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Geschichtsunterricht vor Ort. Warum Museumsbesuche sinnvoll sind

Hausarbeit 2016 15 Seiten

Didaktik - Geschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Historische Kompetenzen und Kompetenzmodelle
2.1. Historische Kompetenzen im österreichischen AHS-Oberstufen-Lehrplan

3. Geschichtsvermittlung an außerschulischen Lernorten
3.1. Geschichte im Unterricht entdecken
3.2. Museum neu denken
3.3. Bespiel: „Leben wie ein Fürst“ auf Schloss Ambras

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis
5.1. Sekundärliteratur
5.2. Internetressourcen

1. Einleitung

„Der nicht-professionelle Betrachter […] trägt oft nicht mehr als ungefähre Eindrücke und pauschale Vorstellungen nach Hause und mag sich, wenn es hochkommt, von der schwer auf den Begriff zu bringenden Aura des Historischen angerührt fühlen.“1

Wenn man diese Zeilen des deutschen Geschichtsdidaktikers Joachim Rohlfes in Bezug auf Museumsbesuche in der Freizeit aber auch im schulischen Kontext liest, kommt im ersten Moment die Frage auf, welchen Sinn denn dann der Besuch eines Museums als Laie bzw. mit einer Schulklasse hat? Gerade in der Schule, wo Stunden eingespart werden und die Lehrpersonen unter anderem durch die Zentralmatura unter Druck stehen, den Stoff des Lehrplans durchzubringen, muss abgewogen werden, wie sinnvoll ein Ausflug in dieses oder jenes Museum ist und welchen Mehrwert die Schülerinnen und Schüler davon haben.

In der folgenden Arbeit soll nun verdeutlicht werden, dass gerade im Geschichtsunterricht Exkursionen an außerschulische Lernorte, hier v.a. in Museen, unerlässlich für das Bilden von Geschichtsbewusstsein sind. Es soll geklärt werden, welche Hürden bzw. Aufgaben die Lehrpersonen zu meistern haben, wenn ein Museumsbesuch wirklich Früchte tragen soll, aber auch, was die Museen selbst dazu beitragen müssen bzw. können. Außerdem wird herausgearbeitet inwieweit Museumsbesuche in das Konzept der Kompetenzorientierung passen bzw. ob und wenn ja, welche historischen Kompetenzen bei einem Museumsbesuch verstärkt geschult werden.

Um diese Punkte aber problemloser bearbeiten zu können, wird hier zuerst erläutert, was Kompetenzen im Allgemeinen sind und welches Kompetenzmodell in Bezug auf Geschichtsunterricht in Österreich am einschlägigsten ist. Überdies wird in aller Kürze untersucht, wo und wie die Kompetenzorientierung des Geschichtsunterrichts im österreichischen AHS-Oberstufen-Lehrplan verankert ist.

2. Historische Kompetenzen und Kompetenzmodelle

Seit mehreren Jahren werden jene Stimmen immer lauter, die kompetenzorientierten Unterricht fordern. Sie stellen an Unterricht im Allgemeinen, aber auch an Geschichtsunterricht im Speziellen, den Anspruch, kein reines Faktenwissen mehr zu vermitteln, sondern Kompetenzen zu schulen, welche es den Schülerinnen und Schülern ermöglichen, Gelerntes auch außerhalb der Schule, in neuen Kontexten anzuwenden. Untersuchungen haben nämlich gezeigt, dass (viele, aber natürlich nicht alle) Schülerinnen und Schüler zwar sehr wohl über bestimmtes Wissen verfügen, sowie grundlegende Fertigkeiten besitzen, weder das eine noch das andere aber in neuen Situationen (richtig) anwenden können.2

Um aber kompetenzorientierten Unterricht richtig und gekonnt planen zu können bzw. Lehrpläne in Richtung Kompetenzorientierung umformulieren und umstrukturieren zu können, musste zunächst eine Definition des Kompetenzbegriffes gefunden werden. Hier konnte sich v.a. der Kompetenzbegriff nach Weinert durchsetzen. Dieser sieht Kompetenzen als

„… die bei Individuen verfügbaren oder durch sie erlernbaren kognitiven Fähigkeiten und Fertigkeiten, um bestimmte Probleme zu lösen, sowie die damit verbundenen motivationalen, volitionalen und sozialen Bereitschaften und Fähigkeiten, um die Problemlösungen in variablen Situationen erfolgreich und verantwortungsvoll nutzen zu können.“3

Unter Kompetenzen versteht man also die Möglichkeit, eine Situation bewältigen zu können. Die deutsche Erziehung- und Bildungswissenschaftlerin Ursula Carle meint hierbei, dass ein Zusammenhang zwischen einem zu lösenden Problem oder einer Anforderungssituation und den verfügbaren Ressourcen hergestellt werden muss, um eine Situation bewältigen zu können. Ihrer Meinung nach können

