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Frauen in der römischen Geschichtsschreibung. Die Darstellung historischer Frauenfiguren bei Livius und Sallust

Examensarbeit 2015 64 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung: Intention der Arbeit

2.Geschichtsverständnis der römischen Geschichtsschreiber Livius und Sallust
2.1 Geschichtsauffassung des Titus Livius
2.2. Aussagen des Proömiums des erstes Buches Ab urbe condita
2.3 Der Geschichtsschreiber Gaius Sallustius Crispus
2.3.1 Informationen zu Autor und Werk und Auswahl der Frauenfiguren
2.3.2 Geschichtsauffassung unter Berücksichtigung des Proömiums des Bellum Catilinarium

3. Zwei Frauenfiguren in Livius’ Ab urbe condita - Lucretia und Verginia
3.1 Lucretia - Opfer und exemplum
3.1.1 Einordnung in den Gesamtzusammenhang des ersten livianischen Buches ...
3.1.2 Inhalt der Episode
3.1.3 Mögliche Interpretationsvarianten
3.2 Verginia - Mord an einem plebejischen Mädchen
3.2.1 Einordnung in das dritte Buch Ab urbe condita
3.2.2 Gliederung der Verginia-Episode
3.2.3 Inhalt und Interpretation des Berichts
3.2.4 Ein Vergleich zwischen Lucretia und Verginia

4. Die Frauenfiguren bei Sallust
4.1 Bellum Catilinarium - Die historische Monographie in der Übersicht
4.2 Fulvia - Verrat zum Schutz des Staates: Inhalt und Interpretation
4.3 Sempronia - eine antike femme fatale
4.3.1 Einordnung der Episode in das Bellum Catilinarium
4.3.2 Inhalt und Interpretation des Sempronia-Kapitels

5. Weibliche Lebensrealitäten im ersten Jahrhundert vor Christus

6. Gender-Studies und antike Geschichtsschreibung

7. Zusammenfassung der Beobachtungen und Fazit

8. Literaturverzeichnis

1. Einführung: Intention der Arbeit

«Die Geschichtslosigkeit der Frauen wird durch die Geschichtsschreibung hergestellt»1. So fasst die Historikerin MARIELOUISE JANNSEN-JURREIT ihre Kritik an der offiziellen Geschichtsschreibung zusammen und meint damit die Anzahl der erfassten weiblichen historischen Personen. In ihre Analyse schließt sie nicht nur moderne Geschichtswerke ein, sondern beginnt mit sehr alten Schriften. Inwiefern hat sie also Recht mit der Annahme, dass bereits in der Antike die Frauen in der Geschichtsschreibung zu wenig berücksichtigt worden sind? Die umfangreichste, antike Historiographie lieferte - nach Sallust und seinen historischen Monographien - Titus Livius mit seiner Schrift Ab urbe condita. Der Teil, der erhalten ist, umfasst fast 760 Jahre in 142 Büchern und behandelt, schon dem Namen nach, die römische Geschichte von der legendären Gründung Roms bis kurz nach der Zeitwende. Hinter Livius Geschichtswerk verbirgt sich ein faszinierender Reichtum an Beschreibungen der römischen Welt, die es erschwert, einzelne, spezifische Themen separat zu behandeln. Die verhältnismäßig große Menge an weiblichen Figuren bietet jedoch eine gute Grundlage zur Erforschung der Rolle der Frau in der römischen Geschichtsschreibung. Als Beispiele sind im ersten Buch Tanaquil oder Tullia zu nennen, die jeweils ihren Ehemännern auf den Königsthron verhelfen, oder Hispala Faecenia, die im 39. Buch durch ihren Verrat den Bacchanalienskandal auslöst, sowie Vestia Oppia und Pacula Cluvia, die sich während des Zweiten Punischen Krieges um den römischen Staat verdient gemacht hatten und dafür belohnt wurden. Es finden sich viele weitere, auch namentlich genannte Frauen, denen Livius eine Bedeutung in seinem Werk einräumt. Für diese Arbeit soll allerdings aufgrund der Länge der Episoden und ihres allgemeinen Bekanntheitsgrades das Hauptaugenmerk auf Lucretia und Verginia im ersten und dritten Buch liegen. Neben Livius wird Sallust als Quelle dienen, der in der Fachliteratur immer wieder als der fähigste römische Historiograph bezeichnet wird. Die beiden Frauen Fulvia und Sempronia stechen als einzige namentlich erwähnte Frauen aus der sonst männerdominierten Schrift BellumCatilinarium so explizit heraus, dass sich auch hier eine tiefergehende Betrachtung lohnt.

Berücksichtigt werden muss in dieser Arbeit, dass sich die Intentionen antiker Geschichtsschreibung fundamental von denen moderner Werke unterscheiden, so dass die Rolle der Frau bei beiden Autoren nur in Verbindung mit den individuellen Intentionen und Geschichtsauffassungen analysiert werden kann.

Unter Beachtung dieser und weiterer Kriterien kommt es seit den 70er Jahren, in denen sich infolge der 68er-Revolution und der neuentstehenden Frauenbewegung in diesem Jahrzehnt die sogenannte Frauenforschung etabliert, auch in der Livius- und Sallust-Forschung zu neuen Fragestellungen. Dabei stehen, zunächst als Woman’s Studies, ab den 90er Jahren dann unter dem Begriff Gender-Studies, das soziale Geschlecht, im Gegensatz zum biologischen Geschlecht, und das Verhältnis der Geschlechter zueinander im Fokus.2 Den Grundstein dieser Forschung legten dabei bereits in der Antike griechische Gelehrte und Philosophen wie Aristoteles, Platon oder Galen.3 Für die Neuzeit sind vor allem die Abhandlungen von J. BUTLER und S. de BEAUVOIR grundlegend. Für diese Arbeit werden sich außerdem einige Thesen S. FREUDS als hilfreich erweisen.

