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Rechtsexpansionen in der gesprochenen Sprache. Eine exemplarische Untersuchung des Phänomens bei Zusatz und Reparatur im Französischen und im Deutschen

Hausarbeit (Hauptseminar) 2014 22 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Expansionen - Ein Phänomen gesprochener Sprache
2.1 Linksversetzung
2.2 Rechtsversetzung

3. Rechtsversetzungen im Französischen und im Deutschen
3.1 Die deutsche Syntax
3.2 Die französische Syntax
3.3 Zusammenfassung - Ein erster Vergleich

4. Untersuchung des französischen und deutschen Diskurses
4.1 Der Zusatz
4.2 Die Reparatur
4.3 Korpus und Vorgehensweise
4.4 Ergebnis der Analyse von Transkriptionsdokumenten

5. Zusammenfassung

6. Literaturverzeichnis
Internetquellen
Links zur Datenbank für Gesprochenes Deutsch - Beispiele Kapitel 4.4

7. Anhang
Transkriptionskonventionen nach GAT

1. Einleitung

Als angehende Lehrerin wird man zunehmend damit konfrontiert, dass es für den Sprachenunterricht wichtig sei, authentisches Sprechen zu fördern und Schüler und Schülerinnen dafür zu sensibilisieren, dass die gesprochene Sprache häufig von der geschrieben Normsprache abweicht. Für Kinder und Jugendliche stellt dies besonders im Fremdsprachenunterricht eine Herausforderung dar. Doch auch in der Erstsprache kann dies vor allem in unteren Klassenstufen zu Schwierigkeiten führen. Denn hier wird zunehmend gelehrt, dass Schülerinnen und Schüler schreiben sollen wie sie sprechen - korrigiert wird im extremsten Fall nichts mehr. Nicht nur Dialektsprecher haben es so später besonders schwer, sich die Normsprache für die Schrift anzueignen. (vgl. Hackenbroch 2013:o.S.) Aus diesem Grund besteht ein großes Interesse daran, sich mit den Abweichungen zwischen gesprochener und geschriebener Sprache vertraut zu machen, um in der Schule die nötige Kompetenz zu besitzen, Schülerinnen und Schüler hierfür zu sensibilisieren. Der Gegenstand ist bei Weitem nicht neu; im Duden ist der gesprochenen Sprache ein eigenes Kapitel gewidmet (vgl. Bibliographisches Institut GmbH 2013:o.S.), Peter Auer ist ein viel zitierter Autor im Bereich der On line Syntax und Peter Koch und Wulf Oesterreicher haben sich durch ihr Modell für Nähe- und Distanzsprache sowie insbesondere durch ihre Gesprochene Sprache-Forschung in der Romanistik einen Namen gemacht.

Diese Arbeit hat zum Ziel, zu überprüfen, ob das als „universales Merkmal“ (Koch und Oesterreicher 2011:80-99) bezeichnete Phänomen der Rechtsexpansion sowohl im Französischen, als auch im Deutschen existiert. Hierzu werden die Typen Reparatur und Zusatz näher untersucht. Zunächst auf theoretischer Grundlage (der Grammatik beider Sprachen) und anschließend in einer praktischen Analyse (durch die Arbeit an Transkiptionsdokumenten) soll die These, dass Rechtsexpansionen in beiden Sprachen rezent sind, bestätigt oder verworfen werden. Eine Bestätigung hätte den Vorteil für den Fremdsprachenunterricht, durch den Transfer auf die Erstsprache einen Zugang zur gesprochenen französischen Sprache herstellen zu können. Umgekehrt würde es die Möglichkeit für den Deutschunterricht eröffnen, fächerübergreifend zu arbeiten. Durch einen Vergleich von Transkriptionen oder Aufnahmen mehrerer (ihnen bekannter) Sprachen können Schülerinnen und Schüler mit der Varietät „Gesprochene Sprache“ vertraut gemacht werden. Dies kann sich wiederum positiv auf die schriftliche Normsprache auswirken. Wenn Menschen sich der Unterschiede zwischen dem Standard und der Varietät bewusst sind, können sie besser darauf achten, beides je nach Kontext und somit je nach Angemessenheit der Verwendung voneinander zu trennen1.