„… Kompetenzen […] in unterschiedlichen Anforderungssituationen konstruiert und aktiviert werden, indem das Individuum seine Ressourcenausstattung kombiniert und mobilisiert. […] Ressourcen sind: Temperament, Begabung, kulturspezifische Erfahrungen, Interessen, Motive, implizites und explizites Wissen, Fakten- bzw. lexikalisches Wissen, Fertigkeiten, Erfahrung in ähnlichen Situationen, physische Ressourcen (z.B. Kraft, Schnelligkeit, Geschicklichkeit), soziale Ressourcen, Zugänge zu Wissen und Erfahrung.“4

Eine wichtige Voraussetzung für konstruktiven, kompetenzorientierten Unterricht ist also, dass die Lehrperson die Ressourcen, welche es in einer Klasse gibt, kennt, und weiß, was die Schülerinnen und Schüler in den Unterricht mitbringen bzw. wo noch Förderbedarf besteht.5 Der deutsche Bildungsforscher Eckhard Klieme, welcher den Kompetenzbegriff im Rahmen des Konzepts der Bildungsstandards benutzt, ordnet Kompetenzen zusätzlich verschiedenen Domänen zu. Ihm zufolge sind Kompetenzen also domänenspezifisch und existieren nicht isoliert, sie müssen einem Bereich entsprechend zugeordnet werden. So ist ein Kompetenzmodell seiner Meinung nach „… [der] Kern des Wissens und Könnens in einer ‚Domäne‘, das […] in sinnvollen Lernschritten aufgebaut wird.“6 Hierbei muss man aber speziell in Bezug auf die Bildungsstandards vorsichtig sein. Viele der „Kompetenzbeschreibungen“, welche in den veröffentlichten Standards für schulischen Unterricht zu finden sind, gelten im umfassenderen Sinn gar nicht als Kompetenzen, vielmehr sind diese „Kann-Beschreibungen“ Teilkompetenzen oder „skills“. Diese „skills“ sind keineswegs unwichtig für den Kompetenzaufbau, dennoch ergeben sie meist erst zusammengefasst als Bündel wirklich Kompetenzen.7

Eines der zentralen Kompetenzmodelle, auf welches sich die Geschichtsdidaktik in Österreich stützt, ist jenes der FUER-Gruppe. Dieses Modell scheint alle bereits genannten Punkte zu berücksichtigen. So sieht es die „historische Kompetenz“ als die Gesamtheit mehrerer verschiedener Grundkompetenzen, genauer gesagt vier.8 So setzt sich der FUER-Gruppe zu Folge die „historische Kompetenz“ aus der „historischen Fragekompetenz“, der „historischen Sachkompetenz“, der „historischen Orientierungskompetenz“ und der „historischen Methodenkompetenz“ zusammen.9

2.1. Historische Kompetenzen im österreichischen AHS-Oberstufen- Lehrplan

Diese Kompetenzen sind im österreichischen AHS-Oberstufen-Lehrplan vermehrt implizit verankert. Speziell die Orientierungskompetenz tritt häufig in impliziter Form auf. Bei den „Bildungs- und Lehraufgaben“ lässt sich diese bereits im zweiten Absatz festhalten, zumal hier „… zu[r] Geschichte, Gegenwart und politischer Struktur Österreichs ausreichende Bezüge herzustellen“10 sind. Auch im nächsten Paragraphen wird die Lehrperson zur Schulung der Orientierungskompetenz angehalten, so soll die „… Identitätsbildung, die für die Entwicklung eines europäischen Selbstverständnisses der Schülerinnen und Schüler notwendig ist“11, gefördert werden. Ferner findet man diese Kompetenz auch noch in den „Didaktischen Grundsätzen“, wobei unterstrichen wird, dass in den verschiedenen Themenbereichen Gegenwartsbezüge hergestellt werden sollen.12

Im Gegensatz zur Orientierungskompetenz werden speziell die Sach- und Methodenkompetenz explizit erwähnt. Der stark handlungsorientierte Lehrplan hält unter anderem eben diese beiden Kompetenzen für wichtig, wenn es um den Erwerb von demokratischer Handlungskompetenz geht. Dies wird zum einen wieder im Punkt „Bildungs- und Lehraufgaben“ festgehalten, zum anderen in den „Didaktischen Grundsätzen“ vermerkt.13

