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Der EBA-Stresstest von 2011. Eine kritische Analyse

Bachelorarbeit 2014 33 Seiten

BWL - Bank, Börse, Versicherung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Finanzkrise 2007 als Auslöser für zunehmende Bedeutung von Stress- tests

2 Konzeptionelle Darstellung des EBA-Stresstests von 2011
2.1 Definierte Szenarien der EBA1
2.2 Kredit- und Marktrisiko als Schwerpunkt des Tests
2.3 Auswirkungen der Stresstestszenarien auf das Handels- und Anla- gebuch unter Berücksichtung von Kredit- und Marktrisiko

3 Kritische Diskussion der EBA-Ansätze
3.1 Definition von CT12 durch die EBA
3.2 Nichtberücksichtigung des Liquiditätsrisiko
3.3 Haircuts bei Staatsanleihen
3.4 Zeitraum und Ausmaß des Tests

4 Zusammenfassende Beurteilung der Ergebnisse

5 Anhang

Literatur

Abbildungsverzeichnis

1 Grobkonzept des Stresstests, in Anlehnung an (Borio et al., 2012)

2 Ablaufschema bei der Umsetzung von externen Schocks, in Anleh- nung an (Cihak, 2007)

3 BIP-Entwicklung, in Anlehnung an (EBA, 2011a)

4 Länderspezifische Ergebnisse des EBA-Stresstest 2011 (EBA, 2011c)

5 Abweichung vom Baseline-Scenario (ECB, 2011b)

6 Ermittelte Haircuts auf Staatsanleihen im Adverse-Scenario (ECB, 2011a)

7 Zusammengefasste Ergebnisse des EU-weiten Stresstest 2011 der EBA (eigene Veröffentlichung der Helaba) (Helaba, 2011a)

Tabellenverzeichnis

1 Entwicklung des BIP3 und der Arbeislosenquote 2010-2012, in Anlehnung an (EBA, 2011a)

2 Haircuts auf Anleihen von Griechenland, Irland, Portugal und Deutschland, in Anlehnung an (ECB, 2011a)

3 Fiktive Konditionen bei Kauf einer griechischen Staatsanleihe

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Finanzkrise 2007 als Auslöser für zunehmende Bedeutung von Stresstests

„Kapitalismus heißt nicht nur Rendite einfahren, sondern vor allem: mit Risiko umgehen können. Die Finanzkrise zeigt: Gerade daran haben es zu viele Akteure in den Bankhäusern der Welt missen lassen. Risiken wurden unterschätzt.“

Horst Köhler tadelte in der Rede von 2008 die Praktiken der Banker (vgl. Goergen et al., 2008). Die jüngste Finanzkrise ab 2007 verursachte bedeutende Verun- sicherungen auf den Finanzmärkten und in der Wirtschaft. Eine Vielzahl von Finanzinstituten waren gezwungen auf staatliche Unterstützung zurückzugreifen, um eine drohende Insolvenz abzuwenden. Ausgehend von der Immobilienkrise in den USA, entwickelte sie sich zu einer weltweiten Finanzmarktkrise (vgl. Bogedan et al., 2009).

Das Vertrauen in die Finanzinstitute war durch die Krise verloren gegangen. Die Menschen scheuten sich Geld zu investieren, denn sie hatten Angst Verluste zu erleiden. Insgesamt summierte sich die Höhe der staatlichen Beihilfen zwischen Oktober 2008 und Dezember 2011 in Europa auf rund 1,6 Billionen Euro (vgl. Focus- Money, 2012). Die Konsequenzen der Entwicklung trugen Europas Steuerzahler.

Doch was genau kann man tun, um die Glaubwürdigkeit und das Vertrauen in die Finanzinstitute zurückzugewinnen?

