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Das Private und das Öffentliche. Liebe, Sexualität und Moral in "Liebelei" und "Reigen" von Arthur Schnitzler

Examensarbeit 2013 67 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. Gesellschaft der Jahrhundertwende
2.1 Historischer Hintergrund
2.2 Das Wesen der Jahrhundertwende-Gesellschaft
2.3 Vorstellungen und Ideale von Liebe und Sexualität im bürgerlichen Zeitalter

3. Arthur Schnitzlers Reigen und Liebelei als Spiegelbilder der Jahrhundertwende- Gesellschaft
3.1 „[] der Karusselbetrieb der Lust“ - zehn Menschen zwischen Trieben und Zwängen im Reigen
3.1.1 Reigen - Inhalt und Problematik
3.1.2 Figurenkonstellationen und Geschlechterrollen im Reigen
3.1.3 Sexualität und Moral im Reigen
3.1.3.1 „[...] Willst mich wirklich schon z’haus schicken?“ (R 68) - Das Motiv der Eile bei Männern und Frauen im Reigen
3.1.3.2 „Geh, willst nicht lieber Licht machen?“ (R 74) - Bedeutung von Licht und Temperatur im Reigen
3.1.3.3 „Aber wenn jetzt wer läutet“ (R 23) - Die Angst vor der Wahrheit im Reigen..
3.1.3.4 „Was geht denn das dich an?“ (R 8) - Persönliche Hintergründe der Frauen und Männer im Reigen
3.1.3.5 „Wenn ich das gewußt hätt!“ (R 13) - Die Heuchelei der weiblichen Protagonistinnen im Reigen
3.1.4 „Nichts ist es ein Rausch“ (R 50) - Liebe, Sexualität und Moral im Reigen
3.2. „Ich hab’ dich lieb! Aber jetzt laß mich fort“ - Liebe und Moral in Arthur Schnitzlers Liebelei
3.2.1. Liebelei - Inhalt und Problematik
3.2.2. Standeskonstellationen in Liebelei
3.2.3. Charaktere und Geschlechterrollen in Liebelei
3.2.3.1. Theodor
3.2.3.2. Fritz
3.2.3.3. Mizi
3.2.3.4. Christine
3.2.3.5. Nebenakteure
3.2.3.6. Zusammenfassung zu den Charakteren in Liebelei
3.2.4. Das Spiel mit der Liebe - Liebeskonzeptionen in Liebelei

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis
Primärliteratur
Sekundärliteratur
Monographien
Aufsätze

1. EINLEITUNG

Die vorliegende, im Rahmen des 1. Staatsexamens verfasste Arbeit untersucht die Dramen Liebelei und Reigen des österreichischen Autors Arthur Schnitzler als Spiegelbilder der moralischen Widersprüche der Jahrhundertwende.

Hierbei sollen zunächst die historische und gesamtgesellschaftliche Situation des 19. Jahrhunderts sowie Charakteristika der Gesellschaft des Fin de Si è cle skizziert werden. In diesem Kontext interessieren vor allem die damals geltenden Auffassungen und Ideale von Sexualität und Liebe. Ausgehend von diesen Betrachtungen werden die Dramen Schnitzlers im Kontext der moralischen Welt der Jahrhundertwende analysiert. Standes- und Geschlechterkonstellationen sowie Liebes- und Sexualitätskonzeptionen, aber auch das generelle Verhältnis von gesellschaftlichen Normen und Moralvorstellungen einerseits und der privaten, tatsächlich gelebten Moral andererseits, werden in beiden Werken analysiert. Hierbei wird zunächst der Reigen betrachtet, welcher den Kontrast zwischen privatem Sexualleben und öffentlicher Sexualmoral thematisiert. Daran anschließend steht das Werk Liebelei im Mittelpunkt der Analyse. Dieses zeichnet sich durch die hohe Komplexität seiner Figuren sowie die Thematisierung von Liebeskonzeptionen im Spannungsfeld zwischen äußeren Zwängen und inneren Überzeugungen aus.

Auf Basis dieser Analysen wird schließlich erläutert, ob und inwiefern die untersuchten Dramen Schnitzlers als Spiegelbilder der Fassadenhaftigkeit des öffentlichen und privaten Lebens und der damit einhergehenden Doppelmoral in den Bereichen Liebe und Sexualität zu deuten sind.

2. GESELLSCHAFT DER JAHRHUNDERTWENDE

Zunächst ist es notwendig, die historische und gesellschaftliche Situation im 19. Jahrhundert zu erfassen.1

2.1 HISTORISCHER HINTERGRUND

Die Zeit der Jahrhundertwende bedeutet für Österreich eine Phase weitgehender politischer und gesellschaftlicher Umwälzungen. Nach der Niederlage und Abdankung Napoleons werden auf dem Wiener Kongress 1814-1815 in Europa zahlreiche Grenzen neu festgelegt und neue Staaten definiert. Den Vorsitz führt der vom österreichischen Kaiser Franz II als Staatskanzler eingesetzte Fürst Metternich. Unter seiner Führung wird Europa neu strukturiert. Alle Bestrebungen zur Bildung von Nationalstaaten, die durch die Französische Revolution geweckt worden waren, werden nun zugunsten der Wiederherstellung alter Dynastien unterbunden.

Die innerpolitischen Verhältnisse Österreichs sind seit dieser Zeit durch einen starren Konservatismus dominiert, der die absolutistische Politik verteidigt und jegliche nationale und liberale Strömungen mithilfe einer strengen Zensur unterbindet.

Parallel dazu nimmt die voranschreitende industrielle Revolution großen Einfluss auf Wirtschaft und Gesellschaft. Es entstehen rasch moderne Industriebetriebe sowie neu ausgebaute Infrastrukturen und es kommt zu einem rasanten Aufschwung im Bereich des Handels. Neue soziale Gruppen wie Arbeiter, Angestellte und Unternehmer prägen zunehmend die Jahrhundertwende-Gesellschaft. Diese fordern in zunehmendem Maße politische Mitsprache und eine Reformierung der starren absolutistisch-monarchischen Strukturen. Diese Forderungen, die durch die scharfe Zensur unterdrückt wurden, sowie die zunehmende Verelendung der Arbeiter münden in die Auseinandersetzungen im Rahmen der bürgerlichen Revolution im Jahre 1848, die nach Deutschland auch die österreichische Monarchie erfasst.

