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Die drei Kapitalarten nach Pierre Bourdieu und ihr Einfluss auf den Bildungsweg eines Menschen

Eine Betrachtung der Auswirkungen fehlenden Kapitals an Beispiel-Porträts von Kindern der „Arche“

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 19 Seiten

Pädagogik - Allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die drei grundlegenden Kapitalarten nach Pierre Bourdieu
2.1 Das ökonomische Kapital
2.2 Das kulturelle Kapital
2.2.1 Das inkorporierte Kulturkapital
2.2.2 Das objektivierte Kulturkapital
2.2.3 Das institutionalisierte Kulturkapital
2.3 Das soziale Kapital

3. Der Einfluss der Kapitalarten auf den Bildungsweg

4. Die Kinder und Jugendlichen der „Arche“
4.1 Die Erfahrungen der Mitarbeiter
4.2 Die Porträts der Kinder

5. Schluss

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Rahmen der „Bepanthen“-Kinderarmutsstudie im Sommer 2008 wurden unter wissenschaftlicher Aufsicht 200 Jungen und Mädchen im Alter zwischen 6 und 13 Jahren über ihre Vorstellungen im Hinblick auf die eigene Zukunft befragt. Dabei konzentrierte man sich auf sozial benachteiligte Kinder, welche, wie das Mädchen aus dem folgenden Auszug, aus „prekären“[1] Verhältnissen stammen.

„[...] Karina mag alle Tiere. Deshalb will sie später auch einmal Tierärztin werden. Auch wenn sie Pferde besonders gern hat, will sie später lieber Hunde verarzten, denn zu Pferden muss man ja immer hinfahren, und sie würde lieber in ihrer Praxis bleiben. Karina glaubt aber nicht, dass sie später wirklich Tierärztin werden kann, denn das ist ganz schön schwer, wie sie weiß.

Wenn Karina auf ihrem Weg alleingelassen wird, wird sie es tatsächlich schwer haben, ihr großes Ziel, Tierärztin zu werden, zu erreichen. Wir müssen sie an die Hand nehmen, denn sie muss vor allem einen guten Schulabschluss schaffen. Noch hat Karina dieses Ziel vor Augen. Die nötige Intelligenz, das Durchsetzungsvermögen und die Kraft dazu hätte sie. Würde Karina in einer ganz normalen Familie aufwachsen, dann würde sie ihr Ziel auch erreichen können [...]“[2].

Ähnlich wie Karina, einem elfjährigen Mädchen aus Hamburg, ergeht es vielen jungen Menschen, die in schwierigen sozialen Verhältnissen groß werden. Oftmals sind deren Eltern arbeitslos oder leben getrennt voneinander, sodass es ihnen nicht möglich ist, jedem ihrer Kinder einen gehobenen Bildungsweg zu finanzieren. Des Weiteren fehlt ihnen häufig das Potential, die persönliche Verantwortung für eine gesunde Entwicklung ihrer Söhne und Töchter zu übernehmen.[3]

Bernd Siggelkow, der Begründer des christlichen Kinder- und Jugendwerks „Die Arche“, arbeitet täglich mit Mädchen und Jungen unterschiedlicher Altersgruppen aus den sozialen Brennpunkten Berlins[4] zusammen und ist somit in der Lage, ihre Lebensumstände aus einer realitätsnahen Perspektive zu beschreiben. Gemeinsam mit Wolfgang Büscher, dem Pressesprecher der „Arche“, veröffentlichte er 2009 seine Erfahrungen in dem Buch „Deutschlands große Chance – Was sich unsere Kinder wünschen und warum wir sie unbedingt ernst nehmen müssen“. Gestützt durch empirische Studien erläutert er Ursachen und Folgen von Kinderarmut, wobei er insbesondere das Recht auf Bildung und Ausbildung für Kinder laut der UN-Kinderrechtskonvention vom 20. November 1989[5] ins Zentrum seiner Betrachtungen stellt.

Bemerkenswert ist, dass in Siggelkows Erläuterungen der familiären Hintergründe der „Arche“-Kinder und deren schulischer Laufbahn Verbindungen zu Pierre Bourdieus Reflexionen zu Bildung und Gesellschaft erkennbar werden. Speziell die von dem französischen Soziologen beschriebenen Kapitalarten und deren Einflüsse auf den Bildungsweg eines Menschen lassen sich in beinahe allen Beispielfällen wiederfinden.

Im Folgenden soll daher die Frage geklärt werden, inwiefern fehlendes Kapital nach den Definitionen Pierre Bourdieus einen dem Potential des Kindes hinsichtlich Intelligenz und Fähigkeiten entsprechenden Bildungsweg möglicherweise behindern könnte.