Die Finanzkrise offenbarte, dass die in den Banken praktizierten Stresstests keine ausreichende Information für bevorstehende Krisen lieferten. Zur Gewährleistung der Finanzmarktstabilität wurde am 1. Januar 2011 die EBA gegründet. Die EBA ist in der Lage in Zusammenarbeit mit dem ESRB4 EU-weite Stresstests zur Beurteilung der Finanzinstitute bei ungünstigen Marktentwicklungen zu initiieren. Aufbauend auf Erfahrungen von zwei früheren EU-weiten Stresstests der EBA- Vorgängerorganisation, der CEBS5, führte die EBA im ersten Halbjahr 2011 in Zusammenarbeit mit nationalen Aufsichtsbehörden, dem ESRB, der europäischen Zentralbank und der europäischen Kommission einen europaweiten Stresstest durch (vgl. EBA, 2011e, S.1). 90 Banken aus 21 Ländern, die gemessen an der Bilanzsumme mindestens 50 Prozent des jeweiligen nationalen Bankensektors abdeckten bzw. 65 Prozent des gesamten europäischen Bankensektors nahmen am Stresstest teil (vgl. Bafin, 2011). Acht Institute sind nach Angaben der EBA durchgefallen. Dabei handelte es sich um fünf Banken aus Spanien, zwei aus Griechenland und ein Finanzinstitut aus Österreich. Die Banken konnten die geforderte Quote für hartes Kernkapital von 5 Prozent nicht erfüllen. 16 weitere Banken bestanden den Test mit einer Quote zwischen 5 und 6 Prozent (vgl. EBA, 2011c). Abbildung 4 auf Seite 22 zeigt das Abschneiden der Banken unter Berücksichtung der Herkunftsländer.

Der EBA-Stresstest 2011 beinhaltete eine noch nie dagewesene Transparenz der Banken. Die durch den EBA-Stresstest ermittelten Verfassungen der Banken ermög- lichten der Öffentlichkeit eine informative Aufstellung über die Widerstandsfähigkeit der Banken bei Krisenzeiten (vgl. von der Hagen, 2011). Aus diesem Grund liegt das Augenmerk dieser Bachelorarbeit auf dem EBA- Stresstest von 2011. Der erste Teil der Arbeit beschäftigt sich mit dem Aufbau und der Vorgangsweise des entwickelten Tests. Im Anschluss daran werden ausgewählte verwendete Ansätze der EBA zur Kontrolle der Banken kritisch hinterfragt.

2 Konzeptionelle Darstellung des EBA-Stresstests von 2011

Eine sehr allgemeine Definition des Begriffs Stresstest, die im Risikomanagement als gültig angesehen wird, findet sich in der Publikation des International Monetary Fund „Stress testing of Financial Systems: An Overview of Issues, Methodologies, and FSAP Experiences“ von Blaschke 2001:

„The term stresstesting describes a range of techniques used to access the vulnerability of a portfolio to major changes in the macroeconomic environment or to exceptional but plausible events. The objective of a stresstest is to make risks more transparent by estimating the potential losses on a portfolio of abnormal markets.“

Der Wert eines Portfolios wird durch die Auswirkungen einer ungewöhnlichen, den- noch plausiblen Veränderung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen beeinflusst (vgl. Blaschke et al., 2001, S. 4). Ziel des Stresstests war es, die harte Kernkapi- talquote (Core Tier 1 Ratio) von den Banken zu ermitteln. Unter der Core Tier 1 Definition auf Basis von Basel III versteht man eine besonders strenge Definition dessen, was Banken zum Eigenkapital rechnen können (vgl. EBA, 2011f).

Die Kontrolle der Banken durch den Stresstest erforderte viele Vorgaben und Richtlinien. Der Schwerpunkt der Übung war es das harte Kernkapital der Banken unter Verwendung verschiedener Szenarien zu bestimmen6. Den Stresstest kann man als bottom-up und top-down Test interpretieren. Beim top-down Ansatz waren die Banken befähigt ihre eigenen internen Modelle zu verwenden, da die Aufseher lediglich die internen Modelle auswerteten. Eine Kombination beider Modelle wurde im EBA Stresstest 2011 verwendet (vgl. de la Lastra, 2012). Der Stresstest 2011 sollte außerdem dazu beitragen die Solvenz (Zahlungsfähigkeit) der Banken zu bewerten. Der Stresstest wurde auf mikro-prudentieller Ebene durchgeführt, da der Schwerpunkt der EBA auf den einzelnen Banken lag und nicht auf den nationalen Finanzsystemen (vgl. EBA, 2011a, S. 6).