Ein wesentliches Ziel dieser Revolution ist die Überwindung der Restaurationspolitik, die die Gesellschaft seit dem Wiener Kongress 1815 geprägt hatte.

Die nachdrücklichen Forderungen des Bürgertums, der Studenten, aber auch die Massenproteste des Proletariats führen zunächst zu politischen Zugeständnissen wie der Ausarbeitung einer Verfassung und der Wahl eines Parlaments. Zudem trat Metternich infolge der Auseinandersetzungen von seinen Ämtern zurück. Diese Errungenschaften werden jedoch in den nachfolgenden Jahren von den fortschrittsfeindlichen Kräften zum großen Teil wieder rückgängig gemacht, was letztlich das Scheitern der Revolution bedeutet.

Dennoch ebnete der revolutionäre Kampf gegen die sozialen Missstände des Feudalabsolutismus den Völkern der Donaumonarchie den Weg in eine bürgerliche Gesellschaft. Die Folgejahre unter der Herrschaft von Franz Josef I sind aber zunächst durch die Nachwehen des absolutistischen Regimes geprägt.

Infolge der zunehmenden sozialen Spannungen und der Niederlage Österreichs im Deutschen Krieg 1867 entstehen aus der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn zwei autonome Staaten. In Österreich führt die damit verbundene Einführung einer Verfassung zur Abdankung der neoabsolutistischen Politik und zu einem Gewinn von liberalen Grundrechten.

Mit der Gründung des Deutschen Reiches im Jahre 1871 und dem damit verbundenen, starken Wirtschaftswachstum - Deutschland befindet sich im Zenit der industriellen Revolution - ist auch Österreich durch einen enormen Schub voranschreitender, allumfassender Industrialisierung, Modernisierung und Technisierung gezeichnet. Der Vielvölkerstaat scheint dennoch durch diesen industriellen Wandel, den außenpolitischen Druck wie auch durch die innerpolitischen Spannungen und die starken Nationalitätenkonflikte belastet. Besonders in Wien, dem Schmelztiegel der Kulturen, finden weitreichende Umstrukturierungen statt. Proletarier strömen in die zuvor durch die Aristokratie und die Bourgeoisie geprägte Metropole. Der damit verbundene rasche Bevölkerungszuwachs und das Zusammentreffen unterschiedlicher Nationalitäten und sozialer Milieus transformiert Wien in eine Stadt der Gegensätze und Konflikte.

Es bleiben, in diesem Bündel von Widersprüchen, nur die gesellschaftlichen Extreme […]: die Aristokratie und das Proletariat. Die einen verkörpern das Leben jenseits der Arbeit, ein Leben der angenehmen Geselligkeit in schöner Umgebung ohne den Zwang zur Legitimierung durch Leistung, ohne ‚Profilneurose‘, ein Leben in Gemeinschaft durch Blutsverwandtschaft; das Leben der anderen ist Kampf, Not, Hässlichkeit des Daseins, erzwungene Gemeinschaft im Elend.2

Auch der große Börsenkrach von 1873 erschütterte das Sicherheitsgefühl und die unbekümmerte Fortschrittsgläubigkeit des Bürgers, nicht aber das ideologische Fundament des Liberalismus, das in einer fingierten Harmonie von allgemeinmenschlicher Moral und bürgerlicher Ordnung bestand.3

Die Krise zum Ende des 19. Jahrhunderts ist somit nicht nur eine Krise des Kaiserreichs, welches den raschen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen gegenüber machtlos, ohnmächtig und ignorant scheint. Sie ist vor allem auch eine Krise der Bevölkerung, die sich, hin- und hergerissen zwischen dem Stillstand der noch immer bestehenden Nachwehen des absolutistischen Regimes einerseits sowie dessen allumfassender Reformierung andererseits, mit kleinen Schritten auf die Suche nach Sinn und Identität begibt.

Welche konkreten Auswirkungen die politischen und sozialen Wirren auf die Jahrhundertwende-Gesellschaft und die Atmosphäre in der Bevölkerung haben, wird im Folgenden thematisiert. Diese Betrachtung ermöglicht im Fortgang der Arbeit eine Einschätzung darüber, ob und inwiefern die beiden untersuchten Werke Arthur Schnitzlers als Spiegelbild jener widersprüchlichen Gesellschaft im 19. Jahrhundert zu begreifen sind.

2.2 DAS WESEN DER JAHRHUNDERTWENDE-GESELLSCHAFT

Sie fanden sich in einer Gesellschaft wieder, die nicht die ihre war: Im Wien der Nationalitätenkonflikte und des ausufernden Antisemitismus, der sozialen und wirtschaftlichen Spannungen, der politischen Impotenz der Bourgeoisie, des statischen Vater-Kaisers und des bürokratischen Etatismus, in der Hauptstadt eines zerfallenen Reiches, in dem Adel, Klerus und Militär selbstgefällig den anstehenden Konkurs hinauszögerten. In keiner anderen Metropole des Fin de Siècle erlebte die ‚Dekadenz‘ die Verfallserscheinungen so hautnah wie in Wien, nirgends sonst war die Überkommenheit gesellschaftlicher Normen eindringlicher zu verspüren als hier in den Jahren um 1900.4

Jürgen Nautz bringt in seinem Zitat die Misere einer Gesellschaft zum Ausdruck, die mit dem raschen Wechsel stark divergierender politischer Strukturen überfordert ist. Der Wandel von einer Agrar- zur Industriegesellschaft ist mit Veränderungen verbunden, die weit über politische und ökonomische Fragen hinausgehen. Die Zeit der Jahrhundertwende ist von krisenhafter Unruhe und nur äußerer Stabilität geprägt.5 Besonders das Bürgertum ist mit der gewonnenen Freiheit und seiner gesellschaftlichen Neuprofilierung zwischen Proletariat und Aristokratie überfordert. Die Auflösung des Habsburgerreiches in seine nationalen Bestandteile6 bedeutet gleichermaßen die Abdankung eines überholten, dogmatischen Wertesystems. „Mit der wachsenden Herrschaftsfestigung der Bourgeoisie […] erstarrt auch das einstige Tugendsystem endgültig zu lebensfremden Dogmen und Normen, Verboten und Geboten, zur Ideologie.“7 Die zwiegespaltene Gesellschaft, die bourgeoisen Glanz und proletarischen Kampf in sich zu einen sucht, ist vor allem geprägt durch eine