Zur Beantwortung dieser Frage sollen folgende Schwerpunkte dienen:

- Wie definiert Pierre Bourdieu das ökonomische, kulturelle und soziale Kapital?
- Welchen Einfluss haben laut ihm die drei Kapitalarten aus soziologischer Perspektive auf den Bildungsweg eines Menschen?
- Inwiefern lässt sich die Theorie Bourdieus auf die von Bernd Siggelkow beschriebenen Erfahrungsberichte anwenden?

Es ist jedoch zu berücksichtigen, dass im Rahmen dieser Arbeit nur bedingt auf weitere von Bourdieu genannte Faktoren bezüglich des Einflusses auf den Bildungsweg, wie beispielsweise den Habitus, eingegangen werden kann. So soll diese Arbeit lediglich als Anstoß zu weiteren Auseinandersetzungen hinsichtlich der Problematik des Bildungspotentials der kommenden Generationen dienen.

2. Die drei grundlegenden Kapitalarten nach Pierre Bourdieu

Der französische Soziologe Pierre Bourdieu definiert u.a. in seinem Werk „Die verborgenen Machtmechanismen“ unter Einbezug seiner bisherigen Studien und Beobachtungen den Begriff „Kapital“. Dabei betont er, wie bereits Karl Marx einige Jahrzehnte zuvor[6], dass das Kapital akkumulierbar, d.h. durch Investition auf dem Markt erweiterbar ist. Diese Akkumulation benötigt zwar Zeit, jedoch ist das Kapital „eine der Objektivität der Dinge innewohnende Kraft, die dafür sorgt, dass nicht alles gleich möglich oder gleich unmöglich ist.“[7]

Anders als Marx spricht Bourdieu im Zusammenhang mit dem Kapital stets von mehreren Unterarten. Für ihn existiert es sowohl in materieller als auch in verinnerlichter, inkorporierter Form.[8] Die drei grundlegenden Arten sind das ökonomische Kapital (materiell), das kulturelle Kapital (nur bedingt materiell) und das soziale Kapital (inkorporiert).[9] Unter „mehr oder weniger große[m] Aufwand[...] an Transformationsarbeit“[10] ist es möglich, die einzelnen Formen ineinander umzuwandeln. Daher ist es sinnvoll, die Merkmale der drei Kapitalarten stets im Zusammenhang zu betrachten.

Zunächst sollen das ökonomische, kulturelle und soziale Kapital kurz definiert werden.

2.1 Das ökonomische Kapital

Das ökonomische Kapital ist laut Bourdieu „unmittelbar und direkt in Geld konvertierbar“[11] und bildet die Grundlage für den Erwerb weiteren Kapitals[12]. Zu ihm zählen demnach alle Formen des materiellen Besitzes, welche in und durch Geld getauscht werden können.[13] Bezüglich des grundlegenden Charakters des ökonomischen Kapitals warnt Bourdieu jedoch vor einer einseitigen Betrachtungsperspektive: So sollte man nicht von einem existierenden „Ökonomismus“ ausgehen, welcher alle anderen Kapitalformen auf das ökonomische Kapital reduziert, sondern die spezifischen Merkmale des kulturellen und sozialen Kapitals berücksichtigen.[14]

2.2 Das kulturelle Kapital

Das kulturelle Kapital ist nur bedingt materiell, da es nach Bourdieu in drei verschiedenen Formen existiert: im inkorporierten, objektivierten und institutionalisierten Zustand[15].

2.2.1 Das inkorporierte Kulturkapital

Als verinnerlichtes Kapital werden kulturelle Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten eines Menschen bezeichnet. Im allgemeinen deutschen Sprachgebrauch versteht man darunter die von einem Individuum erworbene Bildung.[16] Daraus lässt sich schließen, dass diese Kapitalform grundsätzlich körpergebunden und nur durch einen Verinnerlichungsprozess zu erwerben ist. Dieser erfordert persönlich investierte Zeit und ist nicht von einer fremden Person vollziehbar.[17] So hat inkorporiertes Kulturkapital zwar den Vorteil, „dass die Nutzung oder Ausbeutung kulturellen Kapitals sich für Eigner ökonomischen oder sozialen Kapitals als besonders problematisch erweist [...]“[18], d.h. es lässt sich nur in Form von Personen erwerben, welche die begehrten Fähigkeiten und Fertigkeiten besitzen; jedoch verlangt ein hoher Bildungsgrad „alle möglichen Entbehrungen, Versagungen und Opfer“[19] von dem jeweiligen Individuum.

