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Wie funktioniert die gesellschaftliche Realität? Einführung in die Sozialontologie John Searles

Seminararbeit 2013 18 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Das Fundament – Grundlagen der Searle'schen Sozialontologie
2.1 Searle's Methodologie
2.2 Ontologische & epistemologische Prämissen

3 Das konstruktive Bewusstsein

4 Die Beschaffenheit der gesellschaftlichen Realität
4.1 Die Erzeugung der gesellschaftlichen Realität
4.2 Die Konstitutive Funktion der Sprache

5 Institutionelle Macht

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Wir leben in einer institutionellen Welt. Geld, sozialer Status und Pflichten bestimmen unser tägli­ches Leben in einer derartig umfassenden Art und Weise, dass wir uns ihrer Omnipräsenz kaum oder gar nicht mehr bewusst sind. Was auch nicht verwunderlich ist, denn schließlich erblicken wir das Licht dieser Welt und beginnen von der Pike auf zu lernen, wie man sich in der gesellschaftli­chen Wirklichkeit zurechtfindet. Dieses Phänomen erscheint umso beachtlicher, bedenkt man, dass wir nicht einmal genau verstehen wie diese Wirklichkeit tatsächlich funktioniert. Unser Unwissen wird vor allem dann deutlich, wenn man einen Blick auf einige Institutionen wirft, die wir alltäglich und selbstverständlich nutzen. Betrachten wir bspw. die Institution des Geldes. Eine 50 Cent Münze besteht aus einer Metalllegierung die als „Nordisches Gold“ bezeichnet wird (89% Cu, 5% Al, 5% Zn, 1% Sn)[1], diese Münze fungiert als Zahlungsmittel und ermöglicht uns somit den Erwerb einer Sache unseres Begehrens. Angenommen man ginge zu einem Bäcker, bestellte dort ein Brötchen und übergäbe der Bäckerin eine Scheibe aus Nordischem Gold, d.h. ein Objekt dessen physische und chemische Eigenschaften identisch mit denen einer 50 Cent Münze sind. Wie würde die besagte Bäckerin wohl reagieren? Selbstverständlich würde sie einem das georderte Brötchen verwehren oder gar mit der Polizei drohen. Aber warum? Schließlich ist die Physis des Duplikates doch iden­tisch mit der materiellen Beschaffenheit einer originalen 50 Cent Münze. Der Grund dafür scheint darin zu liegen, dass die Münze ihre Funktion (d.i. Zahlungsmittel zu sein) nicht durch ihre bloße materielle Beschaffenheit verrichtet. Wenn die Münze ihre Funktion nun aber nicht durch etwas Physisches verrichtet, wodurch erhält sie dann ihren Wert? Durch etwas Geistiges oder gar Meta­physisches? Es ist ein äußerst befremdlicher Gedanke, dass Institutionen unser Leben signifikant bestimmen, wir uns aber nicht wirklich im Klaren darüber sind wie dies von statten geht. Diesem Unverständnis entgegnet John Searle in seinem Werk „Die Konstruktion der gesellschaftlichen Wirklichkeit“, indem er eine umfassende Theorie für die Beschaffenheit der gesellschaftlichen Rea­lität, ihrer Funktionsweise und ihrer Relation zur Wirklichkeit im Allgemeinen konzipiert. Demge­mäß ist es das Ziel dieser Ausarbeitung, die fundamentalen Gedankengänge von Searle zu rekon­struieren, um somit eine konsistente Erklärung für folgende Fragen zu liefern: 1.) Wie die gesell­schaftliche Wirklichkeit beschaffen? 2.) In welcher Korrelation steht sie zu unserer Allgemeinen On­tologie? und 3.) Wie generiert sie Mächte, welche unser Leben gänzlich durchdringen?