3. Geschichtsvermittlung an außerschulischen Lernorten

Bereits am Ende der 1970er Jahre begannen neue Diskussionen um historisches Lernen an Lernorten außerhalb des Schulgebäudes und seit Mitte 1990er Jahre erfährt die Didaktik und Methodik des historischen Lernens unter dem Schlagwort „Geschichte vor Ort“ eine gewisse Konjunktur. So spricht der deutsche Historiker Bernd Hey von Exkursionen als „Organisationsform des historisch-politischen Unterrichts, die ein bestimmtes Thema durch die Arbeit an und mit (möglichst) originellen historischen Zeugnissen außerhalb der Schule erschließt“14. Des Weiteren charakterisiert Hey Lernorte nach ihrer Lage innerhalb oder außerhalb der Schule, somit zählen sog. historische Stätten, Museen und Archive zu den außerschulischen Lernorten.

[...]


1 Joachim Rohlfes, Geschichte und ihre Didaktik, Göttingen 1997, S. 305.

2 Kerstin Tschekan, Kompetenzorientiert unterrichten. Eine Didaktik, Berlin 2011, S. 45.

3 Franz Emanuel Weinert, zit. n. ebd., 46.; Franz Emanuel Weinert, zit. n. Werner Heil, Kompetenzorientierter Geschichtsunterricht (Geschichte im Unterricht), Stuttgart 2010, S. 10.; Franz Emanuel Weinert, zit. n. Waltraud Schreiber, Zum Verhältnis zwischen Wissen und Kompetenzen. Ein Essay, in: Historisches Wissen. Geschichtsdidaktische Erkundung zu Art, Tiefe und Umfang für das historische Lernen (Forum Historisches Lernen), hrsg. von Christoph Kühberger, Schwalbch 2012, S. 119.

4 Ursula Carle, zit. n. Tschekan, Eine Didaktik, S. 46.

5 Gerhard Ziener/Mathias Kessler, Kompetenzorientiert unterrichten - mit Methoden. Methoden entdecken, verändern, erfinden (Unterrichtsentwicklung und Unterrichtsqualität), Seelze 2012, S. 20.

6 Heil, Geschichtsunterricht, S. 12f.

7 Ziener/Kessler, Kompetenzorientier unterrichten, S. 24.

8 Heil, Geschichtsunterricht, S. 43.

9 Ebd., S. 44f.: „Hist. Fragekompetenz“: Fähigkeit, Fragen an Vergangenheit zu stellen, Fragen zu erkennen und zu verstehen, die hist. Narrationen behandeln bzw. von anderen Personen gestellt werden; „Hist. Sachkompetenz“: wird in eine Begriffs- und eine Strukturierungskompetenz eingeteilt, ersteres umfasst die Kenntnis fachspezifischer Begriffe und dahinter stehender Konzepte, zweites beinhaltet die Fähigkeit, bestimmte Domänen zu systematisieren und die dafür notwendigen Begriffe auf verschiedenen Abstraktionsniveaus einsetzen zu können; „Hist. Orientierungskompetenz“: umfasst vier Kernkompetenzbereiche, Fähigkeit und Bereitschaft umzudenken, die neuen Einsichten aufzunehmen und anzuwenden, das Verstehen des Fremden in der Gegenwart und Vergangenheit, dann das Verstehen der eigenen Person, der Identität und die Kompetenz zur Reflexion und Erweiterung der Handlungsdisposition; „Hist. Methodenkompetenz“: umfasst die zwei Kernbereiche historischen Denkens, die Operation der Re- und Dekonstruktion, Fähigkeit und Fertigkeit, hist. Narrationen zu entwickeln bzw. vorhandene in ihrer Struktur zu erfassen;

10 BMBF, Geschichte Sozialkunde/Politische Bildung, 13.07.2015, [https://www.bmbf.gv.at/schulen/unterricht/lp/lp_neu_ahs_05_11857.pdf?4dzgm2], eingesehen am 21.02.2016, S. 1.

11 Ebd.

12 Ebd., S. 2.

13 Ebd., 1, 3.

14 Bernd Hey, zit. n. Ulrich Mayer, Historische Orte als Lernorte, in: Handbuch Methoden im Geschichtsunterricht. Klaus Bergmann zum Gedächtnis (Forum Historisches Lernen), Schwalbach 2013, S. 389.

Details

Seiten
15
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668210752
ISBN (Buch)
9783668210769
Dateigröße
704 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v321720
Institution / Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck – Fachdidaktik, Bereich Geschichte, Sozialkunde, Politische Bildung
Note
Sehr Gut
Schlagworte
Museum Schule Fachdidaktik Lernort Unterricht Exkursion Kompetenz Kompetenzorientiert Geschichtsunterricht

Autor

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Titel: Geschichtsunterricht vor Ort. Warum  Museumsbesuche sinnvoll sind