[...] aus der Kontradiktion von Idealität und Realität entstandene Unverbindlichkeit von Werten als Leere, als ‚Wert-Vakuum‘, als eine Art sozialethischen Hohlraums, in den jederzeit eine jede Anschauung einfließen kann. In der Promiskuität der Werte jedoch wird alles relativ, und in der allgemeinen Relativität entgleiten der moralische Halt und die psychische Stütze.8

Das Gefühl des Allein-Gelassen-Seins in einer sich von Grund auf wandelnden Struktur, die Angst vor der Zukunft und die damit verbundene Machtlosigkeit schlagen in der Wiener Gesellschaft jedoch rasch um in eine Mentalität des laisser faire-laisser aller, in eine hedonistische Kultur, die die Wirren der Zeit und die gesellschaftlichen Missstände schlichtweg verdrängt.9 Nike Wagner zitiert Robert Musil, der eindringlich jene beschriebene Atmosphäre veranschaulicht:

Aus dem ölglatten Geist der letzten zwei Jahrzehnte des neunzehnten Jahrhunderts hatte sich plötzlich […] ein beflügelndes Fieber erhoben. Niemand wusste genau, was im Werden war; niemand vermochte zu sagen, ob es eine neue Kunst, ein neuer Mensch, eine neue Moral oder vielleicht eine Umschichtung der Gesellschaft sein solle.10

Die Leerstelle, die die vorhergehende Generation zurück lässt, wird zunehmend durch neue Ideen und Perspektiven gefüllt. Die politische Unsicherheit, das schwierige soziale Klima ebenso wie die vielfältigen strukturellen Wandlungen bilden damit im Wien der Jahrhundertwende den Nährboden für eine aufblühende intellektuelle und kulturelle Szene, die zwischen den Extremen der Zeit - Fortschritt und Wohlstand einerseits, Verelendung und Gewalt andererseits - ihren Rückhalt findet. Allen neuartigen, modernen Diskussionen gemein ist die Ablösung einer rein rational argumentierenden liberalen Anschauung hin zu einer neuen Kultur von Gefühl und Sinnlichkeit11, die den gesellschaftlichen Wandel, das überkommene Werte- und Normensystem sowie die Position des Individuums in der Gesellschaft kritisch hinterfragt und neu definiert. Die neuen Modernen, die den gesellschaftlichen Wandel zunächst nur beobachten, statt kritisch einzugreifen, erkennen Stück für Stück die große Kluft, die im Widerspruch zwischen Denken und Dasein, Verstand und Gefühl, bürgerlichem Selbstbewusstsein und feudal-aristokratischem Lebenszuschnitt, politischer Parteistellung und privater Überzeugung sowie geforderter und praktizierter (Sexual-) Moral liegt.12 Folglich bieten neue Denkmuster die Möglichkeit, der matten Lethargie vergangener Tage die moderne Maske eines ambivalenten Selbstbewusstseins aufzusetzen. Kunst und Kultur werden im mannigfaltigen Wien der Jahrhundertwende zu idealen Rückzugsorten, um das Leben zu analysieren und die Verbindung zwischen tatsächlich gelebtem Leben und äußerem Schein zu hinterfragen. Wie schon zuvor angedeutet, sind es vor allem die Künste, die von dieser Zeit umfassender gesellschaftlicher Veränderungen profitieren, gleichzeitig diese Veränderungen aber auch konservieren. Einerseits dienen damit Literatur, Oper sowie auch das Theater als Orte des Verdrängens, die dem Gefühl von Unsicherheit und allgemeiner Apokalypse den oberflächlichen Beigeschmack des Fröhlichen, Unterhaltsamen verleihen. Zum anderen sind es vor allem Kunst und Literatur, die den Wirren der Zeit eine Stimme geben, die die gesellschaftlichen Widersprüche aufzeichnen und transparent machen.

Die Literatur als Medium zwischen Individuum und Gesellschaft hat um die Jahrhundertwende eine tragende Rolle inne und erfährt ebenso wie die gesamtgesellschaftliche Entwicklung eine allumfassende Reformierung. Die „Wiener Moderne“, die literarische Strömung des Fin de Si è cle, kristallisiert sich als Gegenstück zum als nüchtern und rein rational bewerteten Naturalismus heraus. „Die Herrschaft des Naturalismus ist vorüber, seine Rolle ist ausgespielt, sein Zauber ist gebrochen“, so Hermann Bahr, der Verfasser des Manifests der Wiener Moderne.13 Die modernen Literaten kritisieren den geistigen Stillstand des Individuums, der durch starre, veraltete und traditionelle Vorstellungen der Gesellschaft geprägt sei und von der stetigen Veränderung und Bewegung des Lebens gänzlich unberührt zu bleiben scheint. Geist und Leben bilden nach Ansicht der neuen Literaten eine Einheit. Sie wollen „wahr werden [, sie] wollen gehorchen dem äußeren Gebote und der inneren Sehnsucht.“14 Die Kunst als Spiegelbild des Lebens bedeutet damit für die Wiener Modernen mehr, als die bloße, naturgetreue Abbildung alles Realen. Die aufkommenden Naturwissenschaften und die Welle des Positivismus, die die Welt auf rein rationalen Erkenntnissen basierend zu erklären suchen, lösen gleichzeitig eine Revolte gegen genau diese bloße Ratio aus. Die Künstler der Wiener Moderne reagieren mit einer Hinwendung zu irrationalen Phänomenen, zu einer neuen Romantik.15 Diese neue Subjektivliteratur, die in Zeiten einer gesellschaftlichen Identitätskrise entsteht, ähnelt einer ästhetischen und psychologischen Selbstsuche.