2 Das Fundament – Grundlagen der Searle'schen Sozialontologie

Am Anfang dieser Untersuchung wird zunächst eine Einführung in die Methodologie und das theoretische Grundgerüst der Searle'schen Sozialontologie erfolgen, um so ein solides Verständnis für die Beschaffenheit seiner Theorie zu gewährleisten. Es ist anzumerken, dass ein solches Vorgehen und eine stringente Verwendung der Termini technici ganz im Sinne der philosophischen Tradition erfolgt, der Searle angehört – d.i. die analytische Philosophie. Im folgenden Schritt wird dann, auf Basis dieser Grundlagen, die Ontologie der sozialen Wirklichkeit konstituiert.

2.1 Searle's Methodologie

Obwohl Searle nicht expliziert, mit welcher Methodik er die Ontologie der gesellschaftlichen Wirklichkeit untersucht, erschließt sich diese durchaus aus seiner Vorgehensweise. Jene gestaltet sich folgendermaßen:

1. Es wird ein (soziales oder gesellschaftliches) Phänomen vorgestellt (z.B. Geld).
2. Dieses Phänomen wird mittels theoretischer Instrumentarien (z.B. Funktions- oder Sprachanalyse) zerlegt, um so die Struktur des Phänomens und seine Bedeutung für spezifische Kontexte ersichtlich zu machen.
3. Dem konstatierten Phänomen wird eine Hypothese gegenübergestellt, welche eine Erklärung für die Beschaffenheit, Funktionsweise und Bedeutung des Unter­suchungsgegenstandes generieren soll.
4. Ist die Hypothese prima facie einleuchtend wird sie spezifischeren Beispielen (ggf. Gegenbeispielen) gegenübergestellt, um so zu überprüfen ob von der formulierten Annahme abstrahiert werden kann, bzw. ob diese eine adäquate Erklärung für die untersuchte Tatsache repräsentiert.
5. Sollte die Hypothese mit der Wirklichkeit im Partikularen korrespondieren, so muss untersucht werden ob jene auch mit der Wirklichkeit im Allgemeinen (d.i. die Gesamtheit unserer 'verifizierten', miteinander kohärenten Überzeugungen über die Realität) übereinstimmt. Folglich wird sie unseren ontologischen Axiomen gegen­übergestellt und auf ihre Kohärenz mit diesen untersucht. Sollte sich herausstellen, dass die Hypothese in Widerspruch mit grundlegenden Prämissen gerät, so muss entweder die Hypothese oder das gesamte Überzeugungssystem modifiziert werden.[2]

Die angeführte Chronologie dieser Methodik ist keineswegs bindend. sie wird von Searle mehr oder weniger flexibel genutzt, um so spezifische Erkenntnisse über partikulare Bestandteile der gesellschaftlichen Wirklichkeit in Erfahrung zu bringen. Demnach wird das Verfahren der intendier­ten Zielsetzung angepasst, um so den jeweiligen Untersuchungsschwerpunkt zu fokussieren. Zudem ist anzumerken, dass 5. lediglich als impliziter Bestandteil der Searl'schen Methodik verstanden werden sollte.

2.2 Ontologische & epistemologische Prämissen

Da die Klärung der Relation von gesellschaftlicher Realität und Wirklichkeit im Allgemeinen ein Teilziel dieser Untersuchung ist, muss aufgezeigt werden von welchen grundlegenden Prämissen Searle ausgeht, wenn er über die Beschaffenheit der Welt spricht. Zu diesem Zweck werden seine ontologischen und epistemologischen Annahmen eingeführt und erläutert.