2.1 Definierte Szenarien der EBA

Der EBA-Stresstest 2011 basierte auf zwei hypothetischen Szenarien, dem Baseline-Scenario und dem Adverse-Scenario. Hierbei muss erwähnt werden, dass der Stresstest auf möglichen Änderungen der Wirtschaft beruhte und keine reale Entwicklung darstellte. Makroökonomische Szenarien können auf Basis volkswirt- schaftlicher Annahmen und Analysen definiert werden.

Die Grundlage des Baseline-Scenarios bildete die Prognose der Europäischen Kommission, die im Herbst 2010 durchgeführt wurde. Das Adverse-Scenario stellte eine Abweichung in Bezug auf das Baseline-Scenario dar. Das Baseline-Scenario beschrieb die erwartete wirtschaftliche Entwicklung, das heißt eine Fortführung der wirtschaftlichen Erholung in der EU wurde prognostiziert (vgl. EBA, 2011d, S. 1). Es wurde angenommen, dass sich die Arbeitsmarktsituation im Szenario positiv entwickelt. Die Arbeitslosenquote würde 2011 auf 9,5 Prozent und 2012 auf 9 Prozent sinken. Bei den Entwicklungen am Arbeitsmarkt wurde berücksichtigt, dass die Arbeitsmarktdaten mit einer sechsmonatigen Verzögerung gegenüber der wirtschaftlichen Entwicklung eintreten (vgl. EBA, 2011d, S. 2).

Das von der EBA entwickelte Adverse-Scenario setzte sich aus drei Komponenten zusammen:

i) „Eine Reihe von EU-Schocks basierend auf der europäischen Staatsschulden- krise,
ii) einen globalen Nachfrageschock ausgehend von den USA,
iii) und eine Abwertung des Dollars gegenüber allen Währungen“ (vgl. ECB, 2011b).

Die Annahmen einer Verschärfung der europäischen Staatsschuldenkrise, eine zu- nehmende Unsicherheit, Verschlechterung der Arbeitsmarktsituation, unerwartete

Firmenverluste und strengere Kreditvergaben wirkten sich negativ auf die reale Wirtschaft aus. Die Bestandteile der Inlandsnachfrage in der EU waren von der negativen Entwicklung betroffen. Die erste Schlüsselkomponente war eine ange- nommene Verstärkung der anhaltenden Schuldenkrise. Unter Berücksichtigung der verschiedenen Haushaltslagen und Markteinschätzungen wurden Renditeschocks erarbeitet. Die Verzinsung von deutschen 10-Jahres Staatsanleihen basierte zum Beispiel auf dem gleichem Level wie im Baseline-Scenario. Die langfristigen Verzin- sungen im Euroraum stiegen um 75 Basispunkte und um 66 Basispunkte in der Europäischen Union (vgl. ECB, 2011b).

Des Weiteren führte dieses Krisenszenario durchschnittlich zu einem Aktienverfall von 15 Prozent in der Eurozone sowie von 14 Prozent in der EU. Gekoppelt an die verschlechterte wirtschaftliche Entwicklung waren Immobilienpreise den länderspezifischen externen Einflüssen ausgesetzt.

Die Staatsschuldenkrise wirkte sich auch auf die europäischen Geldmärkte aus. Ein Anstieg der kurzfristigen Interbankensätze, das heißt Zinssätze zu denen Geldge- schäfte zwischen Kreditinstituten am Euromarkt getätigt werden (vgl. Springer und Gabler, 2014), um 125 Basispunkte war die Folge. Der Anstieg der kurzfristigen Interbankensätze zeigte die potenziellen zusätzlichen Aufwendungen der Banken, falls sie neues Kapital beschaffen müssen.

Die vorher genannten Schocks der Inlandsnachfrage ergänzte man mit einem ex- ternen Schock, der sich negativ auf den gesamtwirtschaftlichen Verbrauch und auf Investitionsmaßnahmen auswirkt. Hierbei wäre die Eurozone stärker von den Auswirkungen des EU-Schocks betroffen als die restlichen EU-Staaten (vgl. ECB, 2011b, S. 2). Das Adverse-Scenario beinhaltete einen negativen Nachfrageschock und eine Dollarabwertung. So betrug der kumulative Schock des BIP über den Zeithorizont von zwei Jahren im Stresstest 4 Prozentpunkte für Europa und 4,1 Prozentpunkte für die Europäische Union (vgl. ECB, 2011b, S. 5). Die nachfolgende Tabelle verdeutlicht die genannten Angaben. Daraus ist ersichtlich, dass im Stress- szenario von einer Verschlechterung des BIP und der wirtschaftlichen Situation ausgegangen wurde.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Entwicklung des BIP und der Arbeislosenquote 2010-2012, in Anlehnung an (EBA, 2011a)