Auf Basis der Gender-Studies etablieren sich in der heutigen Zeit, in der Gesellschaft und Politik die fortschreitende Emanzipation der Geschlechter diskutieren, auch in der klassischen Philologie und damit in der Forschung rund um die antike Geschichtsschreibung neue Fragestellungen. Diese sind im weiteren und engeren Sinne den Gender-Studies zuzuordnen, wie auch die These JANNSEN-JURREITS bezüglich der Geschichtsschreibung. Insofern wird in dieser Arbeit zur Untersuchung stehen, inwiefern Frauen in der römischen Geschichtsschreibung überhaupt eine signifikante Rolle einnehmen, oder ob beispielsweise JANNSEN-JURREIT mit ihrer oben genannten Aussage Recht gegeben werden muss. Aufgrund der Masse an Texten antiker Historiographie können in dieser Arbeit beispielhaft nur Werke von Livius und Sallust berücksichtigt werden. Es wird sich aber zeigen, dass bei beiden Autoren Frauen durchaus ihren Platz in den Werken finden und für die dargestellten geschichtlichen Entwicklungen teils von großer Bedeutung sind. Außerdem ist zu analysieren, inwiefern aus diesen Ergebnissen Schlüsse auf die reale Stellung der Frau zu Lebzeiten Sallusts und Livius’ gezogen werden können.

Als Grundlage wird zur Untersuchung livianischer Textstellen unter anderem die Abhandlung B. KOWALEWSKIS dienen, die in ihrem Buch unter allgemeiner Berücksichtigung der Forschungsmeinungen zur römischen Historiographie zunächst eine detaillierte Aufzählung und Aufarbeitung aller bei Livius namentlich und explizit erwähnter Frauen liefert. Neben dieser Monographie liegen jedoch nur sehr wenige Arbeiten vor, die sich explizit mit weiblichen Figuren bei Livius und deren Rolle befassen. Ähnlich stellt sich die Situation für die Frauenfiguren bei Sallust dar.

Um dem Umfang dieser Arbeit gerecht werden zu können, wird eine Auswahl zugunsten der beiden Episoden über Lucretia und Verginia bei Livius sowie Sempronia und Fulvia bei Sempronia getroffen und unter Zuhilfenahme der weiteren vorliegenden Forschungsliteratur analysiert werden.

Um zu einem Ergebnis zu kommen, müssen in dieser Arbeit drei große Themenbereiche zunächst separat aufgeschlüsselt und für eine Gesamtinterpretation und Schlussfolgerung miteinander kombiniert werden: die römische Historiographie, die Gender -Forschung innerhalb und außerhalb der Literatur und die Rolle der Frau in der römischen Republik. Im ersten Teil der Arbeit werden die konkreten Textpassagen aus Ab urbe condita und Bellum Catilinarium auf ihren Inhalt bezüglich weiblicher Protagonisten untersucht werden. Es wird sich zeigen, dass ein Ergebnis nur dann zustande kommen kann, wenn von Vornherein das Geschichtsverständnis des jeweiligen Autors berücksichtigt wird. Das Ergebnis soll dann sowohl die Funktion der Frauen innerhalb der konkreten Episode, als auch innerhalb des jeweiligen geschichtlichen Gesamtwerks berücksichtigen. Dazu ist eine gründliche inhaltliche und interpretatorische Analyse der Textstellen angedacht.

In einem weiteren Schritt wird die Rolle der Frau in der Zeit, aus der die zu analysierenden Geschichtswerke stammen, ins Blickfeld der Analyse rücken. Die Validität der Aussagen und Darstellungen weiblicher Figuren bei Livius und Sallust soll überprüft werden. Dabei muss berücksichtigt werden, dass einiges von dem, was besonders Livius, aber auch Sallust als Faktum der Geschichte ihrer Zeit statuieren, auf mythologischen oder nicht gesicherten Grundlagen und Quellen beruht. Kann daher von weiblichen literarischen Figuren und ihrer Rolle in den Werken auf die tatsächliche gesellschaftliche Rolle der Frauen geschlossen werden? Existieren bestimmte Wertvorstellungen, die sich im Speziellen auf weibliches Verhalten beziehen, die in der Literatur in Erscheinung tretend auch als Lebensmaxime für das reale, weibliche Leben gelten sollen?

In einem letzten Schritt wird sich die Arbeit mit der Frage auseinandersetzen, welche Bedeutung die Gender-Studies heute für die Literatur im Allgemeinen und für antike Geschichtsschreibung im Besonderen haben. Hierzu sollen die wichtigsten Thesen im Bereich der Gender-Studies kurz erläutert und, soweit es möglich ist, gängige Theorien auf die analysierten Episoden konkret angewendet werden.

2. Geschichtsverständnis der römischen Geschichtsschreiber Livius und Sallust

Um das Ziel dieser Arbeit zu erreichen, das in einer zusammenfassenden Aussage über die Rolle der weiblichen Figuren in römischen historiographischen Werken besteht, ergibt sich zunächst grundsätzlich die Frage nach der vorliegenden Auffassung von Geschichte bei Livius und Sallust.