Den Grundstein der Searle'schen Theorie bildet der so genannte 'externe Realismus ', welcher postuliert, dass die Wirklichkeit unabhängig davon existiere, wie wir sie repräsentieren. Der externe Realismus vertritt demnach die Auffassung, dass es eine ontologisch objektive Welt gibt, was bedeutet, dass es Tatsachen in der Welt gibt die wir zwar mittels unserer Vermögen erfahren, untersuchen und bezeichnen können, die aber nichtsdestotrotz davon losgelöst existieren. Nach Searle's Auffassung wird die Gesamtheit des Universums durch s.g. „ rohe Tatsachen“, also Entitäten die unabhängig von jeder Repräsentation von ihnen existieren und durch Kausalbeziehungen bestimmt sind, konstituiert. So ist es bspw. eine rohe Tatsache, dass sich die Planeten eines Sonnensystems stets auf einem Orbit um den Stern im Zentrum bewegen. Dies tun sie jedoch unabhängig davon ob wir den Himmelskörper im Zentrum Sonne nennen oder XYZ, bzw. ebenso losgelöst davon wie wir die anderen Himmelskörper oder die Relation dieser bezeichnen. Der Kerninhalt dieser Annahme ist, dass die Sachverhalte der Wirklichkeit unabhängig von menschlichem Bewusstsein bzw. Bewusstsein im Allgemeinen existieren.[3]

„[...] Der Realismus [ist] keine These darüber, wie die Welt tatsächlich ist. Wir können uns völlig im Irrtum darüber befinden, wie die Welt in allen ihren Einzelheiten ist, und der Realismus könnte immer noch wahr sein. Realismus ist die Ansicht, daß [sic!] es eine Seinsweise der Dinge gibt, die von allen menschlichen Repräsentationen unabhängig ist. Der Realismus sagt nicht, wie die Dinge sind, sondern nur, daß [sic!] es eine Seinsweise der Dinge gibt. Und mit >> Dingen << […] sind nicht materielle Objekte oder Objekte überhaupt gemeint.“[4]

Neben dem ontologischen Fundament des externen Realismus ist vor allem eine epistemologische Theorie von entscheidender Bedeutung für Searle's Konzeption – die Korrespondenztheorie der Wahrheit. Diese besagt, dass Wahrheit darin bestünde, dass eine Aussage mit einem Sachverhalt in der Wirklichkeit korrespondiert. Der zentrale Gedanke dieser Theorie kann folgendermaßen beschrieben werden: Wir (bzw. jedes Wesen das Bewusstsein besitzt) sind in der Lage die Entitäten des Universums und ihre Relationen zu beschreiben, d.h. wir können sie wahrnehmen und mithilfe von Sprache, Gedanken und Überzeugungen repräsentieren. So repräsentiert die Aussage 'es regnet', das Phänomen des Herabfallens von Wassertropfen aus der Erdatmosphäre. Der Aussage 'es regnet' kann entweder das Prädikat 'wahr' oder 'falsch' zugeschrieben werden, je nachdem ob tatsächlich Wassertropfen vom Himmel fallen oder nicht. Somit ermöglicht der Begriff der Wahrheit die Beurteilung einer Repräsentation bzw. eines Repräsentationssystems (d.s. komplexe Systeme, die korrelative Sachverhalte, wie bspw. die Kausalbeziehungen zwischen Himmelskörpern, beschreiben). Folglich impliziert die Korrespondenztheorie, dass Wahrheit bzw. die Bedingungen die eine Aussage 'wahr machen', nicht aus einem Verhältnis zwischen Repräsentationen hervorgehen, sondern aus der Relation einer Repräsentation mit der ontologisch objektiven Welt – entspricht die Repräsentation einem Sachverhalt, so korrespondiert sie mit diesem und kann als 'wahr' beurteilt werden. Grundsätzlich ist Searle's Konzeption nicht auf die Korrespondenztheorie der Wahrheit angewiesen, dennoch stellt sie für ihn, wie sich später noch zeigen wird, eine Analysemethodik dar, die bei der Untersuchung der gesellschaftlichen Wirklichkeit äußerst hilfreich und fruchtbar ist.[5]