Es scheint so, als ob Künstler zu werden, für einige dieser jungen Wiener Schriftsteller auch ein Mittel der Wiederaneignung des Ichs als Voraussetzung für eine Wiederversöhnung mit der sie umgebenden gesellschaftlichen Welt bedeutete.16

Michael Pollak deutet an dieser Stelle eine der künstlerischen Intentionen der Moderne an. Die Reformierung der Gesellschaft scheint auf unterster Stufe, nämlich bei den Individuen, die sie prägen, zu beginnen. Die Erneuerung einer seit Jahrzehnten durch lebensferne Moralvorstellungen und fassadenhafte Tugenden geprägten Gesellschaft setzt eine Neudefinition des Individuums in ihr voraus. Die Wiederaneignung des Selbst erfordert eine tiefgründige Auseinandersetzung mit dessen Wesen, den Nuancen seines Seins sowie seiner Psyche.

Diese Wiederentdeckung der Welt und des Lebens […] [lehnte] jede Rückkehr zu einer naturalistischen oder kämpferischen Schreibweise, die zu überzeugen versuchte, [ab].

Literatur blieb eine Triebkraft der Welt der Vorstellungen, und damit relativ unabhängig von der Welt der Phänomene. […] Die Jung-Wiener Schriftsteller überzeugten sich ihrerseits davon, mit Hilfe der Kunst zum Heil einer harmonischen sozialen Welt beitragen zu können.17

Dieses beinhaltete auch die zunehmende Distanzierung der Literatur von den Diskursen bürgerlicher Moral.18 Die Literatur der Wiener Moderne entfernt sich damit von einer bloßen systemkonformen Bestätigung der bis dato geltenden Lebensanschauungen. Im Gegenteil fordert sie die Auseinandersetzung mit den neuen Tatsachen des sozialen Lebens wie der Veränderung von Beziehungsstrukturen innerhalb der Gesellschaft.19 Wille zur Neuentwicklung gegen die Dominanz des Überkommenen, Individualität gegen moralische Normierung, Loslösung gegen Bindung, dies sind die Antinomien, in denen sich das zeitgenössische Modernitätsgefühl artikuliert.20

Das allumfassende Bedürfnis nach Freiheit ist es auch, das die Themen der jungen Literaten bestimmt. Im Allgemeinen bedeutet die Diagnostik dieser modernen Gesellschaft den Hauptantrieb der künstlerischen Bemühungen. So geht es zumeist um das Individuum und seinen Platz im Ganzen. Ein zugehöriger Themenkomplex, der auch im Rahmen dieser Arbeit im Mittelpunkt des Interesses steht, ist die gesellschaftliche Bedeutung von Mann und Frau, deren Position in der Gesellschaft, deren Verhältnis zueinander sowie die daran gebundenen großen Bereiche Liebe und Sexualität. In diesem Zusammenhang bewegen sich die die tradierten Moralvorstellungen hinterfragenden Modernen vorwiegend in Grenzbereichen lange existenter gesellschaftlicher Normen. Konventionelle Geschlechterrollen werden zunehmend kritisch betrachtet und neu definiert. In diesem Zusammenhang wird besonders das gesellschaftlich verankerte Geschlechterbild der Frau aufgeweicht und das Wesen der Frau kritisch hinterfragt. In diesem Rahmen ergeben sich Diskurse über die Kluft zwischen indoktrinierenden öffentlich-konventionellen Konzepten von Geschlecht, Sexualität und Liebe sowie im Umkehrschluss die davon stark divergierende tatsächlich gelebte Realität der Individuen. Die Subjektivliteratur der Jahrhundertwende spiegelt damit einerseits die große Diskrepanz wider, die zwischen der vorherrschenden gesellschaftlichen Moral der Zeit und dem tatsächlich gelebten Leben besteht, andererseits demonstriert sie jedoch auch den Konflikt, der in der Unvereinbarkeit der dogmatischen Normen mit den Bedürfnissen, Trieben und Sehnsüchten - dem Wesen - des Menschen liegt. Eben jenes Spannungsfeld - Liebe, Sexualität und vorherrschende Moralvorstellungen - ist Hauptgegenstand der folgenden literarischen Untersuchung.

Um im Fortgang der Arbeit auf Basis der Dramen Schnitzlers den zuvor erläuterten Konflikt herausarbeiten zu können, ist es zunächst jedoch nützlich, kursorisch auf das Wesen bürgerlicher Konzeptionen von Liebe und Sexualität im 19. Jahrhundert einzugehen.

2.3 VORSTELLUNGEN UND IDEALE VON LIEBE UND SEXUALITÄT IM BÜRGERLICHEN ZEITALTER

Die historische und gesellschaftliche Situation, die eingangs skizziert wurde, und die von stark konservativen Zügen geprägt ist, lässt erahnen, dass delikate Grenzbereiche wie Liebe und Sexualität im öffentlichen Diskurs größtenteils tabuisiert sind. Dieses hängt mit den im 18. und 19. Jahrhundert gängigen Konzepten von Ehe, Liebe und Sexualität zusammen. Vor der Zeit des aufstrebenden Bürgertums im 18. Jahrhundert sind besagte Konzepte zunächst drei voneinander losgelöste Konstrukte.21 Die Ehe ist bis dato keine Institution, die auf Basis ausgeprägter reziproker Gefühle und gemeinsamer Visionen geschlossen wird, sondern dient vorwiegend der Reputation aristokratischer Dynastien sowie der ökonomischen Absicherung niederer Stände. Liebe und Sexualität sind somit nicht zwangsläufig eheliche Konzepte.

Mit der künstlerischen Epoche der Romantik verändert sich zum ausgehenden 18. Jahrhundert auch das größtenteils zweckorientierte Bild der Ehe. Ein romantisches Ideal entsteht, das eine Verbindung von Liebe und Sexualität in der Ehe schafft, gleichzeitig jedoch die Notwendigkeit von ehelicher, häuslicher und familiärer Sittlichkeit fordert.22 In diesem Kontext verfestigen sich die teilweise bis heute existenten Geschlechterrollen - der Mann als angeblich rationales, objektives, aktives, schaffendes, leistendes, politisches und öffentliches Wesen; die Frau als angeblich emotionales, subjektives, passives, freies, privates und intimes Wesen. So gilt der Mann als arbeitender, die ökonomische Sicherheit der Familie wahrender Part, wohingegen die Frau häusliche sowie erzieherische Aufgaben zu übernehmen hat.23