2. Expansionen - Ein Phänomen gesprochener Sprache

Die drei Hauptmerkmale gesprochener Sprache definiert Peter Auer in seiner Arbeit zur On line -Syntax. Flüchtigkeit, Irreversibilität und Synchronisierung. Es geht ihm darum, die Zeitlichkeit von mündlicher Sprachproduktion in den Blick zu nehmen, bei der berücksichtigt werden muss, dass Gesagtes flüchtig ist (das heißt, man nimmt aufgrund des begrenzten Speichers des Arbeitsgedächtnisses nur sehr wenige Chunks wahr und verarbeitet dementsprechend nur selektierte (wichtige) Informationen), dass es irreversibel ist („was gesagt ist, ist gesagt“) und dass Rezeption und Produktion nahezu synchron ablaufen (vgl. Auer 2000:43). Dies hat verschiedene Konsequenzen für den Rezipienten und den Produzenten, die in vielen Sprachen ähnlich sind und den Namen universale Merkmale tragen (vgl. Koch/Oesterreicher 2011:41). Die Expansion ist eines dieser Merkmale und hat verschiedene Funktionen; nicht zuletzt die, der erwähnten Zeitlichkeit gesprochener Sprache entgegen zu kommen. Sie ist ursprünglich im Bereich der Syntax einzuordnen (vgl. Koch/ Oesterreicher 2011:84). Man unterscheidet zwischen Rechtsdislokationen und Linksdislokationen (auch Right Detachment und Left Detachment (vgl. Ewert-Kling 2010:o.S.), wobei beides eine pragmatische Konstruktion des Satzes darstellt, bei welcher Elemente in die linke oder rechte Satzklammer verschoben werden.

Nimmt man sich jedoch Auers Beitrag zu den Rechtsversetzungen vor2, ergeben sich begriffliche Besonderheiten, die zu klären sind. In französischen Beiträgen zu universalen Merkmalen gesprochener Sprache, wie beispielsweise von Koch und Oesterreicher, findet man den Begriff der Expansion nicht. Hier wird stets der Terminus Rechtsversetzung verwendet und auch Ewert-Kling untersucht zwar das Phänomen, benennt es jedoch als Left und Right Detachment. Beides ist in dem Sinne zu verstehen, dass nach einem möglichen Satzende beziehungsweise nach einem möglichem Redeabschlusspunkt eine Konstruktion angefügt wird3. Auch Altmann leistete einen Beitrag zum Phänomen der Rechtsversetzung (bei ihm eine sogenannte Herausstellung) und kategorisierte diese nach prosodischen, grammatischen und funktionalen Kriterien. Hier setzt Auers Kritik an, indem er konstatiert, dass sich seine Theorie an der Syntax und somit an vollständigen und normgerechten Sätzen orientiert, wodurch die Zeitlichkeit als Hauptmerkmal gesprochener Sprache nicht ausreichend Beachtung findet. Dem will er selbst gerecht werden, indem er sich nicht an der Syntax, sondern an sogenannten Turns orientiert. Diese sind zu verstehen als gesprächsorganisatorische Einheit oder auch Gesprächsschritte/-Beiträge (vgl. Boettcher 2008:o.S.). Der Grund hierfür ist, dass nicht auf syntaktische Konstituenten Bezug genommen werden muss, sondern auf Abschlusspunkte und Momente möglicher Redeübergabe (Turn- Taking) im laufenden Gespräch. Diese können von Produzenten und Rezipienten durch ständige Projektion und Retraktion erkannt und beeinflusst werden. Um sich damit von Modellen wie Altmanns Kategorisierung zu unterscheiden, benutzt Peter Auer den Begriff der Expansio n, um das Phänomen von Rechts- und Linksversetzungen in Orientierung an der Syntax zu unterscheiden.

In der Forschungsliteratur, speziell in der zur französischen Diskursanalyse, wird der dargelegte begriffliche Unterschied zwischen den Herausstellungen nach Altmann oder Koch/ Oesterreicher und der Expansion für die vorliegende Arbeit nicht beachtet. Er spielt jedoch für die Untersuchung von Transkriptionsdokumenten insofern eine Rolle, als dass sich hierfür, wie Auer es wegen der Zeitlichkeit gesprochener Sprache gefordert hat, an Turns orientiert wird.

Im Folgenden werden die beiden Phänomene Links- und Rechtsversetzung als Unterkategorien der Expansion kurz voneinander abgegrenzt, um anschließend auf die Rechtsexpansionen, welche den Kern dieser Arbeit darstellen, näher einzugehen.