2.1 Geschichtsauffassung des Titus Livius

In der Liviusforschung wird immer wieder diskutiert, inwiefern Titus Livius der Titel Historiker überhaupt zuerkannt werden dürfe. Vor allem im Hinblick auf seine Quellenarbeit wird sein Schaffen eher kritisch gesehen:

Livius hat keine Archivstudien oder ähnliche Vorarbeiten unternommen, um näher an die Ereignisse, über die er berichten wollte, heranzukommen, sondern er hat sich auf bereits vorhandene Darstellungen gestützt, sich also weitgehend mit vorgeformten Quellen begnügt, und er war auch nicht einmal sonderlich kritisch bei der Auswahl dieser Quellen.4

Dieses Verfahren beruht vermutlich auch auf der enormen Stoffmasse, der Livius gegenüberstand und die ihn zu einem solch ökonomischen Verfahren zwang,5 denn Gegenstand seines Werks war immerhin die gesamte römische Geschichte. Insofern kann es müßig erscheinen, immer wieder auf seine fehlende Quellenkritik im modernen Sinne hinzuweisen.6 Andererseits wundert es aufgrund dieses Vorgehens nicht, dass die Forschung in der Diskussion bisweilen zu folgendem Ergebnis kommt: «Livius haben wir hier nicht als Historiker, sondern nur als Schriftsteller zu betrachten.»7 Darauf ist die erste Pentade, die Bücher eins bis fünf, die zu einem großen Teil auf mythischen Episoden basiert, ein Hinweis. «Er geht hier von der Gründungszeit Roms aus, über deren legendären Charakter er sich im klaren ist [...].»8 Insofern muss die Authentizität seiner Aussagen bezüglich weiblicher Figuren vor allem im ersten Buch immer als relativ angesehen werden. Trotzdem darf Geschichtskritik und Darstellungsform nie ganz voneinander getrennt werden. «Denn solange die Darstellung historische Vorgänge zum Inhalt habe, [muss] sie zwangsläufig auf Schritt und Tritt Aussagen machen, die historische Bedeutung haben.»9 Dass es aber weder in Livius’ Sinn war, reine Quellenforschung zu betreiben, noch alle Vorgänge und Personen, die er beschreibt,selbst historisch zu deuten,10 ist auch deutlich an den Frauenfiguren zu erkennen, denen er in seinem Werk einen Platz einräumt. Zwei von ihnen, Lucretia und Verginia, tauchen innerhalb der mythischen Beschreibungen der Vorzeit auf, die weder einer soliden Quellenstudie, noch einer Bewertung historischer Vorgänge entsprungen gewesen sein können, da es sich um Mythen innerhalb der Königszeit handelt. Welche Bedeutung speziell die Frauenfiguren bei Livius erhalten, wird sich vor allem durch die später folgenden Interpretationen der Episoden ergeben. Es könnte sich zeigen, dass es Livius bei Verginia und Lucretia nicht auf die historische Authentizität ankommt, sondern dass Livius die Schilderung der äußeren Ereignisse hinter denjenigen der menschlichen Haltung, den wechselnden Stimmungen und Entscheidungen der beteiligten Hauptpersonen und Handlungsgruppen hat zurücktreten lassen.11

Dies führt zu einer «innere[n] Begründung des historischen Geschehens».12 Das heißt, dass Livius historische Genauigkeit nicht in den Mittelpunkt seines Werks stellt. «Das moderne Postulat der Faktentreue wäre den römischen Autoren völlig unverständlich gewesen.»13 Darin unterscheidet sich die antike Geschichtsschreibung von der modernen Historiographie. Geschichtsschreiber der modernen Zeit legen vor allem Wert auf Korrektheit in der Darstellung historischer Ereignisse, um Historizität zu erlangen. Im Unterschied dazu orientierten sich die römischen Historiographen außerdem an ihren griechischen Vorgängern. Allerdings lassen sich auch zwischen den römischen Geschichtsschreibern, besonders zwischen Livius, Tacitus und Sallust teils massive Unterschiede in Inhalt, Stil und Intention feststellen. NORDEN merkt zu Livius an, dass dieser liebenswürdige Erzähler mit seiner dulcedo, seinem candor animi […] sich in einer Zeit, wo die pax Augusta sich über Stadt und Völker, Länder und Meere ausbreitete, der Aufgabe, den erbitterten Kampf der Stände sowie das weltgeschichtliche Ringen der Nationen und Parteiführer zu schildern, nicht völlig gewachsen gezeigt hat. Als Historiker im großen Wortsinne hält er den Vergleich mit Sallust und Tacitus nicht aus […].14

Das qualitative Zurückbleiben hinter Tacitus begründet er mit Livius’ Stil:

Dagegen gibt es keine größeren stilistischen Gegensätze als zwischen Sallust und Livius, wie auch die Zeiten und die Menschen grundverschieden waren. An die Stelle der Sallustischen Kürze setzt er ein Ethos der Erzählung, das Quintilian (X, 1, 101) nur mit dem Herodoteischen vergleichen kann [...].15

Nicht nur dieses Ethos wird deutlich, wenn man die aufwendig ausformulierten Mythen von Lucretia und Verginia analysiert. Es könnte sich vielmehr herausstellen, dass die Frauenepisoden ein Teil der exempla -Literatur sind, die für Livius die zentrale Rolle innerhalb seines Werks einnimmt.

Ihm geht es um Einzelgeschichte, um moralische Bewährung in der Geschichte, an einzelnen Stellen durchaus auch um Opfer von Geschichte und das, was Menschen erleiden und erleben. Er will Geschichte erlebbar machen, und darauf richtet sich seine Art der Darstellung. Deshalb konzentriert er sich auf Personen, nicht auf Strukturen.16

Einen Teil dieser Personen machen die Frauenfiguren aus. Mit seinem entschlossenen Blick auch auf sie könnte Livius versuchen, dem Anspruch einer moralischen Geschichtsschreibung zu entsprechen, indem er ganz bestimmte Werte mit den geschichtlichen Aussagen der Frauen-Episoden verknüpft. Denn der Sinn dieser Art von Historiographie, wie sie Livius und Sallust betreiben, liegt im Aufzeigen der idealen Werte und Einstellungen, die sich nach ihrer Ansicht im Verfall befinden. Über den Wert einer solchen Intention bei einem Historiographen lässt sich aus heutiger Perspektive zwar diskutieren, dennoch behält SMETHURST Recht, wenn er schreibt: «Whether Livy’s moralistic attitude to history is legitimate or not, the fact the he always has a moral purpose clearly in mind lends a unity to his work which bears a compelling appearance of truth.»17 Eine Betrachtung der Praefatio von Ab urbe condita wird zur Aufklärung des genauen Zwecks der Frauengestalten im Werk beitragen.

