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Die Rolle der Eltern - Kind - Interaktion in Bezug auf die Entwicklung von Risikokindern

von David Wieblitz (Autor) Maximilian Mühlenweg (Autor)

Seminararbeit 2004 25 Seiten

Psychologie - Entwicklungspsychologie

Leseprobe

Inhalt

1. Hinführung
1.1. Stellenwert des Themas

2. Risikoerhöhende Bedingungen
2.1. Klassifizierung von risikoerhöhenden Faktoren
2.2. Formen von Risikobedingungen
2.3. Die Bindungstheorie
2.4. Verhaltensprobleme auf Seiten der Mutter
2.4.1. Depression der Mutter
2.4.2. Trennung in der Familie
2.4.3. Mutterschaft im Jugendalter
2.5. Verhaltensprobleme auf Seiten des Kindes
2.5.1. Hyperaktivität
2.5.2. Fütterprobleme und Gedeihstörungen
2.6. Interventionen

3. Risikomildernde Bedingungen

4. Wechselwirkung zwischen risikoerhöhenden und -mildernden Faktoren

5. Reflexive Kompetenz
5.1. Mutter-Kind-Interaktion als Grundlage für den Erwerb von reflexiver 18 Kompetenz

6. Fazit

7. Quellenverzeichnis

1. Hinführung

Im Rahmen des Seminars „Entwicklungspsychologie der frühen Kindheit“ im Sommersemester 2004 unter der Leitung von Frau Dr. Helbing-Tietze wurde unter Anderem das Thema „Risiken in der frühkindlichen Entwicklung“ behandelt.

Unser Interesse für diese Thematik wurde bereit im Seminar geweckt, da wir wenig Vorwissen darüber besitzen. Besonders für uns als zukünftige Lehrer sind Kenntnisse der Ursprünge kindlicher Entwicklung eine große Hilfe, um durch deren Reflexion konkretes Verhalten einzelner Schüler nachzuvollziehen. In der jüngeren Entwicklungspsychologie hat sich der Stellenwert der frühen Kindheit und deren Auswirkung auf das ganze Leben des Menschen erhöht. Dabei richtet sich der Fokus auf die ersten drei Jahre der menschlichen Entwicklung.

Innerhalb dieser frühen Phase ist das Kind auf eine primäre Bezugsperson – meistens die Mutter - angewiesen. Erst durch die Interaktion mit ihr werden die Grundlagen für das spätere Leben geschaffen.

Die sensible Mutter-Kind-Interaktion jedoch ist zahlreichen Risiken ausgesetzt, deren Auswirkungen sich im weiteren Lebensverlauf potenzieren können.

Aufgrund dieser Relevanz haben wir uns für dieses Thema entschieden.

Inwiefern wirken sich Risikofaktoren auf die frühe Entwicklung des Kindes aus?

Zunächst werden wir die risikoerhöhenden Faktoren, sowie die Formen von Risikobedingungen – gewissermaßen die Vorbedingungen - nennen.

Wir werden näher auf die Interaktion zwischen Mutter und Kind eingehen und die Bindungstheorie darstellen – somit einen Seminarbezug herstellen. Anschließend beschreiben wir Risikobedingungen – Verhaltensprobleme, die die Mutter-Kind-Interaktion beeinträchtigen. Zum Einen die Probleme seitens der Mutter, zum Anderen die Probleme auf Seiten des Kindes.

Danach werden wir auf risikoerhöhende sowie risikomildernde Bedingungen – immer im Fokus der Eltern-Kind-Interaktion – eingehen. Darauf folgend stellen wir Interventionsmöglichkeiten dar.

Schließlich möchten wir anhand der Reflexiven Kompetenz aufzeigen, in wie weit die Mutter-Kind-Interaktion für den Erwerb von lebensnotwendigen Qualifikationen bedeutsam ist. Im Fazit möchten wir an Hand unserer Überlegungen auf die Ausgangsfrage zurückkommen.

Als Grundlage für unsere Arbeit dient „Risiken in der frühkindlichen Entwicklung“ von F. Petermann, K. Niebank und H. Scheithauer.

1.1. Stellenwert des Themas

Die ersten drei Entwicklungsjahre im Leben eines Menschen sind von besonders prägender Bedeutung. In dieser Zeit finden viele schnell aufeinander folgende Entwicklungsschritte statt.

Schon ein verspäteter oder verpasster Entwicklungsschritt kann ungeahnt schwerwiegende Folgen nach sich ziehen. Ist doch jeder kleine Entwicklungsfortschritt ein weiterer Baustein in dem Gebilde, auf dem alle weitere Persönlichkeitsausbildung und Entwicklung fußt.

