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Die Darstellung der Verginia-Episode bei Titus Livius. Ein Quellenkommentar zu Livius, 3,44-49

Quellenexegese 2013 9 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffserklärungen

3. Kommentar zu Liv. 3,44-49

4. Quellenverzeichnis

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Quelle Liv. 3,44-49 handelt von einer durch sexuelle Begierde ausgelöste Freveltat1 und ist ein Auszug aus dem Werk Ab urbe condita (Seit der Gründung der Stadt) des antiken Geschichtsschreibers Titus Livius. Dieser lebte zur Regierungszeit des römischen Kaisers Augustus, wurde vermutlich um ca. 59 v. Chr. in Patavium2 geboren und starb 17 n. Chr. ebenda.3 Livius erhielt seine höhere Bildung vermutlich in Rom,4 strebte jedoch keine politische Karriere an.5 In seinem Werk Ab urbe condita, das ursprünglich aus 142 Büchern bestand und von denen jedoch heute nur noch die Bücher 1-10 und 21-45 vollständig erhalten sind6, stellt Livius die römische Geschichte von der Gründung Roms bis zum Jahr 9 v. Chr. in annalistischer Form dar. Laut eigener Aussage will er mit seiner Geschichtsdarstellung zeigen, wie Rom durch den Verfall von Sitte und Ordnung aus den Fugen geriet und letztendlich zu seiner Größe gelangte.7 Die Geschichte der Entwicklung Roms soll demnach als belehrendes Beispiel für Livius eigene Zeitgenossen dienen.8

Diese Darstellungsabsicht lässt sich auch in der Passage Liv. 3,44-49 wiederfinden.

Der Decemvir Appius Claudius begehrt die schöne Plebejertochter Verginia. Doch sie weist ihn ab, da sie mit dem ehemaligen Volkstribun Lucius Icilius verlobt ist. Appius Claudius beauftragt daraufhin seinen Klienten Marcus Claudius zu behaupten, Verginia sei eigentlich Marcus Claudius unfreie Sklavin. Der Fall wird vor Gericht verhandelt und Appius Claudius versucht, seine Stellung als Richter zu missbrauchen, um sich Verginia zu bemächtigen. Weil Verginias Vater Verginius keine andere Möglichkeit sieht, tötet er seine eigene Tochter um ihre Tugend und Ehre zu retten.

Livius gesteht der Verginia-Episode eine zentrale Rolle im Erstarken der Opposition gegen das Zehnmännerkollegium zu. Die Freveltat des Decemvirn Appius Claudius führte Livius zufolge zu einem Volksaufstand, der schließlich den Sturz der Decemvirn und mit dem Tod des Appius Claudius auch die Wiederherstellung der Republik mit sich brachte.9 Der von Livius auf 449 v. Chr. datierte Verginia-Prozess steht im Kontext der Ständekämpfe zwischen Patriziern und Plebejern sowie der Entstehung des Zwölftafelgesetzes. Die Römer begannen etwa um die Mitte des 5. Jh. mit der ersten Kodifizierung des damals geltenden Rechts.10 Diese Aufgabe wurde der Überlieferung zufolge von den Decemvirn geleistet, die schließlich das Zwölftafelgesetz festlegten.

2. Begriffserklärungen

Ein wichtiger Begriff zum Verständnis der Quelle ist das Amt des Decemvirns, das Appius Claudius bekleidete. Decemviri legibus scribendis[11] ist die Bezeichnung eines magistratischen Kollegiums, das um 451 und 450 v. Chr. gewählt worden war.12 Die Absicht zur Einrichtung dieses Gremiums ist jedoch in der Überlieferung umstritten.13 Ebenso lässt sich nicht eindeutig festlegen, ob die gewählten Decemviri alle Patrizier waren, oder ob auch einige Plebejer das Amt bekleideten.14 Die Decemviri waren vom Volk auf ein Jahr gewählt, sie übernahmen die Funktion des Konsulats und des Volkstribunats, führten den Oberbefehl im Krieg, sprachen Recht und beriefen den Senat ein.15 Während ihrer Amtsdauer waren alle übrigen Magistrate und auch das Volkstribunat suspendiert. Die Decemviri, die 450 v. Chr. gewählt worden waren, missbrauchten jedoch ihre Macht,16 so auch Appius Claudius.

Ein zentraler Leitgedanke der Verginia-Legende ist das Libido-Motiv. Barbara Kowalewski zufolge sei dies schon an der häufigen Verwendung des Begriffs libido im dritten Buch Livius deutlich erkennbar.17 Das Wort libido bezeichnet das wollüstige Verlangen und Begierde eines Mannes und spielt in Livius Frauendarstellungen häufig eine große Rolle. So weist Livius selbst zu Beginn der Verginia-Episode auf inhaltliche Parallelen zu seiner Schilderung von Lucretias Schicksal hin (Liv. 3,44,1). Auch bei Lucretia gab es einen sexuellen Übergriff mit Todesfolge. Nach Lucretias Vergewaltigung durch einen Tarquinier und ihren anschließender Selbstmord kam es zu einer umfassenden Umgestaltung des Staates. Die Tarquinier wurden vertrieben und die Republik gegründet.