Mit der Wende zum 19. Jahrhundert erfahren auch die Institution Ehe und die damit verbundenen Säulen der Liebe und der Sexualität eine Neuinterpretation. Die Idealvorstellung von romantischer Liebe wird übernommen. Liebe als Phänomen, das alles Elend besiegt und Hindernisse überwindet, gilt weiterhin als äußeres Ideal der Zweisamkeit. Dennoch verschärft sich durch den zunehmenden Wohlstand des Bürgertums das Rollenverhältnis von Mann und Frau. Die Frau, die zuvor ohnehin schon als häusliches Wesen definiert wird, ist nun im wohlhabenden Bürgertum von der Erwerbstätigkeit vollständig befreit und fortan ausschließlich für Haus und Kinder verantwortlich. Hinzu kommt die Aufgabe der Frau als emotional-psychische Stütze des Mannes, die ihm durch Liebe und Fürsorge das Leben versüßt.24

Weitgehend entlastet von produktiver Arbeit, die nunmehr als männliche Domäne definiert wurde, sollte die Frau mit der ihr angeblich eigenen Emotionalität und Tugendhaftigkeit ein Refugium bürgerlicher Privatheit und Intimität herstellen, das die spröde Außenwelt des Erwerbs, der Konkurrenz und der politischen Auseinandersetzung harmonisch ergänzte.25

Die Rolle der Frau ist damit klar determiniert als harmonisierendes Element zwischen Haushalt, Erziehung und Beziehung. Diese Entwicklung unterstreicht das Bild von Mann und Frau als Einheit, die nur zusammen und in Ergänzung zueinander funktioniert. Daraus ergibt sich im 19. Jahrhundert ein Verständnis von bürgerlicher Liebe als monogame, heterosexuelle und vor allem funktionale Liebe. Die Liebe ist eine fast normativ- romantische, die jedoch in den Grenzen der ehelichen Institution stattzufinden hat. Die romantische Liebe als eigentlich sinnstiftendes Element einer emotionalen Verbindung zwischen zwei Menschen ist damit nur noch maskenhaft vorhanden. Gleichzeitig impliziert dieses Konstrukt die naive Annahme, dass sich Liebe nicht außerhalb der Institution Ehe ereignen kann.26

Somit wird klar, dass Norm und Realität der bürgerlichen Familie trotz aller Ideale stark divergieren. Die eigentlichen Gründe - romantische Liebe und Leidenschaft - für die eheliche Bindung werden zum Zwecke von Reputation und ökonomischen Gesichtspunkten - Vernunft - zu einer Hülle. Die liebenden Bürger des 19. Jahrhunderts können es sich kaum leisten, die nüchternen Realitäten aus dem Auge zu verlieren: namentlich Geld und Macht.27 In diesem Sinne spielen Vernunftsüberlegungen bei der Auswahl von Ehepartnern oft eine beherrschende Rolle.28 Nach außen hin wird jedoch der Schein der romantischen Liebe gewahrt. Damit weicht das bürgerliche Ideal von Romantik und Wahrhaftigkeit der Liebe dem Bedürfnis nach Inkarnation gesellschaftlicher Moral- und Tugendvorstellungen und wird gleichzeitig selbst zur Konvention. Die Bedeutung der Sexualität wird in diesem Kontext besonders interessant. Ausgangspunkt für die Brisanz dieses Themas ist die Scientia sexualis, [jene] Wissenschaft also, die im späten 18. Jahrhundert entsteht, sich im 19. Jahrhundert zu einem großen und interdisziplinären Unternehmen unter der Federführung der Mediziner, vor allem der Psychiater, auswächst und deren Ziel die Exploration des sexuellen Verlangens ist.29

Nach Auffassung der Sexualwissenschaft jener Zeit gilt die Sexualität eines Menschen als „geheimnisvolle Macht“30, die in allen Individuen vorhanden ist. Richard von KrafftEbing, einer der bekanntesten Sexualwissenschaftler seiner Zeit, sieht die ‚Fortpflanzung des Menschengeschlechts […] durch einen Naturtrieb gewährleistet, der allgegenwärtig, übermächtig nach Erfüllung verlangt‘, und versteht so in Übereinstimmung mit den allgemeinen Auffassungen seiner Zeit den heterosexuellen Koitus als natürliches, mit der biologischen Organisation bereits gegebenes Triebziel und das Verlangen danach als stärksten aller Triebe. Mit diesem ‚wollüstigen Drang […] steht der Mensch auf gleicher Stufe mit dem Thier, aber es ist ihm gegeben, sich auf eine Höhe zu erheben, […] die, unbeschadet ihrer sinnlichen Entstehungsquelle, eine Welt des Schönen, Erhabenen, Sittlichen erschliessen‘ kann.31

Diese Welt des Sittlichen, Erhabenen findet sich in der Ehe wieder. Die Idealvorstellung von Ehe und romantischer Liebe ist durch Reinheit, Anständigkeit und Aufrichtigkeit gekennzeichnet. Für diese Liebe ist, auch nach Auffassung Krafft-Ebings, ein sinnliches Verlangen die Voraussetzung.32 „Die Sexualwissenschaft bindet so die befriedigende Ausübung der Sexualität an die Liebe und die Liebe an die Dauer.“33 Die Moral der Zeit orientiert sich an diesen Ansichten und verneint, dass sexuelles Verlangen nicht immer auf Liebe und Ehe zielen muss. Somit gilt außereheliche Sexualität als schmutzig, weil triebhaft und bildet damit im öffentlichen Diskurs über Liebe und Ehe ein Tabu, wenn sie auch Ausdruck des sexuellen Verlangens ist, welches Teil der menschlichen Natur ist. […] schon die Tatsache, daß über Sexualität nicht offen gesprochen werden durfte, verbürgte, daß man sie dauernd im Sinn hatte. Weit davon entfernt, eine ‚Reinheit‘ von Denken und Handeln zu fördern, führten die sexuellen Tabus zu einer ausgeprägten sexuellen Sensibilisierung.34

Damit wird deutlich, dass der Versuch der konservativen Gesellschaft, die anarchische Kraft der Sexualität vollständig zu regulieren35, letzten Endes in dessen Gegenteil mündet. Die Frustration über die Unterdrückung der Sexualität [, besonders auf weiblicher Seite] und damit auch der individuellen natürlichen Triebe, das „sexuelle Stillhalten müssen“36 sowie der Rückzug des Ich in eine geheime Welt voller sexueller Offenbarung bewirken zunehmend das Bedürfnis der Thematisierung dieser Umstände im öffentlichen Diskurs und die Befreiung aus den Fängen der Konvention.