2.1 Linksversetzung

Die Linksversetzung (oder auch Left Detachment sowie Linksdislokation) bezeichnet diejenige syntaktische Konstruktion, bei der ein Element die Nullposition (zur Linken des Vorfelds) besetzt und nicht in die syntaktisch lineare Struktur integriert ist. Dies dient in der Regel der Hervorhebung von Ausdrücken oder bestimmten Elementen eines Satzes (vgl. Eichinger 2004:o.S.). Die Linksversetzung wird definiert als universales Merkmal gesprochener Sprache und tritt somit sowohl in der französischen als auch in der deutschen gesprochenen Sprache in Erscheinung.

Bsp: n besonders GUtes beispiel das warn mal unsere NACHbarn.4 Un bon exemple ce sont nos voisins.5

2.2 Rechtsversetzung

Rechtsversetzungen (Right Detachments oder Rechtsdislokationen) gehören ebenso wie die Linksversetzungen zu den Herausstellungsstrukturen (vgl. Eichinger 2004:o.S.). Dabei wird Sprachmaterial zu syntaktisch bereits abgeschlossenen Strukturen hinzugefügt und die Konstruktion dadurch ausgebaut. Dies bedeutet, dass sich Expansionen immer dort befinden, wo eine Redeübergabe hätte stattfinden können (mögliches Turn-Taking (vgl. Koch/ Oesterreicher 2011:47)). Der Duden unterscheidet bei sogenannten Expansionen zwischen progressiven und regressiven Expansionen (vgl. Bibliographisches Institut GmbH 2013:o.S.). Dabei bezieht er sich auf das 1991 von Peter Auer konzipierte Schaubild:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 Rechtsexpansionen (Auer 1991) (Bibliographisches Institut GmbH 2013:o.S.)

Der Unterschied zwischen beiden Expansionstypen auf syntaktischer Ebene besteht darin, dass progressive Rechtsexpansionen die Vorgängerstruktur fortführen; regressive hingegen modifizieren diese (vgl. Bibliographisches Institut GmbH 2013:o.S.). Auer unterscheidet weiterhin syntagmatische Expansionen, welche in die Vorgängerstruktur eingefügt werden, von paradigmatischen Expansionen, die die Vorgängerstruktur ersetzen. Innerhalb der progressiven Rechtsexpansionen sind parenthetische (nicht morphologisch oder syntaktisch markierte) und konjunktional markierte Strukturen voneinander zu unterscheiden, wobei er eine Kategorie Sonstige für Phänomene vorsieht, welche nicht explizit in einzuordnen sind. Auf Ebene der Prosodie kann man Typen von Expansionen voneinander trennen, indem man sie als prosodisch integriert oder nicht integriert bewertet (vgl. Auer 1991:145). Bei diesen Polen handelt es sich jedoch um ein Kontinuum, was bedeutet, dass eine eindeutige Zuordnung nicht immer möglich ist.

Für Auer ergeben sich nun verschiedene Typen von Rechtsexpansionen: Ausklammerung, Nachtrag, Rechtsexplikation, Reparatur, Zusatz, Konjunkt und Fortsetzung, welche er je nach syntaktischer Integration und prosodischer Auffälligkeit in sein Modell eingeordnet hat6. In dieser Einordnung ergibt sich jedoch das Problem, dass verschiedene Funktionen zusammen genommen werden. Auer selbst erklärt dies damit, dass eine semantisch-funktionale Trennung kontextabhängig sei und es sehr schwer sei, die Typen deshalb in einem allgemeinen Schema im Hinblick auf die Funktion voneinander zu trennen (vgl. Auer 1991:144). Auch der Duden vernachlässigt eine solche Funktionstrennung und nimmt beispielsweise Rechtsexplikationen und Korrekturen funktional zusammen: „Sowohl Rechtsexplikation wie auch Reparaturen dienen der nachträglichen Verdeutlichung, Präzisierung oder Verbesserung.“ (Bibliographisches Institut GmbH 2013:o.S.).

Die Rechtsexplikation stellt jedoch nicht zwangsläufig ein planungsbedingtes Reparaturphänomen dar, sondern ist eine pragmatisch bedingte Konstruktion, die der Sprecher einsetzt, um bestimmte kommunikative Ziele zu erreichen. Sie dient hauptsächlich zur Topic-Markierung der am rechten Rand des Satzes abgesetzten Nominalphrase. Sie kann auch verwendet werden, um das letzte Satzelement zu fokussieren, was der im Duden genannten Verdeutlichung 7 wohl nahe kommt.