Mit der Begierde des Mannes wird in Livius Schilderungen häufig die pudicitias einer schönen Frau gefährdet. Pudicitias bezeichnet die sittsame Reinheit und Tugend der Frauen, die eine wichtige Rolle für die gesellschaftliche Achtung und Stellung der Frau in Rom spielte. So kündigte laut Barbara Kowalewski Verginias Verlobter Icilius das Verlöbnis mit Verginia für den möglichen Fall ihrer Entehrung auf18 und ihr Vater Verginius tötet seine Tochter sogar lieber, als sie in den Händen des Claudius Appius zu sehen.19 Daraus schlussfolgernd muss auch die Bedeutung des Begriffs der Freiheit (libertas) geklärt werden. Das Wort libertas entwickelte sich vermutlich im Zusammenhang mit der Vertreibung der als fremd empfundenen Könige, oder zur Zeit der Ständekampfe als Folge des Streits um die Abschaffung der Schuldsklaverei.20 Die Freiheit des römischen Volkes zielte in der frühen Republik auf die Gleichheit vor dem Gesetz und auf den Schutz vor magistratischer Willkür. Diese war in der Pflicht der Volkstribune zur Hilfeleistung verankert. Zu Livius Zeit unter den Kaisern war der Begriff libertas ein „beliebter Slogan“.21

Da Verginia als Sklavin von Claudius Appius Klienten M. Claudius ausgegeben werden sollte, hätte sie somit keine römischen Bürgerrechte mehr gehabt. Sklaven (servus = „Erbeuteter“) gehörten der familia ihres Besitzers an und waren der Gewalt des pater familias unterworfen.22

3. Kommentar zu Liv. 3,44-49

In der heutigen Forschung ist die Historizität der vorliegenden Quelle bestritten. Es wird stattdessen davon ausgegangen, dass die Verginia-Episode in der römischen Sagenwelt als Legende fest verankert war und so schreibt man die Erzählung dem Bereich der literarischen Erfindung zu. Auf der anderen Seite sehen einige Forscher in der Verginia-Legende einen historischen Kern.23 E. Täublers Forschungen24 zufolge ist der historische Tatbestand durch mündliche Weitergabe erheblich ausgestaltet worden. Er stellt in den historischen Quellen zur Verginia-Erzähung vier Überlieferungsschichten fest. Die älteste erhaltene Erzählung der Verginia-Episode durch den römischen Geschichtsschreiber Fabius Pictor ist bei Diodorus Siculus25 zu finden, der ca. im 1. Jh v. Chr. lebte.26 In dieser Darstellung werden keine Namen genannt, sondern es ist nur von einem Decemvirn und einer Jungfrau die Rede. Christian Müller zufolge ist zu vermuten, dass der Name „Verginia“ aus dem lateinischen Wort „virgo“ (Jungfrau) entstanden ist.27

Die Zugehörigkeit von Verginia zum plebejischen Stand bei Livius ist ein Ergebnis des Überlieferungsprozesses. Cicero beispielsweise ordnete Verginia erstmals dem Stand der Patrizier zu und auch bei Diodorus Siculus ist Verginia eine Patrizierin.28

Bei Zonaras hingegen, flossen Barbara Kowalewski zufolge insbesondere die Tendenzen der Gracchenzeit in die Legende mit ein.29 Unter dem Eindruck der Krisen der späten Republik unter den Gracchen, die durch Bürgerkriege und Klassenkämpfe geprägt waren, deutete Zonoras die Verginia-Erzähung für seine eigene Zeit um. Die jüngste Überlieferungsschicht sind die Quellen von Livius und Dionysios von Halikarnass. Der Stoff ist hier novellistisch und parteipolitisch ausgemalt und zudem ist der Gegensatz von Patriziern und Plebejern deutlicher herausgearbeitet.

[...]


1Nefas ab libidine ortum “ (Liv. 3,44,1.)

2 Die moderne Bezeichnung für diese Stadt ist „Padua“.

3 Pausch 2007, 362.

4 Raschle 2013.

5 Sonnabend 1997, 408.

6 Raschle 2013.

7 Vgl. Liv. praef.,8-10.

8 Sonnabend 1997, 409.

9 Liv. 3,44,1.

10 Vgl.: Burck 1967, 97.

11 Kübler 1901, 2257, 14.

12 Gizewski 1997, 342.

13 Livius berichtet, das Gremium sei eingerichtet worden, um die konsularische Gewalt zu beschränken (Liv. 3,24,9). Dionysius hingegen schildert, dass der Zweck die Kodifizierung des bestehenden Rechts gewesen sei (Dion. Hal. ant. 10).

14 Vgl. Kübler 1901, 2257, 21-57 und Kübler 1901, 2258-2259, 61-16.

15 Kübler 1901, 2256, 29-54.

16 Vgl. Kübler 1901, 2259, 17-49.

17 Vgl. Kowalewski 2002, 144.

18 Kowalewski 2002, 154.

19 Liv. 3,48,5.

20 Raaflaub 1998, 651.

21 Raaflaub 1998, 652.

22 Heinrichs 2001, 628.

23 Zu einer vertiefenden Einblick über die Diskussion der Historizität der Lucretia- und Verginia-Sage vergleiche Gelder 1977, S. 8-32.

24 Täubler hat die bekannte Erzählung vom Sturze der Decemvirn von ihrer ältesten überlieferten schriftlichen Fassung bis zu hin zu Livius Darstellung untersucht. Vgl.: Täubler 1921.

25 Diod. 12, 23f.

26 Pinkepank 2013.

27 Müller 2003.

28 Cic. rep. 2,63; fin. 2,66; 5,64.

29 Kowalewski 2002, 145.

Details

Seiten
9
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668212985
Dateigröße
498 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v322131
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – Historisches Seminar
Note
1,3
Schlagworte
darstellung verginia-episode titus livius quellenkommentar

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Titel: Die Darstellung der Verginia-Episode bei Titus Livius. Ein Quellenkommentar zu Livius, 3,44-49