Mit diesen fundamentalen Annahmen wird auch ein gewisses Vokabular eingeführt, das der adäquaten Untersuchung jener postulierten Realität dienlich ist. Grundlegend für dieses ist die Unterscheidung zwischen Objektivität und Subjektivität, wobei jeweils zwischen 'ontologischer Objektivität / Subjektivität' und 'epistemischer Objektivität / Subjektivität' differenziert wird. Auf der ontologischen Ebene stellen subjektiv und objektiv Prädikate von Entitäten und Kategorien dar, welche jeweils Existenzarten zuschreiben. So ist bspw. das Verspüren von Hunger ein ontologisch subjektives Phänomen, da die Existenzweise eines Gefühls (d.i. ein geistiger Zustand) auf der Wahrnehmung eines Subjektes beruht. Im Gegensatz dazu ist die Existenzart eines Asteroids ontologisch objektiv, da dieser losgelöst von jedweder Art geistiger Zuständen existiert. Auf der epistemischen Ebene hingegen sind objektiv und subjektiv als Prädikate von Urteilen zu verstehen, wobei die Unterscheidung zwischen subjektiv und objektiv zum Ausdruck bringt, dass: 1.) Es Urteile gibt die aufgrund unserer Gefühle, Präferenzen und Einstellungen gefällt werden (d.s. subjektive Urteile), wie bspw. dass Blau eine schönere Farbe als Gelb ist; und 2.) Es Urteile gibt die nur auf Basis eines Wahrheitswertes gefällt werden können (d.s. objektive Urteile), so ist es z.B. 'falsch', dass die Sonne um die Erde kreist, weil das tatsächliche Verhältnis der beiden Himmelskörper ein anderes ist. Der besagte Wahrheitswert entspricht der Korrespondenzbeziehung einer Proposition mit der ontologisch objektiven Welt, d.h. entspricht der Inhalt einer Repräsentation dem, was in der Welt der Fall ist, so korrespondiert die Repräsentation mit der Wirklichkeit und kann als 'wahr' beurteilt werden. Folglich korrespondieren objektiv wahre Urteile mit objektiven Tatsachen.[6]

In Korrelation mit diesen Termini führt Searle weitere Kategorien ein, welche zusätzlich Aufschluss über die strukturellen Eigenschaften gesellschaftlicher Phänomene gewähren sollen. Demgemäß unterscheidet Searle zusätzlich zwischen denjenigen Eigenschaften der Wirklichkeit, die: a) Naturimmanent, d.h. unabhängig von Bewusstsein; und b) Beobachterrelativ sind, d.h. die nur aufgrund der mentalen Kapazitäten von bewussten Leben existieren. Erstere sind sowohl ontologisch als auch epistemisch objektiv[7], wie die substanziellen Eigenschaften von Materie (d.s. z.B. Dichte, Masse, Leitfähigkeit etc.), die lediglich durch die Beschaffenheit des Universums bestimmt sind. Letztere sind zwar ebenfalls epistemisch objektiv aber ontologisch subjektiv, da ihre Seinsweise nicht auf ihrer bloßen materiellen Beschaffenheit beruht, sondern (auch) auf den Eigenschaften, welche ihnen zusätzlich auferlegt wurden. Zum Beispiel verfügt der Gegenstand vor mir über spezifische naturimmanente Eigenschaften, wie Masse, Leitfähigkeit und Molekülstruktur, aber überdies verfügt er auch über die beobachterrelative Eigenschaft eine Tasse zu sein. Wobei die Eigenschaft Tasse zu sein nur deshalb besteht, weil ich jenen Gegenstand als einen solchen bezeichne bzw. benutze. Daher verfügt er über eine Eigenschaft, die nur relativ auf mein Bewusstsein existiert. Searle betont an dieser Stelle, dass die Existenz von beobachterrelativen Eigenschaften der Wirklichkeit zwar epistemisch objektive Eigenschaften, aber keine neuen materiellen Entitäten hinzufügen kann.[8]