Abbildung 5 auf Seite 23 zeigt die Abweichung des BIP im Vergleich zum Adverse- Scenario. Des Weiteren wird daraus die zunehmende Arbeitslosigkeit in den ein- zelnen Ländern ersichtlich. Hierbei handelte es sich um rein fiktive Größen. Dies wird vor allem dadurch deutlich, da eine Verschlechterung der Wirtschaft in der Praxis mit Zinssenkungen der Notenbanken verbunden ist. Im Stresstest-Szenario der EBA kam es aber zu einem Zinsanstieg (vgl. EBA, 2011a, S. 29 ff.).

2.2 Kredit- und Marktrisiko als Schwerpunkt des Tests

Der Schwerpunkt des Stresstests lag auf dem Markt- und Kreditrisiko (vgl. EBA, 2011a, S. 8). Für die Banken repräsentiert das Kreditrisiko eine wichtige Risi- kogruppe. Man unterteilt das Kreditrisiko im weiteren Sinn in Ausfallrisiko und Bonitätsrisiko (vgl. Bundesbank, 2007, S. 104). Das Ausfallrisiko stellt für die Bank die Gefahr dar, dass der Kreditnehmer aufgrund seiner Finanzlage nicht mehr fähig ist, die Kredite vollständig oder fristgerecht zurückzubezahlen. Im Gegensatz dazu geht man beim Bonitätsrisiko davon aus, dass sich die Bonität des Kreditnehmers während der Laufzeit verschlechtert (vgl. TU-Dresden, 2009). Kreditausfälle mindern aufgrund von Wertberichtigungen das Eigenkapital der Banken und wirken sich auf deren Finanzsituation aus. Beim Bonitätsänderungsri- siko sind nur Positionen im Handelsbuch von Wertberichtigungen betroffen, die zu Marktpreisen in der Bilanz aufgeführt sind. Die Verschlechterung der Zahlungsfä- higkeit von Kreditnehmern reduziert den Wert einer Kreditposition und wirkt sich auf die Einordnung der Risikolage des Kreditinstituts aus (vgl. Bundesbank, 2007, S. 104). Die Verwendung einfacher Sensitivitätsanalysen kann zur Bestimmung des Kreditrisikos herangezogen werden, um vorgegebene Risikoparameter wie PD7, LGD8 und EaD9 zu ermitteln (vgl. Bundesbank, 2007, S. 105).

Das Marktrisiko repräsentiert neben dem Kreditrisiko eine weitere wichtige Ri- sikokategorie für Banken (vgl. Bundesbank, 2007, S. 107). Im Gegensatz zum Kreditrisiko benötigt man für die Ermittlung des Marktrisikos eine andere Vor- gehensweise. Beim Marktrisiko sind Risikoparameter wie Zinsen, Aktien- und Rohstoffpreise direkt am relevanten Markt beobachtbar (vgl. Müller und Schöning, 2012). Das Marktrisiko definiert sich als „das Risiko von Verlusten aus bilanzwirksamen und ausserbilanziellen Positionen aufgrund von Veränderungen der Marktpreise“ (Hirte und Heinrich, 2009, S. 2198).