2.2. Aussagen des Proömiums des erstes Buches Ab urbe condita

Sowohl in den Proömien des livianischen Werks als auch bei Sallust finden wir Aussagen über die vom Autor intendierte Funktion des jeweiligen Geschichtswerks. Sie betreffen unter anderem die Gestaltung und Auswahl des Stoffes und dessen Nutzen. Ist es also möglich, bereits durch die Studie der Proömien auf eine konkrete Funktion der Frauenepisoden in den Werken zu schließen? Betrachtet wird daher zunächst in aller Kürze das Vorwort von Ab urbe condita.

A primordio urbis will Livius die Geschichte über die res populi Romani in seinem Werk festhalten. So beginnt er dann auch sein erstes Buch mit einem Rückgriff auf den Mythos von Troja, als Aeneas mit seinen Angehörigen von dort nach Latium fliehen muss. Ganz deutlich wird von Livius bereits in Abschnitt fünf gemacht, dass dieser Rückgriff auf die mythische Vergangenheit für ihn selbst ein Mittel der Beruhigung und auch Belohnung ist, wenn er seinen Blick von den Übeln der gegenwärtigen Zeit auf die alte lenkt. Denn illa prisca, so nennt er die Entstehungszeit seines Roms, sind für ihn ein Konvolut der Eigenschaften und Sitten, die das römische Imperium groß gemacht haben und deren Verfall bis in seine Zeit nahezu vollkommen ist. Es ist selbstverständlich, dass in der Entstehungsgeschichte des livianischen Werks der zeitgeschichtliche Hintergrund eine große Bedeutung spielt. Augustus, der die römische Republik nach der langen Periode der Bürgerkriege in den von der Bevölkerung lang ersehnten Frieden - die Pax Augusta - führte, ist nur vier Jahre vor Livius geboren. NORDEN merkt zu Livius und Augustus Beziehung an:

Auch der Caesar (Augustus) [sic] interessierte sich für das neue Werk. Livius nennt ihn (IV, 20,7) ‚omnium templorum conditorem ac restitutorem’ und deutet gleich in der Vorrede (9) auf dessen Bemühungen hin, das römische Volk physisch und moralisch zu bessern. Sein Werk ist daher von derselben romantisch idealisierenden Auffassung der Vergangenheit getragen und von demselben sittlich religiösen Geiste durchweht wie die Aeneis, deren Abfassung mit derjenigen der ersten Livianischen Dekaden zeitlich zusammenfiel.18

Als kurzer Exkurs sei angemerkt, dass seine inhaltliche und formale Nähe zu anderen Gattungen der Zeit, wie beispielsweise dem Epos, das Vergil zu einer neuen Blüte verhilft und «durch die Situation der Zeit dazu ermutigt wird, mit Homers nationaler Bedeutung zu rivalisieren»19, ihm durchaus bewusst gewesen zu sein scheint, auch wenn ihm dies die intendierte Gattung, die Historiographie, formal untersagte. In der Praefatio liefert Livius für die Tatsache, einer gewissen Hin- und Hergerissenheit zu unterliegen, selbst einen Beweis, wenn er schreibt: «cum bonis potius ominibus votisque et precationibus deorum dearumque, si, ut poetis, nobis quoque mos esset, libentius inciperemus [...].»20

Die politischen Umstände spiegeln sich in Livius Werk nicht nur innerhalb der Beschreibungen von Krieg und Kämpfen, sondern auch in der Darstellung der kulturellen und gesellschaftlichen Entwicklungen wieder. So scheint es auf den ersten Blick paradox, wenn Livius sich über die friedliche Gegenwart in klagender Manier äußert. Dies wird aber nachvollziehbar, wenn man als Erklärung für seine Sorge liest, dass die lange Bürgerkriegsperiode sichtbare Spuren innerhalb des gesellschaftlichen Wertesystems hinterlassen hat. So heißt es im Vorwort der Bücher eins bis fünf der Heidelberger Texte auch treffend: «Im Proömium des Livius klingt noch die quälende Sorge aus den ersten Friedensjahren weiter, ob Rom die Kraft aufbringen werde, dem tiefen Verfall des letzten Jahrhunderts Halt zu gebieten.»21 Die einzige Konkretisierung der Werte, die Livius meint, findet sich erst am Ende der Praefatio im Abschnitt elf und zwölf, wo er von «avaritia luxuriaque» und von «desiderium per luxum atque libidinem» spricht.22 Deshalb bieten vor allem die Rückgriffe auf die Vergangenheit für ihn die geeigneten remedia gegen den Werteverlust, indem sie exempli documenta bieten.23

Auffällig häufig wiederholen sich genau diese konkreten Begriffe sowohl in der Lucretia- als auch in der Verginia-Episode im ersten Buch. Das Wort luxuria taucht in Abwandlung bei der Beschreibung der anderen Ehefrauen auf, die sich ihre Zeit bei einem Gelage vertreiben und somit nicht im Sinne eines Sieges beim certamen muliebre handeln.24 Libido leitet die Tat des Sextus Tarquinius ein,25 steht während Lucretias Schändung im Gegensatzpaar mit pudicitia26 und wird vom Herold vor dem Volk bei der Beschreibung der Tat zur Charakterisierung des Täters verwendet.27 Somit bildet sie einen Rahmen für den diese Episode. Zu guter Letzt erhebt Lucretia selbst ihren Selbstmord in einer kurzen Rede zum exemplum und begründet ihn damit gleichzeitig.28