Die im Vorangegangenen erläuterten gesellschaftlichen Irrtümer demonstrieren die Problematik, die zwischen den drei Phänomenen Ehe, Liebe und Sexualität besteht und führen dazu, dass sich Individuen zunehmend im Zwiespalt zwischen der Forderung nach Sittlichkeit und normhaftem Leben einerseits und dem inneren Bedürfnis und Verlangen andererseits wiederfinden.

Die Erkenntnis über den unauthentischen Charakter dieser bürgerlichen Vorstellungen mündet auch in eine Hinterfragung der traditionellen Rollenbilder von Mann und Frau. Wenn Liebe und Sexualität einem gesellschaftlichen Fehlkonstrukt unterstehen, ist folglich nicht auch das konventionalisierte Geschlechterverhältnis ein Konstrukt der Gesellschaft, dem aus reiner Normkonformität entsprochen wird? Daraus resultierend bilden die zunehmende Dekonstruktion der Identität des bürgerlichen Mannes37 und die Neudefinition des Wesens und Willens der bürgerlichen Frau ebenso wichtige Eckpfeiler der Umwälzungen zur Zeit der Jahrhundertwende.

Der folgende Hauptteil dieser Arbeit beschäftigt sich mit den zuvor geschilderten gesellschaftlichen Widersprüchen im Kontext des literarischen Diskurses zur Zeit der Jahrhundertwende. Die Untersuchung der Dramen Reigen und Liebelei des österreichischen Autors Arthur Schnitzler soll nach diesen theoretischen Vorbetrachtungen ein konkretes Bild der Wiener Gesellschaft der Jahrhundertwende, ihrer Akteure und deren Innenleben entwerfen. Wie schlagen sich die gesellschaftlichen Widersprüche im Agieren der Individuen nieder? Um eine Antwort auf diese Frage zu finden, wird zunächst das Drama Reigen analysiert, welches die erläuterte Problematik des sexuellen Verlangens im Spannungsverhältnis von Ehe und Liebe, aber auch vor dem Hintergrund der Ständegesellschaft thematisiert. Im Anschluss daran erfolgt die Analyse des Dramas Liebelei, welches durch die komplexen Charaktere seiner Protagonisten unterschiedliche Szenarien und Konzeptionen im Bereich der Liebe entwirft und damit die Liebe im Spannungsverhältnis von konventionellen und alternativen Liebeskonzeptionen erörtert. Beide Betrachtungen führen letzten Endes zu der Erkenntnis, dass öffentliche Moralvorstellungen und private Lebensentwürfe in der bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts stark divergieren.

3. ARTHUR SCHNITZLERS REIGEN UND LIEBELEI ALS SPIEGELBILDER DER JAHRHUNDERTWENDE-GESELLSCHAFT

Der österreichische Dramatiker und Erzähler Arthur Schnitzler lebt zwischen 1862 und 1931 im modernen Wien und gilt als Repräsentant seiner Zeit. In den Jahren 1896/97, im Zenit der Jahrhundertwende, verfasst er die Dramen Reigen und Liebelei, die das Verhalten der Individuen gegenüber dem kulturellen Widerspruch38 des Fin de Si è cle demonstrieren. Aus Gründen der Nachvollziehbarkeit und Kohärenz erfolgt die analytische Betrachtung der Werke nacheinander. Die hierbei analysierten Kategorien sind nicht bei beiden Dramen identisch, was mit den jeweils unterschiedlichen Schwerpunkten, der jeweiligen Form sowie den verschieden komplexen Figurenkonstellationen zusammenhängt. Grundsätzlich wird jedoch bei beiden Untersuchungen auf die in den Dramen inszenierten Standes- und Geschlechterkonstellationen eingegangen, auf deren Basis im Anschluss die Sexualitäts- bzw. Liebeskonzeptionen erarbeitet werden.39

3.1 „[…] DER KARUSSELBETRIEB DER LUST“ - ZEHN MENSCHEN ZWISCHEN TRIEBEN UND ZWÄNGEN IM REIGEN

3.1.1 REIGEN - INHALT UND PROBLEMATIK

Das Bühnenstück Reigen des österreichischen Autors Arthur Schnitzler ist im Jahre 1903 entstanden. In zehn erotischen Dialogen begeben sich darin zehn Persönlichkeiten unterschiedlichster sozialer Herkunft in die Tiefen ihrer individuellen Sehnsüchte und Triebe. Arthur Schnitzler skizziert in jeder Szene eine Liaison zwischen zwei Protagonisten. Doch steht nicht der sexuelle Akt im Vordergrund - dieser wird nur durch Gedankenstriche angedeutet - vielmehr geht es dem Autor darum, den verschiedenen Umgang der Figuren mit der Situation der erotischen Verführung, dem verruchten Moment der Hingabe und der Erotik sowie dem Spiel mit gesellschaftlicher Macht und sozialem Status aufzuzeigen.

Für die Untersuchung ist die äußere Form des Stückes von großer Bedeutung. So sind der Titel des Werkes sowie seine formale Ausgestaltung an die Tanzform des Reigens angelehnt. Charakteristisch für diese Form ist der Reihentanz, bei dem stets ein Partner die Hand eines neues Partners für den folgenden Tanz ergreift. Somit sind die einzelnen Tänzer in eine und die darauf folgende Tanzpartie involviert. Auch die Dialoge Schnitzlers folgen der Form eines Reigens. So ‚tanzen‘ zunächst die Dirne und der Soldat, gefolgt vom Soldaten und dem Stubenmädchen, dem Stubenmädchen und dem jungen Herrn, dem jungen Herrn und der Ehefrau, der Ehefrau und dem Ehemann, dem Ehemann bzw. Gatten und dem süßen Mädel, dem süßen Mädel und dem Dichter, dem Dichter und der Schauspielerin und schließlich der Schauspielerin und dem Grafen. Der Graf seinerseits schließt den Reigen, indem er auf die Dirne trifft, die eingangs den Reigen eröffnet hat. Das Ende der Dialoge ist dennoch nicht als Ende des Reigens zu verstehen, der, da ohne festen Anfangs- und Endpunkt, unendlich weitergeführt werden könnte und im Rahmen dieses Werkes lediglich ausschnitthaft die Realität der bürgerlichen Gesellschaft widerspiegelt.40

Im Folgenden steht die Figurenkonstellation des Reigen im Mittelpunkt der Betrachtung. Die angedeuteten Unterschiede der sozialen Status prägen Wesen und Verlauf des Reigens.