Searle ist davon überzeugt, dass es genau eine Wirklichkeit gibt und dass diese ontologisch objektiv beschaffen ist. Überdies nimmt er an, dass sie überwiegend losgelöst von unserem Bewusstsein und den damit verbundenen mentalen Kapazitäten existiert. Dennoch erscheint es für ihn evident, dass wir, unabhängig davon ob wir die Wirklichkeit in ihrer tatsächlichen Beschaffenheit überhaupt erkennen können, durchaus in der Lage sind, unsere kognitiven Vermögen auf das Universum zu richten, es zu beschreiben und zu repräsentieren. Da für ihn die gesellschaftliche Wirklichkeit keine zusätzliche Realität darstellt, muss das Verhältnis von gesellschaftlicher Wirklichkeit und Wirklichkeit im Allgemeinen erläutert werden. Zu diesem Zweck werden die fundamentalen und konstitutiven Prämissen unserer gegenwärtigen Metaphysik eingeführt und den gesellschaftlichen Phänomenen gegenübergestellt. Im nächsten Schritt wird mittels theoretischer Instrumentarien (die u.a. der Sprachphilosophie und der Philosophie des Geistes entspringen) versucht, jene Relation zu explizieren. Für unsere zeitgenössische Wirklichkeitsauffassung, welche hauptsächlich aus den modernen Naturwissenschaften hervorgeht, sind zwei Theorien konstitutiv: 1.) Die Atomtheorie der Materie; und 2.) Die Evolutionstheorie der Biologie. Diese beschreiben die Realität folgenderma­ßen: Die Wirklichkeit besteht gänzlich aus Gebilden, welche als Teilchen bezeichnet werden und in Systemen organisiert sind. Die Organisation der Teilchen wird durch ihre Existenz in Kraftfeldern verursacht und ist somit kausal determiniert. Systeme lassen sich in leblose (d.s. bspw. Sterne oder Planeten) und lebende (d.s. Systeme, die die folgenden Merkmale aufweisen: Metabolismus, Wachstum und Reproduktion[9] ) Systeme dichotomisieren. Lebende Systeme entwickeln sich durch natürliche Auslese, wobei spezifische Zellstrukturen entstehen, welche Selektionsvorteile bewirken. Aus diesem Prozess gingen u.a. auch Nervenzellen hervor, die sich wiederum in Nervensysteme organisierten und somit imstande waren Bewusstsein zu verursachen und aufrechtzuerhalten Folglich ist Bewusstsein eine physische Eigenschaft von Nervensystemen höherer Ordnung und demnach ein immanentes Phänomen der Wirklichkeit. Hieraus folgt, dass alle geistigen Phänomene die aus Bewusstsein hervorgehen ebenfalls integraler Bestandteil der epistemisch objektiven Wirklichkeit sind.[10]

