 Für eine konkrete Anwendung, welche den besagten Zusammenhang programmatisch aufgreift und weiterentwickelt siehe: Weyand, Jan: Die Semantik des Antisemitismus und die Struktur der Gesellschaft, in: Stender, Wolfram/Follert, Guido/Özdogan, Mihri (Hrsg.): Konstellationen des Antisemitismus –Antisemitismusforschung und sozialpädagogische Praxis, VS Verlag für Sozialwissenschaften 2010, S. 69-89.

12 Vgl. Esposito, Elena: Identität/Differenz, in: Baraldi, Claudio/Corsi, Giancarlo/Esposito, Elena (Hrsg.): GLU – Glossar zu Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme, Frankfurt am Main 1997, S. 72-75.

13 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme: Grundriss einer allgemeinen Theorie, 4. Auflage, Frankfurt am Main 1991, S. 16.

14 Vgl. Ebd. S.36

15 Vgl. Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft, Frankfurt am Main 1988, S. 49f.

16 Vgl. Baraldi, Claudio: Komplexität, in: Baraldi, Claudio/Corsi, Giancarlo/Esposito, Elena (Hrsg.): GLU – Glossar zu Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme, Frankfurt am Main 1997, S. 93-97, hier S. 93ff.

17 Vgl. Corsi, Giancarlo: Struktur, in: Baraldi, Claudio/Corsi, Giancarlo/Esposito, Elena (Hrsg.): GLU – Glossar zu Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme, Frankfurt am Main 1997, S.184-186.

18 Vgl. Baraldi, Claudio: Doppelte Kontingenz, in: Baraldi, Claudio/Corsi, Giancarlo/Esposito, Elena (Hrsg.): GLU – Glossar zu Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme, Frankfurt am Main 1997, S. 37-39.

Details

Seiten
31
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668213814
ISBN (Buch)
9783668213821
Dateigröße
510 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v322348
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg – Institut für Politische Wissenschaft
Note
2,0
Schlagworte
Bürgerkrieg Gewalt Innerstaatliche Konflikte Luhmann Systemtheorie Emergenz Soziale Systeme Macht Funktionaldifferenzierung Politisches System Weltgesellschaft Kommunikation Konflikt Eskalation

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Titel: Die Emergenz von Bürgerkriegen. Ein systemtheoretisches Modell