Zu beachten sind dabei Risiken aus Zinsinstrumenten und Aktien im Handelsstand, Rohstoffrisiken und Fremdwährungsrisiken in der gesamten Bank (vgl. Hirte und Heinrich, 2009, S. 2198). Das Zinsänderungsrisiko stellt für die Banken ein Risiko dar, da die Änderungen negative Folgen für die Banken haben. Die Höhe der Erträge einer Bank werden aufgrund der wertmäßigen Veränderungen der Nettozinseinkünf- te und der Betriebsaufwendungen entscheidend beeinflusst (vgl. Basler Ausschuss für Bankenaufsicht, 1997, S. 6). Das Aktienrisiko im Handelsbuch setzt sich aus Kursänderungen zusammen, welche Einflussnahme auf die Werte von Aktiv- und Passivpositionen der betroffenen Bank haben (vgl. Blaschke et al., 2001, S. 31). Das Rohstoffrisiko bezieht sich auf die Risiken von Wertverlusten in der Bilanz (Aktiv- und Passivseite) sowie auf außerbilanzielle Positionen durch Preisschwan- kungen. Selbst wenn Banken keine Rohstoffpositionen direkt halten, können sie indirekt durch ihr Portfolio betroffen sein. Das passiert, wenn die Fähigkeit des Kreditnehmers, seinen Verpflichtungen nachzukommen dadurch beeinträchtigt wird (vgl. Blaschke et al., 2001, S. 35).

Die Fremdwährungsrisiken führen aufgrund von Wechselkursschwankungen zu Wertveränderungen in den Bilanzen der Banken.

2.3 Auswirkungen der Stresstestszenarien auf das Handels- und Anlagebuch unter Berücksichtung von Kredit- und Marktrisiko

Die folgende Abbildung veranschaulicht den Aufbau des Stresstests und den Zusam- menhang der einzelnen Bereiche. Dem Stresstest liegt ein Stressszenario zugrunde. Dieses beeinflusst im Anschluss die Wirtschaft, die sich wiederum auf das Kredit- und Marktrisiko auswirkt. Als letztes Glied sind die Banken von der Entwicklung betroffen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Grobkonzept des Stresstests, in Anlehnung an (Borio et al., 2012)

Von den Banken erwartete man, dass sie die makroökonomischen Variablen durch Schätzung der Entwicklung der Vermögensgegenstände und der zukünftigen Pro- fitabilität der Geschäfte auf die Bilanz übertragen (vgl. EBA, 2011a, S. 19). Zur genaueren Betrachtung wird zwischen Anlagebuch und Handelsbuch unter- schieden. Das Handelsbuch enthält alle Positionen, die von den Banken kurzfristig gehalten werden. Ziel ist es, durch Weiterverkauf, unter Ausnutzung von Preis- schwankungen Gewinn zu erzielen (vgl. Bundesbank, 2014b). Im Gegensatz dazu befinden sich im Anlagebuch alle Positionen, die nicht dem Handelsbuch zuzuord- nen sind. Dazu zählen vergebene Kredite und Wertpapiere. Voraussetzung dafür ist, dass sie nicht dem kurzfristigen Handel unterliegen sondern der langfristigen Anlage dienen (vgl. Bundesbank, 2014a). Bei den Banken wurden neben dem Handelsbuch auch indirekt das Bankbuch gestresst. Während im Handelsbuch Staatsanleihen genauer untersucht wurden, beschäftigte sich der Stresstest im Anlagebuch detaillierter mit Verbriefungen und Krediten.

Das Handelsbuch unterlag unter Berücksichtigung der makroökonomischen Szena- rien den Marktrisiken (vgl. EBA, 2011a, S. 13). Im Bezug auf die Abweichung vom Baseline-Scenario (Adverse-Scenario) prognostizierte man folgende Entwicklung: Ein Aktienkursverfall von 15 Prozent, eine Dollarabwertung von 11 Prozent gegen- über allen Hauptwährungen, Anstieg der kurzfristigen Zinsen um 125 Basispunkte und die langfristigen Zinsen für europäische Staatsanleihen erhöhen sich um 75 Basispunkte. Die Rohstoffpreise hingegen bleiben unverändert. Das Satellitenmo- dell wurde verwendet, um Marktparameter in Marktrisikoparameter zu übersetzen. Das angewandte Modell beinhaltete Aktienpreise, Credit Spreads, Swap Rates und Volatilitäten. Eine Spezialistengruppe unter Führung der EBA kümmerte sich um Dividenden, Credit Spreads, Swap Rates und Marktliquidität, die nicht in das Modell integriert werden konnten (vgl. EBA, 2011a, S. 14). Credit Spreads stellten ein nicht zu vernachlässigendes Risiko dar. Es handelt sich um sogenannte Zinsaufschläge für ausgewählte Bonitätsklassen gegenüber dem risikolosen Zinssatz (vgl. Bundesbank, 2007, S. 108).