3 Das konstruktive Bewusstsein

Bewusstsein kann als eine Art von Wissen definiert werden, welches uns ohne weitere Konklusionen dazu befähigt, von den geistigen Zuständen, die unserer Existenz immanent sind, zu berichten.[11] „Mit dem Bewusstsein geht Intentionalität einher, die Fähigkeit des Geistes, sich Gegenstände und Sachverhalte in der von ihm unterschiedenen Welt vorzustellen.“[12] Folglich wird Intentionalität als jenes Vermögen des Geistes verstanden, das uns dazu befähigt auf die Entitäten der Wirklichkeit Bezug zu nehmen und diese somit zu repräsentieren. Nach Searle's Auffassung gibt es, neben der singulären Form dieses Phänomens, auch eine kollektive Form der Intentionalität. Diese wird, wie ihre singuläre Variante, ebenfalls als ein biologisches und somit naturimmanentes Phänomen der Wirklichkeit erachtet, welches vor allem bei kooperativen und kollektiven Verhaltensweisen involviert ist und dadurch einen signifikanten Bestandteil der gesellschaftlichen Realität ausmacht. Gemäß Searle's Annahme, sind einige Spezies (v.a. jene die über Bewusstsein verfügen) in der Lage „[...] intentionale Zustände wie etwa Überzeugungen, Wünsche und Absichten [zu]teilen.“[13] Dies manifestiert sich darin, dass ihre kollektiven Aktionen mit einem Gefühl der gemeinschaftlichen Gerichtetheit einhergehen. Dieses wird von Searle als „Wir-Bewusstsein“ betitelt und zeichnet sich dadurch aus, dass die intentionalen Zustände, der zusammenwirkenden Individuen jeweils Ableitungen der gemeinsamen Tätigkeit sind. Dies mag zunächst befremdlich oder transzendent klingen, erschließt sich aber, besonders durch die Begutachtung von Beispielen, als plausibel. Das Phänomen der kollektiven Intentionalität lässt sich besonders gut an Mannschaftssportarten zeigen. Diesen ist es nämlich inhärent, dass jeder Teilnehmer einer Mannschaft über spezifische intentionale Zustände verfügt, die sich jeweils aus einem kollektiven mentalen Zustand ableiten – dem Wunsch siegreich zu sein. In einem Fußballspiel zielen alle elf Teammitglieder darauf ab zu triumphieren, ergo teilen sie diesen mentalen Zustand. Überdies leiten sich aus diesem kollektiven Zustand auch spezifische, individuelle Zustände ab. So ist der Geist des Torwartes darauf gerichtet möglichst viele Bälle abzufangen, während Stürmer darauf abzielen möglichst viele Bälle im gegnerischen Tor zu versenken. Ähnlich verhält es sich auch im Alltag unserer gesellschaftlichen Realität, jedoch sind wir uns der konstanten Präsens dieser Sachverhalte kaum oder gar nicht bewusst sind.[14]

[...]


[1] Vgl Artikel: „Euromünzen“, in: Wikipedia – Die freie Enzyklopädie. Abgerufen unter http://de.wikipedia.org/wiki/Eurom%C3%BCnzen (Stand 20.09.2013).

[2] Vgl. Searle, John: Die Konstruktion der gesellschaftlichen Wirklichkeit – Zur Ontologie sozialer Tatsachen, Suhrkamp 2011, S. 10 - 14.

[3] Vgl. Ebd. S. 10ff & S. 158 - 164

[4] Ebd. S. 164.

[5] Vgl. Ebd. S. 206 - 218.

[6] Vgl. Ebd. S. 16f.

[7] Mit Ausnahme der mentalen Zustände, welche mit Bewusstsein einhergehen. Diese sind zwar naturimmanent, aber ontologisch subjektiv, da ihre Existenz auf der Wahrnehmung der bewussten Subjekte beruht. Vgl. Ebd. S. 19f.

[8] Vgl. Ebd. S. 18-22.

[9] Vgl. Bachmann, Horst: Leben, in: Siegrun, Paulick/ Almut, Philipp (Hrsg.): Der Brockhaus in einem Band, Leipzig 12. Auflage 2006, S. 530.

[10] Vgl. Searle, John: Die Konstruktion der gesellschaftlichen Wirklichkeit, S. 14-18.

[11] Vgl. Pauen, Michael: Bewusstsein/Selbstbewusstsein, in: Jordan, Stefan/ Nimtz, Christian (Hrsg.): Lexikon der Philosophie – Hundert Grundbegriffe, Reclam 2011, S. 55-58.

[12] Searle, John: Die Konstruktion der gesellschaftlichen Wirklichkeit, S. 15.

[13] Ebd. S. 33.

[14] Vgl. Ebd. 33ff.

Details

Seiten
18
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668213654
ISBN (Buch)
9783668213661
Dateigröße
422 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v322180
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg – Institut für Philosophie
Note
1,0
Schlagworte
Philosophie Sprachphilosophie Konstruktivismus Searle Analytische Philosophie Institutionen Intentionalität Kollektive Intentionalität

Autor

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