Allerdings kann die Inkorporierung kulturellen Kapitals auch unbewusst stattfinden, indem man beispielsweise die typische Sprechweise seiner Klasse oder Herkunftsregion übernimmt.[20]

2.2.2 Das objektivierte Kulturkapital

„In seiner objektivierten Form besteht kulturelles Kapital aus Büchern, Kunstwerken, Bildern [und] technischen Instrumenten.“[21] Es ist somit leichter übertragbar und in einem Geldwert auszudrücken als verinnerlichtes Kulturkapital. Dennoch stehen beide Arten in engem Zusammenhang miteinander, da der „Genuß eines Gemäldes“ oder der „Gebrauch einer Maschine“[22] und damit das Erkennen des eigentlichen Wertes des Objektes erst durch die erforderlichen kulturellen Kenntnisse und Fähigkeiten ermöglicht wird.

2.2.3 Das institutionalisierte Kulturkapital

Einen Versuch der Objektivierung inkorporierten Kapitals stellen die Zertifikate des jeweiligen Bildungssystems dar. Abschlusszeugnisse und Bildungstitel, welche zur rechtlichen Garantie für kulturelle Kompetenzen dienen sollen, grenzen ihre Besitzer von sogenannten Autodidakten ab.[23] Diese stehen, im Gegensatz zu Titelträgern, „ständig unter Beweiszwang“[24]. Folglich ist „die Bestimmung des kulturellen Wertes eines Titelinhabers im Vergleich zu anderen unauflöslich mit dem Geldwert verbunden“[25], da jener als legitim erklärt und nach institutionellen Maßstäben geprüft worden ist[26]. An dieser Stelle wird auch die Umkehrbarkeit der Bildungsinvestition deutlich[27]: Die zuvor aufgebrachte persönliche Zeit soll nach dem Erwerb eines speziellen Zeugnisses oder Titels in einen angemessenen ökonomischen Ertrag umgewandelt werden.

2.3 Das soziale Kapital

„Das soziale Kapital besteht aus Möglichkeiten, andere um Hilfe, Rat oder Informationen zu bitten sowie aus den mit Gruppenzugehörigkeiten verbundenen Chancen, sich durchzusetzen.“[28] Bourdieu bezeichnet es auch als die „Gesamtheit der aktuellen und potentiellen Ressourcen, die mit dem Besitz eines dauerhaften Netzes von [...] Beziehungen gegenseitigen Kennens oder Anerkennens verbunden sind [...]“[29].

[...]


[1] „prekär“ bzw. „Prekariat“: laut der Bundeszentrale für politische Bildung eine vom italienischen Bordiguismus geprägte, in der Presse (tagesschau.de vom 15.06.2006; welt.de vom 29.04.2006) seit einigen Jahren häufig gebrauchte Bezeichnung für Randständige der Arbeitswelt

[2] Siggelkow/Büscher, S.120f.

[3] Vgl. ebd., S. 17ff.

[4] weitere Einrichtungen unter http://www.kinderprojekt-arche.de

[5] United Nations Convention on the Rights of the Child, Article 28

[6] Vgl. Berger, S.27ff.

[7] Bourdieu (2004), S.217

[8] Vgl. ebd.

[9] Vgl. ebd., S.218

[10] Ebd., S.226

[11] Ebd., S.218

[12] Vgl. Krais, S.210f.

[13] Vgl. Fuchs-Heinritz/König, S.161

[14] Vgl. Bourdieu (2004), S.227

[15] Vgl. ebd., S.218

[16] Vgl. Fuchs-Heinritz/König, S.162f.

[17] Vgl. Bourdieu (2004), S.219

[18] Bourdieu (2001): Die drei Formen des kulturellen Kapitals, S.114, Fußnote 3

[19] Borudieu (2004), S.219

[20] Vgl. ebd., S.220

[21] Fuchs-Heinritz/König, S.162

[22] Bourdieu (2004), S.222

[23] Vgl. ebd.

[24] Ebd.

[25] Ebd., S.223

[26] Vgl. Bourdieu (1999), S.48

[27] Vgl. Bourdieu (2004), S.223

[28] Fuchs-Heinritz/König, S.166

[29] Bourdieu (2004), S.224

Details

Seiten
19
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783668214231
ISBN (Buch)
9783668214248
Dateigröße
602 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v322205
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – Schulpädagogik
Note
1,3
Schlagworte
Pierre Bourdieu Franziska Kober Arche Bernd Siggelkow Bildung Kapital Kapitalart ökonomisch sozial kulturell

Autor

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