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Die Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Begriffsdefinition, Ursachen und Erscheinungsbild

Akademische Arbeit 2003 19 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Psychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Begriffsklärung: Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörungen

2. Ursachen für die Entstehung von Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitäts-
störungen
2.1 Neurobiologische Faktoren
2.2 Psychosoziale Faktoren

3. Auftretenshäufigkeit und Geschlechterverteilung

4. Erscheinungsbild des aufmerksamkeitsgestörten und hyperaktiv-impulsiven
Kindes
4.1 Verhalten in der Schule
4.2 Folgeerscheinungen
4.3 Positive Seiten des ADHS-Kindes

Literaturverzeichnis:

In der folgenden Arbeit wird der Versuch unternommen, den Begriff der Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung zu definieren und die zugrunde liegenden Kriterien für eine Diagnose von ADHS anhand der Klassifikationsschemata DSM-IV und ICD-10 aufzuzeigen.

Im Anschluss daran soll die Ursachenfrage zur Entstehung des Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndroms aus heutiger Sicht der Wissenschaft diskutiert werden und es wird im weiteren Verlauf auf die Prävalenz und die Geschlechterverteilung bei ADHS eingegangen.

Im daran folgenden Abschnitt soll abschließend das Erscheinungsbild eines aufmerksamkeitsgestörten und/oder hyperaktiv-impulsiven Kindes dargestellt werden, wobei die Betrachtungsweise sich primär auf das Verhalten dieser Kinder in der Schule richtet.

1. Begriffsklärung: Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörungen

Lauth, Schlottke & Naumann (2001) geben folgende Definition von Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörungen: „Mit ‚aufmerksamkeitsgestört/ überaktiv’ bezeichnet man das Verhalten von Kindern, die deutlich ablenkbarer, unbedachter, voreiliger und unruhiger sind als andere Kinder“ (Lauth, Schlottke & Naumann, 2001, 13).

Der Begriff der Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung stammt ursprünglich von der American Psychatric Association (APA) und hat ältere Begriffe wie „Minimale Cerebrale Dysfunktion“ oder „Hyperkinese“ abgelöst, da diese unzutreffend erschienen. Es war entweder eine Ursache unterstellt worden, die durch die Forschung nicht bestätigt werden konnte oder aber ein Störungsaspekt, wie das hyperkinetische Verhalten bei der Hyperkinese, wurde zu sehr fokussiert, wo hingegen andere Auffälligkeiten wie Unaufmerksamkeit ganz außer Acht gelassen worden sind (vgl. Lauth, Schlottke & Naumann, 2001, 15).

Die APA nimmt bei ihrer Definition eine weitere Differenzierung vor: Sie unterscheidet Aufmerksamkeitsdefizitstörungen mit und ohne Hyperaktivität, die mittels der Verhaltenssymptomliste des „Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-IV)“ diagnostiziert werden können. Bei dem DSM-IV handelt es sich um ein Diagnoseschema, welches in drei Bereiche unterteilt ist und die Kardinalsymptome der Störung getrennt voneinander erhebt. Diese sind Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität.

Ein Kind wird dann als aufmerksamkeitsgestört eingestuft, wenn mindestens sechs Aussagen zum Verhalten im Bereich der Unaufmerksamkeit mit „ja“ beantwortet werden können. Eine ebensolche Verfahrensweise trifft für die Erfassung des hyperaktiv-impulsiven Verhaltens zu, bei dem ebenfalls sechs Aussagen bejaht werden müssen, um eine Diagnose stellen zu können (vgl. Lauth & Schlottke 2002, 83f).

Des Weiteren müssen bei der Diagnose von ADHS folgende Kriterien obligatorisch eingehalten werden:

1) Das jetzige Verhalten des Kindes ist seit mindestens sechs Monaten nicht mit dem Entwicklungsstand zu vereinbaren und wird als unangemessen beurteilt.
2) Die Beeinträchtigungen, die das Kind durch diese Symptome erfährt, äußern sich in zwei oder mehr Lebensbereichen (wie Schule, zu Hause, in der Freizeit).
3) Symptome von Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität müssen bereits vor dem 7. Lebensjahr beobachtbar gewesen sein.
4) Es bestehen klinisch bedeutsame Einbußen in sozialen, schulischen und beruflichen Bereichen (vgl. Döpfner, Schürmann & Frölich 2002, 14f).

Für die Auswertung stellt das DSM-IV verschiedene Subtypen zur Klassifikation bereit:

(1) Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung als Mischtyp:

Es werden sowohl genügend Anzeichen von Unaufmerksamkeit als auch von Hyperaktivität-Impulsivität beobachtet.

(2) Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung bei vorherrschender Unaufmerksamkeit:

Eine Störung der Aufmerksamkeit liegt vor. Hyperaktives und impulsives Verhalten konnte nicht verzeichnet werden.

(3) Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung bei vorherrschender Hyperaktivität-Impulsivität:

Hyperaktive-impulsive Verhaltensmerkmale wurden festgestellt. Das unaufmerksame Verhalten ist nicht als kritisch zu bewerten.

Zusätzlich führt das Diagnoseschema DSM-IV zwei alternative Klassifikationstypen, falls eine vorherige Einordnung nicht möglich war:

(4) Teilremittierte Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung:

Insbesondere Jugendlichen und Erwachsenen ist diese Kategorie zugedacht. Sie weisen zwar noch die Symptome auf, erfüllen jedoch die anderen Kriterien nicht.