3.1.2 FIGURENKONSTELLATIONEN UND GESCHLECHTERROLLEN IM REIGEN

Der Reigen ist, wie erläutert, durch eine Abfolge von zehn Einzelszenen konstituiert, in denen stets zwei Figuren, männlich und weiblich, ein sexuelles Verhältnis miteinander eingehen. Dabei erscheint jedoch je eine Figur bereits in der nächsten Szene mit einem neuen Partner. Wie sich schon einleitend andeutet, durchdringt der Reigen dabei die gesamte gesellschaftliche Hierarchie. Schon die typisierenden Bezeichnungen der Figuren - der Soldat, die junge Frau, der Graf - verrät, dass das Anliegen des Stückes weniger in der Darstellung komplexer Charaktere und deren individueller Wünsche, Bedürfnisse und Lebensverhältnisse liegt41 als vielmehr in der Erkenntnis, dass das Phänomen des sexuellen Verlangens bzw. der hier der Institution der Ehe gegenüberstellten Form der Liebelei alle Geschlechter, sozialen Status und die damit verbundenen sozialen Normen gleichermaßen betrifft.

Somit finden sich alle gesellschaftlichen Klassen des Wiens der Jahrhundertwende repräsentiert: das Proletariat in Form der Dirne, des Soldaten und des Stubenmädchens, das Kleinbürgertum durch das süße Mädel, das Großbürgertum durch die junge Frau, den jungen Mann und den Ehegatten, die dazugehörige künstlerische boh è me durch die Schauspielerin und den Dichter wie auch letzten Endes die Aristokratie durch die Figur des Grafen. Über die Figuren erfährt der Rezipient damit nichts Konkreteres, als deren sozialen Status, welcher die Gestaltungsspielräume der Handlung zwar beeinflusst, den Fortgang der Handlung selbst jedoch nicht bestimmt. Daraus schlussfolgernd ist die Handlung in jedem der zehn Dialoge grundsätzlich identisch. Mit den unterschiedlichen sozialen Konstellationen jedoch wechseln beispielsweise die Schauplätze der Zweisamkeit. Während Dirne, Soldat und Stubenmädchen im Freien und in aller Öffentlichkeit zusammenkommen (Dirne: „Pst, so wart nur ein bissel. Gleich kommen wir zu einer Bank.“42 ; Soldat: „Ja, Sie, Fräul’n Marie, da im Gras können S’ nicht liegenbleiben.“ (R 15), so profitieren der junge Mann sowie der Ehegatte von den bürgerlichen Privilegien einer privaten, abgeschotteten Unterkunft, was durch die jeweiligen Prologe deutlich wird. Somit wird klar, dass die Frage der sozialen Stellungen und ihrer jeweiligen Konstellationen zwar durchaus thematisiert wird, jedoch lediglich um die Tatsache zu manifestieren, dass das sexuelle Verlangen und die Triebhaftigkeit der Figuren, besonders die der männlichen Akteure, die letzten Endes in jedem einzelnen Akt zum Geschlechtsverkehr führen sowie die Suche nach Emotionalität und Bindung außerhalb der eigenen sozialen Schicht, überwiegend seitens der weiblichen Akteure - wenn auch in ihrer konkreten Ausgestaltung unterschiedlich - in allen gesellschaftlichen Milieus präsent sind und gleichzeitig die soziale Norm, die für Verbindungen zwischen diesen Milieus existiert, außer Kraft zu setzen scheint.

Daraus schlussfolgernd ist festzustellen, dass die Figurenkonstellationen in den einzelnen Dialogen häufig die konventionellen sozialen Grenzen überschreiten. So begeben sich das Stubenmädchen und der junge Herr, der Ehegatte und das süße Mädel, das süße Mädel und der Dichter sowie die Schauspielerin und der Graf in standesüberschreitende Liebeleien.

Allen Dialogen ist eine große Diskrepanz zwischen den mit einem sozialen Status und der konventionellen Geschlechterrolle verbundenen Erwartungen an einen Charakter und seinem kontrastierenden tatsächlichen Verhalten gemein. So ist beispielsweise exemplarisch am Dialog zwischen dem Soldaten und dem Stubenmädchen festzustellen, dass der Soldat als männlicher Part um die Gunst der Geliebten wirbt, um die eigenen sinnlichen Bedürfnisse zu befriedigen. Das Stubenmädchen als weiblicher Part weist diese Annäherungsversuche zunächst zurück, obwohl sie schon mit Verlassen der Öffentlichkeit in die intime und geheime Liebelei im Park eingewilligt hat und sich dieser letzten Endes auch ergibt. Somit widersprechen sich das situative Wissen um die Umstände der Liaison und die tatsächlichen Aussagen des Stubenmädchens und demonstrieren, dass es sich bei ihrem Verhalten lediglich um ein äußeres Inkarnieren eines konventionellen Rollenverhaltens handeln kann, dem sie jedoch auch nur ebenso äußerlich entspricht.