Noch viel häufiger kommt der Begriff libido im Bericht über Verginias Schicksal vor. Insgesamt elf Mal lässt es sich zwischen Kapitel 44 und 55 und zusätzlich im Nachklang der Episode bei 61 zählen. Livius legt ihn verschiedenen Personen in den Mund, darunter Verginias Verlobten Icilius und ihrem Vater Verginius. Und jedes Mal betrifft der Begriff die Beschreibung der Motive des Appius Claudius, so dass sich die libido quasi als einziges Merkmal dieses Dezemvirn nachdrücklich einbrennt. Das Wort exemplum erscheint dagegen zwar nur einmal29, aber auch hier eindrucksvoll bei Livius’ Beschreibung des Vaters Verginius, der als vorbildlicher, plebejischer Mann im Krieg und Frieden den Kontrast zum der politischen Schicht angehörigen Dezemvirn Appius Claudius bildet.

Livius stellt also schon durch sein Vokabular äußerst deutlich eine Verbindung zwischen den Aussagen in seiner Praefatio und den beiden Berichten über die Frauen im ersten und dritten Buch her. Durch die später folgende Analyse der Episoden wird sich auch zeigen, inwieweit er auch inhaltlich seinen Thesen im Vorwort entspricht, in dem er andeutet, worauf sein Schreiben hinauslaufen und was es beim Leser hervorrufen soll: sowohl das Erkennen jener Lebensweisen, sittlichen Grundsätze und Personen, durch die das römische Reich groß wurde, also auch deren Verfall bis in seine Zeit, um so ein jeweiliges Nachahmen dieser positiven Grundwerte zu bewirken.30 Das Proömium von Ab urbe condita gibt uns also Auskunft über die Intentionen Livius’ als Geschichtsschreiber, doch konkrete Anlässe, die Livius zur Historiographie brachten, lassen sich nicht genau entnehmen. Darin unterscheidet sich dieses Vorwort von dem des sallustischen Bellum Catilinarium, wie später aufgezeigt werden wird.

2.3 Der Geschichtsschreiber Gaius Sallustius Crispus

Neben Livius Geschichtswerk soll in dieser Arbeit auch Sallusts Coniuratio Catilinae als Quelle für eine Analyse der Frauenrolle bei römischen Geschichtsschreibern dienen. Zunächst ist es zweckmäßig, einen kurzen Überblick über Sallusts Leben und Schaffens zu geben, um die Auswahl des zu analysierenden Textes zu begründen. Bei der Betrachtung einzelner Abschnitte der Catilinarischen Verschwörung muss hinsichtlich weiblicher Personen eine gründliche Darlegung seines Geschichtsbildes, auch hinsichtlich der Intentionen seines Schreibens vorausgehen.

2.3.1 Informationen zu Autor und Werk und Auswahl der Frauenfiguren

Von Gaius Sallustius Crispus’ Leben sind mehr biographische Zeugnisse vorhanden als von Livius. Das liegt vor allem an Sallusts Lebenslauf, denn anders als Livius war er selbst am politischen Geschehen in Rom beteiligt.31 Geboren im Jahr 86 vor Christus als Mitglied einer Adelsfamilie, die ihren Sitz in der Nähe von Rom hatte, erhielt er dort eine qualifizierte Ausbildung, was seinen Schriften entnommen werden kann.32 Er leistete seinen Militärdienst in den 60er Jahren ab und bekleidete ab ca. 55 vor Christus

- so lässt es sich einer ihm zugeschriebenen Invektive gegen Marcus Tullius Cicero aus dem Jahr 54 vor Christus entnehmen, deren Autorenschaft jedoch nicht ganz geklärt ist

- das Quaestorenamt, was eine Aufnahme in den Senat und im Jahr 52 vor Christus ein Volkstribunat nach sich zog. Aufgrund seiner anti-aristokratischen Mentalität wurde er jedoch 50 vor Christus aus dem Senat ausgestoßen. Spätestens ab diesem Zeitpunkt war er ein Anhänger Julius Caesars und erhielt nach seiner Teilnahme an dessen Afrikafeldzug die prokonsularische Statthalterschaft über die Provinz Africa Nova im

heutigen Tunesien bis zum Jahr 45 vor Christus. Der Historiographie widmete er sich allerdings erst nach seinem erzwungenen Ausscheiden aus der Politik nach Caesars Ermordung im Jahr 44 vor Christus. Ab diesem Zeitpunkt entstehen seine erhaltenen Werke, von denen ihm die drei folgenden mit Sicherheit zugeschrieben werden können: Historiae, entstanden ab 39 vor Christus bis zum Tode Sallusts und nur fragmentarisch erhalten, Bellum Iugurthinum von 40 vor Christus, und außerdem Bellum Catilinarium aus den Jahren 42/41 vor Christus, oft auch als De coniuratione Catilinae bezeichnet. Es soll deshalb als sallustische Quelle dienen, da Sempronia und Fulvia, die beiden weiblichen Figuren in dieser Schrift besonders herausstechen. Dies ergibt sich aus ihrem scheinbar fehlenden Zweck für die Handlung der Verschwörung, an der sie nur indirekt beteiligt sind. Eine genauere Ausführung dieser These wird später folgen.