Bsp : Ils sont FOUS, ces romains!

Die SPINNEN, die römer !8

In der Untersuchung zum Vorkommen der Rechtsexpansion in der französischen und der deutschen gesprochenen Sprache spielt dies eine untergeordnete Rolle, da im weiteren Verlauf die jeweilige Funktion der Expansion nicht analysiert wird. Dennoch ist es nötig, sich der verschiedenen Möglichkeiten über die Funktion von Expansionen bewusst zu sein - dadurch sind sie leichter erkennbar. Da Auers Modell trotz vereinzelter Kritik9 in vieler Hinsicht überzeugend ist, soll es auch im weiteren Verlauf als Grundlage dienen. In Kapitel 4 wird hierauf zurück gegriffen.

3. Rechtsversetzungen im Französischen und im Deutschen

Da die Rechtsexpansion als universales Merkmal gesprochener Sprache gilt (vgl. Koch/ Oesterreicher 2011:80-99) ist davon auszugehen, dass in den verschiedenen Sprachen gleiche oder ähnliche Voraussetzungen gegeben sind. Dies bedeutet für die Expansion, dass ein kurzer Blick auf die Syntax (in die das Phänomen trotz der Unterscheidung zwischen Satzabschluss und Turnende10 zweifelsfrei einzuordnen ist) nötig ist. Dieser soll die These, für beide Sprachen sei es gleichermaßen möglich, Konstruktionen durch Rechtsversetzungen zu erweitern, bereits stützen.

3.1 Die deutsche Syntax

Ein deutscher Satz hat zur Bedingung, mindestens ein finites Verb, in der Regel jedoch ein Subjekt und ein finites Verb und im vollständig ausgebauten Satz hierzu verschiedene ergänzende Elemente aufzuweisen. Diese können in verschiedene Phrasen (Verbalphrase und Nominalphrase) und im Hinblick auf die Funktion in Satzglieder eingeteilt werden. Die darüberstehende Organisationsform stellen die Satzfelder dar; bestehend aus Vorfeld, Mittelfeld und Nachfeld.

[...]


1 Hier ist darauf hinzuweisen, dass es sich bei der Konzeption von gesprochener und geschriebener Sprache um ein Kontinuum und keine Dichotomie handelt, was bedeutet, dass es nicht immer notwendig ist, klare Grenzen zu ziehen. Schülerinnen und Schülern muss jedoch bewusst sein, dass sich beispielsweise im Bewerbungsanschreiben streng an die Normsprache halten sollten, wohingegen ein persönlicher Brief Einflüsse aus der gesprochenen Sprache zulässt.

2 Gemeint ist der Aufsatz: Vom Ende deutscher Sätze (Auer 1991:140-157).

3 Eine nähere Definition wird in Kapitel 2.2 gegeben.

4 Das Beispiel entstammt dem Beispielkorpus des GAT-Dokuments (Auer, Peter et al. 1998:33).

5 Bei dem Beispiel handelt es sich um eigene Übersetzung.

6 S. Abbildung 1 Rechtsexpansionen (Auer 1991)

7 s. Zitat

8 Die Markierung durch Großschreibung dient hier nicht der Darstellung der Prosodie nach GAT, sondern hebt das Element hervor, welches mit Hilfe der Rechtsexplikation betont wird. Die Beispiele sind für beide Sprachen dem Asterix-Band entnommen und finden sich in zahlreichen Artikeln und Korpora wieder, zum Beispiel: https://www.passeidireto.com/arquivo/2950274/colloquial-french-grammar----rodney-ball/35 (zuletzt geprüft am 26.02.15) oder Dewald (2013): Versetzungsstrukturen im Deutschen.

9 Zu erinnern sei hier an das nicht leicht zu fassende Merkmal prosodischer Integrität, die Vernachlässigung der Funktion und die sehr detaillierten Aufteilung, die es verlangt, Typen eindeutig zuzuordnen, was in der Realität schwer möglich ist, da viele Grenzfälle im Diskurs existieren.

10 s. Kapitel 2.

Details

Seiten
22
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668211612
ISBN (Buch)
9783668211629
Dateigröße
690 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v321660
Note
2,7
Schlagworte
Linguistik gesprochene Sprache Sprachanalyse Transkription Expansion Reparatur Zusatz Nähesprache Romanistik Deutsch Französisch langue parlée Sprachwissenschaft

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