Im Gegensatz zum Baseline-Scenario wurde beim Adverse-Scenario auch das Staatsrisiko (sovereign risk) berücksichtigt. Die Laufzeit der Staatsanleihen war entscheidend für das Ausmaß der Schocks. Die Credit Default Swap-Kurve für das Eurogebiet nahm außerdem Einfluss auf die Stärke der Schocks. Hierbei wurden für jedes Land individuelle Haircuts bestimmt. Beim Adverse-Scenario kam es zu einer Erweiterung der Haircuts und einer Untergliederung der Anleihen aufgrund ihrer Laufzeitlänge. Die EZB unterteilte dabei in sieben verschiedene Laufzeiten, die zwischen drei Monaten und 15 Jahren lagen (vgl. ECB, 2011a, S. 2). Abbildung 6 auf Seite 24 zeigt die Haircuts unter Berücksichtigung des Herkunftslands und der Laufzeitlänge. Je länger die Laufzeit der Anleihen, desto mehr steigt das Risiko und somit die Höhe des Haircuts. Die im Test ermittelten risikogewichteten Aktiva im Handelsbuch mussten mit hartem Kernkapital abgesichert werden. Nur so wäre es möglich, potenzielle Kursschwankungen auszugleichen. Die Banken waren befähigt, die Haircuts selbst auf die Positionen zu übertragen. Einfluss auf die Bewertung von Haircuts übten Credit Spreads und ein Anstieg des risikolosen Zinssatzes im Baseline- Scenario aus (vgl. ECB, 2011a, S. 4). Als Berechnungsgrundlage verwendete die EBA den Marktwert der Anleihe zum 31.12.2010 (vgl. Bafin, 2011).

Bei der Berücksichtung von Anlagebüchern war es notwendig die Folgen der makroökonomischen Szenarien auf die erwarteten PD, LGD, Kosten, Erlöse und Kreditverluste zu ermitteln. Überwachung und Kontrolle der Prognoseergebnisse erfolgte durch die zuständigen nationalen Aufsichtsbehörden (vgl. EBA, 2011a, S. 18).

Die Anlagebücher erforderten die Verwendung von statistischen Methoden (Sa- tellitenmodell) und verschiedenen Simulationstechniken (what if-Analysen), die einen Zusammenhang zwischen den makroökonomischen Variablen und den Bank- kennzahlen herstellten (vgl. EBA, 2011a, S. 19). Benchmarkparameter, die von der EZB formuliert wurden und den Banken als Referenzwerte zur Verfügung standen, erleichterten die Durchführung. Die Auswahl der Parameter konnte sich unterschei- den, je nach dem ob der Stresstest top-down oder bottom-up durchgeführt wurde. Große Kreditinstitute nutzten eigene interne Modelle und kleinere Banken wurden im Gegensatz dazu unter Berücksichtigung der Benchmarkparameter top-down gestresst (vgl. EBA, 2011a, S. 19).

Keine Haircuts wurden auf Staatsanleihen angewendet, die im Anlagebuch der Banken geführt wurden (vgl. EBA, 2011a, S. 24). Die Einflüsse der angenommenen Staatsschuldenkrise im Anlagebuch wurden durch Veränderungen der PDs und LGDs ermittelt. Die weiteren Kreditrisikokriterien im Anlagebuch der Banken mussten im Gegensatz zu den Haircuts auf Staatsanleihen erfasst werden. Es wurde bei der Berechnung zwischen dem IRB-Ansatz10 und dem Standardansatz differenziert. Beim IRB-Ansatz basieren die Berechnungen der Banken auf eigene Risikoparameter (Ratingsysteme), um den erwarteten und unerwarteten Verlust zu ermitteln. Banken die den Standardansatz in Anspruch nahmen, verwendeten externe Ratings zur Eigenkapitalbedarfsbestimmung (vgl. EBA, 2011b, S. 5).