Das Kleinkind zeigt um die zweite Hälfte des ersten Lebensjahres eine Anzahl von Verhaltensweisen, die darauf hindeuten, dass man allmählich von Beziehung reden kann. Es reagiert auf Fremde anders als auf vertraute Personen. Das Kleinkind beginnt seine innere Repräsentanz der primären Bezugspersonen zu festigen.[1] Umso schlimmer stellt es sich für ein Kind dar, wenn seine Umgebung (in Gestalt der primären Bezugs- und Interaktionspersonen – Mutter und Vater) sich entwicklungshemmend auswirkt.

Die Mutter-Kind-Interaktion in den frühkindlichen Jahren hat darum eine Sonderrolle. Sie prägt das ganze Leben des Menschen.

2. Risikoerhöhende Bedingungen

Innerhalb der ersten drei Lebensjahre kann eine Vielzahl von Faktoren zu einer fehlgeleiteten Entwicklung beitragen. Dabei differenziert man auf zwei Arten: Zunächst in den Typus des Risikofaktors (Wo tritt ein Risiko auf?), wie auch in den ‚Grad’ eines Faktors. (In welcher Form (Intensität) tritt ein Faktor auf?).

2.1. Klassifizierung von risikoerhöhenden Faktoren

Grundsätzlich unterscheidet man in der Entwicklungspsychologie zwischen drei risikoerhöhenden Faktoren: Biologische, Familiäre und Soziale sowie Faktoren innerhalb der Eltern-Kind-Interaktion.

Unter biologischen Faktoren versteht man unter anderem ein negatives mütterliches Ernährungsverhalten (unbewusste Ernährung, Mangel an lebenswichtigen Nährstoffen und Vitaminen) und Substanzkonsum (Einnahme von Drogen z.B. Alkohol oder Nikotin).

Des Weiteren untergliedert man die Entwicklungsphasen des Kindes in prä-, peri- und postnatale Faktoren. (z.B. Fehlverhalten der Mutter während der Schwangerschaft, Geburtskomplikationen, physische Probleme des Kleinkindes). Auch die Beschaffenheit des Temperaments wird in diese Kategorie eingeordnet. Insgesamt werden biologische Faktoren auch als Primäre Faktoren - gleichbedeutend mit solchen auf Seiten des Kindes bezeichnet.

Im Gegensatz dazu stehen die Sekundären – umgebungsbezogenen, familiären und sozialen Faktoren. Zu dieser Klasse zählen unter anderem Konflikte der Eltern, Erziehungsverhalten der Eltern sowie Gewalt und Misshandlungen im Elternhaus. Zudem ist in diese Kategorie auch ein niedriger, sozioökonomischer Status des Elternhauses oder sehr junges Lebensalter der Erziehenden anzusiedeln.

Die Faktoren innerhalb der Eltern–Kind-Interaktion stellen eine Verknüpfung der beiden oben genannten „Ebenen“ her. Denn auch in der Auseinandersetzung mit seiner Umgebung entwickeln sich für das einzelne Kind diverse risikoerhöhende Bedingungen. Darunter zählen folgende Beispiele. Das Bindungsverhalten zwischen Eltern und Kind, ein negatives Pflegeverhalten von Seiten der Erziehenden oder psychische Störungen der Eltern.

Hinzuzufügen ist eine grundlegende Unterscheidung in primäre und sekundäre Vulnerabilitätsfaktoren (Wie stark kann die Entwicklung eines Kindes ungünstig beeinflusst werden?[2]). Die Primären sind ausschließlich die vom Kind mitgebrachten Eigenschaften – die biologischen Faktoren. Zu den Sekundären Faktoren zählt man die beiden Letztgenannten.[3]

2.2. Formen von Risikobedingungen

Die Formen von Risikobedingungen sind in sich verschieden einstufbar: So gibt es zunächst strukturelle Faktoren – fixe, unveränderbare Marker (Geschlecht des Kindes, sozioökonomischer Hintergrund des Kindes, o.ä.). Anhand der fixen Marker lassen sich Personen mit einem bestimmten Risiko näher bestimmen und identifizieren.

Da es unveränderbare Risikofaktoren gibt, muss es natürlich auch Veränderbare geben (Gewicht oder Alter). Diese variablen Faktoren werden unterschieden in solche, die zu einer unmittelbaren Veränderung führen (diskrete Faktoren) und solche, die den gesamten Lebensverlauf beeinflussen und in Ausmaß und Wirkung variieren (kontinuierliche Faktoren). So gilt beispielsweise ein einschneidendes Lebensereignis als diskreter Faktor, während die sich über einen langen Zeitraum erstreckende variabel entwickelnde Eltern-Kind-Bindung ein kontinuierlicher Faktor ist.

Insbesondere für gezielte Interventionsmaßnahmen sind variable Faktoren von Bedeutung.

Hinzu kommen sog. proximale Faktoren – welche direkt mit einem Outcome verknüpft sind. Als Outcome werden die Folgen und Störungen bezeichnet, wie das Kleinkind auf bestimmte Risikobedingungen (z.B. bestrafender Erziehungsstil) reagiert. Proximale Faktoren sind näher umschreibbar. Sie wirken sich direkt auf die Entwicklung des Kindes aus.