(5) Nicht näher bezeichnete Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung:

In dieser Kategorie zeigen die Betroffenen zwar deutliche Anzeichen eines unaufmerksamen und/oder hyperaktiv-impulsiven Verhaltens, erreichen aber die laut DSM-IV vorgeschriebene Anzahl an Symptomen nicht (vgl. Lauth & Schlottke 2002, 16ff).

Die folgende Aufstellung 1 verdeutlicht die Symptom-Kriterien der Kardinalsymptome Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität nach dem Diagnoseschema DSM-IV.

Aufstellung 1: Symptom-Kriterien bei Störungen der Aufmerksamkeit, der Aktivität und des Sozialverhaltens nach DSM-IV

Unaufmerksamkeit

a. beachtet häufig Einzelheiten nicht oder macht Flüchtigkeitsfehler bei den Schularbeiten, bei der Arbeit oder bei anderen Tätigkeiten,
b. hat oft Schwierigkeiten, längere Zeit die Aufmerksamkeit bei Aufgaben oder beim Spielen aufrechtzuerhalten,
c. scheint häufig nicht zuzuhören, wenn andere ihn/sie ansprechen,
d. führt häufig Anweisungen anderer nicht vollständig durch und kann Schularbeiten, andere Arbeiten oder Pflichten am Arbeitsplatz nicht zu Ende bringen (nicht aufgrund oppositionellen Verhaltens oder Verständnisschwierigkeiten),
e. hat häufig Schwierigkeiten, Aufgaben und Aktivitäten zu organisieren,
f. vermeidet häufig, hat eine Abneigung gegen oder beschäftigt sich häufig nur widerwillig mit Aufgaben, die länger andauernde geistige Anstrengungen erfordern (wie Mitarbeit im Unterricht oder Hausaufgaben),
g. verliert häufig Gegenstände, die für Aufgaben oder Aktivitäten benötigt werden (z.B. Spielsachen, Hausaufgabenhefte, Stifte, Bücher oder Werkzeug),
h. läßt sich oft durch äußere Reize leicht ablenken,
i. ist bei Alltagstätigkeiten vergesslich;

Hyperaktivität

a. zappelt häufig mit Händen oder Füßen oder rutscht auf dem Stuhl herum,
b. steht in der Klasse oder in anderen Situationen, in denen Sitzenbleiben erwartet wird, häufig auf,
c. läuft häufig herum oder klettert exzessiv in Situationen, in denen dies unpassend ist (bei Jugendlichen oder Erwachsenen kann dies auf ein subjektives Unruhegefühl beschränkt bleiben),
d. hat häufig Schwierigkeiten, ruhig zu spielen oder sich mit Freizeitaktivitäten ruhig zu beschäftigen,
e. ist häufig „auf Achse“ oder handelt oftmals, als wäre er/sie „getrieben“,
f. redet häufig übermäßig viel;

Impulsivität

g. platzt häufig mit den Antworten heraus, bevor die Frage zu Ende gestellt ist,
h. kann nur schwer warten, bis er/sie an der Reihe ist,
i. unterbricht und stört andere häufig (platzt z.B. in Gespräche oder Spiele anderer hinein).

(entnommen aus Saß, Wittchen, Zaudig & Houben 1998, 62f)

Als weiteres Klassifikationsschema ist die „International Classification of Diseases“, kurz ICD-10, der Weltgesundheitsorganisation zu nennen. Ein wesentlicher Unterschied zum DSM-IV liegt in der Begriffsfindung. Während das DSM–IV von einer „Aufmerksamkeitsdefizit- und/oder Hyperaktivitätsstörung“ spricht, lautet die Bezeichnung der ICD-10 „hyperkinetische Störung“, welche aber ebenfalls die Hauptmerkmale Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität erfasst. Analog zur Verhaltenssymptomliste des DSM-IV werden auch hier Aussagen zum Verhalten der Kinder aufgelistet, welche den Kardinalsymptomen zugeordnet sind (vgl. Döpfner, Frölich & Lehmkuhl 2000a, 2). Bis auf wenige Ausnahmen gehen beide Klassifikationssysteme konform. Erst in der abschließenden Auswertung ergeben sich deutliche Unterschiede:

Für die Diagnose einer „einfachen Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung“ müssen im Sinne der ICD-10 sowohl 6 von 9 Symptomkriterien der Unaufmerksamkeit als auch 4 von 9 Merkmalen von Hyperaktivität-Impulsivität in mindestens zwei Lebensbereichen aufgetreten sein. Dies bedeutet für die Auswertung, dass mit der ICD-10 nur Aufmerksamkeitsstörungen, die mit einer Hyperaktivität und Impulsivität einhergehen, diagnostiziert werden können. Tritt weiterhin eine Störung des Sozialverhaltens auf, erfolgt laut ICD-10 die zusätzliche Kategorisierung „hyperkinetische Störung des Sozialverhaltens“. Döpfner, Schürmann & Frölich (2002) plädieren daher für die Anwendung des DSM-IV, da hiermit präzisere Einordnungen möglich sind (vgl. Döpfner, Schürmann & Frölich 2002, 15ff).

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Details

Seiten
19
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783668208124
ISBN (Buch)
9783668209473
Dateigröße
519 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v322026
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Heilpädagogische Psychologie
Note
1,3
Schlagworte
aufmerksamkeitsdefizit- hyperaktivitätsstörung adhs begriffsdefinition ursachen erscheinungsbild

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Titel: Die Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Begriffsdefinition, Ursachen und Erscheinungsbild