Im Stresstest beschäftigte man sich außerdem mit Verbriefungen. Bei der Durch- führung der Untersuchung von Verbriefungen wurde zwischen traditionellen und synthetischen Verbriefungen unterschieden, für die ein signifikantes Risiko11 existiert (vgl. EBA, 2011a, S. 15). Die Behandlung der Positionen erfolgte durch potenzielle Ratingveränderungen (Herabstufungen). Man differenzierte bei der Einordung zwei verschiedene Gruppen: medium risk assets und high risk assets. Die Bonität des Schuldners, die Struktur der Transaktionen, Klasse der Verbriefungen und die regio- nalen Unterschiede waren entscheidend für die Einordnung. Die Zuordnung unter Berücksichtigung der Volatilität von Wertveränderungen erfolgte auf Grundlage historischer Daten. Je höher die Schwankung der Verbriefung war, desto höher war das Risiko. Die Banken verwendeten interne Verfahren zur Berechnung der risikogewichteten Aktiva-Kalkulation (notwendig für Hinterlegung der Positionen mit Eigenkapital), falls keine externen Ratings verfügbar waren. IRB-Banken, die interne Modell zur Berechnung heranzogen, mussten die zuständigen nationalen Aufsichtsbehörden davon überzeugen, dass die internen Verfahren die Verbriefungen unter Berücksichtigung der makroökonomischen Szenarien entsprechend gewichten (vgl. EBA, 2011a, S. 16).

Der Stresstest wirkte sich auf verschiedene Bereiche der Banken aus. Die Aktiv- und Passivposten, Gewinn und Verlust, Finanzmittel und risikogewichtete Aktiva der Bank unterlagen dem Stressszenario. Bei der Transformation von Makrovariablen kam es zu einer Erhöhung der risikogewichteten Aktiva (höhere Ausfallwahrschein- lichkeiten) und zu einer Reduzierung des Kapitals (höheren Wertberichtigungen). Die Erhöhung der risikogewichteten Aktiva und die durch Wertberichtigungen entstandenen Verluste mindern das Eigenkapital der Institute. Kennzahlen, die auf die Portfolios der Banken wirken, sind PD, LGD und EaD (vgl. EBA, 2011a, S. 18).

Das in Abbildung 2 dargestellte Modell zeigt vereinfacht, welche Schritte notwendig sind, bis Auswirkungen von externen Schocks in der Bilanz erfasst werden können.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Ablaufschema bei der Umsetzung von externen Schocks, in Anlehnung an (Cihak, 2007)

3 Kritische Diskussion der EBA-Ansätze

3.1 Definition von CT1 durch die EBA

Der Stresstest 2011 beruhte im Gegensatz zum vorherigen Test auf einer härte- ren Eigenkapitaldefinition. Als Verbesserung gegenüber dem Vorjahr mussten die Banken eine harte Kernkapitalquote (Core Tier 1 Ratio) von 5 Prozent und keine Kernkapitalquote (Tier 1 Ratio) von 6 Prozent erreichen (vgl. Ahmed et al., 2011). Das von der EBA definierte harte Kernkapital wurde unter Berücksichtigung von Basel III festgelegt. Basel III enthielt neue Eigenkapitalregeln. Das harte Kernka- pital besteht im Wesentlichen aus einbehaltenen Gewinnen, sonstigen Rücklagen und Aktienkapital (vgl. Basler Ausschuss für Bankenaufsicht, 2011). Es entspricht somit Eigenkapital bester Qualität (vgl. Ahmed et al., 2011). Die EBA griff bei ihrer Definition Regeln vor, die beispielsweise erst bis 2015 umgesetzt werden müssen. Die EBA verwendete somit eine Kapitaldefinition, die noch nicht gültig war. Vernachlässigt wurden auch Übergangsfristen, welche die Banken unter Basel III haben, um das harte Kernkapital (Core Tier-1) zu stärken und die geforderte Quote von 4,5 Prozent zu erreichen (vgl. Bundesbank, 2011). Die EBA definierte auch die harte Kernkapitalquote mit 5 Prozent um 0,5 Prozentpunkte höher als in Basel III. Die Core Tier-1-Kapitalquote berechnete sich aus folgendem Quotient (vgl. de la Lastra, 2012):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die risikogewichteten Aktiva ergeben sich aus dem Produkt des ausstehenden Betrags und dem dazugehörigen Risikogewicht, das von Ratings externer Institute abhängt (vgl. Wilkens et al., 2001). Kreditrisiko und Marktrisiko üben Einfluss auf die Höhe der risikogewichteten Aktiva in den Szenarien aus. Der Zähler zur Ermittlung der Core Tier-1-Quote besteht aus harten Kernkapital. Je mehr hartes Kernkapital eine Bank besitzt, desto größer wird der Zähler. Betrachtet man den Bruch steigt die harte Kernkapitalquote, da der Zähler größer wird und der Nenner angenommen gleich bleibt. Falls es durch das Stressszenario zu einem Anstieg risikogewichteter Aktiva kommt, wird der Nenner größer. Der daraus resultierende Quotient wird wertmäßig kleiner und somit sinkt die Core-Tier-1-Kapitalquote. Um die harte Kernkapitalquote auf dem gleichen Level zu halten, müsste die Bank mehr hartes Kernkapital zur Absicherung der risikogewichteten Anlagen vorhalten.