2.3.2 Geschichtsauffassung unter Berücksichtigung des Proömiums des Bellum Catilinarium

Die Tatsache, dass gerade zum Zeitpunkt des Endens der politischen Laufbahn Sallusts seine schriftstellerische Tätigkeit ihren Höhepunkt erfährt, kennen wir beispielsweise auch von Cicero, der sich erst nach seinem Konsulat intensiv mit der Philosophie beschäftigt. «Geschichtsschreibung ist demnach biographisch - und dann gewissermaßen zu einer Lebensmaxime idealisiert - ein Ersatz für Politik, für aktive Politik.»33 Dass Sallust sich mit seiner Situation dennoch gut zurechtfand, konstatiert MEHL, wenn er schreibt: «Indem er geistig-moralische Leistungen generell höher einstufte als physische, war für ihn die Historiographie als seiner Ansicht nach besonders anspruchsvolle geistige Betätigung entgegen ihrer traditionellen Einstufung mindestens ebenso hoch angesiedelt wie die des Redners und der Politikers.»34

Der Werteverfall, den Sallust besonders während des Bürgerkriegs um 44 vor Christus, dessen Ende für ihn nicht absehbar war, beobachtete, in Kombination mit seiner persönlichen Krise wegen der Aussichtslosigkeit einer erneuten politischen Karriere, führen bei ihm zu einer durchaus pessimistischen Geschichtsauffassung, die sich von der des Livius, der die Verwirklichung des Friedens durch Augustus miterlebt und in seinem Werk anklingen lässt, deutlich unterscheidet.

Schon Quintilian stellt im ersten Jahrhundert nach Christus in seinem Werk Institutio oratoria die römischen Geschichtsschreiber Sallust und Livius ihren griechischen Vorgängern Thucydides und Herodot gegenüber und vergleicht sie miteinander: «Nec

Livium […].»35 Dabei geht er besonders auf Livius näher ein und vermittelt eine Vorstellung davon, wie bereits antike Autoren Livius Arbeit bewerteten.36 Der Vergleich zwischen Sallust und Thukydides ist allerdings nicht unumstritten. Zu einem anderen Ergebnis kommt SYME, wenn er diese Einschätzung beurteilt: «Quintilian’s claim comes as a shock. The monographs of Sallust betray all manner of disquieting features; and [...] there is no reason to suppose that it came anywhere near the History of the Peloponnesian War for diligence, integrity, and depth.»37

In weiteren Punkten sind Sallusts und Livius Werke zwar vergleichbar, müssen aber dennoch differenziert betrachtet werden: «Wenn man den Namen Sallust hört, weiß man eventuell, dass er einer der großen römischen Historiker war, der in seinem Ruhm sicherlich mit Livius auf eine Stufe zu stellen ist.»38 Zeitlich gesehen ist demnach ein Sprung vom einen zum anderen nicht groß, denn nur ein Jahrzehnt trennt sie voneinander.

Den besonderen Anforderungen des Geschichtsschreibens wollte Sallust in verschiedener Hinsicht gerecht werden. […] Hier trifft man zum ersten Mal in der römischen Historiographie, soweit sie erhalten ist, auf jene abstrakte und zur Formel erstarrte, ausschließlich aus der Verneinung der Subjektivität heraus formulierte und gedachte Beteuerung der Objektivität des Historikers […].39

Die Menge der hinterlassenen Werke unterscheidet sich in ihrer Anzahl voneinander, allerdings gleicht der Umfang von Sallusts drei Schriften in seiner Gesamtheit nicht annähernd Livius’ Ab urbe condita. Auch in der Gattung weicht er von seinem Nachfolger Livius ab. Während dieser sich in seinem Werk mit einem Zeitraum von etwa 750 Jahren römischer Geschichte beschäftigt, widmet Sallust seine ersten zwei Schriften jeweils einer kriegerischen Auseinandersetzung und deren wichtigsten Protagonisten, die diesen historischen Monographien ihren Namen verleihen: Catilina und Iugurtha. Hier zeigt sich besonders im Vergleich mit Livius «der experimentelle Charakter der sallustischen Werke, [...] der Versuch, innenpolitische Prozesse in einer fast biografischen Konzentration auf einen einzelnen Revolutionär widerspiegeln zu lassen.»40 Seine dritte und letzte, nur fragmentarisch erhaltene Schrift Historiae Christus, bleibt aber vermutlich aufgrund seines Todes im Jahr 35 vor Christus unvollendet, «so dass man auch hier erkennen kann: Sallust will eine ganz konzentrierte, tendenziell eher monografische Behandlung eines kleinen Abschnitts römischer Geschichte; er will keineswegs in annalistischer Manier eine große Fläche, eine lange Zeitperiode darstellen.»41 Dass er insofern auf einzelne Charaktere sehr viel näher eingeht und sie zum Zentrum seiner Werke macht, macht besonders seine Schrift über Catilina zu einer sehr guten Quelle einer Analyse der Frau, der in diesem Werk eine besondere Bedeutung zukommt: Sempronia.