Beide können so mit unausgesprochen komplizenhaftem Einverständnis einander zu einem Ergebnis weiterhelfen, das beide gewollt haben. Die Frau spielt die Unschuldige, tut so, als wisse sie nicht, wohin der Weg führt, kann mitgehen, weil sie es nicht weiß, und sichert sich damit die Möglichkeit, ihre Hingabe als Verführung zu entschuldigen.43

Damit wahrt die Frau nach außen den Schein der Anständigkeit und Naivität, was der Rollenerwartung an sie als Frau entspricht. Ihre Handlung nach dem sexuellen Akt manifestiert dieses Bedürfnis nach rollenkonformem Verhalten. So fragt das Stubenmädchen den Soldaten häufig: „Sag wenigstens, hast mich gern?“ (R 16) und bittet ihn um eine über den sexuellen Akt hinausgehende romantische Zweisamkeit („Ich hab halt’ dacht, Herr Franz, Sie werden mich z’ Haus führen.“ (R 17)). Damit versucht das Stubenmädchen den triebhaften Geschlechtsakt, dem sich letzten Endes beide aus vollster Überzeugung hingegeben haben, in einen Akt aus Liebe und innerer Zuneigung zu verwandeln und damit ein gewisses moralkonformes Verhalten zu wahren. Die vorangegangenen Erkenntnisse, die sich am Beispiel des Soldaten und des Stubenmädchens ergeben haben, treffen jedoch auch auf die meisten übrigen Dialoge zu, in denen die sexuelle Überredung von der männlichen Figur ausgeht. So ist dieses stereotype, rollenkonforme Verhalten in den Dialogen zwischen dem jungen Herrn und dem Stubenmädchen, dem jungen Herrn und der jungen Frau, dem Gatten und dem süßen Mädel sowie zwischen dem Dichter und dem süßen Mädel zu beobachten. Die Dirne verhält sich wenig anständig, was mit ihrer Profession zusammenhängt.

[...]


1 Vgl. Niederstätter, Alois: Geschichte Österreichs, Stuttgart: Kohlhammer Verlag 2007. S. 171-196.

2 Wagner, Nike: Geist und Geschlecht. Karl Kraus und die Erotik der Wiener Moderne, 1. Aufl., Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 1982. S. 18.

3 Vgl. Doppler, Alfred: Geschichte im Spiegel der Literatur. Aufsätze zur österreichischen Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts, 2. Aufl., Innsbruck (Innsbrucker Beiträge zur Kulturwissenschaft. Germanistische Reihe Bd. 39): o.V. 1992. S. 95.

4 Eder, Franz X.: „Diese Theorie ist sehr delikat …“. Zur Sexualisierung der „Wiener Moderne“, in: Nautz, Jürgen/ Richard Vahrenkamp (Hg.): Die Wiener Jahrhundertwende. Einflüsse, Umwelt, Wirkungen, 2. Aufl., Wien: Böhlau 1996, S. 175.

5 Wagner, Nike, Geist und Geschlecht, (Anm. 2), S. 7.

6 Ebd., S. 21.

7 Ebd., S. 12.

8 Ebd., S. 21.

9 Vgl. ebd.

10 Ebd., S. 22.

11 Vgl. Lorenz, Dagmar: Wiener Moderne, Bd. 290, 2. Aufl., Stuttgart: Metzler Verlag 2007. S. 16.

12 Doppler, Alfred, Geschichte im Spiegel der Literatur, (Anm. 3), S. 95.

13 Bahr, Hermann (Hg. Claus Pias): Die Überwindung des Naturalismus. Kritische Schriften in Einzelausgaben, Bd.2,Weimar: VDG 2004. S. 128.

14 Vgl. ebd., S. 12.

15 Wagner, Nike, Geist und Geschlecht, (Anm. 2), S. 41.

16 Pollak, Michael: Wien 1900. Eine verletzte Identität, Bd. 6, Konstanz: Universitätsverlag Konstanz GmbH 1997. S. 185

17 Ebd., S. 187.

18 Vgl. Pankau, Johannes G.: Sexualität und Modernität. Studien zum deutschen Drama des Fin de Siècle, Bd. 4, Würzburg: Verlag Königshausen & Neumann GmbH 2005. S. 7.

19 Vgl. ebd., S. 8.

20 Vgl. ebd., S. 10.

21 Vgl. Elwardy, Rania: Liebe spielen - spielend lieben. Arthur Schnitzler und seine Verwandlung der Liebe zum Spiel, Marburg: Tectum Verlag 2008. S. 13.

22 Vgl. ebd., S. 14.

23 Vgl. ebd., S. 18.

24 Vgl. Niethammer, Lutz u.a.: Bürgerliche Gesellschaft in Deutschland. Historische Einblicke, Fragen, Perspektiven, Frankfurt am Main: Fischer Verlag 1990. S. 93.

25 Vgl. ebd., S. 92.

26 Vgl. Thomé, Horst: Arthur Schnitzlers Reigen und die Sexualanthropologie der Jahrhundertwende, in: Arnold, Heinz-Ludwig (Hg.): Text+Kritik. Zeitschrift für Literatur, Heft 138/139, München: Edition Text+Kritik, S. 109.

27 Vgl. Gay, Peter: Die zarte Leidenschaft. Liebe im bürgerlichen Zeitalter, München: Beck Verlag 1987. S. 101.

28 Vgl. ebd., S. 104.

29 Thomé, Horst, Arthur Schnitzlers Reigen (Anm. 26)S. 102.

30 Ebd.

31 Ebd., S. 103.

32 Vgl. ebd., S. 108.

33 Ebd., S. 104.

34 Nike Wagner, Geist und Geschlecht, (Anm. 2), S. 163.

35 Vgl. ebd.

36 Vgl. Peter Gay, Zärtliche Leidenschaft, (Anm. 27), S. 18.

37 Vgl. Nike Wagner, Geist und Geschlecht, (Anm. 2), S. 175.

38 Vgl. Thomé, Arthur Schnitzlers Reigen (Anm. 26), S. 111.

39 Koebner, Tobias: Arthur Schnitzler - Reigen. Erläuterungen und Dokumente, Stuttgart: Reclam 1997. S. 87.

40 Vgl. Kimmich, Dorothee/ Tobias Wilke: Einführung in die Literatur der Jahrhundertwende, 1.Aufl., Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2006. S. 107.

41 Vgl. Thomé, Arthur Schnitzlers Reigen (Anm. 26), S. 107.

42 Schnitzler, Arthur: Reigen, Stuttgart: Reclam 2010. S. 9, im Folgenden zitiert als R.

43 Thomé, Arthur Schnitzlers Reigen (Anm. 26), S. 109.

Details

Seiten
67
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668214156
ISBN (Buch)
9783668214163
Dateigröße
569 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v322055
Institution / Hochschule
Universität Rostock
Note
1,7
Schlagworte
private öffentliche liebe sexualität moral liebelei reigen arthur schnitzler

Autor

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Titel: Das Private und das Öffentliche. Liebe, Sexualität und Moral in "Liebelei" und "Reigen" von Arthur Schnitzler