Für manche Banken zog diese Definition der EBA die Konsequenz des Scheiterns an der Fünf-Prozenthürde nach sich. Die Helaba12 nahm nicht am Stresstest teil, da sie nach Ansicht der EBA nicht über genügend hartes Kernkapital verfügte. Die Härtung der stillen Einlagen im Umfang von rund 1,92 Milliarden des Landes Hessens wurden nicht anerkannt (vgl. Helaba, 2011b). Die Helaba wertete stille Einlagen als Eigenkapital, da nach geltendem Recht die stillen Einlagen zum Eigenkapital zählen. Die EBA bezog sich wie bereits angesprochen auf die Eigenkapitalregeln von Basel III. Laut Basel III zählen stille Einlagen nur dann zum Eigenkapital, wenn sie in voller Höhe an einem möglichen Verlust teilnehmen (vgl. von der Hagen, 2011). Ohne die Anerkennung der stillen Einlagen als hartes Kernkapital hätte die Helaba nur eine harte Kernkapitalquote von 3,9 Prozent erreicht. Das harte Kernkapital betrug ohne Berücksichtigung der stillen Einlagen 2615 Millionen Euro und die risikogewichteteten Aktiva 67117 Millionen Euro. Bei der eigenen Berechnung des Stresstest durch die Helaba auf Basis der EBA-Vorgaben erreichte die Helaba eine harte Kernkapitalquote von 6,8 Prozent. Bei einer Quote von 6,8 Prozent würde die Zahlungsunfähigkeit erst eintreten, wenn 6,8 Prozent der risikogewichteten Aktiva ausfallen würden. Tritt dieser Fall ein wäre die Bank der Insolvenz nahe. Das harte Kernkapital steigt von 2615 Millionen Euro auf 4535 Millionen Euro, das heißt es verdoppelt sich nahezu. Somit stünde mehr hartes Kernkapital zur Absicherung der risikogewichten Aktiva zur Verfügung und die harte Kernkapitalquote würde steigen.

Abbildung 7 auf Seite 25 zeigt die Ergebnisse des EBA-Stresstests für die Helaba. Stille Einlagen stellen bei den deutschen Landesbanken eine Besonderheit dar. Bei Verlusten dienen sie als Sicherheit für mögliche Verluste. Die EBA erkannte diesen Teil des Eigenkapitals nur an, wenn sie in der Lage sind Verluste aus dem laufenden Geschäft aufzufangen (vgl. Helaba, 2011b).

[...]


1 Europäische Bankenaufsicht

2 Core Tier 1, hartes Kernkapital

3 Bruttoinlandsprodukt

4 European Systemic Risk Board

5 Committee of European Banking Supervisors

6 Aufgrund von vereinfachter Durchführbarkeit basierte der EBA- Stresstest auf der statischen Bilanz (vgl. EBA, 2011a, S. 16)

7 Probability of Default

8 Loss Given Default

9 Exposure at Default

10 Internal Ratings Based Approach

11 Definition signifikantes Risiko: 2006/48/EC Annex IX, Part 2

12 Landesbank Hessen-Thüringen

Details

Seiten
33
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668215061
ISBN (Buch)
9783668215078
Dateigröße
935 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v322051
Institution / Hochschule
Universität Regensburg
Note
1,7
Schlagworte
eba-stresstest eine analyse

Autor

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Titel: Der EBA-Stresstest von 2011. Eine kritische Analyse