Die wichtigsten Aussagen der Praefatio des Bellum Catilinarium seien im Folgenden kurz erwähnt, denn auch hier finden sich hilfreiche Hinweise, die bei der Einordnung der beiden Frauen und bei der Analyse ihrer Rolle grundlegend sein werden. Das Proömium (Abschnitt eins bis vier) scheint sich nicht direkt auf die nachfolgenden Ausführungen der Verschwörung zu beziehen,42 es dient zunächst als «die für notwendig erachtete Rechenschaftsabgabe, warum die Geschichtsschreibung für Sallust in seiner Situation die angemessene menschenwürdige Betätigung ist.»43 Betrachtet man aber das Vokabular, lässt sich ein Zusammenhang mit der Thematik der Monographie herstellen. Am Anfang steht eine anthropologische Einführung, inwieweit nur der Ruhm, gloria, der bei einer geistigen Betätigung erreicht werden kann44, dem menschlichen Leben einen Sinn stiftet, indem er eine individuelle Lebensleistung, besonders im politischen Agieren, nachweisen kann. Der Begriff gloria fällt im engen Zusammenhang mit virtus, der höchste römische Wertbegriff für Männer in der römischen Gesellschaft.45 BOYD beschreibt den Begriff virtus folgendermaßen:

Virtus [kursiv im Original] is the quality which characterizes a vir, just as senectus is the quality which characterizes a senex; it is literally ‚maniless’, in all senses of the word. Virtus [kursiv im Original] ist he quality which distinguishes vir [kursiv im Original] from femina [kursiv im Original] (or mulier).46

Diese Ausdrücke scheinen von Sallust beinahe gleichgesetzt zu werden. Und wieder tritt schon im zweiten und dritten Paragraphen mit lubido ein bereits bekannter Expansionspolitik der Perser und Griechen im fünten Jahrhundert vor Christus und ihr Streben nach Herrschaft.47 Beim zweiten Mal geht er in Verbindung mit superbia auf die Folgen der lubdio für das Schicksal einer Herrschaft, hier fortuna, ein.48 Anders als Livius bringt Sallust also den Begriff zunächst nicht mit einer konkreten Person, sondern mit dem Verfall der Sitten innerhalb eines politischen Systems in Verbindung. Er rechtfertigt im Folgenden sein Schaffen als Historiograph, dessen Aufgabe er als arduum und damit als schwierige Aufgabe für den Menschen bezeichnet,49 und beschreibt seinen eigenen Weg zur Geschichtsschreibung. Erst in diesem Zusammenhang ergeben die oben genannten Begriffe virtus und gloria einen Sinn: «Geschichtsschreibung, Würdigung des Geschehens, ist durch diese Schwierigkeit für Sallust ein Werk der virtus, das gloria einbringen kann.»50 Besonders dieser Begriff soll für die Analyse der Frauenepisoden im Werk noch von Bedeutung sein. Das Proömium schließt zum einen mit der Begründung der Auswahl des Catilina-Stoffes - Catilinae coniuratione.51 Hier sind für ihn die Größe und Gefahr des Verbrechens der Verschwörung ausschlaggebend.52 Zum anderen folgt die Ankündigung einer kurzen Darstellung des Protagonisten Catilina.53 Die genaue inhaltliche und interpretatorische Analyse der Charakterisierungen Catilinas und Sempronias wird später erfolgen.

3. Zwei Frauenfiguren in Livius’ Ab urbe condita - Lucretia und Verginia

Brigitte Truschnegg erwähnt im Rahmen ihres Aufsatzes zur Semantik wichtiger frauenbezeichnender Termini bei Livius 362 Stellen, die Frauen bzw. ihr Verhältnis zum männlichen Geschlecht behandeln, ausgenommen aller Textpassagen, die über die Familie oder das Verhältnis zu Kindern im Allgemeinen sprechen - die somit die Frauen eigentlich beinhalten würden - und aller Textpassagen, die den Kult weiblicher Götter behandeln.54 Barbara Kowalewski geht in ihrem Buch auf rund 40 Episoden ein, die sich explizit mit einer oder mehreren Frauen beschäftigt. Die Studie von Kowalewski, die auf weitere Literatur verweist, lässt auch den Perspektivwechsel in der Forschung erkennen: Von der Bearbeitung einzelner Figuren geht sie über zur Livius.55 Eine Betrachtung aller Frauenfiguren im livianischen Werk würde dem Umfang dieser Arbeit nicht gerecht werden, so dass eine Auswahl zugunsten der Episoden der Lucretia und der Verginia sinnvoll erscheint, da sie aufgrund ihrer Länge und ihrer Position im jeweiligen Buch hervortreten.

3.1 Lucretia - Opfer und exemplum

Nachdem die Auswahl beider Episoden begründet wurde, soll im Folgenden zunächst die Lucretia-Episode ins Werk eingeordnet und inhaltlich analysiert werden. Danach werden einige Ansätze zur Interpretation aufgezeigt.

3.1.1 Einordnung in den Gesamtzusammenhang des ersten livianischen Buches

Die wohl bekannteste Textstelle in Livius’ Werk, die sich explizit mit einer Frau beschäftigt, findet man gegen Ende des ersten Buches. Außer bei Livius ist sie unter anderem auch bei Dionysios von Halikarnass, Cassius Dio, Diodor und Ovid überliefert.56 Während bei Livius die Bücher zwei bis fünf die Frühzeit Roms bis zu dessen Eroberung durch die Gallier im Jahr 390 vor Christus behandeln, wird im ersten Buch auf Basis mythologischer Erzählungen und ungesicherter Reden, aber dennoch detailliert, von der Königszeit berichtet. Dies ist insofern beachtenswert, als andere römische Geschichtsschreiber, wie zum Beispiel Tacitus, die Königszeit in wenigen Worten, im Fall von Tacitus sogar in nur einem Satz, abhandeln: «Urbem Romam a principio reges habuere.»57 Der Umfang, den Livius dieser Zeit römischer Geschichte im Gegensatz zu anderen Historiographen widmet, lässt auf eine Vorliebe seinerseits für römische Frühgeschichte schließen, was er auch in seiner Praefatio anklingen lässt.58 So ist es kaum verwunderlich, dass ausgerechnet in die erste Pentade des Werkes die wohl eindrücklichsten Frauenepisoden eingebettet sind.