Im Gegensatz dazu sind distale Faktoren `grobe´ Kategorien – z.B. der niedrige sozioökonomische Status einer Familie. Genaue Verknüpfungen mit einem Outcome (psychische Störungen) sind nicht ermittelbar.[4]

2.3. Die Bindungstheorie

In der Bindungstheorie wird die Art der Bindung zwischen Mutter und Kind beschrieben. Innerhalb des Seminars war die Bindungstheorie von großer Bedeutung, weshalb wir auch in diesem Rahmen darauf Bezug nehmen möchten.

Man unterscheidet zwischen drei verschiedenen Bindungsmustern. Sie werden in der Interaktion zwischen Kind und primärer Bezugsperson etabliert und im späteren Leben auf andere Personen übertragen.

Zunächst existiert der Typ A, der ‚ängstlich-vermeidende’ Bindungstyp. Hierbei handelt es sich um Kinder, die von ihrer Mutter ständig zurückgewiesen werden. Jede körperliche oder verbale Beziehung zum Kind wird von der Mutter vermieden. Bei Annäherungsversuchen hat das Kind Ablehnung erfahren und konnte so kein Vertrauen aufbauen. Kinder, die auf eine solche Weise aufwachsen mussten, verhalten sich der Mutter und damit auch anderen Personen gegenüber abweisend und kontaktvermeidend. Auch sind sie oft aggressiv und haben große Schwierigkeiten, Liebe oder Fürsorge aufzubauen.

Der Typ B ist der ‚ sicher-gebundene’ Typ. Die Mutter eines solchen Kindes war immer liebevoll verfügbar und besitzt ein hohes Einfühlungsvermögen. Sie hat dem Kind viele sichernde Erfahrungen vermittelt. Das bedeutet, es besitzt einen stabilisierenden Background, welcher die Voraussetzung dafür ist, dass das Kind offen und fähig ist, seine Umwelt selbstständig kennen zu lernen und zu erkunden.

Schließlich gibt es noch den Typ C oder den ‚ ängstlich-ambivalenten’ Typ. Kinder diesen Typs haben die Erfahrung gemacht, dass ihnen die Mutter nur eingeschränkt zur Verfügung steht. Sie stand ihnen nur in bestimmten Lebenssituationen oder für einen eingeschränkten Lebensabschnitt zur Seite. Das Kind kann nur eingeschränkt Vertrauen aufbauen und es besitzt ein unzureichendes geistig-physisches Gleichgewicht (Homöostase). Ihrer Mutter begegnen betroffene Kinder mit Ärger und widersetzen sich einer Annäherung.[5]

Dieser kurze Vergleich zwischen den drei häufigsten Bindungstypen zeigt, wie wichtig eine sicher-verlässliche Bezugsperson für das Kleinkind ist. Falls diese Grundvoraussetzung nicht gegeben ist, wird das ganze Leben des betroffenen Menschen in Form von u.a. schweren psychischen Störungen beeinträchtigt.

2.4. Verhaltensprobleme auf Seiten der Eltern

Wir möchten im Folgenden beispielhaft zwei Risikobedingungen, die auf Seiten der Eltern auftreten können, näher beschreiben. Wir betrachten dabei besonders die Veränderungen in der Interaktion zum Kind.

2.4.1. Depression der Mutter

Eine der herausragendsten affektiven Störungen der Mutter und damit Interaktionsstörung für das Verhältnis zum Kind sind Depressionen der Mutter.

Anhand vielfältiger methodischer Untersuchungen ist überprüft worden, inwieweit die Depressionen einer Mutter den Säugling beeinflussen.[6]

Zunächst wirkt sich eine Depression pränatal auf den Embryo aus. Während der Schwangerschaft einer depressiven Mutter erhöht sich das Risiko einer Folgebelastung für den Embryo.

[...]


[1] Mutter und Kind – Die erste Beziehung, S. 117ff.

[2] Petermann, F./ Niebank, K./ Scheithauer, H., (Risiken in der frühkindlichen Entwicklung.) S. 78.

Im Folgenden werden Quellen aus diesem Buch lediglich durch Seitenzahlen gekennzeichnet.

[3] Zeanah, Boris und Larrieu, 1997.

[4] Kazdin u.a. 1997.; Kraemer u.a. 1997

[5] vgl. Seminarunterlagen der Sitzung vom 26.05.2004

[6] Field 1998, Weinberg und Tronick 1996.

Details

Seiten
25
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638329750
ISBN (Buch)
9783638651752
Dateigröße
538 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v32197
Institution / Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Note
1
Schlagworte
Rolle Eltern Kind Interaktion Bezug Entwicklung Risikokindern Proseminar

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