In diesem Rahmen also beginnt Livius ab Kapitel 49 den Mythos über den siebten und letzten König, den Etrusker Lucius Tarquinius Superbus, in dessen Regierungszeit die Lucretia-Episode von Kapitel 57 bis 60 eingebettet ist. Um der später folgenden Aufgabe, die Funktion und Bedeutung der Frauen in den römischen Geschichtswerken anhand ausgewählter Beispiele zu bestimmen, gerecht werden zu können, muss auch die hier vorliegende Lucretia-Episode zunächst einer grundsätzlichen Inhaltsanalyse und

[...]


1 JANSSEN-JURREIT 28. 2

2 Cf. KOWALEWSKI 8.

3 Relevante Aussagen z.B.: Aristoteles, Πολιτικά, 1254b13-14; Platon, Πολιτεία, 456A, Galen, De semine.

4 Cf. SEECK 81.

5 Cf. MEHL 92 f. Cf.

6 CHRIST 141.

7 Cf. NORDEN 76.

8 BURCK (1992), Einleitung XVII.

9 SEECK 82.

10 Cf. Ib.

11 BURCK (1992), Einleitung XII.

12 Ib.

13 LEFÈVRE 31.

14 NORDEN 78.

15 Ib.

16 RÜPKE 154.

17 SMETHURST 80.

18 NORDEN 77.

19 ALBRECHT 10.

20 Liv. 1,1,13.

21 BURCK, Einleitung der Heidelberger Textausgabe 7.

22 Liv. praef. 11f.

23 Ib. 9f.

24 Ib. 1,57,9.

25 Ib. 1,57,10.

26 Ib. 1,58,5.

27 Ib. 1,59,8.

28 Ib. 1,58,10.

29 Ib. 3,44.2.

30 Cf. Liv. 1,1,9-10: ad illa mihi pro se quisque acriter intendat animum, quae vita, qui mores fuerint, per quos viros quibusque artibus domi militiaeque et partum et auctum imperium sit; labante deinde paulatim disciplinavelut dissidentes primo mores sequatur animo [...]. Hoc illud est praecipue in cognitione rerum salubre ac frugiferum, omnis te exempli documenta in inlustri posita monumentuo intueri; inde tibi tuaeque rei publicae quod imitere capias [...].

31 Cf. RÜPKE 183.

32 Angaben zur Biographie Sallusts finden sich in vereinzelt überlieferten Fragmenten der Viten von Asconius und Sueton und in der Invectiva in Ciceronem, deren Urheberschaft nicht eindeutig geklärt ist, jedoch bei Sallust vermutet wird. (Cf. SCHMIDT, sp. 1513f.).

33 Cf. RÜPKE 188.

34 MEHL 78.

opponere Thucydidi Sallustium verear, nec indignetur sibi Herodotus aequari Titum

35 Quint. Inst. 10, 1, 101.

36 Ib.: [...] cum in narrando mirae iucunditatis clarissimique candoris, tum in contionibus supra quam enarrari potest eloquentem, ita quae dicuntur omnia cum rebus tum personis accommodata sunt: adfectu quidem, praecipueque eos qui sunt dulciores, ut parcissime dicam, nemo historicorum commendavit magis.

37 SYME 1.

38 RÜPKE 179.

39 NORDEN 79.

40 RÜPKE 195. behandelt zwar als einzige einen fortlaufenden Zeitabschnitt, die Jahre 78 bis 67 vor

41 Ib. 178.

42 Cf. Quint. inst. 3,8,9. Quintilian ordnet das Proömium des Bellum Catilinarium den epideiktischen Vorreden zu, die sich durch eine inhaltliche Entfernung vom eigentlichen Werk auszeichnen. Dabei führt er neben Isokrates’ Reden Ἑλένηςἐγκώµιον und ΛογοςΠανεγυρικος und Gorgias’ olympische Rede in Platons Γοργίας als Beispiel auch Sallusts Bellum Catilinarium an: «Quos secutus videlicet C. Sallustius in bello Iugurthino et Catilinae nihil ad historiam pertinentibus principiis orsus est.»

43 BÜCHNER 93.

44 Sall. Cat. 1,3: Quo mihi rectius videtur ingeni quam virium opibus gloriam quaerere et, quoniam vita ipsa, qua fruimur, brevis est, memoriam nostri quam maxume longam efficere.

45 Ib. 1,4: Nam divitiarum et formae gloria fluxa atque fragilis est, virtus clara aeternaque habetur.

46 BOYD 193. Begriff in Erscheinung. Sallust verweist damit beim ersten Mal auf die

47 Sall. Cat. 2,2: lubidinem dominandi.

48 Ib.: ubi [...] lubdio atque superbia invasere, fortuna simul cum moribus inmutatur.

49 Ib. 3,2.

50 BÜCHNER 100.

51 Sall. Cat. 4,3.

52 Ib. 4,4: nam id facinus in primis ego memorabile existumo sceleris atque periculi novitate.

53 Ib. 4,5: De cuius hominis moribus pauca prius explananda sunt, quam initium narrandi faciam.

54 Cf. TRUSCHNEGG 299. Betrachtung der konzeptionellen Rolle der Frau in der Geschichtsschreibung des

55 Cf. FREUND 308, Anm. 1.

56 Die Lucretia-Sage ist unter anderem an folgenden Stellen verarbeitet: Dion. Hal. ant. 4, 64-76; Cass. Dio, 2,13-19; Ov. fast. 2,720-852.

57 Tac. Ann. 1,1.

58 Liv. praef. 4,1-5,11.

Details

Seiten
64
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668214668
ISBN (Buch)
9783668214675
Dateigröße
933 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v322287
Note
Schlagworte
frauen geschichtsschreibung darstellung frauenfiguren livius sallust

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Titel: Frauen in der römischen Geschichtsschreibung. Die Darstellung historischer Frauenfiguren bei Livius und Sallust